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Full text of "Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift"

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Psychiatrisch-neurologische 
Wochenschrift 



B08TON 

Medical Library 
8 The Fenway. 



Psychiatrisch^Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammdblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
P^hiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 

Interuatlonaleti C'orrespondenzblatt fQr Irreiiftrzte und Mcrveulnste. 

Unter Mitwirkung lahlrsicher hervtnragender ?*achmanner d«M In- und Auitlaiid«« 

herausgegeben von 

Diiditor Dr. K. Alt, Ptaf. Dr. Q. Anton. Prof. Dr. Bleuler, Direktor Dr. van Deventer, 

D<1iMvrl"l* (AHnarkK «rai. ZMA. Uarnnrnhet^ (Holland). 

Prof. Dr. L. Edinger, Pn>r. Dr. A. Guttsiadt, FtoL Dr. E. Mendel, Pirot Dr. Mingassini, 

Fraakiuil a. M Grh Mn) Rxl.. Korlu. Il«rlti.. Kum. 

Dr. P. J. Mttbius, Direktor Dr Mord, Direktor Dr. Olah, Direktor Dr. Ritti, 

LeipiiC Uon» iltrlnimi Bad^pwl. Sl. MaiuHF (Seiaw). 

Rtofeaior Dr. Emst Sdiullse, Direkt >r Dr. Urquhart, Dr. med. et |>liii. W. W^andt^ ■ 

Unter BenQtzung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oherars t^ Dr, JoIl Breder 

= Vierter Jahrgang 1902 1903. = 




Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S- 



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Psychiatrisch 'Neurologische 
Woa|p§atarift. 

Fragen 



Sammelblatt zur Besprechung 
Psychiatrie einschliesslich der 

Internationales Corresp 

Unter Mitwirkutif; zahlreicher 




enwcsens und der praktischen 
r praktischen Nervenheilkunde, 
ärzte und Nervenärzte. 

iinAiincr des In- und Auslandcx 



tier au nbvn VOD 



Dlr*ctor Dr. K. Alt, 

U<-Kui|ici»i;# lAltniHrk. 



Prof. Dr. Q. Anton. 
Dr. F. J. Möbius, 



Prof. Dt. A. QutUUdt, 
Director Dr. ICorel. 

Munt (nrlKiFn). 



Prof Dr. B Mand*l, 



Unter Benützung amtlichen Materials 
redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 



Kranchniu iScblMu^ni. 



Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Tclpgr.- AdfCMA : MarhoM Vi<rla(, II «Hfit*«! <i. Kenuprechcr 1J72. 



Nr. 1. 



."5- 



April. 



1902 



Di« ,,P>)rcht>trlsch-N'furoloiciich« Wochentcbrilt" em'httlnt jeden Sonnabend und kooai pro Quartal 4 Mk. 
H«^trrioncen nehmen jede Kuciihandiung, dir Po«t (Kata]Q( Nr. 6253), Bowi« die Verlafibuchhandlung von Carl Marhold tn Halle a.S, mt(ec<*n. 
Inarraie werden für die jspalbfe Fetitzeile roi^ AP Pff* berechnet. Bei Wiederbotunc tritt ErniäMi(unc e«n. 
Ziarhrifien fUr die Redanion sind an ObrrarM vr. X- ÄmM*/. Kratcbnili (SrhinirnU zu richten 



Inhalt. Orißin.ile: Akailpmiwhps Juhilüum Afs Hofr.ilhcs Freilicrrn von Kr.-»flft-Ebing (S 1). — Wichti(^ Entschei<tuaBcn 
auf dem Gebiete der gerichtlichen Psychiatric. VoD Dr. Einst Schull/e, Andernach (S. 2). — Miltheilungen (S. 8). — 
Keferale (S. to). — Bibliographie (S. 12). — Prrsoaalnachrichteo (S. 12). 



Akademisches Jubiläum des Hofrathes Freiherm von Krafft- Ebing. 



A in 12. M;lr/. fand in W i< i 
^ ^ II. psychiatrischen Kli- 
nik eine Feier zu Elircn 
des Herrn Hofrathes Froilii-rrn 
V. K ra ff t-El> ing statt. .\iiliis.< 
derselljen war der Umstand, dass 
ilerselbe das 30. Jahr seiner 
Wirksamkeit als akademischer 
I-phrer vollendet Itattc. Die 
Feier <;eslaitcte si< h /u einer 
ebenso ehrenden wie herzli« hei» 
Kundgebung; der incdiciniM'hcn 
Kicise Wiens für den );cnamiten 
(ielehrlen, der mit Sihluss des 
Wintcrscincsteni aus dem Lchr- 
anitc scheidet. 

In dem mit Blumen iciih 
derorirten Hörsaale hallen sich 
zur Feier tics Tages zahlreiche 
Collcgen und Schüler des Ge- 
feierten eingefunden, aussc-r<lcm 
als Vertreter des Unten ithts- 
ministeriuim Scctioiisratl» Dr. 



I im Hörsaale der 



Kelle, als 




Vcrlreler der Wiener inediciniscl»en 
FacultiU deren Decan Pro- 
fessor Kolisko und für die 
deutsche metlicinisdie Facuitüt 
in Prag Professor Dr. .\riiold 
Pick, für die Gesclls< haft der 
.■\crztc in Wien deren PrlLsidcnt 
Ihifrath Grobak, für den ser- 
bischen Aerzteverein , dessen 
F.hrcnmitgliccI v. KrTifft- Ebing ist, 
Dr. .Siibo tic etc. etc. 

.■\!s erster Retiner ergriff «ler 
engere Fach-Collega des Gefeier- 
ton. Prof. Wagner v. Jaurcgg 
das Wort um! schilderte in iHiigc- 
rer Rc<lc *) den F.iitwii klungs- 
gang V. Kiiiffi-Kbings und tU-s.'icn 
literarische und didaktische Ver- 
dienste. 

Hierauf ergriff im Namen 
des Vereines für Psychiatrie uml 

kliii. Wochen- 



•) Siehe WKner 
Mrhrift Ko. 88. 



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2 



[Nr. I, 



Neurologie, dessen rrüsidium v. Krafft-Fliinjr durch 
lo Jalvre innegehabt hatte, Professor Oberiteincr 
das Wort und aberreichte dem Jubilar eine Featsrhrift 
des Vereines mit sabireichen Beitrügen von seinen 
Siliülcm und Frcinnli ii, il.iruiiter vi.m seinen Siudien- 
cdlcgcn I'n>fessor Erb uuU i*rofessor Schiijle. 

Hierauf eingriff der älteste Asastent der Klinik, 
Docent Dr. v. Sölder das Wort und wOmchte dem 
Meister CilQck für den heuten Tag sowie für die 
Zukunft 

Danach bcgUl< kwOnscbten den Jubilar Decan Pnt> 
fesaor Kolisko Namens der Wiener medieiniM lu-n 

Fa'iiltnt, Il'.fntth ri'.rnbnl: Namrn« !l»-r (jeseil-M,-liaft 
der Actzte, rriinanir/t Dr. I< edle rsbatlier für die 
Direction des allgetneinen Krankenlianses , Hofiath 
Nothnagel im Namen der (»csellsihaft für innere 
Medicin, Regierungsrath Svctiin Namens <lcr pnik- 
ttöclien Acr/te, Professur A. Pick Nainciis der l'ra^er 
medidnisdtett Facultflt und Dr. Subotic Namens 
dc^> Serbist hcn Acrztevcrcins, 

Auf »liesc Kundgebungen erwiderte Hofnitli 
V. K rafft- Ebing fo^eJiUc*: „Ich siehe verwirrt, bc- 
schflrat vor Ihnen und weiss nicht, wie ich es an- 
faiigen soÜi Ihnen allen au danken. Ich habe nie 



darüber nachgedacht, was ich eigentlich werlh bin. 
Ich habe nur immer gestrebt, mir die Achtung meiner 
Mitmenschen an erwerben und die Freundschaft 
meiner CoUegen, und es scheint mir dies gelungen 
zu sein. Für die Psycliiatrie kann Niemand etwas 
Gn««es leisten; das ist eine Wissenschaft, die in 
einem MensdienkiM» kaum erfasst und eigrOndet 
werden kann. Bs ist mOglich, dass ich einige Bau- 
steine für ilen B.iu der Psycliialrie der Zukunft bci- 
gelragen habe, und hoffe, dass zahlreiche äcliOlcr 
durch eintache klinische, nnermddliche^ voiauasetxungs« 
io<^c Beobachtungen die Wissenschaft fardem und so 
mein AiiiltMil;?ni ehmi wm!*"!»." Hifranf gab Pro- 
fessur V. Krafft-Ebing eine Schiideruikg seines Lebens- 
lai^BS, <Ne auch hinsichtlich des von ihm in der Psy- 
chiatric Erstrebten und Erreichten hOcbst interessant 
war. Damit >' LIi'iss die Feier. 

Für den AL»end war vom Vereine für l's) cliialric 
und Neurokigie ein Pestmahl xu Ehren des Jubilars 
veranstaltet wonlen, das bei xahlreichetn Besuche 
sehr animirt verlief untl bei dem auch die zahlreichen, 
aus Nah und Ferne eingelangten brieflichen und 
tdegrapytchen GlQckwOnarhe veriefien wurden. 



Wichtige Entsdieidungen auf d«m Qebiete der gerichtlicheii Psychiatrie. 

Ans der juristlsdien Fachlitteratur des Jahres iqot 
VM Dr. £nut Sekuttte, ADdenMCh. 



I. StrafiKesetzbiloh. 

f 51- 

y^ie Vertheidigung hatte mit Rflcksicht auf die Art 

ihrer Abweisung in den Ents< heidung.sgrundeu 
das austlrückliche Eingehen ;iuriii' Ft iL;e rnithwcndig 
gemaciit, ob die Angeklagte das Hcwusriij,cin von der 
ehrenktflnkenden und herabwürdigenden Natur ihrer 
gegen den Königlichen Landrath und den Freiherrn 
V. F. erhobenen üblen Nachreden gehabt habe. Das 
Urtiieil sagt zwar, die Angeklagte habe das Gut D. 
gaiUE selbständig und mit gfosiser Sachkunde verwaltet, 
welche .\ufgabe eine Frau von ,,ini .Mlgenieinen" aiu h 
mir wr-vf-nil:. ), vormindetter Zurci hnuni^sfaliigkeil ni- l:t 
hatte erlUlien künncn, und spiicht der Angeklagien 
auaseiordentlich gutes Erinncningsvermfigen zu. Allein 
dies Alles hat mit tlem erwähnten Uewusstsein. das 
ein Erkennungsx errni Igen in ganz anderer ntul beson- 
derer Richtung voraussetzt, nichu m thun. Dagegen 
ist bei der Stiafsumessung erwogen, dass die Ange- 
klagte häufiger starken Aufregungen und nen'Asen 



Ueberr^-i/iinpen untenvorf^ni i\r.<l von schweren Kninl- 
heiten heimgesucht w<irdett sei, die nicht oline Eintlu&s 
auf ihr GemOthsleben bleiben konnten. Hierauf wird 
dieFesLstellung gegründet, „dass in dieser Beschniitkung 
sog;jr itn .MIgenieinen eine i{emin<lerte Zurechnungs- 
fähigkeit" aiigenoiDJuen werden könne Es ist unklar, 
was die Strafkammer hierunter versteht, insbesondere 
web he Hesihrünkung sie annimmt und weU he .Seile 
der ZurcM hnungsf.'lhigkeit sie für f;en)inderl hrdt. Dies 
ist ein Mangel, der gleichfalls zur Aufliebung de« 
Urthtäls führt; denn es ist nicht ausgeschlossen und 
mit diesen Entsi iieidungsi^rütulen wohl vcrcinh.ir, d.iss 
das überreizte ( iemüthsieix-n gerade die klare Finsicht 
m die beleidigende Natur ihrer Aeusserungen getrübt 
und dass die Minderung ihrer Zurechnungsläli^^t 
genide in der F.inseiti>:keit ihres ( iedankenkreises 
bestan<len hat, vermöge deren sie die Nebenwirkungen 
der Vcifolgui»g einer tixen Idee, liier die beleidigende 
Natur ihrer Verfolgun(^hät%keit, ganz übersehen oder 
nicht erkannt hat. Eine solche fixe Idee steih das 



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1902.] 



3 



l'rtheil fe»L Die Angeklagie hctracülei sich, weil oin 
Ccndann, den sie zur Eimchrdtui^ gegen Wilderer 
veninlsisst zu liaUcn glaubt» Vdr einem Wilderer er- 
schossen worden ist, als die rr<tir h< der „Krsrliiessunj;" 
und halt es für ilirc Plliclu, nu in eher zu ruhen, bis 
der „MArder" entdeckt ist Sie nimmt an, diu» Frei- 
herr V. V. dabei hetlieilif;! gewesen sei, unil diese 
Bezichtigung ist im Wesentlichen »In (Ii t;< h-t nul <lcr 
beleidigenden Briefe an ilni, seine Frau und andere 
Personen; die Beteidigungen des Kdniglidien Land<- 
rathes stehen damit in innerem Zusammenhange. Da 
die UrÜietlsgrUndc tiic Behauptung der Angeklagten 
fOr glaubwürdig erklaren, das>s sie fortdauernd ihrer 
Pflicht gemflBs von dem Motive beseelt gewesen sei, 
zur Aufklärung' der folgens« luvercn thniklen Thal nach 
Kräften beizutragen, sei scheint die Strafkammer zu- 
zugeben, da» auch die fraglichen Briefe diesen Zweck 
verfolgten. Verfolgle sie nun diesen Zweck bei „Im 
Allgemeinen geminderter Zurechnungsfahigkeil", sc< 
bestand umsumehr AnJass, zu untersuchen und fest- 
zustellen, ob davon nklitdu Bewosstsein der beleidigen- 
den (febenwiritung berohrt und ausgeschlossen war, 
als die VVrtheidiguiig d' i Nni^cVliigten, sie wi.sse ni< lit, 
was sie geschrieben "der ges^tgt habe, da sie zur Zeit 
krank war (laut Sit/ung>>|}rotokoll), oirenbar dieses 
Bewusstseiu wie jedes andere — ausdrOcklich 
bcütritlen hatte. Statt dessen spricht das I.Trtheil nur 
davon, iiass die Beleidigten die betreifenden Aeuüse- 
Hingen 'als Angriffe auf ihre Ehre empfunden haben, 
tmd diLss die .\itgeklagte die Pflicht erkennen musste, 
<lie Ehre ihrer Mitir^ riv. 'k n nicht frcvehtlii h in^utiisten. 
Diisi^ hiermit luciit gesagt ist, sie habe bcwusst gegen 
diese Pflicht gehandelt, liegt zu Tage. 

Unheil des I. Sen. vom 10. Juni tooi. 1872. 
1901. J. W.*) pag. 601. 

* ''5 .V 

Der vun dem V'(.>rinundc in c^^ciieni Namen und 
nicht in Vertretung des Entmflndigten gestellte Straf- 
antrag ist unwirksam, wenn iler lievormimdete be- 
s( hr.'inkt gesch.'iftsfrihig, al>>> ni< lit wegen ricisles- 
kruiikheit, sundeni nur wegen GeistesütchwäUie oder 
aus andern GrOnden enUnttndigt ist FOr die Be- 
uriheilung der Geschaftsfäh|gkeil ist der EntmOndigunj^ 
bcscl'.l'i'^s maas.sgehend. 

Urtheii des IV. Sei», vnin 18. Januar 190I. 

J. W. pag. 433. 

8 »75- 

„Unzucht" ist nicht denkbar, ohne dass wenigstens 

rtn Tdcil in wutlüstig-T .M'sicht handel* Dapf^Jf" 
brauciit tiioc nicht II ih,vt ;i(lig auch bei dem audcrn 

•) Jurist ixche W<jcheo»chrift. 



vurzuhegcu. Es genügt, dass dieser au< h .semcrseits 
bewusster- oder gewolltennaaaen zu der beischlafs- 

.Ihnlichen Handlung mitwirkt, sie insoweit selbst vor- 
nimnit oder tluldft. inrd /\v:\t in Kcnritni«;s 
davon, dass der .\ndcre dabei m der Absicht der h.r- 
r^tmg oder Befriedjgtmg seines Geschlechtstriebes 
handelt. 

l'rtheil de« II. Scn. vom 20. Marz 1901. (>,^2. 
Htoi. }. W. pag. 43O. 

Die .\i ^'1 I tgtc hatte als Oberin des Kranken- 
hauses die An<)rdnung<Mi des «iirigircnden .\rztes Dr. 
B. zu befolgen. Dabei war es ihre Beruf.spflicht, mit 
der ihr mOg^'hen durch die UaistSnde gebotenen Sorg* 
falt im Einzelfalle zu prüfen, ob die Voraussetzungen 
Vorlagen, für wek he die von ihm im v< iraus erlassenen 
allgemeinen Anoidnungen gctrull'cu uaren, und zu 
erwägen, dass derartige Anordnungen alle denkbaren 
Besonderheiten eines jeden einzelnen Ealles nicht er- 
schö|)fcn können. Gelangte sie bei ihrer soigsamen 
Prüfung zu der Ansicht, dass die VoradsseUxongen 
einer allgemeinen Anordnung gegeben waren, 

so hatte .sie dieser einfac h Folge zu h iitoii. Sie 
würde pflichtwidrig gehandelt haben, wenn sie selb- 
ständig von der Vrnschrift abgewichen wSie, weil sie 
etwa nadt ihrem eigenen Ermessen eine andere Maaas- 

n;i?.tnr- für geljoten crar htet hütte. .Sie war nicht 
t>eie( ht%t, ihre eigene Aiuüclit höher zu stellen, als 
die des Kf ankenhausarzles ; sie war nicht verpflichtet, 
ihm (".cgeii Vorstellungen zu machen. Gewann sie aber 
bei ihrer Prüfung die Meinung, es «ei sin« ;i?trs> l;einli( h 
oder docli ungewiss, ob die tliatsiichlichcn Voraus- 
setzungen der allgemeinen Anordnung vorlagen, so 
hatte sie, weil es fUr solche zweifelhaften Falle an 
einer zutrcfTi niii :i Ain>rtlnung fehlte, je na< !i ilcii 
Umstanden entweder die Bestimmung des Arztes ein- 
zuholen oder selbst' wenigstens vodaufig, Bestimmung 
zu treffen. In diesem Sinne ist der Satz des ange- 
ftH htencn Unheils zu verstehen oder nur als richtig 
atizuerkenneti : „Eine Oberin, die, wie die Angeklagte, 
bereits 16 Jahre in ihrem Berufe ist, hat nicht willen- 
los und blindlings die von dem .\rzt getroffenen 
.Anordnungen auszuführen, sondern sie hat nach ihrem 
pfUchtiuUi>sigcn i:jiucä«en zu prüfen, ub dieselben an- 
gebracht erscheinen oder nicht." Die Angeklagte hat 
in Beziehung auf K., nachdem sie in dem Aufnahme» 
schein als Grund der Aufn iliir^e H <s delirium tremens 
gelesen hatte, diejenigen .\nwcisimgen einfach befo^t. 
wdclie der Kiankenhausarzt für den PaH der Ein- 
jii fcrung eines an delirium tremens leidenden Kranken 
allgemein crlheilt luittfi: sie hat K, ohne Benarh- 
richtigung des Arztes in die Tobzclle bringen und 



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4 



[Nr. I. 



hier ohne fiewachiuig bis. zu dem t^lichen Kranken- 
besuche des Ancte» veiUttbea haaea. Das Urdieil 
giebt keine GrOnde ao, weshalb die Angeklagte bei 

gehöriger F.nv.'ifriinL'. <twn wr-^en d<s Grades der 
Erkrüiikung, hätte crketinen müssen, ühss der vor- 
liegende Fall ein solcher so, wdcher unter die »iU 
i;>emeine Anweisung nicht uder vielleicht nicht falle. 
Sic hat narli Eidsiclit des keine Andeutung über eine 
andere vurherj^cheiiUe oder fortdauernde Erkrankung 
enthaltenden Aufnahmescheines des Santtatsraths Dr. 
C. und nach Ernjifang <ler Anzeige (iber die grosse 
Unruhe des Kranken erkliirt, die Angelu)iigen h.ttK-ti 
die Uuwatirheit belrefls der Krankheit gcaagl; es iüt 
nidtt fflr wideriegt eiaehtet. dass sie bei ihrer Maiiss- 
Dahme die Angaben des Scht)cs inul der 'r«» hier iles K, 
Ober die Ri|)j)enfellenlziindung ihres Vaters für unwalir 
gehalten hat ; es ii>t nicitt fe»lge»teUt, dass und wcsitalb 
dieser ihr Gbube etwa ein fahrlässig verschuldeter 
war. X.i' fi den L'rtlieilsgründen „mu>ste sich die 
Angeklagte bei ihrer l.ingjahrigt ii 'I I ;iiijl:('i( Nagen, 
dass das Verbringen due» üukhen Kranken ohne jede 
intUche Uateinichung und ohne jegliche Be«-achung 
in die ihr wohlbekannte Tob/eile sehr wdil gi-eignet 
war, ;in dem Kranken <lerartige schwere \'eiletziiiigen. 
wie bei K. geschelien, herbeizuführen." AnsdicinenU 
ist gemeint, die Angeklagte habe die Untctsuchung 
vcranla!»en müssen, cL^mit der .\r/.t über <l!i.- Kiu- 
schliessung in der Tub/elle und die dabei eir)/ulialien- 
den Maas.sregcln entscheide. Aber weshalb sie die» 
bitte thun müssen, obgleich der Arzt allgemein seine 
zuvorige Benachrichtigung als unni'ithig be/eic!n)et halte, 
ist nicht gesagt und aus den Worten „eines .soli.hen 
Kranken" nidtt xu entnehmen. Dass eine Bewachung 
die Selbstverietzungen unmiJglicb gcmadit haben warde, 
Lst festgestellt. Aber wenn auch die Tubzelle niil 
ihren vier nackten Wänden und ihrer eisenbeschlagenen 
Tlittr den TobaOcfal%en Mangelt Bewachung Gelegen- 
beit SU Selbstverietzungen gab, so war doch dieser 
Umstand für den i\rzt nirht ausreii hend ::e\vr s>'ii. 
Stets eine Bewachung diu^in anzuordnen. Es fehlt im 
Unheil an der Angabe ebes Grundes, weshalb die 
Angeklagte, welche sich die Gefährdung des Kranken 
beim Unterbiciberr einer Bewachung klar üi.ti livn 
mu^te, berechtigt luid verpflichtet war, der Bcstiionmng 
des Afztesi wdcher eben diese den Kranken gefilbr- 
dende Bdiandlungsweise vorgeschrieben hntte, nicht 
Folge zu leisten. 

Urtheil des III. Sen. voiu lo. I>czem)>er igoo. 
420a 190a J. W. pag. 278. 

n. Stanifk>roo6««ordnQ]ig. 

Der Mangel einer genügenden Vorstellung voo 



dem \\'cscn und der Bedeutung des Eides, welcher 
nach Aeser Vorschrift die Uoterlassiing der Beeidigung 
rechtfertigt. muM auf mangelnder Verstandeareife oder 

auf Vers(ande«i'?"!v.vn' hr t.rritlien VÄpf .Xusilchinmg 
auf andere Gründe i.st unstatthaft Verltindert Trunken- 
heit den Zeugen, die Auasage wahrheilsgetreu und im 
Bcwusstsein der mit der Eidesleistung zu Obemehaten- 
deii V'erantworlliclikeil zu niac h<-ti. hat das Gericht 
die Vcrndituiuig und Beeidigung bis zur Hebung 
des Hindernisses zu verschieben, also in einen spateren 
Abs( hnitt der niVthigenfalls zu unierbrechenden Haupt- 
verhandluitg zu verlegen oder AusKtzung der Ver- 
handlung anzuordnen. 

Urtheil des ID. Sen. vom 10. Juni 1901. 1925. 
1901. J. W. pag. 687. 

S.S .''''^ 

Die Vernehmung eim:s ( >eistcskrdukcn als Zeugen 
ist zulässig und in § 56 Str. P. O. vrtrgesehen, indem 
der daselbst Nr. 1 gel>raii<hte Ausdruck Verstandes- 

srhw.'ii he die Gcisteskrankhf'it mit unifasst. 

Urtheil des II. Scn. vom y. Uktober igoc». 3479. 
tcioo. J, W. pag. 483. 

* 7-'- 

nie Revision rügt, die \'ernehn)ung des Dr. S. 
habe in unzulässiger Weise, unter Verletzung der 
Mflndlichkeit des Verfahrens, stattgefunden. Dieser 
Sarli\i-ist;iti<lige sei fast i.tiil), so ila.ss er nici)t im 
.Stande sei. die an ihn gerichteten Fragen zu verstehen ; 
er habe sich in der öflentliclien Sitzung einer Mittels- 
penton, des P. bedient, der die vom Vorsitzenden an 
jenen gerii liteti.n Kragen rast h zu l'a(>ier gebr.iclil 
und iliin \or Augen gehalten habe, worauf die Ant- 
wort erfolgte P. aber sei nicht als Dolmetscher 
verekl^ und nur stillschweigend geduldet worden. 

Nach amtliciier Auskunft des V^orsii/enden ist Dr. S. 
schwcihorig; „er lasst sich", sagt der VursiUeende, 
„die an ihn gestdlten Fragen, um jedem Missveistand- 
nisae vorzubengen, durch eine Mittelsperson auf» 

■i: li'eil)en. Da ich :ms ih^n .\n!wi iv^n des Sachver- 
ständigen ersah, dass er meine Fragen stet« ridilig aiif- 
gefasst hatte, habe ich diese Art der Verständigung 
fOr zuUissig erachtet" Obgleidi diese ErklBnittg nicht 
einer Beurkundung im Sitzmigsprotokolt gleichkommt, 
kann »ic doch, als zu Gunsten der Revision lautend 
nicht unberflcksichtigt bleilten. Das darin zugegebene 
\'erfa!ircn ers( licint in hohem Grade bcilcnklich, zu- 
m.il, da ei> scheint, dass es, wie die Revision cin- 
flicssen Uisst, liei Vcniehmuligeii des genannten Sach- 
verstandigen sogar stets eingehalten zu werden pflegt 
Von einer Vt-rpHi* htung. überhaupt von den pers<in- 
lichen F,igens<;hafl<':i dv.i jt-ssfi'im-n Mittels] htsdm ist 
in der Erkürung keine Kede. Doch kann eine Ver- 



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IV02 J 

l<?tziing des OiuiKkjit/c- tler Mündlichkeit oder einer 
besttiomleik VurschtiU dei Str. P. O. nicht in dem, 
«as der Vonilzende nigiebt, gefunden weiden. Denn 
hternacil wurden von ihm die Knigcn mündlirh gestellt 
und (V'fsc von ih m SachverslUntligen mündlich be- 
antwortet Und wenn der Vorsitzende, »ie er be- 
hauptet, lidi flberzengte. dass der Sachverständige 
die Fragen richtig aufgefasst habe, .v mu&s an- 
genommen wotdt ii, <]:i.vs tUese .\ntworten jeden Zweifel 
liierüber ausgeschiosscn Itabeo. Da der Sachvcr- 
sifindige nicht taub war, war die Zuziehung eines 
Dolmctscliers nicht geboten und hatte eine Helclinnig 
'xler V'ereicligung der .Ntiti' lspcr»i>n, deren sich iiiclit 
der Vorsitzende, 2>oudcni der Sach verständige, tun 
jedem Mteventibidniaae vorzubeugen, bediente, nicht 
stattzufinden. Sa< hc der I'rocesitleilung w;irc es 
gewr-^en. ciTtc .Ii 'if Eiiiniisclrnng eines Unbcriik'nen 
zurückzuweisen ; aber da die Unterlassung nicitt be* 
anstandet wurde, konnte die Revision keinen Erfolg 
haben. Deim dass die SchwerhOrigk" r i!< >ai !ivcr- 
siruuligen ihti liiniJcitc, die Einlassung des Angcklagteti, 
die Aussagen der Zeugen, die Ausfulxungcn ilvs ötaats- 
anwaltei und Vertheidigers zu hnren, ist nicht vt" 
«chllich; im gegebenen Falle waren Zeugen üi^crliaupt 
nicht venntmuir»» . unti iler VertJicidiger hat nicht 
behauptet, den Versuch geiuachl zu haben, direkte 
Fr<ig«n 'an den Sachwrständigen zu stellen; seine 
hierauf bezüglichen Hcnicrkungcn in der Kevisions- 
^' lirift darum nidit geeignet, den einzigcii ( '.ri ii Iits- 
bcs< hluss, der in der llauptverliandlung etlassen worden 
ist, nainlich die Abidinung des Antrags auf Ver- 
ndtmuQg eines anderen s.i> hvcrüiäMcllgcn ab auf einer 

Gcsetzcsverlet/.ung beruhend, nachzuweisen. 

Urtitcil dt» 1. Sen. von» II. Marz lyüi. 400. 
1901. J. W. pag. 4p6. 

79- 

Dem Revidenten ist zuzugclien, dass tiie Str. P < *. 
eine Beeidigung von SathversUind^en nur in ver- 
spiechcnder Fonn kennt. Wenn aber im voriieirenden 
Falle der Zeuge S. bald nach Beginn seiner \ ri- 
nehmung imhI ri .i lult m sich herausgestellt hatte, dass 
seine Aussage zum l heile die eine'» »achversiilndigcn 
Zeugen wurde oder in einzelnen Punkten sich zu 
einem (iulachten gcstali< tc. „den gcsetzliclu ii Sach- 
xerst.'Sndigeneid geleistet hat" und dann des Weiteren 
vernommen ist, si> lasst Meli dem niclit cutneJunon, 
dass er nicht Alles, wofttr seine Eigenschaft als Sach« 
«entändiger in Betracht kam, na< h seiner Eidesleistung 
ausgesagt tint. Die WiiKlergabr seiner Aussage im 
.Silzungsprotokollc i*l für deren Inhalt nicht beweisend, 
da dieses zu ihrer Beurkundm^ nicht bestimmt ist 
Ii 2ji der Str. P. O.). Halt man sich aber an den 



5 



Wortlaut des .Sitziuigsprotokollts, so hat der Sach- 
verständige nach seiner Beeidigung erklärt, dass er 
Alles, was er gntaditlkh ausgesagt habe, auf diesen 
Eid nehme, und damit der Sache nadl dieses meder- 
holt, sodass ' V ihirch den Saf hN'ersIMndii'rnrirl pcdfi k» 
iaU Im Ucbngen ist im Allgemeinen der von S. vor 
seiner Vernehmung geleistete Zeugeneid auch lor 
eiillichen ßestürkiing einzelner in der Aussage en(> 
hallencr Urtlieilc und guta< hllicher Af t:^«ir rTinL:nn gc»- 
cignet ^vcrgl. EntM:h. des K. G. Bd. 3, .S. icxj). 

Unheil des III. Scn. vom 7. Januar iqoo. 4815. 
190011 J, W. pag. 497. 

III. BürgerlioheB Geaetibnoh. 

$ Ii. Z. 1. 

Die Voraussetzungen der zur Entmündigung führen- 
den Geislesschw.'U hc sintI bei liemjeiu'grn gegrben, 
der infolge seines geistigen Defektes sich in intellek- 
tueller und ethischer Hinsicht ungefähr auf der Ent> 
wi( kelungs>tufe eines Minderiilluigen, dei «las -. I.elx iis- 
jahr Überschritten hat, bchmlet. Der (leisK ssthwat he 
daif nicht beföhigt sein, seine Angelegenheiten im 
allgem einen selbständig zu besoigen, nms6 aber im 
Stande sein, unter der s< hützenden Aufsicht eines 
Vunnundes bei Botftiguiig dieser Angelegenheiten mit» 
»nrirken. 

(0.-L.-G. Karlsruhe, 30. Mai 1901.) 

D. R,*) Entscheidungen Nr. 146a, 

i ft. Z. I. 

Unfilhigkcil zur B< >otj,'iing e i n z c I n e r Angelegen« 
heiten rct litlertigt nicht die Entmündigungp 
{R. G. 29. Oktober 1900}. 

D. R. Entscheidung Nr. 2305. 

. .4 6. Z. I. 
Auch wenn sich die geistige Erkranktmg in den 

Können des Quernlanlcnwahnsimis zeigt, kann eirie 
Entmündigung nur eintreten, wenn die Wahnideen 
die Person in allen ihren Ld>em^tlt<uigungcn erfassi 
haben, sie nach allen Richtungen in der Art be» 

herrsi hon, dass eine allgemeine geistige Erkrankung als 
vorlianden angeschen werden muüs. 
(0.-L.-G. Hambuiig, i. Apri! igoi.) 

D. R. Entscheidungen Nr. 1462. 

ü 6. Z. I, jl. 104. 

Ein (Geisteskranker kann geschäftsfähig sein. 

Der Beklagte •>-( t; h '1 fl'-n> Gutachten erlieblich 
psychisch krank. Die I hatsaclie, dass jemand geistes- 
krank ist, ist fOr sich allein weder fQr die Frage, ob 
der Kranke entmündigt «-erden kann, noch f&r die 

*) Das Recht. 



FSYCHIATRISCH>NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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6 



Frage, ob er am h ohne Entmündigung für geschäfts- 
fähig /u erachten ist, irgendwie eutscheidend. 

VergL äs 6 ZilT. i, 104 B, G. B. 

(0.-L.-G. Karbrahe, 2. Mai ttfot.) 

D, R, Ent6ch«idungeD Nr. 1461. 

Zu S( 6. aowi« Art 155 £• G. z. B. G. B. 

1. Ji 0 B. G. n. euthillt gegenüber dem Pa 1w hp« 
Landrechl88at2 489 eine Aenderung, da er ^wiM Uen 
GeBteattOrung und Gdcteaschwache onterecheidet. 

In beiden Richtungen wird ein geistig«' Defekt 

initf-rsV lIl : GetilrsstiVrinig uml Geistrs^'-h\rn. tic tintrr- 
hchciden sich nur dem Grailc nai h und dadun li, diiss 
in dem änm Falle der t^olsti;^ Erkrankte seine An- 
gelegenheiten abs<j|ut nicht zli besorgen vcrtnag, 
wahrend ihm im aiuh-reii Falle nur ilic Fälligkeit zur 
selbständigen B es urgung, nicht diejenige zur Mit- 
wnrkutig dabei fehlt. Hiemach ist bei einem geistigen 
Def^l, der nadt dem ftidischen Landrcniit zu einer 
Entmündigung führen könnte, na- l? <\'^ni »raeii K« ■ Ii? 
zu prüfen, ub er Geisteskrankheit oder als (jeistes- 
cchwftche anzutehen sei 

2. Aus der Natur de^ Anfcrhtungsverfahren» he» 
zügUth der Entmüiuligung ist nirlit ili«- Folgerung zu 
ziehen, dtiaA nur d«!» zut Zeit de» EnluiüJidigui)g.s- 
beschltuses geltende Redit zur Anwendung kommen 
dürfe. 

Vielnirhr itl'!<4>? sich d;ir;iu>, ilass e-. ^i li dabei 
um ein Statusre« ht handeli, su\*ie aus An. 155 des 
E. G. zum B. G. B., dass auch in dem Anfechtiings- 
verfahrci». d;vs sii Ii auf eine v. ir dem 1. (an. iq< k> 
besi 1.1 nr F.i tnntiKliinmn bezieht, das neue materielle 
Roi iu zur Anwondutig kommt. Dass ein Antrag auf 
EntmOndigong wegen Geistesschwache im Sinne des 
B. G. ü. vorliegt, ist iti dieser Hezi<-hung nicht cr- 
forderlit li ; denn die Gerichte sind bei der Ent- 
scheidung über den Grad der Entmündigung an den 
Inhalt des Antrages nicht gebundeiB. 

l'rtheil des R. G. vom .'O. N<ivi)r. iQoo i S. 
Rcp. II Nr. J60/1.0. (Ebenso Entscheid, des V. C. 
S. des R. G. in einem Urtheile vom 29. X, 191x5). 

D. R. Eniacheidtmg Nr. i. 

I 6. 2. 2. 

Die Entmündigung kann stattfinden, wenn der zu 
EntroOndigende ai;bcit-ss« heu ist um! erheblich mehr 
als i\k jalirlichen £inkQn(te seine» Vermögens ver« 

braucliL 

(0.*L.<G. Rostock, 1. Oktober iqoo). 

O. R. Entscheidimgen Nr 1309. 

S 6. Z. 2. 

Veischwendimg Ali aidi genommen ist der Kajig 



[Nr. I. 

einer Person zu sinnloser, ihren Vcrm<'>gcns\ erhaltnissen 
nicht entsjjrcchender Vcrgeudimg des Vermögens. 

(R. G. IV. 20. Mai 1901). 

D. R. Entscheidungen Nr. 1690. 
'v 7. V S igoö. 

Während des Eutmündigungsverfalircns wegen Ver- 
schweaduog kann das Vonmmdtdiaftsgcricht gemäss 
§ 1906 den so Entmtkndiigenden unter vorläufige Vor» 
niiitid^i haft st»-llen. nii''<e etidiLTt unter den in 5' taoS 
aufgeführten V\»rausi>et/ungcn und schafft nur einen 
voiObergdienden ZnlUmi, der erst durch den Hin- 
zutritt der EntmOiu%ung sich in einen eoc^flttigen 
verwandelt. 

\L.-G. Kaiserslautern, 23. Septetaber 190(1^. 

D. R. Entadiddung Nr. 244. 

i! (■). .\. 2. 

Erkenntni.ss fv ichsgerichts C. .S. i. S. v. d. 
Lulie c. V. ( )ertzen vom 2u. Mai 1901, Nr. 92/igoi IV'. 
II. J. O. L. G. Rostock. 

Grümle : 

Mit Reclit macht hiergegen die Revision geltend, 
daj«.s zur Begillndung der auf W'icdcrauniebung der 
Entmflndigung gerichteten Klage nur gehört, dass nach 
il e r j e t z igenSachlage die Vorau-ssetzungcn iler Ent- 
mündigung nicht vorltegon, nicht .nber, dass auch eine 
Bc^eruitg des Entmündigten eingetreten i.st Liegen 
nach der jetzigen Sachlage die Voraussetzungen der Ent- 
möndiguilgnt' ht vor, suist der<jrnnd der Entmündigung 
weggefallen und d esh a 1 b die Entmündigung aufzubellen. 
Das Erfurdcriüss einer „Besserung" als \'üraussctzung 
der Wiederaufhehimg der Entmünd^ng bedingt die 
Heranziehung des früheren Zuslandes zur Veigleichung 
mit dem jetzigen Zustande ;ils entscheidenden Maass- 
stab auch für die VV'iederauf hebung der Entmündigung; 
damit wird aber dem froheren Zustande eine Trag- 
weite beigelegt, die er ni< ht haben karm und auch 
nicht haben darf. Denn bei der Wiederaufhebung 
luMnmt ausschliessl ich der gcgenwSrtige Zustand in 
Flage; ist danach der Entmand^e frei von dem 
Mangel, auf dem seine Entnniridigiin!; beruht, ticr 
wegen Verschwendung Entmündigte aisu insliesondere 
mit dem Hange m sinnloser VermOgensveigendung 
nicht behaftet, so best^t kein Grund für die Aufrechte 
erlialtung der Entmfliidiuui)!; und ist dic^e auf/u1iel>en, 
ohne dass zu prüfen ist, ob eine „lieä.scrung*' iin 
Vergleich «I dem früheren Zustande eingetreten ist 
Esistnid i nu: l.- in Grnntl ersichtlich» weshalb gegen- 
über 'ifiii X .clnveise, tlass der Entmündigte jetzt mit 
dem für seine Entmündigtuig erforderlichen Mangel 
nicht behaftet ist, die Wiederaufhebung n<3ch von 
dem Nai hweise einer Besserung im Verh.lliniss zu 
dem fitiberen Zustande abhängig gemacht weiden 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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tgo2.] 



»>llte: es steht ein soli hes Verlanj^en auch genulezu 
mit Hern Gesetze in Widerspruch, naoli wildu m He 
Eiiimündigung bei dem Wegfalle ihres lirundes ohne 
wdteres aufzuheben ist Mit Recht weist die Revision 
auf die mit dem Verlanjit n einer „ BessemiiK" als 
\". ::.iif<ve!/iii>? der Wipdf^raufhebuiij; der F.tittiiQrulig^ing 
verbundene unannelunbarc Folge bin, dass danach ein 
in Folge unzutreflender Würdigung des froheren Zu- 
Mandes unzutreffend für gdsteskrank i>dcr für einen 
Verschwender eiklflrtci F.iitmOndifrtrr, der m W'irVficb- 
keit gar nicht geisteskrank «Hier gar kein Versch»cntlcr 
war, die WiedeiaiifhelniDg der EntnOndigung niemals 
würde erreichen können, da seiner Klage stets der 
Einwand entgepenstflnde, dass er st> gesun<), vo h:n\<^- 
It^tcriscli, wie jcut, schon zw Zeit der Kntnunidigung 
gewesen, abo eine Aeoderung zum Besseren nicht ein- 
getreten seL J. W. ]»g. 476. 

* 7 

Ziu Begründung eines Wohnsitzes wird in der 
Reget etfofdeit, daas die PersiMi an einem Orte sich 
niederllisst und den Willen bat, dass tlieser Ort auf 
ilic l)aii< r des Mittelpunkt ihrer Verhältnisse und 
ThUtigkcit Ijilden sk>I1. 

(0.-L.-G. Köln, 2j. MStrz 190 1). 

D. R. iMitsrheidttngen Nr. ^1175. 
§ 1^. 

Selbst bei lebenslanger Fcütlialtung des Gcisles- 
ktanken in der Heilanstalt muss der ursprOogHdie 

WobnsitS begriftlii h sciani^e forttlaucrn, l>is der Vor- 
mund namens des Knunüitdijtten den Willen kund 
gicbl, den Wuhnsiu an den Ort zu verlegen, wo sich 
(ilie Heflanstalt befindet Eine . solche Kundgebung 
kann in der ErkLlrun;; an »ch }w hi erbliiki werden, 
«Inn ') die (l(<r Vormund dem Aufenthalt und der 
Veq)ticgung in der Anstalt zustimmt 

(O.'L.'^. Kaiisruhe, 6. Dezember 190U). 

R. Entscheklungen Nr. 1464. 
S 1"»- 

Das Prozessgericbt ist auch durch den disi«f»itiven 
Theil des EntmQndignngsbeschlwises nicht gebunden 

und kann daher annehmen, dass jem.iml jjemtlss ^ 104 
Nr. 2 B. G. B. gcs< h.'lftsunf.'lhi'^ ist, aiu ''. ».vr nn <!ersclbe 
IcdigUcli wegen Geistesschwache cntTnuniiigt wurden 

ist 

Urtheil des 0.-L.-G. München vom 27. Februar 
1901. D. k. Entscheidungen Nr. 1311. 

JiS B23, 62b. 
Nicht schon jede, die freie Wtllensbestimmunf des 

anderen irgendwie beeinflussende Einwirkung ist unter 
den Bc-rifT firr Ficil.oitsvcrlelzung ZU Stellen. 
R. G. Vi. 11. IV. iyol. 

D. R. Entacheidnngen Nr. 1161. 



7 



§ H28. A. 2.. 

t Um den Thati r son ilrr Verantwortung zu 
befreien, genügt es nicht schon, wenn ihm die zur 
Erkenntniss der Gefährlichkeit der Handlung erforder- 
liche Einsicht fehlte, wahrend andererseits auch hier 
niclit Vorausschbarkeit des Schatlens erfordt-tt \\ird. 

2. Der Thäter ist für den Maugel der Einsicht 
beweispflichtig. 

(0.-L.-G. Dresden, 20. September igoi ). 

D. R. Eutscheidiuig 2461. 

Der Aufsichlspfficht ist genOgt, wenn im allgemditen 

die zur Beaufsichtigung der Minderjährige» erforder- 
!irh<-ii Maassnahmen getroffen sind, ohne dass es da- 
rauf arikonunt, ub eine genügende Beau/siditiguug 
gerade liinsichlltch der schädigenden Handlung statt- 
geflUiden hat. 

(0.-L.'G. Kiel, April njoi 1. 

D. R. Entscheidungen Nr. 1479. 

Bei Entscheidung der Fm-' , h schwere Pllicht- 
vcrlel/.ungen vorlie-,:. n . kann das subjektive Moment, 
die Aufgeregtheit unit die demzufolge fehlende bOü- 
lidie Absicht, in Erwägung gezogen werden. 

(R.-C IV. 13. Dezbr. i(,<x).) 

I). K. Entv heidiuig Nr. 673, 

ii t 

Wenn auch das Unvermögen zur Leistung der 
ehelk;hen Pflicht ffir sich und als soldtes keinen 

S< hridun;is;rrui'.d bildet, so ist es doch nicht ange- 
schlossen, tlass die flcrbeiführunc des UnvcrmCfgens 
durch schuldvolles unsittliches \'crhaUen deti anderen 
Ehegatten bereeht^ auf Grund $ 1568 die Scheidung 
zu verlangen. 

(R.-G. IV. 13. Dc/.eniber I<>",|. 

D. R. F.iit.scheidung Nr. 476. 

S i.St'B. 

Aus diesem I^ragraphen kann auf Scheidung geklagt 
weiden, wcim «I'T Eht<in,nin fott<laiit;rnd arbeits.si lieii, 
tninksil" bti,; und streitsüc htig ist, a«i> h wenn er einen 
Otleiibarungscid wissentlich falsch geleistet hat und 
deshalb zu längerer Zuchthausstrafe verurthcilt »t. 

(0.-L.-C. Rostock II, 2h. (Iktober loo'.l. 

D. K. Entscheidungen Nr. 1340. 

Ist eine tiandiung im allgemeinen geeignet, eine 
völlige Zerstörung der ehdichen Gesinnung her>xiT- 

zurufen, so cr(ibri<:t sieh ein weiteres F.iiigelien auf 
die in<lividuellen Verhliltnissc der EhegaHen, Solange 
nicht besondere Umstände angeführt sind, die eine 
Ausnahme begrOnden kannten. Sind derartige Um- 



PSVCHIATSISCH-NEUROLOGISCHfi WOCHENSCHRIKl'. 



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8 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. I. 



stände nif 'it eckend gemacht. > i bctiarf es nicht der 
Feststellung ihres Niri>t Vorhandensein*. 
(R.-G. III, 22. Juni ujix>). 

D. R. EntiGheidtiugen Nr. 1495. 

Der i'aragraph beschränkt «ich nicht auf die Falle 
^nes geistigen Todei des erkrankten Ehegatten, acnulem 
verlangt nur Auftiebung der geistigen Gemeinschaft 

durch <lic Gcistcsknmkheit, eine solche liegt aber vor, 
wenn der kranke Eh^atie nicht mehr im Stande ist, 
an dem Lebens- und Gedankenkreis des anderen Ehe- 
gatten irgendwie theiizmiehmen. 

Die Entstcliungspc>< (ii< litc des i i ,S''<) < il zeigt, 
dass nur eine qualiücirte Geisteskrat^klieit zur Ehe- 
scheidung genfl^^ sollte tind dass man diese QuaB- 
fikatiou der (jeistcskranklifit nicht in ihrer Wirkung 
auf die cliclichc oder liUusliclie Lebensircnicinschaft, 
äundcnt in ihrer Wirkungauf diegcistigcGcnicinbchaft 
finden wollte (Prot 2. Lesung S. 5671 fT). Diese 
Fassung verbietet es, aussei liicsslitrh den Zustand des 
geisteskranken Theils /u beai lUen ; vielnielir Lst aui h 
die Lage des gesunden Elicgatlen, zu dessen Gunsten 
das Gesetz gemacht ist, in Betracht ni ziehen. Ist der 
kranke 'riieil infolge seim-r ( leisieskranklieit nicht mehr 
im Stande, an dem — ■ liier gewiss einfachen — 
Lebens- und Gedankenkreis des anderes Ehegatten 
iigendwie Ihedzimehmen, so kann von einer geistigen 
Gemeinschaft zwischen den Ehegatten keine Rede 
mehr sein. 

Hanteat 0.-L.-G. Urtheil vom 22. 1. 01, II ..'93/00. 

D. R. Entachridtmg Nr. 571. 

1569. 

Der Mangel des Bewusstseins der mildern anderen 
Ehegatten gemetnsainen Interessen und des WiDcns, 



diesen nach Krflften zu dienen, gcnücrt nicht, vielmehr 
hat nur der geistige Tod, also ein Zustand, in welchem 
der Kranke die Sdieidong nicht mdir tapßndet und 
nurnwbr vondneranimalisdtco Foitexistenz gesprochen 
%verden kann, als Scheidungsgnuid angenonunen werdea 
sollen. 

(0.-L.-G. Köln, 23. Marz 1901). 

D. R. Entacheiduogen Nr. 1181. 

§ 1.569. 

SdUst wenn infolge des Verbaltcns des kranken 
Theiles ein Zusammenleben der Ehegatten nicht mdir 

möglich ist, kann n^Kh eine geistige (ienieinschaft 
zwi»-. 1.1 ti ihnen bestehen, so hinsichtlicli de 1 Besorgung 
vcrni'igensrecbtlichcr Aiigelq;euheiteD und vor allem 
hinsichtlich der Pünorge for das Wohl und die Er- 
ziehung der Kinder. 

(U.-L.-G. Karlsruhe-, 2. Mai looi). 

D. K. Entscheidungen Nr. lüj^, 

Xai h der PIntstehungsgeschiehte des Ji 15Ö9 B. 
(j.h. ist die .\ntialinie gerechtfertigt, itas'i <Vif •r'-M-tr.- 
gebetiden Faktoren mit dem AusdrucK „.\uluebung 
der geistigen Gemeinschaft zwischen den Eh^tten" 
nichts Hnder<'s sagen wollten, als \v;is bei den Be- 
ratliungen mit dem biidliclien Ausdruck „geistiger Tod" 
zum Auütlruck gebracht wurde, also Zustand völliger 
Verblödung. Ob aber die Absicht des Gesetzgebend 
dem Elics« heidungsgnuid«; des 1 s'«i so enge Grenzen 
zu seUert, im G esetze liinrcichenden Ausdruck gefunden 
hat, ob nicht vielmehr die Worte noth wendigerweise 
dem Ehescheiduniiisgrunde eine weitere Ausdehmt^g 
gaben, ist zvvcifelliaft. 

^0.-L.-G. Karlsrulie, 2. Mai 1901). 

D. R. Entschddnnigen Nr. 1496b 

(FOrtMttUDg folgt) 



M i t t h e i 

— Einladung zur Jahresversammlung des 
Vereins der deutschen trrenlirzte. Die Ver- 
sammlung wird am Montag, den 1.4. April und 
Dienstag, den 15. April in München statt- 
finden. Beginn Montag Vormittag q Uhr im physi- 
kalischen Hörsaal des Polyteclmikums. 

Tagesordnung; 

I. Kegiilvsung der V'cr.siuamlung und geschäftliche 
Mittheihmgen. 

II. Keferate: 

a) Die SeelenstOrungen auf aricriosklerotncher Grund- 
lage. Referent: Herr Dr. Alzheimer in Frank- 
furt a. M. 

bi \'<irschlage zur Schaffung einer C'entralstelle für 
Gewinnung statistischen Materials über die Be- 



1 u n g e n. 

ziehttiigen der Geisteskranken. Referent: Herr 
Prof. Dr. Ho che in Strassburg L E. 

III. Vortrüge: 

1. Herr Geh. Hofrath I'rof. Dr. Binswanger 0ena): 
Ueber hysterische Myocionie. 

2. flerr Dr. Rro.sius (.'^ayn): Ueber den Mangel 
an Irren-I'atr« inaten in Deutschland. 

3. Hen Dr. Dcgenkolb (Neustadt): Beitrage zur 
I'ath< ibtgie der kleinen Hirngef.Lvse. 

4. Herr Hufrath Prof. Dr. E a r s t » c r (Strassbuig i. £.) : 
Giebl es eine Piieudoparalysc? 

5. Herr Privalito< eiil TV 'ludden (Milnchen): Bei- 
tiüc*' zur .'\iiatomie uiid to|«)gra|)hLScben .\natoniie 
des Hirnstamms. 

6. Herr Dr. Kftcke (^Kiel): Ueber Hypocbunürie. 



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0 



7. Herr Dr. II. Vogi (Götdngen): üeber Geskhts» 

feMeinengung bei ArterioskI 
8 H. rr r .f. Dr. A. Wcstphal (Grcifswald): Bätfag 

zur ratliugeuese der Syrtugumyeiie. 
9. Herr Privatducent Dr. G. Wolff (fiafld): Die 

physi'ili p-ifhc Grundlage der Lehre von den 

Dcgcii€i.«u< ttiszcidicn. 

Dil- RcihcDrolgo der Vortrttgc wird am Vorabend 
der Versammlung festgesetzt werden. 

Dt« Herren, welche den n^ujectiunsapparat zu 

1 i'-mii/en wünschen, werden ersucht, sich an Herrn 
Privaulucenl Dr. Gudden in Müuclteu (Steiiisdurf* 
Strasse 2, I L> su wenden. 

Nach der N;irliinittas'isit7iirig am Montag, den 
i^. April wini cm gciueinsarne» £:>;>cn im Hntcl 
Bayrischer Huf (rromcnadeplatz) Stattfinden. Am 
Vdrabend diu Versammlung Sonntag, d en i.v April, 
findet von 8 Uhr ab im Caf* Luiip 'id iBricnn«'- 
stra&sc) /w.iiil'Imsi s 1 lciV..imini iisriii uiui i t*,'grilssung 
der Teiluchmcr der Versammlung und ilirer Damen 
siatL 

Das L ik;il( nmifr hcstcht aiu» den Herren Metl.- 
Rath VnA. Dr liuiniit (als Vi .rsitzendcr), Prixatdocent 
Dr. Gufldrti und Director »1er Krcisirrciianstalt Dr. 
Vocke. Die Herren haben sich freundlichst bereit 
erklart, Ober Wöhnung»verhflltnis.<(e u. 9. w. Atiskunft 
zu geben. Frau Dircctnr VoclxC wird --i' h gütigst 
der milkommeiideu Damen aiuielmicn und ihnen 
beim fiesnch der Sehenswürdigkeiten Mttnchens holf- 
reich seiD. 

Der Vtirstari<l. 
FOrstner, Straasburg. Hitsig, Halle. Jolly, Berlin. 
Krcusser, Schuaeeniied. 
Ladir, Jfehlendorf. Pelman, Bonn. Siemens, Lauenburg. 

— „Ueber die Anrechnung der Detentionszeit 
in einer Irrcnansult auf die Strafzeit" macht Dr. 
für. Alfred Manes, Referendar in Göttingen, in der Zcit- 
Iiiift .l.iv „R,-, I !■ Tir lu'.K^] f..lL"-nitr hrinerkens- 
w erihe .\u»>rührungcn ; ,,Die AufmcrLsainkeit , welche 
dem Gcistcaxustand eines Angeklagten geschenkt wird, 

ti.'i: sirh in den !f*(/1rri [.-ihn^n st;irk \-r'rnn-fir» . itnd 
d.iUii! i.st die Bedeututig der .'^iiidictlitiK lit-ii und 
.strafprozessualen Vors« hriftcn erhcblirli gestiegen, die 
bezQglich de» Geisteszustandes des Angeklagten und 
«einer Bepitarhtung Bextimmunf^ enthalten. Dabei 

/.t-i'jf M' ii, d.is.s dii- in H'-lr.i' !il k- ■iiiiiirii(lrn d-s'-t/i- 

einer Verbesserung fähig sind, insbesondere hin- 
sicbtHch der Anrechnung der Detentionszeit 
in einer Irrenanstalt auf die .Strafzeit 
des het>ba< hteten und für gesund erklärten Angeklagten. 

Die P.syt hiatrie ist nicht dt i,iit'_; au.sgebildel, dass 
in allen FÄUen ein unzweifelliidtes Gutachten seitens 
eines Sachverstandigen auf Grund einer mehrstOndigen 
Beobaclituti^ di s \ ti:;i k:,i_'t<ii in der Hauptverhanil- 
lung cxlcr des Angeschuldigten vor derselben abge- 
geben werden kann. Der g 81 Str. P. O. bestimmt 

daher im Abs. i : Zur \'orhcreitung eines Gutrirhtcns 
übet den Geisteszustand des Angcsi liulciiptt-n kann 
d.'is Gericht auf Antrag eines Sa< !t\ crst.'iiidim-ii tim h 
Anhörung des Vertheidigen anordnen, dass der An- 
gesdinld^e in dne jJffentUcbe Incnaiuitalt gebracht 
und dort beobachte werde, Und im Abs. 4 beiaM 



es: Die Verwahrung in der Anstalt darf die Dauer 
von sec4ni Wodien nicht flbersldgen. 

Dini ii diese pruzcssu.;!c AniTdiuinp wird also eine 
Intemierung des Angeschuldigten txicr Angeklagten 
xwedis Untersncbung seines Geisteszustandes mfi^ich. 
Diese l'ntersuchungszeit ist nicht alsUnter- 
8 uc lui 11 g a h a f t im Sinne der Strafprozessonlnung 
anzusehen. Die Bestimmungen über die Untersuch- 
ungshaft finden auf diese Intemierung durchaus keine 
Anwendung. Slramtliche Commentare sdiwe^cn sich, 
soweit ich sehe, über dir scn Punkt aus. Eine gcgen- 
theilige Ansidil i»t mir nicht bekannt. .Sic liessc üich 
audt kaum begriknden. Es gelten mithin fOr die 
Beobachtungsdetentitm na<h S Hl Str. P. O. nicht die 
Vorschriften über die Anrechnung der U ntcr- 
s u i hun gshaf t auf die Strafzeit , *'0 Str. G. B.. 
$ 482 Sir. r. 0. ; auch § 4g3 Str. P. U. kann nicht in Be- 
tracht kommen, welcher die Anredmung der nwch 

I!i'i;inn der StiafvolLstreckung \veL;'ii Kr.ii iHicit in 
einer von der Strafaiutalt getrennten Krankenanstalt 
verbrachten Zdt auf die Strafzeit anordnet. 

HIci.uis fiil'^i. il.iss .in '•sc' / 'if Ii cn Beslitn- 
iQungCii über die Anreihnung der Detentionszeit 
fehlt Und man wird wohl nicht irre gehen, wenn 
man dieses Manko aus dem l'mstand erklart, da.ss 
der S 81 Str. P.O. erst in einem späten Stadium des 
Gesetzentwurfes in diesen hineingekiimmen ist, n.'im- 
lich erst in den Cummisstonsbeiathungen, während er 
in den Regienmgsentwörfen nicht vorhanden war. 
Wie so IWiufig, zcii:i Ii .nn ii Iiier, tia.ss !■< i ilir- 
gteicheit späten Einschiebuiigeu nicht alle ihre Cun- 
seqtwnien auareichend beachtet werden, sonst hatte 
man Wohl nuch eine weitere Bestimnumg getroffen 
ö1>er die Anrechtmng dieser üetculiunszeit auf die 
Strafzeit. 

Dass aber eine sr>Iche Anrechnung in zahl- 
reichen Fallen angebracht erscheint, ist wohl 

kaum /II iM-zw'if'ln. Jtisii<<i,ndere i.st eine Niiht- 
aiirechnung uid.)illtg in tulgendcm Fall. In der Huupt- 
veihandlung oder kura vorher ergeben sich Zweifel 
über dir* /'urff-hnungsf;iViial^i''t des Ani^rVliicte»» Der 
herbeigtr/.i'gi ue Sachversl.iiuljgc erkliiii, ein t.ulachten 
erst nach genauer Bc<tbachtung in der Irrenanstalt 
abgeben zu können, und stellt einen Antrag auf 
Ueberwei«ung dorthin. Der Staatsanwalt stimmt 
zu. DrT ,\nL:fkl,ii:te und ^t-iti Vertlieidii,'« r wider- 
sprechen aus dem Grimdc, weil selbst bei sofortiger 
Annahme der Zurcdinungsfahigkeit die zu erwar- 
tende Strafe — vielleicht nur (ieldslrafe — für 
den auf freiem Fasse befin<lli» hen Angeklagten ein 
weit geringeres L'cbel würc als die se< hsw<k:hcnllii hc 
Internierung, die ihn und sdne Familie brutlas machen 
kann tmd die ihn nicht dnmal zu gute kommt, wenn 

er ;ius (Kt .Anstalt .rK '^eisli;; niiiinal entlassen wird. 
Es ist aber äusserst hart, einem Angeklagten die Kosten 
der Detention — nach $ 407 Str.P.O. — aufzuerlegen 

und in eirier erneuten H:iiiptverh;indlt!n!^ ihn tl.iim 
zurechnungsfällig erklarten I hater zu .Strafe zu 

N en ithdlen, auf die die Detention kdne Anrechnung 

findet 

Es endiekit fraglich, ob die Oententionsieit Ober» 
haupt bd Bemessung der Stoafzdt in Berflck» 



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FSYCHIATRISCH'NEUROtOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



lo 

si\ Ii tigu iif; jjr/.moii werden clMif, ik-iiii (ht^ 
Hi't/ |pcsiiiiini( ;iusdriuiviii'h imd ausschliesslich nur, 
<liii>!> die Untcisuchungsiiaft iti Anredinung gebracht 
werden kann. Auoh der Richter, der j^ewillt wäre, 
auf cmc kli-iiu-re Strafe zw t-rkoniirn, weil licr I *oliti- 
qucM mclircrc Wm hcii in der lrrcnanä;talt war, könnte 
an der Fassung der bcxO^rltiiien Pttragiaphcn be- 
roriitiijtf'ri Aii>t.iss uehnu-t! 

Die Aufnahnio t iiicr Ii* ■.uiniiaini; ii^ die kiuiflii;c 
Stv.ifpn '/osi 'idnuni; in dc>iii hier d<ir^i-lfi;tfn Sinne 
CRf hcint unbedingt erfiirdcriirh. Diesem Erftirdcmiss 
könnt'' •.;eiiiigt werden tlurrh eine erweiterte Fassung 
des ^ 'm) ,Str. G.B., die etwa d.diin zu lauten liiittc: 

Kiiic crIitiL-nc UntcnjULliUngsiiaft kann liei Fällung 
de« UrtheiU auf die erkannte Strafe ganz oder thcil- 
weisc anj;ere<~hnet \v<rden. Khenso ilic in einer 
Iireiianslall x t il>ia< lue Heohai lituiius/oit." 

I »i' .ilK liiln he Konferenz der Landes- 
directoren und Landeshauptleute der preussi- 
schen Monarchie wird in diesem Jahre in Dosael- 

dorf in den Ti ^f n \ i n; v l i^ " |i'.ni al>eclialleii uerdcn. 

Eine psychiatrische Klinik für die Uni- 
versität Breslau. UcInt eine [isyeliiatrische Klinik 
für die UniveiaitjU Breslau ii>t, wie aus dem stetxigra» 
|)liis< heil ßericht Ober die Sitzm^j; d« A^>^r«*«>rdnet«*n- 
liau>>es am Ii. Miirz hervoM.'<'lit, n.d Ii «iner I5emerkun^ 
dtö Miiüsterialdirectors Dr. Alitioii' eine Verstiindigung 
der Unterrichhivenraltong mit der Finanzverwaltung 
so gut wie ficsiclHTt 

" Hessen. Wie nulgutticill wird, dürfte die 
für Rhoinhessen piojectirie Irrenanstalt nach 
Aisscv koninieh, 

- - N'i.ii/ zur „zellenloscn Behandlung". In 
dem neuesten (X.W'I.) |alirf;ani: der (haritc- 
Annaicn giebt (Jcii. Rath Jolly üriäutcrungen xum 
Neubau der psvt-hiatiischcn und Nervenklinik der 
K'^l. ( li.trite und l.isst sich am Schlüsse derselben 
/• i|^endeiniaaj>,sei» au.s; 

„[le/.üglich der Isolirzinimer ist «i bemerken, dass 
diestllx ii Kilmmllidt mit Fensti ni aus j »tu dickem 
dnrelisi. iiiiRem Glas in el«eineri Kähmen \ersehen sind 
und in ulilii her Weise die m< i^lii iiste N'ermeiduni; 
scliatfcr Ecken und Kamen an den Wünden und 
Thüren erkennen lassen. Im Uebrigen machen sie 
abi-r \(riii.ii:c derGrusse <ler Fensler einen dunliaus 
/iimneraiiijjeii Kiiidru» k, und es bcslclii die Absicht, 
sie itlieiAvie;L:end nur als sokHie ZU benutzen, um Kranke^ 
welche durch das /Cusammciuchlafen mit anderen ge- 
stOrt werden oder diese selbst stören, wShrcnd der 
NfU lit getrennt s< blafeii zu lassr-T>. Dass sie i;ek".;ent- 
lich auch zur Abschiicssung aufgeregter Kranker be- 
nutzt werden mOsscii, int selbstverständlich. Die 
„/.ellenl- >se lii liandluiii;" bis zu il< ni F.xlreni dun lizu- 
füliren, dass man (Lirauf verzi< aueh sinnlos ver- 
wirrte uüd aufgeregte Kranke vnriilxMuehcnd von 
ihrer Umgebung abzusperren, halte i< h Nnrliluüg, au 
lange nicht bessere Mittel zur Verfuf^uriL; stehen, fbr 
unnuifiii» Ii. aber kanti it Ii feststellen, dass w ir 

selbst unter tlen \crliäUnis».inä.ssig u>igai>^ii>:en X'er- 
hältiiissen, wie sie die bisherigen Bauciiui< btuni^en 
der Charile darl<e.ien und trotz ties ausserortleiitli« h 
grossen Matcri.ils au atut erkrankten aufgeregten 



[Nr. I. 



( ieisteskranken , Kl>ile|>tis( lieii und Doliranteii, durch 
systematische F.ins<'hriinkunt; der lsi>liruni»en zu auf- 
fallend viel günstigeren Verhältnissen gekummen sind, 
als sie frQher bestanden und, ich kann wohl hinzu- 
füj;en. als wir erwartet hatten. Das e.xtreme Ziel des 
Fanatiker braucht in dieser Frage ebenso wjenig ver- 
wirklicht 2U werden, wie in der Frage der Alcohol- 
abstinenz. .M>er der l-'anatismus hat schon oft das 
Oute gehabt, da.ss er dietirenz.en <les wirklich Hrrcidi- 
bareii erheblich weiter hin.iusiUi kte, als es tler kühlen 
üeheri^ung zunächst möglich erschien, und wenn in 
beiden Fragen nur dieser Nutzeflect erzielt wird, so 
müssen wir den Fanalikem wenigstens mildemde 
Umsb'intle bewilligen". 

Falls die Eiferer der sogenannten „/.< lleiilo.sen 
Beltandlung" tliese Airsfuhmnuen in loyaler Weise 
neben dem frühen-n Jcdlvsthen .Xusspruch \on dem 
..Sticliworte filr dits neue Jaiirhundert" citiien wcrtlen, 
sollen ihnen die mildernden Umstände bewilligt werden. 



Referate. 

— American Journal of Insani t)-, April 

f Oo I . 

I. Frau« is ( ». .Simpson i Lancastcr Cnunty 
A!>vlura, Rainiiill) : bome |>oints in the treatmeiit of 
the chronic insane. 

S. bespricht die h\ i;ienisi hen . di;itetis<-ben und 
modicinischen Maasürcgclii bei der Beliaudlung chro- 
nischer Geisteskranker; das PavilbmSijrBtem scheint hier 
zu kl jstspielin. Er h.ilt CS für weiser, die Kranken 
in einfa« heren und w eniger ^rrossartipeti Cieb.'iuilen zu 
halten , sie in eine Utni;cl>uni; zu briiii^cu , welehe 
mehr ihren frOhcren (Jewohnheitcn entsprechen und 
das Geld, welches so erspart wird, für die Vermeh- 
rung» il<-r .\eizle uin! \V;iiter zu \erwcnden. Doch 
ist dies nach .VnsiclU des Ref. sihr wohl mit «leiu 
Pftvillons)'stem v^ieinbar, wenn nur ni> lit [prunkende 
Villen, sondern ganz einfache iMindhauser gebaut 

werden. 

Wenn S. beliau]ilet, dass auf diin Festlandc aof 
105 Kranke etwa 1 Am kommt, s« wüsste idiuicht 
wo (aligcsehen von den Kliniken) dieses Veihaltniss 
erreiclit ist. Wunsi hcnswerth ist diesi^s Verliilltniss 
ohne Frage und er fordert mit Recht eine wesent- 
üdie X'ennduung der Aer/te 0» Rainbill kommt 1 Arzt 
auf aber 400 Kranke). Dergleichen hält er die 
Besserstellung (in Rainhill ra. 0 — 10 M. wöchentlich 
(leh.illi und Vi'irnehrung d<'s Wartepersonals und 
ferner au« Ii die \'erniehrui)g de» Feraunab» für nolliig, 
damit die Kranken in ausreichetider Weise zur Be- 
s< bilfiiiruni; j;e/oifen und an-icliallen werden können. 

Die- Bemerkungen über .\bfulir,' Beleuchtung und 
Ventilation bieten nii bts Neues. 

In Bezug auf die Ernährung der Kranken fordert 
S. grö8.scrc Abwechslung des Spdsezetteb und Rftcfc- 
siditnahme auf die dewohidieiten lier Kranken; t.'lg- 
lidiC Veralncidiuiig von Fleisdi in irgend einer Form 
wQrtlc auch tite Hinfälligkeit und M. ibi.jit:>t herab- 
setzen; die miserable KrnJilinmg in der Irischen An- 
ütdit finde iltrcu spredtcudcn Ausdrudc ä> dCT Ct^ 



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tqo2,) KVCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOOTENSCHRIFT. tl 



sclir4'i klhlieii Storlili« likfit ;in Tul^crkulos..-. Die F.pi- eines wissensi haftli- hcn Uiuhcs an <lio Spitz.- eines 

leptiker »kilUen eine rein vc<retansi lic Diiil lioknmnicn. gri»sen literuristlicn L'nKnu-limciis j^^•tt«!tl:■n, ftir wel- 

\ o[i ( ic»r:ihken SCI die Wahl zwunliet» Thec, che» ihr innerhalb O oiJcr 7 Jahre 150000 Dollar 

Kaflbc mui C ai an zu la-ssen, vi.n denen jctinch das anvertraut »tirdcn, wovon aber die Actieninhabcr nur 

k-t/tca- (las /sveckiiiilssinstc SCI. F>en Wert!» (kr Milc Ii die 1 lälflc als Divi.l.n.if ziiriit kbckamen. Das Ucl.ri-iX- 

hebt S, nicht genügend hervor. — Was die alkoliu- war spurlos \ersi hwuntk-n, ..Ime dass die Dame Aus- 

luchen Getrünke belrilR. so erklärt S.: „Die Ab- kunft über den Verblei!' des Geldes geben k- nnW; 

si: half IUI); des Iii eres bei den M a Ii 1 / e i l e n untl • .htu- dass sie es für sich verbraucht hatte, da 

int SO criolgrcich ijewcsc n, dasb es uinitilli iß sit! ausser« .identli. Ii einfach It-btc. Sie selbst slrattbtc 

ist eine Praxis »U besprechen, weich« ein- sii b für geisteskrank <;elialieM /u werden, und es war 

mOlhi«; angenommen worden ist. Es genügt auch kein deutliches Zeidie« der Gcistessiörung bei 

zu benu.rken , da» die Vcrabreidinnjr von Alkohol ihr xu finden mit Ausnahme einer grossen Oeich- 

an Geisteskranke in ir^jend einer F im mit Ausnahme giiltlukeil geuen ilir S< hii ksal und hartniU ki-^sf-iu F.-4- 

bei schweren körperlichen Erkrankungen als Medicin) hallen iiri der Ansidit. riass ilas Geld sitii aus dem 

ni veruitheilen ist". Eine Untersudiung Ober den (fmgitten) Untenuhnun s h-m wieder finden werde. 

Einfluss (!r^ All. !- mif die Entstehung v.)n Geistes- Sie wurde zu 5 Jaliien Gefängiiiss vertirtiieilt. 

Störungen hat ilin» ciwa dreimal su hohe Pmk eiit/.ahlen p. [ii^si die trage ■ •ffen, i>b die Lehrerin vuii 

ergeben als die (»lliciellen Daten /eigen. andern Pcrsune», welrlie sie für ilire Zwecke bCTIUUCt 

Was sdiliesslich die medidnische behandlimg der hatten, vorgeschoben und dirigirt wurden war, oder 

Geisteskranken betrißl. so ist S. ein warmer Vcrthei- ob es sich um Gciiteskrankheit handelt, 

diger der Isidirungen und di - 'il.ifmiltel. Vi.n «lern y A. R. .Moulloti { l'liiladel]>hia > : Deatli of an 

eigentlichen Wesen tler Wa' hsaalUeiiandlung scheint S. iiisüne man ironi (lacture <>( skull and li.iemunhuge 

keine Ahnung xu iiaben. Iixlem er auf eine (wahr- of ihe brain ; skull abnormal) ihm. 

.scheinlich englis« iie) .Arbeit Hezug ninitnt, in weldier {"> handelt si< Ii um einen 5<(jährigeii Mann, der 

der .\utitr behauptet, dass die chronischen Kranken eine Zeit lang slark getrunken hatte und wegen l^n- 

VDii ihren K'inm-ndcn, zersti irendcii und schmutzigen ruhe und ( iri>sseiiide<-n in die Anstalt gebiadit wurden 

Gewolinhdten durch Unterbringung in helle Schlaf- war, wo er xeitweise sehr erregt und obscoen war. 

rftvtme mit NachtwSrtent gdtdll werden können, wirft Eines Morgens wurde derselbe tot auf dem Rücken 

er die Frage auf, wie clie Gegenwart einer Wariper- liegeml nei>en seinem lielt gefunden. Kr war jcdcn- 

son oder eines Lichtes auf »lic jahrelangen üblen Ge- falls beim X'erlassen iles Heltes hingestürzt und hatte 

wnhnhciten ■«ler Deg< iieratii iii ciiu ii Kinliuss airsüberi sich, wie die ."sektiini eig.ii>. eiiu-ii Hriu h des bes'jii- 

soU, und wdj»l, uiu die Unmügliclikdt des Verfahrens dcrs an der Fossa posterior und den äciietithcilen 

zu demonstriren , auf einen Versuch des Directors hinter dem äussern Geh« >rgange äwserst dnnnen Sclin- 

VDii Hawkhead, Dr. Walsoii hin, welcher eines .\l-ends del zugezogen. Die S' liiidelbasis zeigte 2 Hrui he. 

10 weibliche Kranke, die wegen ihres lärmenden. Starke Blutklumpeu bedeckten die linke .Stirn- und 

gewaltthati|«en und stCrcnden Veilialtens bisher regel- die rechte Parietal- und Ocdpitalf>ej;end. Ferner xeig- 

in.'l--ii; iri Zellen gesehlafen hatten, in einen hellen ten sich nel>cu allgemeiner Atli.r- .;TTit< .se aller Ge- 

S4hiafrauiu unter Aulsicht von ,^ W;uierinnen legte f;,sse im linken Stinilaiipeii und im linken Kleinliiin 

und natürlii h bei tlieser ingeniösen Insi enirung des Ervici( hungshetde. 

Versuchs denselben schon nach einer Stunde mit dnem (>. £. Ii. Delabarre: Tlie relation menul 

e^iJMnden Misserfolg abschloss. content tu nervous aciivity. 

Als Schlafmittel empfiehlt S. Clil- »al. H\ < .scy.tmin und 7. K i . h a r d De w e \ : Mental thempeutirs in 

Hyoscin, warnt aber vordem regelraO-ssigen Gebraudi, nervous and ineiiia! discase. 

bd ooruhigeii Kranken mit seniler Demenz Paralddiyd, D. bespricht in diesem Vortrage den Werth und 

bd cbionisch iriniieiulcn Kranken eine „grüne Mislur" die Anwendung der Suggestion l,ci .Nerven- und 

aus Kai. broin. und Tiuuura Cauabis ludic. zu glei- < ieisiessi. irungcn uikI erkiuterl si-ute Ausfuiiiimgen 

cbenThdlen, besonders bei Frauen, Suljdional, Trio- durch /.ihlreiche iJeispiele, 

na] t-ic, a. Chac. A. Drews (Massacbusets): Signs of de- 

Zuletzt bcsprii ht S die Kpilcjisie ohne neue Gc- gencracy and tvpcs of ihe rriminal insanc. 

sirbUspunkte beizubringen. weiulet si<li mit viel Tlutn ir gegi-ii die .\us- 

2. William H. öuckler; Notes oii tlic ton- wüchse der Lehre v-.ii den DegeueraliyiiäzcKheu, 
tiacts and torts «f lunatu"* with special reforme to the wel. Iic s* hon geringe At>wci. hungen von der angeb- 
law of Maryland. liehen Norm .ils ^itigmata der Jiiitartung aiiffa*«? und 

Bietet für deutsehe LescT nicht.s besonderes Inter- so bei Geisteskranken und Vcrbrecheni zu grcissen 

fSiSantes. Zahlen koimuc-. D. erkennt nur .sehr deullii he und 

3, J. F, Learcy (Tus< alousa): licredity. augcniallige .•Abweichungen als D^eiieratioiisxeichen 
Allgemdne Betrachtungen über Erblidikcii vom an und hat so unter den letzten 100 Aufnahmen in 

biologischen Staiulpunkt. der Staats-inslalt für geistesktanke Veibredier in 

George J. Pre.stun (P.altiniorei : Insane 01 M;issachusets 44 mit S< haiiel.ibiif .rniiUiten, .)u mit vor- 

(^fjmJiml ^ bildeten Mlireii, vi mit al>normer (jaunienbildung ge- 

Eine 4 1 j.lhrige begabte und tüchtige Lehrerin fundeii. Würde er nach den Beisiacl anderer Aulo- 

vou besserem Ruf, war gdegentlieh der Uebeisetzung ren verfahren sein, so lUitte er kaum 25 ",,, normal 



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Ii 



^CHlATiUSCH-NSUROLOGiSCtfE WOCHENSCHRIFT. 



[Üt, I. 



giesundc und oo "/V lifitten als Bewlzer von ckgc- 
nerirtcn Ohrfi )rttiei) l)Czei<linot wenlrn tnflssm. 8 
F;illc aiisgfsproclufncr r)q;«MinrHtiitii werden kurz 
beschrieben und ihre Fhoingraphien nebst ächadel- 
diagrammen beipell^ Hoppe. 

S il b er sc h III i d t , W Zur Auslcfjunp vun 
§ 0 Zitier I. B. G. B. Das Rcclit 19UI. Nr. 22. 

Nach i 6 Ziffer i ist Voraussetzung der EntmQn- 
digun»; . 

1) dttss jeinaiul soino Aiigelej»ciil)eitcii iii« lit /u 
besuigcn vennai;: 

2) daw Geisteskrankheit oder Geiateaschwache 
Srhukt hieran trfl^. 

K> Ivt Ii i lit ■ ( .innfH« 1) . dass der Jurist hei iler 
erstell Frage einsetzt, w.'llircnd der Urztiiclie Sachvcr- 
sUtndige zuerst die zweite Frage entscheidet. 

N;i("l< zwei ^Tundlegi-mlcii Entsilieidungcri des 
Kcic hsgerii litri sind unter den Worten ,.seine .\nge- 
legenlieiien" alle Angelegenheiten zu verstehen. Wenn 
also der zu EntmQnd^ende nur einzelne Angelegen- 
heiten oder einen bestimmten Kreis von solchen zu 
beM'igen ausser stände ist, treffen dio VcmUNietZUngon 
einer Fflegscl»aft gemäss -i K/00 Abs. 2, nicht aber 
die der KitmOndigung zu. Wenn aurh .\ngelcgen- 
lieilon inVht aiissi-lilics.siith Verniögi'>!is;-»i'.r«"lcgeidieiten 
bctrelfen, so ist es dtich zu weit ßcgaiij;cn, sie auch 
auf strafre* litliehe uik! iMfentlieh-rci'htliche Interessen 
aiisxudchnen. Mit SanUcr trennt auch er die Frage 
der Gemeinfcführfichkeit vAll^ von der der Entmfin- 
digung. l'"ini' .nulcic Fi;i;;'i- liinwiederiini ist ilio, 
Jemand, tlei ttim:ii <.ji;mciiit;ef;ihrii« hkeit dauernd aus 
Gründender offcntliciien Sicherheit etc. in einer Irrenan- 
stalt %-ersorgt ist, liierdurch verhindert iM, seine An- 
pelcgcnlidlen Jtu licsorgen, wobei aber wHederum zu 
crw.'iL;« !! i^t, 'I.i^s f- villi i;in dir f 'F<->.iinmliieil tier 
Angdegcidieilcn handelt." Der Kranke, der insbe- 
sondere idne Vermngensanf^legenheiten zu beaotgcn 
in der I-age ist, darf nii Vit emmüüdi-jt werden 

Ebeiisu ist auch die Frage der Dclictsfahigkeit von 
der der Gearhaftsfähigkeit, mit der allein bd der Ent- 

nunith'gung gcredinet wini, trennen. 

Die l""ni^;e, oh das Uinerntögeii zur Besorgung 
der Angek-geidifitt-n vorliegt uikI ob tliesc durch <tie 
etwa vorhandene Geistesstörung bedingt ist, hat der 
Richter vollsiflndig selbstftndq; zu insen. 

Emst Schultzf^ 

Bibliographie. 

(Bcapncliung der wkhitüeren Arbeiun eriblüt unter .Rcfcnta".) 

Archiv för K ritninal-Anlliropoli.iric und 
Kriminalistik, von Tf. Hunns Gru.ss. VlIL Bd., 
1. Heft, Deiteniber 19O1. 

Ii liei) Werth d;( ti! iknilen<ie Zt-il.sclirift für 
den gerichtli* licn Medu us liat, zeigt das Ver/eit litiiss 
der bereits crscliieeicncn AMiandiungen, von <leucn 
wir nur die für die rs)< hiatrie wi< htiv'eii hier anführen: 

I. Bd. Höfler, Zurechuungsfaliigkeit. 

II. Bd. (jtoss: Roflexuide Handlungen, Levin- 

söhn: Idcntitiit. 



III. Bd. Nacke: Richter und Sachverständiger, 
Altmann und Ncmanowitsrh: .Sadisnuis, 
Honiose.tuaiil.lt u. A. 
V. Bd, v.Schrenck-Notzing:iHiggestion, Rosen- 
blatl: Mord oder Selbstmord, eine Warnung 
für Gcri( lits.irzte. Kautzner: Aus der. gerirhts- 
tiiztlichcn Praxis. 
VII. Bd. V. Seil r cnck - N <i 1 z i n g : F:UI Mainonc, 
Gruss: ReHectoides Handeln etc. * 
Obiges Heft enthalt a. A. einen Fall vnn „Betnig 
in Sinnes* etwiriung" \on Poilak, in dri:i du - 
klagte, tlie unter zureichenden Motiv en mit Ucbcr- 
legun^ versucht hatte, einen Schmuck zu unteischlagen, 
auf (inrnd fines ausgezeichneten (iutaclitens als 
hysterisch {\>vi gleichzeitiger uncliel. Scinvancerschaftj 
aus.ser Verfolgung gesetzt wurde. S< Lri ii« i^-X<itzing 
bespricht unter Hinsufügung eigener Bcobat htungen 
die Fragenach der „vennindeftenZurerhnungsfahigkeit", 
N;icke den Vedauf des V. Congresses for Krini.- 
Anthrop. in Amsterdam. Aus den zahlreichen Refe- 
nten und kleineren Mittheilungen .sei herxorgeliolicn : 
Gntts: Beweis durch rh<>t<->graplüen (betr. die Pliot. 
mit atlfgesetztcn Köpfen, die im Ernstfulle. z. B. 
Moinentphologniphie bei Untreue grosses l'nhell an- 
richten könnten). H. Kornfeld. 
Psychiatrische en Neurolof^tsche Bladcn, 

I iif.j. JaniMf ii;.r. 
Ziehen: Zur l>iflereniiaiiliagn<ise ilei Hrl)<-phrcnie 

(Dementia praecox). 
Hülst: Een geval van dementia paral>'tira ab para* 

noia halludnatotTa debuteeretid. 

Mecus: Een ''..it..t' Ii jr\.il \,ir, tlenii-ntia ;'i;n ■ i\ 
Buuman: De vcrpleging van Patienten, hjdendc 

aan dementia genilüi 
Wert heim Salomonson: Hijdmgf tr-t <1e ketinis 

van de liieone van den Kt~<'>not€ui v.ui Oudiii. 
Verslag (^ler Commissie ter naschrijving der ziekte- 

vonoen der tq^enwoocdige Nomcnclatuur. 



Personalnach richten. 

(Um JktEtiheUwruc von l*cm^j«ln;ichrichtrn e'c *n Hie Kniaktion 

Willi j; <■•:-■ •.• I 

— Kgr. Sachsen. Oberarzt Krcllaiu i. [an. 
als design. Dirct tor von Hociiwciizst licn nach (itoss- 
schweidnits vcri»ctzt; mit dem i. April werden versetzt: 
Obeiarzt Dr. Ilberg von Sonnentitetn. Dr. Arnemann* 
Von Zschadrass, Dr. 11 ein ick. ui d Dr Hahn von 
Huliertasburg nach (ir<isssi l>w< idintz ; Dr, Klemm 
von HochweitZ-sdien. Dr. (»oetzc \<ii\ (.olilitz nach 
Zaciiadraas; Oberarzt Dr. Frühstück von Coklitz 
nach Hoch«eitz<!chen: Oltemrzt Di. Kellner von 
HubcrtUsbuig iiacli l'iiteigi"ilt/s< Ii. 

— Der vurtiagcndc Rath im prcu.ts, Kullusmiiii- 
sicrium Geheimer Oberregienmgsrath Förster ist zum 
Ministi-jialdirector der Med.-.Mitliciliing und Wirklichen 
tieiieiinen Obcrrcgieiungsratlt mit dem Range der 
Ratlie erster Classe ernannt. 



Das tnhalts-Verzeirhntss den III. Jahr* 

ganges tiei „I'svchiatrisciicn Wi «henschnft" wild der 

nächsten Nummer beigegeben. 



l'iif den rca,u. -.i.<iiL'.i^i! 'Ihvii vrr.jiBtw..Tthi:ki : OU-tMiil l>r, J. Ilretlcr KlascbniU, (bcfa>«.*j.icci>. 

■ Sc-Iilux d. r IiM.-r.i'. i.t i-i.i.'i.iit- i Tag« vür ilrr At»K«bc. — VrrUf VW Carl Marlisld in Kalb a.S 
Hej-nemann'ictK- Uucbanidkrrei (Gebe. WotlT) ia H«]lr a, S. 



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Psychiatrisch'Neiiroloflische 
Woehenscbrift. 

Sammelblau zur Besprechung aller Prägen des Incnwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichth'chcn, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblait für Irrenärzte unü Nervenärzte. 
Unler Mitwirkung xalilreicher hervorragender Faclimanner des In- und Au.slait<lcK 



Dlrector Dr. K. A.tt. Prof. Dr. Q. AntOn. Prof. Dr. L. EklinKer. Prot Dr. A C](itt«tadt, Piof. Dr. S M«nil«|, 

Dr. F. J. Mdbinti Birecrtor Dr. Mor«l, 

l.«ipj:ie. Hont {Httfiemi. 

Unter BenfitKung >untlichen Materiah 

Tedigirt von 

Oberarzt Br. JolL Bresler, 

XiHctate iSdhlMiMt. 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a.S. 

Nr. Z April. 1902. 

Dto ,,F*rcbiatri*cl-N*aTol»itiicb* W««bMtcfcrlfl» «Kbaiak {ad«« ^— '*>*nt «rf kn«*t pm Q^al 4 Kk. 
a.«,ii..«,n> ■«kl».« ifdr narMimdhMi« «- PVM (Kanin« Nr. «ajalw iMria di« VaitiailwchhaBdlMiw «aa Carl Matbald Halla «aimi*«. 
Iiiaiiu^a »»»daa Mr dia }«paM|a ^ülliala aal » F%. b>ia«l l M M l « . Bai Wiadartmla^ triU BiiaUi«Bac «1. 

ZaiarhrArt ttr <IU KnWilna wiMi an iiWaMi (Ir |. Rivuler. Kra«clinits iScIitaM«). n ricbwn 

Iriliult. Ofi;;iii.ilo: 1'sythis.che Abcitulioa. I'sycijujjallin:. Von Saniläurath Dr. AUons HilWz • iiigmiiriii|>rii (S 13). — 
Wicltli)^ EnucbckluDKen auf dem Gebiete Oer gcrichllichen PiychJairic. Von Dr. Ernst Schulizc, ADilcnuich (ForUclzung) 
(S. 18). — Mi1tiMUuD0Mi (S. 331. ' ReferAlc (S. 15), Fefsoffialnachriditrn tS. 



Psychische Aberration. Psychopatfiie.*) 

VoD SaBilStt-RMii Dr. Aifinn Bf(Aar»Sigmiaing(a. 



^^^ir ?i.i;Mh es bishiT als unsere iranitt;iiifi;.ilpc 
erachtet, an aÜcn iitugltdtcit funkten die diuine 
Raaendecke der Erscheinungen abzuheben und im* 
niittcIlKir darunter da.s };lcirhart%C ( initulw-asser dCT 
.Metaphysik, als eines Krkläriingsgiundes, her v<>rlr< li ii 
/.II litö»eii; ViUH d<e>i heisHt: l'hy.'iik auf Mcta]>hyi>ik 
zardclifOhren oder rh\>ik aus Mct^tphrsil: dediH-iren 
«uler erklären. Wir krumen dalu-r in «iiR-r Lehre 

\i<iu I-rlx-n an seinen t; ;i".i>hafifii l'.iv) lnjiiiiii;,'in 
i»nht Viirühctgchei», itLssold si»- i^oMitlmii« h eine wcil- 
MbUegcnde Dixiiplin aiiKma<'hen ; liesuntUis aber des- 
w<^n nidil, weil (he ineiaphv.sisrhc ?>klfkriing ««der 
Ar.lf^issuftg , (he wir iiicr vcilu tt ii vii tU i,. amh-tcn 
<'i(s, (I. Ii. ohne den innigsten /Cus^iniiiiunhan}; mit 
Meta]jli\ sik, gar i)i<-ht \ipnilan<lf!» wckIcii wQrdc. 

'f Ali besonderes Kapitel crachieneii in des Verfas^rs 
ebea cnehieaCMiin Werlte: nDie Lehre vom Leben**, 

Wiesbaden, J. F. Itcrjjinann. I<>(JJ, 502 S. Die l.i.kniie 
oliii^ei. AuftmUei M.-t/t tlicjctii^u iliifses bochiiui/c^bjalcu VVcrUes 
vor au«, bctw. muu nebcohergeben. 



Den sichersten Leitfaden, damit ßlei(h der erste, 
wielilig:itc ä^^hrilt lu der BeurtUeilutig dei (jctveliiseheii 
Entgleisung richtig auafalle, bietet uns die Thatsach^ 
dass sie, wie die sittliche Kni^leisimi; . nur heim 
\ cthunfthfiialiteii Wescii. dem Mi iisi licij, M>tk<>ninit. 
Pmi tuijiainic, wtu KthopHlhae , i.st an den Bcsitic der 
VcTMonft, alsii der Sprache, gcknQpft Irrsinn nnd 
Vcrbrethcn, im l.eWen i>ft so si1i\\<t auscin.tnilci zu 
halten . <-i\vfis! n >ii h , \'< rmiiiftkiaiikli< it('ii , am h 
als nivt^t|>lij» siM.lt verwandt; vcrs(.luedcn nur na«h den 
Wcllaxe», ii> denen sie vollaufen, aho wie Inhalt und 
Fkiiii, und d.ihei rei hlwiiikelii< aufcinandcT. 

In d- I 'I hat ist (hirt h die S|ira< lie, d. Ii. ihix h 
die EiMliatiung einet zweiten Welt v<>ii e)hjc<;len 
(deren Uebercinstimniunfr mit <ler Welt der Wirklich- 
kcit kL-incswegH in>ni( i '^ewilhrleiiitcl ist)t durih dn- 
I leiNtelhiiv.; » iricr fast un('c<>ien/ten Menue \<>ti l)iffe- 
reiitiallK^riften veist hietlcner t »idnung gcgcniiU;i der 
gt^ehenen Welt integraler Vrvrstdhingen , ein zweites 
Mal die getehrüche Möglichkeit des Brtiches des 



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14 



FSYCHIATiaSCH-NBUROLOGISCHE WOCHBNSCHRlFT. 



tNr. 2. 



sinnliche Krkciincn crel dann, wenn der VerHUind 
sich Aber die fUchenhaften Sinnesdaten licnnarht 
und sie im Raum, .•ils4i -^escUlos • wilikürlicl), zu citicin 
dreidimensionalen, pscudrunlialtli« hcn (icbiklu, einem 
11c Im holt 2 'sehen Begriff vereinigt. 

Die Ventnndesimhümer, denen auch die ge« 
schürften Situic fler Thii rc unterliegen, vers» liwmden 
alwr L'fi«zlich vor ilcr ■.mjjHiourcn Ma-ise der Voi- 
nuiiflirrthüuicr, die auf einem falschen Differcntiations- 
veifahren berahen. Die sprachliche Bildung absirac- 
tiver Begriffe hat es nicht an fjut, wie die m.itl><'niatis< l>c 
Diffeienliatioii. So gross ist <ler Unlersr liied , tiass 
die Wesensverwandtsthaft beider Vorgänge bisher 
fiherhaapt nicht erhannt wi.tfden i»t; weder die 
Hjl liui- \iit\ \Vorib< j,'riffeii aU einer Differentiation, 
n^icii dasW'i-sen der Differentiation als einer successiven 
Abslossung ejuor DiincuMon. Die mathematische 
Differentiatifin sucht den im Begriff der Conatanten 
liegenden Inlialt aus der tßlcichpültigenj Form 
durcli wieelerliulte Alisl'Wvsung iler fomuden Dimen- 
sionen Iicraiis2u>ichälcn. Du Inhalt auf Form, als 
reiner coutiArer Gegensata, rechtwinkelig steht, «o 

■iii^raittelpunf t liinhczogeneii, alvi vi >rl)ewussten innss ilas njallietnaltsi he X'erf.ihren, um ilein F.iianlial- 



ethophj'sischen Gesetzes gegeben, das (als 
Auadrock der Welthalfligkeit des Gegensatzpaares der 
metaphvsischen Seins<;rr>sse) Atispruch auf unverbriich- 
liclir Allceni< i!ij!{5lligkeit inachen darf. Denn so \\cu\)i 
Leben (HcNvusstsein) bei Zerlall des Subjcctpunclc» 
bestehen kann, 9o wenig darf ihm dn dop|ieller 
Objectpunct entsprecljcn : in beiden Fidlen ist der 
Bestand des künsthihrn Staatcngcbildes, das eine 
Wcltiialftc darslclll, bedroitt. 

Die tägliche Erfahrung tdirt, dass dies schon beim 
gewtthnlichen Verstandesirrthum der Fall ist. 
Wer einen Wolf für einen ScIiJlferhund, <I;ls Trugbild 
der Wüste für Wai»ser der wird (ür sein Leben 
Gefahr laufen. Bleibt es bestehen, so sind sok^he 
IrrthOtncr lei<:ht zu verbessern ; man nennt dies F^r- 
filhrungen s;unmeln, durch Erfaiiruni; klug werden. 

Sinneserkenntniss ist V'ciAvandtimg ^alsn cnantiale 
Uebemustimmung) des subjcctiven Forminhalta der 
lünplindung in <lie subjective Inhaltsfonn (|er Xeit- 
räumlichkeit, die mit der uiijvrliven Inhallslonii 
identisch ist. In diesem Ponct findet sich das eiluv 
phj'sische Gesctx verwirklicht: zwUchen der auf den Be- 



und daher dem .Sein angeliöhgen Empfindung und 
fler daraus gemaditen Vurstdlutqi besteht die voll- 
konmene Uebereinstimmung, wie sie tms in der 

S\nthese tles Q n .i d r ;i t es, als ilem Bild des Be- 
griffs überhaupt, vui^eführt wird. In diesiem Puncl 
wuraelt auch das, was sowohl an der monistischen 
Weltthenric, als aucli an der Idcntitätsphilosophic 
S <h e 1 1 i n g "s ' ) richiig ist: die Uebcreiü'.'Mnmii'!!' 
(xhr (enanlialc) Identit^tl zwist.heii nictaph} .sischcr 
und phvsischer Fotm. 

Die ethc^ihysisclic Uebcu instimmun^' wird au< h 
dann lu'iht verletzt, wenn that-s.'i< Idi« h l iiir \'er- 
.schiudenheit der Empfindung vitrkummlj weini 2. B. 
bei einem Zusammensein von Gmu und Blau ein 
Atii;*- nur grau*') etnpfintlel, als<' für Blau farben- 
blind ist Hier liei;t kein Irrihnin, ».iKh-rn eine 
Mangclliaftigkeit in der (.)rgan).saiion, ein Mangel an 
Untetscheidungskraft der ^mc vt>r. Die Synthese 
vollzieht sich in der rein i Z iilinie, ui»d diese fuhrt 
NotUwendigkcit bei sicli. Irrlhum kommt in das 

'J S c llt 1 1 I Iii; hi'jll • - I; / srilic l.':l>ri)s;iiifj;.il«", ik'D pliilu- 
iMiphiiwilico l>Udlismu<< zu iilir-ru in<)>'ti: ..l'nst-r (ici'il »trclit 
Einbeit im System seiner Erkenntnisse," Kr Imi «s sehr *er- 
lichrt attg^rnng^n und vollendet. Wer .ober nicht »enieMei» 
eine Faser der W.nhrbeil in IlSmlen kii: wo soHle er 4w 
Ki-itl und Miiih lieriKlimcii. ein m> i.'i.*w9llti|^ Werk wie' 
«in Syuem (ler Fhilotopliie «lurdmiltihK.nr 

**) Empfimhiiif^ kttnnen natDrltch nkhl seihst vet){lich«n, 
nur .Iiis ili-r Clrii lili. ii inl.-r V' i<clii<<l<-iibi i( Jes EilKlmcks 



satz (xler dem etitoph)'sisci>en Geseu m entsprechen, 
demgcmStss verfahren: die Rectangulaiitat ihres Ver- 
fahrens liegt' denn auch sowohl in der Gleichung, via 

aut h i'i ilrr .nalyn'si h-i;eotnetiisclieti (.'iirve Qbenill ZU 
Tage; ein Irrlltum kann niciit stattfiaiicn. 

Trota der Geschicklichkeit der Mathematiker in 
ihrer Kunst, sind sie doch, kleinlaut gemadU durch 

<leti !'r-r»-ilwillij: vers< hluckten Widers])nu h de^ l'n- 
eniUith-Kleiiien, und wie hypnutisirt durch das ewige 
Hinstarren auf die rAtlisdhaft^fascinirende Gestalt des 

Bniches hinter den Sinn ihres hicropluuitisc-lien 

US 

\'erfahrcns Jiie gekotumcn. .\ngt>ii lil-s der Wichlig- 
kdt der Sache sei mir fdgcndc Abschweifung ge- 

Statiel. 

Ihre L"nf;ihi>,'k(:it, erkeiuitnissthe. irrtis< h riehtig zu 
denken, veiTathen die „unendlich kleinen" Mathe- 
matiker deutlich darin, daaa sie mit Verachlutig aller 
erkenntnisatlieoretisclieit Grcnxen sclireil>en: 

y rfjf = Ja.dx, 
wahrend es lieisscn mtiss: 



— u, 



oder ff = ax. 

Folgende ansc hauliche Xelieneinandersieilung dei 
zw ei mathmn itLschcn Sprachen giebt ein deutliches 

iiiUl liiic.s L'jileliH.'hivüe9>: 



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iqo2.] PSYCHlATKlSCH-NEURi 



DifbrcnlialrccfanuiiK GcwalmlidK Malheimiac 



l I 

links die Spradie der Metaphysik, das Unatiagedehnte, 

I'unrtucllc . Coinslaittc, tlcr Inhalt {A\: rcn liLs ilie 
SpiuLiiL' It r rii) sik, (las An.sgi-4ldinte, Veiaiideriiche, 
die l'unii, ihis liilq;rak (t^). 

Man seht, da» mai mit der GrOne k = , 

dem H»ndschuli für die • i>ii.staniu Hand A, machen 

kann, w'.i-» in.iii will, iiiii-stül|><"ii. eiiistftlp<-ii, zusai^Mteii- 
Icgeii. 2UiHHiuiucitruilt.li, au^eiiiaitdcTUK kclii, aulblascii : 
immer bleibt es dasselbe, t»u lange A besteht, d. h. 
M> laiij;»- ila>s<-'ll»c melaj>liysiM lic Wesen liinUT «let 
Er^t hciimn'_' sieht; .m> lange iler Knaiilialsat/. «lic 
tjidchwcrtlugkt il aller dieser Furuiuinwaiidluiigeii ver- 
bargt, und 80 lange »ein eisernes Gcaelz auch die 
kit insto Abweichung eines Zuviel i>der Zuwenig ver- 
weint. Man erkennt aufs Deutlii.hsle den Fehler, 
eme mutlicmutisthe Glcieimug ein n l h e l i 8 < h es 
Urthdl zu nennen, und erkennt das GleichgOltige 
aller Matiipulationen mit endlichen Werthen der 
Veritnderlu iien. 

I« li ;,'lavil)<-, dass die Hinsieht in die ( 1 1 eirh gitl- 
tigkcil der inaihentatis« heii Furmumu'andlungeii, der 
Zeitraiimlichkeil eines Voigaitg» in Hinsicht auf den 
Werth der Sache s>'ll'st, d<-ii (M-dankeii der Differen- 
tialre« hnting im Kopf des grossen Newton zueret er- 
Kcugi lutbc: er «-nllte aHe Verschiedenheiten der xeit- 
taumlicben Daten tn einem einzigen Denkact zuaam« 
mendenken und so von ihnen abstrabiren, 

.S> erhielt er, im Fall«' fh-r astroi- nii-i fi n Teii- 
tralbcwt^ung. die cuDülaiite Beziehung der Wclt- 
körper zu einander ganz unabliäii^ig von ihrer je- 
weiligen Ejige, die vielmehr von jener bestimmt wird. 
F,r irtusste daltci ufTtMihar uns d<?r Sehwercebenc , in 
der die zdträumliche Ausddrnung ^== Bewcgiiiig) vor 
sich gelu, gandirh hcranslrclvn , sich alsi> «tenkrecht 
daia Mellen. Er srhaulp, cnlfrcmdet, in dne neue 
Wdt des Wesens selbst him in, in tlif; '■in-t <|, r Kilnstler- 
FbUutK>ph Platu liiiieingcschen liatle; wo die Ideen, die 
Geister der Effichlagenen, die Srhiller'sche HGestalt" 
hau-Hcn ; das Land der „intclh-i uielten .\risi hauung." wn 
die höchste Altstruetiunskraft den iueg Ober sich selber 
feien) darf, ohne Widerspruch. 

Diese nawomenachauende, synthetiBcher genialiach- 



:Hli WOCHENSCHRIFT. 15 



kttnstleriiiche Newton'sche Art der Differentiation 

ist die cigcntli« hc S|>rache der Metaphysk, der I.elire 

V«>lii Inhalt, der \'cr^ iri^itr- .<ll. r I"<innen, uiul führt 
auch aileiii zum \ erstandniss des Wesens dieser 
Rechnungfian. Newton bedurfte fttr seine Flucht aus 
der Welt (h-r Veränderlichkeit in die Weh <lerCini- 
■>t;iii/, keiner besnndereri Ausdrucksweise; wohl aber 
bedurfte einer solchen der üi^isccireiidc Ver-tland eines 
L c i b n i z , der sie aui'h fand. Der Gedanke war leicht 

und sei uriiliUi was für j*sle Zeit ;;ilt, d.is gilt auch 
für den Zcit|.uiul, die aus(lehniu><."v*"^'' /'il, <f:is 
„Zeildifiercnlial": damit war die Spraciie der Mcui- 
ph3-!tik in eine Rechnungsart \-erwandelt und in ein 
Lehrgebilnde, wie eine solch« /u ci^enien sei. 

In der That füllten, wie tmig 0° und laug '.W* 
zeigen, z*ei Tliorc au.s der Xeiilichkeil oder der Welt 
dea Veranderliciien hinaus, deren gl eich werth ige 
Grenzen Null und Uncndiit h sin<i. I).- h ist ein Unter- 
s« hied; das zur F.inlu-it und C'onstattz /usamniengefasstc 
L'ncndüche ist etwas; tier Gedanke kaiui «ich daran 
festliallen und jenseits der Veränderlichkeit sich em 
Gebiet von cunstanten Werthen wolil vor^tdlen. Mit 
der NiiH alx r kann man gar nichts anfangen. Die 
Mathematiker wären die Letzten gewesen, zur ße- 
grOndung ihres stolxen Gebäudes ein so unsicheres 
Ding, wie die Meta|)h\sik, zu Hülfe zu rufen, und 
sidicrlich halten weder Leibniz noch seine Schüler 
etoo Ahnung davon, dass sie sich mit ihren DWeren- 
tialglcichungen in eine neue und ganzlich venchiedene 

Wdt lu'nein bcg< be-t 

Man kann, wenn man will, den Gedanken der 
Differentialrcclinung bis zu Diophantcs zurOch 
\'erfo1gen, der zuerst in der Gleidiung etwas Cun- 
st.mtcs iiml efsv,i> WT.'indcrIii lies unlerschieil. Nach 
Dccartes' grosser üynllietisdter Tiiat war üire 
Entdeckung nur noch eine Frage der 2!eit: die 
Gleichung selbst wurde zum r.esetz der Curve. 

T.eibniz ülH-rvetzte Newti.r's '^danken, vor 
«les^n zusauinienM.iiauendeu) Hlick die Grenze 
zwisdica Physik und Mcthaphysik verschwand, in 
das inatJiematlschc Schlag«- erk t,t 1 ; I. d«r f'onstanz- 
brtrachtung die streng niathrtnatis< he Form: freilich 
um einen ungdieureii I^ei--., den zu eniricUten dem 
gewandten P1nluso|'>hen viellekrht selbst nicht so schwer 
ankam, um so schwerer aber allen Denen, die, ohne 
das Opfer des Verstandes brinjien zu k<'itinen, seine 
Schüler werden wollten; nämlich um den Preis, den 
UnctidlichkeitsbcgriflT (um der Null zu entgehen) in 
die Welt <lcr Kndlichkcit hinein zu tragen. Die 
l l.il »phischen Winkelzüge der Mathematiker in der 
bcsclioiiigung dieses Gesvallitraclis sind einfach 
schändlich. Aber so fest ist das Gefi^ge der mathe- 



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i6 



PSYCHlATKlbCH-N KUKüLUGI.SCH E WüCHENSCHRlin-. 



[Nr. 



inatnchen Fonn» draa man ohne Veratjlndni»i der 

Sai Iif Differentiirrti lernen kann, wenn man sich nur 
eiits( hlusüen hat, jenen Widerspruch niil Haut und 
Haaren hinunter zu sdilucken. Indessen irren heute 
nuclt S< hi'ilor utnhcr mit der Fiage, was man denn 
cigcntlit h mit der r)iffcr<'nli:!lrc< hnung \vi>llf. und er- 
halten keine Autwort. Die Thatsachc der Diffe- 
Tcntralrechnuug ist der starice Schild, hinter den sich 
die crliabcnc l'nnalibarkrit des Meisters verbirgt; erst 
Id.igl dor S<lu'ilcr seinen diiinnicn Vcrstainl an; ,s|i;Ufr, 
in äciiicr Kuiiül geübt, bet/.t er mit Lust da» iiiathc- 
matische Schlagwerk in Gang, olmc sich mehr an die 
Sfüiwcren Stunden dos Kintritts in die Ixiiurc Mathe- 
matik zu erinnern , d. h. des Kintritts in die .Meta- 
plt):>ik, olmc zu wissen I Icli habe schun ander- 
wflrts hcrvmgehoben, dass es dem atisigestnchhete» 
Matlioniatiker P. Dann egger dun Ii den He;;riff der 
Coiislanz gelungen ist, sii h ganz scIlislJSndig eiin-n Weg 
zum VcrsUlndniä.s dci Dit'fi-rcuüalicUinung «u li.Uiucn, 
indem eben der BegrifT der Cooslanx ihn beßüugtc, 
den Difrerentiali|miticnten iüs ilas auf/ur.iasen, was er 
ist, nnmiicli als blosses Zeichen, den JRQckwiq^ zum 
Integral wieder zu fiiidca *) 

Denn, woratif die matliematische Differentialion 
immer ausgela , das Ist, die Gmstanz aus der lliille 
der Zeitlielikeit su< t cssive lierau.szu.seltäleii. .Sie \cr- 
wandclt deu Cubus in die FUiiiie, die Flüche in eine 
Ordinate.*') Diflerentiiren heiast llinausdenlten, Ab- 



*) DanneKirer hat, «tieesehni von der von Ihm und 

mir x"^™'-"'"^*^!'-'"''' f' htrausfp-ncliciJpn .Schrift „Mt'liiphysiM:lie 
Aiifaiij{«Enjn(lc der nuthcni.itixhcii Wiiwi)«~luftcn'", Seine Ge- 
<lanketi nur noch in einem Si liulj)n>};iamm drt .'\('ltcrbnu>,chttle 
ta SigmarioBCo niedergelegt. Er behandelt d.vin die Frage, 
wie weit Rinn von den GnindaStaen der hSberen Mathemaitk 
sclioil in '1' :- i ileien Schulen (iebruucli machen kAnne uml 
reißt il)c Müglii'hktiit All HK-hicren Beispielen, Dau dies jclt\ 
};cscbchehea mflsce, ««na Mcupbysik eine Wiaaemckaft, und 
Diffi reiitialrechaung ihre Spiwlie i«t, »tcht »»««er Fnii;c. Man 
ccl.ingi znm VentBBiIni» der hSberen Maihcniatik nicht durch 
die nictlcre. sündcra vmgeliehtt : Wie Meiapiiy«iii Fhjrsilc crklürt, 
nicht umgekehrt. 

**) Ein MathematiltCT madite geicea meine DeGoitHNi der 
DilTercntiation die tinweiidumj, dass sie zu cn^'c sei, nur die 
I'utenicen belrelle, iil)ct 2. B. die Gleichung y ^ c* nicht Ix- 
rOhre, deren Al>leitun>;cn j" u. 8. «■ immer » ifder »*• e* tKWn. 
Der geebcte Kritiker bemerkte nieht, welche BiHise er «ich 
gab. Denn er kennle «ich woM Unter den Srhirm fluchten, 
selbst nuhl /n » i««cn. w.is für ein Voitan;; bei der Diffcren- 
tiatioo »tattiuide, nicht gut aber, data ttbetbaupl nichts vorgehe, 
wolHr «da B«spiel doch tu sprechen adiehil. Sicherlich wSie 
seine Deiinition, wie si« auch lauten nnxlite , aUdann cUcnf.ills 
zu enge ausjiff.dlen. Noch weniger at>iT «itd iliin licwusst f^c- 
■rescn sein, <\m> sein Ilcis)iitl eine (;IUn/endp B<>(.iligiiiij; 
muDcr AuffaHung colbttlt e* in eine Conttaate, die in un- 
bestimmt vielen Dhncmianen amgedehnt iai. Erdieilt man 
c cioco eadlicben Werth, so verwandelt «idi der Auadnidi in 



strahircn, Dunennonen wie Geweihe abwerfen, die in 
(!<;r Frt^liliiigswelt der Intqration vi« neuem waclisen 

sullen; z. B. 

y — a .X x 
ax 



Ich fiige diesem parenthetischen Streifnig ins Ge- 
biet der Mathematik noch hinau, dass die Verhalt- 

nissanalogie iler Differentialref linung un<l der Vnriatioiis- 
reehnung des Lagrange einerseits, und der zeitlich- 
pliysischen und der zeitlos-metaphysischen Erkenntnis» 
andererseits, — das Recht, das Metapityaik verleiht, 
in ihr Gebiet der Constanz am Ii den Begriff der V<^r- 
ilnderlichkcit zu übertragen, nur eben nii ht den Be- 
griir der zeitlichen Veidnderlirhkeit, — eine der 
schönsten Coincidenzen der Wissenschaft ist, die es 
geben kann; deren Werthsclifltzung aber mehr |>liih>- 



dne conttunle Urtt»se, die aucti mein Gegner nicht wird diUe- 
lentilrea wollen. Das Beinpid gitt also nur ftr tr <=> v . und 

nun mCt^' er arifaiiijen /.u diilcrenl.if rn n lrr, m h ni'-'T .^r An- 
^'•ilie, lu ilcd i nie n sio n i r c n , CHI r ut m ^uiden-n ab- 

zuwerfen, und inVi^f (bliei die (ieduld nicht verlieren. Was 
heraoskonimi, i*i in der That immer wieder die GrQsac e« ; er 
kommt «lem Ziel nicht nlher. 

OaSscll)c zci;;! hu:, .m 1<_r Ditfer<'nlialion >: r Kfi^functioncn. 
Da die Üiflerenlialrecfanun^, wie wir oben suhlen, die Sprache 
der Melaphyiik ist, d. b. durch for^^cseiatcs Abatoisen der 
fofiii.ilcn Dini'.n>.iiMien «Icii Inh.dt herausMjliält, Inli.ilt aS>cr a\if 
Form jeiikiechi steht, txj ut kbr. dau div Dillcieutiolcuustaiilc 
dei Sisus nur immer wieder der Cosinua «eis kann, und um- 
gehebrt. 

Die Diacuttian des Auidnicks «« giebt Aniai« tu einer 

weiteren Bcnicrliuni;. N'ach Obi^^ni ist es (•l>ensri« olil ein 
Ditiemiliiil als eiu Integral und iit iu diesem Sinne der «da«. 
quate Ansdruek fBr di« metaphysische Seins- 
trössc. Wir hatten schon oben (im JI. Theil) ycsapt. im 
Vcrhältniss lum formalen, dreidimensionalen, physischen 
i'scixlüinbalt mösx- da« nu-taphysisihe Inhalts- Integral als 
Körper von unendlich vielen Dimensionen aufgefawt werden, 
da et ja auf allen Punkten von seinem Geeensats, dem Objed, 
umgeben isl. Wir h.ilten ferner durch die Ficur o, Seile i "6, 
eilüutert . dass Wegnahme odrr llinzuliigon von Dimensionen 
an der metaphysischen Scintfiösse nichts Jlndeie; d.tss ein 
eigentliches DiiTerenlüren oder Inlcgiiren hicifaei nicht stall- 
finde, und twar deswegen nieht, weil das Metapfaysisclie die 
Zeit nicht eiithSll, nur im R.ium vcr^lndr-rlicli ist. Ffierölxrr 
spricht sich nun der AuMiruck »«, alt Träger einer constanien 
Seinigrttfse e, mit aller Deailiebkeit traa. 

M.in wir' 1 r .Sprache der Matliem.Hik, r'i"=:pr". ill- 
komnieitstcii Weilc^eu^ d« meii.%ihli( hen (leisics, die ikr» uiiditi^iäg 
nicht versagen können. Sie ;;iel>t auch da eine richtige 
Antwon, wo die du vorgelcB« Aufeabe ihre Tragweite fibcr- 
scbfcitel. Mctaphy»ik aber iat im Stande, die todle Fonn ndf 
dem hcniichaten Inhalt 



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»7 



jjophischcs Vcn>tändui^iS der Matlieiiiutik voraussetzt, 
9k die vere&i%ten Wksenachaften der Mathematik, 
Flnfesophie und Naturwiaaenschaft Mäher au> aich 

hervoi);cbracht haben. 

Vergleiiht man nun mit dem .\bstrattionsvurgang 
der mathematiädien Diffcrentiatiou die spradiliclie 
Begriflsbildtmg, die den Menachen befähigt, auch ohne 
Gegenwart des 1 1 c I m Ii u i t z'schen IntegralbcsriHs 
«Kler des sinnli licn « il jr( eine V erstellung davon 
in sich her\'orzuruf cn , so bemerkt man sufarl die 
Aehnlichkeit und die Verschiedenheit des Vorganges. 

i^uerst wird die erste Dimension der Empflmhmgs- 
grusse ahjipstt issen , und an ihre Stelle tritt (dem 
Diffcrentiaiquoticntai entsprechend) ein Zeichen, 
das die Rflckkehr zur Int^ralion wieder mflglich 
macht: der articulirte Laut. Sn ist aus dem drei- 
dimensionalen Vorstellunirscrpbildc eines Iwstimmlen 
cinliufigen Thier(s der zweidimensionale Begrilf „Pferd" 
entstanden, ans dem also, b& auf das weaentliche 
Oller characteristischc PrSdicat der Einluifig- 
keit, alle .mdrren Formalbestimmungcn hinausgedacht 
worden sind, und der den»gcmüss alle Eiiizelvorstel- 
lunge», wenn sie nur dem rharacteiistiachen Pifldicat 
Genüge leisleii, in sich befassen kann In dieser zwei- 
iliniensinnalfM Gfstalt eiitspri< ht dei difliTcntiiitc logn- 
ccntristiie Bcgriü der metaphysischen Synihe.se aus 
Inlialt und Form: A. = A*. d. h. einem Begriff 
(i)ii-riiaupt, und man iibt-i^ii^ht sofmt, dass der Ein- 
|i<-iKtrii'li d«-i iinah'tiM lien Vciiiiinftllililigkcit sich die 
Gelegenheit nicht i;ntgchen lu.ssen werde, den Ab- 
sMssungsvnrgang nocti einmal au wiederholen, ein 
zweites .Mal zu differetüiircn und sich zur Bestimmung 
des Begriffs mit dti einfachen Grosse A genügen zu 
Usscnj in diesem Fall mit der wesentlichen Be- 
grifüdieslimmttng der Einhuligkeit sss t^^. So entstdicn 
«ftimatiiclie substantivirte Kigetisthaflsbrgriffc, die in 
so ungeheurer Aii/.i!il das IngocxM» Irische Gebiet i>e- 
volkern: »ic sind tiie l'ruducte einer wiederholten Dif- 
ferentiation, aus der die wcsenllicite Bestimmung übrig 
geblieben ist 

Bis hierher ist die .\iialogic der zw« ! \ergliclieiicn 
\'eifalirunj;swei«en so vollstilndig, d.is> niaii nicht nur 
berechtigt ist, die sprachbegiiffliclic .Mxsliai tion Diffe- 
rentiation zu nennen, sundcm aucli als das gemein- 
«ime Wesen der Differentialii ii ni ii.nipt das SUC- 
rcssiv wiederholte .M'Stossen der Dimensionen eines 
Begriffs, bis zur übrigbleibenden letzten Dinieiisinn, 
anznseheo. 

Aber die crkennlniaatheorettsdi Oberaus wichtigen 
Unterschiede müssen andererseits gebalirend her\-or- 
gehoben werden. 



Ihrem apriorisch en *), d. h. auf Meialogik und 
Metaphysik zurikckverweiBenden Character und ihrem 

subje*.-tlven, vom Object ganz unabhängigen Unprang 
getreu. verffShil Matfiematik in allen Punkten rnrrecl • 
aus den tau.senüerlei formalen Umhüllungen schält 
sie den Inhalt heraus, der sich in der zuletzt ttbrig 
bleibenden cunstanten Gn'Wse darstellt; der ganze 
Prucess ist durchsichtig und klar von .\nfang bis zu 
Ende. Bei der aposteriorischen Erkenntoiss 
tritt vor alkw» die Umkehrung des no oc ent ri achen 
Standpunkts, der ■ii>gcnannte geoeenlrische Irrthum, 
in die Quere, <!< r das letzte Glied der durrh und 
durch formalen Bcgriffssynüicse für einen Seins - 
inhalt und die VorsteOung fflr das die Empfindung 
und Vorstellung erzeugende Object nimmt. Die 
ganze Welt wird dadurch auf den Knpf oc«tellt, (wie 
detm ein Mensch, der sich auf meiner Kciina piäseu- 
tiit, thataflchiicb auf dem Kopf atdit,) und es koaiet 
MObe, die Begriffsverschiebungen erkcnntnisstheoretiscb 
richtin; zu stellen. Was überhaupt an mrt.iph\ siv hem 
Inhalt m der ganzen Synthese enthalten ist, steck 
im Form inhalt der Empfindung, dem ersigegebenen 
Element ; gerade dieses aber wird in der sprachlichen 
Diffcrenti;ition zuerst entfernt, und der logo( entrische 
Inhaltsbqjriff wird dem allerunsidicrstcn, weil nur räum- 
lich •sjmthetisGhen, Element der dritten Dimension 
Ol>ertnigen. Diese kann dann ebenfalls ciufernt werden, 
und ülirig bleibt als weseiitlir her Bcslantitheil des 
ganzen Begriffs, nicht etwa ein Element des. Seins, 
sondern die Form der Fonn, die bestimmende Eigen* 
Schaft, die vorlclzle Dimension. 

In dieser Durchbrechung und Verwirrung aller 
erkenntnissthcnretischcr Grenzen kaun von mathema- 
tischer Strenge der Differentiation nicht mehr die 
Rede sein. Die Unahnlichkeit wird hier so gross, 
dass Kant entschuldigt ist, wenn er die logocentrische 
Bcgiiifsbiidung sogui' für einen .■\ct der S^ nthesis an- 
sah. Die Unsicherheit steckt sowohl in der „Sub- 
j«^clivit;it" der Knipfindungsdaten. <1. h. in ihrer nur 
individuellen Gültigkeit, als auch in der gesetzlosen, 
dem Zufall und der WillkOr unterworfenen zweiten 
S\'ntliese, (der i^uxam men fassung aller empündungs- 
haltigen Foriualbccriffe zum Pseudoinhalt dc^s „Gt'gen- 
stan<les",| die im Raum geschielit. Verkiss ist nur auf 
die enantiale Gleichheit der in der Zeiteinheit des 
Denkens verbundenen, also rectangularen Dimensionen 

*) H» ist immer cia wahres Vergnügen, mit Jen unjtert.- 
lieben Bej^ilblNstiminunKeQ der TrsHSti*iiHtnisipHitlmophie «u> 
»aiiinifn/.»tirfl'cii uml so ihren Werth zu demon»(riren. Syn- 
ilictvs »ption allcrJing* ein Widersprach; aber class matbe* 
m:iti.«cli<- itrtheile «prior isehe «lad, wird Nicnand to leicht 
widcfl^cn können. 



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i8 



der aufs Bevussfaeia bemgcncn, als<> v urg estel Iten 
Empfindung, in der allein sidi das cihnphysische Ge- 
setz vcrwirkliclit. I)araii utul an <icr Unvcrbrüclilicli- 
kdt des gcucciiuisihen IrritiutiK hat iiidcjsscti das 
physische Erkennen Halts genii<^, um sich in der 
Welt des Objects n)it j;rti><scr Siclicrheit zuiei ht zu 
/inden. Beim Mciisrlien macht tlie Müufipfkeil der 
Vergleidiuiig zwiücheii VVuit- uitd Wiiklichkeitsbegtiff 
und der Denkdrchung. die dabei stattfindet, uml deren 
man sich wcj^en der < ietfiufigkeil ii»-s Vc irgaiigs kaum 
i-.f,vii<i<;t itil Si' h' tlieit im (jebrau<'h «los ersten 

leren iiatumsücgntts um au gri>!iscr, als dieser ja 
eine Rflcldcehr xtir qtiadratiachen Uijestalt des Be- 
grifft bedeutet. Allein beim zwcitet) Differential, l>ei 
den St (genannte n abstrat ten Regriffen ist aller Halt 
verloren. Ein Bcgnffis!>tab ist noch vurluuiiicn, dic 
Form der Form, an der das charactetiaiische Attribut 
lies fnhahs, n.'Unllch die Constanz, nur n<i<:h in der 
c<U)»t<mtcn Fuini »tes ariiculiUen Lautes erlialtcn ist. 
In diesen tüneiulen .Schlau« h kann Alles gepackt 
werden, was drein geht und nicht drein geht. Diene 
iJcgriffc fügen si<h der logisthen Form ihs l'rlheils 
gerade m> gut, wie ihre Integrale, vnn denen sie ab- 
geleitet sind, und eignen sich trefilidi dazu, den 
fressenden Wurm des verdeckten Widenpraclis durch 
die gl.'lnzentisten DediK tii 'neu zu s4 liIe|H)eM und sie 
dadurch wcrthlos zu machen. Und gerade diese i^c- 
griffe liabon fDr deit Menschen die grnsstc Bedeutung 
und Tragweite. Von jeher haben die grossen Denker 
der Menscliheit .Mlt-s aufg<-l > . um den Inlialt 
Milchcr Abstractifincn üicher und richtig zu steilen; ja, 
ihre GrOase besteht geradem in der Reinheit ihrer 
Grundbegriffe. In der Thal lianilclt es sich um eine 
Richtigstellung. Denn «las aus Siihjecl und Prü- 
dicai bc^lclieiulc Urteil ist der zerlegte Begriff, also 
das «erlegte Quadrat, denen Dimensionen (als Inhalt 
und F<inn) einander gleich gesetzt werden, und ein 
richtiLi > Urlheil ist daiier ein sulches, dessen 
DimensiL»nen reclitwinklig auf einander sfeheii. Aber 
wo ist im Gebiet des Abstracten, so wie es in der 
Ansclumlichkeit der maila-niatischen (jr.issenlelire \or- 
handc-n ist, das Kii htsi hcit, ilas die ."schief« irikligkeit 
der gebrauchten Begritfe s<jfuil aufzogen würde.-' 

Allerdings giebt es ein solches in der strengen 

( j ep en sJi t z lic h k e i t der Begrilfe, dem lugisihen 
.\ec|uivalr iit (!■ r riiatliematischcn kectangularit.'il Uchei- 
all. Wo die auf der Ilühu der .^bslratlicin gelirauclucn 
BegriRe als reine G(;gcnsatee nachgewiesen werden 
kAnnen, (denen alsf. im letzten Grund der Urgegen- 
s.ilz von Inh.ilt und Foiin unterliegen mnss,) da ge- 
winnt auch die D.n6le!lung der spcculaliven V'ernunfi 
den Grad matheitiatiscberGeu-issheit uder nähert sich 



[Nr. 2. 



ihr in demsetben Maasse an. Es ist das gemein«me 
Merkmal der grossen Eizeugniase der Literatur, dass 

sie der Prüfung in ciicsrr Hi!>tr-lil St;{n<l halten, und 
nichUj ist leichter für Den, der gewohnt ist, rectan- 
gular oder streng gegensätzlich zu denken, als den 
Werth oder Unwerth einer .Schrift nach diesem Kri- 
terium auf den <isi(ii Blick zu erkennen*). So ist 
die ganze orientalische s{>eculalive Literatur in wissen- 
schaftlicher Hiiuicht werthlos, so hoch sie als £r- 
äBeugniss dichterischen (jeistes stehen mag. Erst die 
hohe V'erni'inftigkcit der Griechen ctli il si< ii -mr 
Klarheit leioer Gegensätze. Wir halten s« hon oben 
darauf hingewiesen, dass die Geburtsstunde der wissen* 
schaftlu hen Speculation, d. h. der l'hilos< inhie, damals 
schlug, als es Thaies gr'ri^. sein Denken iler 
Zeit in den Kaum, als" um einen rechten \\ inkcl zu 
drehen, und der dialektischen Methode des Sokrates, 
<lie nichi-- ii ileres ist, als (hts Bestreben, durch immer 
wie<leiholte logi.sche rrüfung einen abslva<tcii BegiiM 
richtig d. h. rectaugular zu stellen, liat der gcsainiiUc 
Orientatismus nichts an die Seite au stellen. Und 
»»Ute nicht FliiKisopIiii (il erluuipt die Missa<iilung, 
in <ler sie steht, dem l'mslaiul zu \erdaiiken haben, 
dass sie gar oft grieclii.sclie Strenge im Denken yer- 
mnsen Hast? 

Das DifTerential mu«s, wie Form auf Inhalt, auf 
dem Intregal senkrecht stehen. Ist dies inneihalb 
der loguctintrischcn Begriffswclt der Fall, .to füllt .sieh 
das Gebiet des vcrnOnftigen Denkens mit dem wcrth- 
vollsten .Maleii.il, dnr< h das der Mensi Ii die ganze 
\\ elt dem w'L<t.seuM-luiftliclien Versl.indniss unterwerfen 
und sich zu ihrem Herrsirher machen kann. Es ist 
aber überaus bemerkeiiswcrth, dass erat, seitdem das 
«lialektische F.xi'i'nincT.tirrn (Irr Phil i-; iphrn durch 
das exMCte ExpcriiiiciU der Naturforscher ersetzt wurden 
ist, ein »i ansserordentKdu»' Fortschritt in der wissen- 
schaftlichen Eikcnntniss des Seienden, wie heute, ge- 
niacht wurde. Wir sehen leicht den (Irund davon 
ein: vuii einer durdi unbefangene Beobachtung ge« 
.sicherten iittegialen Grundlage steigen die Natur- 
forsther an der Hand der M.ithematik zu immer 
hr.hercn Diffeientialbogriffen, immer bereit ei?n- Wahr- 
heit (HyjK»tliese, Thc<trie) durch eine besser be- 
gründete zu ersetzen, d. h. an der ciatrcbten Rcctan- 
gularität ihrer Hegrilie eine gCliauere Cäiroctur an» 
zuliriiigeii. Die Philosophen verfuhren immer um- 
gckclat uikd iategrirteii ilire .s|»eculalivci) Abslracliunen, 

•) Schopenhauer branchtp. wie er s,isri , nur ilic erste 
Seite eine» Buches tu les<.-n. um urlhcilcn tu fc^iniien , nli e% 
lcsi-n»wcrlli sei. l'nu'illkiirltcli , und ohne d.ivr i /u * ssen» 
tieas er das (iiltcrw«rk der Coordinalen icinc« kl^itca Ucokeut 
auf den Aalor swlt liier«bseiikca und wottle dann ffnag. 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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»9 



d. h. Düferentälbc^iiire, deren Heikinift kdnesvregs 
inuner einer streog-wissenschaftUi'hen Prüfung unter- 
z<»gcn wurdet» wäret), ja, <lie sc^rnr auMlrütkliih eine 
IlcimaUbcrcchligung in einer Knalirutig verschmalilei»! 
Wissenschaft weist solches Ansinnen zurflrk. Zwar 
gtlatig es ilciu s])ccni.ilivcii Denker imtncr, die Wirk- 
lichkeit mit seilen ( «Mindbegriffeii in Einklatiif zu 
btini;en*i; er kojuuc sagen: ihe Inlegratioti iticiticr 

*) Da» schOiute Beispiel liefert Kant in der Kritik der 
reinen Vernnnft. Nach der Entdeckung der Subjeclivim von 

R . -.ni UM 1 /'•il musste ein reiner TkiTitiiisstlicoiclisclKrr Iilc.i- 
iKttiiM ful]>ci), der Mch ebenso flotliwcndig durch eiuen rcineo 



Dtfferentiaibegriffe ist erreidtt ' aber f mich nur 
nicht wie! 



Realinm» im San einer tnetaphysisetien Ontolagie bitte tr- 

K^inzcn mus»fii lern aber !itan<l der .iltpewohotc Rationa- 

liiiniK eiit^cycn. K.iut war kGiDe«wcj;s gewillt, die Realitit 
der Au«*eiiwell aubugeben. Den Mealittis^a GruadfedanleeB 
in den togenanaten «mpiriscben Realimiit atuUnrea lassen zu 
Iti'Snitc-n, da« eben «ollte der K^w;ilttame Gedatikcoganß der 
Kiitik tier reinen Vernunft bvsurgcn. tinc leise Schicfwinit- 
licUkeit, über eine lange Denkflücha verlbeilt, vemutg den Denker 
fifaer tidi aelbit, »wie den Leter tu tStuclwn. Bs Fhüaaopbf 
<ter io seinen BciiritTcn von der ItrcngCB GesCMÜttiicIlkcit sIh 
weicht, ist siciier verloren. 

(Fwtwlittai folgt.) 



Wichtige Entscheidungen auf dem Gebiete der gerichtlichen Psychiatrie. 

Aus der jurislinchen Fachlitteralur des Jahres 1901 zusammengestellt 
wa Dr. Eriut Schmitt*, Andenach. 
(SdihHs). 



F-ikemilms!) <li-s Rei« lism-richts IV. 1. S. i, S. Rotu licr 
c. BOtldicr vum 4. Mürx, 1901 Nr. 3ä«>/ii)ou IV. 
rr. I. O. L. G. Celle. 
Die Klägerin hat beantragt, auf Grand des § i 
tlos I?üi:;i rüt lien (j»'>et/.lnii h-; rlic F.lic ih-r I'.iiti i. n 
iu M^heidcn, indtiiu behauptet, dass ihr Kiictnanik 
in Geistcskr<inl:heit verfallen sei, und diese seit Iflngcr 
als <lrei Jahren währetul der Ehe bestehe und einen 
sxlrhen Cjrad orreii tit iialM-, dav» dif i;ri\iir;r < ;f<inein- 
mImiU icwisi lien den Kli<-;;atlcn uhne jede Au-ssichi 
auf WicderhcniteHunf! aufgehoben »et. Der Vormund 
des Ucklagtcn lial die Ahwci.sunj; d<-r Klage lnMiilrai;t. 
Da.s I^iiidgcrirlit hat die Klage allgewi<'^^■n, Die Hi- 
ruluiig «.(er Klägerin i!>t durcli da» ttbenbezeichnetc 
Urthcil des OberiHndcsKerichts xurtirkgcwiesen. Auf 
Kevision drr Kl.'igeiin i>i «Ins HiTtifun((SurthcU auf* 
gehoben und die Sache an die Vorinstanz zurück(;e- 
wiesen. 

Gründe. 

Das BenifungsurtheH beruht auf der Annahme, 

<las.s nai h dem Giita( ht< >i des iir/ili« h<''ii S-uhser- 
stütidigen. FWe^sors Dr. t ., der Beklagte nieht an 
Gebrtesknnkhejt leide, ci-cnl. aber die etwa vor- 
handene Geisteskrankheit nicht etncn solchen Grad 

em'ii lit habe, «ias.s «he c<''i'-iigc ncineiiiM hafi iinlfi 
den Ehegatten (ilnic jede Au^ksiiht auf Wiedcrhcr- 
stdlung aufgehoben sei. 

Diese liq^nindiing lnu^^ lifaiisiatulet werden. 
In ATTichunj <U t Fnije, ob <lei Beklagte an 
Geisieskrankheil leidet, bedarf es nadi Lage der 

Sache nicht einer gnmdsataiii-hen Entacheidong da- 



rüber, ob (kr ^ i.S^JO <hs Hürgerliihen Geselzbuclis 
einem Ehegatten die .Vlicidungskls^e nur im Falle 
der GeisteskianMtdt oder audi un Falle der Geistes- 
achwachc des anderen Ehegatten gicbt. Die Kl.'igerin 
h u Itehaiiplel, das.s der Beklagte an Ceis'.oki.mVhcit 
lcid<-. D;ls Beruf ung«geticht ist gegenüber dieser Be- 
hauptung dem Gutachten des Sadivetslflndigen C. 
gcfitlgt Diese WOrdtgting gicbt aber zu Bedenken 
Anlass. Der .Sa« livcr.st^iiidige ha? i.< i irn»r ifwcirna- 
ligeii Veruclttutuig sieh im We.sentlR lien überein- 
stimmend dahin getttissert: 

Der Beklagte sei im Jaltre iHiy^ geisteskrank 
gt-wescn. Fr habe sii h aber im I^'iufo der Zeit 
gebessert Gegenwärtig s>ei er im Sinne des 
Bürgerlichen Gesetstbitcks geistessrhwarh . im 
wissenwhafllii lien Sini>e auch gcislcskranl.. Fr 
leiile an sekundärer Demenz .uif d<'m Rndi:ri des 
( hruni^ielicn Alk>>litjU>mus im .Vnhclilu&s an ein 
delirium tremens. 

Dieses GuUK-litcti bietet aber keine genflgeiide 

("•ruiKlIag«' fiir 'l-i- I*e.int«oitiing der Beweisfrage. 
I>a.vM;lt>c argumenlirt mit ikin Hegrille der Cicisles- 
krankhcit bald im Sinne des Btti^crlichen Gesetzbuchs, 
bald im Sinne der Wbssenschaft. Dabei ist aber das 
\'<Thaltiiiss iiii ht dargelcL;!, iti wel< hi-in beide Regi iffs- 
arleii zu einander stellen. Dits> nia< Iii »ich bet>unders 
ins<>f4>m geltend, als der Sachverständige selbst da- 
von riiiviTht, dass der Beklagte im Jahre iHiij an 
rieisteskrankheit im Sinne des Bürgerlidien Gesetz- 
buchs gelitten liabe, dann nur konslatirt, dass der 
Beklagte skh spaier in gewissem Grade gebessert 



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20 



[Nr. 2. 



htbCi anid achBeKlicli den gegenwärtigen Zwtand de> 
Beklagten doch nicht als abgeschn-achte Geisteskrank- 

licit, sondern als Gcis(ess4.-Invaclie im Sinne des fiflr- 
gerlichen Gesetzbuchs bezeichnet 

Im Zusammenhange hiennit steht das Bedenken, 
welches die Vi>riM»ts< lieidung hinsii liLs der e\ ciUuf llrn 
Frage lurviirnift, ub die etwa vorlwiiuleric (»cistes- 
krankhcit des Beklagten derartig gesteigert int , das» 
demselben das Bewusstsein der eheKchen Gemein- 
si hüh v(">llig und dauernd abhanden gekommen ist 
Das Berufungsgerit lit erwägt liier : 

Nach den) C'&cUen Gutachten betliatigc mi Ii 
das Bewussisdn der dielirhen Gemeinschaft sei- 
tens des Beklagten fort, tlicils krankhaft 
<lnrrh die Eifersm litswalinideen , thcils nidit 
kfiinklutft durch den Widerspruch gegen die 
Scheidung; wie durch Aeossemngen dahin, dass 
er nach L. zurüekkeliK ii uml -i-in Gesi liafl über- 
nehmen wolle, und dass dies M'hun gehen werde, 
wciui seine Frau sich su verhalte wie er. Aller- 
dings bekunde der Sachversiand^e , dasa der 
Beklagte ntxh immer zum Trinken neige und 
beim RiUkfalle gemcingef;ihrli<h werden «ürde, 
deshalb auch seine Entlassung bisher nicht ai>- 
gflngis gwesen sei, sowie, dass auf einen Brief- 
wechsel des Beklagten mit der Kk'igerifi sn wenig 
wie bisher zu rechnen sei. Aber alles das gc- 
nflge nicht im Sinne des § 136g des Büiger- 
lichen Gesetzbuchs. 

Dem gegenüber muss davt)n ausgegang«;» werdi-n, 
dass die eheliche Gemeinschaft ein auf sittlicheti 
Rediten und Pflichten bemhendes Lebensverhaltnias 
Bt, mid dass, wenn von einem Fortbestehen, einer 

ForlbcthJttigung dieser Gi-Tii' irAf b:ift <[>r<M lien wer- 
den soU, entsprechende reale Aidutltspunklc dafür 
»1 erfofdem «faid Nmi hat der Sach^-ecstflndige 
C bei seiner ersten Vcmiehmimg bekundet: 

Die Entl i^simcr ties Deklagten aus der Pro- 
viitzialirrenaiistalt sei bis dahin immer am Mangel 
anderwdter geeigneter Unterbringimg g>.*scheitert. 
Diei5 werde bei der Xalur seiner ( ieisteskrank- 
bei". uiid In! (ii'ii In >li liendcn \'i -■l!.'ilir)!>scn 
auch für die Zukunft geschehen. Deshalb sei 
eine geist^e Gemeinschaft zwischen den Ehe* 
^tten für jetzt und in der Zukunft ausges( Iilossen. 
Zwar sei eine UediJUigung <ler (jeineinscluift 
durch ßricfwecliscl niciit absulut ausgcächl« >sscn, 
aber auf diese Möglichkeit bei der hodtgmdigcn 
Interesselosigkeit des Beklagten nicht zu re< hnen. 
Angesiel, K dii ^er Angaben d<b. Sai hverNtandigen 
wird das Beilenken nahe gelegt, inwiefern sich fUr 
Geigenwart und Zukunft thätsflchUch aodi eine dte- 



Kche, d h. von dem Bewusstsein sittlicher Rechte 
und Pfliditen getragetie Gemeinsdiaft unter den Elte- 
galten ermöglichen s iii j. W.*) p. 29. 

S 1509 B. G. B. 
In die hier geTordertc Dauer von mindestens 3 

lalircn ist auch ilic schon vor dem I. Januar IQOO 
abgelaufene Zeit einzurechnen. 

Urtheil de» L.-Ü. Kaiserslautern vom 3. Mai 190 1. 

D. R.**) Entscheidung Nr. 909. 

l'>weri)sunfäliigk<'it i^t srlmn <iann anzunehmen, 
wenn eine der Lebensstellung de» Bedürftigen ent- 
sprechende Erk'erbsthatigkeit ausgcschtassen erachetnt 
(R.-G. IV. 25. April 1001.) 

D. R. Entscheidungen Nr. 1731. 
Ji lÖ2<j A 3. 

Die durch den vuUjahrtg gewordenen Mündel er- 
dieilte Genehmi,t;ui»g gemüss s iS^q .Vbs. ^ b. C. b. 
inu>s dem anderen Tlieilc ge;;enUber erklärt werden 
unil nicht etwa dem Vonumide gegenüber. 

Nach dem Eintritte der Vulljihrigkeit ist der Vur- 
numd nicht mehr zur Vertretung des Mundds he- 
reehtigt unil kaiu) derselbe d<.-slialb auch keine F.r- 
kk'irungcn mehr für diesen abgeben. Daraus f"lgt, 
dass der Mfindel nur dem anderen Theile gegenQber 
die Genehmigung erklären kann. Der W'orUaut iIcn 
Ge.s<*tzes |§ 1820 Abs. I 1!. spricht zwar 

scheinbar dafür, dass die Erkinruhg ilem Vormunde 
gegenüber zu machen ist, der sie seinerseits dem 
anderen Tliciie milzutbeilen habe. Es darf aber 
nicht übersehen werden, dass in Abs. I die Existenz 
der Vormundschaft vorausgesetzt wird. 

(L-^;. Metz, 2& August igoi). 

D. R. Ents( heiduTi^jr!» Nr. 2023. 
§ 1906; § 27 K. F. G. 

Dm Entscheidung des Vormundsrhafls- bezw. Be- 
schwerdegerichls, dass eine «vorläufige VonnundadMift'* 

i. des B. Cj. B. <i loo*« ^ffTeiif'!i''nf ;ll's erf'<rder- 
licli sei, kann, weil Sat be des rein thats^ichlichen br- 
messensj nicht im Wege der wnteren sofortigen Be- 
schwerde (R. F. G. § 27, 69*, 20, 2<;!f| zur Narli- 
prüfung des (X-L.-G. gebraihi werden, in.sofcin die 
geselidichcn Voraus»el/.ungcn dt» ii^uu im übiigen 
inhaltlich der Feststellungen des Beschwerdegerichts 
(I..-G ) vorliegen. 

Be.si hluss iL • Karlsruhe vom 14. Xo^ 

vcmber igoo. D. R. Entaeheidiuigcn Nr. lu^ii. 
S 1909. 

r)as Vornunids« liafUigeri« lit hat vor Einleitung 
einer Pfie;;s< halt aus !^ i Ab«. I Satz 2 B. G. B. 

*) Juiidiaclie Wmbcnschrift 
Dss Redit 



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21 



zunUclist die funuellc und luateriuUe GQltiglceit des 
Testaments su ptAfen. 
(K. G. 2i. April n)n\). 

D. R. F.ntsi hcidungen Nr. 2^03. 

ji 1910. 

Uebereinstiminend mit „Recht" 19110 S. 516, Kr. 

jHi\ -s~ i BrsicIlung eines Pflegers fllr dnen peistrs- 
kr;u>kcii Bcaiul«^ti im Zwanj;s)x-nsi(>nierUMgs\('rf.ilirf 11. 
Uniiiügliclikcit der Verständigung mit einem Geistes- 
kranken). 

(K.-G. 2t. Januar iqcti). 

D. R. F.nt^heidung Nr. 577. 

Zur gflltigeR Errichtung eines {»rivatsclmftltchen 

Testaments' fct niclit erf<>r<lerli<'li, dass dassellje in 
dciiis« her Spnii he verfasst winl. Das Gesetz st« lll 
vicliuehr bezüglich der Sprache, in welcher ein der- 
artiges Testament zu errichten »t, kein Erfurdernjg» 
auf. 

(K. G. ig. Mai lom). 

D, R. Ki»tsdieidujigen Nr. jjio. 
$ 22^9 A. I. 
Zugelassen ist nur eine Erklärung: Hurrh gc- 
s|>r< »clu'iie ^^''>rle, nirlit dunh .Zeichen, siidass ein 
Testuinctit, l^d dem der Eriichter »ein Einverst.'ind- 
nim lodigtkrh durch Ko|>fnicken »u erkennen gegeben 
hat, nirhtii; ist. 

(0,-L.-G. Stutif;arl, 2^- Mär/. I'jmi i. 

D. K. Enlj.cheidungeii Nr. i.S'ij. 
S 2242 A. I S. 2. 

Die liici \ ' 'i^rschrielM-eie Kfst.slrlluni: im Tt-sta- 
nieiils]>r' it' ik« ill kann nicht <hirch eine n.ti hlKlgHclie 
lics4:i»eieiißiuig des rrolokullanteii , „er luihe das 
Schriftstack dem Kranken . . . vcHißdctcn, wurauf 
derselbe seine leiztwillige Verfügung unterschrieben 
halie", ersetzt werden ut»d nuch weniger «Uirt h eine 
ähnliche Be^tatigungserklärung de^ bei der .'\ufnaiuuc 
der Urkunde zugegen gewesenen Zeugen. 

(L.-G. Dresden, 1 > .[<>»• i'/<><o. 

D. K. Enbicliddung Nr. 411. 

IV. Eintührnngs-Gesetz zum 
Bürgerlichen Gesetzbuch. 

.\rt. 15,^ l>is IS'). r'jM. 
trkenntniss des Reichsgerichts IV. C. S. i. S. M.irg. 
c. Staataanwaltscliart u. Gen. vom 3. Januar i(^>i 
Nr. .!77/ic)<»i. IV. 
II. |, Kannnerf;eriilit. 
Das Berufungsurtheil ist aufgehoben und die Sadie 
an das Berufungsgericht «urückgcwiesen. 

Aus den GrOnden. 
Die aus dem materiellen Rechte hetgenom- 



mene Bei^hwerdc eiikcist sich als durchschlagend. 
Auch wenn mit dem fierufungsgericht auf Grund der 

Fassung des ^ 'lOo .\bsatz I der C"i\'ilpn>ze?y4<irdnung 
angenommen wiril, tiass demselben ledi^ilicli eine Prü- 
fung darüber tiblag, ob der amlsgerichtlichc Enünün- 
digungsbeschluss aur Zeit seiner Erlassung, 
d. i. am 13. August 1808, gerechtfertigt war, was 
v< trlitnienden Falles tun s" unl>cdenkljciier ist, als der 
KLiger den Einlritl eine» .\enderung in seinem gei- 
stigen Ziistandc fOr die seitdem verflossene Zeit gar 
ni'-it iir!i.!«ptel — , s<t liatte dorli tlas Berufungsge- 
geiiclit audi in ihesem Falle bei der Be.schlicNüung 
seines Unheils, am Jy. Juni n^io, hierüber nicht 
mehr nach Allgemeinem Landrecht» sondern nach 
.NT i.-ssgalie der V'i>rscliriflen des seitdem in Kraft ge- 
tretenen Bürgerlichen Gesetzbuch zu entscheiden. 
Die Frage, ob eine Pcrsuit geistcsktaiik und de»liaib 
geschaftauufahig oder besw. in seiner Geschaflslfthig- 
keit beschrankt ist. belriflt die FesMelhmg eines Zu- 
standsrci hts (Statusrechts). Das-s auf dergleichen Zu- 
standsrechle seit der \\ irki.mukeit des neuen Gesetzes 
dessen Satzungen anwendbar sind, geht sdion im 
Allgemeinen aus der Tentk-Tiz des Gesetzes, insbe- 
snndcre aber »luh aus den .\rtikeln 15.5 bi«. 15O 
und Jüi) des iiinfuiiiungsgej^etzcs zum Bürgerlichen 
Gesetzbuche, zur Gentige her\'ur. Auch in dem Ur- 
tiieil des erkennenden Srnatt s vcmi 29. Oktober i<i<)o 
(IV, N"r. -'44 /(M)) ist bt rcits aHsgcs]ir<>rhcn WDnlen, 
d.i.ss vom I.Januar Hjtm an die Entmündigung wegen 
Geisteskrankheit in einem zu dieser Zeit noch an* 
hanyi^cn Verfahren nicht mehr nadi altem, sondern 
nach dem neuen Rechte zu bcurtheilen ist. 

Tr il?>i vi>rlir'^'» tnli Ii S';i< l,f ••cnügte es demiia« h 
für den Bcrufungbrichler tucht, in Uel)erein.siiminung 
mit d^ BesdthMse des Amtsgerichts vom 13. Au- 
gust l8(>H festzustellen, dass der Klüger damals im 
Sinne tli's ij Tifcl 1 Tlieil IT des .\llgemeinen 
Lan<treiht!> bl.<lsinnig (unvernxtgeml, die Folgen sei-, 
ner Handlungen zu Oheriegen) ssar. Seine Prüfung 
hatte sich vielmehr nach dem [.Januar 1900 darauf 

Ztl ■-'■i lr-fi. nb sich aus dem \i>l\ dem ;\mt.sge- 
richte b-stgcsieltteu TliatbcstantI auch die Folgerung 
ziehen lasse, dass der bei dem Kläger damals vor- 
handene Geisteszustand eine Geisieskninkheit xdcr 

( ',. i - ,( 'i'A ;i he ii.ich Ma.issyabe des !j 0 Nr. 1 
des f>ui gerlic hcn Ge.setzbucits darstelle und 
dass Kläger in Fulge derselben gehindert war, seine 
.Angelegenheiten zu besoigen. Es unierii^ kehiem 

Zweit'el, d.iss d< i Gegenstand «lieser Prüfung in ilem 
einen und in dem anderen Falle nii ht di i»elbe ist. 

j. W, p. 72. 



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22 



Art. 155. 

Die Frage, ob jemand geisteskrank und deshalb 
•;»>N( liiifisunfyhiji; ist, nuiss vi .11 «U-m Ri< litcr, dc-r lia- 
nlber nach dem 1. Januar i()<io zu erkennen hat, 
auf Grund des neuen Rerhts entschieden werden. 
(R.<-G. IV, 3. Januar mul ). 

D. R. F.i)ts< hcidungcn Nr. 1045, 
Art. 2li>. 

l'flcgsi liaftcn, diu naili § <ia der Fr. V'orni.-Or»l- 
nunfr eingeriditel sind, verbleilicn auch unter der 

Ikrrsihafl d.s B. G. \l in Kr;«fl. 

(U.-L.-G. Frankfurt a. M„ 17. Okt. i'i>>o). 

D. K. Enl4>thiidungtn Nr. 1207. 
ArL 210 A. 2. 
Die Vorsi'hrifl, dass tlic lilslnMi;;rn V'oniiündcr 
als nuimiclirißf PfU-cer im .\ni1f Mi-ilion, •^icift dann 
nii iit Platz, wenn an Stelle tlcr mit dcnt i. Januar 
U)iM^ zu Ende ■;i i;ani;encn Vormundschaft eine Pfleg- 
Schaft tritt. 

(0.-L,-G. Jena I., -'S. Mai im-h»). 

D. K. Kiils« licidungen Nr. lOi). 

An. iUK 

VnnnQndcr und Pfleger, die unler der Herrsdiaft 
des rröliercn Rechte» iKsfreit hukN h sind, sind vnni 
I. Jatniar i'><"' ni' !i! woiter lu frcil, als (!! •'■ tias Ii. 
G. 1j zuk'i-sst; inblicsonilcic füllt jede Befreiung vku 
I 18.. 7 weg. 

(K.-G. 2r>. Oktul.or n)--.). 

D. R. EnUu-hcidung Nr. 418. 

Art. Jh. A. -'. 

Die Vurschrjfl des :\vl. Alts. 2 E. G. / iL 
B. G. B., dasas die bisherigen VnrmOndcr im Amte 
bleiben, liezieht sich tii< lit nur auf dio Ix stellten, 
sitndern aui Ii auf '.'"sct/lii Ihmi \'i ■rniünd*-! . 

iJie allgemeine I'assung jener Gesel/.vors« lirifl 
jichliesst eine Unterscheidung zwisHicn VormQndem, 
welrhc iiarh dem l>isl»cri'^<ii Krrlii,- hoicllto »wler 
g'-M i/li! lic waren, au.v, inid .m' Ii du- Ma(< ri.ilii ii zu 
dersellicn — M<aive mi (j d. Entw. cino K. G. 
z. B. G. B. S — KM'hirrrtif(cn die Atmahme 

nicht, dass eine sok he l'ntcrvt lieidunj; ^4 \volll war. 
Iii ilicM-in .Siiiiio wurde die in der f.illfiatur l>e- 
slnlleiie Fraye \<in lUin Eainnicrgerichl tjuliow Jahrl>. 
Bd. M». S. cnt«."hiedcn. Den gleichen Staml- 
punkt li.it mit Be/iij; ,iuf I.andtei htsatz .^t}3a aiit Ii 
d;i- fli iwslier/. Bad. |usti>'iniiii>letium in den an die 
liadiseheu AmlsgericlUe erlassenen Belehrungen vom 
6. Januar und 26. Februar K^oo (Bad. Rcchlspraxis 
iMoo .S. 7,^. 7i1 vertreten. 

R. G. Urth. vom 12. F- l'' rmi II ^lo/i-ioo. 

D. K. Kntselieidung Nr. 4Ö9. 



[Ni. 2. 



T. OtTilproMBaordnutig. 

$ 41 Z. 6. 

Die .\lilelinun>^ eines Sa( liverst.'indijren kann in 
der Beruf ung»iiiätai)jc nicht unter Anrufung de:» § 4t 
Nr. 6 C. P, O. in der Weise begründet werden, dass 
derselbe bereits in erster Instanz vemummen wurden 
sei und somit als Kit litergehilfe bei der Entscheidung 
critler Instanz mitgewirkt habe. 

Entech. des R. G. VII vom 7. Mai igoi. 

D. R. Eniackeidungen Nr. 12 15. 
'S ^'i. 

Sieht »ich heraus, da$>s der Beklagte schutt zur 
Zeit der Klagezustellnng prozessunfähig war, ohne 
mit einem uesotzliehcn Vertreter verschen zu sein, 
^ . ist flerii ht ni< l't liefugl, das Verfaliren dureli 
Be$< tiiuss au^tutetzen, Mandern es mtiaü durch Urtheii 
entscheiden. 

(0.-L.-G. Dresden, 13. JuU 1900). 

.'^tflll sirli in der f'f rufuTijsinslanz heraus, dass 
der Beklagte und Berufungskläger pruzeMiunfUliig ist, 
und dies auch «chon zur Zeit der Klagezustellung 
war, ohne mit einem gesetzlichen Vertreter versehen 
zu sein, so ist ni< lit etwa die Herufuni; als unzukissig 
zu verwerfen , »mdcrii die Klage unter Auiliebung 
des emtcn Urlheils und de» bisherigen Verfahrens 
abzuweisen. 

(0,-L.-G. .Sluti;:art. j^, Mai n»oi). 

D. R- Entst heklurigen ^2 1 1 21 20, 
§ 406. 

Die Ablehnung eines Sadtverstflndigen ist na< h 

$ .\nh .\Ks. J <ler (". f. ( >. nur so lansje /•nlfissij;, 
als nicht des>en Vernehmung oder bei schriftlicher 
Bcgutat-hlung die Einrdcliung des Gutachtens erfolgt 
ist, es sei denn, dass — was hier tiicht zutrifft — 
der .\lplelinun<:s^rund fnilier tii. I i 'geltend gemacht 
werden konnte. Der Sacliverst^indige N. , gegen 
den die Kl. ein in dem angefuchtenem Beschlösse 
znrüi kg< wieM iies .Milelinungsgcsuch eingebracht I»at, 
ist aliei in dieser T; 1 /'•^■^'•arlie liereils wiedrrlii>l» 
vernoHtinen und hat nielirfache ücliriftliehe Gutachten 
erstattet, darum ist die Jetzt entt eif<ilgte Ablehnung mit 
l\< < hl als pp« < -.su.il unzntässig angewrhen. Die Bc- 
scliwerdefvilirr'riii l»eli;ni|>tet zwar, es han<lle sit Ii Jetzt 
um eine neue Ernennung des Sitclivcrständigen he- 
bufs «fer BewciKcrhebting Aber ein neues Beweisthema, 
allein das ist, wie die Fasstutg des Beweist lesdiUiüses 
\om i.j. X'i\<Mnl»er looo klar zmn .\ustlrnik l)rinj;t, 
thatsächlich nicht der Falk VI, C. S. i. S. Pfistcr c, 
Kyllmann und Heyden vom 27. December 1900, 
B. Nr. 252/1900 VI. J. W. p. 5Q. 

S 406. 

Ein Ablchnung^gruuU betrcQ» einc^ Saclivcrsläa- 



PSYCHIATRISCH-NEURULOGISCUE WoaiENÖCHRlFT. 



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igos.] 



d%en kann nkht darau» entnommen werden» dam 
denclbc bereits in einer frOheien Iniitanz vernommen 

(0.-L.-ti. Karlsruhe, zü. Decembcr UjooJ. 

D. R. Entscheidungen Nr. 1088. 
m 407. 413 

l)cr SachvcrsMtuliirc k-.iun iVw FrffiHnti'r der ihm 
•Ailiegciidcn Vcrjiflichlung zur Krslalium; eines (»ut- 
achtens nicht von der l>ci;elirten Zuncherung be> 
stimntter GebOhTenaatze abhangi^r machen. 
(Kammeigerü ht, 1. (JctoUcr Htcx)). 

D. R. Knts» licidungen Nr. loÖi^ 
§ 48- /.. i, 488. 
Das Geridit ist an die benannten Siiohrerslän* 
ilijron gohunclen unci inuss sie vcnielimfii. Der An- 
tra^lellcr hat somil ein durch § 404 Abs. l nit'lit 
bcadiiflnktes Vorschlaga recht 
(R. G., 24. September tgol.) 

D. K. Kiitsc'hcidungen Nr. 2S^A- 
S 5«>7- 

Wenn der Antrag der dsis EntmOixiii^uiigs^-crfah- 
ren betreibenden Staatsanwaltschaft auf n<ic)imitiigc 

Vcrnelntr.mt: SiuliViTSt.'indigcu scilens iles AiiiJ.s- 
gerichlä al^dehiu wurden ist, so ist hiergegen lie> 
ftilwcrde sulftssig. 

(L.-G, Dannstadt, h. Juni i9r>i). 

D. R. Kiii.s< lit idungen Nr. 2275. 

Dem Gdüite des Gesetzes enispricht es, dass fibcr- 
all da, wo der Eindruck der Person des /n EntmQn- 

(liirendeii für (!■ II A itsfali di,-r ri( lilctiii lifii Knt-.rlii iilun;? 
Bedeutung gewinueu kann , dieses Erkciiiili)i>^imltel 
aucli verwcrtliet wird. * Deshalb wird sich der Riclitor 
des Aufenthaltsurtes im Zweifel nicht der Aufgabe 
(•iit7.iel)ei) dürren, über <iir> )m ititragte Entmandigtltig 
sarhlidi Entscheidung /.u trcficit, 

(0.-L.-G. Dresden, ,5. November U)iw.) 

D. R. Entscheidung Nr I433- 

Ücbereinstimnicnd mit „Kuchl" .S. ,^75. Nr. 202. 
K.->G. MSR 19001 wahrend das Bayr. Obemt. 
L.>G. vr>m 10. Marz 190a anscheinend etwas weiter 
geht, indem es s;ij;t: 

„Leitender Gesiehlspunkt für Zulassung der Ueber- 
wessung war, dass es fQr die Sicherheit des Verfahrens 
von erheblichem Werthc sei, wenn derjen^j^ Richter 
das Urüieil fJllle, der »t<ti zi; KntmüntliErcnflrn vor 
Augen gehabt und vcrnummcn liabc. Dcmg<^cnilber 
kflnnedie Fo^ derUebcrweisung nicht durchschlagend 
«lein, das bei cinzdnen Geiiditen. in deren Denrk 

sieh Irrenanstahen belinclen, eine Fülle \<in Entmüii- 
digungsaachen crwarlisen könne." Narh »ler Ansit ht 



des Kammei^richtes sollte durch die Fassung des 

(je-icl/es £;erade die M<i^lielikeit der Ueberiastung 
einwlner Gerichte ausj^eseliltissen werden. 

D. R. Eiitsi hctdung Nr. 21*4. 

Die nachtraglieiio i:el.etwei>,ungdes F.iitmOndigtings- 

verfalirens :m i?:is AinKjiericlil, cI;ls den zti Kntniiüi- 
digcudcn bereits auf Ersuihen de» zur Einleitung des 
Verfahrens zuständigen Amtsgerichte vernommen lial, 
ist zulässig. 

(0.-L.-G. Dresd(>n, H. Oktol)er ti)0<j-) 

D. R. Entscheidunguri Nr. 1(150. 

8 650. 

Gegen die Entscheidung aus $ 650 Abs. 3 giebt 
CS keine Rest h werde. 

(K. ü. jo. Mar« M>oo.) 

D. R. Entscheidung Nr. 220. 

Cie^on die Hntsi lu-iiluni' aii> !; (j^o steht den bc» 
thctiigten (ierit Ilten kein Rei htsniittrl zu 
(U.-I..-G. Dresden, i.^. Dczbr. lyot».) 

D. R. Entscheidungen Nr. 1432. 

j» 650, 653. 

Die Uebeniahme der \'erliandliini{ unil Entschci« 
dun>; ülier ilen Kntmihuligunj;santi:i;; k.mn nii ht wofren 
mangelnder .\ngabc der Cjründc, aus weli hcn die 
Verbringung des zu EntmQndigcndcn in die Irren- 
anstait crfi»l;;te, ali^eii-lini winlen. 

(Bayer. Oberstes U-G., 1. Juli H)<m.\ 

D. R. Ents« heidmigen Nr. -'4J.S. 

fif 6.5-1. ^>55. ''7". 
Auch in suk'bcn Fallen, in denen für das l'ro/ess- 
verfatiren ilt-r »rvtrn l(i>i.in/. der a F. ijct/.t 

ä> 0,54) nias.sgel>end war, ist, wenn zur Zeit der Ver- 
handlung in der Beruhingsinstanz die neue Vitniclirift 
des $ (>54 in Kraft j^etreten w.ir, diese Hestiiiiniinig 
anzuwetiileii. !j '.171 ;\li>. I <' V ( ), nulss M;ieli den 
allgcnteincn Vursehriften dieses Gcset/buehes auch in 
der Berufungsinstanz Anwendung findetL In gleicher 
Weise hat schon der III. C. S. des R. (J. in einem 
Vn. M in i.\ Oktubcr igoo Rcp. III Nr. 1^5/00 
entschieden. 

Urthcil des R. G. vum 20. November ic)oo in 
der Sadie Rcp. II Nr. .")ü/oo. 

D. K. EnLsclicidung Nr. 11 8. 

S Ö54. 

Die Vorschrift, da^ der tu KniinUndigeiKlc per- 
sOnlich unter Zuziehung eines uder mehrerer 5a<-h> 

verst.'indipen zu vernelimen ist, ist im Interesse und 
zum .S( hut/(! <l<'s zu lintrnüiKli'jienden geg^'Uen. Die 
Vernehmung darf dethalb nielu aus dem Grunde unter- 



PSVCHIATRISCH-NEÜROLOGISCH E WüCHENSCH RI lO^- 



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[Nr. z. 



bleiben, weil dm Gericht dieselbe als unerheblich fflr 

seine KlUv IkmIuiij; orai lilct. 

Besililiiss «irr I. ( . K. des L,-G. Elbeifeld vom 
20. Scjitcmbcr iifOi. 

D. R. Rnischeidungen Nr. 2133. 

;■!! i>^4. '<7 I. 

Als ciur „hrvmiUTc S« hwii iiKkt il" i. S. <k's Al)s. 
3 «Its S *>54 ii^l d«ts AuiblciU ii otler die Weiterung 
des KU Entmündigrendcii, ta cü^iheincn» nicht ansu- 
Sclicn, da «las «ioot/ «lif V. .rfiiliriinj; (IfSNclKcn m- 
stattol, ilio \\:ii>«-iiiiiuiii; <li > /u KiiUnaiulii;rii<l< "i n\u>.& 
uijlci Zuzicliuiig iuiiiilcat>.i»s eines .SaeiiversiaiiUigen 
erfolgen. Dies gilt siurh für das Anfechtungsverfakircn. 
§ 1)7 1 Ai>s. J I czi«-)!! sit li nur auf 4; 'i.S.v 

{R.-Ü. IV. C. .S. IJ. Oktnl.cr I'IOO.) 

]>. K. Enlschciduny Nr. 8.^1. 

« «'57- 

Hat «Ici Ki>tiiuiinlis;iiiij;Mi' litei dc'iii N'iirrmiiul»« liafls- 
liiiitcr .Mitilif iluiiu ^"ii <l> i Kiiilcilung < iiu s KtilmOri- 
diguug.svtifjilutiis lH.-Uufs Aii'iultiuiig der l-'uis'<ige für 
die Person «idcr d»» Vermögen tieszu EiiUnflndigendcn 
gemacht, so hat ilcr \'i>iimmdM liaft>-rii lil<-r ni« Itt /m 
prüfen, ..1) das VcrfaJirc« tu Kf<iU eingeleitet isl 
|je/w. furtgcfulirl wiid. 

(K. 25. Februar i()0(., 

D. K. Kiiisi li.ndungen Nr. lO,"}/. 

sjj; < ih J, I >< Ii ). 

Im Prozesse übel die .\iifet liluagskl.ige ist mir 
darOber m entscheiden , ob die Knimümligung xu der 

7.' 'it. /M der sil- allsgcspr. M lu'li will ili', /AI Rc-i 1>1 <T- 
fuii;l ist Fiii ilicse Fta^f ist t-s mIhio liedeiitiuig, 
»Clin dl<* I.CgUlln.aiuii tle: Auliagslellt i wxf:j;eli>lleii ist. 

Die» bat nur jsur Folge, fla« sie «\>in Augenblicke 
des Wegfalb an kein Kcclil mehr haben, zum Prn- 

zcsso ziicf/<)i;on /.u werdnn. 

^<',-I„-G. Haiabuig, iH. Marz.) 

IX R. Entscheidungen Nr. 1538. 

S ''71 

ZulreTfeiid crjiv'heiiit der von der Kcvisiim er- 
hobene Vorwurf einer Verletzung des § 671 Abs. I 
und des % 654 der C P. 0. Der zunflclnt nur fär 
das anilsj;cri< hllii:lu- EiUiiniiidij;uii^s\rrf;ihi(?ii i;«'lteiidc 
Jj 054 a. a. <>. leidet nad» § '>7i Alw^. 1 auil» in 
dem Verfalmen Aber die Anfechlungskiagc. und zwar, 
wie Mangels einer eiitgegcnslcbcnden Bextimmong 

IKuli den allg<;tiiciiK-ii 1 i\ ilpn i/e.sMialiMi ( jiiiiids.'U/on 
anzuiicliineii ist, S4>witl)l in den laiHlgcrictttliciicir wi<' 
in der Beniftuifnnülanz entsprct'hende Anweiuluug. 
Daa B. G. musste datier, abgesdu^ vta dem hier 

jiii lit in nctraclit kuinmcndt-ii Falli' des i" n^ j Abs. 
3 a. a. U. den vi>n dem AinU>geriiht eiiiuiündigtcn 
Kl. persötiUch, unter Zuziehung eines oder mehrerer 



Sachverstilnd^ter vemdmten. Ausweulich des Vcr- 

haiidlimi.'sprKtiikollos vom 2u. Juni hhk) ist jc<li>rh 
diese Verneinnung olinc Zuziehung eine* Sadiver- 
ständigen erfoJgt. Der gerügte Vcwtos» lie^ mittun 
vor, und das» auf ihm das angefochtene Urthcil audi 

1h ruht, ersriieiiit nach dein Inli.ill ih-r En(s< Ik iili.i.ns- 
griiiidi- keineswegs ausgeischi«>!>sien , du die /urüik- 
ueisung der Berufung daselbst ausdrflcklich auf das 
Guiachten der vernommenen SacKveiaUndigcn niit- 
>;c^rnndft «ird« (Ver^l. au« h die Urlheile des K. (',. 
lU. C S. vom 12, Oktober igo«, III Nr. iSs/<mi, 
und II. C. S vom 20. November 1900, II Nr. 2li<>/(}>>.) 
R.-G. IV. C. S. t. S. Matg C. Staatsanwallschaft u. 
Gen, vom 3. Januar 1901, Nr. 277/Ktori. IV. 

j. W. pp. So. 

ii •'71. *>5i- 
Wenn der fierufungsrichlcr es unieriasseo bat, in 

dem auf .VuflH'bunn iler F.Mttnündiguiin trei» htoten 
Vcrlahren <ii<n Eiitmündiglcii mit Ziuicliung v<>n Sadi- 
verj(tüiidi<;(>n zu vernehmen, m im daa Urllwil nii'lilig. 
^U.-G. IV. 3. Jaiuutr iqoi.) 

I). K, Knts< liei<liitigcn Nr. ioi<M. 

Zu-stilnüig für die Wicdcraufliebungsklagc ist d;is 
Landgericht« in dessen Bezirk das Amisgerichl belegen 
ist. wt-l. heü den Antrag auf Aufticbung Oer Enimttn- 

digung ali>_'elehnl hat. 

(U.-L.-G. N.tunjburg, 15. .März u»oi.) 

D. R. Entscheidungen Nr. 1539. 

VI. Handelegesetsbuch. 

Ist der Beirieb einer ivraiikeiilieilanstait .Selljslzwe» k, 
Itat als4) der Arzt die Absidit, gerade aua der Ge- 
währung von Aufendmlt und Untcriialt gegen Ent- 
geld Gewinne zu aidien, und stellt die aniKche 

ThiUigkeit .sieh nur als ein, wenn aneb '.m ntliehe.s, 
Glied in der Kette dcrjcriigcn Einrii hlungen dar, 
wdche in ihrer Zusammcnfaiuung als Anstalisbetridi 
Gewinn abwerfen sollen, so muss das Vortiandeiisein 

eiiK-s ge\s erblieben l 'iileniehine'i'-: -iiH-ikannt werden 
und die Anstaltü-Finna i»t zur Liiitragung in das 
HaiMicbreglsici anzumdden. 

Gerade In Bezug auf die Anwendung des $ 2 des 

Ilaiulelsgeset/.bm hs ist In iler Denkscbrif! hierzu be- 
merkt : „Der Ausdruck gcwerbliciici» L'nlcnidiiucn 
braucht im Gesetze nicht näher erlfititert au werden ; 
sdKNk vermöge der fiedcniimg, wekhc Ihm nach dem 

allgemeinen S|>ra< hgebraut lie zi:l;'>:n(nl, iieiin^'t er, um 
die .\usübung der Kuiikt, der Kceiilsiiiwaltäehaft, des 
ärztlichen Berufs u. s. w. anszoacliNetseii" (Hahn« 



Digiiizcü by CoOgle 



Mi;g<lan «t. a O. S. 1(^7). Auch in der diiüchlapgen 

hitnddsreclilli« hon I jtlcratui wird /iimeist aii^f-iioiniiien, 
»Iriss <lor Ufruf dos Ar/fos ni< ht nls (Jewcrhe 1111 Sinne 
dca HiiiKlt:lbgt.scU!bui. lics geliLU kiinnu. (Koiuiu. zum 
IT. G. E von DQrin]|>er-Hachenburg, Bd. I, S 27, 
I.t innann S 4. SU11I' 0. und Aufl B«l. 1, S, 44.) 
Na< Ii ;(llen <licscn Zcugnivscn kann es keinoin l>c- 
giündctcii Zweifel uiiteriiegeit, iluss iiai Ii dem itlljjc- 
mdiicnSpnidigebraurhe <lie Bcrufsthatigkcil des Arzlcs 

liit'lil ein < At :i i- «iiuNiclIt und il.iss, ila di'^si r S|k,i(Ii- 
gclmnuh fiu ilie Auflegung dtN ^ j tk-jt Haiiddsge- 
»uUbucliü caULiieidet, die Ausübung diesKsr llifllig- 
keit nicht die Begriffnnerkniale des gewerblichen 
l'ntrnieliiiicns im Sinne des ij _> erfiilil. Aller<ii)i-s 
gilt ülics dies nur vki. üvt Ausülmng de«, .'U/tli< iien 
Berufs ab sokhen. Ist dagcgcit mit ihr der Üeiiieb 
einer HeUanMidt verbunden, so kann darin sehr wohl 
ein Cteweibi'lH'tiieli j:efiinilen w(-iden. (•'iir die Alt- 
grcnzunt; ist enti4°tiddond, <»b der Betrieb der Anstalt 
KcHMtündij^es Mittel zur Erziclnng einer daucnulcn 
Eionahmequclle ist «xler ob der Anstaltxbctrieh sit'h 
iedigUch ab Mittel dem Zwecke unterordnet, die^ wenn 



aiuii mit Gewinnbestig veibunücnc, Austtbttng der 

;irztli< lien Üerufslhäl^keit /u enn. i(>liel.t ii "di r /ii 
f<irdeni. Im ersleren l*'>dle lie^i ein (louerlielniiiib 
\ur, im leUlercn niclil. iXiiux Ii ist tl.ts M<'meitl dti 
Gettx^rbaniflssigkfit jedenfalls dun» ni^'hl gegeben, wenn 
der Ar/t eine FrimtkrankcniinstaU lediglich für Lebr- 
z werke iKler zur oir;encii F-irlViilduUL: i<der fiir wi»-' n- 
M liafllielie Untersu« liungen lialt, Aber aueli ;n deii- 
jcnigcii Fallen, in wHrhcirder Arxi mit «lern Ittrliicbc 

.s'ililii i An^l.ilt nur l>e/.weikt, di«- s.i< lii;ein,i>-.r Au>- 
ilhUlij; xilier iir/llii In Ii Tluitl^ki il /u >l< lirin, itlllre 
daäs die Ah.sii lil besieht, uu.s dein Ali>talLsbctlleb als 
»ik'hcn Gewinn zu ziehen, kann ein Gcwcrliel>etridi 
tiii lit aimein 'iiinu n werden. l"i l'ei.Jl ist liiei das ilie 
Geweibsniiissi^kcil ausM liliessende Miuiicul, dass «k-r 
Ai^t, wenn er auch wie jeder, der einer gewiiin- 
bringendcn Bcachaftigung nachgeht, Geld vcnlienen 

will, dies diirli nur mittels vtinei I Ir! liNtlial lu^' II als 

Arz.l und iiielit als AnstalisunteiiM iinu-i i!>uii will, 
Kammcrgciüitt Berlin, 14. Januar i«>oi. 

D. R. Enlscbeidiing Xr. O47. 



l^YCHlATKii5Cil-Ntl.;kuLoülSCllE UOC HI1N.SCHKIKT. 



— - - — 



Mittheilungen. 



- Die M hwcizerischc Psyiln; teiAeisamniiiinf; 
bndet am Mai (Pßngstiit(»ntag) in L'irmingxbcrg 

statt- 

-- Kgr. Sachsen. Au> dei iieiieil>iiiii n K'^l. 
slcliüist Iken An&lalt tj rwüs -h«'hwc idn i I/., wclelic 
wegen ihre vorxQglichen Kinrichtung da« InteresM! 
weitester Kreise erwi rkt, «ird uns j;es< In iebcii : 

„Ks haben wahieinl <ler letzten W'i-iheii iiind 
801 lVrs<»nen aus allen Tlicilcn des Aumahnu le- 
stirkes, datimicr .14 Vereine, die hiesige An.-tUilt bc- 
sielnif;t. Ta^'hVh fanden atxtliiiie Ffthrwogen statt. 

Allen Utrsuebein wilHleli der liesii hlit'iliij: |)<i|nilär<' 
ViMlriige über luodcnic iricni>llegc. Aii-siatlseiiirieik- 
tungen, besxndcis die von Gn)8H-Sc)m*cidiiitz, über die 
slithsiMhcn rfle>;t.reinii< litimneii, M>\\ie über den sin iis. 
Irrenbilf.sveTem tjeiiahen, die mit <;r<iss<in Interesse 
eni{;»i;eni;eiii >:iimen w urdeii. 

liüfCcnllKli iüt auf diese Weise manches Vururthcil 
bekämpft, manche «chicfe Ansicht der hiesigen Be- 
Viilkeriui'; ub*-r IrK'iijiflei;!- II Aiistaltseiniii htLiiii;en 
beii< htißt wi.hUi). I)ie \ Woiiien waren ailerding» 
»hwer. [3as ( iedi ;inj;e w ai oft i:erade/.u lieAngSttigend," 

iJic AuüUtIt Grii»i>-Si hweidiiitz durfte unter den 
in der letzten Zeit erl)auten Instituten dieser Art <lie 
erste Stelle einnelimen. 

• — Pommern. Aus den Bcschtusscn des 29. 
Provinzlal-Landfaees der l'n»vinz Pommern, der vi>m 

IJ. bi- t'i M.'ii/. ti. [s in Sieltill ;;etaL:t Iiat. ist 
Folgendes ab für das Irieiiwescu vi»n Interesse /u 
erwShnm. 



l'.t'i der l'i"\inzial-iii< ii<.\nsl«ll Ik'( UcilicmittiaU' 
wild eine zweite Erweiterung vnrgcnomnicn werden 
und z«ar sollen erbaut werden j ntassive Biinicken 

fiii aiisii iki nde K iankii< ir< ii, eiii W < .hnli.ius liii wi ib- 
lieh«: l'ensiDniue, ein iicanit«.-nliaui> (Iii. Ar/.t und 
Kendani) und ein W'itrterwohnhaus. ausserdem wird 
der W'iitsi b.iftsb'if iiiir« b Ni il- und Frw eiUTwnusl ■.lUleii 
vemi I -sfH : di<.- ( .esiniinlaiisi blai;sMiniine belautl sieb 
auf .'fiJi<m Mark, lici der I'k >\ Ih/mI-Ii n-ii.nisiali /ii 
Tre|iU>w H, R, wird cm Wuluibaus für den Vciwal- 
tunjpijissistenten ttnd zwei Untorl»eaniten zimt An- 

srlilacs|a<i--e \ i .n .[oniio Mad. tiit<liti-t worden. 

he» der i''ri'\inJ!iai-lMen-Aiist.ilt In i L'eokeniiiiiide 
ist die Stelle eines As.si.<«teiiz:i(xte.s in die eines III. 
AizUs lilii^ewaiKlelt. Die ( .ob.iiler ili I t ll.rj.u /(e 
und 1 AiT/ie sinil nii lit niiwe-i t.lli< Ii aufiiebesseri. 
Nil Iii nur rli h /w l iteii ( '1 11 1,1 r/li II an den ^ Aiislalli'H, 
sondern auch den Acrz ten in J.auciiburg 
utid Trc|ti(tw- a. K. üt Anstellung auf Lehenszeil 
\erl.elieii : — (iio lie/ i H laiuii',' .,\Varto|j«;rsonal*' ist in 

,.rib\:e|ieis. .lial" linij;ow alidell. 

I )o! 1 • k.iiiiito I'iiizess ..|-'iibnii,)iii i" hat im 
ii>. .MilTZ i(>o_' in zweiter Ii.si.tii/ bei dem iwtniU 
^'eri< lit in C'oblcnz mit einem V etgiea Ii der Parteien 
geeiid« I, wobei die Angeklagten f4»tgcn<lc ErkKiiung 
abgaben : 

Erkhirung 

Ih'c l'it/i'i;i Ii )tn> trn fil,n>n>n h'iimit rüi'k' 
iialtsios Uli, das» tiie Vabrtiiyuutf dm 

JtM^ Fuhrmann aus Aeuettahr 



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2f> I'ÜVCHJATRI.SCH-NEUKULÜOIÖCHH WCK_HKNSCHK1FT. [Nr. 2. 



f« die hrorimmt-Uril' und I^flrtjc- Auitall Ämter' 

utirh ihn i Ji ••rim IVi'ft im < (,ll.sl<i mliq qrrerliffrr- 
tiifl hh'I yclioUu nur, und dnss ilain i allr ijrsrix- 
lii h iji henett Voratkrifim beithiwhht naidni sind. 
Wir crbnnrn frnnr ati, dass ilii im l'rtiicil 
erster Iiistan : des Aiiitsiji rirlits Ahnri ilrr roin 
14. heveiiilirr otlhollein n Frsts(4 lliititjt ii, insofern 
ttic ^whlheiiigex über die rersönliehkeit und dm 
Charakter der Khefrmi Fnkrwanu eiiihatien, den 
(/i"/-i'/rl,fi' In II )'< I iitssen niehl enfspri n 

\l ir iidfun rii. ilii.^s durch nnsrre Miifi/et- 
inni/ni, nnd nninnilliili dnrrh ih n Arlil.r/ in ifeni 
h idnrr '/'(if/ehhifl , iiht r dns Verhalten der Khe- 
fran Fnhmntnn . snn i< iiiier ilas Verhallen der 
Iii theilit/ten Aer .le nnd Anstall nnrnhUije Vnr- 
slellungen . in die OeflenllH'hkcil yrhnwM ttvrden 
sind. 

Wir fthrnirlmiru als (iesnnin/tsehnldurr die 
snnintllii in H !\<ish n In nirr histan-.eit niid ernni'-h- 
fii/en tlie FJtefrun Fnhrnniitn, vorstehende Kr- 
kh'iruu^ tu fvü/etideu Zeitnnyen auf nnscre Kosten 
öffenf/teh bekannt in nniehen, nöndieh: 

1. dl tu Kiiliirr 'l'iif/eldatt. 

2. dem OeHcral'Anu'iger für Hon» nnd /'/«- 
getfmd, 

.'}. der Ahrn'eiler Z/if/nn), 

/. einer in Mai/en i r^rhi inenden Zcilnny. 

.7. der ( 'nhlin \i r Vnlksxeitiing. 
Cobieni, den 2H. Miirt 19U2. 

J, Dietx. M. thrg. Rmü lhr<i. 
A. J. Irmgatii. Fenn A. -J Ininjarix. 

FOr diejenigen Horm Koil^en, wcK hr diesen 
Pmzos« in der 'I am sjuosse nirht vtr['>l.;t haben, 
tlifiltn wir Ii >|i;cii(ifs mit. 

lin Augitsl wurde der Kaufmann J*» l- iilirnwtiiii zu 
Neuenahr in Folge starken 'i>ittkcns in die Imnian' 
statt And<'rna( Ii i;<-lir:i< lit und zvvar auf (»rund des 
r>iita<*litcii>. <lc.s I>r. Nii-scn diin li I.euto, dio von der 
Frau des Fuhririaim hc/.aUli Tiaren. HiiTauf rrs< Itir- 
nen in dem Kölner Tageblatt drei Artikel vom 30. 
Augnsl, 4. Septeniher und 12, September r. J., in 
\\cl< hell hcliaiii>ift wiirdf-. <iaHs ilic Frau Fulirruanii, 
ein frUlu ros 1 )i<.'ii.stin;id( In n Wci ihm, ilirr-ii Mann 
FamiHcnverhflhttiüsc hallttr widerrechtlich in eine 
Inreiixiuliilt hatte unterbringen lafiaen. Weg< u chcsoi 
Artikel und wejren vcrscldodener Actiss<>runf;eii . dir 
iilifr fli'-- Frau V. ■;cnia< lit wurden, crliol) sjc lirini 
ÖLliotteiigericlit in Ahnveiler eine i'rivaikiagc und 
zwar t. gegen deit Direktor und Chefredacteur Jean 
Diri/. .'. ilcn Rfd;i( tfur riusta\ Dcliihy /u Ki'ln, 
,V diu Katifniatih Murilz ünti;, ilcn KauTmann Euiil 
Bot:;, V den (>a>lwtiili Aiit. |'is. Irnigart/ und 6. 
des-scn Ehefrau, alle aus Neuenahr, Dax Srh5lfcnge> 
rifht wie» aber dun-h Urtheil vom 14. Dcccmbcr die 
Klap«' l.'ist' iifalli-,' al'. wril «ias Si In ificn'^'cri« iit ari- 
nalini. da^s die l'.oi luildi^tcn in W ahrung bcr<.< li- 
li'^iir Init-nsscti „'iiian<!i'lt hatten. Gegen dieses 
Uttlidl hat die l'rivaikl.igcrin und liic kuniiillche 
Staatsanwallsrliafl P.ciufunt; eihobrn. Zu d<'r npuet) 
N'criiandlung waren r-lwa <k) /cum ii und als Sai h- 
verständige die Herren Dr. Niesen, Kreisanst Dr. 
Kohlnuinti, Dr. Ehrenwall, Dr. Schultz« und Dr. 



T.andcrer, Direkt« ir der Provinjstal-lTrcnanstah in .An- 
dernach gelaih-n. 

HcsKMdcri u !>auk verdient das energische Vur- 
fjelun des Hem> San.-Ratli Dr. Ehren wall, der 
Ijci (icrulii. als liei ^'^•r>;l«.•il•!l .insreliahnt wui'dc, da- 
rauf hinwies, dicss die Irron.'irate el>enfalls an dem 
^crii lalirhen l'rth«-ilss|)rucli ein hnht-s Interesse h.'ltten 
angcsiciitii de» .S<.hadcn$, welchen das Ansehen der- 
selben durch die Presse bei dte.sem Vi>rfall erlitten 

Der V%>r->it/ende erklärte darauf, dass dii- Inlcr- 
cssen der Aer/tc im Tenor des jterii ht liehen l'r- 
ilieils keuiesfalls, d.i!;«n!eM sehr wnhl in den \'er- 
uleii.itavcrhundlungeii waliigcn« uumen ktVnnten. Und 
SO gcsUiah CS auch. 

Referate. 

— Blo( h, Beiträge 7mv Aciiolugic der l's^chu- 
iwtlda sextialb». Dresden, Dohm, njoi. 272 Seiten. 

7 M. Fi-Lr Theil. 

Vit), ivill \<ir allem in M-iiun» .-.tili anii'^rnden, 
nehcii vielem Hek.mntcn dtM'lt audi Neue.s. hie und 
da freilich Anfcchibarctt , cntlialtcnden Buche den 
Nachweis fuhren, diis-s allen sexuellen An«nnaKcn all- 
uemein mensihlii lie Hedirigunsen zu fiTundr liegen, 
da:>s sie »ich deshalb zu allen Zeiten und hei allen 
Völkern in gleicher Weise wiederfinden. Er stellt 

diese seine ..anthr>i|i<il<>i;i.s' ' -mr lf -inis« he Tlienrie" der 
U^cilijunischcn und liislnrisi hei« I heorie ■;ei;enül«er auf. 
Auf der andern Seite leugnet er si> /ieinlieh ganz die 
„angeborenen Falle von Homosexualität und führt sie 
auf äussere Ursachen zurück. Freilich Ist er sich 
seil ist hcwusst, dass seine Heweisliihnmsr keine panz 
strenge i->t. Ref. glaiihl. (Ue>s in <lcr Thal, 
wctin auch selten gcnui;, .Hinsel»« trcne" Homosexualität 
gicbl. Sicher tritt hier die Neiijiini: «um gleichen 
(»<->;i'hl<H'htc sehr fntii auf uu<l diuchatis nicht immer 
^jelinj^t es. enie .'iu^sete Ursache dafür aufzufinden. 
Aber selb«! weim das geschieht, sq tnuss man doch 
eine sehr grosse Disposition dazu als angeb«>ren an" 
erkennen, wenn uni>edeiilcn<le l'i>.!« Iien. Aiililiek von 
Genitalien, ein sexueller .Si hnierz ete. eine Si> liefe 
Wirkung liervi 'rlirii hl< n. Uebrfgen.s behandelt Rli>ch 
in .seinem Buclie blos alfgeroein die Unachen der 
l>ei\ erwn Sexualität und nur die spezidien der Homo- 
sexualit.'it. Die einzelnen l'erversi« inen sullen in einem 
,2. Buche nüher betiachtet werden. Mit Recht ver- 
lani^t Verf., dass jeder sexuell Pcrx'eise auf schwere 
erlilirlie nekistuir'j; und Stigmata hin untersui hl wer<le. 
L'nter ilen (.»rOnden /.um .Abirren iles Gesehlet ht.s- 
t rieb's Stellt er <len jjesi lilei litli< hen .,Rei/.liuni;ef" oben 
an: wichtig sind auch ferner Klima, Kasse. Bei den 
Juden soll Hnmnscxnaliittl sehr sehen sein (dafür aber 
wuhl die < "leiHieit f;tr.sser. Ref.). .'>;immtlii"lic Ter- 
versinni n finden sich schon bei Naturvciikeni m'i- 
.Sehr wichtig ist vor allem das Geschlecht (bei Frauen 
sin<l r'erxersiitniMi seltener), F.he, C< iiibat, «lie Ci\ili- 
sati ai, die l'liant.isie (<iaheF sn ■ ift bei Künstlern). 
Die nieislen rer\('rsi<inen firiden sii h als relipiösc 
Institutionen vor, wie des Näheren bewiesen wird 
Der Abschnitt über reKgiöse tVustitution ist ein sehr 



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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 27 



interatwanter, wie anch bo«. der slclcn Bcrfllinmu «li-s 
Uolip'»siM» mit «Iftn S<-xuflli-n, in .\-kr-«<-, .M''»w')'stliuiii 
uiuJ besoiulors im Hox<'n^rlaiilM'ii, (|cr nur aus »lein 
(ies< iile<:htsirirl» ;iln;olritel wird ( [^tztcrcs nioi hte 
Kef. (kicii Iii« tu als sti al>M>liit sit her liiiisirllcn). Di« 
ca.«HiBli<i4-he IJteralur <lci Tlu <il<i'^t ii, «10 iii<- S. Iniftcn 
»Icr Hoilijjc» sind waliio Furuljiiulicn fiir Sexualität, 
ebcitiUi die Frediglcii des MiUelalter» Kkubisi U zeigt 
jiich dient reKgiAs-nexuale B«rtthning nn Hialliis-KuHus, 
im Fl.!L;t lltiiii'-iriiw i-iu. Ni.-hcii alli,'i-inriiicii Kiiii'lü>>cii 
auf da-« (. ji w lilci litslclx.i» li'immcii dim Ii iiMli\'idu(.:lk- 
in Bolrat ht : Almoimilfllni <kr ( Icnilalu-ii, Kiir/c des 
Frenuluins, Impotenz, Hcrinaplmiditlsinus ; sehr die 
Onanie (^^««^«Iprs wirhl^ für Pnderastic). d;inn Al- 
kolicj, < i|iiuin, .i:r ,Mi.tU', (dfion K««|jc sein hiil'sili 
geschildert wird, ljc>unders iin Korsett und ticr l'ur- 
nOr«,) spezidl« Kidderstoffe (Wolle, Pels). N<M.-h viel 

wichliL'rr ;iliiT i-! fl;is Hrfliirfiiis iia<:li Vaiiatioil im 
gesclilw iiUu Ik-11 V erki-lir uiul die Sui lit, den ( ii-nuäs 
zu verirr« >s.sem. Mit der H!lnfij:kcit der Reize stctgcrt 
ni h das sexuelle Variation»bcdürfnii«. Da/n kommen 
Müs-sigjiang und Blasirtheit Ebenso j;i<ish ist <lic 
Kf'llc <lcr iliiekUMi \ erfuliruiit; (dun Ii I >iri)stmiiil( hon. 
Erxielier, Üairdelliiureii ct<.j. dann Anhäufungen von 
Mensciien (Schulen. KlAstcr, Kasernen rtc.>, Krieps- 
7.Ü!;c. Theater, i"iffentli< !ie Aliorte. intinio Xus:imm<'ii- 
i<-lKMi mit Thioreii. \'i>n uni;< lieuter Hedeuiuhn i>t 
feiner die erotische und <ilis<«"»ne l.iteraiut, <He ein- 
gehend berücksichtigt wird, ehensi. die r>l)s< .incn Üar- 
«teHunffcn, nnmenllicli Phoi<n;iapiiien, sii>;ar Museen, 
r\'.iriv'.iu-»l. Itimgen k<'iiinen •jefahriit h werden, auc h 
iiallitu-, Zirkus. liejt. der Hom.ise.xualit.lt c'i;ail)t 
\'erf., dass die ZhM der Urninge keine gj --v i^t 
(.•■ Ref.). Neben den ersten Kinünii keii .sexueller .\rt. 
krimmt n<ic!i alles dazu, w.is die .Abneiiiung >;(~!^en 
das VVeilj l>e^ünstij;t, ilie l"'ur( lit v. t .\iiste< kuii;;. .'ib- 
nurme Bescliaffenheit und ErkrankunK der AnHlgcgciio, 
die eine eiutfigene Znnc erieuj^. Analmnsturiwtion, 

Berühren «iiescr (lei^enil, kilnsilielie Kffemiiiatiuti, Mi>.i- 
^'Vnie des \Viisllini;s. st.irkc (ieiüieit, tneisl aber Vei- 
sueiiun^ »lurt h Urninf;e und die inrinnlii lio l'n istiluti. in. 
Verf. will eitdiickt den ^ 1 nicht aufgehoben, siindera 
nar geändert haben. Er hSH eine .\ufhebun^ de^ 
selben flir sehr gef.'ilulit h, was Ref. iiii bt .iiierkerineii 
kann. Medizimilrath Dr. P. Ntiekc, 

Hubertusbur);. 

— n a ve I u (■ k K 1 1 i s. f lesrliU-« htstriel» uikI Si liam- 
gcfiihl. .\ulori:>ierte Übersetzung von Julia Ii. Kut.s4 lict 
unter Redaction vrm Dr. med. Max Ki^tsrhcr. /weile, 
unveränderte Aullaue, W'iir/bur^ .\. Stuber's \*erlag 
(C. Kabit/„si-!i), n»i>i. ^o.) S. Brosili. Mk. s, — , 
gebiiiKlen Mk. 

Verf. giebt in tlei \orIn.T;ei)4len Arbeil drei isiudien, 
die er als noihwendige |ir<>lei;<imena für eine Atia< 
ly!*e des jjest hlerblli« heu Iiistin« les be/eiehnel. 

In der erülen Stiuiie beNpric hi ei die Knlwi' kluiig 
des Schamgefühls, «ler instihi ti\c i> Kru« ht, wel li<' sexu- 
elle \'. irg.'inije /.u vcriicimhi lien besljebt ist. Sjc tritt 
beim Weibe um s<i viel st.'lrker auf als l eim Mann, 
dass sie gerade/u als einer <iiT \vi< btiL^sIen sei und.iien 
Ge<tchleciit8diaraktere des Weibes aui |W)i lasrhcm Ge- 
biete licieichnet werden kann. Es laosen sk-h tieim 



SchaingefflhI icwei Furcht|^fOh)e unterscheiden; das 

ein<- ist M>n v< irmensebli« hem l'rs|>ruiip und geht 
nur Vinn weiblii hen W esen aus — ursiirQnglivh daxu 
geschaftcn, den aijjrrc^siveii Main» fermtuhalten fordert 
es ihn später viehneiir /.u seim-r l'eberwinduni; auf — , 
das andere ist \'iin au-gespuielioii meiisc liliehem 
Char.e ter, eher s. n i.ilem als sexualem risjirung: hier- 
zu gehören die Kurrht, Kkel xu erregen, .S4twic rituelle 
und ccscilüchaflKehc Räck«ürhten. ßesonden; narh- 
driieklii b hellt er bervur, dass das Si ii.imgefülil ur- 
siiriiiigliili Villi der Kleidung ganz imablilingig ist: es 
isi eher ein Resultat als eine l 'rsaehe der ü(. l. en iimg j 
dies« bat nicht »iwohl den Zweck, die Ge^hlcihis- 
or^ane zu berjjen aln vielmehr hen'orzuhehen. Naokt- 
lioit ist eben keusi bei als theilweise N'eihiillung. Die 
physiologische (jrundiage des S«-haingeiiihls bildet der 
vaMimolorische Mechanisraus, deinen sichtbares Zeichen 
ilas KrnMhen i^* f-",!xt ist <'s rielittger zu siigen. dass 
MetiM beiisebanil,.i;i, iveil sie erroilieii -idet foblen, dass 
sie errütlieii k('iiinen. als umgekelirt. l i ii ; «leii Wilden 
ist das Schanigefähl viel cingcvkunseUcr als i)ei dvi- 
linierten Vrilkem, bei den unteren Klassen ist es viel 
unfiberwindlieher als bei den gebildeten Klassen. 

Im zweiten Kapitel behandelt er das l'liAnonien 
der Sexual- Pen« Mlicitat Ueberali ist r.u ttcihsichtcn, 
dass sieh <lie ( icsciili.-i htstliütigkoit in r«'gelmässi<;fti 
Zeilr.iuinen witilerholl. I<h\tluiius ist überliaii|it ilas 
Keiiiizeiebeii jc«lcn bioliigis''hcn X'organgs. Wenn 
Verf. hierbei, um einen gewissen EinAuss de» Monde« 
danotlinn, auf die lickanntc Kontersrhc Arbeit zurflrk- 
greift, Sil worden ihm hier siebcrlieb nur wenige l'sv- 
i liialer fiilgen. Verf. selzl bei der ihrem Wesen na> h 
uiibe'kannlen .Menstiuatimi ein und ;iussert sii h tUts 
eingcbenücicn über deten Kiiilluss auf die siR-iale 
Stellung der Fniu, rnde>s kann man auch heim 
Manne einen incnstrual-i>bvsi(il(>gis<hen ('y lus an- 
nehmen, wcnngieieh bcstintiulcs Ijeweisniateriat mich 
fehlt. Schon früher ist des Öfteren darauf hingewiesen 
w< irden, d.tss mm beim .\I.iiiiie m »nallit lieSi liwankimgcn 
"der .\eiideriiiii;< n von k' >i j/erlii lieri und g«'istigeii, nor- 
malen und iMtliol. >gi.ehen Kigeiisi h.tften beoi^acUten 

kamt: vor allem lässt sich daim eine Zunalimc der ge- 
8clUe»'htltrhen Errej^unn beobachten. Ein P^»^es.w^ der 

Hi- i|i »gie < Ol, Stalin le b< i si. b in eiuern zw ei|älingeii Zeit- 
raum einen Höhepunkt der I riiume und l'olluuoneii, 
der rcAclmilsiiig alle 3H Tage eiuNetste. Die SeHml- 
bei ib.u Iilnng i:iiies and<'ri-n .\utors, die 12 [.ihre wahrte, 
wird ani;e(iibrt ; hier üess sieb ein di-utliclier woclieiit- 
lielier Rlnthnn; i < iglji b der l'i «lliilioneii trstsi. llen, 
der den nti>n.tiliclien Rhythmus la.st verdeckte. In 
einem Nai-hlrage berichtet Pcrry-0»sie Ober seine Jahic 

lang liiiiduieb gehlliilen .^iilzeii liliurig<'ll ; hier In sseti 
die l'i ilhitioiien einen j.'ilii U' ItiMi, moiiatliebeii, W(i< lu nt- 

li< bell Rinthnills eikenneM. l'ebrii;elis liitti l ilieser 

.\ut<ir die \ orsteher der I !• n lis< huleii , eine Altiealll 
ihn i ."stiidenlrn zu weiti-ren hfi »rsi Illingen zu ver- 
anlassen: i-r verbclilt sieb hierbei nii iil, dass veixvertli- 
barc Kcsullate nur erreicht wurden kiiiincn hei aller 
Sor^alt nml Genauigkeit der Nirtinet» sowie bei .<<exucner 

.\l»sti!ienz. 

Hr eiiirlcrl aurh die jähriHhe .SeJcualperiiHlititat, die 
Tendenz einer ))eriodiNrhcn Stcigcnmg cfcs (ics^ hlcilits- 



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38 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 2. 



tricbes im FrOhjiihr uihI Herbfit, eine Tendenz» welche 
su li ;iii<li l>t I dl I inroillkürlirlien gem'iilei'hüu'licn Er« 
rcguikg kuiid^icbt. 

Der dritte und bei weitem je;r()s!tte Abüchnitt ist 

i iiK Siutlie iitx'i ili'ii Aiiliiciivü-.iiiii>. f iiiTuiitcr \oi- 

sU'lit \'tM(- die lIlivvi lLlilJitlicül A( ll>vi 1 iiii^'i'h <lt s i 'ii— 
ScIlioi'llLsll icl II dir >|xtnt!llH5 gcx lilrtiillii lif I'".ru-;;iii)t; 
ohne irgoiul wcUhc Anregung, dir«l tM.lcr iiuhrect, 
seitens einer anderen i'ersim. Das ist ein weite» üe- 
l'i<-( i;c-.i !il< i lillii lii-r Il4'lluit!^iiii'; . da> .si< Ii oiilrullt 
von dcii gctegeiitii« lieii woUujiUgcii Tiigotrituinen bi.<i 
•/Mt üchamtcusen Onanie Geiüteslkranker. Als typische 

F« i| III d<'S Aiiti •<Ti ■liNiiuis l>o/«'ii iin(;l Verf. dii' •;c.Nteig<M tc 
^t>i Ull i lill;- Iii' Kn( i:iilii; walni'iid dt'> Si lil.il'i s , wo 
das Iiidi\'idutnii im ( ii ;^<!ii<;it/ zu iindrrt'ii Ki>rnieii des 
Auli>en4i»ntUM Ivcine freiwillige R<^lc »piell. Kr will 
kwne ci>i«'höj»fcnde Discussiim über aHc Erscheinungen 
di'^ Am. ■4-: I ltisl^l^l^ 'j,>lnn, si.udeiii nur ItostinimU' 
Funkte niileisurlici) , wie seine .\uMlelinung, seinen 
C^nicter, seine in<»rali«clMHi, {tliysisK^icti und snnstigen 
l'- .1. < ii'irtort IT tlie ursii« lilii lifii ^l•zit•flun^en 
ZwL-scltcii AiiliH'i' >ti-iiiu> und lly>t('rii>: e.r /rij;t, wcUlie 
trmWcHldliiiii:' Ii dl.- [.i liif d<'t A(-iii>loi;io <lrt 

11\ >^cric im X^nic der Zeiten erfahren hat bi$ zu der 
jiiii^i^in» von Freud nnd Bnnier aufiEestclltcn Lohre 

\ < lf. >ti-lit dliTl s\'Ill)),lllu>i Ii uc'^rlillbcl , wrnil CT 

au« Ii III den V trlcl/.iiiigcn du sexuellen Enipfnulungs- 
sphüre nit-ht grade den Hauptfat'tor steht 

Au<fiiriili( Ii >|>iiclit W-rf. iilier ili<- Aii>(>rfilun'^ clor 
Ala&tuiliaiHin bei den verüchicilciicn Lie»chlet'litein 
und .\itern, ihre Folgen nnd fleren Beurteilung zu den 

\ i'l s< li:i-.U-ii( I Zi'itijii. Die lu'i Ui liti^lrii !)• H)iil;li<>ii 
l'-U' tu I, «ii ini Au>.nii :>iiiii; in.iii in s<i \it len Tiii^cs- 
Malt< rii ln-m iiiit t. iloii ii w fiiN'i riiicilt tc I.i i tiir(> s« >!■ lien 
.Schaden Htittct, sind übrigens a^rlion recht alten Da- 
tums. Das erste derartige Machwerk erschien in Enii- 
l.ind uimI /.w.ii liorcils im Aiil.iTii:r des is |,iliiluiii- 
deiLs; < s eilebu' iiii ht weniger als h»j Aullagen. >>alür- 
lii-h wurde eine „üt«'krkentle llm^tur^ erapfribicn und 
dcK II Wirkung in vielen mitaltgedrtu'kten Briefen sehr 

Kdi.lit. 

ü.l^siijr ^l.^^^urll;lll('|| m li.idct i iiicm erblich 
nicht bclastcicn Mcilm hcn nii ht. Eine üjiet tfi.s( he ona- 
nistifi« hc INyrh'isti gicbt es nicht ; eher ist das Onaitiren 
I in S\ iii| 'III ;iN l'r--.ulir dt s Iiir^i ins. W'itd die 
.Mastuibali>iu bei Leulca i)cideilci Ucstliicoius guubl, 
die Ober das I'ul>ertatsalter hinam sind und sonst ein 

liMISi I.'lirU UihKll, >■ i I Iii -' 1 1 das \Mi|ll. Will 

sie t iltc kl ppi I li< h. uiHi |.:ii^lij;c Kilcii. hti'tUlii; Ulii.1 
ü' riiliii;uii;; « if ilinn Ki enthalt sich eingebender 
Ikincrkungcn über Heilung und VerliQtung; wir 
wissini nnr'h zu wenig, vr>r allem auch Ober das Ver- 
li;ilti-ii n. rm.ili r Tits. ii im und iiiln itrii \i<'lr;ii h iml 
einer ubd augctirachtL-n, iiu lil i>c'rc4 iiligtcii dida« tisi licii 
Momlilftl. 

iJasliui Ii fisoli duri Ii i-inc FiilU' \<<\\ Pi • -b;!« htunefii 
nrid lifiiii 1 kuni;< (i. dif iii' Iii mir di u Avzi, Miiidt Mi 
am h fii'ii Aiidit 1 1[ " •!■ f;jL'n und Elhnoki^en .nn;i lu'ii; 
gerade hierbei zciyi \'ctf seine ;tti»spr. in Initii« lu I!< - 

Knrtiniit Mrn ümmiitenil — Sr)ii'i~< d 'T J ri'.cr,-.t< 'n-irri liiiti«' : i .i^- 

llr^nrutana'schr lluA-hatrurtirm 



Icsenheit, die es Ihm ermflglicht, die Stellung der ver- 

si iii<d(MiNii-n \'i>lk<T und d<^r i-' Iii« drnsten /Seiten 
zu den ein«K:hlägigen Fragen an/ugebcu. 

Verf. stellt weitere Studien, so ober die Ver- 
se litfiicnlu'iiiU'i Tciiiltüi/des Auftretens fU-sCifsrhln lits- 
Irirbfs |j<-i di-ii lioiilcii ( iosi lih-i litcrn in Aussii hl, 
und am Ii diese wcidch si< ln-rli< Ii dif ^loii In' ALifiiabmC 
hnden, wie das vnrlii -^t-iide Bucli, dax innerhalb kurzer 
Zeit in «weiter Anll.ig«- crxcheinen kimnte. 

Emst Schnitze. 

Personalnachrichten. 

(üm Uitlbcitima vM Fanranlnachrichlril ttc »m die RcdaUiun 

- - In l'ei kornifihdc ist di r Assisli-nzar/t Dr. 
i>eutsch vom i. April l<>OJ ab zum 3. Arzt ernannt 
und dem Assisienzarzt Dr. Panselius rut zum 15. 
|uli UiO> die l>cantra«!;tc KiitlassuiiLr aus dem l'nivin- 
/.ialdiciisl cttlieilt; ~ in Lauenburg der practibcite 
Arn Dr. Voilheiin als konnnisaaiiBcher Assislenzanit 
einberufen. 

— Niodcr-l )estcrrcii li. Direktor Dr. [Kscpli 
Kra\<its( li zum Dircet'triii .Nlauer-Otblin^. I)ire<t<ir 
Dr. Heinrich ticlilöss zum Dircctur in Kierling-Gug- 
ging, Dr. Thec^hil Bcigdan xum dirigirendcn l'iimSlr- 
ar/t in S'libs, Dr. |i.sc|>li B'. i/.c /.um l'iim.ir.ir/t in 
Wien, (^trrcaauätall), Dr. Ji«->ei)li < i ni re hl may<T zum 
Primararzt in Mauer-Ocblini; ernannt. Zu dirii^rcndeu 
.\crz1en wurden ernannt: 1 'r. Matthias liurkhartit 
füi Wien I Irrenanstalt j, l)r. Kranz .Sitkinirer für 
Kl' istetneuliuru;. Dr. .\ntiiii lliu kaiif für KieHiiig- 
(ni'^ging, Dr. Cari Richter für Vbbs, Dr. Adulph 
Häver für Mauer'-Oelding; diese Vciflndcrungcn gelten 
vtim 15. April a. c. ab. 



X 



1 : .1 - 



■ ;t 11 e r n 



— Verum der Irreuuijste MiedersachBena und 
WeatfaleuB. ^7. V< rü.immlun!; ^iin 3. Mai i«;i02, iMchniiltags 

J Ulir in Il.mriovcr, [..nosir. 2U. 

T'ii;<-s<)r Im. . i. H r u n 5-n.in;n")vor Nciii<)]).it|i')li>j<i>rh<> Uc- 
iKuiiMr.itiorK i.. .\ 1 (-l'clil-()riiii;i' ; /iii Gcnt%c flos n,-if.ilvtivhcii 
Anf.ilU \. S n p I ! - Hildi-shcini : Irjcnliill \ inr ; i t i::it;r- 
( ji'tliiiycn : l'clHr kr:inl>li.iltc Ki;^f nl« /if ItuUj,' luiu i;.;.u liluiit;>- 
w.iliii, ."i. \\ l>c r ■(iiitliiii.'CM I clM r ciiii);i- W-ub.liit»'" ati ili i 
(j'''(nii|4cr Aiistiill. (>. V Kg 1 -<ii'Uin>;i."ti : t 'i bcr »In- Bcziflmiiticii 
/tt'KrIit'ii .\]ilijsiL' iifi'l Drni'ill 7, (Jtiac I .i 1 i m - Göltingrn : 
Miitivjiliinecii Mii iivr UuiVf[»iläl»-i'<iliklinil( Uir p»}cb. uud 
N\ rv< iiUi'inkr. 8. Behf'Lttnebutg: Uet»r die FamiKeopQcge 
iit (ir)nini;<n. 

.\;i< !i ili-r .'•it/ting Iii) iii in K;is'i-iis Ibitpl ftii ^rnicinv.iiin s 
llÄsrii iC'uuvcil 4,50 M.J um ~ Uhr st.ul .\iimcldutij>C(i 
werden reehueilig »a den Vorsitxff'Kii crl^ieii 

Der \'i>r si 1 2 eil tie. 

r.. rstcnberii-Hiidesheim. 

- Auf 'l'T vom Hl. )i( April ia Bremen Li^cmten 
VIII Vl■r^;lllll:'lllllf iKr .InUvthi-ii [ aadeagruppe ilcr inta^ 
nationalen kriminnlistischen Vereiniirung wii4 Iiircclor 
Dr. r>':Uiiiick, Hiciiien cim-n Vxrtrat; hiillin iilwr Mic v«r- 
iiiiiiilLTt Zu r .-eil n u n K s I:« Ii i 1; c 11 11 n»! ilcrcn Vcrpfleg- 
11 11 1; in Ii <•■ fo II rf n .-\ n s l 1 1 1 e 11. l>cr Voru-ip fallt :iut dtn 
i'S .Xjinl, Seil» iii^>ri('hlHianl, nachiniliags 4 Ulir. Anfri^gini 
mul .\iiincl<lun$:eii >in(l nn Hmn 5ta.ittiiiivsilt f^Aning-Bfemen, 

I uTicht-hrius ?ii littilrn. 

. i--/-. I ■! . j - I i.r Kn--' ItniU. <S«:b niem). 

" '..■rd. r Ai..;-,ii.'. - V. tvi^ \iHi C«rr M ubuld Iii Halk a.S 

lObr. W.Mlfl in IUII<- A. S, 



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Psychiatrisch -Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Bcsprechnntr aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondenzblatt für Irrenärzte und NervenBrzte. 
Unter Mitwirkung zahlreicher hervorrdgcruicr Fachmänner des In- und Aaslandes 

Uirector Dr. K- Alt. Prttf. J>r. Q. AntOn, Prof. Dr. Ii. EdiuKer, Prof. Dr. A. QuttsUdt, Frof Dr. £ MaiuM, 

Dr. F, 3. XBUaa. Director Dr. Morel, 

l.ftpng. Mon» <l<rlr(>rn). 

Unter Benüutwg amtlidicn Materials 
redigin von 
Oberarzt Dr. Job. BrMler, 

ICaickota (SdilMiani. 

Verlag von CARL MARHOLD in Hall« a. S. 

Nr. 3. 19- April. 1902~ 

Dm „i>ircbi»tri»i;li'N««r«taiti*cba WDch«iiactiriir' mB>«lm jßlm SoMabMid aaA kMMt Qunal 4 UM. 
BMiFihmiim M<it»i-ii niicMiMi4lwi«i dir Poa (Kmtag Nr. its»), «mm dia V*rJ>|«faiMiJiwdlBac khi C»rl 21 ax bald ia Halla a.S. «aigaarii. 
tmmmm «wtdati ftr dia }<valii«a P M kw Ila aril «a r%. hmadmm. Bri WiaAwMM« ■«* In**|Mif «ia. 

2a«c<lf<hMi dia Madactina siad aa (Hmw<i Dr |. Rraalar. )C«««e1lltItf tSdhlaal*»). m H(lK«a 

fnhall. Originale: H»yi:liiw:be Aberr.ilion. f sychopathi«^. Von Sailitttlsrath Dr. Alfoiis Bilharz- SigmariiiKCD (SdUM») 
29). - nilthenuReM (S. — Kereme (ü. 38). — BiUiosnipbie (S. 39). — f^noaaliiacbrichl«a iß, 40). 



Psychische Aberration. Psychopathie. 

Von Saoilätt-IUlb Dr. AlJ'om tfiMar«-Si);marii>gca. 



Die Relation von Integral und Differcnti.il kann 
nie, in Iteihem einiigen Fall, aufgehutien sein; jetle 
Absiractiun mtus iß einer Ei&hiung, d. h. in einer 

Seiiisl)czicliiing wur?''lti; rs kann auch krinc cr- 
fiiliruiig»ii»e Metapli} sik geben ; aucli die un.serigc 
niht auf dem tm Deniten vorgefundenen Sein, wie 
bei Cartesius. 

I)t;r .Sinn dieses Sat^-f-i, V'iti i!cr imlt'. '? Itn l'rn Kr- 
fahrungSigüiligkcil li>bgciost und jcur .Ml^^enioinlicil des 
itjgiHrentTisrhen Standpuncts uder zur l<igischeii Wahr- 
heit crli>)l>eti, ist (um es n-x h einmal /u sagen) der, 
dass nur <leni denkeiulen Subjcd das Sein aK soli ht-s 
dircct g^ebeii ist, alles aitdcr^- nur iiidirect, auf 
dem Umweg des Eriicnnena, und daher dem Zwdrd 
untei w. irfen. Dies gelii daraus hervor, weil das Denken 
dem S« hl (K s denkenilcn Suitjerts x lltst ;it"jrliüil. 
iiiil ihm in etn^ vvr»chmul£cu ist und in.v>r<-iu (als 
in der Zeit ausgeddintc und be^nzte Thatigkeit) 
Seiiislorin j;<naiini wurden darf. Aus < Iii scr Einheit 
des Denkens mit dem Sein geht aber hervor, was 



dem Cartesius entgangen war, da^ü die Bq^reuzung, 
wie cifaluuiigsgeinass dem Denken, so auch dem Sein 
anjiehüren miiss, und da uiis kein anclere-s Sein ije- 
r^il rti ist, <lie Re^iren/ihcit /um Wesen des Seins- 
IjqjrilTs gehurt; da.ss alsaj, wenn die Gieh/.c am Seilt 
hinwc^edaclit wird, der Begriff selbst ver- 
schwindet Nur das d^m« rete Sein ist ein Betriff, 
das ali.stnirte o(ler Sein a!i A>\. ist keiner. Man be- 
merkt, dass ilicscr Gcdankengatig allein es ist, der 
uns vtir dein sonst unvermeidlichen Solipsismus gchfiticen 
kann. Der eii;ciiilielic Gewinn aber lie)»! in dem 
svnllietis( hen I'n! . ;! <\vr ^^(■^a|)hvsik ; denn im .Sein, 
als dein Suhjei tsbi^rifl eines Urthciis, ist die Ik-- 
grenxung keineswegs endtalten. Wir wissen, dass mit 
diesem Salz, der KaiitVhen Vcrnimftkritik der Hixlen 
eiit/.<it!en ist. K.int hatte, \<in seinem .St.iiidpunet 
aas mit Kcehl, behauptet, daiss ein sokhes Urtiicil 
in der Metitphysik, d. h. apriori, unm<igltch sei, ila 
zn ihm Urfaliruni; t;cbi>re. Kur uns, die wir eine Er- 
kenntniss ohne endgültige Seinabeziehung (Erfah- 



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30 



PSYCHIATRISCH-N£UROU>GISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. i. 



rung), Begriffe also, die in der reinen Vernunft äiren 
Uisprung haben, nicht wAaaeen, int Metaphysilc eine 
F.rfaliriingswissciiscliaft so {^t wie Phvsik , mir mit 
dem Unterschied des Innen und Aiutsen und dem, 
dasa die ^nze Erfahrung der Metaphysilc In dnetn 
einzigen Actus der Selnsbeziehiing erachöpft tat. 
Sic niht ahdann aber auf einem absolut ucheren 
Grund. — 

Integral- und Dißercntialb^ire stehen hn Ver- 
haltni» von Inhalt und Ftinn, und Abstracta, wenn 

sie riditip gcbilticl, d. I». wenn >.le von den ConiTetis 
richtig abdiffcTt:ntiirt worden sind, mUstsen auf diesen 
senkrecht stehen. Der Inrthum Oberhaupt enthalt 
daher ein Agens, das die Begrifle aus dieser Ridi- 

tung ab/.udt.ingen siuht, einen transversalen Zug, 
und wir sind im ReclU. uciui wir 
Irrthum im Allgemeinen als Trans- 
verslsmus beielphnen. Der ver- 

liältnissmassiß seltene Irrt'irt ilf 
Sinne (des VerstandcA) i^l alsdann 
corticater Transverxistnus der Em- 
plindungssphflren des Gclüms, der 
K<'iq)erfftlilsj>h;!it' . der Selisi>!u'irc- 
de» Hinierliauptiappens u. s. w. uder 
der angenannten Prrijecdonsfascr' 
Systeme ; der überaus liilulige \'er- 
nunftsirrthuTTi • iih.il'i 

Transversismus der As* >< iatu «ns- 
centren. 

Man kann wol»! sasen, dass in 
den lf»zigcnanntefi l\'iiilf>n;^cbicten 
eines jeden Gehirns es von stik lien 
Tiansveisisnien wimmelt, nicht nur 
tagGch neugebildeter falscher Vor- 
stellungen, sondern ;nii'l! '•rvrh\rr 
alavistisciier , in die üchiniorgaiu- 
satinn und Faserlage fibergegangener, und dass unsere 
gati/.e F.r/i( bunp daraUfllinaUSlHuft, Schicfstellnnnen in 
den Begriffen zu Ncrbesscrn, neue zu \onneiden. Dii; 
.scnsurielicn, in dics^cm Fall übcrliainjl oirliudcn, Ur- 
thisraen der Thiere entsprechen dem, was man bei uns 
gesunden Menschenverstand nennt. 

Schürfe tlor Intellc. ts und liolic Vernünftigkeit 
werden liagcgen Demjenigen zuerkannt, dem es ge- 
lingt, seine Vcniuidlbcgriffc (der Associallon"»s]ib iic) 
mit den sinnlichen Verstandcslicgrifren in Uebercin- 
stimnunig zu bringen. r>as WTinögfn. dies zu tliui», 
heisst L'rÜieilükraft, der Mangel daian plivsiologijH-he 
Dummheit, wie sie einem ganz gesunden, aber be- 
st-hiflnktcn Geist angehören kann. Unter allen Um- 

sl.'inden verlangt alier die <;oforilt;rte ITebercinstini- 
niung zwist hcn Integral ihhI J)ifferenti;d, dass jode 



Begriff!iaii gesunden auf den gemeinadurfilichen 
Bewusstseinsmittelpunlct bexngen werde, wie es in dem 

S(hema des physiologischen Faservcriaufs 
(s. Abb.) dargestellt ist 

In dieser Ueberdnstimmung aber, oder (wie man 
auch s^n kann) im Gleichgewicht dieser snrei Be«- 
griffsarten ist alsd inii die F.inlieit iles i 'lijc tiven Welt- 
bildes trotzdem gewührleit«iet, wie es dem Gc;gcns;it;t 
Subject-Objoct im Sein oder der metaphysisrhen 
Enantialitflt und ihrem Ausdruck, dem ethophysischcn 
(jesctz, entsi)rorhon niu'^> Anf det anderen Seile, 
im Falle der NichUibereinstiniinung, kann die i'r>n- 
Atante Wortform eine ^nze Reihe verschiedener In- 
halte beherbergen, von denen nur ein einxqjer dem 
etlmphysiachcn Gesetz gcmSss ist, und der Rest tlaa 




Seini^setz aufzuheben scheinen. In diesem partialen 
Transvirsismus liegt daher eine Gefährdung des Ganzen, 

de> Subje^ipvmkls selbst '). 

Bleibt aber die Be» ussUcinseinheii des Anuteben- 
staates Mensch erhaUen; tritt der Transversismus des 
falschen Differentials in das <ianzr rn\ . s i dass es 
mit voiletn Ii< wi:"tsoin als Motiv «ies llatidelns zu- 
gelassen wird, > inuss dem rransvcrsismus des Denkens 
nothwendig ein Transver!^Hmtts de» Wollens folgen: 
dem Irrthum entspricht die Irrtbat. die sittlit lie Knt- 
glcisung. die litliopatbie. das Hose. Die Welt ist 
vullkoninieik (d. h. elhophy,sis*.h) überall, wo der 
Mensch nicht ttt mit seinem falschen Differential. 



*) Ich habe an anderer Stelle schon die GcwiisensaiiKit 

v'me Afi l ii lcsangsi sjen.iniii; ein WoTl, hinter das ein geehrter 
Kriljkvc <-iii l-ri^cicictkcn U'Utc. 



Digiilzcü by Co 



31 



Erst (ias Ritse, «ik- Etluipalbic, niailit aus «lern eüx»- 
ph\«iacben oder Siinsgc>ct2 tlus Sitlengescty. Daher 
Bt diow so ücTgrQndig, an das Wesen des äubjccUi 
gebunden; nicht awar unabhängig von Differeniial* 
l>e;:tifffn . aiso der Sprache, also der Vernunft, wuhl 
aber utialiiiJlngig v<in der Gt-genwart anderer Wesen. 
Das Biiste betrifft Denken und Wollen zugleich, also 
das Gsinxe; im G^ensate zutn ojrticaleu oder neo- 
;)la>tiM lici> Tratisversisnnis do Irrtliuins w.'lrc dcmnacli 
d.is bvvse iti tlor vun uns gewJUilten Sprache als cen- 
tialcr tnicr jwlacoplastisdicr Ttansversismus, kurzer als 
Seinaquening zu bezeidineo (im Punlct fi der Figur). 

\\"\T sehen, wie richtig sicli dem ethischen Pro- 
liicni s^Senüber Si>krätes stellte, als er die Bedeutung; 
des Erstjjegebenen, des Motivs in den Vonlergrund 
sidite und sagte, rechte» Denken mtlase rechtes Han- 
deln im (iefoljie haben. Theoretisch ist tier Sjttz 
unanfechtbar, practis< h aber bcrleulungslr is ; rifun der 
Irrthmn aller Vuifahrcn, vun der Entstehung des 
Menschengeschlechts an, ist die grusae Schuld der 
Zeiten, an iler jeder Einzelne abzuzahlen hat. inn! von 
der man nicht weiss, ob sieniKh wa< hse n<ter abnehme. 

Wir verfolgen an dieser Steile die ethLsthe Aiigc- 
IqEenheit nicht weiter und fragen : Was nt neben Irr- 
iVmm und Irrthat der Irrsinn, das j);ithologische 
Denken, die Psychopathie? — Wir können bei Bc- 
Uachlung der physiologischen Gchimfaserung (s. Fig.) 
nicht im Zweifel sein: Lrrdnn entsteht, wenn die 
Kelativirung der zwei Hegriffsarten (seien <liese nii* 
Irnhüinern i>ehaftct oder nicht) nicht im Bewu>st- 
seinsnutlelpunkt v sclbsjt, sondern diuch (Jucr.-vi.hlag 
<Hler Kun»chliiS!t it^gendwo auf dem Weg zwischen 
Ceiitruin urid l'eriplierie schon vorher j^cs« hiehl. 
also dur< Ii Aufhebiinjj der Isolation zwis< lii ii lien 
Gebieten der l'rojectitjn uitd .\ss»'ciation, der Integrale 
und Differentiale sdbKt. Irrunn ist intermediärer 
Transvcrsism u s Ibei a cdi r lA- 

Dcnifieni,'!'-- i«.t L'fhti'jr ' ".••-.•,iii<l!i'-ii .iN luti-nne- 
diärer (Jrt Ii i snui s zu bezeichnen, ci. Ii. gcsiuidcr 
GeisteMctislatMi int dann v<»rhsnidcn, weiui nicht nur 
<lie eihzclnoii 1'i-l'i;IT<'. sutidcm die fjesaniniten Vor- 
"lellunjirsinassen der Ftihlsiih.'irei) einerseits und der 
.\»socialions-(Ab»tracliotis- )Sphüren andererseits, al.so 
die!« selbst, mit einander im Gleirhgewicht stehen. 
Wir dürfen uns die inte!:rali-n V'crstandcsbepriffe 
(r^; Vorstcllungeti) und die \'criivinft<liffercntiale als 
»ie iu zwei grossen llchSllerM angesammelt denkcij, 
die durch eine membrandse iM^ltcidewand vun etn» 
ander gesi. hicilcn sind, unil in denen annähernd die 
gleiche Druckhohe aufrecht < i halten i^t. 

Die Äkiglichkeil einer wirklichen Hegrillsbesliinm- 
unig (synthetischen Definition) der geistigen Ge> 



sundheit, ist. wie man sieht, durch die Erforsch» 
Uli); der anatomischen Verhältnisse dr-, Ci hirns an- 
gebahnt worden, beruht aber weseullicii auf der Er- 
Icenntntss des gegensatzlichen Verhältnisses der Ver- 
statules- <Hler VernunftbegrifTe, oder der Erkcnntnias, 
<la!vs letztere a na l \ t is» Ii e n, uiul nicht, wie jene, 
synti) eiischcn UiJ»piung» üind. Sic setzt also eine 
gegen froher gflnzUch veränderte Atiflassung des Er- 
kenntnlsspMblems und, wie wdteres Zuiückdenken 
ergiebt, die Thatsache einer ontologisrhen Metaphysik 
oder die Entdeckung tUs ontocenlristhen Standpuncls 
voiaus; wunius wiederum hervorgeht, dass Ptiycholugie 
ihrem Hauptsiime nach eine philosojihische Wi.sscn- 
schaft ist. Die Fi>r<.lennig des endopsychischen Glcich- 
gewiciits ergiebt sich keincswcgä aus anatomischen 
Gifinden, sondern aus der Gleidiweithigkeit der Ge- 
gensätze Inhalt uikI Fonn. 

Je<ier von uns hat davon vielfache Erfahrung, tiass 
das Gleichgewicht der Seele, dct aequus aiiimus ge- 
stört ist; Ja, wir dttrfen annehmen, dass die Drucke 
der beiden Beh<'«ltnis,sc während der [xsychist~hen Action 
überhaupt fortwAhrend wechseln , sich gegeneinander 
ausspielen und im Leben so wenig jemals ganz in 
Ruhe sind, wie die Quecksilberkuppe eines empünd- 
liehen Barometers, otler so wenig, wie die Erde in 
einer streng mathematischen Ellipse um die Sonue 
läuft. Bisweilen wogt und stürmt es darin so sehr, 
dass man glaubt „den Verstand verlieren zu mflssen*', 
d. h. tIass die trennende S< hii ht in Gefahr ist zu zcr- 
reissen. (Geschieht es dann wiiklich, sodass die zwei 
psyt^ laschen Wdlen aufeinander tielleu, sich kreuzen, 
interferiren, sich hemmen, sich mischen, und geschieht 
die vertierbliche (^)uenjng nicht gerade im Bewu.s.st- 
seinsmittel|)un( t, wie dies offenbar in der pr.'lmortalen 
Bew usstaeinstrübung der Fall i>l ^ji, su muss iiutliwendig 
die htVhstc Verwirrung des Denkens eintielcn. Ober 
die si<h das centrale Bewusstsein keine Kcthens* haft 
gcbei» kann , weil ihre Sti'irung erf> -Igt , bevor noch 
die Bezieliung auf den Mittelpunct, in der die Ein- 
heit der Begrifbbildung besteht, sich vollendet hat, 
und die eben deswegen den Stemfiel des Krankhaften, 
der Ps N chopathie, an sich trügt. 

In der Hallucination, auch gewiiisen Tnium%t>r- 
Stellungen, Begriffsbihlem, die au lebhaft sind, dass 
sie die Gegenwart wirklicher (Jbjecte vortUus« hen, tritt 
die vorbewusste Mise h ung der swei verschietlenen 
psychischen Wellen deutlich hervor. Das centrale 
Bewusstsein wird flie begrtfflkhe Vorstellung ^fttd" 
von einem wirklichen Pferd dann nicht unterscheiden 

♦) In lücscm Fall spricht miin wejjcn dtr KUrie der Dauer 
nicht von G«istc8»tt>rung, obwohl^iiic «Ici Sache natch eine Mtklic 



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32 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT, 



[Nr. 3. 



kömn Ii. jene ;ilsi( für ein solrlie>> hallen müssen, wenn, 
vcriuügc Aufhebung der Isolation, eine Erregung des 
SehnerweibitifB von Seiten der fi9FeientiHl«n Vor- 
atedung aus geschieht, und sich der integrale Strom 
gcwisscrmaassen in das leere Uctt <les formalen Be- 
gn(f&, seine ^identiMrheji) Grcjucii ausfüllend, ergitast 
Denn der Nerv Oberträgt seine Erregim^ dem nächsten 
(Juerschnitt, unwissend, Wdlicr sie stamme. 

Nalürlirh kann di r Durihl>ni< li v<<n je«ler der 
beiden Seiten her erlolgen. Bei der ungeheuren 
MasM von Vorstetlangen und Begriffen, die der mensch- 
liiäK Geist in sirli l.i Ii. rhergt, wetiien die Kis^liein- 
ungen , die ihre pathuloj^isrlie Mi.srhurii; itn f"i f, t^c 
hat, und die der Au&druck die»cr Mischung sind, 
atnseroidentlich mannigfaltig sein, und es wird nicht 

s» leicht aagdiea, sie in tyi>is< li-einlieitliche Kraiik- 
heitsliilder zu vereinigen, wie dies hei k<ir| i rü' lien 
Krankheiten gelmgt, xuinal heim Gehirn der padio- 
idgisdi-anatomischen Unlenuchung die grOwten 
Schwierigkeiten entgeg;en stehen. Wir en'irlern hier 
indessen einige Umstände, die die ps\ ( li<)j>a(hischen 
Ersciiciuungcn jcdciifalU bestimmen niüs&en. 

1. Der memchiiche Geist wäre der Gefahr allni« 
heftiger Eindrücke rettunjjslos überantwortel, wenn er 
nicht, wie das Auge, eine Art Sehinnvurrii hluiiK da- 
gegen besäüac; Ja, die freie Willenüboitinimung, die 
den Menschen dem Thier gegenflberatiszachnet, wflre 
nicht denkbar, wenn sie si< h nicht auf seine negative uder 
receptive Seile bezöge, die die c^ntliihe Seinsseiic 
i*t (gegenober der poälliven oder VorstcUungsscite). 
Die Willensfreiheit muss sich auf die Zulassung 
der Willr-iistui .live beziehen: denn, einmal zugelassen 
taler ins Bcwusiitsein eingetreten, i^t das Mutiv dem 
Willen entrückt und der Zeltfolge anheimgegeben, wo 
nicht mehr die Freiheit, sondern strenge Nothwen- 
dt^'krit lifrrscht. In dem Zwis<-hengewebe der Neu- 
ruglia hat der ineiuicliliehe Geist da» Mittel, eine be- 
drohte Isolation zu vorstaricen, wie wir anndimen*). 
Es handelt sich aber um adive. amocboide Beweg- 
un!^«'n : w> r'.'.vri ein Feldherr .Soldaten auf < irn n tu - 
drohten l'unct scliitkt. El>cuder»dbe Eindtuik wird 
ein Gehirn heftiger und geßthdicher treffen, wenn es 

von ihm Qbenascht wird, w<'nn es keine Zeit zur 
Gegenwehr hat, sich in einem laliilen Gleil hgewichts- 
jsustand befindet, oder wenn gar die peripheren 
Amoeben dem Befehl der Centralamocbe, diefkJdaten 
dem Feldherm , nicht oder nur ztVccrnd gehorchen. 
Daher muss it> einem festi ri f'n füge der Zellenindivi- 
duen, besonders in einer aiavisiis' h festgefügten und 
gesicherten Faseriage der beste Schutz gegen Gdstes- 



*) Ich yttwtim der Kflne balber «uf meinen Aafats: «ITebcr 

die N.Tt'jr und die Fi:;:li' !;iii)L; (Irr Gdstcskrankheilen" in der 
Jubiläumssdirift des Landutpiiah xu Sigmariogcn 1897. 



st' riinj gelegen sein, imd daher l<»2en dit» P^^<■h^ater 
so grosses tiewklu auf die sogenannte erbliche Be- 
lastung, die eben den Ausschluss der genannten 
Vorzüge bedeutet. 

Die iTi t;;iini auf /Wcirrlci ritifirelioUcn 

werden: erstens j)assiv durch gewaltsame Ruptur von 
auRsen, von der Objerlseite her, und zweitens activ. 
Von der Subjectseite her, durch Vorschieben und An- 
einanderlagern von rscudu]»' «tlien , unabhängig von 
dem Befehl der ceutialen Anioebc. Nach diesem 
durchgreifenden GcsichtsfMinct, der sich dem der 
nielaph) sis( heu Gegensilt/lichkeit \'oH Subject ttod 
( »bjeci anschliesst, habe i( h mir erlaubt vorzus» hl.tgen, 
die geistigen Stvirungen in 1 ni p r e 8 s i o n s - P s )' • 
chosen und Seditions -Psychosen dnzutheilen, 
eine KiiitheiUmg, die im Allgenu'inen auili der ««hen 
angefüiirten heTe<lit,'iren Vers« hie<l' n^irit i rilsprf ( |icn 
wird. Man sagt im Sprichwtirt : „Wer untn «liesen 
Umstanden den Venland nicht verliert, hat keinen 
/II verlicü h' : il is lieissl: auch ein gesunder Mensch 
kann geistcsknmk wcr<lcn ; aber dann wird er eher 
einer Impres!iiulu^ps)cho!<e anheindallen und im all- 
gemeinen flberhaupt weniger in Gefahr sein, sii dass 
man siru;;ir die Frage der Heilbarkeit einer tleistes- 
kranklieit nach demselben ( lesichlspunct wird beant- 
worten dürfen. Es i:>t denkbar, dass die Widerütattds- 
kraft einer gesunden und atavistisch gefest^iten Faser- 
anlage gross genug sei, um eine Dun libruclistelle, wie 
ein fdndlitheM Fort, mit Schutxl>auten so zu umgeben, 
dass sie aufs Ganze nidit mehr rellcctiit und ihr 
Dasein bedeutungslos wird. Dass in dieser Wider- 
standskraft ein prossn t"nli 'srlii< il wirklich hc-sirlit. 
zeigt das Verhalten verschiedener IVlcmichen gegenüber 
dem „furchtbamten Grosshirugift", dem Alkoliol, dessen 
Wirkung auf „psychopathnch Miaderweith%0" so eigen- 
lliümlit 1; i^t, <Iass man von polhologiscben Rauschzu- 
ständen sprechen darf. 

Die Wirkung des Alkohols Oberhatipt scheint in 
einer Lflhmung der Isolalionsmei hanismen XU besteben, 
w.'ihreiul man die pli>t/.li< ti- Einwirkung .'Uisserer und 
innerer Traumen (Fall auf den Kojrf, Hinterschüneruiig, 
heftige GemOthsbewegungt wohl als eine Einziehung 
der NeUToptxlien aufTassen darf, Ähnlich ilvo Vor- 
gangen an den Polypenbeeten der .Südsee, il<^rfn 
Farbenpracht in der klaren liefe uns die Reisenden 
mit EntzOckeii schildern, wahrend ein einziger Ruder- 
scjilag hinreiciit, um sie /um Verschwinden zu bringen. 

Im Allgemeint-n n1>pr \vir<! die Anwesenheit par- 
tieller Transvetsismen innerhalb «ier Bcwusstseiiiscinlicit, 
auch wenn, wie oben angedeutet, bisweilen eine func- 
tioiielle Ausschaltung angettommen wer«len darf, doch 
nicht gleii ligüllig sein. Obwohl v o r dein 1?< wnsstsein 

gelegen, luüs&cn sie als etwas uiibestimini Fremdes, 

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i9oa.3 

4« » 



Fciml'icHpcs crnpftin()fn und -in nach aussen {>rojirir( 
wcrdco. Dalicr die HäuÜgkcit von Vcrfoigungäwabn- 
idetD. Soduin aber mOsKn sie, ab Tbdl etner un* 
Iheilbaiieii Einheit, aufo Ganse reflectircn; wie die 
früher als Beispiel aufgeführte, rum Theil gcfäibte 
weisse Scheibe, wenn sie rasch gedreht wird, ihre 
WtiaM veriien und dneo g;leichari%en Farbenton er« 
hflit Das heissl: ein neuer Gleichgewichtszustand 
mii«H nothwt iidi^ uiwici lu-ii;<-sit-Ili werden, und eben 
dieser rouss eine ganz andere Erscheinung darbieten ; 
daher die aufiaNenden hypo- und hyperkinetiachen 
Symptome, als Grenzformen die Apathie und die 
Tobsucht, die nur der tTifrt<iri<;rtif Reflex aufs Ganze 
sind, das Surltcn der Seele naclt dem neuen Gleich- 
gewiditeziKl&iid. 

Oder aber die Schwankungen um die zu suchende 
Riili< l;igc Spielen sich mehr im Gebiet der Verstellungen 
selbst ab. Der Bewu&slscinsinhalt muss sich mit dem 
localen Transveraismus, dem fronden Eindring^ng, 
abfinden ; «las ganze Gedankensystem muss nach ihm 
umgearbeitet w t rcK n die ganze Persönlichkeit wird 
ventdiubcu, der Subjcctpunct „verrückt" (Paranoia). 

2. Ein weaentKdter Gedchiapunet, von dem aus 
die Erscheinungen der geistigen [SlOruf^ beuitheilt 
werden müssen, i.«it der Ort, wo der Transvcrsismus 
erfolgt Die Anatomie sagt uns bei den rein func- 
tioneliem Stanmgen daiflber nichts und kann nicht 
leicht etwas sagen, da sie ja als vitale Bcwq{ung^ 
Störungen des Neurok^ms aufzufassen sind. 

Glücklicher Weite zeigen die physiologischen 
Analysen und Ztisammenordnungen der Symptomen- 

» oniplcxr gTf^s«crr"< Entgegenkommen zu t ;ru r Ver- 
ständigung mit der philosoplüschen Psychologie, die 
indessen hier triedenun Gelegenheit hat, die Ueber- 
l^genhelt der Dedoction, die von der Einheit war 

Vielheit hinah/<^teigt, zu erweben. Posi .ndors >inf! hier 
die Leistungen Kröpelin'» hervorzuhtbcu, m denen 
es diesein au^gezeichnetan Forscher gelang, die ver- 
wirrende Mannigfaltigkeit und Mischung psycho- 
paüiischcr F.rsi lirinurifjfii j'wcier grosser Reihen zu- 
iuitnuienzufai^'>cn. cm> gelangte er zur Vereiuheitlidtung 
der Stimm ungs psy I hosen, wie ich sie nennen 
möchte, in den Begriff des manisch-depressiven (cir- 
rijlflren; IrrrstiMs, iühI zur Zusammenfassung schein- 
bar weit auseinander liegender Symplomgruppen, (ür 
die er die Bcseichnung des Dementia praecox 
Vorst hlug. Niemand, der sich im gleichen Fall befand, 
wird iler unnac hgiebigen Wi'-M r -i haftliclikcil ilicses 
Fun>d)crs die llocliachtung vcrvigen können, die aus 
dem freimadtigen Gestflndniss spricht, dass er rathkw 
lange lange Jahre hindurch der Fülle vc>n geistigen 
ScbwacbezusUUiden gegenOber gestanden habe, die 



in ihrer .^f;l!lrligfattigkeit /u oberflächlicher (Jnipiii:ung 
gedrangt hätten, m der Tiefe aber doch bestimmte, 
ibenascheod glcichlonnig wiederkehnende Gnmdsllge 
«kennen iicasen. 

Wenn wir nun versuchen, filr die klinisch als 

Xttsammengchörig sicher gestellten SymptamgTUppen 
zu einem Vcrständniss ihre< Wesens zu gelangen, 
dadurch dass wir sie auf unsere psychologischen 
Grandlagen zurQckfOhren, so fassen wir die Stimmungs- 
psychosen der ersten Reihe als Tr a ns v er sis mus 
eines bestimmten Theils der Rinde auf, wobei 
die Ausglcichungsbestrcbungen der Seele den grossen 
Resonanzboden des Genoths in so statke Mitschwingtmg 
v< r^et/t■n . <lass die hen Hiiiien positiven tmd 

negativen Schwankungen der GemOthslage sich zu 
gro ss e n Weilen sammeln, die im Sinne eines Wedaeh 
von ausseronlenflicher Depression und Enitation sich 
gelten«! machen, so in die Tiefe dringen und <;(i<;ar 
den Bestand der paiaeoplastischen Faserlagcn in Ge- 
fahr bringen. So vennag der Gleichtritt eines Truppen- 
körpers 'eine sonst festgefOgte BiOcke aim Etnstun 
zu bringen. I'fer mri'htige Reflex aufs Ganze zeigt 
sich ebensowohl im Stupor und bei Apathie, wenn 
gleichstarke Querströmungen motorische Ex[)losionen 
hemmen, als wenn sie, vereinigt, diese zu einer exor- 
bitanten Hf»hc geianpr» lassen, oder die iiniere' S]i.inrmng 
sich in dem unwiderstehlichen Trieb, den ücst;ind 
des Staaiengebildes aufsulAsen, Luft zu machen sucht 
— Multiple 1 orticale Transversismen da- 
t'epen. d!( <ii Ii in der Rinde abspielen ohne tiefere 
Theile in Mitleidenschaft zu ziehen, und daher oft 
nur tnmsitorische Bedeutung haben, finden ihren «ymp- 
toniatisehen Ausilrxick als Verwirrtheit. Ein solches 
Ritidenfeld bietet dann den Anblick eines alten Kirch- 
hofes dar, in dem die morschen Kreuze in allen 
Winkelneij|{uitgen stehen. 

Diesen Störungen, die wesentlich Transversismen 

der ne»>plasiischen Himgebietc sind und daher auch 
der Wiederausgleichung günstigeie Aussii htcn bieten, 
steht nun die Dementia praecox Kräpeltu's 
gegenflber. Krapelin will cSe Bezeichnung nur als 
\' i'.iuül; u' hrii lassen; mit Recht, denn sie trifll nicht 
den nosologischen Kern, sondern nur den sich oft 
lang hiiuielieuden Auiigang des eigentlichen, auffHlieud 
abgekflizteni (praecox) psychr>pathischen Voigangs;. 
Wahrend .iber das L. l i ii s^lb^i keineswegs dadurch 
be<'- h; ist. (!.!'- [lalacoplastischc (Jebiet ;ils<i nicht 
beruntt winl, deutet deiuioch Alles darauf tun, dass 
wesentlich gerade die tieferen Schichten der Faaerk^e 
in Mitleidenschaft gezogen seien, und unser Gedanken- 
gang scheint uns dazu zu nOthigen, diese Formen als 



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rT»<^s<>plastisi h on Transvf rvii^iimg neben COrti- 
<:alcm Orlhisuiu» zu erki.'Jr<'n. 

Id) wage m sagen, dass der Psychiater, der 
sieb die MOhe nehmen will, die S>-mptonie der De- 
mentia prae< in die HpirriRi? der ontnccfitrisf lirii 
l'sychukigif umzudenken, crsUiunt sein wird, zu finden, 
wie das gewohnte BiM wller sdtembarer Ungereimt- 
laitcn und WidcrüpKiclie sidt aufzuhellen und aicb 
dem VerstTindniss /.u er>i lilicsscn l>cginnt. 

Die Denzen üa piaeco.v i!»t, im GcgeitMlz xur ph> - 
sioiogachen Bestchiflnktheit, also {latholqgische Dumm- 
lieit, als L<)<r<>pathie, als Störung der l'rthellskraft, als 
XiLhtiibereinstitnniung der (an sic h richlij» gebildeten) 
N'orstdlungcn der tortitalcn X'crslandes- mid Vcr- 
nunftaphaie tu bezeichnen. Anstatt dasa diei>etrennten 
Leiluni^shalMien sich erst in» <il)en>len l;(.\vu-^t--i ins- 
mitielpunkl /.um Gleicl)gewidii vdii Inhalt und Korm 
im quadratiithcn Bcgrifl vereinigen, wie e» die geistige 
Genindhint veriangt, cnnfundiren sie sich durdi eine 
intennediäre Ruptur s< lnin in dem mes^ .plastist hen 
Gebiet (siehe Fig. Itci h) der grossen subtortiralcn 
Gangiicii, die als solche ganze Kindenkcilc betictrscheD. 
Wir liAnnen hier auf Etnzdhciten nicht eingehen, 
d<« li erlaube i»h mir Folgendes zu berühren. Uii- 
erkläriicb schien bisher da^ Zusainmenbestehen eines 
extravagant kindisch -il^ipis^hen BenehraeoB nelien 
leiditem Denken und gutem Gedachtnisa, von adiarfer 
Beobachtung neben bluckigeni Stumpfsinn; aljcr das 
heissl eben subcurticater Tranüversisfflus neben t.orti- 
caltlB Orthfatmos. — Wenn Jemand uns plötzlich gegcn- 
tUber tritt, 90 benterken wir kaum, daas wir uns in 
Positur setzen , uns innerlich aufri' htcii , üln rhaupt 
Stellung dazu nehmen. Bei den Logu|)athujchen tritt 
dies deudich hetvor, aber auch, wie der motorische 
Impuls .sich in falsche Bahnen ergicsst, in den eigcn- 
thrtmlit hen und s. ■ ■ l. irakti listivi iit-n '), negativistisch- 
katatunischen Widerstandsbewegungen. — Gegenüber 
der gewallten oonstanten StrOmung der Durthbrach- 
Stdle veischwirulcn gcwnhnli« b alle anderen Impres- 
siopfft , nur die z\if;.l'iL' n'ii Iwrcrrlc^rn, bleibt; daher 
die wiederum so cliarakteristLschcn Ersrheimmgen der 
sogenannten Befehlsautomatie, der Echopraxie, der 
Katalepsie, der Flc.xibilitas ccrea , und dann wieder, 
bei einer ungewöhnlichen WillensanslroiiginiE. du: den 
Lauf der falsdtcn Strömung kreuzt und hemmt, der 
ganz unerwartete Beweis des oorticalen Orlhiimns, 
der mit der ungeheuren Demenz in so achmffem 
Widereprudi <i"h\. 

Ich gUi'iliL ui<ht zu irren, wenn ich als die 

*) Hckaiintlkh gaben diese dem bochvcrdk-nten Kahlbaum 
die Vcrankasuay tat AnlktaUtttif dM bihalwedwBdeB Bciriliii 
dtt Katatonie. 



I!;iui>tu:'v;i( Ili-, als' i das Wesen dieser geistigen Stö- 
rung die incongruenz der intt^Taien und der diffe- 
renu'alen Voratdlmigen der aexudlen Sphäre in An- 
spruch nehme; dies jedoch im allerweiiesten Sinne 
der S;iche *i In der l'ehpryiri'jszeit der »igenann- 
len tnlwickiungsjalire des Mensc hen („Hebephrenie"), 
oder in der aidi daran anschUcMenden Zeit, vermag 
die einseitig unge/Ogelte Wucht solcher Impressii>nen, 
gerade auch bei feiner organisirtcn Naturen, oder im 
zufälligen Zustand eines labilen Gleidigcwiclits, oder 
bei geringer Widerstandskraft der atavistischen Faser- 
lagc, lei< ht in die Tiefe zn dringen und sabcorticales 
Gewebe zu verletzen. — Auch beim gewtihnliclien 
Altersblodsinn treten, als ominöse Wirboteu der nahen 
Aiifl<]sung, katatonisch-negaltvistttche Erscheinungen 
auf: zum Zeichen, dass die von der l'cripherie nach 
dem Centrun» fortschreitende Kntiirtung auf der mcsif 
plastischen Statitm bereit» angekommen seL 

FOr das Schicksal und die Aulfiiasung der meinten 
functionellcn Geistesstörungen ist daher die cntschei- 
tlcnde, aufs Wesen gehende Hauptfrage <lie, ob eine 
Kind eu quer ung <jdcr eine Hügclcjucrung vur^ 
liege. Letztere ist es, die \x>n den oben erwähnten, 
auffallenden Enchdnungen vorzeitiger Demenz be> 
gleitet ist. 

j. Dass CS in der zweiten Uebeiigungszcit des 
Menschen, wenn die sinkende Kraft dazu mahDi^ die 

Siiüimr- dev I.fV>en< 711 /iohf^n. und sicf) dalict ein 
Ir'iiheilidi kleiner Betrag zu ergeben scheint, zu de- 
prenhren DaoerzuMftmiea komrat, zumal wenn man 
die thorichte, von der Zeitbedingvni; regierte Frage 
,.\N''>7,u*r'" auf das "^ciTi nrr^vcndrt und ;iaf die leere 
Frage da^ Ediu einer ebenso leeren .Vntwurt zurück- 
t5nt; ist an sich nicht verwunderlich ;' eher aoltte man 
sich wundi TM, d.i-s man Ober »ilche wohl unvermcid* 
lieh sich triiivulli M' Rode.vionen <lennrich mci.st so 
leidit hinwegkommen kaiui. Offenbar handelt es sidi 
auch hier, wie bei der negativen Welle der Wechsd- 
psychose, um impressionistische Rindenquerung mit 
depressivem Scclenrelle.v, <lessen St.'lrke Aussiiht hat, 
zugleidi mit der .^dischen Reiepliviiat Qbcriiaupt, 
abzunehmen, also der Heilung wieder entgegen zu 
gehen. 

) Die Incongnienz zwischen Verstand und \^cr- 
nunft kann auch darin bt^ründet »ein, dasä entweder 
das Gesamm^him auf einer dem Thier angenäher- 
ten Stufe zurückbleibt, oder die Entwicklung der 
AssiK-iationssph.'ircn mit den Fcihlspharen nicht glei- 
chen Schritt ball. Im crstcrcn Fall spricht man von 
Idiotie und angeborener ZmbedlKtat; der zweite liefert 

*) ErfahruDgfignIis disponiA auch das PiMqWfiam an 
dieaer KraakhctL 



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rSYCHlATIÜSCH-NEUROLOGISCHE WOCHfciNSCHRlFr. 



35 



die oflMnling» berühmt gewoiclene Gnippe der soge- 
nannten gebnrenen X'erbrcrher iLombro^o) Vfic-p. 
sind demnach Indmduen, die wühl in den Verstand, 
aber nicht 1d die Venmnft des erwichseDen Meiucben 

hineingewacliscn sind, und in letzterer Hinsicht Kinder 

h!r'it)f>n, Tn Bezieliun? auf den Wr^trit«) Lr<Hvr>lir.lii:h 
nicht zu kurz gekommen, gewandt und si iilau in ilcn 
Venriditungeo des gewöhnlichen Leben«, weshalb man 
m:h nur srhwcr cntschliesst, sie filr Cicisteskranke 
(also auch für nichl-vcrantwortlii h für ilire Haridhinijen) 
zu haltet!, sind sie deswegen höchst ge(,ilirlicii. weil 
tie den Inpuben der SinnKdikdt, denen sie wie 
andere Mens« hcn unterwtjrfen sind , kcintf genügend 
starken Wniunftmotive < iilgt-gensi t/.eh kr>iincn , weil 
&ie ihrer Anlage (nicht ihren Willen^ nach keine liabcn. 
Sie sind abo nicht fOr im gewöhnlichen Sinne freie 
MeiiscIicM zu erachten, da ihnen die \\'alil in der 
EjiifUhrung der Mütivc nicht frei steht: daher auch 
nicht für vcrantwurtlich, obwolil mc sidi der Strafbar- 
Iwtt einer verbrecherischen Handlung bcwuast sind. 
Hier decken sich <lie Begriffe in< hl , weil man den 
Bcgriir der Geisteskrankheit in «ler Thal weiter und 
enger fassen kann: weiter, als Glcicligewichtiatöning 
zwischen Ventand und Vemufifl Überliaupl; enger, 
als eine derartij^e nifirh;;i"%vi( titssrör-.iii'^' dnrcli inier- 
mediären Tr<u]5ven>iänius. Im letzteren Fall ist die 
Störung stets vor dem Benmstsein and 
alsdann die Nicht- Venint wörtlich kcit auch nicht in 
FriiL'f crP*:tHlt; im rrsteren Fall liegt sie im Bewuhst- 
&ein, und hieraus crgicbt stell« wie »chwcr dem Richter, 
«uwie dem Atxt, im einzelnen Fall die Entscheidung 
fallen mag, nh Verhrechen vorücjie, das strafbar macht, 
oder f leisteskrankhf tt "hm- X'ci.int.M i'li ^keit, Hieran 
wird selbst die the<jrclische üinsirjit ni den j»y<.hi- 
schen Process nidits andern, weil die Grenzen hier 
fliessend sitjd, und die Fnist lieidunj; sich \om Quali- 
tativen (Intensiven) ins Quantitative (Extensive) hin- 
über spielt 

Es kann nun noch die Frage aufgeworfen weiden. 

ob die iisvchis<:he Gleichgewichtsstörung ni<ht auch 
dun h unverhältni.ssmilssiges Ueberwiegen ilcr V'eniunft 
hervorgerufen werden könne. Sie ist deswcgcti nicht 
zu Olieigehen, weil die Versuche, Geniali tat als 
pathologische F.rjMheinung zu nehmen, vielfach Bei- 
fall gefun<len haben. Es ist richtig, tlass Wunder- 
kinder in iher spateren Entwicklung selbst hinter 
beschddenen EiwaitoQgen surOckbleiben. Es ist 

richtig, daÄS genialische Mensthen auf der Ht'.he 
ihres Daseins oft zu Schaden kummea, weil sie 
sicfa, seSUnzergleich, au den Grenzen der Mensch- 
Iwit auf 9Chwiiidl%eD Pbden eij^en. Es ist richtig, 
dass solche Menschen, nach dnem Leben der un- 



geheuersten Dcnkansticngung, immerhin noch vor- 
zeitig, oft L'c-istii^'pm Sierhthiim verfallen. Alxrr itic 
Genialität . oder die hik hste Utienbaning derjenigen 
Seelenkmlte, die die Abwendimg von der Thierhat 
bedeuten, als Psychopathie zu erklären, Ist ein grober 
Verstoss; er deutet auf hoffimngslos-atavistische („ein- 
gefleiM.hte") Unwi»«enscliaftlid>keit hin, deren unttfig- 
licfaes Zeichen Ist, gerade in der Haiq>laache daneben 
zu hauen. 

^ T>Hs ParHdi'jrn.i der .Seditionspsvrh(«pn ist die 
F a 1 1 s u i h t ; Auilicijuiig des Glcichgcwictits zwischen 
Theil und Ganzem, Störung der festen Rdation* 
z»is<hen Peripherie und Centrum, und daher Be- 
wu>stseiiiNlruIiung oline Gef.'llirchmg des Subjektpunkts 
selbst, der imr wt^cti Lockerung des corticalen Gc- 
ttges. (alsd deseinhdtiichen Objektpunkles oder der Vor- 
stellung) die Zuleitungen von dort her nicht mehr in 
sich vereinigen kann. Wir setzen hier Eigenbeweg- 
ungen von einzelnen Rindenamoeben oder Gruppen 
derselben voraus, die sich ausserhalb der Befehls- 
macht <ier Ceiitralamoebe v<)ll/.iehen, und Bewusstsein 
ni»thwcndig auflieben müssen, weil dieses auf völliger 
GIddihdt von Einhdt und Vielheit, Ganzem und 
Theilwerk. Inhalt und Form beruht, die ihrersdts 
wietleruni nnr <)rr Ausdruck der mctaiitn ^is< hrn 
Enantialit^t von Subjekt und Objekt ist, unter welcher 
Bedingung alldn dn Object in cbie Erkenntniss (Be- 
wnssts<in) eintreten kann, wenn diese den Sinn haben 
>- II. rin Abihuck »h>s Seienden /v sein. Das Be- 
wusstsein wird immer diuui aufgehoben, wenn den 
Bedingungen der Wdthalftigkdt, die üa Sdn vtir- 
hand( n ist, Im Erkennen (Denken) nicht entsprochen 
wiril. 

Dauert der Zustand der |>attielieH Insubordinaiiun, 
die, obwohl eine grutoe initiative Beweglichkeit der 
Neurone ein Vurzui; genannt werden kannte, dennoch 
aln-r in llinsiiht auf das Cianze als eine Entartung 
anges^lien werden muss, Ulngcr, so wird auch der 
Reflex aufs Ganze ach mehr und mehr bemerklich 
machen; wie dn Staat, der ^ in imicrem Bürgerkrieg 
und ."^trassenkampf dun hwflhit wird, in seiner Kraft- 
enifaltung naih aussen gcUilimt ist. Auch hier be- 
deutet die Zunahme der Demenz Fortschreiten des 
l'n»iesscs nach tien mes' »plastischen Gebieten. 

!■> l.'tsst sit Ii denken, tiass, weiui jene oben als Vor- 
zug gerühmte Be«'eglicbkdl nicht eben eine untergeord- 
nete^ «andern die centrale Amoebe selbst beträfe, anstatt 
einer Ent;ir1nn£r eir, \v Iicr Grad von geistiger Begabung 
daraus folgen müssic. In der That ist Epilepsie oidtt 
adlen zusammen mit ehier solchen ^uigetroffen worden, 
und insbesondere wird hemngdiobett, dasa H^le 
gmasen Casaren'* (Flechsig) auch Epileptiker gewesen 

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36 



sdcn. Auch die Entstehung eines neuen Gedankens, 
die eigentlich geniale, künstlerische Leistung muss 
wohl auf dieselbe Eigenschaft zurtickgeführt werden. 
Das Wesen des Gcnic's liegt dann in dein Ilochmaass 
i-f>{frcitiver Kraft, das starke Eigcnbc« cgungcn ilcr 
peripherischen Amoeben (Sctlitionsbestrcbungen i im 
Keime zu unterdrücken vermag, das Pathologische aber 
darin, dass solche gelingen. Nie und nimmer aber 
ist das Genie an sich etwas Palhologisi-hes : seine 
Leistung vielmehr der Ausdruck hö<:hster geistiger 
Gesundheit, Zusammenfassung der höchsten Geistes- 
ihatigkeit zum völligen Einklang aller Kräfte, und 



[Nr. 3- 



verhält sich, um bei unserem Bilde zu bleiben, zu 
einer Entartungserscheinung wie ein siegreicher Kri<^ 
nach aussen, in dem alle gesunden Krflfte des Staates 
zur höchsten Anstrengung angefacht werden, zu einer 
bttiycrlichcn Em|Kirung im Innern, wobei der Bestand 
des Ganzen doch in ganz anderer Weise ins Schwatikcn 
gcräth. 

Die Geisteskrankheiten mit grob-anatomischer und 
chomis( her Gruntllagc, die «leni physischen Vcrstindniss 
mehr offene Seiten darbieten und im gleichen Maass 
für die philosophische Psychologie an Bedeutung 
verlieren, sollen hier nicht naher besprochen werden. 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



Mittheilung 



e n. 



— Herrn Prof. Tamburini in 
wurde aus Anlass des 
25 jährigen Jubiläums 
der von ihm begrün- 
deten Kivista speri- 
mentale di Freniatria 
eine licstmdcre Wid- 
mung zu Theil. Das 
Heft III IV des Vol. 
XXVII bringt einen 
Festartikel , den wir 
im Folgcnde-n wieder- 
geben. 

> * A n 

AugustTamburini. 

Von dieser selben 
Rivista, die seine 
liik'hsten Ideale »ie- 
dergcspiegclt hat untl 
wicdcrspiegclt, möge 
an August Tam- 
burini die Huldi- 
gung und der hoch- 
achtungsvolle Gruss 
zukommen; von die- 
sem Blatte, das wie 
sein geistiges Haus 
ist , voll Erinnerun- 
gen, worin seit 25 
Jahren , um seine 
Gedanken herum, die 
Gedanken von Colle- 
gen und Schülern ge- 
sammelt wurden und 
noch werden. Es sind 
heute fünfundzwanzig 
Jahre her, dass Au- 
gust Tamburin! 
das Ge?-« hi< k dieses 
Blattes zu lenken be- 
gann , und dass 
er bcuifen wurde, 



Rcggio - Rmilia 



Carl'i Li vi in der Direction des Irrenhauses von 

Reggio-Kmilia nach- 





zufulgen ; und dass 
die Regierung ihn zu 
der Würde des Hex li- 
s< hullehrers hob : drei 
grundlegemle Augen- 
blicke seines Lebens; 
drei Formen der Thä- 
tigkeit , <lie er vervoll- 
ständigt und harmo- 
nuich verschmolzen 
hat zum Vortheil und 
zur Ehre der italieni- 
schen Psy«:hiatrie . . . 

. . . Das Studium 
der Psychiatrie nach 
den Gninds:itzcn und 
Fortierungen der po- 
sitiven MctluKlc zu 
richten : das ist der 
leitende Geilanke, den 
er mit seinen ausge- 
elehntcn Fors<.hungen 
in tlie Tliat umsetzte, 
Forschungen, die zum 
ständigen Erbgut der 
Wissenscha f t ge wi ir- 
den sind, die von 
der Gehimli KalLsation 
bis zu den Erschein- 
ungen des Hypnotis- 
mus, von der Physio- 
pathologie der Spra- 
che bis zu den kör- 
perlichen und mora- 
lischen Fintartungen 
des Menschen, von 
den tclepathlst hen u. 
spiritistischen Phäno- 
menen bis zur Ent- 
stehung der Hallud- 



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igoj.J FSyCHlATKlSCU-NEUROLOGISCHiL WuCHbNäCHKirr. 



Dali) >i ICH gehen; ein Gcdiinkc, «Icn er aiicli zu \< r- 
wirkliriicn üiirhte dadurch , dass er die ubjectivcn 
Fotschungsinittel im psv , iiutriachen Insiilut zu immer 
gnOsserer Wirhligkeil erhob . . . 

.... Er ist ein Meislcr. der sich seine 
. S < h u I c gegründet , sie aber nicht als (he Sklavin 
einer Furmcl, sundem als ein starkes Geschöpf, dem 
aus allen Quellen Lebeit euniesst, aufgerasst haL Nicht 
das xorgfzciclincte Schftn.i . s imirrt» iVw AMfitung 
der zur Ueleuchtung der Si cl< upri >i)lenie nüt/.hclicn 
Elemente aus allen Anschautingen und von allen (Ge- 
sichtspunkten hcntiis zei< hnele ihn aus. Kr wollte 
alle Siiinnien mitsprechen lassen, v. »rausgeselzt, dass 
sie Wahrheit sprüchcn, dass alle wis.sens» haftliclien 
Mittel zum Studium versucht, alle Wege begangen 
wflrden ; und atif diesen manniKbltigen Wegen hat er 
ditt F.nerpen gelcitft. die sich ihm darboten, indem 
er sie zuerst sichtete und «lie iuU/.li( he Kii htun); auf- 
deckte und tliese nährte: und er hat c-s nie zupegcben, 
da^«« irgend eitie Flamme, die lebendig imd rein war, 
verlöschen durfte. 

.So hat er, mit Rath und That, m.'irhiig dazu bei- 
getragen, da.ss die l'syciiiairic ihre Wurzeln auf dem 
weiten Boden der BtoKigic ausbreitete und daraus eine 

tiefe un<l neue liclelnin-L: i-rftt^ir 

.\l)cr er hat die \S issensi iiaft nicht nur als eine 
CThabeiie uiul abslra<te Erscheinungsform de* Gc- 
danketijj betrachtet, er iial sie auch itie Konn vcr- 
slanden , di - das gute Wort einriebt, die herunter- 
steigen und unter den Mcnacben, die leiden, ab TvOstcrin 
«andeln suU . . . 

. . . MGgc er nun den Gniss In diesem 25 jährigen 
Juhilriuiii der cr^trn wissetischaftliclien unti |)raclis( lien 
.\nerlv»;itiiung empfangen; in dieser idealen Rullepaust: 
zttis<hen VeifBiigenhdt ttiul Zukunft mOge er dte 
besten Erinnenmgen wieder anknüpfen, mflge er die 
Glllck- und SegenswOn.«iche von allen denen, die die 
ganze Poesie fühlen, welche in seinem Werke als (be- 
lehrter und als Mensch eingeschlossen ist, empfangen. 

t^. December iQOl. Das Comit^. 

Da-s vorliegende Heft der RivisUi*), zum grossten 
'riieil aus .■\rtikeln von .Schülern Tanihurinis zusantnicu- 
gesety.t, tr.'igt dessen Hildnlss und ist ihm /ugecignet, 
als eine Huldigung seiner Mitarf>eiter, zur Erinnerung 
an das freudige Datum diesei Jahres, in welchem der 
fünfundzwanzigj.'ihrige lahrestag .sich erfillll, da.ss er, 
mit der griissten Sorgfalt und der erleuchtetsten Weis- 
heit, die Direclion der Rivista Qbemahm. 

Zeitverhilltnisse, also unal»t:'nv:;i\; \ iiii f .mite und 
von den Unterzeichnenden, haljüu ch ittluutlert, die 
ente Al>.sirht ven*irklichen zu kimnen, d. h. einen 
ganz aus den Tamburini sugeeigneten Arbeiten zu- 
sammengesetzten Band herstellen zu kftnnen; man 
^i.ii (ia!ier ui.pl.irt, die gesammelte Summe von 
jooo Franken audcis zu verwenden und hat be- 
«chkMsen, Oun, am 15. dies., eine goldene Medaille su 
ühcrrcichen, die auf der rechten Seite das BiUlniss de.s 
Meisters trägt, auf der K<-hr«pite die Widmung: 
Dem Augii^t r.uiilnirini 
die Colleigen und die SchiÜer 
1876— 1901. 

•) Refcnte cncliciDB HeniDldMt 



.^7 

— Jahresversammlungdes Vereins deutscher 
Irrenärzte in München. Im Mineralogischen llür- 
saalc de» Tei hnischcn Hochschule, tlem durch l'llanzen- 
schmuck ein festliches .\usschen gcget'Cii war, begann 
am 14. ds, Mts. vonn. 0 l-'hr die L :ij;uiig, zu der 
sit h \'erlreter der staatlidien und sl.'ldtischcn Hehürdcii, 
hervorragende Acrzte imd Univerüitütsprofessuren ein- 
gefunden halten. Es waren zur Begrüssung anwesend 
der Rei tor inagtiiticus der L'niversil;lt Professor l.)r. 
15 re i\ Iii no. tier (jenentlstabsar/.t der Arine<'l)r. Ucslel- 
mcyer, Miiii>lerialrath im Kultusministerium Dr. von 
Bumm. der Vurstand der oberbaycrisdien Kretsinen- 
anstall Dr. Vocke u. A. 

Geh Univ.-Prof. Medicinatiath Dr. Jolly (Berlin), 

der Vi >rsitzcntlo des Vereins, erolTnele mit kurzen 
Worten <lie X'ersammhmg und begrflsstc die Ver- 
treter »ler Hehcirdcn, die Milgliedet und Giiste; 
Ubcrmedirinairdth Dr. von Grashey ci^ill Namens 
der Staatsregierung das Wort, um die Vcisichcrang 
zu geben, tlass tlie Regii ruiit: , .i;! di i Spiize Minister 
Freiherr \<in Fcilitzsch, der selbst Ehrendoktor 
der Medicin sei, den Bestrebungen <K's X ereins «las 
lebhafteste Interesse entgegenbringe. Die Wis-^i ii^i luift 
der Psvrhiatric habe einen gnis.scn .\ufsi hwiiiii; 
nommen und daran luiKi- auch der Verein ehren- 
vollen Aiitheil. .Sein Einlluss habe sich bei Fragen 
der Gesetzgebung auf ]>sy< liiatrixchem Gebiet geltend 
gen)acht , <r l.jiln auch auf die .\usgestaltung der 
neuen l'rüfungiKidmmg dahin gewirkt, dass der l'sychi- 
atrie bei den allgemeinen ärztlichen Prüfungen ein 
grösi-serer Eintluss zukomme. Die Fürsiirge für clic 
Geisteskranken bekunde sich in Hayrni in weitgehender 
Weise, das zeige die Einrichtung neuer grosser unel 
musicigiltiger Anstalten in Oberbayera und in Mittd- 
fninken, in «-eldi letztertim Krdse sechs Milliotieu f&r 
die neue lrren;ms(;il1 .lufgi-wendct wunlen. 

Regierung?»- uinl l\i< i-.iiietlicinalrath Dr. Messerer 
sjtra« h als Vertreter «Ir; K h isregierung aus, dass diese als 
Oberaufsichtsttehöide über die Krcisirrenanstalt be- 
gründetes Interesse an den Beratungen habe. 

Bürgermeister von Brunner wies auf tlie Ent- 
stehung der neuen Kxeisirrenanstalt Eglling und der 
Univeraitats-lrrenkiinik hin und gedachte der hervor- 
ragenden verdienstlic-hen Arbeit, welche die Metlicitial- 
rathe Dr. von (irashcy und Dr. von Bumm, bei 
antiqnirten Einrichtungen, geleisleL Die SUldt wünsche, 
dass die ArU-it der P.sychiater Vcm Nutzen sein, und 
tthss nach gelhancr .-\rheil die Versammelten von 
<h'm gastlidien unci knnstlerischcD Mftncben gute Ein- 
drücke gewinnen mögen. 

Als „Haushenr' richtete Prof. Dr. von Dyck, der 
Diret tor der Teihni.sc-hen Hochs< hule, herzliche N\'oile 
an die VersK-itnmlung, die, wie vor ihr scliou viele 
andere, tiem Wohle der Mensi hheit ihre .Arbeit widme. 

Medicinalrath Prof. Dr. von Bumm sprach Namens 
des L<ikalkomites. 

Der Vorsitzende des Vereins, Geheinirath Dr. 
Jolly, dankte wiederum den Rednern und den Ver- 
tretern der Behörden und EhrenicSsten fUr die liebe- 
volle Aufnahme de> Vereins, ilr i seit 1860 1 > ■■'flie, 
und bei .seinen Wandervcrsanmilungcu >ifter nach 
Bayern sich gewendet habe, in dessen Hauptstadt 



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INi. }. 



er ^um Ictzk-n M.ile vm _'- JhIik-d v/t^'U^- l't-in 
uiiveis;cvs|j< lu-ii I)r. («lultlt-n, «li r (hiinals licr \'er- 
saimnliiii); i'riiMilirt. wertlc iler \'i'!fin r-iini, l\i m/ 
auf's (irali iiic«lerlq;cii. Seit jener Zeil lialMi die 
rsvrliiiitrie in Bayorn guwse Fortschritte gemacht und 
lnTrs( lit: liier (las Itcsircljcii, <1i<-'>c W'issonsi liaft /w 
liik-hbtcn Vollkommeiiheii zu iicbcii. Der ReUiicr 
gedenkt liierbei auch der Verdienste des ehemsiligen 
0»Hcgcii Mcili» iiialr.tth Dr. r.ra>licv. 

Nadi bckaiiiit>;al»e (l«;r Natin ti tl<-r Mit)ilic<lor. tlie 
der Verein dunli den 'I'ixl vcriurfn (HarKi«af, üing- 
reuter, Binder, Gessler, Müller) und zu deren Ehrungen 
miin «ich von den Sitzen erhob, wurde in die Bc- 
mthunj^nn (■in<:c-trctcii. (Fi'ils. in nil< lislcr Nr.) 

— Vor Gericht Eine Lücke im üchcu. 
Bedenken gegen dninre Ent«clieidungen des Rcichs- 
jjfrii li^s ilriic ktr kiU/lii ii der \'' irsitzciulc «Ittr N icricii 
SlralkamiutT ilt s I,;in(lf»crii Iiis I IVrliii Ik-i iler \\ r- 
handlungeinCSMraffallcsaus, clor alk-rilinus rei lit ( liarak- 
teristisch war. Angeklagt waren der pensionierte ge- 
prüfte Hciier beider Anhalter Bahn H. und dessen Khe- 
iraii wogen wicderh<ilU'n I^ailctutit-listalils l>o/w. 1 iclilcrei. 
H. hatte am 'i. Mär/ das Wcrilicimv« lie (jfsdiilft 
in der Leipziijerstrasse lieMidit; <m- trug tinr L;r«'ssric 
Lcdcrtasi he in der Hand, und eine Detektiv in, die 
üin lieiihai liu te, ;:taulitc \val)rzunclnnen. dass er einen 
ausgelegten (iegenstand in diese 'l'jt-sc !te liiiietn es- 
kaniotierle. Der Angeklagte suclitc, als er »ich lie- 
obacbtet fnhlie» tu entkommen, wuide jedoch festge- 
halten UTuI visitiert, Da fand maii denn in der Tasrlio 
eine pin/e .\n/ahl -in'i.vserei und kleinerer <>e>;en- 
stände. die dem Werthcimschen Gcachflft diinotunicn 
waren. Ergsib auch zu, diese atis Vergcsslichkeit 
in die Tasdie gesteckt zu haben. AK bei ihtn Haus- 
surliuni; ali<{eh.iltcn wurtie. sleilte si< Ii seine Wolinuni,' 
üb eine Art Filiale des Werthciiiiüchcn GcMliäflcs 
dar. Bei einer gruneit Reihe vm Gegenständen der 
alU'i versehiedensten Art, Bi ilaifs.irtikel. Xi|>|ies. i;.in/en 
Kart'<ns mit .Seife, Ziinmeisi Imiurk u. w. kannte 

festi;es1ellt werUenj dass sii' ail^ di ni W Cnlieiinsi iieli 

Gesi'hafl herstammlen. Die AnklagebchOrde n.ilini 
an, da.<s alle dicstc Gegenslflndc, zu deren AnsrhaffunL; 

dem .\ni;<'l;lai;Ien die .Milt*-! felillen. vi 'n ihm ge-1' iljlrn 
seien. Die angekktgtc Khcfrau behauptete «.Idgegcti, 
<te9k sie die Gegenstände in der festen Meinung in 
EmpfanL; geiKinuiieri. dass er ••ie ehdi< Ii erwi-ita-n 
halir-. Im gestrij^en Termin l.liet) di<; Fiaii f>ei ilieset 
r.el 1.11 I I tuig, wflhrend aus ih'm Khenianrie iiljcrii.uipt 
iiichu Ikcrausiubringen war; er erkifirte auf alle Fragen 
ii&i Vorsitzenden, dass er sich auf nichts besinnen 
k<Min<\ Die Krkk'irung liit rfiir l'^;!' der Saeh\ erstan- 
dige Dl. med. IJohiistedt . weN tier hekuiidctc, d.iss 
der Angeklagte wegen herv .rtrctenrh r geistiger Ab- 
norm i t A l seinerzeit pcn.sionierl, sein Geisiesticustand 
von Pr<ifes.s.)r Dr. Mendel und in der MaLson de sante 
imtei'.uc ht WKMlen i und kein Z\veilol iilivvaile, dasN 
bei ihm eine unheilbare Paranyia vorlugc. Auf 
Grund dieses Gutachtens musste der CjerichUhof nach 
I'.iragrapli 51 .^i. G. H. zur Frcis]<ie< huni; d> s .\uge- 
klagten kommen: l.'lngere Üeralhuni; wniim te er abei 
der Frage, wie die l-rau strafrei htli« h zu lieliandeln 
sei. Wie der Vorsitzende hcr^'orhob, hatte ilcr Gc- 



lirhtshuf nitht den geringsti-n Zweifi l, itass ihe I-'iau 
<h-n unredlii Ken Krwerli <ler .S.ielu n vOlkinnmeii ge- 
k.tisnt habe, er mussic sie aber denn « h f rei>|) 1 ee lieh , 
weil nach mehrfachen Keichägeiii hläcrkenntnisscn, die 
dem Gerichtshof bedenklich erscheinen, der Fortfall 
der 1 laiiptlliat auf (»rund dt > Farau-raphen 51 au» Ii 
die L'mnögii« likeii einer iicMrafimg wegen IJegiinsiig- 
ung, Hehleiei u. s, w. zur Folge hal.e, und aiKlercr- 
scils nidii alle 'I'liatI lestandsmerkmale geueleii scicii, 
um die Flau etwa «rgen l'ntersehkigung \ erurlhcilci» 
zu kennen. 

— Aiisl>a» h. \\n 1. Mai wini die hiesige 
Krc{v:rr< iianstait mit vorläufig (H» Kranken, wekhe 
\<>n l'.rlangen hierher Überfahrt werden, in Uctiicb 
genommen. 

— Etn geluteskranker AttentSIter. Dk P«>lixet 

in P.iilssel verhaftete eirH'ii (ieisii-skr.tnkeii, ih'c in ilas 
K"nii;li( he Palais eindringen wulilc, Um, w iccJ angal», 
den K öllig zu cnnordcn. Der Kranke wurde einem 
Irrenhause ul lerw iesen. 

— D>j[ tinuiiiL Die \"m westfiilis< hen Pm- 

vinzial • Landtag eingCMtzte C« Immission zur V<.r- 
liereitnng einer neuen Phivinzial-Irrcnanstait hat far 
den 18. d. Monats eine Besichtigung der von der 

ivlirinj'n >\ inz runurdirms erliauten und im V'irigen 
Jahre in lienuuuiig geiioninieneii lV<>viiiidul-Irrenai>!>(aU 
xii Galkhauscn bei Langenfeld in Aussicht genommen. 

Referate. 

— Fl Wald Stier, üeher \ erhiltuiig und 
Behandlung von GeiHt csk ra n k he i t cn in der 
Armee. Hambursr if}02. 43 S. Gebrüder Litdeking. 

Die Zalil der l>eim Milii.'ir bc<»l>ach loten Gefetes- 
kr.inkheit«Ti ist naeh ilen einst hkiijigen .Ninitälsheiii Il- 
ten eine auffallend geringe; in Wahrheit ist sie viel 
griTsser, da lutch viele hier nicht rubridrten Falle von 
Kj'Hi psie. Xeurasilienie, H\>lf-!te, inan< he .'sciltstni' irrler 
hiii/.uk« imiiU'ii. und die wem'u < "terstesstrining l'jillasse- 
neii s<'wi(> die Ps\rhi>sen im * iffii ier^tanile und lici 
den Cadctten hierijci keine Henkcksiditigung gefunden 
haben. Betlenkl man nun weiterhin <lcn weitgehcn- 

d< n F.inihlss, <len ( ii i>.tc»,>1( n i>!i;;eli .nisdhen. s< 1 erhellt 
daraus satLsum die Be«leiuung tier P.surhiatiie für die 
MililürmediHn. Sicitcrllcli wird jctier iVychiater den 

.\u>fühniiigeii des V. heistimnuri, <lass riehen den 
längst aiii ik.iunten luid z» e:felli's wi< htiu'sien /wi-igen, 
der Hvuietie, der ( liirurLlie und der Lehre \tni den 
Infe* ii'>fi>kr,inklieiieii. aucli die Psyehiatrie als mrth- 
wemlige S|iei i,iMivri|iltn anerkannt werden mvua. Muks 
il'ieh \', zu'„'e;>en. d.iss in | .vm liiatnsi hen Fragen die 
.■\rmee auf ('i\ il.'ir/.te atmew lesen ist. 

.Si lli>t\ er->t:indlii h ill kein ( i' ist> >lsraiik<-i einge- 
Melll vurden; ebensu belreit nach der VerowiikUng 
(il.crsiandeiie (".eistrskrank!>eii ixlof oin hoher Grad 
vi-ri i;c-isliger l!es< lirauklheit, dei (li<' militiirisi he Aus- 
l>ildung vediimlett, von der Dicn.st|iflieht. üm erste- 
res zu ennAglichen, stillen die Civilbehßnlen gezwungen 
werileti, den üNeistandeiien .Xiifenthalt in eiiv-r Irrcn- 
aiLsialt t>ei einem jeden Namen in der St.uiiijin>llc 
/,u verin<>i k<-n, Wi<-|iliger ist in.ili die Fernlialtuiig 
von ächw<ichi«innigcn, die grade hier so i>ft verkannt 



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39 



werden; deshalb »tollen aurh die in der StammruUe 
vtiTRemerfct werden, welche eine *?rhulc für «chwach- 

Ix-fahiittc Kin<]cr hcsu' ht h.ibon 

Uvi fast allen {isydiisdt crkrankleii .S>>lilatcii ist 
hcrediuirc Belastunj; nachzuweisen. Deshalb aber 
;tllc lii-histotcii au^/Als^■il<•i<ioll ist wrder au>fülirl)ai 
aiK h uiib('(liiik;t /w«;< kinri-ssi!^. Iintncrliiii mt- 
cJicnt die Erbikhkcit bei ih r Kinstt iluni; bciü« ksii h- 
tigl KU werden, ebenso wie das mchrfuilic Vi>). 
kommen von D^^enerationszeichen »h ein .ihjr- iiv 
>i> litb:iu>s '/. hIii i- der crbli« In n nclastuii^^ |)icso 
Faki<ir«'n •-• »llu ii m j<tlrm fr.i^'liclieii Kalle zu l'iigimstcii 
(kl i- ;ii^!l'1Iuiiü; s[>r<>i licd. I)ii'> i.'ilt i» iiikIi höherem 
^liiasüc bei der Eiiistclluiii; \i>ii lierufssoUlaien. 

N;t<h der Einstellung kummt wesentlich die 
Cinpliylavc und die Tlicni|)ie der SedcnstAningen In 
Betracht. 

Die beste Prophylaxe gegen Psyrlwiscn nicht nur 

^ 'iiilf iii ;!uch gegen V'cpp'clirti ist eine F.iitlasstiiic; aller 
IiuIivkIucii. wcU lic bei ihrer Ausbildung; sieh ):oistij,' 
ab wesenllieli Uhler dem l)ur< jis< h()ittsiiiveau stellend 
ausweisen, bd mOgliclist freier Auslegung des HcgnHs 
der BesvhrSnkthcU. Dancl>« n spielt der Kampf pqien 
den Alki'li'il und die l.iu-i eine «ieliiij^e Ki)||e. 

Eine der !ichwierig,sien Aufgaben wir«l eine frUli- 
ztiiti^e Erfcennuiig der St^migen xchi ; das beste 

Mittel ist eine 1,'lnnere n< <il>a< liluns im l.a/aretli. 
Sitnulation ist im ganzen selten und heute nn< li selte- 
ner ilank unserer erweiterten klinisi lien Kenntnisse. 
Hinc gute psychiatriM-Ue Au!<hil<lung ilcr Mitiuirllrzte 
ist nöihig und eine BerücliMrhti'ßiinf» der PsydiSatric 
in <len Fl »itbilduh|;si nr>en ist drii.'ji lul wtniseiieiiswi-rdi. 

Jedes [^i/aredi sullte Kniiiriilnni;eri haben zur 
V<»riflufi<:cn l"nteil<rin<iani; aueh der et reL;tt>l<'n Kr.iti- 
kcn. Das i»t aber nur cm X<'llib<'helf. Alb' zweifel- 
los Kranken S4)l!cn nir>c;lirl)st i>;ild einer Irrenanstalt 
ilberwicsen werden. Zur l'ntersui hun<j Iraulir licr und 
zur Begutachtung gerichtlicher Fülle »»11 in dem gross- 
len Lazareth eines jeden Armcciiwps eine NVr\'en- 
abthcilun» unter I.cntuni; eines |»sv eiiiatiist It \(ir;;e- 
bildcten Ar/tes einj;erielu<>t werden. Einer Militiiiirreii- 
anstalt betlarf es nielit für die Mannschaften, elier för 
die Betiandlung erkrankter O&kiere und Untenifftcicre, 
»ir Erldchtcrung ihrer wtrlhschaniiehcn Xnthla^c. 

I'k-s der Inhalt <ler l>i i< hure. di-r ein I.ineraiur- 
\c(i^di liiiiss licigdugt iaU iltrc lAt lUre ist dringend 
anxuempfehlen. Sic bringt vick: iMachtenswcrihc Vor* 
Nili].'i;;e, zumal sie von einem Milit.ir.ir/.t >i,imm<'ti, 
dci einen ulleiieu Bin k für bestellende .Mangel und 
paycliiatrisclic KennlnisKc hut. Ernst S r h u 1 1 z c. 

Bibliographie 
über Knminal-Anthropologie und Verwandtes. 
1. Quartal \<n>-:. /.usaminen<;estelli von .Medidnalmth 

Dr. f. Näcke in Hubertusburg. 
Marache: Le marlage; etudc de socio-biologie et 

de niedetine le#i!e. Taiis, Mcau, 4 fr. 
H a bc r I an d t ; Erkkirunj; m ticr l!i. ilogie. Reile, 

2. .\uM , I'rai:. ')0 IT 
Bonhöffei: Die akuten (ieislcskrankhcitcn der Ge- 
wohnheitstrinker. Jena, Fi.scher, 22<> S. 5 M. 
Pr.ehe: Die sexuelle Ncurothenie etc. Lcipoti];, 
Dc'is.'ier. 1,50 M. 



S teingiester : Das Ges< Iilei:ht2>leb«a der Heiligen. 
Ein Bcttrap zur ^vrluspathia <;exitalts der Asketen 

und Reli<.;i( isen. P.i-rlin, \V,il-.( 1 i M. 
Hundt: Ueber «hcinbareii Selbstmord bei akuter 

Erkrankung. Diss., Kiel igoi. 
Le Rutti': (Imierzi -ek van [. B., be<u luildigd van 

liel feil str.ifter volijens Art. J (7 W. v. C. Psy- 

ehiatrische en iieurül«>i;is< he Bladen ii>oi, p. ^'^Hj, 
Schermcrs: Eentgc anihrop4>logischc inaten bij 

kntnkzinnigcn en mda krankxinnigen nnderiintr ver- 
kieken. Ibidem p. V'"- 
Fe)ri; (.'nrsus «tvei ( 'riniineele S-iriulLirie. Ref. van 

Meijei.s. Il>idem. p. ^.V- 
Natkc: Die UnierbringuiiL; iceisicskrankcr Verbrci-ber. 

Malle. Marl.,. Id. !<,.._'. 57 S., M. 
T a I Im > t : Dej:ei>cia> y and pi>li(ical a9sas»4natir>n. Me- 

dicine, Ucc. 1901. 
Winter and Stein ach: Identißcatinn nfthe insane. 

.■\riliives of neui'ol. i^iv and psyrhi>patliiil<ty;y I90O, 

^'^1 3- P- 100.; erschienen). 

Winter: The eephalie index. Ibidem, p, 375. 
FliesM: Ueber den unddilidien Zusammenluing vim 

Nase und Gesrhici-htsorgan, Halle, Mariiold, 1002, 

-'4 -S. 

P e rronc-G ap a 110: II diriito, diiiiuusi alle nuove 
«irrcnti sodali e |x>liticlie (i'anarchia e il socialismo 

rivoluzirjnan«'). Rivisia mens. <li i>sich f«>r. Ctt"., 
die. iuoi (erselaenen im Januar l.jOJj. 

Ell. V. Hart mann: Der vierte, füiifie und SCChste 
bland. Die Wt»che 1902, Nr. 3. 

Henneberg: BelttRaji: zur forensigchen Pijychiatrie: 
B(!eiiitlussiinj» einer f'riisseren Anzahl (iesundir 
dur< Ii eiiieii j;eistesk ranken SL-hwituller (L'seudo- 
lo^ia ]ih.intastii-a). Chari{e-.\nnalen. .\XII. J.iiitjj. 

Nackc: Einige „innere" somatische Dcgenerations- 
zeiehen hei Pantt\tikem und Normalen, zu-*lei(h 
.ils Beitrat; zur .\nat<iTnie imd .Anthroiiolunie der 
Variationen an den inneren Hauptorganen der 
Mensrhen. Alljirem. Zeitedtr. fBr Psychiatric etc. 
,si^'. Bd., |>. looif -1078. 

Auiliffrent: (,>udijue» consideialions sur linfanti- 
ride .Vr< hive-s d*untTop. crim. etc. 190J, p. 16. 

Brouardcl: Lcs empotsomements criminds etc. 
Parts, BatlHerc, j,^8 S., i<k>j. 

B.aelz: l'eliri den Nutzen wiederli. .ller Messuni;e.n 
der K«'pfform und der äehüde^riNtse üd dcnsdbcn 
Individuen. Correspnndcnz-Blatt der deutschen 

tjesells< li. f. .\nthr<ip. ete. ||><H, p. 1 1 , 
Vir< li,i w: l'eiier -S hadelforin ynd Schädeldef' »rmaiion. 
Ibirlcni p. 

NVaUieyer: Das Gelum des Mörders Bobbc. Ibi- 
dem, p. i.pi. 

K'inbin ii \ ii h: Tabes et ineulp.itii lü d'attentats au.s. 

mccurs. Archives d'anthrop. erim. ei< . p. 5(». 

Sullivan: Crime in general paralysis. Journal of 

mental si ienee. j<muar\ r . j 
L i e p lu a 11 n : Ueber das \"ork')mmen von Talgdrüsen 

irn lijipenroth der Menschen. In.-Disa., Kt'inigs- 

bc»g 1900. 

Krak<»w: Die Tnlcdrflsen der Wanu^'nsrhleimh.iut. 

In.-I'Jiss.. Ki'«nit;sberi; T<i<il. 
Else C o n r a d : Vaiabnndircn mit Vi^aUundcii. 



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40 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



tl*r. 3. 



Airhiv für Kriminal- Antliropnlogie etc. 8. Bd., 

2. n., p. ij<i. 

Ose. .Stern: Vcrhrcclicn uiul (jtsctznicdrigkeil. Ibi- 
<lcm, p. 166. 

V. S I Ii r e II (- k - N a I X i II g : Eine Fr«is|M«ehung nsicU 
dem Tode. IKiticm, p. 177. 

Lehmann: Die l'nli/ci und der Zeqgltiwxwang im 
Strafverfahren. Ibidem, p. ib,v 

R Kornfeld: lieber überflQiHiiTe Sektionen. Ibi- 
dem, p. lU-V 

Fiillak: üin Kall reilcvtiideik 1 laiidoins. Ibid., p. 19b. 
de Blasio: N tu >\ c riccrchc interne al tatuagglO pai« 

clkicu dei dclinqucnti napoietani. Riv. mens: di 

psfch. for. etc. IU02, p. i. 
I'onta: Sulla respoiisiliilitä diminiiita. Ibidem, p. 12. 
Guinpertz: Ueber die BekiandJung geisteskranker 

Verbrecher. Deutsche medif. Fresiie 1002, Nr. 1. 
Latassajinc; La inüdeiinc d'autrefi ii.s et le incdccin 

au JO. sicilc. Arcliivcs d'anthntpol. iriiiiiit. clc. 

l(»oj, p. fiv 

Epaulard: Le vampyre de Muy. Ibidem, p. 107. 
Mac Donald and Spitxka; The trial, execution, 

aulopsv and mental Status of I.eon ('/.oI^ksz ete. 

Tlie Journal uf mental [Kitliulogy, KfOJ, dec ujki 

and jan. 1902. 
Spitxka: Rcmarks un tlic t'z» il-^i »sz < aso ad al!ic<l 

qUL'stioiis, as prescntcd bv Dr. Tall>">t. Medical 

Critii , Jan. njoj. 
ü itiffrida-Kuggeri: Un caso di atrolia doli' ala 

magna dello rfenoide e ahre partioilartA ndla 

n<inna laterale. Ci >nAiderazioni sul si'.'nifi ,it 1 -c- 

rartiiit o delle anoinalie naniche. Moimorc zoo- 

liijrio) Italiano, anii'< XIII, Nr. I, l<ii»j. 
Sei ig mann: Sexual inscrsion am> mg primitive racca. 

Alienist aiul Ncuroh »jost it)<ij, Xr. t. 
("ourtncy: Mamal Stii;inaiH of tle^encration. Ibid, 
Ta Ibul: juvenile femaie delinquents. Ibidem. 
Hughes (Charles Hamütan): Medica! aspect of thc 

Czi i|<|:<>sz ra.se. Ibitlcm. 
Dralim:»: (Rcv. August) Leon 1'". C'zolgosÄ. Ibidem. 
Masi: La sterciKiii)grafia del cranlu. II Manicomio 

etc. IQoj, Nr. 3. 

Ties sc n; Der .\usdruek dct Olirmuseliel. Der Tag. 

E. C. Spitxka; R^enticides-not abnormal as a dass. 
— A protest against thc rhiroeia of d^^em« y. 

Pliiladel)iliia metl. Journal H)uJ, (>. 8. 

Böhlau: Zur Lehre vuu den Degencratioiisanomalien 
der Ohrmuschel mit BctU« ksirlitij;unj; der Dege- 
neration im Allgi-nirincü. Dis.s. Wiiizhutg 1001. 

II e II n ig: Lieber i > u^Ltutale eehte Sarialtmnoren. 
Diss., Jan. looo. 

Meyersohn: Zur Casuistik der cinbrj'onalcn Drüsen- 
geschwOlste der Niere. Diss.. WQixburg igrii. 

Maller: Uebcr congenitale Socraltumoreß. Diss. 

Münetien ii)<il, 
Rcibmayr; L'eber den Einfliiss der Inzmht Utid 
VoiuiLschuiig auf den politwclien (^haraktcr einer 
Bcvölkerun«,'. Politisch-anthro]iolo<^'isrhe Retnie, 

iO'>J, N'r. I, 

l'a« let: Les alicncx dcvaiU Ics tribunau.\, Revue 
de paychiatTie elc, mar» rgnz. 



Perricr: La vie en prison. Archiv« d'anthmpniogte 

criminelle cti U)ol, ]i. 12<). 
Rollet; L'lioniinc droit et Ihonime gauclie. Ibi- 
dem, p. 177. 

Baumgarten: Polizei und Prostitution. .Archiv fllr 
KriminalanthrojKjlt^ie etc. 1902, p. ^33. 

Robin s: Eine Studie fibcT Postamtsverbrccher. Ibi- 
dem, p. .298. 

Stern: Das Wesen des Stiafrq^era. Ibid. p. 2Ö0. 
A m s i h I ; Der Mord an Therese Pucher. Ibi- 
dem, p. 268. 

Kenyeres: FiemdkArper in Verletsungen. Ibi« 
dem» pk 3^9* 

van Ledden-Hutsebösch: Eine Ver;;iftung mit 

Molinfrüchten. Ibidem, ]> .^17. 
Lobsing: Bedeutiuig imd Vornahme der Wertli- 

erhebimgen fan Ostcrreichtschtfn Strafverfahren. 

Ibidem, p. ^tq 
Xcmanitsch: Ein zt ikin liici Ennordeier. lbul.,p.327. 
Nacke: Angebot und Xarhfrage HomoMXiidler in 

2^tungen. Ibidem, p. 339. 
van Ledden-Hulsebnsch n. Ankersmit: Ueber 

<lie Uauptcinfl(U-~c , wrlilKn Schriftstflckc und 

VVertlipHpierc awigcsctzt üiiid. Iliidem, p. 351. 
Asselin; L'^t mental des parriddes. Paris, Bailliere, 

lt><.2. 

Mcige: L')nfaniili.sn)e. Gazette des höpitau.x. 
Richard: Le meoSollge chez la fenunft hjriterique. 

Diss., Jiordeaux. 
Clottre: D^gfan&reMence et mysticisme. Dissert. 

I; irdeau.v. 

Lutier Metzger: The in.sane criminal. American 

Journal of insanity 190I, Oct. 
Moll: Gesundbeten, Medicin und Occultismua. Berlin 

n/oj, Waither, 47 S. 
Bloch: BeitrfiL:*' /m .^ctiologic der Psychopaihia 
i>exuali-v linMidi, Dohau i<>oj, 272 S., 7 M. 

Personalnachrichten. 

— < »stiireiisscn. Der pra<l. Arzt Dr. Wchowski 
atks Miniii ab fQnfter Anct der Prov.-Itrenanstalt Allen- 
berg, der pract Arzt Bibrowics aus GrStzals sechster 
.\rzt «laselbst ange-stellt. Die Stelle des zweiten .\rztcs 
'der Uütpreussi^ hen Provinzial - Besserungs - , Land- 
armen- und Irrenanstalt zu Tapiau ist dem appro- 
bierten .\rzt Dr. Krakow \i>n hier zuiLlflist auf 
Probe vom i. .\pril d. J. ab übertragen. - Bei der 
Provinzial-lrrenanstall Korlau sind folgende .-^ende- 
rungen eingetreten a) der V. Arzt Dr. Ehrhardt 
flcheldet am 1. April d. J. zwecks Ucbenritts zur 
Anstalt für Epileptische zu r,iil.,'i .f ;;us ilim Piii- 
vinziaUlicnst ans; bj die V. .\rzisteile ist dem zeit- 
weiligen VI. ,\rzt Dr. Dekow ski; c) die Stelle des 
VL Arztes dem bisherigen Voluntiliarxt Dr. Bosse; 
(I) die neu gnsctiaflene VII. Aritstelle dem Dr. Fritz 
Ho]ipe von hier z. Z. in Soldau Obertragen worden. — 



Den dieser Nr. beigefügten Prospe* t der 
Verlagsbuchhandlung Otto Liebmanu, Ber- 
lin W. 35, betr. die „Deutsche Juristen-Zeftung. 
Herausgegeben von Prof. Dr. Laband, Kci' lit'hts- 
rath a. Dr. Stenglein, Ju^tizratli Dr. Staub." 
empfehlen wir besonderer Beachtung. 



1 u( «li-ii ii.<Lu:tiuiU'lL>-u rl„-i| \cr^ulKuitljtli : Oli<-i»/il Dr. J. Hnv-lir KraichniU, |S«hlc»ici>). 
Ettcbaiiit Mn Seaubsod. — Sdklna d«t Iwfft-"— — »—t 3 vor der Augalw. — Vcrtaf von Carl M «rholil in Halle i. S 



K^TMOiwiiiIkIw 



«Mr. WoUF> in Hall« «. & 



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Psychiatrisch 'Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatric einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internationales Correspondcnzblaü für Irrenärzte und Nervenörzte. • 
Unier Mitwirkung zahlreirlier heivDrnigcnder Kadmianner des Iii- und Aiulaiutus 

Oli-Mtor Dr K. Alt. Prof. J>r. Q. Anton. FMiT. Dr. Blenter, Prof. Dr. Lw Edinger, Prof. Dr. A. OuttaUdt, 
Prof. Dr. B. HmkI«!. Dr. P. J. MSWua, IMrMrtor Dr. MiHrd. 

Unter Benutzung amtlichen Materiabi 
redigirt von 
OberanEt Dr. Joh. Brealer, 

Verlag von CARL MARHOLO in Halle a. & 



Nr. 4. 26. April. 1902 



n» ..PBycbiatrikch'Meitroloiiiteli« Wocll«B»chrlft» amkeiai j^aa V«i'>H-4 «od imm pr* Qmnmi 4 Mk. 
lb«*llM»aM> mtnm-m lliif* l i — a n , Po« <JCuaiH th. ft$ii, «■ «vl^MitaiiilH« «M Carl M*rb«ld ta Hall* a.S. 
Imwm «m4mi Mr «• t ifi M t Fmurito ait 4* F||^ hm i dwm Bai WMwbaluic nkt BraiHO'r «b-^ 

Or. J. nre«l*r. Kratchniti (Schlominf. tu ru-hnm. 



inh.ill. Orji;in.;tc: Wie grM* mllea Deae Sfleulicfae GcbimknuikenaDstiillcn gebaut werdend Von Dir. Dr. Scharfer- Leneerichf 
Laadetbanrath ZiaimerRuinn'MQfister nod Direktor Dr. K. Alt (S. 41). — MUtheiluageo (& 49). — Hefcnitt (S. $1). 



Wie gross sollen neue öffentliche Qi 

Nummer 51, & 504 Jahrg. III dkier WticheiMchrift 
wirtl tlic westfälische rrovinaial-VcrwaltuiiR tlavor 
gc^ttnit, den ( "iciliniktri de«; f!;'uc-s einer (jc!r'i'i;!i< i'- 
und Plit^canstalt zur Aiusfütirung xu bringen, wel> lic 
bj« 1400 PIStie enthielte. Wanuu ich einen neuen 
Namen ror diese Aostaltcn anwenden mtrchtc, bc-. 
gräiidc ich weiter unten Die Frage d< r' W -«^c der- 
selben aber iül noch bc!>lntt>-n genug, um es wüiis« hciih- 
wertli eracheinen xu lassen, «ie von Neuem zu erOrlem. 
Seit den ietxten Verhandlungen dartlber lind wieder 

I iiii.i [iiliTc ins I^tnd gegunt'<-n , iind niaii lial n«'vie 
Krfahrungcu g^ammclt. Fast lüx-rall in Deutscliland 
drangt der Umfang der Anstalten weiter aber das 
anfUnglirh so gern fust);ehaUenc .M.iss hinam. Blickt 
man statt 5 jähren so fahre /.uriu k, s<i sind ans dem 
früher für zulässig gehaltenen lluih.stnias.sc der in 
einer Anstalt unter einem dirigirendcn Arzte zu be- 
handelnden Knnken von .V>t> allmliltli* h 401). dann 
500 und fK'K> geworden. Nruerdin<;s wird am h «liesc 
Zahl noch UberM^hritten , und zwar ohne da^ man 
glaubt, ihnnit da« Sj-stem der dnheittichen ärztlichen 
Leitiing der ganaen Anstalt xu vedasscn. Durch die 



limkrankenanstalten gebaut werden? 

nOthige Zahl der Ablhdlungsflrzte, wekhedemDirector 

l>eigeget>cn werden, glaubt man zu erreit licn, dass der 
ti 1:Mf»rp i'iitl.i-siet werde und «loch zugleich noch im 
Stande bleibe, nicht allein den ganzen Betrieb der 
Anstalt zu Obersehen tmd im Einzelnen ni cYtntrolIinni, 
sondern auch der massgebende Arzt aller Kninken 
/.u sein. I)<is Mass der in ritu r ( H-hirnktankonanstalt 
zu leLsienden arztliihcn Arbeit hängt bekanntlich fast 
noch mehr von dem Wechsel der Kranken, der sich 
in der Aufnahme und .Migaiigsziflcr ausdrückt , als 
von ilcm Dun hsi hnittsliestande ab. W'.ihrend nun 
bislicr eine |>rcusi<i3«:he Normalanslalt eine Aufnahme- 
ziflcr von 150 bist 200 zu haben pflegte, sieht sich 
heutzutage iler l)ire< toi eines Pro\ inzial-Gehirnkrankon- 
liauses nt< hl mehr selten \or die .Auf,'; I»- ^trllt. 
eine An.st<tll von (xxj — 700 Kranken und emer Aut- 
nahmcxalil von 300 und mehr ftnttlich zu leiten 
lind sachli» h /.II verwalten. Kr soll die Pei^malien 
! . li inlrln, die Bans;it hen, dgs Inventar, dir KfV he, 
Liindwitthscliaft, Bekleidung, Wasche nicht nur im 
Auge haben, sondern auch bei allen die Entscheidung 
geben, Stockungen beseitigen, Fehler abstellen, zahU 



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42 



reiche Berichte schreiben, bämintliche Recluiungen 
anweisen, und dabei «all er nicht nur alle Kranken 
int Kopfe iuben, sondern er soll die Behandlung der 

Krankel) \vjrk!n h leiten . auf il^rc i;i's;imnitr pnte 
Haltung und Pikgc achte», zu ihrer Bcschüftigung 
antreiben, er soll alle Aufnahmeantiflge erledigen, 
abdann auC das Pflq;e|x;rsünal achten , die jüngeren 
C\illcgrii unlritrii, ciidlirh die wichtigeren Guiachten 
selbst schrc*il>cn , Tcnninc wahnietiineii unil was es 
sooM noch giebt. Wie das ein Mensch fertig hringfn 
»oll, ist mir ein RJUhscI. Das^ so ein Dire» t<ir auch 
nebenbei nf rh ^f^^':^h sein, d. h. allgfiiuim Inti rcNsoii 
vertreteu, für seine Familie sorgen und bestrebt scui 
soll, der Wissenschaft 2U dienen, sich und die Anstalt 
weiter fortzubilden, «lass wirrl wohl stillschweigend 
aui h noch erwartet. Wer aber glaubt, (i,l.s^ il,.-; ni' i^üi Ii 
ist, muglidi bei den gestiegenen Anforderungen an 
die Klankenbehandlung und an exakte Vervniltang^ 
der befindet sich meines Knicbtcns iü einer voll- 
-ffindlgeti Illusion. Die Cujlcgen, wclrlit- -.dlihe aus 
dem uraprUngiichen I'lan hcrausgcwuchcrton Anstalten 
zu leiten liaben, werden selbst diese Illusion nicht 
thcilcn. Sie werden wis.sen, wieviel sie von il»rer 
Scll>slitndigkeit nnil Venmtwortung auf Andere über- 
tragen Itaben, aber sie werden auch das Miä6VcrluUuüss 
empfinden, welches auf diese Weise entsteht Der 
Director fühlt sich gelrieben, nach Möglichkeit der 
Aufgabe, selbst zu art)citen, gerecht /u werden, weil 
dies der durch die Dicnstvmchriften iiegründctcn Er- 
wartung der Behörden entspricht, so kommt er in die 
tiefahr, sirli tii.Iir /ii7unuiteii un<l sich eine grössere 
Verantwortung aufzuladen, ab er tragai kann. Er 
reibt sich auf und kann dtuh vielleicht nicht verhindern, 
dass Mflngel im Anstahsbcliiebe eintreten, wdche ihm 
zur T,.ist L'c-Irut wcr'Jf ii. ^^VIlrl <i(<!rhf Nachthcüc in 
den über Kranke we&cntlicli hinausgewacliscnen 
Anstalten nicht entstehen, so kann das meines Er- 
achtens nur daher kommen, dass thalsHchUch die in 
Alles eindringende ilrztliche und adniinisliative Leitung 
des Directurs in jenen Anstalten nicht mehr beütcitt. 
So wird aber in jenen Anstalten ein Schein entstehen, 
welcher den That.sat lieii nirht entspricht Wird aber 
die V'erantworllic likeit des I iiict t irs w i<;scntlirh auf 
dait erträgliche Mass cutgesi liränkt , sodass nicht nur 
Nai'Itdieile, «(»lulem auch jener falsche Schein vermieden 
Wcrdc-n, S"> k<'inncn ilaruni jene < »r- 'ssenverhalltiisse 
d"ti dir Iii als /wei km.'isNig angcselift ai 'flen , tlcnn 
dann i>i ilas alle guic IVinzip de» .Vlks vcrlretcndeji 
Direrturs Verismen, oKhc^lass für diesen VerluM ein cnt« 
«prochender Ersatz gew. mueti w.'lre. Die Mehrver])tlegui^ 
\"U Ji >0 Kranken kann als ein so!« her Krsat/ ni< hl an- 
gesehen witilesi, es luüssle denn sein, da.>!» eine Aiislall 



[Nr. 4. 



eine ganz uogewühniich huhe Zalil von Aufnahmen 
hfttte; dn voller Er«ta tritt erst ein, wenn das Prirorip 
der getheilten Verantwortung wirklich awgenutzt und 

demgenrilss bei efner normalen Ai!fi';)!imr;^iffr-T eine 
weit höhere VerjjflegungszahJ als Jcxj eneicht wird. 

Sobald man die Grenxe von 500 Bestand und 
höchstens 200 Aufnahmen überschreitet, veHaast man 
das nonnale, der Kraft cine> dirigi^rtulr n Arztes an- 
gepasste Vcrhältniss, und je weiter tnan sich von ihr 
unter Aufrechterhaltung der einheitlichen arztlichen 
Leitung eiUfernt, um so grö.sscr wird das MisR%'ei^ 
haltniss in der f )rgani.saüon. Fügt man /u tlem 
einen Oberarzt ohne Acnderung des Systems einfach 
einen sweiten hinzu, so hat man eine Halbheit, denn 
dann hat der Director zwar einen Geltülfei» mehr, aber 
^(■ii.o Vei.iiilw^jrilirhkeil ist dieselbe geljlieben (jeht 
man aber dazu Uber, die Verantwortlichkeit zu theilcn, 
und stattet den Oberarzt mit voller Verantwortlichkeit 
neben ilera Diret tor aus, so ist bei ~oo Kranken und 
der dieser Zahl gewölmürh cnispreclienden Aufnalime- 
ziffer die Aufgabe für joien Einzelnen zu gering, 
weil dann der Director bei seiner Vcrwaltungsarbeit 
immer noch die BehandhuiL; \. n rtwa der Halfle der 
Knmken verantw(*rlli< h leiten kann. un<l der Ober- 
arzt mit Hülfe der darum doch nicht enlbeiirlichcn 
Assistenzärzte weit mehr als die Obrig bleibeitde Hülfte 
der Kranken zu versehen iin Si.iiide ist. Auch <ler 
Ausweg, den man noch w.'ihlen k.tnn, dass der Director 
dem Oberarzt gewisse Verwaltiuigsarbeiteo uberträgt, 
fQhrt nicht zu einer günstigen Eintheüung. Ein 
richtiges Verlu'lltniss tritt erst wiexler ein , wenn eine 
Griisse der Anstalt erreicht ist, bei weicher Beide, der 
Director und der Oberarzt, bei voHer Arbeitstheiluug 
ausreichend beschäftigt sind. 

D.t-- k;iTin zunüclist bei 8o<» bis (>oo Kraiikfn sein, 
bei denen der Director die gesammte Verwaltung und 
ein paar wichtige Abtheilungcn, der Obeiaizt aber 
das Gn» der Kranken haben wird. Man kann aber, 

wenn mni; etiitita! -.ivw.-^it !j('^':iriL:ori ist, tum sclir Ir-irht 
iKK'h einen Schritt weiter ihun iiiul einen zweiten .selb- 
ständigen Obeiaizt anstellen. Jeder von ihnen fiber^ 
nimmt mit den nütitigen ilulfsärzteneine Gcschlechts- 
seil<', der Director die 'AMltnui: . nfu) rr \ f-^-ifht 
mit liülfc eines .X.'.sislenzar/.tes, wcIcIkt für ihn die 
Status und Krankengeschichten schreibt, zugleidi eine 
Aufnahmeabthcihmg. iiei einer solchen Kintheilung 
k'inncn ohne .N liwierigkeit \ 200 — I4fx) Kranke einer 
Klas»c in einer Anstalt vur[)ll<^l werden. Man kaiui 
aber dann alle Vurthdle des Grosttbctriebes aasnutsen, 
der Grunder>»erb wird biliar, und d.tss si<-h auch 
die Rauko.sten nietiriger stellen ist nii ht zweifelhaft 
Durch \'ciglei(.he dei B.iukiuien \iiii Anstatten \er- 



PSYCHUTRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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43 



srhicilcncr (jUissc kann n>;ui sii l» wegen tier /ahl- 
rcicliun in Ik-Irm lU koiunieiiilcn Uni^iiandc liicrübcr 
schwer Kbrheit veischaffen. Zu dncm Qbenceugendcn 
Erjrebniss gdangt man aber, wie jeder Uaunieister 
l)cslätigeii kann, wenn man Iicrcihtiet, wieviel unter 
gunz gleiLheu VcrhaUni^iicn eine An:>talt ku&lut und 
wie luK-h die Batuummc far 2 oder 3 Anstalten Icoinmt, 
welche zus;iinnien nichl mehr l'er--''iirn fasset! kr>nncn 
als die eine. Alsdami sind alle Mittel de^ praktischen 
und anilJichcn Betriebes in einer suiclien Aiiütalt grösser 
und reicher, das AnslattsIclM»! im Gänsen ist bedeuten« 
tier utiil anregender. Gewiss, die alte kleinere Anstalt 
mit ihrem einheitlichen (ieist ui'il iMtii.irt fi;tti«c:hcn 
Anstrich ist iin gewissen Sinne em ideal und wird 
es bleiben, aber neue Zeilen bringen neue F<iidcnuigen, 
und man kann es tien Hehördeii, welthe selien, dass 
es mit «Im );ri>»cn An>tallen >;cht, nichl übel nehmen, 
wenn sie lieber eine grii.Mse als mehrere kleine An- 
stalten bauen. Die gni!«cn Anstalten halte ich jeden- 
falls für besser als sulthc, ihn weder gn-ss ntnh klein 
sind. Icli will nereie 'i kmiien, dass ich kerne eigene 
Erfabiung von grussei» .Anstalten habe, und die uljendar- 
gdeigte Anschauung nur aus veigleichender Bei>baeht- 
ung abgeleitet ist; nii igen dallCr O 'Hegen, welche nach 
den ancrdi iitcli n Rirhitmiji^n fiiv'n.- I'rfa'irung hc-sit/en, 
ilie (ititc halKii, aui h ilire Meinung mitzutheilcn. *) 

Nun habe ich mir gestattet, in den vorstdienden 
Zeilen Statt des Wortes „Irrenatistalt" Ansdnlc ke wie 
..An>-t;ilt UlT ricliin.lranl r", .,( 'trSirnkrankenhaus" zu 
sebrauclieit. .Man kann <iiese .\usdrü< ke ium Ii weiter 
abändern, indem man sh(^ „GehimheiU und Fliege» 
anstalf uder s<>gar kurz „( »chiriianstall " Bckatifiltirli 
>-ind die Beinühungr i; , rj, u .\uMlruck „Irrenanstalt" 
los zu werden, so alt wie die modern«; Irrcnpllcgc, 
sagen wir „GehimkrankenpAege" Oberhaupt Man 
emiifmdet, dass der Ausdruck „Irrenanstalt" hart und 
sachlich nicht zutrelTentl ist ; die Insassen unserer 
Anstallen sind grc«»senlhciU nicht .,irrc", und die 
falschen Viirstdlungen, wdchc ds» Pubtikum mit diesen 
Anstalten vciknüi>ft, wetdc-ii dun h das Wort „Irre" 
und „IrrenanslaUen" weseiitlidi ;( r .'iljrt. Man hat 
nun versucht, der Sache abzuhdlen, indem man aus 
den Bcseicbnungen einfach die Silben „Irren" furt- 

*) Siehe die em SehliiM<> clirsi-s Artikels bciKFfiti:t<Mi Bc- 
iiiafh«i«Mi da Ilm Direktor Dr. Alt. Uchlaprinec. I). R. 



Z\] der wichtigen Frage, oh es wirthschaftlicli zwe ';- 
tii.issig imd v«)ni ärztlichen Staiulimnkle aus un- 
be«lenkli<h sei, Irrcnaustaltcn mit einer Belegungs- 
lah^eit von looo und mehr Kranken zu bauen, hat 
der Difcctor der diess. Piuvmxial-Anstalt Lengerich, 



lässl uiul nur von „Landes- oder Pros in/in!-! leil- und 
Pllcgcaustalten" spricliL Oder man gebraucht statt 
der Artbeseidmungcn Eigenitamen und verbindet da- 
mit oft «lie Bezeii hnuitgen .,.\syl ', ..Hospital" u. «Igl. 
So entstan<leii Namen wie „Frirdrichsbeig ' ( Hamburg), 
„Lindenhaus' (Lemgo), „Sl. Jüigen-.\s)l" ^Bremen), 
„Karl-Friedrich-Hospital" (^ankenliain) u. a. Man 
mu.ss ilitsselbcn als wohlgemeiiu utul .-.n:;! !!! !!!!! be- 
zeichnen, aber sie selbst l)ewciscii eiien «lie Scheu, 
welche man cmplindel, den eigeiitliclien Artnamcu 
„Irrenanstalt" ausnisprechen, und sie erreichen ihren 
Zweck nur zum Theil. Ja es wir«! ihnen sogar zum 
Vorwurf gemaclit, dass sie die vulgare .S( heu vor den 
Irrenanstalten witerstui^en. Wie dem sei, su können 
jene Eigennamen und alle Beseichnungen Oberhaupt, 
welche .\rt unti Zweck der Anstalten nii ht zum Aus- 
«Inii k bringen, den ( iebrauch tler Artl»ezeii hnung jctlen- 
falls iiKht überflüssig machen. Denn man wird immer 
wieder genGthigt sein, schriftlidi und mflndlich den 
Tlc^rilT «Icr Anstalten «lurch ein kurzes Wort wieder- 
zugeben, untI So stellt si«li ileTiU immer wieder die 
niM h ungeh iste Frage dar, wie das Won „Irrenanstalt" 
passend durch ein anderes xu crsetsen sei. Das Wort 
,,Gehiriikrankeiiaiistalt" mit seinen .\bleiiungen ist ein 
V'eiNiich, di< se Frage zu IfWen. Ich bitte um »«)hl- 
wc)llen«Ie Aufnahme dieses Versuches. Neue Namen 
haben suenit immer etwas Fremdartiges. Aber nur 
etwas ^anz Neues kann iiier zum Ziele fuhren ; der 
Name, den i< h vorschlage, ist sachlich richtig und 
sii herlich auakirciid Tur das weitere Publikum; man 
darf erwarten, dass er ebenso helfen wOrde, richt^ere 
Vc>rstcllunßcn über ( ieisieskranke un«l deren Anstalten 
zu verl rrifen. als der alte Name geeignet i»t, falsche 
Vuntchungeti fest zu halten. Geht man bis xu den 
Ausdrücken „Gdtimheilanstalt*', „Gehimpflegouislait^, 
,,Gehini-Hcil- und PHegeanstall", wenn rii.iti will :n!ch 
kurz ,,t;ehinianstall". so hat man Bildungen ganz gleich 
wie „.\ugcnheilanstalt", ,^'en'euw»lalt" und Ilmlkhc. 
Es dOrfte nkht gering anaisdtlagen sein, wenn durdi 
allmähliche Einbürgerung luid oflizicü« .\invpr.ditng 
«li<aer Ikizeichnungen die öffentliche Ancrkeimung 
erreicht würde, dass Geisteskranke GeUmkranke sind, 
und daitt Irrenanstalten ebenso wie andere Kranken» 
anstalten Krankenhäuser sind und nichts weiter. 

Schaefer-Lcugerich. 



H-r n- S. haefer auf eine kurze dnrauf be/.ügl. 
Ausführung iu dieser Zeitschrift S'r. 51 m dem Vor- 
stehenden eine Erwiderung zugehen lassen. 

Da sich diese F^rwidcrung mehr mit der Jirztli« heu 
und vciwaltungstechniscben Seite der Frage befasst, so 



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44 



PSYCHlATRISCH-NJiüRÜLüGISCHE WÜCHENSCHRIKT. 



[Nr. 4 



habe ich in Ergänzung der AtBfQiuungcn Dr.Schacfera 

vom bautcchiiisihcn und finanziellen Standpunkte aus 
rinc vrrrrlcichcndc Bcrf'i hmiiii: tlanilbei augcstollt, wie 
sich die Ektuku«ten einer gn -sscn Anstalt von looo Krun> 
ken eigeben, g^edQber zvti getrennten Anstalten vm. 
je 500 Kranken. 

Der beigefügten Ucbcrsicht Ist in S|>. i /u Ginnde 
gelegt das genaue Abreclinungs*Ergcbniȟ 
der ProvinziaUIrrenanstalt Aplerbeck, die 
mit 500 Ktaiikiu belegt ist, in ihren centralen Ein- 
richtungen aber für 600 Kranke ausreicht. 

Diu Zaliicu iu Sp. 2, die vuraussichtlic heu 
Kotten der einzelnen Theile und Anlagen 
einer Anstalt für ick)0 Kranke, wollen /war 
keinen Anspruch jf.if al 'iolut« Genauigkeit erheben, 
sind aber auf Grunti zuverlässiger Uutcrkigcn !>u er- 
tnittelt» daas sie zur Betutheiluni; der Frage auamchend 
sein dürften, und auch einer eingehenderen PrOfung 
Stand halten werden. 

Zur Erläuterung müchtc ich mir fönende Bemer- 
kungen gestatten: 

Der Gran derwerb wird um »1 billiger, je gräsaser 

der zusammeiihäjigcndc Ci>mplcx ist, zumal der CJuts- 
Imf, wie er in Aplerbeck tnitgckauft wurde, auch bei 
einer Anstalt fOr 1000 Kranke nicht wesentlich gro^r 
zu Sein brauchte. Der angesetste Betrag von 280000 

Mk. ist si>L';;i ln'ther, als in andern Pr"viiizcn für 
Gruoderwcrb bei grussen Amtalleu gezahlt worden 
Ist 

Die Kosten der Centraigebäude für Ver- 
waltung und Verpflegung erhöhen sich niiht wesent- 
lich, weil der Raumlicdarf in den betr. GebiUiden. 
sowie die Zahl der Dicnstwolingcbäudc , abgesehen 
von Aerxten und Fflcgem, nicht der Ktankensahl 
entsprechend steigen wird. 

Auch bei den Central - .'\nlag<Mi tritt, wie jeiicr 
Techniker aus Krfalirung bestätigen wird, bei weitem 
keine der Krankeiuahl entsprechende Verdopplung 
der Kosten ein; dod» ist hier, wie auch die Tiibelle 
/ricrt. (He Steigerung im Einzelnen prorentual sehr 
vciM;lneden. 

Bei den Krankengebaaden hingegen werden 
sich die AusfOhrungdcosteD venk)ppeki,i*eü bei doppelter 

Krankenzahl sich au<h die An7;!li! der Gcbfliwle «nit 
ihren Installatiun»-£inrichtuiigcn an Heizung, Bcleucli- 
lUD^ und Entwässerung v^doppdn wird 

Die Kosten fflr die Inventarbeschaffun g 

werden sich ebenfalls annähcnid verdoppeln; die Ein- 
richtunefn der CentralgcbJUidc für \' iwaltung und 
Verpflegung im geringeren Maässc, als diejenigen der 
Kraokeogebllude 



Mdgen sich ntm auch bei detailUrter Beiechnuiig 
die Ausfftlirungskosten der einaehien Positionen noch 

etwas verschieben, das Gesannntergebniss wird das- 
selbe bleiben und -dieses beweist, dass der Bau 
einer grossen Anstalt JQr looo Kranke um 
fast Qooooo Mk. billiger wird. aU der zweier 
getrennten Anstalten für je 500 Kranke. 

1*% iliirfte auf der Haiui liccrfti. f!;i« «lies wirth- 
schaftliche MifUienl für die Entsihhe.ssung der Pro- 
vinsial-Vettretung angeaidtts der stetigen Steigerung 
der Belastung dttldl die Iirenfllrsoige von ausschlag- 
gebender BedcMitung sehi fno-^stc, nrt> hdem die {>sy- 
cliiatrischca Sachverständigen den Bau einer so grossen 
Anstalt far unbedenklich von ihrem Standpunkte aus 
erklärt hatten. 

Ich habe geglaubt, dun h vorsielii-ndc AllsfQhfungen 
die Darlegungen des Hcrm Dr. Schacfer ergänzen 

zu sollen. 

Vergleichende Kostenübersicht Ober den 
Neubau von Anstalten ntit 500 Kranken und 
mit tooo Kranken 



runcskoiiten 
der Provinziiil- 
Irretiansialt zu 
ApUrbcck, 
t>ciciri mit 9no 

Krankffi. li.ilHii 
nach cliT Ah 
rcchnung be- 
timn: 
jÜR. 

1. G ru nd e r w c rb s koste n 
einschl. des alten Gutshofes 

(etwa JO) Morgen) !..;;oo»i 
(in Apterberk) 

2. Gebäude fdr Verwal- 
tung. Ver]iflegung u. dgl. 

a) X'erwaltuiiKSgebaude Ht, 0(k> 

l>) BeLsaal (anstossend an a) 36000 

c) Wirthsdiaflsgebände (in Ap- 
lerbeck für (HM) Kr. gebaut.) ^OOOoO 

d) Kesselhaus mit Central- 

bodem u. 2 Dtenstwnbn. 91 000 

e) Leichenhalle imt Sectr- 
Räunien 1.4000 

f t Director-W</htihaus 38 000 

g l Beamten- Wohnhaus 40000 

h) Fcsisaal 43<H)o 

i) Üienstgeb;iudc für den Geist- 
lichen, Pfleger, Haudwerker 

tL S. W. 04000 



2. 

Die Aiislüh- 
runicskosten 

einer tnt- 
»prcchcndcn 

An»t,ilt tür 
lOUO Kranke 
würden |>e- 
trascn: 

Mk. 



JhiOCMX) 



I 20 (X)0 

500ÜO 
240000 
1 10000 

10 0(>T 
40000 
40000 

54«» 

{Ittr Ober^ 
«rite) 

200000 



Pos. 2 zusammen Mk. '<.)Vüou 870000 



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I90.'.j 



PSYCHIATRISCH-NEURUUJGISCIIE WüCHENSCHRirf. 



45 



3. Central-ABlagen 






a) rerrain-Kcguhning 


15000 


250000 


b) 1 ilusieruiigea , Weg«-An« 






lagen, ^AnacnlUMgeleise) 


57 üüo 


t>oocx> 


c) GarteB-Anlagen 


40000 


60000 


U) Einrncciigungen, wand«!- 






nalKin 


d3 00o 


50000 


e) Be- und Entwflsserungs* 






Anlagen 


123 OQO 


210000 


Ij H'- izunj;~;m!;i^'cn. Kn<-h-nnil 






Waschküchen-Einrichtung 


277 CXX) 


455 


■Fl ]■ liü ■! Fiaf"i%iiB Roliwiif liiiimfc 


58 000 


100 000 




5000 


9000 




13 txx) 


24 <)00 


k) liaiilcitungükostcn 


74000 


130 OCX) 


1) InsgcmeiD 


19000 


33000 


Fos. 3 nttammeti Mk 


715000 


1 176000 


4. CMitsiiof mit Stallge- 






l) a u (1 e ti , S« biunen und l 






Lfuidhaus für Kranke 


104 000 


I300ÜO 



5. Krankenge- 
baude. 
2 Aufnahme und Bct>b- 
achtun^-Abtlicilungcn 
2 Gcbüudc für L'nrulugu 
2 n n Halb „ 

2 „ „ Sieihf 
4 „ „ Ruhige 
2 PenMion-sgcbiludc, 
Dazu die Kranken im 
Wirtlist liafts-f Idi. und 
auf demGutehof zus. 



AMI 

120 

56 

I jo 

60 



40 



I I ~ '>c<o 

1 (XX) 
221 000 
[51 OüO 

000 
I50UÜO 



.J ^< > ( « II ) 
Uir h'iHi Kl 

2ÖO ( K^O 
H70OOO 
I 176000 

1 90Ü oü<> 
430000 



zus 
für 



S. f jyCKt 

r ( Kr. 



(>6oooo 



I ono orx> 
Tür 1000 Kr. 



6. Inventarbeschaffuog 
tOr 500 Krdnke mit Ffl«ge- 

]ierBonal 227 000 

/ u sa m nie ns teil ung. 

1. Grunderwerb ly^tjtx) 

2. Ccniralgebtlude 639000 

3. Centiataniagen 715000 

4. Gutshof 105 ono 

5. Krankcngehüude gooooo 

6. Inventar 227000 

maatnmen 2S40000 4786000. 
Die Kosten betragen also einschl. (irunderwerb 
und Inventar jui. K .pf der Belegung; 
bei Aplerljcck mit ^cxi Kranken 5<>»o ML 

bd einer Angtalt mit 1000 Kranken 4786 „ 

Ohne Gritnderwerb und Inventar stellen 

sich die Küsten wie folgt pro Kttpf 

bei .Xplerbcik mit 500 Kritiken 4f^.S^i Mk. 

bei einer Anstalt mit hkxi Kranken 4^/6 „ 

Werden zwei Anatalteti von der Grfiaae und Bau- 
art der Aplerbecker g^ut, ao kotlen dieselben zu- 
sammen 5()8oooo Mk. 

Wird für diese khx) Kranken eine .Xnstalt gleicher 
Bauart errichtet, »o kostet die»e nur etwa 478(1 000 Mk, 

Abo eigkibt aidt als Ersparniss ein Betrag 
von 894000 Mk. 

ilur< h den Bau < tner grossen Anstalt von 
ioo(i Köpfen gegenütier zwei von je 500 Ki>pfen. 

Dicüe Mindcr-Anlagckostcn werden sich niKih n cr- 
grOasem, «-enn die Aitstalt, statt für looo Kranke, 

für 1200 bis 1400 eingerii litet wird. 
Münster, den m. .^pril ii>oj. 

Zimmermann, Landeabaurath. 



r\ie Von Herrn Collegen Stiu'ifer vorstelientl gc- 
gcbene Anregung, den wenig zutreffenden Awi- 
<lriu k „Irrenanstalt" en<l|;Uliig aus/umerzen und 
durch eilten in tten Augen der Kranken wie <les 
I^lbükttms minder anstösi&igeii Namen zu crscUen, 
dürfte dem Wunsche der Mehrsalil der Fiichgenottsen 
entsprechen. .\\is ganz, ilen gl<'i( lien Erwägungen 
hcrau.s hat auch der letzte Landtag der Pruvitu 
Sachsen die Bezeichnung Pruvinzial-Irrenanstalt 
beseitigt und dwfOr allgemein „Landes- Hei)* und 
Pflege- A nsta'l " i iIl;^eführt ; auch andere Provinzen 
und Staaten sind in gleichem binne verfahren. Ea 
sei »^gestanden, dass auch diese Benennung; wddte 
fneiiMS Enchlens ünmerhiin sdion dnen ^oeaen Schritt 



vorwärts bedeutet, verbesserungsfähig ist und in ab- 
sehbarer, hoHcntfich baldiger Zeit dturcU eine nuch 
treffench-re verdriingt »iril. In tlitseni Sinne i>«l der 
.S< lirifcr's< lic X'crsiic h sehr zu begnissen, wenngleirh 
ich vcrmuthe, dass der AuMlruck Geh im krank en- 
anstalt, Gehirnhcilanstalt oder kurzweg Gehirn- 
anstalt bei Publikum und Kranken wenig .\nkiang 
finden imd zur Beseitigung der Scheu vor den Kranken- 
hflnsem lär psychisch Kranke nicht viel beitragen 
dürfte. Wenn im gewöhnlichen Leben davon ge- 
sproi hen wird, dass Jemand viel niit seinen „Nerven" 
zu ihun hat, dass seine „Nerven überreizt oder er- 
schöpft" oder gar ,^-i\\z alle" sind, au wird darunter 
kdnesw^ blw «in^ Erknnkung der peripheren 



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46 



Nerven ventandeo, sondern vtdmchr eine Itrankltafte 

Sfhw.'irhe, UcWcrrfizvmg iidcr Ersiliupfung des Nerven- 
systems überhaupt, atso auch des Gehirns. Erscheint 
et nötlüg, der Beieichnung Landes -HeilaosUtlt nach 
einen afaigiencenden Zusatz zu gäien, to ditofle die 
V, irsf t7;iii(; ties \\' iit< v ,.'S<'rvrn" jrtloii Zweifel be- 
heben ufj<l dabei dem aJigcnieinen Spnn hgebrauch 
vollauf gerecht werden, ohne unriehiig ndcr amtoaiag 
SU sein. Mir penOniich wöi übrigens andi das Wurt 

Ai-stn!! urntn pofallfii Icli li;i'if d.'Nliiilh vnr Jahren 
schon ctnnial einer Vcrwallung tlie ßexcichnuitg Pn>- 
vinzial-Nervenklinik vorgeschlagen. And) das Wort 
Nerven -Heilstätte hat vieles fOr sich. Hoffenüich 
geben die Sciiafcr'schrn Au^ffilinrn^en \on Neuem 
den Aiistus», eitlen paiii^cnden Namen zu finden uder 
bdcannt m geben. 

Die F^age, wie grosa sollen neue Anstalten 
gebaut werden, ist v.>n mir schon fmher wiedcr- 
ht*lt berilhrt wurden. Ich habe bei jeder sieh bie- 
tenden Gelegenheit es für meine Pflicht erachtet, vor 
dem UDaufhaltomen Ainva< Iist n derselben /.u warnen. 
S»'lh<if wenn es vollständig erwiesen »ein .sulltr. da--^ 
entüpreehcnd der Gruaiienzuuahme der Aiutlalt die 
Anlage- und Uaterhahungskosten pro Bett sich nennene- 
weith verringerten, die sehr grossen Aii.stalten at»« 
crwicsencrmaa<^sen wirthschaftlich criieblich vortheil- 
haftcr wären, dürfte nui bis zu jener Grenze der 
Krankenzahl voigegangen werden, welche eben noch 
ohne Ceßlhrdung der Einheithi hkcit der Leitung und 
Behandking ztihlssv^' ist. Wo liegt aber dir s» Grenze ? 
Die Antwort hierauf wird von verscliiedenen Aiu>talts- 
leflem wohl nicht ganz gleichlautend gegeben werden, 
auch nicht gleichwerthig sein. Denn es ist, worauf 
Herr Si-hnTi r -i lii ii si-'ir rtrluiL; hinileuti-l, gewiss ein 
grosser Unterst liieü, ob man m solchen Fragen seine 
Anaidit blt« veigleichend theoretisch ableitet oder 
aus eigener j)raktischer Erfahrung heraus ein Urthcil 
zu bilden Gelegenheit hatte. Letzteres darf ich wohl 
(ilr mich in Atupruch nehmen aU langjähriger Leiter 
einer unter meinen Augen entstandenen, von Haus 
aus fOr tooo Kranke bestimmten und — hauptsai h- 
iich auch in Folge glfleklichcr Entwic kelun^; der Fa- 
milienpflege — auf über iiou Kranke angewathscncn 
Anstalt 

Ich nehme keinen Anstand zu Ijekeimen , dass 
bei dieser Ausdehnung der Anstalt die Uebcrsii ht- 
lichkcitund Einheitlichkeit der Verwaltung sehr 
gelitten hat, die einheitliche Behandlung der 
Kranken gewaltig zu kurz kommt zum Nachtheit der 
Kranken. Dic.>>cr Ansicht habe [ich bereits in ilem 
zweites Verwaltongsbericht mit den Worten Ausdruck 
gegeben: «Die Anstalt hat die Aufgabe, die heiU 



[Nr. 4. 



baren Rninken mOglfehst rasch gesund zu machen, 

<lic besserungsfähigen s< iweit zu fördeni, da.ss sie 
denkbar wenig unter ihrer Krankheit leiden und den 
Angch<"irigcn «ie ihren Mitbüigem mdgUchst wenig 
zur Last fallen, den unheilbaren tmd -nicht der 
Besserung f ,'l h i ü: r n für die '/.fix ihrrs, I^l>ens und 
Leidens gute i'tlcge zu gewähren und ihnen das Leben 
erträglich au gestalten. 

Der Berichtetslatter irsgt kein Bedenken zu be- 
kennen, <la>s die Anstalt, in ih-r si< h leider am h eine 
grosse Anzahl nicht hincingeiiöriger (verbrcchetischer 
P]).) Kranker befinden, b»ber wegen des rapiden 
Anwachsens, der unfertigen und darum ^nclfaih un- 
In l aclidien Verhältnisse urifl der t]ualitativen l'jizu- 
langlichkeil dc*s ('erstmals diese Aufgabe noch nicht 
vollkommen gelflst tmd, «-eil tat zu gross ist. Ober- 
liaupt niemals in vollkommenster Weise lösen wird. 

Die erslL"-nj)nntrti M.nLgel werden von Jahr zu Jahr 
M-hwindcn bezw. weniger fOhlbar werden, der letzt- 
genannte Iflsst sich im Laufe der Zeit durch odicaln 
Verein&chimg des ( ieschaftsbetri^>es uadwai^gdkanifale 

Dei entniIi-s;ition bis zu einem gcwisü^-n Grade aus- 
gleichen. Die hier gemachten Erialirungen zwingen 
an der Ansicht, dass ab ««-eckmisK^te obere Beleg- 
grenze einer gemischten Anstalt die Zahl von höchstens 
600 Krankenbetten angesehen werden mu.ss." 

Ich kaiui dicüe Worte jetzt nach 3 Jaiiren nur 
in allen Stocken vollauf aufrecht erhalten. Der Gc- 
liüftsbetrMib ist, dank dem bereitwilligsten Entgegeti- 
kommen meiner Behrirde, ganz wrsenfü« h vereinfacht, 
eine weitgehende Decentraliaatiun dadurch angestrebt 
worden, dass seit Jahren nicht nur zwei — wie Herr 
Schafer fordert — sondern drei Ober.'lrzte ange- 
stellt imd mit weitgehender .Selbständigkeit betraut 
wurden, gleituhwuhl übersteigen die Directionsgest, hilfte 
bei weitem die Arbeitsfähigkeit des Dircctors, der der 
Krankenbehandlung, «1er An\ itiiiiL; <li i jüngeren Col- 
legcn und der Ausbildung des i'ersonals niilit an- 
iiühcnid die wünsthenswcrlhe Zeit und Hingebung 
widmen kann. Solange unsere Anstalt die Zahl 6cx} 
noch nicht über» hritien hatte, kannte ich jeden Kranken 
und Angestellten, heute ist das keineswegs der Fall, 
und ith nmss zugestehen, dass ich den mir über- 
tragenen Pflichten nicht gerecht werden kann. 

Es sei grnie zugestanden, dass die l^istungs- 
fahigkcit der vcrschietlencn Directoren vers<.liiedcn ist, 
ich glaube für mich eine mittlere Befähigung und Ar- 
beilafreudigkeit in Anspruch nehmen zu kOnnen. 

Bios auf Ue be rmens( hen die Verhältnisse zu- 
zus« Imeiilen, halle id\ für unerlaubt. -Mit der Ver- 
grösserung der Anstalten wird auch die Schwierigkeit, 
zw Ijeitung geeignete Aerzte zu finden, immer grösser. 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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it^oj.J FSYCHlATRlSCH-NKUKi >U 

' S-.-l 'g' g III ^_=JS_2CrS 

Nach mdner Uebeneqgung viid das Wohl der 

Krankon erhebli<l> ppv<-(iflrtijrt, wrnn dir Porsf'inlirh- 
keil des Directors ihnen zu sehr entrückt wini, und 
das geschieht hd einer Anstalt mit lOOO Köpfen gunz 
enisrhicden. Deshalb dOrfen Anitalten nidit so gm« 

eibatit werrtr-n. 

Isl denn tluitsikhlicit erwiesen, dum eine An- 
stalt von looo Knuiken und daitlber wirthscbaftlich 
in Anbge und Betrieb sich biUiger stellt, als dne solche 

vi-n 500^6(10 KninkiMir- F.s liegt für mich n;ilic 
auf die hiesige Erfulu'ung xurüi kzugrcifcn, nach welcher 
pro Tag und Kopf bei der jetzigen Aasdehnung der 
Anstak gfiOmere Verwaltungskosten entstehen als tu 
dt-r y.r'ü <\t'T halljC" (Ir Dri se fürs er>te etwas 

fruppirende Thatsache erklärt »^ith daraus, dass in 
Folge der nicht mehr duidifahrbaren Einheitlichkeit 
und Uebersichtlichkeit vides ungenogend ansgenutat 
wird, manches umkommt, w;!-; in ■ inrr klrineren An- 
sialtswirthsdiaft mit schärferer Cun trolle oidil ver- 
achüMidltf vadtB Sowie ^e wiidischafilliclte 

TuwinlwiHiltchfcdt auf nebicie Sdkukem varthailt virile 
kann die sorgfältigste iitid ijrwissrnhafteste Leitung 
urui Controlle nicht mehr im einzelnen verfolgen, w<.i 
hSltte gespart und vortheühaTter gewirthschaftet werden 
können. 

Mit dem Anwathscfi dr<. I'.camtenhecn», das bei 
uns pri>purtional der zunehmenden Anstaltagräese ver- 
mehrt werden rousste, nahm die Unllbeiaiditlichkdit 
und Sdiweifflll%|keit des ganzes Betriebes zusehends 
zu. 

Nach den hiesigen Erfahrungen t3t die Annahme 
durchaus unricht%, dass eine fdr 1000 Kranke und 
daiOber emgerichtete Anstah sich im Betrieb pro 

un<l Kopf l)i!liL;< r stiüt, als eine solclie vim etw:t f.nn. 

Bleibt die Behauptung: die erstmalige Ai»lage ge- 
stalte sich mit zunehmender Grösse pri> Bett billiger. 
Es sd daran erinnert, dass lange Zdt hntdurch die 
Lehre aufgestellt und aufreiht erlialten würfle, rl.is 
Pavillonsy^tCln sei wcsentln h ilicurcr als lias Corridor- 
s>'stem, weil die seltr grossen Gebäude für hutiderle 
von Kranken entschieden bOliger pro Bett sden als 
(Ur Pauli tis ZU <>twa 40 —50 Kranken. Dieser Satz 
dürfte heute längst als er^<hüUert gelten. Ich habe 
im Laufe der Jahre mit Dutzenden von Cumnii-iMunen 
aus dem In- und Ausland gerade Ober diesen Funkt 

mOndlich und schriftli< h verhandelt, die wider- 
spre< hendslen Ansi< liti-n und Urthcile gehört, und 
üchliesslich kamen Alle zu der Ueberzeugung , da:».s 
es beim dnxelnen Pavillon, wie dne untere, so auch dne 
obere Grenze giebt, jenseits welrlirr das Bett sich 
tlieurer sitelU. UntI diese (jrinze liegt um 4t) st) 
hemm. Was für das eituelne KrankcngeUlude gilt, 



JISCHE WUCHENSCHKIFT. 47 

trifft auch auf die Geasram^rüsse einer Anstalt zu; 

auch hirr !^cht rs rtnrh moinfr ATisi< lif, dii- im lang- 
jätirigcn regsten Gcdankenaastausih mit atiätaltscrfah- 
ren^ . Bautecfanikem und auf Grund eingehender Be- 
rechnungen gebildet ist, dne GrOsse, deren Uebcr-' 

si hrf^itung keine Verbilligung sondoni Vertliruenmcr 
bedeutet Und diese Grenze liegt ebeiifalU bei 
etwa 600. 

Wenn eine Verwaltung in die Ntrthwendigkdt 

\('rvrtzt ist I4<nj Plätzf^ zu Hr'i.tflVMi . so erreicht sie 
ila.s nach uiciuem DafUxlmltcn am l>jlUg»len und 
xweckmassigsten, wenn sie 2 Anstallen mit je 600 
Anstallsbelten erbaut, ausserdem bei jeder Anstalt 
genügend ^^^ linunjc ii für l'flpger und niedere Ange- 
stellte, denen /.usammcu gegen 50 Krduke in l'llege 
gegeben werden. Ausser iSesen 50 FamiiienpMeg- 
Inigen bd den dgenen Ai^esteDten werden skh gar 
l)ald niK-li 30 andere Pflet:Htii;e bei fremden Familien 
der Nachbarschaft gut unterbringen lassen*). 

In der Ptovina Wessen mit ihrer duichschnitt- 
lieh iprfichwfirtlich biederen Bevfilkerung »niss c)as 
dn ieidiles sein, nnual hn Sauerland und Mfinster- 
laud. 

Db hier in Kfine entwickdte, erst beim Duivh* 
lesen dei: Cunectur des SdiSfer'schen Aufsatze» in 

Xr. 4 der W schrnsrhrift scimell nietlergesthriel>ene 
Ansicht Qbcr die zwcckmässigste und erlaubte An- 
staltsgrüHse entspringt keineswegs blo» meiner ebenen 
Er&ibrung und Ueberlegung. 

bekannt sein dürfte, habe ich im Herbst 
an die Directoren der (iffcoUidien Anstalten Deutsch- 
lands dne Anfrage über das heute beregte Thema 
geriditet. Die in Betracht kommenden Fragen lau- 
teten : 

1. Welches ist tlie zweckma.ssigste und welches 
die —~ unbeschadet der Einhdtlichkeit der Verwaltung 
und der antlichen Oberldtung — höchste anibssige 
Belegzahl einer neu zu erbauenden gemischten Irren- 
anstalt, ai wenn nur Coinmunalkriinke. b) wenn gldch- 
zeiiig Pensionäre aufgenuramen werden? 

2. Bd wdcher GrOsse der Anstalt ist nach Ihrem 
Ermessen der dnzdne Platz am relativ billigsten zu 
sdialfen f 

3. Bei welcher Belcgzalil gestaltet sich der Betrieb 
am vortlidlhaftesten und billigste? 

Die weitaus überwic-genile Mehrzahl der nahezu 
50 Auskünfte bezeichnete 500 — (loo als die „unbe- 
schadet der Einheitlichkeit der Verwaltung und der 
bxtlichen Oberidtung höchste zulässige Bclcg- 

*) Ich habe betapicbweia» allein in der beradtbnrtco Kreis- 

;t.ir!i r,nn1r!' ;::cr: ir.T 7f\i 44 wdbKdie Kruke bei fremdea 
Familien ui)terj;ebritciu. 



Digiilzcü by CoOgle 



48 



[Nr. 4. 



zahl" einer nea zu erbauenden Heil- und Fflc^e- 

anstatt. 

E:> würde £U weil führcit, alle Antworten iiicr 
wieder zu geben, ich fohte nur diqen^ des vur 2 
Jahren \ erstorix'ncn Geh.-R. Professor Dr. Meyer- 
GVittingon , einer Hllsoitiir anerkannten AuUiritAt ItUr 
AnstalUbautcn untl Verwaltung an: 

„NatJi meinen Erfahrungen kann ein Director die 
Behandhing der Kranken in einer gemischten Anstalt 
liei etwa 10% frischer K.'illf Kitvn und <!ic V'erwal- 
tung dirigircn, wenn die Zaiil der Kranken 500 nidit 
Qbenteq;!, l>ei 8*/„ Penaioaflren. Fallen letztere w^, 
so halte ii h bis (xx) für zulassig, steiijcn sie, so wird 
eine Keduction der Gesanuntzahl erwünscht. Bau 
und Unterhaltung sind bei die^icui Umfang 
ebenao vortheilhaft zu stellen, wie bei 
einer weit grosseren Anstalt". 

Herr Director Schüfer-I.enjierii h antwortete; 

Lengerich, 15. Scptbr. lÜyO. 

»Das alte Ideal, daaa der ärztliche ENreclor einer 
Irrenanstalt jctics Itinzeinc in Behandlung der Kranken 
und in der Verwaltung »clbst treibe, Lst durch die 
Veifaaltnime flfaeilMJIt Der Directur muss schon hcutc 
in den m^en Anstalten seinen Aertten und Beamten 
inrlir Spiftnuim tnid eine gewisse Selbsl.'lndigkeit 
lassen. Andererseits wird bei den ganz grossen 
Anstalten das „Dirigiren" für den Directur 
illnsorisch, er verliert den Ueberblick, 

die Reiimten werden entscheidend, die 
erstrebte Einheil geht verloreiu * 
Daher ad la bis NJdMleDs 050, 
» tb „ „ 550, 

„ 2 ICXK) bis 150a 
f. 3 von 500 an," 
Der von Heim Geheimrath Fnrf. Meyer und mir 
\ ertretenen Meinung, dass Bau und UntcrfaaltHiig der 

Kranken .si< h \yf\ einem Umfang von ,!|<x) — (xio Rotten 
ebeiu>i-> vurtheiliiaft stelle, wie bei einer weit grosseren 
Anstalt steht allerdings die vergleichende Koetenfibep' 
sieht des Hem I^mdesbaurath Zimmermann schroff 

fnv^f^^vu- Indes dOrfio ei>i»T «Ir'urtiVr-ri K istptiülier- 
sicht doih nur ein .sehr begrenzter Wert beizumessen 
sein. Es würde zu weit führen, enchdpfend diesen 



Kostenvergleich hier zu analystien. Nur ein%e 

Punkte uK'khte ich herau.sgreifeti. 

Zunächst iüt hervurzuheben, dass die Ausführuitgi>- 
kosten v<m Aplerbeck auf Grund stattgehabter 
Abrei hnung festgesetzt sind, wahrend bei der zu 
erbaueiulen Anstalt zu i(x>o Köpfen nur erst K<<strn- 
vürauüchläge vorlieget». Es &iiid UcbcRiChrcitungcn 
bei dem und jenem Posten gar nicht aragescbloesen, 
tlii nf.ilinmgsgemass gerade bei sokhen Riesenanlagen 
niclil auszubleiben pflegen. Zum mindesten bfitten 
bei Aplerbeck auch die urspiünglicli projectirten 
Summen eingesetzt werden müssen. 

Wenn bei Apleqietk nüt 5<x» Kranken das Bett 
5()8c) Mark gekostet hat, so bleibt dann doch die 
Frage zu beantworten : „Ist hier nicht viel zu theuer 
gebaut worden/' Ich filr meinen Tbdl finde es 
beispielsweise enonii, d;ws in einer Anstalt für 
600 Kranke das Wirths* haftsgebiludc ohne Kixh- 
und Wasdiküchenciaiichtung 200 uoo Mark kustei, 
wahrend iQr das Wirthschafbfgeb&ude in Ucbtspringe 
für i(iO() Kranke mitsanunt der ganzen Einrichtung 
nur 175000 Mark verausgabt sind. 

Soll denn ferner wiifclidi das gleiche Beamtenhaus 
fOr 40000 Mark sowohl fOr eine Anstalt mit 1000 
Kntnkrn wie für eine solche mit 5'io Kninkrn .uis- 
reichen.^ M\m eine Anslall für i4<x> Kranke mit 
.\nge8tdlten und deren Angcliorigen, also insge- 
aammt fAr aooo Menschen itidit eine e^;ene Kirche 
haben? Iih will mirli hierauf bes» lir.'irikcn. 

Mit der Summe von 47Ö(J Mark, ja mit 4000 bis 
hödutens 4500 Mark pio Bett Ifiaat sich one Anstalt 
fllr 700 Kranke einer Khisse, von denen 600 in 
der Anstalt, =,n in Familirnpf1r:;r- hei Auslallsange- 
stellten und {'flcgern in anstallsseitig gebaute» Häuüeni, 
50 andere Fatnilicupflcglinge in fremden Familien 
wohnen, sehr gut und sdtOn bauen. Wozu also 
Solche Riesen;msl:iltpn, -n (Irnrn - wie Herr Direk- 
tor Scliäfet früher sehr zutreffend bemerkte — das 
Dirigieren fOr den Direktor illusorisch wird, 
die erstrebte Einheit verloren geht? 

Uchtbpringe, den 23. April 1902. 

Konrad Alt 



IM 



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1902.] 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



49 



M i t t h e i 
— Jahresversammlung des Vereins der 

Deutschen Irrenärzte in München, 14. und 

15. IV. i(jo2. Furtsetzung. Vorträge. 

Degc nkolb (Neustadt L H.>: Beitrüge r.ur 

Pathologie der Rinileiigcfa ssc. 

a) Rtrducr Uclinirt den Begriff des kleinzdligen 
intnuiidvenlitiellen Infiltrats nadi Art und Menge der 
CS zu.sammciisetzendcn Zellen. Die Wmlioningcd von 
als solclic iioth erkennbaren Adveiititial/.cllen müssen 
und können davon ausgeschaltet werden. Intraad- 
ventitielle Intiltrate im Sinne des Redners finden sich 
in diffusen Rindenkrankhetten nur bei Infektionen und 
Intoxikati« >ncn. 

b) Bespricht Rcthicr die Kcrnlüclior und Kern- 
dellen der Intimakcme der Rindengcfiks9end«>fhellen. 
S<_>lche lassen sieh als Ansilruck der sogeiiannlcn 
„fettigen Degeneration" der Intinia ciweisen. Ander- 
weitige Veränderungen können an tlen befallenen 
Kemen oft ganz fehlen, oft auch auliieten. Viele 
Eio2elheilen der Erscheinung werden bespiodten. 

Fiirstner; (jjebt es eine Pseufh iparaivse ? 

F. hatte M:htni vor 2 Jahren, ab er über die .spi- 
nalen Veränderungen bei der "PutaSyse im Verein re< 
ferirle, »iie Befür« htnng au.sges]jro< lien , es inoi hie 
durch «lie ( jleichstellung <ler Svphilis als ätiologischer 
Fact')r für di«- Tabes unti die Parah-sc die Aufincrk- 
satnkeit der Autoren in einseitiger Wcise_ auf die. 
Hinteistiangerkrankung gelenkt werden, däss dcm- 

.legeniiber die De'fcnenition in den Scili-nslr^lngen und 
anderen Abschnitten des Kit« ketin)arkj> geringere Be- 
achtung linden würde, von der kaum in Angriff ge- 
tioMimenen Erforschung der X'er.'iiidernngf'h im peri- 
pheren Nervens\'stem g;inz zu si hweigc-n. Inzwis< hen 
sind in einzelnen Arbeiten Befunde in den Seiten- 
strftngen beschrieben, es ist auch der Versuch ge- 
macht tfmrden, dieselben klinisch su verwcrthen, so 
in ih r ititi ic^..iiiii ti Dissertation von (ust, tlie in 
Kicgcrs Klinik angefertigt wurde. Dagegen bat ein 
anderes Moment erneut die Ueiierx. ii;Uzung der 
Ilintersirangdcgeneration , was Frequenz des \'or- 
kommens, was Aritheil an der (iestaltung des Krank- 
bcitsbildes angeht, begünstigt, Moiirlel liat si< h be- 
kanntlich <luhin aUi^cs|ir<H hen . dass der Verlauf der 
Panil> se gewisse Verandcrung^-ti erlitten hal«, das» er 
milder geworden sei. vor .MIcin wii-s M<-iidei auf die 
Erfahrung lüii, da:>s der klasüischc Verlaufstypus, der 
durch Combination des eigenartigen progredienten 
Blötlsiinis mit schweren hx |>ochoiiilrischen ■ >iler inania- 
kalischen, vor allen» auch abstruse (jriis.senideen be- 
tentlcn Symptomen gekennzei« hn« t war, immer mehr 
verdrängt werde durch die demente Form. Da leu- 
tere aber ^rade ab eigcnthomlich fitr die Falle an- 
f;«s(h([i wiiidr, Iii denen zu kurzer inler langer 
Dauer der Tabcji cerebrale .S\ n»ptoine sicli gesellten, 
SO konnte der Ausspruch Mendels klinisch die 
Tahfs|\ara!yse, anatomisch die HiiUerstiangdegenc- 
ralioit als wesentlichstes Fors<hungs"bjert erscheinen 
lassen. Da nun F. der Mcit\ung ist, <lass wenn diese 
Auffassung sich immer mehr eiiibüigem sollte, das 
StiKÜttm der Psualyw eher geschadigt weiden dOifte, 
prüft er noch einiDal die Momente, die etwa for eine 



1 u n g e n. 

.■\eiulenmg oder Milderung des Verlaufs geltend ge- 
inai lit werden können. Die Frage, ob die Fre(|ucnac 
einen Anstieg aufweist, glaubt F. auf Grund der in 
den letsten 0 Jahren in die Strasshur^ Klinik auf« 
genommenen Paralytise hcn, M inner, 7^ Frauen, 
und anderweitiger grösserer statistischer F.ihebungen 
bqahen zu dürfen, dagc^n kann er auf (>niiid eigener 
Wahniehmungen ni<lit das .\uftre(cn der I'aralyse 
schon im jugctidlichen Alter best.'iligen , würde si< h 
dieses Rc-sullat ergelscn , so niOssie dii- Widerstands- 
fähigkeit des Ner^-ensystems jugendlicher Personen 
geringer oder der der Paralyse «u Gninde liegende 
Knu^kheitsjjrocess it)tensi\er geworden sein. In letz- 
terem Sinne sprec he die Verkürzung ikr Krankheits- 
dauer, die F. in Uebereinstimmung mit Bchr auf 

2 Jahre und imcli weniger bemisst : ein liesultat, «la.s 
den friihcren nic ht entspruht, das sich nicht dockt 
mit iler frtHier allgemein angenommenen Memung, 
dass der dementen Form ein besonders langsamer 
Verlauf eigen sei. Weiter glaubt F. im letzten Jahr- 
/etiiil !'":i',itri!t k Lrewonnen /a li.iben, «lass der 
makniskoinsi h-analomis< hc Befund .-Ht uderungen in- 
sofern aufweise, als viel seltener als früher zu con- 
slatiren seien : hämorrhagische Pachvmrningilis in 
Il.'imatomlorm, Ihm hgratlige diffuse o<ler circumstripte 
.\trc»pbie, itiii i-r HydnM e])l>alus mit Kj)cndymitis, 
nur vcreinxeh treffe man eine früher häufigere Com- 
bination von Atrophie mit HSmatombildun^, letztere 
konfite F. bei ' 'f i'uciinnen vi.n l'araivtikern nur 
O Mal verzeichnen. Zu gleichen Resultaten ist vor 
Kurzen\ .\Jkke gekommen, w;lhrcnd Scbüle in eitieni 
Beliebt über S- < 'bducäonen sich dahin auss|>richt, 
<l;iss «lern dementen Verlauftstypus ein chanu teristisi her 
anatomischer Befund nicht gegenüberst.'ltule. F. re- 
sumirt sich dahin, dass ge\ii'is8e Momente eher für 
eine gesteigerte Intensität des Krankhdtspnwesscs bei 
ih'r l'arahse sprechen und erwiihnt die Krage, ob 
und inwieweit sich hicnnit der Auss])ruch Mendels 
vereinen lasse. F. erkennt an, dass heute hohe ( iradc 
von intellcclueller Si hwilche auffallend scht»ell >-i< Ii 
entwickelten, dass die sonstigen psy«hij:chen l'egieit- 
er.scheitmngen meist nur s* hwacii imd tnuisilorisch 
seien, ganz fehlte aueii heute der kla:äis(.:|ic Tvpas 
nicht; er ist der Meinunjr, dass — wie uuch bei an- 
deren I' rill' 11 — ilic Ii"menz mindenid wirk«' auf 
die tntsuliutig uer anderweitigen ]>s\chischen Symp- 
tome. Dagegen hitit F. nicht für enviescn ein Ucber* 
w ieg« n der TalKjparalyse. Früher habe man zu ihr 
nur gerechnet Fillle, wo eine Reihe subjectiver und 
objediver Svmptomen die l.bagnose l"abc-s absolut 
sicher erscheinen licssen. Heute werden oft Pupillen» 
starre und Pehlen der Patellarreflexe für gent^nd 
erai Iit( t. os sei ferner keine Kctle «la\<in, dass der 
ausschliessliche Hinterstraitgbefuiid häufiger geworden 
sei, es dominirten nach Wie vor die combinirten Er- 
krankungen der Seiten- und Hinterstrange. F. reaumirt 
sich dahin, «lass das Vcrhaltniss der Demenz zu den 
psvcbischen Bcgleitcrs<:heimuigen eine .\end<'rung er- 
f.ihren habe, dai«s aber vuii einem l'räv^hren der Tabo- 
paralyse keine Rede sei Das cluirActeristisclie Ge- 
piflge erhalte das Scfaulbild der progiGasiven ^nüjae 



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50 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 4. 



durch den eigenartigen, prugredtenten Bitkisinii in V'er> 
bindnnuf mit kftrperlirhen Symptomen. Die letzteren 

Sfifu /.tun ijrrisstrii TLt-t! -,| liri.ilm lltspi un|^>, 4»li ain h 
ruj)il)enst<iiTe icgcluui.wig, ub uiuii Anfälle, wie Just 
wolle, sei no*:h fraglit li. Es sei zu prüfen, ob es eine 
pualytisi-he Dc^geneiation geb« (Alxheimer), «-«iche 
oortiralen iider subn-tTticaleti Bezirke erateier anheiin- 

f.itlcri in ■.M l' lii-r l\i';li[-iir< iljr, bei welcher Localisation. 
ßc/.üglich Ict/ierer xichl F. die neueste Publikatiun 
Scliaffere heran, waren die Reonhate dersdtieit richtig 
svünlen ai\<li-ir Wi.-kmmcn (fcn IT;iuf>tsilz der Krank« 
heil entliuileii, als man tiulier annaiim. 

Nodi mehr als die Abgrenzung des Schulbildes 
blosse (las Slut^liuni der atypisthen und Pscud« ) jvini- 
Usen auf S<iiwierigkeiten. Nai h Lissaucr, Al/.lieinicr 
wurden v<ir Allem Hecrdsyniptome eine Rolle spielen; 
F. rath in Uebereinslimmung mit Absheimer die Be- 
zeichnung' atypische fallen zu lassen und dhektni 
spro licri von Ijys.uKMM her Paralvsc oder von Para- 
h.tc ntit Hecrdsvaiptomen (Aphasie, Hemiiuio|Hite). 
Besondere Beachtung veniientcn F;ille, WO die ticteo 
Kindeaschiehtcii Uidirt, die oberen intact waren, weiter 
die Falle, wo «nch in den grossen Ganglien «icKeitc- 
rative Veränderungen fanden; es sei «im! Tiennung 
dieser atypischen Paralysen von den Fallen 



jsustande ananuie»ti)>ili zu verzeichnen, gcüfUge und 
kör|>erik'he Ueberaiistrengun^, sexuelle CxccMte sind 

weiter ;ili<il>>gis<h wirksam, SvphilL»! ni;i in einnn 
Bruclilhcil der Fälle, l'upillenstarrc k.itiii v.icdt-i vei- 
schwinilen , die feliletulen Patellarreflexc können 
wiederkehren, aber auch hier liüufiger gesteigerte Re- 
flexe nachweisbar. F. weist ztuu Schlüsse auf die 
prartLsrlif Wi. liti^ki ;t derartiger Falle hin ; F.nimiindi- 
giu]g, Kcntcnbctucjiiiuiig. (Autoreferat). 
Raeck«: Zur hdhiee vun der Hypochondrie 
In neueren LehrbiUhen» ilcr I'svchiatric cxiNliit 
die Hypochondrie kaum no»h als sell>ständipcs Krank- 
lieilsbiUl. Es gewinnt \ ielinelir die Anw hauung an 
BiKlen. dass ein hy|>>< hondriseher Symptomen komplex 
gelegentlich hei allen Psychosen auftreten kann, daj» 
es sich dagcücii in ihn Illingen Füllen sogenannter 
reiner Hypof bondrie Ictiiglich um schwere Neu- 
r.Lsüienicfonnen handelt. Gegen diese Lehre Ivaben 
sii h bis in die neueste Zeit hinein gcwidttige .Stimmen 
erhoben (Ji-lly, Hitzig, Kraft -F.bing u. a.). Zulcl/t 
i.st vor 2 Jahren Bottiger in einer gn">.v,eren Arbeil 
für die Selbständigkeit des hypoc:hondriM;hen Krank- 
hellsbildes eingetreten. 

Unter ^Kot» ,\uft»ahmi'n der psy< hiatrischen Klinik 



die atkoholistische und luetische Pgeui 

I!i'lr;i' hl. uiul ihiffrt, ilic Bezeichnung 

paralysc fallen zu lassen, die ersteren den alko|i<ili-,u- 
schen ( «eisteaiitOningen . die zweiten den lucti-sihcn 
Erkrankungen zuzur«>chnen. Die alki iholistische Pseudd- 
panilyse trete meist in s|>ätcrcm Alter auf als die 
Paralyse, <iie kor}>erlichen Symptome seien zum Theil 
nicht spinalen, sondern neuriti$chen ürspnmgs, die 
PuiMlIenstarre fi^le fast stets, die intcHektueNe Schwäche 
-sei nicht confomi (Uni ] uir,iU ti-. 'hen Blödsinn. Bei 
der luctischen Pseudojwralvsc tinden sich Syniplmue, 
die nicht einmal der am ersten als luetiach anzu* 
seilenden Paralyse, der Taboparaivse, entspracbeili 
die Patellarreflexe seien oft gesteigert, es beständen 
Heerdsx inptonie wie bei den luetischen F'skrankungcn, 
die sensiblen Störungen treten auffallend stark her\'or. 
F. «ill die Bexeichnung Pieariopiaralyse einer wie 
.mlicii't nicht gros,sen Gnip[>c vim Erkrankungen vor- 
behalten, bei denen ein bcstiiniuter äüoK^gischer Fac- 
tor nicht i»esi>ndet.s hervortritt, wo die Symptome die 
Diagnose Paralyse durchaus rechtfertigen, der wettere 
Verlauf aber beweist, dass es sich nidit um eine Re- 
mission und überhaupt nicht um eine Paralyse ge- 
handelt hat. F. erinnert an andere Pscudoerkrank- 
ungen dieser Art, multiple Sclerose, gewisse psychische 
Störungen, auch Infection.skrankheiten u. s. w., er 
s<hi!«leit die Schwierigkeiten, mit denen tier einzelne 
Beot 'H ilter gerade bei Erforschung <iieser Form zu 
kämpfen liat. Anamnestiscir kehrt häufig wieder eigen- 
artige hereditäre Di<(ixi5itinn , psychische EitienthQm- 
lichkeiten bei »Icr As<-endi ii/, In-iin Ki.n ki n sdbst 
«lind tranüittMiiidi leiditc Depressions- mlcr hrT(^ungs- 



j üen i<aiien,^wBji»^«2(t Tübingen landen sich nur 15 einwaudsfrctc Fälle 
stieben, wo nadi Alzheimer vor Allem daj^rt^ljfiWT j|f^bsHy(>«ichnndrie, die eine lange Reihe von Jahren 

Veränderungen sutf'Aci^e, oder von gi vyUjTT [•allcii in^ÄjyMlcrl bestanden tuittor. Hin- in \v ;nri, ' . -l - 
sciiilcr Demenz, wo keilförmige DegciÜLr-.itiouAf^iu licii scl^ök belastet , 7 waren Neuropatben, unil in 
in der Kinde hesttnden. Die Pseu<lopat|J^.sen sciaii j^^^^Uf ^l*^^ ^l^^pf^*^ ^^^'^ 
zalilreicher gewofdea, F. zieht /J^ri<!yt nur t'i ßS^cuT j 

Die 4C/inkheit begann in der Regel mit Schwäche- 
R'KilLL i^chlaflosiukeit , Veidauungsbex hweiilen und 
zahlreichen Parästliesien im ganzen Kur|»er. Dann 
bikiete sich die (vsu- i'l»erzeugiing aus, dn ganz be- 
stimmtes , unheilbares I>eideii zn haben . und damit 
trat sekuntlrir eine gewis.se traurige \'erstimmuni> eni. 
Im Tbrigen lagen allen einzelnen, mannigfachen 
Krankheilsäusserungen stets zwei Momente zu Grunde: 

1) eine veiänderte Selbstemplindung, mochte di&> 
selbe nun mr-^i >1i 1^ körperlichen oder geistigen Anteil 
der Persönlichkeil oetrefTcn, und 

2) eine eigeiuhümli< h withnhafte, je<ler Kritik un- 
Mgängliche^ aber logisch konsequente Verarlidtuiv 
jener Sensationen. 

Die Progu'ise crwn s sii [i meist infaust tmtz ge- 
tegenüicher, weitgehender Remissionen. Doch tritt 
keine Demenz ein. 

\'i ti (fi-r Melancholie unterscheidet sirb (|ie Hv- 
|>ocin>iiiiiic thinh die sekuiniäie i'.nisieiiung iler 
traurigen Verstimmung, dur< h eine geringete Heftig- 
keit und durch die Unbeständigkeit der Angst, durch 
den Mangel einer Hemmung, das Fehlen von Sdbst- 
vorwürfen uiul durch die Möglichkeit «1er Ablenkung. 
Eher erinnert die au.sgesprc« hene Wahitbikluug an 
Paranoia. Deich fehlt der Bezieh ungswahn, das Pro- 
jizieren <ler Sensationen in die ITrogebung und <Iie 
orkLlrende Wahnbildung der Verfolgung oder iler 
Grösse. 

Die Hysteriker unterscheiden sich wieder durch 
grössere SugigestibiKlBt, stäilceren Wechsel der Symp- 
tome, N'i-i-iiiii; ZU brtt-u=.>t."'n T,1it-;.-hunL'<^ti und aus- 
gcsproi'hene ätiginata aul somatischem Gebiet«^ Die 



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1902.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE W0CHENSCHK1FT. 51 



seiteueii Anfülle uiul I^iliiiiungcii der Ilypucboudcr 
werden stets durrh bewusstc Vontdlungcn verunacht 
Die inanclimal zicmlii-li .'Ihnlicheii psv t htsch'^n Aiifflllc 
<lfr Kalatitiiikcr initcrsclicidcn sith tlurth iiircn aul«i- 
niatcnliaftcn Anstridi. Audi Ui.«ist sich dann mciat 
Uüd ein Intelligen/ddekt nachweisen. 

Schwieri|;or g«>staHet sich die Abtrennung von der 
Neuraslhi'iiii , \\< \. sii Ii «Iii- Hvpocliondrie sehr lu'liifij; 
auf ihrem Buden eiilwtckelt. Indessen ilurf man 
danim nicht beide Krankheit.sformon zusammenwcrren. 
Denn eiuinal braucht nicht ilcr Hypochondrie die 
Ncurastlietiic vorauf/ugeht-n , wälirciid die meisten 
Ncurastlieniker niemals Ilypocliomler werden, und 
dünn bat Überhaupt der charakteristische Zug der 
Hypodiondric, die kritiklose, wahnhafte Verarbeitung 
der SctisiUioneii mit ihrer zwiTiuTnilrn HerinHussung 
«Jos gesiunmtcn Handelns, niclits mit dem Weiten der 
NcuraMthenio gemein. Der letztere Zug itjckt die 
Hypochondrie unter die Fsychoaen. 

Zum Srhlufse lasMin sich daher folgende Satze 
aufstellen : 

1. Die tiy|>iH homlrie ist eine selbstJlndige, in sich 
alugesi'hidssene Krankheitsform, die aber mit Vorliebe 
auf dem Ui.Hlen der Neurastiienie, seltener der Hysterie 
sich entwickelt. 

2, Bei schcinbarcnj Ueljcrgange einer hy|>iM hon- 
driscben P»ych(»se in eine andie irrsinnsform hat es 
sich in der Regel nur um das hypochondrische Vor* 
Stadium (hescr Psychose gehandelt. llic riitiiisje 
Deutung solcher l""rille von l'scuti« j-1 i v (««. huiKine 
stOs-st mir im Beginn di-s I.oiticns und bei. zu kurzer 
Beobachtungsdaucr auf Schwierigkeiten. (.\ut<»refeiat) . 

Vogt ((.»itttingen) giebt sehr interessante' 
Mitlitoihungen Ober G es i c h I sf el d einettg- 
ung bei Art er ioskler 09c des Central Verven - 
Systems. Es handelt sich um Falle, deren Symptom- 
bild besonders von Winds« hei<l prJicisirt worilcn ist. 
In der ciiar<ikteri&tiM:hen Sympluiueugruppe: Kopf- 
schmerx. Schwindd und Abnahme der geistigen Reg* 
samkeit kann das letztere fehlen, es kann neben den 
beiden erstgenannten Erscheinungen eine coiicentrische 
Verengerung des Gesichtsfeldes vorhatutcii sein, welche 
der Abnahme der psychischen Leistunglaliigkdt vor- 
ausgeht Die Hauptsache ist. da.s.< tn solchen Fallen 

ein «lauernder Nachweis der Fi-i luinung inrigli«li ist. 
r)ic Einengung zeigt <lann eine l onstaiiz, wek'lie eben 
der niessbare Ausdruck für den pr<igrodienten Process 
ist. Das.s es sich bei dieser Art von Kinengung nicht 
um eine vorübergehende functiunelle Störung oder 
eine solche der C'irculatioii handelt, geht aus der 
Constanz der Erscheinung in Husgesprucheiicn Fällen 
hervor. Auf der anderen Sdte pflegt bei einer Er- 

kratikiint; r!r<. rentialnei \iiivvt'<;tn8 , wel<:he .'its eit.e 
!>4ilrlie arterioskierotiscber .W-.t.n .inzusprechen l<, die 
G«s«iclitsfeUleinengmig nur na-: 1 v.nwi i>eii zu sein, wenn 
auch Erscheinungen anderer Art, besonder» Kopf- 
druck und Schwindel bestehen. Die Gesichtsfcldcin- 
engung nimmt .iI'm» i" i iler .irleriosklerotist hcn Er- 
krankung eine .Millcbtellung /wichen Reiz- und Aus- 
fallseracheinungen ein. Damns geht auch hervor, dass 

ea sich thatsachlich um eine durdi die .Xrli riosklen^e 
b*dil»gtc Ersi heinung handelt, da den V'orti. au< h 



zahlreiche Untersuchungen an Gesunden mit starker 
Arterioskleraae, sowie an Geisteskranken mit starker 
Arteriosklerose gelehrt haben, d;iss hier eine Eitu netmg 
«onstant fehlt, solange nicht awh andere lur eine 
Arten« «klcnise des Centralnervcnsystem.s sprechende 
Eredicinui^u vorhanden sind. Bei den untersuchten 
Fallen von Geisteskrankhdt nicht oiganischen Charakters 
hat es sidi rialnrlic 'i iini solche Falle gehandelt, die 
erfahrungsgciiiiass emic Einengung aus anderer Ursache 
au.ss« hliessen licsen. in den unteiauchten Fnllen vun 
ArtcriuskleroM; des Ccntrulncrvensvstems fand sith 
fast stets eine starke Sklerose der Temporalarterie, 
eine solche <lcr Radialarterie wurtlc wiederholt vermisst. 
Auch die üefasse des Augenhintergrundes waren 
keineswegs stets deudhrh arterioaklerotisch. Ehiendts 
handelte es sii Ii üheiliaiiiit um Anfangsstadien <les 
I'n>ce.sses, aiidercr&ciU kann i-ltenbar auch bei intacteu 
Retina- Arterien eine Artcriosklero.se des Gehirns auS' 
geprägt .sein. Fortgeschrittene Falle zeigten fast stets 
die Einengung, einige lie«sen «ie aber Oberltaupt völlig 

veiiiiisseii. Es soll tit t Wert der (je.si< liLsfclilunler- 
suchung nicht üUer.si. hät/t wculen, doch stellt dicüC 
bei vorsi« htiger und kritischer PrQhing jedenfalls ein 
feines Reagens auf »len nervösen .Status überhaupt 
dar, und vcnlient daher die Thalsache tier concen- 
trisdten Einengung bei Arteriosklerose des Central- 
nervensysteyns als ein kleiner Beitrag zur genaueren 
Umschreibung des 1. Zt. mit vielem Interesse studirten 
Sym|>tunienbildes der Alteriasklerose des (iehirns Be- 
aditung. (AuiurefcraL) 
. , (Forlselsusg folgt.) 

Referate. 

— Rivisia s|)crimentale di Freniatria. Vol. .\XVII. 
(Fase I und II), Organ der italienischen Gesellschaft 
fOr Psychiatrie (ÄM-ietä Frcnialrica Italiana), unter 
Dire<'tion der 1'rofe.s.soren Tamburini. C 'li:i, MoracUi, 
Taraassia, Tanzi, redigirt von Dr. G. C. Ferrari. 

Reggjo BmiKa. igoi. Vertag Stefano CaMerini 
iV S'»hii. Gr« SS. t;i\ <Uk> Seiten, 14 Tafeln. 

Em kurzer, aIk: liefempfundener Nekrolog über 
den verstorbenen Profes.sor Ginli<i Bizzozero, aus 
der Feder Prof. Tamburiiiis bildet die Einleitung xum 
ersten Hefte (Fasr. I, SeitenV An« demselben 
entnehmen wir. li.iss iiur> h dr-ii fiu'i' ii T.nl dies^^ 
Gelehrten (,55 Jahre alt) die italienische Wissensdiafl 
einen schweren Veriust erlitten hat Er war es, der 
der Patlmlngie in Italien die expetimentelle Ridilung 
gal) und der dur< h verschiedene, w issenschaftlit he Ar- 
beiten Voll bleibendem \\'erthesi(h uimI si men, V'aier- 
lande eine ehrenvolle Stellung bei der Erforschung 
medicittischer Thatsachen erwarb, Bimozero wurde 
im Jahre i'l^n in \' iirsv geboren, absolvirte sein«' 
Sludicii iji i'avia. wi, es hon im Alter von 21 |ahren 
an Steile Mantegazzas zum Professur der Pathologie 
ernannt wurde. Fünf Jahre spater kam er in gleicher 
Eigenschaft nach Turin, wo er seine e.vperimentell- 
])aÜiologische .Sdiule begründete. Seine b<'kanntesten 
Entdeckungen auf mcdiiiuischcm Gebiete sind „die 
blutbildende Functitm - des Knochenmarks" und 
„die Blut|»l;iltdien." .\ls besonders hervorragen«le 
Fopidiereigcnsi haften wer<leu ihm na« hgciühnit : „die 

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tNr, 4. 



Zülic Ausdauer im Forc hen," „die strc-rtt;«- \'i*rsi( ht 
in ilt-T Siiilu'<'if(ilf>cru?ii;," ..(ilo Un.iljli;iiijrii;ivpit vun 
irgcndweldier Autotitäl ausserhalb der gut studierten 
und <l«monfttrirtcn ThaKachcn." Als I>ehrer zeichnete 
er sicli «Ulli Ii KIhiImmI utui l'rae< isit n -l iiser Aus- 
fuhruitgcii. <]ur< Ii seine Waliilieiisliolx; umi seinen 
Mani^l an V<irurlhctieii aus. tiefen ilet) S< liluss 
seilt.-: 1.1 I ens liattp or vidi m «i ial-i»y(jifni.s< lien Fragon 
/Mj;<: A lu I'., \vi>rin er ebenfalls als AuforitUt ijalt. 

Dem .Vmlciikcn des IV\<liialcrs und !'• ilitikers 
Silvio V'cniuri ist ein anderer Nckrot.^ aas der 
Fe<1er Tr.niini's g<*«'tdmet. Mit einer W'anne und 
I.eli|iafti>;keit des Ausdrui ks, wie er der ilalieniselien 
Sprache in holicni Masse zukommt, wird der Bc- 
grOmlcr der Zeitschrift „Maniwitii«/' der langjährige 
I)tre<t<ir licr Irrenanstalt niriraKi. in CalaUrien als 
etwas rauher und 'ift \ erkannter. al>er unaiililingif^er, 
Iwchgcnnnter, rastlos thStiger un<l unantastliarcr Mann 
gepriesen und seine antangiich sehr wechseIvuUen 
I^hi»ns«rhicksalc beschrieben. Unter «icincn Werken 
\M-nl' ii '[" vinders: „Die |is\rh(»se.\uel!on Kniartutigcn 
im Leben der iiidinduen und in der Gescliichtc der 
Gesdlitrhaft (Le degenenunoni |Mi<-o-8ea<<uali nelh vfta 
doj;li individui e nella storia della S'K i<-t.'i I" und „die 
I's)Liiuscn <les rf ialen Mens« lien (Le pazzie dell" uomo 
atKiate)" l)er%nriielioben. In Iclztcrem bespricht Ven- 
turi itn Hii)l>liek auf die Ausbreitung des Anarchismus 
in den letitcn jaiiren dat anarchistisch« Verbrechen 
als hislorisi he oiler stii iale Tli.itsaehe an sich. Er 
h.'ilt es fOr irrelevant zu c on s t a l i re n . ob der 
L'rheber desselben gesutnl uder -geistes- 
krank sei, üubald die Ii n ts Ich u u s bc - 
dinjiungen ffir ein solches Verbrechen im 
Milieu derart scieti, ilass da.sselbe auch 
durch die liütiative eines (jemanden zu 
Stande leummen konnte Die anarchistiitche 
Lehre ist für Venturi entwedei eine kr.itikharte Idee 
(idea pa/.za), die auch <«esuncle crs;reileii kann, ixier 
die Kc< hlfcrtiunn:: einer verbrecheii-H hcn Neigung. 
Das Buch cn«chien erst nach dem Tude des Ver- 
fassers, 

Dem am S. Mär/. ii»<>i im .Aller von [alircn 
vcniorbeiicn Dire<.tor der rrovinzialirrenan.siall Conio 
Dr. Affostino Brunati, der sich spcdell mit der 
„.\ i' 1 1 (1 1 < Ii; i e des r I e t i II is m u s'* bes< 11,1 fügt hat, 
witil ebenfalls ein kurzer Nai (iinf rrcw-itlmct. 

L'iiter <len Noii/en linden wir eitieti i.( - : (/. 
entwurf über die Prophylaxe der Pellagra 
crM-flhnt, der vom Ministerium dem 0»n<iii;lii> Su|>eri- 

Mre di .Saiiita viin;ek":jl iiiui vuii diesem auf ein Re- 
ferat Täinburiiitü tiiii mit einigen AUliuieruiiiren an- 
genommen wurde. Na«^ dietcni Gesetzen iwitif ist es 
verlmten unreifen. s< liinnne!ii;en itder anderweitii; sje- 
snndheit»cli,i<:ilii bei) .M<iis mler ti.iraus hcri;estelltes 
.Mehl. Uint ndtT t ieiiUck zur Krnithrun^' des .Metisi lien 
zu verkaufen. Ferner im die Ktnluhr solchen Maises, 
ausser zu industriellen Zwecken tm<I mit (^enehmig^ung 
und unter • 'iitr' '!le <les Prai f< t ten verbiitcii. In <len 
inficierten Gemeinden siml die TmckncK ien. Hücke- 
reien des Maises u. .s. w. unter amtiiciie ,\ufsichl gc- 
stclU und die betreff. Gemeinden niüs^sen einen D'.rr- 



Kitr den rnbclionciü'n I i 



ttii. I: ; IJl« 



ap|iarat zur Viffentliclien , unentgeltlichen lienutzung 
i>er*teäl' ii iiid heireii.>cn. Von .Seiten der .\er/te be- 
steht ubIigatttrLschc Aiueige|)tiicht für jeilen Fall von 
Pellagra. Die curalive Emflhnin^ vi«i pcllagnTscn 
.\niii Ii iri I b il,ui-.(.i"trii, licconomischcn Ki:- Inn (Hier 
in .Uisu.iiinist.iilien dur< h \'ertheilu|i); von N.iiirungs- 
initlel in tl Wohnungen ist oblifrabitisi h. /.n den 
be/.Uj;lit hen Kusteii wird aussei dutch private \V»>bl- 
tliiUit;keit un«l durch Zust hlis.se aus öffentlichen Ka.ssen. 
die l'rovin/ialvcrwaltunf; in einem j;ihr1ich dunh 
königliches Dekret festgestellten Masse beitragen. Für 
die Ünterhaltungskttsten armer Kranker, die in Kranken- 
h.'iusern Ijchandelt werden müssen, s»irgen Provinz 
und Gemeiiule zu gleit heti Theileii. Im Budget des 
Ministeriums des Innerti «•ird eine j.'ihrliihe Summe 
(IOOOOm Fn».) fOr BeitrSfe segta die Pellagra fcs^e- 
setzt Auch werden den Gutsbesitzern, welche die 
l'cllagra au-> i'iien licsitzunizcii h.ibcn verschwinden 
lassen, Prämicu ertheÜt. Der Fiuanzminister wird 
atitoriirirt, den peHagrOsen Annen und ihien Familien 

das zur EnLllirung nothweiidige Salz gratis vertheüen 
zu la.ssen. EK-n Prafecten wird, nach Ventehnii.i-suug 
des Sanitatsiathes der Provinz und des „t' tjii/io 
Agrario," das Recht gegeben, an mit PeUagm inficirten 
Orten die Bebauung; der ersten Maisernte, des „qoa- 
rantin«» utmI - intjuantino" (jo- - ^ > Tage rcifwertlender 
Mais) zu untersagen oder einzusi hrUiikcn , wti die 
klimatischen Bedingungen das volIstand%e Reifwerden 
nicht erlauben. L?m tlie .Ausführung der Gesetze zu 
sichern, worden Strafbestiinmungen aufgostelU werden. 
■— Die Red.u tioii d<;s Ki\. s|:er. sprii ht tien \\'uns< h 
aus, diiss dieser wichtige Gesetzentwurf bald zur 
AusfUhning komme, da durch seine Anwendung „die 
schreckli' 1 e Plage der Pellagra erfolgreidi' b^ämpft 
und besiegt werden kann." 

Ueher das „Irren ijesot z" wurde ebenfalls im 
( Mier-Siiiiiiatsratii ((" insiglio .Superi>ire di Sanitä) ver- 
handelt ultd folgende Tages«irdnung dem Ministerium 
des Innern vorzulegen bcsohlnssen: 

J3er Obcr-.'^anitätsiath, in Erkciuilniss der 
dringenden N«>thwcndigkeit gcsetj^bctisclier Gnmd- 
iagen för die wichtige Angelegenheit der TrrcnliMuser 

und der Inen, liie früher ausiiespr. .dienen W'uii-si lie 
belreff.s Schafiung eines li rengesetzes i Legge sui Manio- 
conii)medcr in Erinnerung rufend, .spricht den Wmisch 
au->, tl.iss seine F.x< ellcnz der .Minister des Innern den 
Geset/i-ntvvurt über liii' Irrcnanslalleii wic<ler priife, 
um ihn befruderlichsl tit ii gesel/geberis« hen KOrper- 
st'hafteii xur Annahme vorzulegen." — Daraus ersieht 
nian,dass auch in Italien m:t<sf>cbeiide Krei.se die Schaff- 
ung eines Irrcngcset/es .lis druig<^iid iioihig er.iihten. 

.V<iti/en über <len l's)chiater-< ongress in Ancona 
( J>;. Sept, bis < Ict ). tlen internationalen Kriminal- 
.\ril!iro|Mi|oi,rcni ongress in .Amstcniam (o bis i.|.Scpl.) 
und den internatioitaien Pltysii>iogeDcr>ngre,ss in Turin 
( 1 7. bis 24. Sept.) haben keine aktuelle Bedeutung mehr, 
da iIk' betie(ieni.len < irgane zur /eil <les Druckes des 
11. lleft&s nocli nicht siattgcfunden hatte, wohl aber 
als die Riv. sp. in die Hände des Ref. gelangte. 

iForlaemiag Toigt)- 



t KTaM'tjrHU,(iMji>eneil). 
— ' Seblm der Inu-iatinwitniiiliint' j T,<ft vor >l<'r A<is.'-<1>'. — VrrUK v»ii CatI M»r1iol4is 
■'«che Barhdrockmri (G^. Wollt) in HjüIo ». & 



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Psychiatrisch^Neurologische 
Wochenschrift. 

Sammclblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 

Internationale» CorrespondensbUtt f&r Irrenflnte und Ncrreninte. 

UnMr Mkwirkuitg mhlraicher hervorragender Fachmänner de« In- und Auilatwieti 

b#f «a«cfK'*t»»n von 

Direktor l>r. K.. Alt, Prof. Dr. Q. Atiton, Prof. Dr. Bleulftr, Prof. Dr. L. Edinftsr, Prof. Dr. A. Outtatadt, 

Urhcvrait» lAMmnrhi /i„ ei. I ,.,.,iriirt M. Gak. M«l.>RMIl, Btriiii. 

Prof. L>r. £. MeiKtal. Dr. F. J. Möbios, Director Dr. Morol. 

Unter Bcnfltnmg amtlichen Materials 

redigift von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

TelcfT'Adrrae : Marbi)l*l VctIa^, Ha||«««Al«. Kcnupredicr 2572. 

Nr. 5. 3 M 19(5" 

I>if» ,.l'*v< lit.i'.r.s' Ii \ . 1, J 1 1 1 .; i: ' •« I Ii < W' ^ M ti r- n i r h f i I t' ' rf*«ii»-i(.t ;riirn '^<NtUl Ahr und k'iMcl pro (^>i|*rlJ*l 1 Mk 
Ht'VtWiMHKn« ««•inw'ri ir^le li»»c*ieiÄlnJ,iiin<. ili.- .^'rt*: iK.*t.*ir-i; Nr. t.y,^;.. uiww dm Vcrl:nfxlim>iJiain)luti|( von <'arl M ä t ti u Id in Halle ».S. *Hitnr|p»n. 
In.ivaui Wi-nJ»'n fiir 'lir- i^fj.uhilf Pclil/rilr- mit jo Pfg. bfrerhrrt. Hr-l VVir.l^rh« il iiin :nlt hrmlLMt^uag flill. 

^UMdirihm für dir Krdartinn sind obrar/t Or. J. Hrvslrr. Kraichiirtv '-i^ hlr-kien), zu ricbMA 

Jfili«lt Öiigfiüki Zur Frage dier AikohohlMliiieDi in IrwnaiwMlteö. Voo H. ScUös« ^.s. sj). — fiioaiipla. V«a Dr. Baudiat 
Baon a. Xb, <S. 56). - HildidlMicra ^ 6t). — Referate (S. 61). 



Zur Frage der Alkoholabstinenz in Irrenanstalten. 

Von a. &kiäu. 



TTcrr Hi>p|)c (Küiiigsbcrg) hnt sich voranla>Nt gc- 
^ «dien, in Nr. 52 dicücs Blattei (v. 22. Mine 
1902), einzelne Ansichten, die in mdncm auf der 
Wandcrvemmmluni; «k-s Vereins für Psyrhiatrie- uml 
Ncuiologie in Wien zuiu Vortrag gcboichlcn Referat 
Ober ^ie Alkoholabstinens in Öffentlichen Irrenan- 
stalten" (siehe diese Wochenschrift Nr. 34, vom 16. 
November lool) enthalteti waren, einer Herichtii;ung 
zu untcrziclic». Diese Bcri<:hliguhg ve^anla^^.<>t mich, 
XU dem Thema „AlhoholabBtlnenx in Irrenanstalten" 
n<>chmal.>i cla.N Wnrt /.u ergreif<'n. 

It h stimme vollkommen mit Hoppe übcreiii, wenn 
er eine V'crquickung der tltcrapcutischen Anwendung 
des Alkohols mit der Frage der Zulflssigkcil dcssdben 
aU Genii?i.-«m Ittel verurtheilt, und ieh staune, dass er 
mich einer solchen Verquickung bcM:huidig;t. Ein 
BlidE aai den Wordaitt meinek Referates hatte ihn 
daraber belehren mtlssea, dass ich den Alkohol 

erstens .ils thrr.iiieutisrhe'« Mittel und /. weitcns 
ab Gcnussmittcl besprochen habe, daas also nicht 



eine Vertjuickung , sondern eine »tiaiume ä^nderung 
der beiden Gcbraucfaanrlen des Alkohob in mctnem 
Referate stattgefunden bat 

Sehr leid mviss es mir thun, d.iss Herr IT ppe 
.sich der Widerlegung meiner über die therapeutl^schc 
Anwendung des Alkohols geäusserten Ansichten ent- 
z«igen hat, denn siihcrlieh steht der reiche Schate 
seines ps\ chiatrisehen Wissens ddch wenigstens auf 
der Stufe seiner Lust /.u kritiiircn, und ich hätte eine 
Belehrung aber dieses schwierige Thema mit gmsser 
Dankbarkeit (juitlirt. 

Nur in einem Punkte tritt H>>ppe aus seiner 
Vcrschlosücnheit hervor: Er findet, was ich von den 
nährenden Eigenschaften des Alkohols sagte, so hcr- 
ausford«'nid, da.ss er es nicht unwiderspr>)clien lassen 
k- inne. icii habe in der Discussion über mein Referat 
gaii2 offen und der Wahrheit entsprechend einge- 
standen, dass ich mdne Ansicht aber die nährende 

Kit;en>( hart di's Alk<ih' 1^ tr lit .jU'^ t 'j'-nen i'xiveri- 
meutelleu Untersuchungen, sondern gestutzt auf die 



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54 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



Arbeiten verschiedener Forscher geaast habe, und 

idi glaube niclit fehl zu gehen, wenn ich behaupte, 
(lass sich Herr H<ipi>o in dieser Frage ganz in die- 
selben Lage befindet, wie ich. Ich bin, gestützt aut 
diese Autoren, zu der Ansicht gekommen, daaa der 
Alkohol die Hnwihrung anteistOtte, Herr Hoppe Ist, 
gestützt auf andere Autoren, y\\ der entgegengesetzten 
Ansdutuung gckumineii. (Jb über diese üder meine 
CewiüirsRiflnner Recht haben, ob Herr Hoppe das 
Richtige trifft, \v. r r j. m n :i Igt, die den Nähr- 
wert!; ilo Ail-."li ils li iiLMicii , idor ob ich gut daniii ' 
gethan liabe, wenn ieli iiiii beiiauptc, das luuss erst 
die Zukunft lehren. 

Wenn aber Herr Hoppe meint, Neumann und 
Rosemann würden sieh gegen die Xutzanwendung, 
die ich aus ihren Arbeiten gezogen liabc, entschieden 
sliSuben, ao glaube ich doch, da» Herr Hoppe — 
vielleicht etwas ;lngNtlichen (}> m .i "u-; — in seinen 
Bcfürchtungcu zu weit geht. U h stimme ).i di« h, 
und wer mein Referat aufmerksam gcle&cn hat, 
wird dies »jgeben mffaaen, mit Neumann völlig aber- 
eiii, wenn i r die Verwendung drs .\lkohMls mit Rück- 
sicht auf dessen Gift^keit eingeschränkt wissen will. 
Sehl verwahren musi ich mich di^eg«i, da«s Hoppe 
nir aimuthet, den Alkohol als N^rungsmittel em- 
pfohlen zu haben, [c'i »r l^' nu' i_-f Orr .Mko- 
hol unterstutzt mithin in eniuu itici \\'ei>.c die 
Ernährung, denn er spart, wenn genügend Nah- 
rung gegeben wird, Fett und F.i weiss". Der 
Alknl: 'l i-t ;ils. , na< h meiner Meinung wolil ein N.'ilir- 
nutttel, das hcisat eine die Ernälirttng unter)»tül%ende 
Substanz, aber kein Nahrungsmittel, da er allein den 
Körper nicht ernahrl. Sollte dieses Missversiandnig» 
etwa ilarin seine Aufklärung finden, dass Ib rin H ipjw^ 
im Gegensatz seinem äonsligea umfassenden W issen 
der Begriff „Nahrongsmittel" nicht geläufig ist ? 

Herr Hopj)e kritisirt auch meine lUliauplung, 
dass ich lici Epile])tikern einen s« li.'idlii hen Eiiifluss 
massigen Alkuhulgcniuscä auf deren Kranklieitiivci- 
lauf nicht bemerkt habe. Er citiit diesbezflglich 
Kraepi lin, weli her behauptet, dass jeder Epileptiker 
in liölierem oder geringerem Oade intolerant gegen 
Alkohol .sei und schUcsst daran die lictnerkung: 

„Ich glaube, dass man dies voIlstAndig itnter- 
schreilieii kann". (!) Ich habe in meinem auf der 
glei< hen Wandeix «Tsaniinlunt; iIcs \'ereincs für Psv- 
cliiatric und Ncmologic in Wien gehaltenen Vortr.ig ; 
„Ucber den Einfluas der Nahrung auf den Verlauf 
«ler E]>ili'psic" isii.hc Wiener klinisi lie Woi liens( lirift 
Nr. 46, lyoi) über meine diesbezüglichen Versuche 
belichtet ZwOlf epileptische Kranke (fünf Frauen 
und sieben Mauucr, aammtlich Falte von idiopathi- 



scher Epilepsie), die'bisher abstinent gehalten worden 
waren, erhielten Alkohol in Form eines l< i. hti n 

Bieres, und ywrtr erhielten ilie Knmken zuerst durch 
zwei Mouiite hindurch abends je \, t Bier, dann 
durch sechs Wochen je l 1 Bier, und swar mitt^ 
und abends gethdit Wie die auf das gewissen- 
hafteste Vor und wahren«! des N'ersuehes geführten 
Anfall&tabclleu zeigten, blieb dieser .\lkoholgenu;i>s 
ganz ohne Einfluss auf die Zahl der Anfälle, ja es 
war sogar wahretul th'r Zeil des Alkohi%enasses eine 
m.'issige Vermindenmg der Zahl der Anfülle bemerk- 
bar gewesen. Auch das psychische Vcrlialten der 
Kranken hatte wahrend der Zeit des Alkoholgeninses 
keirii .\i nderung erfahren. 

Herr Hoi>pe, der die F.inscitigkeit meiner Cit'tte 
tadelt und beliauptcl, ich citire nur Autoren, die 
meine vorgefasste Mehiung au bestätigen scheinen, 
citirt nur Kraepelin. Warum nicht auch Jotly und 
Bratz ? 

JoUv (siehe: Ernährungstherapie bei Ncrvcnicrank- 
hcitcn, von Dr. E. Jolly. Handbuch der Ernährungs- 
therapie und Diätetik, herausgegeben vnn I.. v. I.eyden, 
Band III, erste Abtheilung, Leipzig lügii) sagt 1. c. 
p;ig. 1,59. „ — Keinesweigs Iflsat nch aber die Forde- 
rnis rechtfertigen, dass allen, die einmal an Epi- 
lepsie gelitten haben oder die liabitueil claran leiden, 
der Alkuhul dauernd zu verbieten .sei". Und auf 
deiselben Seite: „Bei einer ganzen Anzahl dieser 
(sc. epileptischen) Kranken, die vcrhaltnissmflssig sel- 
tene Anf.llle haben und durch dieselben wenig in 
ihrem Befiuden luid in ihrer Leistungsnihigkeit gestört 
werden, zeigt die Erfahrung, dass massiger AlkoltnI- 
genuss ganz «thne Einfluss auf die Krankheit bleibt 
lind ihnen daher ebenso gut wie Gesunden gestattet 
werden kann". 

Ich citire ferner Bratx <Verr>ffentlidiungen Aber 
Rl>ilepsic und Epitlq>tikerfQrs<nge Sammelbericht mit 
einigen Bemerkungen von Dr. Bmtz, Wuhlgarten, 
Berlin. Moiiats-schrift für r»ychiairie uinl Neurolt^ie, 
Band IX, Heft 2, Februar 1901). Dieser ftuasert 
sich I. c. pag. 140 folgendcrmaassen: „Der Bericht- 
erstaller (nämlich Bmtz) hat bei 200 gei>rdnet lel>cn- 
dtui Epileptikern der Anstalt Wuhlgarten, welche 
tilglidi eine Flasdie Bier erhielten, die Gesammtzahl 
der .\nf.'ille innerlialh neun Mon.iten zusammenge- 
rechnet, er hat dasselbe Excmpel an denselben Per- 
sonen danik die neuii Monate uach Eiulütming der 
Abstinenz wiederum angestellt und durchaus keine 
Verminderung, sondern eine geringe Vermehrung 
cnnstatirl, welch' letztere si< h wuhl zwanglos diurch 
die vermehrte Schulung des Wartcpersunals in der 
Beobachtung der AnüBlte erklärt. Beiflgtich der Un- 



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1902.] 



S( luidli< likcit guriii^ei Bicrgul>eii far die meulcn Epi- 
leptiker kann der Berichtnslaltcr sich daher dem 

JdIIv's* hcn Urthcilc nur an^!<■lliil•ssc^'•. 

Herr Hoppe bemcrtf. f! i-^ si >|r Ise" ErfHlirungcn 
— er bezieht sich daln-i aul Krac-pt-liu s Acusscrutig, 
das« jeder Epileptiker in h&hcretD oder geringerem 
Grade iiitoli-nint ji^-u-on Alkohol und >l;izu dispotiirt 
S4 i riiitcli <lonscll>cn in Mliwcrerc gcisliijf Sl<iriintc 
zu vcrialleii, Mch nclbai und Anderen in liühercm 
Grade geführlirh m werden — auch in den deutschen 
iirztlu h ijcleilctcn Epilrptiki iansiahcn (\\'ulilj;iirttn, 
l'i lit>prin<;o) da/u geführt lialn-n, den A'k iln'l nl«^ flr-- 
uussiaitlt'l zu vcrlwnncu und /war inii dein Ix-sten 
Erfolge. Zundichat Wuhlgaricn. Ich habe in Wuhl- 
gartcn mit Direktor Ilrl-oM (ilicr diese Sache ge- 
sproi licn. Was llelxilcl wW d^unaK sagte, stimmt 
genau mit dem ülicrein, was svm A&siütenl Bratz in 
ohqrcm Referat an die ubt^itittc Stelle ansi-hlleast. Ich 
führe daher Bratz wörtlich an: „Die EinfQhrung völli- 
ger Enthaltsamkeit von geistigen Getriinken in grossen 
AiLstaltcn erscheint trulzdem sehr «ünsihenswcrth, 
aber au« wesentlich anderen als den hier berOhrten 
einluden. Das Krankcnniaterial der genannten An- 
stalt (\Vulilt;;trteirj nmfnssi zu eiix-ni «.'rossen Tlieil 
Alkoholepilcptikcr und dem Trunixe stark ergebene 
PrAhepileptiker. Sei lange nun Bier Uberiiaupt in der 
Anstalt und auf den Ahthcilungen sich befand» waren 

Dur< hstechcreief) nnil damit Alkoholexresse , patho- 
logische Rauschzu^tände, ferner der Dun>l nadi mclir 
und Ausflage in die benachbarten Dorfkneipen an 
der Tageftt>rdnung, Alle diese Missstiinde haben eine 
wesentlielie Mituleiimir erfahren, seit durch Hebold 
die Abstinenz für Kranke iiiui \Vartc])cn>onal der 
Anstalt eingeführt ist''. So viel Ober Wuhlgarten. 
Und U' htspringe y Wrun ii Ii i U t mir unvergesslii licn 
feuililfrölilieheii Stunden ge<lenke, die ich w.'llircnd 
meines Uehtspringcr .Aufenthaltes im Kreise der 
dortigen unveigleichlicli liebcnHwfirdijüen Oillegen ver- 
lel>t hal)e. so nuiss icli Wold /u der Ansicht kommen, 
dass diese und mit ihnen ihr rühriger Chef, Herr 
Dircttor .Alt, davon nuth recht weit entfernt sind, 
ebenseugungittreue Anhänger der abatiluten Atkuhol- 
al'^i ii- uz zn sein, und wenn Alt die Abstinenz fOr 
die l'fleglinge un»1 l'fle«re]>ersonen seiner Anstalt obli- 
gatorisch gemacht hat, so haben ihn siiherlich — 
wie Hebold — ' Erwflgungen administrativer Natur 
dazu geführt, nicht aber „s<<li h< '" Erfahrungen, wie 
«ie Kraepelin gemacht haben soll, Und weim Hoppe 
gi.iubt, da.s was Kraepelin oben siigt, vullstündig 
unterschieiben ra können, an will ich ihm nur den 
collcpi.ilisi !i( n Rath geben, mit seiner Unterschrift 
känftighiu etwas vorsichtiger luuzugehen. 



55 



Meine Ansii lit, man müsse, da eine allgemeine 
Beaeichnut^ jener Falle, in welchen ein geringe 
Alk«)liolquantinn uegeben wcrtien könne, rr hl m{>g- 
lieh sei, individualisireii, hat keine Gnade iii din Augen 
Huppe's gefuiiilcik. Er meint: ,Ja warum deiui in 
aller Weit?" Weil ich meinen Pfleglingen gegenOber 
an dem Frin< ip der freien Behandlung festhalte, das 
heisst, ich '.1 'n itiVr gnnids.'itzlich die Freiheil iler mir 
anvertrauten Kranken nicht mel>r ein, als es deren 
Zustand unbedingt erfurdert. Wenn nun ein Pfleg- 
ling tlor Anstalt, <lcr von ffflheriier an ein beschei- 
drn« s Alkohol* [uanlunv gewolnU wwr, dieses in der 
Anstalt gleichfalls verlangt, tritt an nnch die Frage 
hexan, ub dieses bescheidene Alkoliolqnantum bei 
dem vorh.indeiien psychischen und sömati.schen Zu- 
slaml lies Kranken di-'scm s^•liaden kann oder nicht. 
Ist ersteres der Kail, dann gebietet e^ mir meine 
flnciJiche Pflicht, dem Kranken jeden, auch den be* 
scheidcnsten Alkoholgenuss xu veisagen. 

Ist aber letzteres der Fall, dann «ill k:h nicht 

aus blosser iVint ij -rnn itf-rei <lem Patientett. der ja 
uhnedieü der Freiheit beraubt, herausgetüiscn aus 
seiner Fkmilie, aus seinen gewohnten Vorhsiltmissen, 
in dem Gefühle des Verlustes alles dessen, was ihm 

i;<'\\ i ^tii-.t i!ntl lifb ii'kI tlw-uor war, sii h tnieli^ klich 
lülilt, einen .so bescheidenen, im speciellen Falle un- 
•chüdlichen Genuas versagen und ich glaube, jeder 
Antsaltsarzt nnns mir recht geben, dem nicht ein 
blinder Fanatismus in der Abstinenzfr:';:? Herz und 
Hirn gcsdiadigt hat oder dem — wie dies leider 
auch vorkommt — eine kritiklose Nachaffung der in 
ein/cincn Anstalten eingeführten Abstinenz das ein- 
•/ipi ^!l«tiv der gleichen Einfühnuig in der von ihm 
geleiteten Anstalt ijit. Die Naivetäl zu glauben, da:>s 
auch üchon ein mflss^r Alkoholgenu-w, wie Hoppe 
sagt, auf das Centralner%'ensystcm <les gi-sunden und 
kräftigc-n Metisi heti einen deutlich sch.'idigcnden F.in- 
flusü besitzt, der „aller Waiirs<hoinlt( hkeit nach" Itci 
einem kranken Gehhrt mit »dncr gesteigerten Erreg- 
barkeit unti den vielfach ^»strirten t'iri nl.itionsverh'tlt- 
nissen n<H h viel starker ist, besitze It h nicht,- und itli 
behaupte dalicr i^ach wie vor, dass ich im I^aufe 
meiner vieljahr%en psychiatrischen Praxis thataachlich 
manclien Kranken gesehen habe und nOCh Sehe, dem 
ein müs>ipcr .Mkobolgcnuss nichts geschadet hat. 
Dafür den Beweis zu erbringen iüt wirklich lüdit 
schwer. 

Nun komme ich ncK:h zu jenem Tunkte meines 
Referates, den Hoppe als die Quintessena desselben 

bezeichnet. Bei «ler Widerlegung cliescr Quintessenz 
ist Herrn Hoppe ein kleiner Lapsus passirt. Er, der 



FSYCHIATKISCH-NEUROLOGISCHE WCX^HENSCHRIFT. 



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56 



in seiner ganzen, zum gT<">ssten Tlicilc meiner Wenig- 
keit pr-.vit!nif'trn Arbeit fitr Au- "Migatorische A!k. .!iol- 
ahJitinenz in Irrenanstalten eintrill, der so überzeugt 
davon thut, da» sdlMt miifsiger Alkokolgemus jedem 
Menschen überhaupt, unisomchr dem Gei^teskrunken 
schadet, der es als eine Pfüi !i1 <les Arztes bezeieh- 
ncl, allen Geisteskranken den (»enuss des Alkohols 
za entgehen, ßndet auf eintnal, dass unter den männ- 
lichen Geisteskranken dun hsclmittlich 56 % „unter 
allen Umständen" der Alkohul versagt werden niuss. 

Hoppe giebt also wohl selbst in einem Anfall 
von Aufrichtigkeit xu, dass er 44 '/q männlicher 
Geisteskranker gezahlt hat, denen der Alkuin il nit ht 
„unter allen Umstanden"' entzogen werden muss. Er 
„glaubt" aber — man möchte seinen Augen kaum 
trauen — das» in anderen Anstalten die Zahl jener, 
denen der Alkohol „unter iillen Umstämlen" ent- 
ztigca werden muss, kaum unter .^o^/o heruntei]gehen 
wird. Dort waren also sogar 70 denen der Alko- 
hol nidit „unter allen Umatflnden*' entzogen werden 
mais! .\bvT splbst dort, w > .^o* „ ixlet selbst nur 
10**/^ jcticr Kraukeu vurhaudeii sind, denen der 
Alkohol „UDter allen Umständen* entsogen werden 
ntuss, fordert Hoppe die Alkoholabstinenz für alle 
Prioclinpr. Ib'p}>e macht es mir leieht, die Quint- 
essenz meines Kuferates zu venliddigen, itidcui er 
actucibt: „SchlOss wird vidlddit sagen, dieser to% 
kann ich doch den übrigen 90*/« gegenüber nicht 
90 hart aettt, ihnen den gewohnten Alkohoigeow» su 



[Nr. 5. 



entziehen". Hoppe hat mi* h mit grossem SchaifHtnn 
durrh<!«'haut, df*nn tüps sage it h wirklii h. 

Und nun zum Schluss: Meine Ansiditen über die 
Alkohotabstinena in Irrenanstalten habe ich in meinem 
Referat i»icdei]gcleg( und halle fest daran , denn sie 
ei)ts]irechen meiner Ueht^rzeuffiing. Die Nolhwendig- 
kcit der Kiniuhrung lier Aikoholabslincna in einer 
Irrenanstalt hingt von localen Verhaltnissen ab. Nur 
nebenbei will ich bemerken, dass mich die Besorgniss 
selbst abstiniren zu müssen in meinen Ansichten Ober 
die Eiiifüliruug der .Vlkoholabstincnz nicht beeinflussl, 
denn ich war immer ein Gegner der Unmassigkeit 
und würde durch die Abstinenz mir zu geringer Ent- 
behrung verhalten sein. Dass ein mässiger Alkohol- 
gcuuss selbst dem gesunden und kr^lftigcn Menschen, 
umsomehr jedem Geisteskranken adiade, widerspriclit 
meiner Erfahrung. Jenen Kranken, denen ein massiger 
Aikoholgenus» ~ denn es kann hier nur immer von 
einem solchen die Rede sein — in psydiischer oder 
siimatiflcher Beziehung nur mflglicherwebe sdiaden 
1 'Tiiiti-, vi i^Hge i< Ii tienselben. Den .indfrcn gestatte 
idt ihn dann, wenn sie darum bitten. Einen Nach- 
theil Rlr diew habe ich nie beobachtet iBis jetzt ist 
es mir in der seit mehr als fttnf Jahren meiner Ln- 
tung unterstehenden Anstalt (Ybl»s) noch immer ge- 
lungen, jene meiner Patienten, denen die Alkuliol- 
abstinenz auferlegt wur«:Ie, auch wirklich dazu zu ver- 
halten. Würde mir dies nidtt möglich gewesen sein, 
so häUe ich die Abstinenz aUgcmein eingeführt 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



Bromipin. 

V«a Dr. Bmctt, Bona a. Rh. 



T)roniipin ist eine ch( inisrhp V'er^ifidunr' des Broms 
mit dem durch seine leichte Verdaulichkeit be- 
kanntem Sesamöl, in der sich Biom an die Fettsaure 
des Oelcs additionet! angelagert hat. Die Verbindung 
ist haltliar und erinnert lic/ü'.'lt' !i ihres Geruciic-s und 
G^luuackes in keiner \\'cise an Bruin. Sie kommt 
in zwei Formen in den Handel, ab loprozentiges 
und als 33 '/jjirozentiges I!: iiiiiHU. Ersteres Stellt 
eine liellgelbe, loirlit dicke, ölige I-'lü.ssigkeit dar von 
1,008 spec Gew. bei io" C. Duü liodipruzentige 
Ftäpaiat ist ein zähes, didies Oel von hdlbiaaner 
Farbe, von etnem spec Gew. von 1,311 bei 20* C 



Wtn;en s»-tticr K<itisisten7. Ifisst es sich ni< lit ijiit ein- 
nehmen , man verordnet es dalicr in Kapsdn ä 2 gr 
oder appUdit es per Rectum. 

Nach Winternitz wird das Broroi]wi zum 
wcita'is i7r'">sserem Tlicile in den Muskeln, der T.chrr, 
dem Knuchctmiaik und in dem Unterliautzellgewebc 
abgelagert Der therapeutische Effect des Bromipios 
beruht /um grossen Theil darauf, dass ein sehr cr- 
hebhcher Prozentsatz des in ihm enthaltenen Rritms 
mil al^dagert und erst an der AblagerxuigssUitte durch 
Oxjrdation sowie durch Einwirkung des alkalischen 
Blutes und der alkalischen Gewebssafke nadi tmd 



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nadk abgeipalten winl. Die Abapaltung geht sehr 

successiv vor sich — Brom lasst sich weit langer im 
Harn nachweisen', als bei der Zufuhr von Bn»m- 
alkalien — es kann sich in Folge dessen ein die the- 
lapeoiiKheWfalcaainkeitdeeBronishedingendesgrOssereB 
Bromdepot im Körper ansammeln. In nnrh höherem 
Maasse als bei den Bromsalzcn wird man demnach 
hier zu erwarten haben, dass die Wifkuog auf daj> 
Ctttralneiveiisjnriem erat nach emer gewinea Zeit aicb 
voll entfaltet. 

Ein weiterer Vorzug, den dan Broiiii|>in vor den 
ftomnlieii ha^ bettet daiin, data ei den Vadanmigü- 
tnictus selbst bei lange fortgesetztem Gebrauch nicht 
bel;Hti{;t. Das Rromfctt wird %fim Magen nicht rc- 
surbirt, die evcnt. unter Einwirkung des Darmaaftes 
abgeqnlteoe Bro mal l talhnen ge ist so mhniMl, dass 
cme Alteiatioa des Daims duich SalzwjrfcuDg nidit 
anzunehmen ist. 

Von allen Autoren wird übereinstimmend hervor- 
gehoben, dass bd Daneichung von Bromipin die hart* 
ntekigeii Sndldmingen von selten der Haut in Ge- 
stalt vnn Akneknntcn und Pusttli\, wie sie in Folge 
von längerem Gebrauch der Bromide auftreten, fasst 
gibniich fehlen. Nur In gans veretnxelten Pillen hat 
sich eine geringe, gutartige Akne gezeigt 

Von Ferc wirde eine FrsrhlafTiint; und Lähmung 
der Daimmuskulalur — bedingt durch eine dauernde 
Zufuhr von BnuusabEen — , die ^e Resorption gif- 
tijger Stoße begQnsttL;t . rar i]\v Akne verantwortlich 
gemacht. Da nun durch Bromiinn kein Reiz auf den 
Darm ausgeübt wird, vermag aml> bei dessen An- 
wendung keine Akne aufsatreten. 

Bromipin wird vorzugsweise bei der Behandlung 
der Epilcj)sic angewendet; die Zahl der klinischen 
Mittbeilungen ober die tltera}K:uliKche Wirkung des- 
selben ist bereits eine ganx betzSchtUche. Leider »t 
die diesen \'erüffentlichungen zu Grunde liegende 
CasuLstik häufig nicht eben zahlreich. Wulff be- 
richtet über einen Fall von Epilepsie, bei dtau Brora- 
kaium und BrontnatrituD in massiger Dosis nicht vei> 

tragen wurde, da sie drn Apjietit vemiinderten, Ab- 
gescblagenheit, Müdigkeit und Apathie im Gefolge 
hatten und Akne in aasaeroidendicher Weise sa Tage 
treten Hessen. Auch andere Verordnungen, spec BeUa* 
fliinna res]i. .^tropin niu-istfn ausgesetzt werden , da 
sie nicht vertragen wurden. Erlcnmeyerst hes Brom- 
salswasser, das in kleinsten Dosen gut vertragen wird, 
hatte eine heft%e, unangenehme Bromakne trotz aller 
dagegen versiurhten M;ia^sn ahmen im Gefolge, die 
epileptiscben Anfalle wurden itur masüig bednäwist. 
Es wurden i o*/» Bromipin gereicht, anfan^ tttglidi 2mal 
I UtesJOffsl voll, spftter, als dies gut ve i tra g eil wurd^ 



57 



taglich SBUil I TheeUSiel voll. Die AniBlIe nahmen 

schnell an Häufigkeit und Intensität ab, nach Veriattf 
von 7 Wtirhen wurde dr-i It-tzie !)e< .liai litc!. Die vor- 
handene Bromakne verschwand , das Allgemeinbe- 
finden, besonders der Appetit hob skh xusehends. 
In einem 2. Fall von Epilepsie bei einem ti jährten 
Kinde, wo andere therajieutische Verordnungen bislier 
nur geringen Erfolg hatten, traten nach längerem Ge- 
brauche von Bromipjn keine Anfiüle mehr auf. Freus- 
djorf iheilt einen Fall m n traumaüscher Epilepsie mit, 
dessen häufige Anfalle mit verschiedenen Bromsalzcn 
zwar eingeschränkt wurden, wobei aber allmflhiidi 
eine so heftige BromintoKikalion eintrat, dass diese 
Ordination ausgesetzt werden musste. Nach Bnuni- 
pinbebandlung verschwanden die Anfälle, das Al)ge- 
meinbelinden war das beste. Leubuseher con- 
statift, dass Bromipin fast duichw^ gern genommen 

wurde, da.^*; iinanpenehme Nehenwtrkunc^rn pJUizlich 
fehlten, und dass es selbst in solchen Fullen gut zu 
wirken im Stande ist, wo andere BroroprSpanite ver- 
.sagen. Gcssicr empfiehlt das Bromipin auf Grund 
eines ^uiistit; verlaufenden Falle.«,: ein Vi. n Iit^radfpcr 
Epileptiker, von lidufigen Anfällen heimgesucht, seit- 
her vergeblich mit Adonls und Biomnatriuro behanddt, 
erhielt tflglicl) 3 Esslöffcl voll von io*/o Bromipin, 
die /Viifälle niiiuletten siili selir und bcr Patient blieb 
nachher für längere Zeit anfallsfrei. 

Derartige veremzelte Falle, wo Bromipin auf flie 
Anf^ille unil das Allgemcinhcfimleii besser wirkte als 
die Bromsalzc, beweisen jedoch nicht eine pn'itisere 
antiepUeptische Valenz des Bromipins. Ks ist ja be- 
kannt, das» gerade bä der Epilepsie fast jedes neue 
Mitlei, welches gegen diese Krankheit empfohlen wurde 
— und deren giebt es eine ganze Reihe — anfangs 
mit mancherlei Erfolg gekr<">nt war. Es sei mir ge- 
stattet Aber ehien Fall aus der Bonner HeD- und 
Pflegeanstalt zw l u rii hten, an dem dies sehr schön 
zu Tage tritt; Ein iHjähriger Kaufmannsichrling, erb- 
lich uicht belastet, Entwicklung normal, bekommt mit 
dem 17. Jahre epQeptische Kiflmpfe. Am 2a V. 

i8q6 m d-p Anstalt recipirt , l.atte er täglich I — i 
Anfälle. Am 23. V. wird die Flechsig'sche K ur 
eingeleitet, am 2j. V. hat er nodi 2 Anfalle, wird 
aunehmend benommener. Am 2. VL keine AnttOe 
mehr. 11. VI. koinmi jisychi.sch voran. 20. VI sphr 
viel freier und besser. Am 2^. VI. erster Anfall, am 
24. VI. 4 Anfalle, am 28. VL Bromkali. Am 5. VII, 
noch 4 epileptische Krämpfe, deren Zahl wird bald 
gerijisrer, am :?v VIT, ohne Anfalle, hall sieh gut, 
freundliches, otlieiies Wesen. Am 26. VIIJ. ein An- 
fall, dieselben häufen nch trots des Gebraudis von 
Bromkali bis su 7,0 g p^ D., Patient wird zusehends 



PSYCHIATRISCH-NEURULOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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58 

4eih«nfcv. Am ta, I. 1897 erititk «r Adam, vtm^ 
die AnOm« nehmen ab, es geht ihm psychLsch eben- 

{n\\% besser. Itn Okt-ihor sviid die- Medicatii^n von 
Adon. vcm. ausgesetzt, Patient ist bis zum Januar 
1898 fiut anfallsfid auch ohoe Medikation. Seit 
dieter Zeit werden die qiUeptischen Krämpfe itBU%er, 
er erhah wieder Adon vcrn , jedoch mit wenig Er- 
folg. Am 10. V. wird ihtn Brumalin verabreicht, 
die An^e häufen sich noch mehr, Fatienl wird sehr 
nnnihig, geht psychis* 1» whr zurück. Nach 4 w<k hent- 
licliem Gehrauch wird Bromalin durch Brnmkali 
en^etzt Die Anfälle vcnnindeni üiclt, sein geistiger 
Zusiand wird dn besterer. Im September erhalt 
Patient Bromipin; schon nach 1 1 tSgigein Ge- 
brauci» dcsssclben ist er Innigere Zeit anfalhfrpi, sp.tter 
treten die Krämpfe nur ganz vereinzelt auf, pychisch 
gebt et dem I&anken lehr gut, er ailxilet fleitsig^ ao 
dass er im Dezember 1« iu1;iubt werden kanu. An- 
fang Januar zurückgekehrt, häufen sich wiederum die 
Allfalle mehr und mehr, auch psyclvisch geht er selir 
zutflck. Nagt apathisdk im Bell. Es wird ihm Brom- 
kali ordinirt, die Krämpfe werden alhnälilich sellener, 
er beschäftigt sich wieder. Patient bittet wiederholt 
um die Arznei, die er vor meiner Beurlaubung ertialteo 
habe ^jemeint ist firomiptn). Am 19. JuH eriialt er 
dieselbe. Die .\nfallf ni' l.rcn ^; Ii n k h Bromipin, 
Patteut geht psychisch imitier mehr zurikrk« liejrt ganz 
stuporOt im Bett, laset sich die Fli^en bi den Mund 
kriedran, ist unreinlich mit Urin. Am 22. VIII. er- 
b.'Ut er wiVrlpnim Bmmkali. Scln>t» am i. IX 
treten für längere Zeit keine Anfalle mehr auf, der 
Kranke «ird etwas freier, eriiolt sich allmiihlich. 
Spater treten nur noch veretnaelte KTümpfe auf» psy- 
chisch ist er wieder hcrjTestellt. Dieser 7ii«:t;inH h.'dt 
'Vi J^'^'^ Ausgang Januar 1901 treten gehäuft 
Kiftmpfe auf. am 3. IT. bis zu 19 Anfällen. Patient 
erilfilt Amylenhydrat; am ;. IT. ohne Anfall, ganz 
stuporös, reapitt nh 'n auf Anrede. Am II. E.vitus. 
Wir sehen, dass alle ordiniiien Mittel — ausgenoiiunen 
Jänmialin, das in diesem Falle gar nkht wirkte 
anfangs mit Erfolg an<;ewcndet wutdcu . ^ hiicsslich 
aber venvitjtm Mit Bnnnkalinm vtjril*- das meiste 
ertcitht. Nacii dem ersten Gd)rauch des Brumipins 
verringetten sich die Anfalle, Patient wurde p^chtsch 
freier, als er es war bd der Application ^-on Brom- 
kali. Zum 2. mal Hngewendet. trat gerade das Gegen- 
thcil ein, die Anfalle luluften sich ^ehr, der Kranke 
wurde bedenklich sfnporOs, erst nach Gebrauch von 
Bromkali wurde er von seinen epileptischen IttSuHen 
fast gänzlich befreit, bis er srhlicsslich nach ISngeier 
Zeit im Status cpilcphcus zu Grunde ging. 
- Zimmermann liat das Bromiinn bd .10 



[Nr. s. 



tieatm i« Dosen von 3 TheeUflfal bis 4 EsslOflU veii» 

ordnet. Vor allen Dingen scheint ihm der Vordiefl 
des Bromipins in dein Fchlon vnn Eiu]")tii>iu'n von 
Seiten der Haut zu bestehen, sowie m dem Aus- 
bleiben von Magen-Katarrhen und Dtrttafleciicnen. 
Nach seinen Angaben, denen sich auch Cr am er 
und Srliulze :ins'rhli<»<(ven, «ü»!! es mehr avif die An- 
fälle wirken als die glcichwertJiige Menge Bromkaliums. 
Letztgenannter Autor beriditet in adner EMaserlatkA 
über 6 Epileptiker, die er mil Bromipin behandelte. 
Iis waren sammtlich alte l'\l!l<? \m\ dabei schwerer 
und »diwerster Art Er stieg allmUblich, mit geringen 
Gaben bq[innend, auf 20—25 ff' ^ dnem Patienten 
bis .^5 gr pro Dosi. Hierauf wurden die Tagesgaben 
wiedi"-[ all' ^-s, 15. 10 gr vonnitiriei t Er konnte selbst 
bei Fatientenj <lie seither taglu h unter den heftigsten 
Anfallen an leiden hatten, anfallsfreie Pausen bis n 
14 Tagen beobachten. Gleichzeitig s>>l| der geistige 
Zustand der Kranken eine wesentliche Besserung er- 
falKcn l>abcn, die auch nach Herabscuung der Tages- 
dosen von Bestand Uieb. Nach Schul« e ist Bromi- 
pin in entsprechender Menge gegeben nicht nur dem 
Bromkali gleichwerthig an sedati\er Kraft , sondern 
es liat sich als wirksamer erwiesen in Fallen, wu die 
Bromaalie versagten. Kothe hat tt FaUe von näxtet 
genuiner Epilejisic mit Brf>mi])in behandelt. Tu F.'illi ii, 
in welclieu das ölige Pra{»arat per nicht gern ge- 
nommen wird, \-erurdnet er es in Form rectaler In- 
jection. Zu Anfang mjidrt er 15 gr, steigt innerfialb 
'■t - ^len auf ,V sellist auf 40gr, je<loch immer nur 
bis zu jener Dosis, die hinreicht, die Convnlsionen 
und etwaige Aequivalente zum Veiachwindenzu bringen. 
Auf dieser Hohe bleibt er mindestens 2 — 3 Wochen 

s'to^ir n. ritn dnnn in drn n.Tchstcii i. — 7 W<«rh<^n zur 
ursprünglichen Dosis zurückzukehren. Diese Mctli<ide 
hat der Autor mindestens ebenso wiifcsam gefunden, 
als die Medicati'm per 08. Daimreizung oder Sünst^ 
unangenehme Nrl cnwirlnmTCn werden auch l)ei dieser 
Darreichung nicht beobachtet. Nach Kt»the be- 
sdtigt Bromipin, in täglichen Gaben von t j — 40 gr, 
bei Epileptikern angewendet, sidur tmd fftr längere 
Zeit die KrampfanfJllie und wirkt dirrr-t irfln^l'-.; -'nf 
Psy< he und Intellect ein. Nicht ganz so günstig wie 
Schulee und Kothe spricht sich fiber die Bromipin- 
Wirkung Laudenheimer aus. Seine Erfahrungen 
beziehen sich auf einige ,^0 Piticutiii l'm einen 
Maassslab für die antiepileptische Kraft des Mittels 
ZU erhalten, sul»tituitte erbd Kranken, die erfahrungs- 
gpmasa .durch ein gewisses Tagescjuantum Bromnatrium 
von' iliren AnffÜlcn befreit wunien, von fsnem he- 
stiinmtcn Zeitpunkt an die dem Bromgehalt na< h 
äquivalente Menge Biom^n. Dabd traten nach den 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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WediMl Jd mBiuwnD FiUaa, insbeioiideie wo vor- 
her h >he Rromsalzdr^en zur Unterdrückung der An- 
falle nötliig gewesen wann, von Neuem Anfälle auf, 
die sdlMt dittcb etoe dberwerfhige Bromipindosis 
nkht unteidcfickt werden kaonten. Umgekdirt da- 
gegen kehrten niemals bei einem unicr Rrwmipin an- 
fallsfrei gewordenen i^ttenten die Krämpfe \(-icdcr, 
wenn äquivalente Mengen Bromnatrium eingesetzt 
wurden. Sicher spredien diese Veisachsresultate nicht 
für eine weit grössere Artii.itflt de« !?rnmmo!früls, 
wekhe Schulze und andere dem vermittels des Bromi- 
pn» in den Köq>er gchm^Men Brom vindidren. Latiden- 
heimer bnd ferner, dass die urspri»nglii h von Wimcr- 
ntt7 vortresM'hlagene Ta^esti i-.is von h<"«ivstcns j Tlice- 
lütlei voll, in L'eberemstmimung mit Binsiwanger 
viel «1 niedrig gegriffen »ei. Bei weniger als 2 Eaa- 
Itiffcl Vi .ri 10" f, Bromipin ]>ni die sah er überhaupt 
keine deutliche anlicpilcplisr'ie Wirkuiiu : l>ei s< hwcrcn 
Fallen stieg er sugar auf 4 Esslivffd. Selbst in dicken 
hohen Gaben wurde Bromiptn wochenlang ohne jeg*' 
I I • Xrlicnwirkung vertragen. Dies bestätigen auch 
\'erKoogcn, Bodoniund L'isio I jiudenheimer 
weist , um auch da» nuch zu cru ahnen , daniuf hin, 
dasa Bromipin das einn^ Bromprapatat ist, das auch 
flubcutan einverleibt werden kann, was unter Um- 
Mfinden. /.. R. bei der Behandlung renitenter j^eistes- 
Iranker Epileptiker, von Bedeutung sem kann. Er 
kommt lu dem Resahat, dsaa das neue Ftapacat, 
wenn es anch nicht ein den altbcwührtcn Bromsalzen 
überlegenes Anliepilciitikuin ist, dii«.h für eine Reihe 
leichter und mittelschwercr Epilepsicfülle therapcutl<ich 
aunetcht Lorenz scbliea»Uch berichtet über 34 
Falle von Epilepsie . \'. elche einer Behandlung nnt 
Bniniipin unterzogen wurüetL Von diesen zeigten 
13 eine deuüiche, mehr oder weniger bcträchtiiche 
Veiminderung der Zahl der epileptischen Insulte 
während c!er gatizcn Dauer der Behandlung. Eine 
vorübergehende war bei 3 Patienten im Beginne der 
Medicatioo aufgetreten, eine geringe Vefm^iung der 
AnnUle wurde fo l Falle beobachtet Bei 17 Kranken 
erfuhr die Zahl der AnfJllle gegenüber der riiila reti 
Behandlung keine Aenderung. In ähnlicher Wci.se 
wie die Anteile wurde das Verhalten der Kranken 
im günstigen Sinne beeinflnssL Der Autor hat mit 
Bromipin hrsscre Frfr.lpe mich :ih mit der Flechsig*- 
scfaeu Opium- und Brombchandlung. 

Dam Bionl^ ridk <dienfBlb wie die Qbrigen Brom« 
piApunle bei denjen^en nen^Osen Zustanden, in denen 
das Brom überhaupt seine Heilkraft entfaltet, Ijcwähren 
«-ürde, war vorauszusehen. Duroblüth reichte 
Bromipin mit Erfolg gegen das nJIditlidie. neiväse 
HenUopfen der NeunstbenÜGer, das bereits nach 



nehnnal%en abendUdien Oasen von i TheeUtiU vell 

des lo"/o Präparates sisdrt wird. Wm henlanae Bromi- 
.pingabcn bewirkten in verschiedenen Fällen ein an- 
lialtendes Ausbleiben dieser Erscheinungen. Es leistete 
ihn gute Dienste bei hysterischen Patienten, bei 
Patienten mit neurasthenLschen .\ngst- und nervftscn 
Erregar^sziutänden. Wol ff glaubt, dass die Bedeutung 
des Bramipins hAiqMsSchlidi auf dem Gebiete der 
Bekämpfung nervöser, insbesondere hysterischer und 
ncura.stheni.schcr Ztisfinde liept Frensdorf . jrdtnirtc 
Bromipin mit Erfolg bei verschiedenen Fallen von ner- 
vCeer Erregbarkeit, Freiberg bei unerttflgKdiem Harz- 
klopfen und bei Schwindelanfallen, ßass bei quälenden 
nächtlichen Err»t t;i»ncn der Gomirrhoikcr. ^^'ulf^ ver- 
urduete das Präparat erfolgreich bei nervö.ser Schlaflosig- 
keit, ferner gelegentlich einer 2 monatlichen Seereise 
auch gegen die Si ektankhcit. In 2 Fällen wendete eres 
prophylaktisch aii bei Pass;igicroti, die ihm niittheilten, 
daüs sie bisher m ich bei jeder Seetour erkrankt !>eien, 
beide erkrankten nicht Bei beretta ausgebrochener 
Seekraii'.li' il /ciglc Bromipin eine enI.M hieden günsüge 
Wirkung. I isi 1 erzielte in ciium Fall von seither 
erfiilglos l)eliandelier Trigcnünusncuralgie mit diesem 
Mittel anhaltende Besserung. Man «-ill endlidi bei 
.\nwendung von Broini])in Besserung geseheti haben 
Vmm Chorea, Paralysis agitans, Is< hialgie und bei CCie- 
hralen Formen der Ncurasthetiic. 

Auf Grund seiner ünsweifelhaften Vortheite, die 
das Bromi|»in gegenüt)er den Bronisal/cn dadurch be- 
sitzt, dass es keine Störungen des Verdauungstractus 
und keine Hauteniptionen hen'omdt, wird man es 
anwenden bei Epile|»(e in allen Fallen, in denen die 
leitler s>i oft folj^e-' livw : 1 n I'.rs< Iieimiii-i ii des Bromis- 
mus weitere Bromsalzmedication verbieleo, also bei 
schweren Erscheinungen von Seiten des Hagendann- 
kanals und bei hartnackigen Fallen von Bromekne. 

Branii|nii i-^'- ferner /u empfehlen lici Ifii hten, 
mtttelschwcrcn und frischen Fallen von £ptie]>sie, 

zu vecsttchen in Fallen, bei denen man mit Brom> 
aalaen keine nennenswerthe Erfolge enielte. 

I?ei nervi" sen l?cs' liwerden der verschiedensten 
Nervenkrankheiten und der Neurasthenie leistet es 
gleich den andern Brompräparaten ausgezeichnete 
Dienste. 

Von fa-it .s.iiiiiiitl;( lii-ii Patientet) wird das Io*/q 
Bromipin ohne Wlder^^)llQn eingenommen, es erinnert 
besOglich senies Geschmackes und Gerucbes In keiner 
Weise an Brom. Um seinen öligen Geschmack SU 
verdecken, versetze man das Präparat mit einer .Spur 
OL Menth, pip., oder reiche in wanuer Milch. 
In Fallen, in denen es aus diesem oder jenem Grunde 
per OS nicht gegeben werden kann, empfieihlt sich die 



PSYCHIATRISCH^EUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 5. 



fecttde oder subcutane Injektion. Sollen hohe Dosen 

in Anwendung kommen, so verordne man das .-ij^'j'/o 
Bromipin in Kapseln oder applicire dasselbe per Rectum* 

Benutsle IJtteratur über Bromipin. 
I, 6»M, A. Eid BdtniK rar AoweBdaag de* Bro m i p im, 

Alliein. Whgcr MedidiiiKlw ZeitmK 1900, Nr. 41. 
S. BodoQi. Das Bromipin in der Behandlung derE|lQepnei| 

Riv. di pat. oerv. e rncnt. Fwc. IX. 1&99. 

3. C ramer. Venucbc mit dem firomipiii bei Epileptikcfm 
Neurol. Cenu;<lblaa iSoo. Nr. 11 — und Allgeiaeiiie Zeit» 
schriTt r. Psychiatrie. Band 5b. 

4. DornblUlh. Utbcr BnmipiD Merk, Aerilli^ Monali- 
idurift 1899, Heft 5. 

5. Preibere. Ueber Bramiinii Merki Medien, 1901, Nr. 44. 

6. Frensdorf. 7.\\cl neue Heilmittel, Brom{|lin OndJodipiBt 
Der practisclic Arzt 1900, Xr. 5. 

7. Gctslcr, Zur therupeulischeu Wirkun(; des Bromipiaa, 
Württemb. Mediciaifcbes Comifpoadenibklt 1898, Nr. 46. 

9. He»e. Ueb«r Bromipin itad sdne tbmpeutltcbe Be> 
deulunc, Ailyitn. Mc<li(in CentraUZeitunt; iffoo, Xr. II. 

9. Uirtcbkoin. DieTberapie der Ncneaiuankheitcu, Wien 
1900. 

10. Kothc 7.m Rrhjndloac der Epitepiie, Kcarol, Ccntnl- 

blalt 1900, .Nr. b. 



ti. Laudenbcinicr. l't\>tt einig'- neuere Arzneimittel und 

Mctbodco lur Epüepwebehandl u ng , Therapie der Gegen- 

wart Juli 1900. 
IX, I. HU it c n h ci m c r. Uebcr den Chlor- und BromF.ihslfiff- 

wecb^cl (IcT E(]ilr|>tikeT, Monalsschrift fflr Ps^-chiati^c und 

Nenrologk- i'ror, X. 3. 
15. Leubuacber. Beitrig« nr KennlaiM und Betaaadfaim 

der Epile|Mie» Hooatndirift für PiTcbiatrie und Neurolecie 

i8()c,, Bd. V. Hi fl 

14. Lot tut. iat Behandlung der Epilepsie mit Bromipin, 
Wiener bliaiicbe WocfaentCinM 1900, Nr, 44. 

15. Lotio. Bromipina c Jodipina, Gaoetla aetfea, ddie 
Marcbe 1899, 1 und 2. 

16. Schnlze. Einige Versuche über die Wirksamkeit des 
Broniipini bei Epikpaie, Joauettraldiuenation, GOltiocen 
1*99. 

ly. Vrrfioogf-n. S>:r I.- traitement de l'Epilcpeie. JoW«d 
n>t;UU..tl de Uruxu.ks >9oo, Nr. 4$. 

18. Wolf f. Emige Erfahrungen Bbw Biomipitt, AlllHDdlK 
Medieiniacbe Centnl^Zcünnf iqor. Nr. 35. 

19. Wulff. Die Wirku^ dct Bruinipwi», zugleicb da Beib^ 

in Bc.'.il: nuf die Seekrankheit* Aerttiiche Hooaliaelurift^ 
1899, Heft II. 

M. Zimmermanii. Ueber die Aaweidnnf einee neuen 

Binmpräpar.itfi, Rti niljiin. Allgemeine Zeitschrift fllr Psy- 
cbiaüie Band 50, — Nturoi. CcpUalblatt 1899. Nr. 11. 



M i t t h e 

— Jahrt_-svrrsa:[in"iluii(,^ dcs Vereins der 
Deutschen Irrenärzte in Mtlnchen, 14. und 
15. IV. 1901. Fbrts^znng. Vorliflge. 

V .rMhIagc zur Schaffung einer Ccntralstcllc für 
Gewinnung statistischen Materials aber die Be- 
xiehungen der Gdstesknnken. Referent: Herr Ptof. 
Dl II ihr in Sirassburg i. E. (Dieser Vortrag er- 
schcint demnächst in der VVtH-henstiuifi). 

*I>iscussion lum Vortrag Hoch«. 

Ht :t Pelm .111 m IiI.il;! dem V^ercin vor, die .Vnti.ige 
Hochc's anzunehmen. Iti Bezi^ auf die Fer.sonen- 
frage möchte er in enter Linie den Vortragenden 
in Vorsclilag bringen, dann ein Miti;liri) des Voriitandcs, 
u!<U zwar im HinbhVk auf die rauiulKlicn Vcrh.lltnisse 
Herrn Fürstner. Audi die Summe könnte ctwa.s 
reichlicher bemessen und vielleicht auf 400 M. zu 
eiweitan sein. 

Herr Siemens: Ich möchte auch dringend em- 
pfehlen, die Antrage H.'s anzunehmen. Da der Prets- 
finna, welche das Material liefern snll, immeihin das 
einr" I /der d,iv andere Vrirkr.nnnnis;; im Reiche ent- 
gehen kiiiin, miicliSü ich die VoisLiilage dahin erweitem, 
da.ss auch Sic alle, m. H. Coli, im ganzen Reich, 
«ich mit Eifer an der Sammlung authentischen Materials 
unatilgefnrdett beth^Kgen möchten. 

Herr Jolly w hliesst aus dem Beifalle, den der 
Voruag des Red. gefunden hat, dass auch diese Vor^ 
schlage allgemeine Zusttromung finden weiden. Audi 
der Voiatand sei der Meinung, das» tin Voijdien 



1 u n g e n. 

iit diesem Sinne wüns( henswerüt sei. Als Name für 
die betreäende Commission sei vorzuschlagen : (Statisti- 
sche Commission.'* Die Delegation eines Vorstands- 
iniiglic<ls in <lte Ti mn-i'-^ion müsse in dem Sinne er- 
folgen, dass «iieses Mitglied iu allen Fallen, in welchen 
activ die Prcs.sc benutzt werden solle, die Entscheidtnif 
zu trcfifen haben. 

Herr Pelman brttet, seinem Vocachlige noch 
den Zusatz, /.u i:r1«'n. d.is.s <1('r /n wflhiende Aosschusa 
das Recht der Ctxiplatiun erhalte. 

Herr Hoche dankt den Herrn Vorrednern fOr 
ihre zxi.sti mm enden Worte. Die Intcressiruns; aller 
deutstheii Irrenärzte für die Sammlung würde von 
Seiten der Centralstclle durch besondere Auflbrde- 
nmgen, die event in geringen Z^^ischearftumen zu 
wiedeiholcn waren, zu erfolg haben. Die activen 
Mitglieder der C Jinmissi in wflren am besten auf ver- 
schiedene Bezirke Deutschlands zu vcrtheilen. H. 
selbst kt gerne bereit, eine auf ihn fallende Wahl 
als Mitglied der geplanten ,^tistischea Commission*' 
anzunehmen. 

Die Vcrsatnmluiii; lux l>Ht^t, dass eine statistisi !ic 
Commtssion eingesetzt werden soll Es wird zunächst 
Herr Hoche gcwsMt mit dem Rechte, wdtcve 2Qt* 
glieder zu cooptiren. Als Vorstandstnitgiied wird 
Herr Fürstner in die Cununi^un dcicgirt, 

Herr Fürstner: Ich bin bereit die Hemmschuh- 
RoUe zu abemehmcn, wenn es mir gestattet ist, die 
piBCtische Ausführung von dem Besdilnase des Vot^ 
Standes abhingig zu machen. 



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iV'i.j I^YUIIATKISCH-NKU 



DiscuBsiun zum Vortrag FOrstner. 

(siehe Mittheilungen in Ni> ; ! 
Herr Schüle: Der soeben j»eh<"iru: V-irirag, ist 
S4. reich in seinem Inhalt, das« es unmi igürh ersc heint, 
auf alle Funkle eiiutugeben. Kedoer müuc de$halb 
tfiur das eine hervorheben, für das sein Namen auf- 
gerufen wurde. Er kann nai h seiner summarischen 
Ehnnenmg benlHtigen, likm auch iktm die eigentlich 
schweren pathologbch-anatambchen Befunde bei Para- 
lyse nicht mehr si> hilufig zu Gesi« ht kommen als 
fnihcr. Er nn'K-hto ül)rigens diese palholopisch-ana- 
tomische Seite <ler raralyse-Frage nicht fin -i' Ii < - 
trachtet und verglichen wiesen, sindern auch immer 
in Beziehung zur Aetk^ogie. Stadt- und Landbe- 
völkerung Italien im («rossen und (ianzen versihietlenc 
Ursachen zur paralvstischen Erlirankuug ; danach wird 
ach auch die Verschiedenheit in Form und Intenaitflt 
des anatuniischen IVfizp^^fs rulilfn. Ferner kann 
Redner — allerdings abi iiuais in sumniariM iiem Ueber- 
sthlag — dem Satz dos Vorredners beitreten, daas 
der tabische Kückenmarkabefund keineswegs der prae- 
valirende ist, vielmehr die rombinirte Rflrkenniiirks- 
erk rankung. 

Für sehr wichtig lUiU Redner mit dem Vor- 
tragenden die genauere Etfotwhung der klinctchen 

y.r.i-', anatomischen Fraiie der sogen. Pseudoparalyse, • 
uiiii /.war ausser itach der diagnostischen unii pn»- 
gostischen Seite, namentlich nach ihrer Beclcutung 
(Or die TheTa|)ie und spec. für die Pathogenese. Wie 
wenif; genaues wir darin wissen, trotz der jahrelangen in- 
tensiven makro- u. mikroskopis< lien Arbeit, erhellt schon 
daraus, dass bekanntlich alle bist« »lugischen üestandtheile 
des G^Ims der Reihe nadi fOr die letzte Ursaciie des 
Paralyse-Prijzesscs \erant»i>tljicl) gemacht und in;ip.i r 
wieder vcrIa.'Hsen wurden. Gerade aber dun ii tiic 
genauere Kenntniss der I^scudo-Paralyse, in welcher 
die Natur gleichsam das Gegenexperiitient einer heil- 
baren Paralvse uns vorlegt, worden wir nach dieser 
iiiien sMiiiv -.ti iL St ite unserer Erkenntniss tu :'.-! /u 
dringen lernen. Spcc. die alkuhulistiacbe Gruppe der 
Fiseodo-Paralyse habe der Vortragende nach des 

Redners An sir Ii t klirii';r'i tfifTcrr'ntifl! rii filig und siharf 
gezeichnet. Redner einpliclilt den .Aulnif des Vor- 
redners ZU einem gemeinsamen Vofgehen in dieser 
Flage genauester EinaeUorschung angelegentlich. Zum 
Sdtluss er«-lhnt er die \'on ihm frflher schon 
veröffentlichte Beobachtimg , W4i i Inr klinisch- 
s}'mptumal<>lo{gi:>ch in Jeder Hin^üclil gcsiihcrle Para- 
lyse nach Auftreten von einer Otita media mit reich- 
lichem Eiterausbruch zurücktrat und jet/l seil 21 > 
Jalireii nicht wiedergekehrt ii«t. Der betr. Ofruier 
hat sich verheimthei und ist bisher ge«ind geblieben. 

Herr Gaupp: Das Krankheitsbild, das Herr F. 
heute als edile Pscuilo-paralyse beschrieben hat, hat 
die Hciddbeq*er S«^luile bei ihren jahrlichen Nach- 
forKhungen nach dem Schicksale ihrer froheren 
Kranken ebenfalls kennen gelernt Er weist genau 
i!if 7.:t'j,i- .Ulf, w'lilit Herr F. gcschiliiert hat: au- 
scheincntl typische S}tupiomc ki>r])criichcr und psy- 
chischer Art, aber keine Prtiftreasion. Die SchaÄer« 

sehen l'ntervuchiir-^'rri , lüe Ilrrr F. km/ er'.v,"i?.nte, 
wertjen m einer Kriük, die Nissl mi Ccniialblatt für 



JlbCHE WUCHENöCHKii'T. (i 

Nervenheilkunde Ober das Buch verOffentücheo winl, 

als nicht beweisend fljircrthan werden Ich mtichte 
an den Herrn Vortragenden die Frage riclilen, c>b er 
jetzt auch der Ansi< ht ist . diLss der }>aralytischen 
Pupillenstarre spinale Veränderimgen zu Grunde liegen, 
und dasR die Opticus-Atrophie nur bei den tabisrhen 
Par.ily.sen, nicht bei ilen Fonncn »nit reinen Seilen- 
strangs- (ider gemiachtcu ätrangerkrankungen vorkommt 
Als ich 1898 diesen Standpunkt vertrat, fand ich bei 
den Fachgenossen wcrr.; PcifnM. Seither haben sich 
die Stimmen gemeint, diu iiR-iiie Aufllissung von der 
^l'inalen Localisation der Pupillenstarre und der 
täbischen Natiu- der Opticus- Atrophie theilen. 

Herr Jolly erörtert zunächst die Fiage, ob eine 
.Vemlcrung des Hildes der Paralyse im ."^inne Mendels 
anzunehmen ist Er ist der Meinung, dass die Aende- 
rung nur darin beruhe, das« die Falle der dementen 
Fonn zugenonnnen h.'tttcn, dass tücs aber z. T, auf 
der Erweitcnmg der Diagnose beruhe. Robert.son'- 
■che und Westphal'sche Phänomen seien erst in der 
2. Hälfte der 70 er Jahre bekannt und seitdem alU 
mflhKg fflr die Diagnose der Parah-se verwerthet worden. 
Mit tier Zunahme di'srr T^iaj^no.se sei auih das Bild 
der Paralyse verscliwummcucr geworden, und dadurch 
einerseits eine relative VerSndenm|r der anatomischen 
I'»; fi;nde, andererseits d;uj Bcdürfnf'is, Pseudoparalysen 
zu uiiterscheitlen , zu Stande gekonnnen. Bezüglich 
<kr 1 «atliali >gis<-hen Befunde bestätigt J. das seltene 
Vorkommen des Haemotoms der Dura, dies sei aber 
attrh früher selten gewesen. Es ftei möglich, dass 
I, l^rntliche M.'iufung in frflli'n r 't traumatisch 
zu erklären sei als Resultat der Zcllcnbehaiidlung. 
Eine absolute Abnalime des Vorkommens der Ven- 
irikeKrweiterung und der K|X'ndymitis kann J. nicht 
constatiren, bezüglich der Pseud<»paralysc bestätigt er 
das Vorkommen von Fallen, wie sie der Referent 
zuletzt angefahrt hat, er möchte aber auch die syphi- 
lilisrhe I^udo-PStrafyse nicht ganz beseitigen, da 
vereinzelte Frdlc vorkämen, in welchen Iii •^.■.m 
typisclter Form der Paralyse durch Quccksilberbc- 
handinng Heilung oder dauernde Besserung erzielt 
wurde. 

Herr Hitzig liäit es nach seinen Erfahrungen 
für zweifelhaft. 6b der Verlauf und der Symptomen- 

komplrx i.]cr I'.irrily.se gegen frOb^r sich wesentlich 
geüi.ikjit liat. will jediM-h .sein Matettal • gleich Jolly 
— nac h dieser Richtung hin prüfet» Uussen. 

Herr Jolly antwortet auf eine Frage dcü Herrn 
SchOle, ffass er durchaus keine besonderen Modifika- 
tionen <l<i f.>ii('cksilberbehandlung vorgen- luiiii-;], son- 
dern die gewuliniichc Schmierkur angewendet habe. 
Die gOnst^en Fitlle seien adbstveistilndlich sdtcn, aber 
.sie prägten sich eben dcdialb um so mdir dem Gc- 
d.'ii htni.ss ein. 

Herr Fürst rier (S^hlusswortl: Es lässt sich newiss 
nicht leugnen, dass zunächst der subjcsctive Eindruck 
bei dieser Frage eine gr-issere Ri>lle spielt, als das 
i ' i' iiiM- newei.sm.'il''ri,il. W'i' wci.Ien aU-r zun;i< li>it 
auf Grund tier ersltren gewisse Resultate al'strahteren 
und dann dieselben mit letzteren vergleichen. 

Hie I.ues-Fftlle iir.crlit, s' ■ iiil'um ii'ii, il.iss 
die Falle, wo die äpeahscbe lieiidndlung Heilung cr- 



Digiiizca by CoOgle 



b2 

xielte, nidit Piinilyscn waren, sctndem Fülle vöti rir- 

« unwriptni \'( rlTKlcniTtjini <l'- M is !?il<l «Icr I'arn- 
hsc \<irt<'iii«' (it< Ii, Bei 1c1/Kk n i! hi\\>v i< Ii aui Ii, 
w«t Lue* fr -Ni uiiI, keinen F.rfnl;; mit S lunicrkiirfu 
gehabt. Die I Iacmsik»ine dun Ii. ms ;ils iraiiiuatüclk 
aufntfiissfn , erst hcint mir nk dt gcrt't litfettijit. Die 
li/fitigc In H-hi;riKlif;(- Alrtipliic m lu-int «lafür zu 
Mpreclien, dasü auch der Krünkiieitsprozc^ eine Rulle 
iqnelt 

Itcznglii li ih-r < »]'tikiis-.\tri>]'lii'- i^laulic i< Ii . »Ihns 
sie nur bui rcitn-n i aliosfallcii, tu« Iii hei kmiibinirlcii, 
vorhommt Die Pubillcnsiarre wir«! in manchen Fallen 
Hbhangen von spinalen Veränderungen, in anderen 
aber \tm cerebralen. Nur die SpraclisUSning würde 
in eiferen mich cereLmil sein. 



Referats. 

— V. I. M<'il<iu>.. l'ttluT <lei» pli ysi ulogisi licn 
.S« h« a« hsinn des Weibes. ^. .-Vuf). *) Halle a. S. 
Call Maihold. Preis i,so Mk. 

Das für eine wiasenschaftliche BrocIiOre seltene 
GIflck. in kurzer Zeit mehrere Auflagen zu erleben, 
dürfte in tlicscm Fall iiii Iii zum wenisjsteit i'i «If^rn 
c-igenttrli}(cii, ins .^u^t* rallciiden Titel zu sutlit n sein, 
sudann darin, <ia.s.s der behandelte Go);ciistand si;h><n 
lan^je weilet«' Kreis<> bewegte, die fragli»^ geistreiche 
An <ier Behandlung tles Thema alter thinii viele Bc- 
liauptutigen und Hypollicscn zahireii iic ( \)nter\en»en 
verursachte. Hinzugefügt ^-urdeu hier ein 3 t Seiten 
langes Yiw-ort und <ler Abdruck wrsrhiedener Kritiken. 
Das Votwurl führt in dv> \'erfa'«>»'ts b(!;.iiin1er an- 
regcndcn Weise dev^cu iM-sondcrcii Standpunkt ni" h 
weiter aus imd bildet so i;ewisscrmassen eine weitere 
Ergänzung der Schrift selbst; wir ersehen auch aus 
ihm, da«« M,"s Phflipj>ika f^cfen die Frauenbewejiun>; 
Ml Ii \ . i/iigsweiso gei;ei» die iinnatiirlichen, unweililichen 
Knianzipatioiisbe^Ucbungeii ritiitcte. Den lndividua]ii>> 
mm des Weibes nennt M. patlioliigisch . auf ^fc^vo- 
sität beruhend; man keimte ihn auih als Tlieil der 
De'„'eiieratior) be/eiclinen I Ref J. Merkwürdit; ersi iieint, 
da.sh ilie .\ufhebung der Fi,nienklr>ster als ein W-rlust 
für die Fntu bezeichnet Mrd; ebcnM> eigenartig berührt 
der Satz : „Die hügc ist durchaus berechtigt, so lan^ 
('S sirli um N'iithwehr lianilelt u. s. w." aiul' ; . ■ s. it-. 
ta<ielt er aber die Lüge beim Weibe. .Au» Ii >. 
(imlet sidi im* Ii MaiKhes, was als Wiilerspru« h auf- 
fallt. — Die eigemlirhc Stluift wird unverändert 
wiedergegeben und gicbl keinen Anla.w, an der 
fnilieirii Besprechung in dieser /l it.M lirift etwas zu 
ändern. Kellner- Hubenusbui]g. 

— Edel Ucber bemerkcnswerthe Selbst- 
bc s< li.'i d igu n l;s\ (_• rsur he. Ucrl. Kli'i W ->> i i ift. 
ni02, IV. Verf. berichtet unter Anderem über einen 
Vei]pftungsvenuch mit 5 Milligtamm Atrap. suUur. 
.All dciiselbe:i si lik'ss sidi ein Ii« « lijjradiger An^st/u- 
&tand mit aussei' .rdeiitli< her F.irt^ung. in wfKher die 
Kranke um sich s< hlug und bis«,, l'iiter den Siutics- 
tausi'hungea traten CiefOhlaKlOrung^n hest>ndcr& in den 
Vordergtrtind : aie glaubte sich gestochen und mit 

*) «geben in 4. Aufl. enchlcfla). 



INr. 5. 

Mcüsem bedn>ht. Rcruhigtnig und relative Ludditat, 

trat scli.iti nach der i. Nacht und nach liiicriion 
Villi o.ni Morphium ein, iride^s bestajid HihIi in tb-r 
j. Nadit ein HUs.scn irdentlich 1,'lstiges Hautjucken und 
das Gefühl, von Unuejuefer gestiichen zuüein. _ Maltig* 
kell und Klagen allgemeiner Natur, besimders seitens 
cb>s Dicestii iiisapparates, waren not Ii l.'lngere Tage 
vorhanden. E. loht die Anwendung von Moqihium, 
das in diesem Fall 2iiuii zu je 0,01 gr. injicin wurde. 

Kellner (Hubettusbuis). 

- - kivisla s|n-iim(tnlale di F'renialria. Vol. XW'TI 
(Fase. I und II). < »igan der italieiiiM lien (Je.sells« liaft 
för F!K}H4imtrie (StKietii Freniatri»^ Italiana). unter 
Directiuii der Frofessorcn Tamburini, (»olgi, Morsellj, 
Tiiiuaitsia« Tanzi, reiligirt vtm Dr. (i. C. Ferrari. 

Reggi» Kmtlia. H)or. Verlag .'^iiefano Caldertni 
Ä: !vihn. Gross H ' (nx) S., i-j Tafeh». 1 Fort'iely.iing.') 

Tnler den Millheilungeii ist eine üoI( he \oii 
.\. Tamburini {ig^-"202) Olior Psych« iscn mit eiim- 
tiveni Umprung wegen Ihren wirthschaftliihen Folge- 
runpen vcm ffrossem Interesse. Die liasis zu tlen 
Ausfühnuigen bietet ein Fall von .\lineigung geiren 
<iic Entlassung nach Hause, einem Symptom, dus sciiun 
1881 von Salcmt Face .,f»lci»|>hobie" genannt wurde. 
,\eUnlichc Fidle wurd<-n aucli x'oii Veii,M (i>*Sj — S3) 
und Ferrari ( I So"! bes< hrieben uinl ktitLsch beleuchtet. 
Bei Tainburinis Fall baiulelt es .sii h um eine ledige 
Bäuerin von 47 Jahren in Rcconvalesccnz ein« Manie, 
cfic bei der zufälligen Bemerkung des Anctes, »ie 
kAnne b.ihl heimgehen, in eine intensive ;\iig>t ver- 
fallt, zwei Monate mit der Sonde ernährt werden 
muastc und Symptnme von Stnpot zeigte; Nach tmd 
na< h kommt sie wieder zu sich, zeigt aber Tics und 
sti'reijty]ies I^U heln ; Tamburiiii glaubt, tlass es sich 
um einen Fall von Vcnturis „Pazziu lU ll' iioiiio .soii- 
ale" handelt, wie sie her\i»rgehcn aus der Unfähigkeit 
fQr den Kampf ums Dasein. Es sei eines jener 
immer zahlren her werdenden Gesi h' ipfe iiistiin liv 
den Schuti diu' Irien.instiilt suchen, wo sie ein togel- 
m.'lssiges I/?ben ohm- Initiative un<l \'rranlwortimg 
füllten können. S<:h<m die trübe Aus.si<'ht diesen Schutz 
nicht mehr zu haben, bringt sie aus dem Gleichgew icht. 
..Das iiiiidenie Irrenhaus" ist also das Mittel um so 
sielu dieser ünglQrklichcn vor gr<>sseren Ucbeln zu 
schätzen, worunter der Selbstmord und schwere Re- 
aetionshandlungen !;eL;cn andere zu nennen sind, wo- 
zu sich auch die .S( hvvai hcii manchmal gedr.lngt 
fühlen." Aber das mo<ierne Irrenhau.s hat die .\uf- 
gabc diese Krilfte durch Arbeit für sich und die 
Gesellschafl nutzbar zu machen. Tamburini halt das 
amerikanis' lie System für tlas Beste, nai h welchcin 
jedes Irrenhaus, c*l>en durih die .\rbcit dieser social 
unbeholfenen Elemente, sirh selbst erhalten sollte. Er 
glaubt auch, dass die Zun.iliine der Irren in den 
letzten [ahrzehntcn auf dem vermehrten Zufluss soleher 
Kiemente zum Irrenhaus benihe. Man sollte daher 
die Irrenhäuser durch Dotation nut Werkstatten und 
agricolen Cokwien als Arbeitsfelder au.^statten, wo 
diese .'Xibrilskräfte Verwendung (iiulcn ki'>nnfen. Ref. 
hiilt dies für ^inc glürkliche Idee ilta auch auf Ver- 
haltnisse anderer Lander Anwendung finden siiHten, 



PSVCHIATRlSCH-NEURULt KUSCHE WOCHENSCHRIFT. 



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63 



V on den L>ngiti.tl.4(i>c:tu-ii zt ii iaicii sicls ilun h <Jte 
origiiiollen MethtHlen, die diibci zur AinvtMidung Limen, 
die interessiinten Resulute und du- all'j;eniriii |wlhi»- 
li><Tis< lie Bedeutung', dir- ex p c ri in «' n t cl 1- |>ii t h o - 
l 'ijl isc Ii en Un t e r s u i Im ii g i- n von Dr. Carlo 
Ceni in Reggio^Emiiia aber Kepruducttonskraft und 
Vcrerbang bei der experiincntcllen Pellagra aus. Re- 
ferenl betont ihrr n'-drutinig besi »iidors für ähnlich c 
Un le rs ur hu n g eil mit exogenen Giften (Al- 
cohol, Mnrphiunt). 

C'cni exi>eriiue.ntirt am Huhn , weil es sich zu der- 
artigen Untersutliungen liesontlet?. cigiK-t, weil seine 
Zcugungsproduotc zu jeiicr Zeit in ilcn vcrsi hic<ien.sien 
Stadien der Entwicklung unlersuclit werden können. 
Auch kann die S^ahl der Beobachtungen beliebig ge* 
steigert v\ fnlcn. BcMinders wii htig ist, «las.-* man /.iLl- 
rcithe Beobachiung«in in den ersten Entwi« klungs- 
stadicn tnaihen kann. 

Die Einfilhrung des |)el!agr(>sen Vims gesi liah auf 
dcu> natürlirhen Wege der Ernährung mit verdorbenem 
Mais in Form von K<imcrn, Mehl und audi schim- 
meligen Maisbrei. In drei verschiedenen Hühnerställen 
wurden je ein Hahn und sieben Hennen, junge Thiere 
von der Landr;t-><sc, einer versi!iirih-i,i :i [• .';i.ihiiiiiL' 
unterworfen; Im Stall A Icdigli« h luu vcrdortniiciii 
Mais, im Stall B mit gemisrhior Nahrni^g von ver- 
dorbenem Mais und nornuilen Nahrungstnitteln , im 
Stall ^'inil gutem Mais und anderer normaler Nahrung 
zum ControlK ersuch. 

Schon eine aclitmonaüicite Be4>bachtung (Juli 1Ö99 
b» Februar 1900) dieser verschiedenen Emflhrungs- 
!.«->liii;;ii!ii'<^n untcruorfen(?n Huhner zeigte, dass 
zwischen den Rxi)erimentthier«'n und r'ontrollthiereri 
dcutli« lie Untersc hiede auftraten. Die „rdlagrahiihner" 
(Stall ..1 u. ß) wurden nadi und nath ka*hektis«h, 
liessen (jewidiLsabnahmo (bis (xk) gi.), iaul>e run/digc 
Hautverariderungen nnt stdlcnweisen ervtheniatösen 
Flecken, Federausfall, Abnahme des Melallgianses 
(Hahne) der Federn, ziegelfarbene Verfärbung und 
Ati.n inio der Kamme nai hwt-isen. R(;i vef.s^ hiedenen 
Exemplaren der Exi>erimeiitierhiihucr liatc-n auch 
Diarrhoeen und Appetitlosigkeit wahrend einiger Tage 
ein. dagegen nie wesentliche Aendeningen im pBy- 
clüschcn Verhalten. 

Die Zeuguiigsfahigkeit ItvtrefTend war schon von 
voirohercin aufTulIciid, da»!> die „l'dlagni-Hahnet" erst 
im April begannen Eier zu legen (im März nur &n 
Eil, wahrend diV Controllhühmr daujit >■ Im :i im 
Dezciuber lK*g«>niicn hatten. Die Proliferati. .it-.jH.ii'Kle 
(Zeit des Eierlc>gens) dauerte bei den ersten bis Sep- 
tember, bei den andern bis < »clober. Auch die Durch- 
schnitts/ahl der gelegten Eier für jede Henne war für 
die lieiden Alitheilungen verschieden (Contrallhenne 
98, Pellagrahenne H)). 

Die rein klinisi he Beobachtung er^ab al.s<i, dass 
ilic Fütterung mit verdorbenem Mais, die Sexualj)cri- 
ode der HUhner verkürzte und die bexualprodukte 
TCnninderte. ße\-or wir zu den Resultaten der em- 
bryologischen Untersuchungen ül>ergehen, nu'Vge ni>cli 
der X'erlauf und Ausgang der F.rktankung näher be- 
tmchtet werden, die dem Ref. von kritiüchem Werte 
zu sein scheint. 



Die im Februar Jctou tieutlich gewordene krank- 
hafte \ erandemng der Hühner A u. /? steigerte Steh 
n«>ch suc< essive l>is im Mai. Besonders ausgesprochen 
war sie bei hellfarbigen Hühnern, bei welchen in zwei 
Fullen ein der mensi blichen I'ellagra sehr ähnlic hes 
desquaniativcs Erythem an freien Stellen sichtbar 
war. Vnm Mai an klangen die Emcheinnnjien nach 
uiul Tiii' Ii all und /war trotz fortgesetzter Eni'ilunnn; 
mit vcK 1' 1 1 II iicm .Mais. Vom Monat Uclober weg 
nahmen dir Hühner an (jcwicht zu uod schon im 
Dezember hatten sie tmtz der schlechten Maisnahrung 
das Aussehen gesunder Hühner gewonnen untl ilic 
Hahne zeigten sogar Metallglanz. Nur eine iler hcll- 
farbi^n Hennen mit Ery them eriag Ende August der 
Krankheit und bot bei der Autopsie fulgenden Be- 
fund: ,, Ausgesprochene Mu-skelatrophie besonders iKi 
i'ecturales, leichte Hvpeniemie der Pia und der Hirn- 
SObstanz, leichte Fettdegeneration des Myocards. Suba- 
cutcr, diffuser D ün ndarmcatarrh mit allge- 
meiner Hyperaemie des Intcstinaltntctus. Niere und 
Lungen gesund. Bakteriologischer Befund negativ. 

Ceni belpnt nix h speziell, dass die beobachteten 
Phänomene mit denjenigen, die Lombroso an Hflhnem 
fand, <V:f fiiirm ähnlichen Regime unterwurfen waren, 
überein.suinmen. Is'ur sah er nie weder Cuuvul- 
sionen noch Contracturen und andere moto- 
rische Symptrmie. 

Die sowohl von fontroll- als von „l'clagrahühnem'* 
gelegten Eier wurden nur zum Thcil durch (iluck- 
hennen ausgebrütet, zum Theil eine bestimmte Zeit 
lang im Brutofen gehalten, um verschiedene Stadien der 
Entwicklung zu stu(.liren. Die Resultate waren folgende; 

Von den Contruileiem zeigten titi.ti" o> voa den 
Eiern der „PdlagrahOhner'* hk« 2q.Q2 % eine nor- 

mide Enlwi(klung. IMr \. fun.l. ncn Al.normiiaten 
bestanden in granulc«K.ni und cy.stcisen Degcnera'.ioneJJ 
der Kdme, Abw<--se!dieil jeglicher Entwicklung oder 
Verlangsjmiung derselben (um 12 — 20 Stunden ver- 
spätet), aiuh Ab<!terben in frOhercn Entwirklimgs- 
stadien (50 — 70 Stunden), teraiogcne Bildungen wie 
retxutlexiu capitis, Fcliteo beider Hemtsptiärenblasdien, 
Atiophia capitis, Monophthalmus, Blutergtiffse m den 
Himblasen, .\inni. .t-.hvtfr, t|-'s. 

Von tlon siebzehn von iU-t Gluckhemte bebrüteten 
„Pellagraeicm" blieben neun steril, die au.sgeschlüpftcn 
acht Hohnchen wHren wenig lebhaft, zwei davim starben 
in den ersten drei Tagen, die übrigen zeigten verlang- 
saiiit'' Entwicklung bis zum sri li>t. ii M. na; Set hs 
Cunlrolleicr ergaben dagegen fünf normale Huiiucr. 

Höchst interessant ist eine gewisse Ptogredenz 
der Degeiieiation, indem von den April- und Mai- 
Eiern S'Ki- "7ft (auch bei den „Pellagra}»PKlukten") 
normale Entwi< kluitg zeigten, wahrend August- Und 
September- Eier gar keine nomial^ £mbrycilien er- 
gaben. Ceni meint, es handle skh mehr um efate 
Folge der plasiologifu hen Abnahme der geschlecht- 
lichen ProductiOQskraft, deren grüssere Schwache bich 
durch eine vermehrte SmpfSi^lichkeitgegenaber palhiv 
logischen MunieiUen documentirt, als um Ziinahrnr (1er 
palhologiiciien .Vtilagei», welche durdi die zu dieser 
Zeit schon eintretende Erholung wieder ausgeglichen 
wttide. 



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64 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. ^. 



Ceni zieht aus seinen Experimenten detv Schluss, 
dass die EmAhning von Oviparen mit verdorbenem 

Mais sowulil auf die Kepnxliu li<insiiry;ii(e .ik auf ilirr 
l'iotiukU: Einfluss habon kaiui, der siel) docunieniirt als: 

I. Emclx.pftinp; der Keiipßdligkeit (Sterilität, 
verlangsamte Und |MTtiellc Entwicklung und 

Absterbet).) 

II. £i)twiikluiij^))ciii)i>ui)gci). 

-III. HeroditAres Siorhthum, beannden der Gefüsie. 
(Haeman'lisigien)^^ 

„Crlirr t]ru C1)arartt'r df"r (rr:ttnf'firi''''li lir-rr di- 
t.'lroii 1 iiatsitcher) bei der cnJcriintiiit-lU n I'cH.il'i.i ' 
betitelt si< Ii ilcr z'.vr.ir Tlieil seiner Arbeit [[i-<<.: i n>), 
worin da« rein cmbryologisclie abgelumdelt wird, Ceni 
bdclirankt sich dabei auf die drei hauptsSdilirluiten 
Anomalien, die er bd PeUagraembiyoinen entdeckt hat: 

I. Mouophtlialinie, ilie er als im wahren Sin)ie 
des Wortes herctlitiir bedii)ji;t ansieht, und nicht etwa 
als .\b\vcichungcn von der non))alen Entwicklung be- 



dingt 



'i ;t'< identelle Momente. 



i). Dicpuiiktfunnigcn I laemorrhagicn sollen Folgen 
einer Gef.'is.serkrankung sein «nd oft <len frühzeitigen 
Tt>d des lünbryos heibeiftthrcn , indem sie ;uri<len- 
telle Zerst<'iri)hi;en und deren Folgen naeh sieh fühien. 
Ks handle sieh um einen allgemeinen kraiikli.iftrn 
Zustand de» primitiven GefSsssystem» aitf here- 
ditärer Basi». 

III. Die .'\Menteplia1ie n)it oini]»tu;-tJcit!l*i 
ItP^phthalmie koU naeh Ceni eine Fnige der tnaagel- 
haften Entwic klung der .\mnionfalte auf hereditärer 
Ha.s)s sein. Dureh di' \'frl.uiui:ieru])g dieses Adnexes 
wird däs vordere Ende und damit das Ciehim am 
Wachsthum narb vom verhindert imd die seitlich 
strl rud. I. AiigenUaaen treten sttrker hervor und 
watt)sei). 

Ref. bcmeilct noch, dam die genialen Ideen in dieser 

Arbeit nicht an ii)iien)) WertI) verlieren, weun .iurfi dci 
Beweis, d.xss die hier vorhegenden Kfaiikheit.s/.u?.iande 
wirklich Pellagra sind.nieht alserbrjidit betrachtet werden 
kann. E» musstc ausgeschlossen sein, daas eine En- 
teritts aus andern Ursachen nicht ta ähnlichen Be- 
obiichtungcn Anlass geben k<")nnte. Zuir. tnindesten 
Märe es wUiibchenswerth gewesen, wenn (. uiurullhilhDcr 
mit Enteritis ohne verdorbene Nahrung oder 
wenigstens ohne verdorbenem Mais ZUin 
Veinjlcicl» herangezogen worden wSren. 

Dr. med. D. Bczzola. 

Kivinta sperim en ta le di Freuiatria 
VoL XXVII Fase. I. 

Verzeichnis» der < iriginalarbeiten. 
ächupfcr-Femimo: Ueber Kopftetanus. 
Goniales-Pieio: Ein Fall von dilFuser Iclithfosis 
bei einem Imbecillen. 



Ugtilutli-Ferdioando: Beitrag zum Studium der 
Pmmidenbahnen beim Mensriien. 

Miu^H.'/itii-Ciiovanni : rdn r di<' Symptumatolti^e 
der Verlelzungeit des Liasenkctiis. 

Ceni-Cario: Untersuchungen Ober die 2cu{rungs- 
knift iii.il die Erblichkeit bei der exporimentcihm 
Fcllijjjra. 

Ceni-Carlo: Ueber den Character der teratnlnpschcn 

Thalsai lien bei iler cvporimenlellen Pellagra. 

Donaggi<>-Artup>: Ueber die Anwesenheit dOnncr 
Fibrillen zwischen den Maschen des peiii)herrn Reti- 
luhims der Nervenzelle. 

Lo Mot)acu-Dumenico e Toniassi-Felice: Ueber 
die Ph>-stolof^e der innem Oberfldclie' des Gehirns. 

.Sperino-Giusop|)e : Das Gehim des Anatomen 

Carlo Giacomint. 

Cavazzani-Emilio : Ueber den negativen Einfliiss 
einiger Lym])hagogen auf die Bikliuig der Cerebin>- 

spiualflQssigkcit. 

Vaschide N. e Vurpas O.: Vt>n dnjgen cbaracie- 

ristiMliL-n Stelhitii^fti iniitisch-patbtikif^her Intro- 
.s|)ei lion (Iiuicnbelrac hlutigj. 

Rivista sp e ri m en tal e <l i Freniatria. 
VoL \-\V II Fase. II. 

Verzdcliniss der Originalarbetten. 
Ferrai-Carlo : Ueber die sensorielle Oimpensation 

bei Taubstummen. 

Ceni-Carlo: Uebcsrdic PutlM^cncsedcxOthümaloins 

bei den Irren. 

St linpfer-FerDU ( iu: Ueber Koj)ftetanus (Fortsetzung 
untt Knde) 

Ri«si>CeiMre: Uel>er die Dauer des elementaren 
und untMscheklenden psychisdwn Pniresik»> (einfache, 
Unterst heidungs- Und Wahhoaction) bei den Taub- 
stummen. 

De Pastrovidi-Guglielmo: H>-pogk»ssuslahraung aus 

wahrsi!ipi!.lt' Ii aloihuliseher l'rsadie. 

Guizzeiu-Fietro: Neuer Fall von tOllidter Cliorca 
mit Septico-Pj'amie durch Staphylococcus progenes 
aureus. 

Belld-Gittseppe: Ueber die intellertuelle F.'ihi^keit 
\ n Kti.il ( n und Mädchen, die die fünfte Elementar- 

klas.sc bcsuihen. 

Fenari-Giulio-t^csare : Ehiflass der Gen)flll)sbe- 
wegungen auf die Entstehung und den Vcriatif dCT 
Delirien und einiger ISyehosen. 

Mingaz/.ini-Giovanni : l'elxT tiie Syn)pto)nalolfigie 
der Verleucungen des Linsenkenis (Fortsetztuig). 

Lo Monaco-Domenicn e Totn<Ksl FeHoe: Ueber 
die !'hv--ii i!(>fvji:> .-ler inr.rrrti * •!>(^rfl:i' lic des Gehirns. 

1 ambunni-A., l»,idaiori)-G., llrugw-R. : Individual- 
j)sychologis«.he Fori< hu)igen bei einem Fall von büiger- 
lichcr Unfähigkeit (Dispusitiunsunffthigkeit). 

Sperino>Giuscppc : Das Gehirn des Anatomen Carlo 
Giacomini. (Fortsetzung und Schliiss), 



nif dM radMiDMllpii Tliril mmlwnlluh : UtK-rairil Iii. J. Brcalrr KtMdMili.<Sclll«iiMl). 
KnrtaiM ladM SMmabMtl — SMam Acr IumtlniMmdiBw j Tage m dm Ansalie. — Vertag vwi C«rl X»r1i«l4 i« Hall* a. S 

I (OHir. WeUT) in Hafle a. S. 



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Psyehiatriseh^Nenrologische 
WocbensGlirifL 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Internatfonales Correvpoadensblatt fflr Irrenlrste und NcnrMiirKte. 

Unter Mitwirkung ahireidier hervoiragender FacfamAnner de« In- und Aintsndea 
IMrMiMr Dr. K. Alt. PraC Ikr. G. Anton. Prof. Dr. mnOn, Vrot. Dr. L. Bdlager» Prof. Dr. A. Outtaudt. 

lAlmmki. rjnL ttUA, naaktnrt a. M. Gab. U«l..lUui, B«rUi«. 

Prof Dt. m. M«nd«l. Dr. P. J. MSUue» Dlnetor Dr. Honl, 

I^ipaif. Mo« |Balgin)k 

Unter B^taningr amtHdien Meteriiis 

reil ' ,; ; 1 1 von 

Oberarzt Dr. JqIi, Bresler, 

_ ... — . ^ 



Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 
T«>tt.-A»tm»»; M«rhotd V«fl«K, H«ll>»»«l». Fampndiar ■$}!. 



Nr. 6. TO Mni 1902, 



Uj^ ..H^ jr** h I » 1 r I h • N rur < 1 1 M >• 1 5 i b r n c h rn » i h r i I f rrw Ki'ImI j^-tl^-n Sortn^t'^od und kD«l«< pro (^liATtai 4 \lh^ 

ÜMtplliMiitM» »uhiiii «Ir Burhhandimn, dir iK^uli ^ Ni ;,;<)|. ..iuir «Ii- Vrr.ar-initl h»ndlimi[ ran Carl Marliold m ilall*a,l(, 
lanM.tU' w«rdM) Ibr du» )»p*ltifr PrauMt» mit 40 Plf. bmchnet, Ori Wiaidorhnlunii uitt Ermliwcunc «a 
Zudiiillra für die RiitmUll «ihI an Ul»-i*>n Dr. J. Hrr.l.i, Kratchniti iScblairnK lu ricbKn 



Inhalt. Oricioalc: bic siatistiKfac Cbmmktjpn des Vcraiw dcvttcber brorilRte {Sw 65). — Diona (& 69)^ — Mii 
(S. ;5). — Referate (S. 76). 



Die statistische Commission des Vereins deutscher Irrenärzte. 

T ^cr Verein deutscher Irrenlrite hat in reichen und verschiedenartigen Mias- 

seinerdieafahr^enjahresvecaanunlungia MOndien stände, mit denen die irrenärztlichen Be- 

aii) 1 5. April i()02 ilic Grilndun^ einer .^st;« t is t i ^ ff 1 m s t r r b u tig c n /. u im Besten d c r G c i » t e sk r ;i n k c 11 

Commissioa" beschliissea, deren Wesen und Ziele allerurts xu kämpfen haben. In weldier Weise 

auü nacfas^oMlem von Prof. Hoche zur l^nleitung dieses Material dem gedachten Zwedce dienst1>ar su 

der DücuasiOB gehaltenen Referate ertidlen. machen sei, darüber werden wir ^iflter zu reden 

„Meine Heiren' haben, wenn wir es cr<~'. cinm.il l isitzon. — 
Mein Vtirtrag wird weder nach Inluilt uin lt na<'h Es wäre dn niüä&igc:> (Jc:>t.h.'lft, in dieser Ver- 

Ausdehnung den Anforderungen ents|)rechcn, die Sic Sammlung ausführlich auf nnsre manni};fii< hen inpcii- 

bcre<'htig:t «-Aren, an ein „Referat" zu stellen; »as ilun ärztlichen Beschwcrdepunktc dnzitgehen; einem Jeden 

zu dieser clircnvf.ücn, ;il>cr cx[«>nirtcii Stelle im von uns dnirigcti sir ■-r -h täglii'li von Xei:i'?ii ,;uf 

Frngnuiuuti der heutigen Vcrsaramlunjj vcrhoifcn hat. Icli will deshalb nur Einijjcs berühren, was mit meinen 

ist einmal die Thalsache, dass die VonH-hläge, die Vonchlägen in näherer Beziehung steht, 
ich hier zu machen gedenke, dem Viinaamlc unsrcs Einem unbefangenen Beobachter, der nicht wie 

\'ercines zur Bcgutaelitung viityr-lr-^' n h.ilien, und wir dnr. Ii dii- Irincf '"rrw, litihcit ali^estum|)ft w;ire, 

2WciteQ.s der Umstand, das» dieselben Gegenstand der mü.>stc eme.s sehr auffallen: die ganz abuurmc 

BeschlttssfasKung werden sollen. Stellung, weli-hcdielrrenärzteindcrfiflentlichen 

Die Vorachlage dienen, um es zunächst einmal Meinung einnehmen, die Stellung, fOr die wir bei keiner 

kurz zu fiirmulircn, ilein Zwe<'ke, > v st <• m :i t i si ti anclercn Rciufsait eine Parallele finden. Die Oeirentlieli- 

und in grossem Maassstabe Bcwciämate- keit, soweit sie durdi das rublikum, einen Tlicil der 

rial herbeizuschaffen fOr alle die zahl« Prewc und die Milglicder unserer Parlamente re- 



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66 



l)r{t.scnürt wird, triflt sich den Irrenärzten und ihrem 
Thun gegenüber in einer ziemlich einheitlichen Auf- 
faasung, die im Eiiudnen sich auf der Unie von 
völliger VcrstSndnisslosigkcil bis zum offenen 
Mi SS trauen bewegt. Der Vcrständnisslitsigkcit be- 
gegnen wir bis in Kreise hinein, bei denen man sie 
billigerweiae nicht sollte befOichten mflsaen, x. B. selbst 
bei ei/.elncn academischen Vertretern klinisclicr Dis- 
dplinen. Dos Misstrauen« mit dem wir beehrt werden, 
gilt, wie uns aden bekannt, nicht alldn unwem Rönnen 
und Wissen, sondern gar nicht so selten unserer Ge> 
«ir,nu!ie, luisrr-n Mi'iivrn, iiiifl rs fi.'it fcr dn\ Kenner 
der Vcrliülliiisse etwas Tragikoiius» lies, wenn von 
diesem Standpunkte aus in gesetzgebenden Körper- 
schaften in aller Selb8t\'erBtändiichkeit und Harmlosig- 
keit ül)cr M:i;!ssi rt^clii cH?laitirt wird, die e:( L'iL;nc"t 
sein sollen, wie es dann hcisst „das Publikiun vor 
den Irrenansten m schfltxen." Diese Auflassung gilt 
als s>> nHtürlidi, <lass bei soKhci) parlamentarischen 
Verhandlungen viellcidit wdIiI vom Regicniiigstisch, 
nicht aber aua der Verttammluug heraus auf irgend 
ein Wort der ruhigen Vernunft oder der Abwehr xu 
rechnen ist. Ilir natttrlichcs Echo iirul. ii diese ÜtOge 
dann in der Presse, von der ein Tlieil mit grosser 
Bereitwilligkeit jetler deu Psychiatern unfreundlich ge- 
sinnten Darstellung ihre Spalten zu Offnen pflegt. Es 
würe falsch, darin eine \>nsc Absii iit /n vcmiuthen ; 
die Presse theüt eben die Vorurthcite <'.vi celtildetcn 
Laien und glaubt, bei bold>eii Vcröircntlicliungen eine 
PRidit gegen das Publikum zu erfallen. — Wir Irren- 
firzte k('iiint«'n alles Dieses wohl ertragen, und die 
tieschichte der I r r e n h e i 1 k u n d e ist ein 
Icbcnd^er Beweis dafür, da&s Verkennung und Ucbel- 
wollen die Vertreter unserer Wissenschaft niemals 
jniUle oder in ihren Bestrebungen unsicher gemacht hat: 
ilas .Schliinnie ist aber, dass die allgemeine Auffassimg 
an allen Ecken luid Enden ein dauernder Hemmschuh 
ist bd Verwirklicfaung der nothwendigen täglichen 
Maassregeln zum Uestcn *ler (jcisteskranken , ebenso 
wie aller weitergehenden Forderungen für Zukünftiges. 

Diejenigen, die leichten llcrzcus in der Presse 
und von der Tribane des Reichsis^es herunter in 

svsteinalischer Weise die Saal des Misstrauens gegen 
die Irrenanstalten und die in ihnen arbeitenden Aerzte 
ausstreuen und pfl^en, haben gar keine Ahnung 
davon, welche Verantwortung sie damit auf sich 

lailcn. Das ge<iruckle Wort, namen'lii ti •.vt-rni r*v .ift 
genug wie«lerholi wird, übt seine Wirkung; alle ver- 
breiteten Vorurthcile. das fiodOrfniss nach Sensation 
bereiten den Boden, auf dem jene Saat reichlich auf- 
geht, uiul so kiiiiinit es, «lass bis weit in die sogo- 
uaniitcn gubildeteu Kreide liincin VuR^tulluitgen über 



[Nr. 6. 

Geisteskrankheiten und Irrenärzte von einer giadezu 
finsteren Rackst;indigkeit die Herrschaft ausQben, und 
die Entschliessnngen gegebenenfolb niaB9aigd>end be- 
stimmen. 

Den Schaden tragen in erster Linie die Kranken. 

Die Kosten der systematischen Aufhetzung zahlen 
die Falle, die wegen der Scheu der Familie vor 
dem Worte Anstalt /ii <i>at oder gar nifht zur 
Aufnalune gelangen, oder uugeheitt wieder hcrausge- 
nommeo werden; es xahlen sie Staat tmd locale 
Verbind«, Krankenkassen as.w. in der vermdiTten 
financiellcn Belastung durch unheilbar GewtMfdcne: es 
kommt auf dieses Conto ein grosser Theil der Pfllle 
der Selbstmorde mit oder ohne Tötung von 
Angehörigen, der Falle von schwerer Körper« 
verlctzuTig durch (jcistcskninkc (^der .sihwcrc sociale 
und finanddle Schädigungen der Familie, 
kurz alle die den Irrenflreten nur m bekanntem Er> 
eigniase. die jetier von uns in kurzen Zwiachen- 
rflimien immer uicdci cilebt, und die, wemi sie 
systcmatiscli gesammell \«ürden, in ihrer G^aiuiiiUidt 
ein BM geben würden, das dem Gefolge der be- 
kannten Agitatoren n»it ihren paar unbewiesenen 
alljährlich wiederkehrenden Fallen v<in anErol>Iii her 
widerrechtlicher Frdhdtsberaubung , Entmündigung 
u. s. w. doch vielleicht zu denken geben wOrde. 

Die durchschnittliih grundfidsche Auffassung vom 
Wesen der Geistesstörungen , wie sie auch bei den 
gcbildcLstcn Laien vorherrscht, übt noch an einer 
anderen Stelle ihre verderbliche Wirkung aus, ich 
meine in der Rechtspflege. Ich .selbst bin, wie 
ich bei wietlerholten Gelegenheiten bekundet habe, 
weit davun cnlfemt, alle bd der Berül>rung von Rechts- 
pflege mit Irrenheilkunde aicJt ergebenden Misshdiig« 
keiten den Juristen allein zur Last zu legen ; ich bin 
der Meinung, dass in der Überwiegenden Mehrz.ihl 
der Fälle ein guter SachvcrsUüidigcr vor Gericht ge- 
nügenden Einfluas hat und d^ Richter zu seiner 
Auffassung eines bestimmten Falles bekehrt. Dazu 
ist aber vor Allem noüiwendig, dass überhaupt ei» 
Sachverstandiger zugczogcu uud um seine Meinimg 
bebagt wird. Noch jetzt zeigt die Statistik anjIhrGch 
eine erschreckende Zahl von Ve ru r ih e i 1 im l; c n 
von Geisteskranken und Schwachsinnigen, 
die ziun grosseren Theilevon kemem Arzte tmtersucht 
worden sind deswqen, weil dem Richter entweder 
an dem Betreffcriden nichts Abnormem Mtiffvl oder 
weil er sich selber genügend compctent crscliien zur 
Bcurtheilung der Znreclmung^i^fahigkeit Eine bessere 
psychologische Schulung der Jiuisten ist des- 
wegen eine Portierung, in der sich alte Wniisxhc 
der Irreuätzle mit slelleiiwdsc >>ehr tcbliaft geäusserten 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCH RIFT. 



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1902.] 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCH R WOCHENSCHRI FT. 



67 



neuen Wünscl>cn cin/.ciner dnsi« hiigcr Strafrcclitslehrcr 
(a. B. H. Gruüs) U^egncu. Bei dem passiven Wider- 
stände, den bis jelit die MehrzaM der Juristen, auch 
der juristischen Fakultnii n ri nli leislet, da sie seliger bei 
ihrer Ausbildung diesen >!angcl nicht ctnpfinflen, wiirc 
es nothwetid^, eine intensive Sammlung alles in diese 
Kategorie gehArigen Materials vorainehroen, wie dies 
vi.r Kurzem auch Frank in seinem Karlsruher 
(1001) Vortrag als Forderung aufgestellt hat. Mit 
einbeziehen nifisste man, soweit als möglich, dabei 
die militärischen Verhiltnisse mit ihren zahlreicben 
Bestrafungen und Selbstmorden Schwachsinniger, und 
natürlich auch alle diejenigen Falle, in denen sachlich 
wühl begrondctc arztliche Gutachten, £. B. vor dem 
Schwurgerichte^ ignoriert worden sind. — Die Sammlung 
würde zugleich Gelegenheit gelten, einer vom Vereine 
deutsc her Irrenarzte wicderhr)lt aufgestellten aber bisher 
lue erfüllten Forderung gcreciit za werden, nAmlich Fall e 
susammenzustellen, die als Beweismaterial dienen 
k'Hincii für die Nothwendigkeit der F.infflhrung der 
vcrniindertcn Z u r ech n u ngs fah igkeit — Zu 
sanunein und eingehend zu prüfen wflren endlich 
di^enigen Vofkommniaaet die in Ininen Zwischen- 
räumen den Zeitungsleser erschreckpn, irh nirinf dir 
Falle von Internirung oder Entmündigung 
angeblich Geistesgesunder und ahnüdie demrtige 
Ereignisse. Wenn man sich veigegenwflztigt, wie oft 
dem Einzelnen' bei der I..eMbne der Trrjcsprcvsc 
Notii^n aufätossen, die die bisher berührten Punkte 
betreffen, so kann man sich eine Vorstellung daxxm 
machen, was hd einer mfl^ichst ToHstOnd^en Zosam- 
!n' ii-.tr l)ung von allem Hirrhergplu'irigcii im Lauf'- rhit-s 
Jahres ziLsammen kommen würde. — Auf welcheWcise 
wflre nun das gedachte Material zu beschaffen? Es 
kommen veischiedene Hfl^ichkeiten in Betracht und 
wir werden natürlich jetlen Weg zu gehen haben, der 
zu dem gewünschten Ziele führen kann. Wentg 
Nutzen dOrfen wir von vonüierdn von den Ergeb- 
nissen der amtlichen Statistik erwarten; sie 
werden erst spilt zugünglii h und sind nicht von den 
Gesichtspunkten aus gewonnen, die für mis maass- 
gebend sein werden; Bnzdnes aus der Criminal- 
statistik wird für tms brauchbar sein; ^iges werden 
wir aus den Anstaltvl.crii ^itr- n t ntnehmen könne»; 
ein vollständige» Bild werden diese indessen 
niemals geben können; keinesm^ aMe deulsdien 
IMUthiatriscben Institute geben Berichte aus, imd uns 
kommt CS ja aus-^i rdi ni in erster Linie auf Dinge an, 
die sich ausserhalb der Anstaitsmauem abspielen. 

Man konnte w«h«rhin daran denken, die frei» 
willige Mitwii-kung aller deutschen Irrenarzte 
m der Weke in Anspruch su nehmen, daas Jeder in 



seinem geographisihen Bezirk auf alle in Frage 
stellenden Ereignisse ein Augenmerk hat und 
darOber an eine Centralstdle berichtet; ich würde 
es für nützlich hallen, wenn ein Vcrsudi in dieser 
Richtung t)i( Ist unterlassen wird. Ausschliesslich 
darauf lAssl sich aber die geplante Sammlung nicht 
stützen. Man weiss, wie es mit deigldrhen Neben- 
anfnrderurigen k i< hl geht; eine Weile würden pron)]it 
Berii htc eingehen, dann würde es hier und dort 
langsam einschlafen, und die Vollständigkeit wflre so 
nie gcwührieistet. Eine letzte Möglichkeit endlich, 
und das ist ineiiies Erachteiis diejenige, die am 
meisten Aussicht auf Erfolg bietet, ist die syste- 
matische und ausgedehnte Benutzung der Tagespresse. 
Kraepelin hat im Jahre 1898 im kleinen Maasstabe 
für seihet» Aufnalnnebezirk den Versuch gemacht, 
aus den Tageszeitungen alle Vtirkornnmisse bestinunter 
Richtung (Körperverletzungen im Rausch, Selbstmorde 
u. dgl.) zu sammeln; ein Vergleich mit oontroiHerbarem 
amtlichem Material hat damals ergeben, dass ihm 
etwa nur der Fälle entgangen war. Dieses £r- 
gebniss ist in Anbetincht der unveimddfidien Un« 
voQkommenheit der Methode sehr beacbtenswerth. 

Es schadet ja auch nirh.ts , wenn man bei solchen 
quantitativen Zosammenstcllungcn, die etwas Be- 
stimmtes bewegen sollen, die Sichethdt hat, dam die 
«riikliche Zahl der betreffenden Vorkommnisse immer 

noch grösser ist, ak die auf doni P;iptere stehende. 

Bei der heuligen Art der Publicistik kaim man 
mit liemlicber Sdmrheit darauf rechnen, daas kehi 
Fall von Sdbstmord, namentlid} wenn er mit Tötimg 

\- in Ar. jrli.''.rii:en wrlnmden ht, kein Attentat Cris%^- 
krankcr, keine angeblich widerrechtliche Freiheitsbe- 
raubung oder Entmündigung, keine strafrechtliche Ge- 
richtsverhandlung, bd der psychiatrische Sachverständige 
iriit'.virkt'^i» , namentlii'l'. wenn -r ron i'ir 'Uitarhtfn 
entschieden wurde, dem Schicksal entgeht, in der 
FMsse besprochen zu werden. Das Publikum bezieht 
aus diesem Material zum guten Thdle seine An- 
s< hauungen und Vrirurllirilr' ; so möge uns r!;is^Hbc 
Material, im richtigen Sinne verwendet, dazu diencQ, 
dieser Vorurthdle allmählich Herr zu werden. 

Ich denke mir also eine Sammlung aller im 
geographfsrl: rn Tj'/iik vfti Dcutschlan«! in 
.den Tageszeitungen erscheinenden thatsäch- 
llchen Angaben über die uns interessirenden oben 
erwähnten Fragen. Es ist das heute nicht mehr 
■if 'uvcr 7(1 eneichen : <"■. r-\-'^tirfn L'«'s<"hSftlichc Unter- 
nehmungen, dereJk Tliütigkeit darin besteht, gegen 
Bezahlung alles Ober ein beliebiges Thema Erscheinende 
zu aamradn und in Originalausschnitten an den Be- 
stdler einzusenden. Ich bin mit %'erschiedenen der- 



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68 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 6. 



aitigm Untemehmtnigen in Verbindung getreten (auf 

die K'"i<=tfnfraite komme irli norb zurfak), lial>c mir 
auch eine Zeit lang unter Aogube eines Titexuas 
Pkobeaendungcn machen lassen, und Ich »ins sagen, 
idi bin erstaunt gewesen, wieviel an potiiivem Material 
in p^n^ kurzer Zeit zusammenf^ek« imnirn ist Ich 
Itube dabei gesehen, dsiss ca die Arheitskraft eines 
Einaebieii übereteigea wOrde, allein diese zunSdist 
ungesichtcte Masiic, wie sie etwa der Lauf eines 
Jahres bringen wfirck, zu bewältigen. Es würde sirh 
dcsw^eu empfehlen, demjenigen, doxa Sie etwa die 
gqilante Untemehimnig Obertiagen werden, das Recht 
zur Crmptation weiterer fiSitglieder nach MaasqgMbe 
des Brdflrfnis'ies 7U gehen. Die von Ihnen zu t-r- 
wahlcndc l'er5<..nhchkcil wäre der eigentliche Trüger 
des tedmisdien Thefles der Arbeit der Commiwion. 
AussomIliii \uiiiif /w 1 ilniüs.siger Weise, im Interesse 
der fmanriellen und SMUstigcn VenintwDrtlichkeit, ein 
Vor&tandsmitgiied der .statistischen Comnmsiuu 
angehfifen. 

Die Bearbeitung des eingdienden Materials 
würde darin zu bestehen hat>en, duss in jedem Falle 

versucht witcl, mit Hilfe der di-n lirtn-ffeiulrti F.uMg- 
nissen local am nüclisten wohnenden Irrenürzte über 
die Thatsachen Authentisches m erfahren, was in 
der Mehrzahl der Fälle möglich sein ihlrfle; ilie Be» 
arheitung würde weiter da'in zu hc^tehru luiln-n, ditss 
über gewisse Zeitabschnitte, etwa \>m einem haliien 
oder ganzen Jahre, in Berichtform Rechenschaft 
abgdq;t würde, wozu z. B. diese Frühjahrsvcrsamm» 
long jedcsnud die geeignete Gelegenheit wäre. 

Gegenstand spaterer Beschlussf i-^iinc: . wenn der 
ganze Veraucli sich aU practisch durchfulirbar und 
zwedonäSMg erwiesen haben wird, tnuss es sein, in 
welcher Weise die Eigebnisase für die Oeffentlich- 
keit nutzbar ^jemaiht wfrden s<jllen; in Betracht 
kanten dabei, um auch liierin mit vorlaufigen Vur» 
schlagen zu konunen, ifie Bearbeitung in BrochQren- 
fonn, geeignet zur Ücberinittlung an Regierungen 
um! rarlainente uml <l:f TtilcroMniriL; uitNlerum der 
Tagespre&se. ts kann g;ir keinem Zweifel unteiliegen, 
daas die duliche und intell^ente Presse die beste 
Bandesgenossin der irrenilrztlichen Bestrebungen 
werden wird, sobald die Dringlichkrit des \ i rlieü' iiflen 
Notlistandcs überzeugend nacligewicj^en sein wird; \\m 
der Tageapiesse aus wird alhnahlich die Aufklärung des 
Publikums ausgehen. — Was die jährlichen Kosten 
anbetrifft, so glaube ich zusagen zu können, da.ss ein 
von der Versammlung bewilligter Credit in der Hohe 
bis zu 300 M. die AusfOhning des Planes in dem 
eben kon laniissenen Umfange ermöglichen wird; 



ich würde dit-s im eine voraustkhtBch nutzbtiiigende 

Kapitalsanlage halten. — 

Ich bin weder im Allgcincinen m optimistisch 
veranlagt, noch in dieses spedeile Froject so blind 
verliebt, dass ich nicht eine ganze Reihe 'von Ein- 
\s;Uiden .sühe, die sich da!Te<;en erhebe)» liessen, auf 
die ich aber, um der Discussion niclit vorzugreifen, 
jetzt noch nicht eingidien will, ^fur eines mOcbte 
ich vorwc-ij betoiu n : ni tii sagt Wohl hier und da, es 
.«lei wOrdiu' r ui;<l \i niehmer, zu si-l;<.veigen. Nun, 
wir haben lange genug vornehm gcscriwicgcii und wir 
sehen, was dabei herausgekommen ist; der Versuch, 
mit energischem Zugreifen weiter SU kommen, ttt so- 
mit wohl der Mühe wcrlh. 

Erwühticu will ich nur, dai>s natürlich auch für 
benachbarte Themata, fOr die in der Veraammlung 
Interesse vorhanden WÄrc, bei dieser Gelegenheit 
Material gesammelt werden k' ■nute , uml ich würde 
mich über dahingehende erweiternde Vorschlage nur 
freuen; nur mOchte ich bitten, dasnodi nidit einmal 
vom Stapel gelaufene Falirzeug nicht gleich von 
vornherein bis zum Untersinken zu belasten. 

Wenn Sie mich nun fragen, warum ich grade jetzt 
mit diesem Projecte komme, so konnte ich im Allgemeinen 
antworten, dass es damit immer zusp.lt, niemals aber 
zu früh sein kann. Es existirt aber auch ein direct 
drängendes Moment: die bber kuia oder lang 
doch au erwartende reichsgesetz liehe Reglung 

aüer mit dem Trrenwesen 7.i!';.-t!!jte»T>!'.rin-.;eii.d"ii Dinge, 
spccidl die einheitliche Gestaltung des Auf- 
nahmeverfahrens. Wir haben die Erfahrung ge- 
macht, flaw die WOnsche der eigentlich Sadiveistftn« 
dij;cn , der Irrenärzte, bei solchen gcsetzlii hcn Fe^jt- 
leguiigeu keineswegs immer auf da» uuUiwendigc 
Maass von Betücksiditigung rechnen können; häufig 
sind wir auch zu uneinig gewesen oder überhaupt zu 
.spät aufgestanden, um die sai hlichen Nolhwendigkeiteii 
mit dem erforderlidten Nachdruck verlrelen zu 
können. Kommt es in nAchster Zdt, so lai^^ die 
jetzigen .\u(fassungen im I'ublikum und bei den 
Parlamenlarien noel; l i stchcn, zu einem Rc-i( 'is<;eselz, 
»o können wir mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, 
dass nichts Besseres kommt, als wir es jetzt liaben, 
dass im Gegcnthcil sehr bedenkliche und gefährliche 
Zustande für lanpi" Zeit gesetzlich fixirt werden 
können. Da erscheint es mir nun nicht nur nützlich, 
sondern ebie nothwendige That der Selbsterlialtung, 
dass Von ilioser Versammlung aus, ticr \'ertretung 
der gesiunmten «leutsrhcn Irrenärzte, etwa-s Einheitliches 
geschieht, nicht Lamentationeu iiuierhalb der vier 
Wände oder Ftoteste in der Fachpuesscv sondern dne 
positive Leistung, Besdiaflun|; eines erdiQckenden 



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I902.] 



69 



Bewatonatenales Ober Art aad AiMddnuuig der Mte- 

Stande, die wir zu beklagen habob' .Mit dieser 
SammJung cr^l dann zu be«rinnen, wwin die \'<rr- 
beretlungcn zu eiticm irrcugcüctz merkbar werden, 
das wtve nun freilidi wieder viel su spML 

Ucbethaupt sind jetzt die AuBBichten, die Ge- 

sammthcit der doutst iicn IrrenUntte zu grösserer Fin- 
heit zusammenzuknüpfen, besser, aJs jemals; die V'oll- 
«ndon; der Einhddlchkeit des Rechtes nadiigt uns 
wen^tens auf gewissen Gebieten zu einer genieiil- 
!»imcn Sprache und die Einführung! des Staatsexamens 
wird allmählich die erwünschte Nebenwirkung haben, 
dan die jetzige bttbylonische Verwirrang in der psy- 
chiatrischen Nomenclattir durch weise ües( hr.'lnkung 
jedes Einzelnen einer beaeeten Verstandigung^oiögiich- 
keil Platz madit. 

So bitte Ich Sie, diesem von mir kunc skizzierten 
Prrij<^« le, dessen technische Einzclliciten erst die Er- 
fohrung entwickeln muss, einem Projecte, in dem 



nnibls Trennendes,, sondern mir Gemefanstnes ent- 
halten ist, zum Leben zu helfen. Ich Utle sie erstens 

um ihre prindpielle Ziistinunung, zweiten«; um die 
Wahl der Persönhchkciten für die statistis« lie Coni- 
miMMm und dritte»» om GeM." 

Die Versammlung erklärte nach einer Discussion, 
über deren Einzelheiten der ofßdelle Sitzungsbericht 
Auskunft giebt*), eiMtmunig ihre Zustimmung, und be- 
willigte den beantragten Credit. Zum technischen 
Leiter der geplanten Sammlung wurde Prof. lluchc 
ernannt, mit dem Kcchte weitere ^Utglieder zu cuup- 
tteren; ausserdem wurde aus der Reihe der Vontands» 
nutgjlieder iVof. Filrstner b die Cennmissarai gewählt 

— Wmtem Mittheilunge'n an die G)l1^n in ganz 
Deutschland mit der Bitte um ihre tbatkraftige Unter» 
stitzimg des Unternehmens werden demnächst erfolgen. 

*) «. dco Ücrkbl in voriger Nr. 



Dioflin. 



P\as Diunin, ein salzsaures Aethyhnorphin , ist 

ein weissem, gcrucld<>scs, bitler s< hni<'i kciu'rs, 
kr) staUiuii»chc& Pulver. £s lost sich unter neutraler 
Reaction leicht im Wasser ([4:100). 

Nacli V. Mcriug verhalt sich Dionin hei Kalt- 
und Watml hlllem im WesenUichen wie Codein, .seine 
W'iriiung crsciieint aber etwas stilrkcr und von längerer 
Dauer. Das Diunin dfirfte seine Stellung ai» thera- 
peutisches Agens Bwisdien Codem und Morphin ein- 
nehmen. 

Nach überciustimmciideiu Uith^^ile aller Autoren 
äussert Dionin, selbst in grosseren Mengen gqieben, 
kaum unangenehme Nebenerscheinungen. Infolge 
dessen eignet es sich be.*>ser als das Heroin als Ersatz- 
mittel des Murphins. Es hat sich das lleruin im 
Al^emeinen als weh toxischer erwiesen als das Moiphm, 
es sind wiederholt üble Zustande selbst nach Gaben 
von 0,005 P Heroin, mui. beobachtet worden. 

Hoff oonstatirte beim Katzdien, dem er 0,01 
Dionin tntravenfia injidrte, eine VerlaogsamuDg der 

Athmung mit vrrlangcrtfr F.x- iirid Tnspiration.-idauer. 
Es konnte s<innt die atmosplarischc Luft längere Zeit 
udt den Lungencapillaren in Berflhrung bleiben, der 
Effect der Lui^enveodlation wurde also erhöht. In 
einer von Winternitz an Menschen angestellten 
Venudisreihe, in wek-her er die Wirkung des Diooiiks, 
Codeil» und Heroios mittels des ZunlZ'Geppert'schen 
Respiratio ns app ai aics auf die Athnnuig fcstsidll, kommt 



genannter .\utar zu folgenden Kesidtaten: Dionin 
und Codein setzen weder die Atlicmgir'isse mich die 
Alherafrequenz herab, sie beeinträchtigen in keiner 
Weise die Errq;barkeit des Athfemrentrunis. Heroin 
dagegen zeigt eine schon hei sehr kleinen Gaben 
Hti«ir<'prflftc Muriiliii'.uirkung, das Athemvoiumen sank 
bei einer Versuciispersou, deren Kespiration durch 
01,06 gr Dionin unbeeinßusst blid>, nadi 0^007 gr 
Heroin, hydroi h. in kurzer Zeit um mehr als 1 Ltr., 
dabei vennindertc sich die Atlicmfrequenz , wahrend 
die Tiefe des einzelnen AUicmzugcs nur unerheblich 
zunahm; die Erregbarkeit des Atliemcentrums da- 
gegen erfuhr eine beträclitlit he Herabsetzung. In 2 
Versuchsreihen von Winternitz und Damisch 
wurde 1 — i Std. nach Appl)< ation des Dionin eine 
Ste^terang des Athemvoltunens um i — 1 Ltr. p. 
Min. beoba<-htet. 

Nach diesen durch das Experiment gewonnenen 
Thatsichen sind dem Dionin als Heihnittiel von vom* 
hereiu 2 WMniRgskrGiae erOflhet; man wird es erstens 
anwenden als beste'; tind iin^f h?kl!tf-bfs tirtalccfis« lies 
und narkotisches Ersatzmittel de» Morphin abendl 
da, wo man glaubt von 4er OidintMion des Morphin 
abseben zu müssen ; man wird es zweitens verabreichen 
bei verschietlencn Frkrnnktmgen der Atlirinwcrkzcugc 

Die klinischen Mitthcilungcn, weldie das Dionin 
in dieser Anwendmig als ein voncOgliches Mittd loben, 
sind sehr zahlreidi. 



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70 



PSYCHIATRISCU.N£UROLOGISCH£ WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 5. 



Nach Bloch komint d«iD Dionin dne «xquiait 

schmerzlindernde Wirkung m und überragt es in dieser 
this Morijhiii unrl Oniein nn U!:d für si< Ii , !iaupl- 
bikhlicii aber aus dem Grunde, weil e» mtolge des 
Fehlens der mit den andern Mon^hinprüparaten 
verbundenen Nebenwirkungen und der geringen 
Giftigkeit einerseits bis zu einem .ijewissen Grade die 
Steigerung des antal^scben Effectes durch Erhöhung 
d«r Gaben gestattet, andeneits, was woM fOr 
die Indication der Schmcrzstillung von grosser ße- 
d<*ittung i<t, mit Rflcksiiht auf seine leichte Löslich- 
keit und die dadurch bedingte rasche Diffusion in 
die Blutbahn in kOnerer Zat ah die froheren der- 
artigen PritpanUe seinen Hcilüwci-k crfflUt. Nach den 
Mittheilungeiv vi>n Zirkelba' h ms ilei II int<?men 
Khnik der Budapester Universität wurde die schmcrz- 
stiUeode Wiilning des Dlonios erprobt unter anderen 
bei 2 Fallen von Angina pectoris; hier linderte Diuntn 
zwar die Schmerzen, nher kannte ilic TTaufigkcit 
der Anfälle nicht beeinträchtigen. Das Diunin be- 
wMhite sidi als gutes Analgeticnm bei Carcinom des 
Magens 3 mal, bei Ulcus ventriculi 2 mal , el>enso bei 
Cardialsric ;nial; in ^ Fallen von Leukaemic (ein 
Fall mit Tabes compliciit) linderte ei die in den 
platten Knochen sitsenden und die durch die Mils- 
anschwellung entstehenden Schmerzen für mehrere 
Sttiiiiien. In 5 P'allen von TaVics dorsalis vcnnii>i1«?rtc es 
fiir 2 — 5 Std. die laoanirenden Scluaerzen wesentlich; 
von 2 orises gastriques harten Uebelkeit, Erbrechen 
und Magctikramprc nach iNonia bd dnem FaU 

ganzlich auf, beim anderer» wurden «if massiger. 
Sdu gut rcagirlcn auf Diotun die Schmeixcn bei 
Syiingoiayelie (a Fftlle), Ischias ( j), bd vertichiedenen 
Neuralgien (.^i und je in i Falle von Polyneuritis 
acuta rheum. und Carcinoma mammac. Zu ahnlii heu 
Ei;gebnissen kam Burnikucl, der die licubachtungen 
aus der ni. media Klinik in Berim mittheüt: Es 
wurde Dionin l>ei den verscliicdcnstcn Erkrankungen 
mit gutem Erfolge angewendet, inslxrsonderc bei einer 
gr«mcn Zahl von schmerzhaften Affcctioncn des weibl. 
Genitalapparates (Farametritis, Carcinuma uteri u. a.) 
— X^'altor lind Isenburg wendeten mit demselben 
guten Erfolg Dionin bei diesen Kiankheiten an. — - 
Bd Pleuritis, Ulcus und Carcmuma ventriculi licss 
Dionin nie im Stich. Salzmann rOhmt ebenfalb 
die in hi.itiem Grade aiialgelischen Eigenschaften 
dieses Mittels und wendete es unter anderem bei 
Cholelithiasis und NephroUthiasis an. Heim ge- 
bmudtte Dtonin ab adimerastiUendeB lüttd bd 

Cholelithiasis, Ulcus und Crit' in. iina \entriculi, Neural- 
gie, Appendicitis, Gastralgie und Pleuritis ; die Wirkung 
sei ebie edatante gewesen. Melzer wendet Dionin 



als xrhmeRlindemdes Mittd an bd 30 FSHen und 

constatirt 2 mal Misserfolg, in den 18 anderen raschc 
Bt-st-iti^uiij,' luioi Liiidorurii: der Beschwerden ;iliiitirh 
wie beim Morphin. Auch er betont wie fast alle 
Antoten, dasa Dionin in «einer ana^etiachen Wirkung 
etwa« müder wirke als Morphium, dagi^|;ea die Qbicn 
und imanpenehnicn Nebenerscheinungen desselben 
nicht zeigt. Wahrend liüuigschmied das Dionin 
bd pleuiitbdten Schmenen mit ausgeseichneiem Er- 
folge anwendet, konnte er ihn bei Schmerzen im 
Magen, bei Kolik uml Peritunhis für sii:'i allein weniifer 
wahmelunciL Er xcrabreicliic bei Magenschmerzen 
und Erbrechen Dtonm mit Cbcain, bd Kolik in Ver* 
bilKlung mit Ijiuilanum, bei Gelenkrheumatismus mit 
Xatr. salicvl. , bei Is4hias mit Agaihin »md o.n- 
stalirte, dass die Sdimerzen früliet nachlicsscn, als 
wenn die genannten Hitld ohne Dionin fOr dch 
allein gegdxn worden. 

Dionin wurde verordnet, um Schlaf lu erdden, 

sowohl in Fallen, wo die Insomnie durch grosse 
Schmerzen verur."Mi< lit war, als aucli in den Fallen, in 
welchem der Schlaf dem Kranken in F<.>lgc allgemeiner 
Unruhe fehlte. Die Dosis von 0,015 — 0,028 gr ge- 
nügte meistens. Ein tiefer, betSubungsartiger Schlaf 
«"urdc auch nach grösseren Gaben nicht beobachtet. 
'Uel>cr Kopik-hmerzcn, Eiugenommeiuem 'des Kopfes 
klagten nur wenige Patienten; der Schlaf ist als ein 
erquickender zu bezeichnen. 

Als Ers.it/mittcl des Morphium fand Dionin auch 
Aufnahme bei den I'sv( hiateni un«l Neurologen. Narh 
den von F r c i m u t h und Sturm hüfel gemachten 
Erfahrungen hatte Dionin bd Psychosen fast kdnen 
Einfluss auf Erregung uiul S< h!af, vi>n Kröincr ist es 
;oieh lici Angstzustanden der Melancholiker ohne Erfolg 
versucht worden. Hoppe verspricht sich bei Et- 
r«gung9»istanden der MdanchoKker ahnlidien Erft^g, 

wie ihn das Morphium hat, weil dies ja indireci duidl 
Linderu'iL' 'lei pln si-i iicn iiiiil |js\ i hi.srhcn Schmerzen 
Schlaf und Heiuhigung bringe. Kansuhoff bestätigt 
diese Erwägung durch sdne Vemidie. Bd 3 Fat. 
mit vorliegend melancholischer Verstimmung, von 
denen das Moqihiuin nicht vertragen wurde, erzielte 
er sehr befriedigende Resultate mit Dionin, in weiteren 
6 Fallen war der Erfolg gut, dem des Morphiums 
gleichwerthig ; bei weiteren 2 Kranken wirkte Dionin 
nicht, Wohl aber Moqiliin ; endlic h in 2 F.11len starker 
Encguug versagten beide Mittel. Meizer hat 
Dionin fast stets mit bestem Erfolge bd Erregn^- 
und Angstzustanden leichteren und mittleren Grades 
angewendet. Nach Zi r k e 1 h a ( !i ist «he narkotische 
und sedative Eigenart dos Dioimis wohl geringer als 



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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



7» 



die dm Moqshin, aber «tttchieden intcrnsiver als die 

des Heroins oder Codeins. 

Da Oionin ebensowenig wie Codein Euphorie 
oder ahnliche Zustände hervorruft, wohl aber ein Ab* 
kUngen der AbsliDenzencheniitngeii bewirkt, da es 

ferner vor dcni C Klein den Vorzug' hat, class seine 
Lösungen neutral sind und daher bei der Injection 
keine Sclimerzeu verursctcheu , so eignet es sich als 
votsflglichcs Mittel bd Morphimnentaehnngskttreii und 

ist a)> si>I(he> mit bestc-m Erfalp;e von Frcimmeund 
Heinrich verwendet worden. Nach den Erfatirungen 
des jcutgenanitten Anton ^goet sieh kein aaderas 
Optomalkakrid, auch das CodebL phosphor. nicht m 
so lioltrm Maasse zur Linderung des Morjihiumhunirrrs 
als das Diontn. Eine Ai^ewöhnung an das Diouin, 
ein Dicminhunger, ist nie lieobachtet worden. 

Zahlreich sind die klinischen Mtttheilungen, welche 
die Ilrilwirknnp Diuiiins bei Erkrankung der 

AUtem Werkzeuge bestätigen. Körle bbt es als 
aligen. achmenUndemdes und schlafbringendes Mittel 
bei Phdliais pulm., bei ihronisrhcr Bronchitis. Lungen- 
emphvspm und nrciK liiiiLiAtlim.i. Kr i'ikl.'ül es für 
zuverlässig zur Bekämpfung des Keiztiustcus bei be- 
ginnender Ltuigenphthiae; auch beeinflusse es die 
Narlitschwcissc günstig und crieiclitcre in hohem 
Maasse die Exjiector.uion, Di<*solhi-ii j>ünstii;cii Eifi lijc 
erzielte Janisch beim t>ebrauch des Dionins bei 
chronischer Brcmchitis, bei Einph3Kiem, Asthma, bei 
Phthisis der Lungen und des Kehlkopfes. Schräder 
sagt: Bei einer Kr.iVikUrit . deren Verlauf sidi ül>cr 
Monate hinzieht, ist der WunscJrnacli einem Wechsel 
therapeutisch wiiksamer Mittel van Seiten der Aente 
uml der Patienten gleichberechtigt. Je mehr gleich 
oder Ahnlich wirkende Mittel man ilahcr an «Icr 
Hand liat, desto besser wird luaa den Anforderungen 
der Praxis entsprechen kflnnen. Bd seinen Vemidien, 
die er an einer grö8.<ieren Reihe von Phthisikem mit 
Dionin, Codein, Pcronin und Moq)hin anstellte, 
kommt er zu folgenden R^ultaten : Dionin beseitigte 
oder linderte den Reishusten und verachafTte besseren 

oft anhaltrndrn Schlaf, die Kninken fühlten sich lie- 
haglicher und ruhiger. In manc hon Fällen war die 
Wirkung des Dionins entschieden günstiger und aus- 
gepiigter, ab die Uraien Dosen Ctoddn; es leutete 

vielfach dasselbe, '•vri? ^v^r \ i in drn Piit*-'pre'-h»-ndf*n 
Dosen Morphin zu sehen gewohnt sind, ohne indessen 
im allg. dessen unangenehsie Nebenwiifctmg m theüen. 
Erschwerte Expectoiadoo, Uebelkcit, Neigting /.u Ob- 
st)p.itii>ii wurden nur gani vereinzelt bei>l>acbtet, ein- 
mal trat vermehrte Schweisssecretion auf. 

Gleichfalla bd acuten und chronischen Ldden 
dar AthmungKMfflne haben Kramolin, Higi«'» 



Melaer, Isenborg und Bornick oel mit bestem 

Erfolge das Dionin verabreicht ; sie fanden, dass nach 
dem Gebrauche dieses Mittels der Husten f ortbleibt, 
die D^'spnoe abiümmt und der Ausv^-urf erleichtert 
wird. Schmidt, der Dkmin in sehr zahbeiehen 
Fällen bei chronischen und acuten Krankheiten der 
Lungen gegeben hat, rühmt die günstigen Eigen- 
schaften und die gute und prompte Wirkung desselben. 
Von Zirkel bach ist DuMiin als husienstillendes 
Mitto! her 7 j Krankrti angewendet, bei einem Tlieil 
der Falle bürtc der Husten vollständig auf, bei anderen 
veiringertc er sich erheblich; bd Lungen- und Rippen- 
fdlentaOndongen mflssigte es das lastige Sdtenstechen 
tmtt crlciehtcrfr rien Arrswurf. Bei Astlnna in > Fällen 
gegeben, vcnuiiidcrt es sowohl die Intensität, wie 
auch die Zahl der Anfiüle. 12 mal bd Dyspnoe, 
dargereicht, deren Unaclien in 7 FflDea du Hers- 

fehler , in <; FfSlIen Fmph\ <;em «"ir , sicherte Dionin, 
aiLsgcnommeti i Fall, den Patienten einige ruhige 
Stunden durch Mässigung der Athemnoth. 

Audi in der Kindcrpraxis, besonders bd Keuch- 
husten, i-t Dil min nüt elnimMii Ntit/eii atrcewendet 
worden. Hoff bericlitet: Ich habe ni'KTh von keinem 
Mittel dne sokrh' gOnstige Bednfhissang des Keuch- 
hustens, wie von der Combination Dir>nin mit Anti- 
pyrin, gesclicn. Bei m Invereii Fullen \(>n Glottis- 
krumpf ist der Effec t immer giit und sic her. Schmidt 
rtkhmt die Wirkm^ des Dionins bd Keuchhusten 
mit folgenden Worten: Ich maclite die Bobachtung, 
dass Dionin die hfUifigen spasmatisi'hen .\nfalle sctfort 
mildett und auch vermindert, und dass die Krank- 
hdt ohne Nachfolgen in vid kflnerer Zdt vedSuft 
als eliedcin. G o 1 1 s c h a I k bcliaiidelte 32 Kinder 
meist tiisl. 4 — 6 W<M hcn lang und zwar auf dem 
Höhepunkt der Krankheit mit Dionin. Bei 13 Kindern 
war die Wirkung ohne Jeden Einfhiss auf den Veiiauf 
der Krankheit , d. Ii. weder die .\nzalil der .\nfillle 
noch ihre Stärke wunlcn günstig beeinflusst, dariuitcr 
waren 5, bei denen ab CoinpUcation dne Pneumonie 
auftrat, z, bd denen das vorher angewandte Brumo* 
form und BcllridMima auch keine Besserung verschafft 
hatten. In 9 h.'ilicn wurden Stärke und Anzahl der 
Anfalle deutlich gebessert Bd 10 Kindern nahmen 
mindestens die Anxahl der AnMIle deoilkb ah. Bei 

der Hfüfte der Kiiuir' c-alien r|ie Malter an , der 
Husten sei viel lovcr geworden. Eine Beeinflussung 
der Dauer des Keuchhustens durch Dionin sah der 
Autor nidit Das Mittd wurde gom und im allgem. 
selb.st wochenlang ohne tm^nnstigc Nebenersclirinuniren 
genommen. Ohne ein Speciticiun zu sein, ist es jedciv- 
blb dn angenehmes Narooticum, und es »t seine Ver* 
Wendung bd Keochhtisien unbedenkBdi au empfehlen. 



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7« 



PSYCHIATRISCH-NEL'ROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 6. 



Rcsnouiai wir kun, so kann mn die aUjgeiiieiiie 

Verwendung; des Dionins als Ersatzmittef des M<iq>hin 
nur empfehlen; es leistet als Anaigeticum — wen^r 
als KarcotiGum — in der Mehrzahl der Fälle Alles, 
ma man erwarten darf. Wo Diomin versagt», wird 

ntrsfi tiarh wie vr»r zu dem stfStkrr uirkcndeii Morphium 
greifen müssen. Da Dioiiin die Reizbarkeit der Luft- 
wege henibaisetsen vermag, ohne die Athemthfltigkeit 
zu beachiänken, und da es die Expc-iioraiion Ire» 
günsdgl, ist CS bei allen rni' Reiz cinhcrgehenden 
Erkrankungen der Respiraliun!« >rgane anzuwenden. 
Dionin wird ordinirt in der Regel in Dnsen von 
0,01—0,04 gl 

Eino cigenthümlirln Wiikuiig des Di<iniiis uiul 
aurti des l'eruniiui auf das luciuichlichc Auge bc:>chricb 
als Erater Wollfberg; er fand, dass I^nin dem 
C'oiijuiii livalsack applii irt fi »Inende Syrapti»me verur- 
sacht: Ik'i M liwat her I-ösung tritt nat h wctisiren 
AugenUiLkcii, bei starker Lüüung und bei Üioiiin- 
pulver sofort das GefOhl von heftigem Brennen und 
Prickeln auf, das etvk-a 2 — 3 Min. anhtilt Hierauf 
strilt s;Vh bis zu einem t^ewi^ren ';r;i<l'' At»aesllie>ie 
ein, (ier durd» eine Augciikrankiieii c-iwa bedingte 
Schmerz schwindet. Schon einige Secunden nadi der 
Applic ation tritt Injcctinn der Omjunct. Inilbi auf und 
•.tÄrkeres Tlirancn, die Injccli<>n pfkiuzl sieb fort auf 
die Conjunct palpebrae, die Lider schwellen mücliüg 
an, die Lidhautvenen sind erweitert. I^c Schwellung 
reic ht uft bis auf Stirn und Wange. Die ('onjunct. 
bulbi ist gerüthet, chcniutiscit gcsehwellt, die Cheni<>.'sii> 
ist am deutKchsten um die Cornea herum. Letztere 
ist glatt, stark glänzend , etwas anaesthetiscb. Nach 
ca. 3 5 '^ft' ^"id etil SP Erscheinung».'!! ■-1 hin« rz- 
lus ge:>eii\vundcn. Darier hat ausser mit i.>ii>uiu 
Versuche mit Morphin, Heroin und Codein angestdit; 
nach ihm ruft Morphin als Pulver in den Bindehaut* 
.sack gel>racht /w;tr f-!'cnf;il!s wie Dionin eine be- 
träclttlic he Cliemusib iier\cjr und entfallet eine kr<il'tige 
analgetische Wirkung, ist aber wegen der eminenten 
Vefgiftungsgcfahr nic ht cin|)fchlenswerth : dasseU i _'ilt 
Vom Heroin. ( fHlein .sc heint ki iii' iru.li^uMti ;iiie 
W'irkiuig zu haben. Vermcs hat diese Mittel einer 
PrOfting untersogen und nichts anderes als die Follung 
der Gef;is.sc gefunden, <li>ch eine (Ophthalmie wie die 
diu'ch Diniiin Ik u irkie. konnn- er nic ht 'onst^itinMi. 

Es ist an/unclimen , da.ss die Iwleutcmle Durch- 
fctichtung tmd Auflockerung der der Dioninwurkung 
ausgesetzten Gewebe die KesorjUiun {>alhülojTischer 
Kntzondungsproductc /u fVirdern und zu beschleunigen 
im Stande ist Lunicw&ki konnte durcti einen 
Thiervenuch diese VovauMetznng bestätigen. Er inji- 
orte einem Hunde in das Corpus vitrenm beider 



Augen japaniscfae Tkische; lueniif wnide in das eine 

Auge I>i nnirptilver eingestaubt 40 Minuten darauf 
wurden beide Bulbi enudeirt Sclwn makroskopisch 
-zeigen Sdnütle durch das dioidntKte Auge sUtrkate 
Färbung in der Gegend des Corpus dliare, das 

Ligamt, pcrtin. irrKl der Iris, als die diircli das andere 
Auge geführten Schnitte. Die Resultate der mikro- 
skopischen Untersuchung fasst der Autor in folgende 
Sfttxe /.usainiiien : „Oer Strom, der die Tusche> 
|)artikclc!'.oii T irtsc hwenunt , ist im dioniiiisirtm Aiitrf 
stärker, es kommt hier xur veoü^n Stauung, die 
Lymphstomata sind hier erweitert Das Dionin ruft 
eine stärkere und lebhaftere Lvmiihcirculation in der 
Vorderen und hinteren LympViI .ilm (i<nir" 

Da die durch Lymphe, überschwemmten lJcwel>c 
einer besseren Ernährung atogesetst sind, wird man 
annehnicii clQrfen, dass sie «ine erhiAie VhalitSt ent- 

w-ic kein können. 

Als eiiiter bet«mt Darier die eigenartige tiefe 
und lange anhaltende analgesirende Wirkung des 
Dionin — licc al angc;wciidet — bei sc hinerzliaft er« 
kl 1' l.ti iii Auge, w.'lhreml es anaesthesirend nur 
ganz germ^ «irke. Es bestdie ein directer Gegai- 
satz zwischen der Wirkung des Dionins und des 
CcM-ains; un oeil cahnc!' de sos tlouleurs profondes 
par la Dioninc senlira trt-s bien le c ontact, la piccjüre, 
Ic pincement ou Ics cautciisatiuns. G est exacicmenl 
le contiaire de ce qo'on observe pour la cocalne qui» 
en meine teni]« iju'elle eteint la sensibilitcj jieiiphe- 
riijue, e.\dte et stimule Ics centres psyc hoinoteunj. 
Auch Souiier, gestützt auf experimentelle Unter- 
suchungen und klinisdte Beobachtungen, rflhmt es 
als ;tnalr;cMiscrhes Mittel: on doit reconnailre ä la 
Diunine dans la plupart cU-s afTec tions douknireuses 
de Toeil la pruprieicj aualgi^mte profondc et de km- 
gue dürfe." Man hat veradiiedendidi nach einer 
Erklärung dieser auch v m vielen andern Autoren 
cuustatirten Thatsachen gcsucltt Luniewski sagt: 
„Die äbeifoOten L> mptistomata aben einen Druck auf 
die Nervenendigungen aus, fahren vielleiditsagardadurdi 
zur temporären Parese derselben — daher die anal- 
getische Wirkung und die leichter er/cjigendc Mydri- 
asis. Nach Wicherktewicz ist die analgetisdie 
Wirkung vielmehr der Enc>ct einer durch Dionin ge- 
bf'sserten f .yniphcirc ulation . als der der Einwirkung 
auf Nervcncudigimgen. Audi Darier erkennt tn der 
gebesserten L>'mphcirctdation nadi Anwendung dieaea 
Mittels einen Grund für seine schmerzlindernde 
Wirkung: Nest-ce pas la moyen l>ien sinKik li'ev- 
pliquer la duröe de l aualgesie: sublata c^usa, la 
douleur nerepaiaft pas. ISnen andern Gnmd liebt 
er in der dem Moiphin und seinen Derivaten — «Im> 



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73 



auch dem Diuuiu — zuki>inmendcii l>ei-iiliigen(ieii 
Wirkung Hilf die pftychmnotorischen Centren. 

Endlich sei noch crw.'lhnt, dass dem Dinnin \i>n 
Ikarier eine a»iliscptis< hc Wirkiinp /u^cschriebcii w ird. 
Vcrmus trat dicker l'ragu cxperimenteU näher. Er 
bereitet sith lo*/« Ditmin-N&hitioden aus Agar, 
Gflaiinc und Bouillon, impfte diesem sowohl ab auih 
einf.ifhf ni N.'ilirbrnlcn Se<Tet iler nioiiorrlii loa satvi 
1.K rymalis auf. Schun am folgenduu Tage zeigte »ich 
auf dem einfachen Nährboden eine Kuttur mit be- 
deutender Vitalität, auf dioninc-m Nahrl«)den dagegen 
lic&s sich Achnlichcs ni« fil ?icrl),irfiten , oder doch 
viel i»|>äier und auch da niciit nnt der Tendenz rasüier 
Fortentwicklung. Der Autor sagt: meine Eifahrangen 
Vonkludiren dahin, dass das Dii>nin auch einen 
gewissen nnui ;i(iti*;rp<is< hcr Wiri<nn!i besitzt. 

Diese 3 dem i)r<iiim zugescliriebenen resp. zuzu- 
schreibenden EigciMchaften tind Vurzflge lasten es 
als ein wichtiges lieiltntttel crsdi einen bei den ver- 
schieili-nrii Aiigr^ürifTo-iionen. Nach seinen an überaus 
zdhireiciien klimsclien ßeoUiclitungcn gemachten Kr- 
fedmingen kommt Wullfberg xa folgenden Resul- 
taten : I. Die Lymphflbersdtwemmmig des Au^es macht 
Dii-niii zu einf^m wichtigen Hilfsmiite) in der Be- 
handlung alle: llurnitautlcidcu, »pccieJI aulciicr, welche 
nicht von Bindehautleiden abhängig sind. 2. Diunin 
ist Cor die Wundbel\andlunK nadi allen Bulbusi.pe- 
niti<>nen und l>ei allen X'crlctzutificn iles Auga|)fels 
suwic des Bindeliauttrd.\us zu empfehlen. 3. Diunin 
ist dn UnietstOtzungsmittcl fQr die BehaniUung des 
grünen Stan. Man mav* jedoih stets sich vergcgen- 
wfiriii:! II. »HS erreiclit werden soll: bei frisc iien Ilorn- 
liaufwufideii der S< hutz einer bereits vorli<indenen oder 
kflnstSch herbe^eftthrten prima intentio gegen In- 
jection — bei infn irlen Hurnhaulwundcn eine Kräfti- 
gung der Vitalität dcji normalen Cewrln ^ -< L;' tiü' 
den Infcctiun^cirocn , — bei Ilornhauticulen Ver- 
minderung des Schmerses und besdileunigte Heilung, 
— beim (Jl.i ik' m X'nminderuni; des .S< hnier/.e.^, 
Klflning der Hoiniiaiii uiul Heiabselzung der Tensiim. 
Gracfe spricht sucl» gegen eine .Anwendung de* 
Diunins nach Eröffnung des Bulbt» ans. Er versuchte 
Dumin in 4 Fallen von Staroperationen, 2 Fälle 
hcütiTi Tinmial. in «lern einen der 2 andern Fälle liss 
bei .\nwendung des Diunins durch heftiges Niesen 
die Wunde, im 4. war das Atrium 5 Min. nach der 
Eintrlluflung mit Blut gefüllt. Wahrend dieser Autor 
in -ISO Fnllcri 40 mal heftiges bis 30 mal hinterein- 
ander erfolgendes Niesen fand, beobachtete Wollfbcrg 
unter 600 mit Dionin briiandeiten noch nidit einen, 
der nieste. Luniewsky, welcher Beobachtungen an 
Ober 100 Falle anstellte, konnte ebenfalls entgegen 



den Beobachtungen vi»n Graefe keinen Niesreiz tou- 
xtatiren. Wicherkiewicz hingegen bemerkte bei 

einigen Piis-iien nach C- injunctivaleinlrSiiflnngen 
Niesen. \V' llfberg glaubt, die .\rl der .Anwendung 
sei schuid daran, dass in den Gräfe'schen Fällen das 
Niesen eine so häufige Erscheinung war, er werde 
selbsUersi;indli<li tlie eigenthümliche Beobachtung 
( »raefes ferner im .\uge behalten, trete aber nai'h wie 
vor für die ^Vnwenduug des Diunins bei der ersten 
Wundbeltandlung Slaroperirter und audi sonst in 
i\i-m von ihm veröffentlichten Sinne ein. Darier 
schli<-s.st sich den von Wollfberg aufgestellten 
Indicaliunen in seiner letzten Arbeit au: Je puis 
affirmcr que Taction lymphagn^e de la Dionine, jomte 
k son actiuii antisepte tres manifeste, fait de cct agent 
un moycn plii>- jirAricux pour häter la cicatris^ilion des 
plaies et pre\eiur les infections. Je suis heureux aussi 
de reconnaitre avec Wollfbeig que la Dionine rend les 
plus grands sei\i< es dans ie traitemcnt des operes tie 
cataracte. .^us-serdem empfiehlt er che .Xnwcrt hing 
dieses Nüttels bei quellenden Linsenmassen nach 
Discision, bei Exsudaten und Haemorrhagien zur 
ra.scheren Kesorjition, bei Irid<M horioiditis mit Syne- 
rhirii, .,1- sihrner/siillencles Mittel ausser bei Kcr.ifi- 
tuien und Glaukom auch bei Intiden und Cyklitidcn. 
Giaefe wendet Dionin an bei Conjunktivitis , Iritis, 
Ind(M-yklitis , ("liori. .rctinitis , ()]ia. iias i .ipirüs vilrei. 
Lunicwski fand bei .\pplication des . 1,1ns wenig 
oder keinen Erfolg bei Ci>ujunctiviti.s acuta und [)iily4-- 
tenulosa, bei Trachom, Blephariliden, bei Corneo» 
akleral - Wunilen, bei alten Maculae corneae, bei 
atruten uml clir< tnischem ( »laukom, hin wietlenim günstige 
Wirkung bei frischen Maculae con»eae und Keratitis 
parenchymatosa, bei tratunatischer Keratit», bei Opa- 
citates corjc vilr. mn! f ' i Ablatio retinae, (leraiiezu 
segensreich ist der lirlolg der Dionintherapie l>ei 
Iritis; es mildert den Schmerz, unterstützt mid be- 
schleunigt die Atrapjnwirkung. In Fallen, in denen 
trotz r.Hain und Atropin die Pupille eng blieb, trat 
sofort na< h lo%igcr Dioiiinlösuni; Enveitcrung ein, 
ja noch mehr, bereits vorhandene Synechien wurden 
zerriKKm. Diese letztgenannte Eigenschaft des Dionins 
wurde ebenfalls von Darier uml Simlier iicrvorge- 
boben. Nicolai er und ahnli< ii W i c h e r k i e w i c z 
beobachtete, dass nach Anwendung von Dionin eine 
Pu|MlleQvereQgerting eintritt, die dann nach Atrupin 
einer um so prompteren und ergiebigeren Erweiierting 
I'btz macht. Tcrson berichtet über einen Fall 
von Glaukom nach Brightscher Rctinitis und üi>cr 
3 andere von typisch haemorrhagischen Glaukom, 
bei iletien nai h .Xppitt ation von Dionin >V\'- heftigsten 
imsütlbaren ächmerzen nachliessen und ven»chwanden. 



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74 

„Im Kampfe gv^eu diese i)en»itiösc Form des (jlaukonis, 
bei der eine Iridect<Mnie wirkungslos und geradem 
gefährlich ist, bd der auch Functionen in Stiche 

l;i<;^rn iinr! rlns .\uzf f:tst «lir-her der F.iuK lrali'in ver- 
• illen ist, sofern ninn sitli nicht atu der eingi cifendcn 
0|)eration einer Resection dcsSympathku» entschliestten 
kann, ist Dionin dn wefthvulles therapeutisches Mittel'*. 
Nacli <lcn F.Tf;ihRinc;<^n vin \'crnr< sfr'it der Nutzen 
des Dionii^ über allem Zweifel Leiden der Hornhaut 
alter Art, — awgenommen diejenigen, welche durch 
Erkrankungen der Bindehaut bedingt sind ferner 
hei Krankheiten der F^f^^enhogenhaut und des 
Slraltlenkörperü, wo c:> in Verbindung mit Mydxiätids 
angewendet werde. 

Bei Erkrankungen des Auges empfiehlt sich die 
Anwendung des Dionins: 

1. In allen Fallen, in denen inan die heftigen 
Stiunenten Undem will, auf welche die bekannten 
localcii anacslhesirendcn Mittel oliiie Wirkung sind, 
SO bei Keratitis, Iritis, Irido» v i litis, Gl;nilci >m (i 

2. In allen Fällen, io denen die Ernährung der 
Gewebe unterstötst, die Resorption wn Exsudaten 
und F.ntxündungqH'Odiirten befördert werden soll, und 

V in denen man eine sichere AtioiHnwirkung er- 
zielen will. 

Ob tnan Dionin bei der Wundbehandlung, besimden 
bei 5tar(»perationeii anwenden soll, ferner ob dem 

PrJlparat antiscptisthe \\'irkiing zuk4tmn», um diese 
Fragen entscheiden /u können, werden ouch nielir 
Beobachtungen nAthi;; sein. 

Dionin wird ordinirt als Augentropfen in 2 % bis 
5"'^ wUssri^er Lösung; als Pulver angewendet, briiiu;t 
man etwa eine kleine Mcä:>er!iipitice voll iiu Auge. 
Wfillfbeig empfiehlt folgende Medication: 
Rp. Dion. 0,25 
Ol. caraii 1,0 
Fiat massa, c qua fonn. liai illi Nr, 10. 
S. tagt. I bis mehrere Stäbchen ins Auge zu bringen. 

Benutzte Litteratur über Dionin. 

1. Bloch, Tberap. Monatth. VlIL 

2. Bloch. Aer/tlich^r renrr:tlaiitei|{er, Wkn 1000, N'r. II a. SS. 

3. Doltenstetn. AU^tTm. Med. Ceniial'.Zeitui^ 1901, Nr. 
15 H. 



[Nr. 6. 

4. Bornikoel. l'hcrap. tl. Gcgciiw. i()'>o. 

$. Brctier. Psychnir. WochensdiT. 1899, Nr. 39. 

6. Darier. La CKni<)ue (»pbtalni. 1H99. Nr. S). 

7. Darier. l.a Cliniqu^ nphulm. t'foo, Nr. 6. 
H. Ikarier. I.a Clinique ophtalm. 1902, N'r. 1. 

9. Danca berger. Wodwaacbrift f. Therapie und My^ne 
des Aveea 19^0, III. Nr. 32. 

10. Krommr. H< rl. ktiii. Wc« Iiniv hr. iSqi», Ni. 14 

11. Fromme. Allgctu. med. Centr;il-Z«ilua£ 19OU, Nr, 34 
u. 35. 

12. Golttchalk. AenlL Rondscttaa 1901, Kr. 31. 

tj. Gracfe. Dentsche meil. Wochfrischrift. itjoo, Nr. 11. 
14. (iunzhurß. JtkUMial tiKMÜcnl ile Brux«-Ilcs 1900, Nr. || 
1$. Heim. KUo. ibeiap. Wochenschrift 1899, Nr. 46. 

16. Hetortch. Wiener «ed. Blifter 1S99, Nr. tt. 

17. Hesse. Pharniateul. Centraihalle 1899, Nr 1. 

18. Hi^icr. ÜeulKbe Mediciu, Wochcnacbrift 1899, Nr. 44t 

19. HSaietehmicd. AendliclM CentisI'Zcitttnf^ Wien 1900 
Nr. $1. 

20. Hoff. Aend. Central-.\ii»ciK«r, Wien 1899 IX, Nr, 31. 

21. Iienbur^. Mcdko 1900, Nr. 20. 

aa. Janiicb. MQnchener medida, W«chenaclirif( 1899, Nr. 51. 

33. Körte. Therap. Mooalahelle 1S991, I. 

24. Kr.imoün. Tlirr.i;.. Mi ri.iSln ftr l'iu-i, XI. 

25. Luniewski. Vci handig. der IX. poln. Acrilc- und 
IbmrfcMaehmctsamaloiig, Kndiau 1900, HeHkuada 1902, 
Heft 2. 

26. Meitzer. .Manch. Medicin. Wochenschrift 1899, Nr. 51. 
S7. NicoUier. Wochcnsrhrifl f. Tlieiapie «. Hn'*"' d«> 

Aqgie« 1899, III. Nr. 13. 
2i. Pletaner. Tbeiap. Monatsh. 1900, FebrMu. 

29. Ransohoff. F'sychialr. Wochenjchrift 1899, Nr. 20. 

30. Kosen fcid. AentL Ceaual-Zeitung 1900. Nr. 17. 

31. Sali mann. Wiener ned. PrCiae 1900, Nr. S4. 

32. Schmidt. Aerzdichr Central-Zcitung 1901, Nr. 34. 
3J. Schröder. Therap. d. (jegcnw. 1899, III. 

34. Simi. Bolletino d'Oculistica I9OOV Nr. Ii. 
3$. So ulier. Th^ de Lyon 1900. 

36. Ter«on. Ophtalm. Xl>nik 1901, Nr. 17. 

37. ITinl f-r. Therapie der Gegenwart I90O1 Fcbraar, 

38. Vcrmcs. Orvo»i Hctib^t 190a. 

39. Waith er. Zeittdir. f. praet. Aerale. 

40. WIntcrnitjt. Therapeut. MonaLsh. 1899, IX. 

41. Winterniti. Mu(iat!iM:hriri f. Psychialrie und Neurologie 

i.)oo, Bd. VII. 

4a. WoUf berg. WocbeoKhhft L Therapie und Hygiene de» 
Aofe* 1S99, III. Nr, 4 nnd («wo KI. Nr. 16. 

43 Wollfbcrj; Ther.]! Mnn-iuh, 1900, Heft 5. 
44. Zirk«lbacb. Orvusi Hctilap Nr. 37. 

E. Baucke-Bonn. 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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1902.] 



M i t t h e i 

— Die Jahresversammlung der Irrenarzte 
und Neunhofen frwizMiacber Zungt. (ii. 
Sit^iin^ za LiiDOges. Ano. MecL-psych. SepL— Oct 

Der vom l. bis 7. August slallgcl iahte Cun^p-css darf 
den gelut^;ensteii beigezählt wöden. Die Vorberei» 
tungcn war*n rerhtacitig gctniflen worden, Stadt und 
Aerztc \r,t) Linii ►[;(■•- iK-rciirtcii licii Cysten einen 
vortrcftliclieii Empfaug, und uiUcr dcu Thciltieimiam 
herrschte, schon doidi das nahe Zuummen wohnen 
begünstigt, eiii cordiaics Einvernehmen. 

In der En:>flhung«sit7.ung l>cw-illk<iriimtc zuerst der 
Maire (fiOrgenndstcr) die Vcr><animlung, indem er 
dem Wunsche Ausdruck gab, es möchten inuner mdir 
Mittel gefandien werden, die Geisteslaanbhdten ta ver- 

luitcn, und nacli ihm *l< i Dircctor der iiu-ilii ii». F.n iitt.'lt. 
Ihm antwortete Ballet, der President der Versammlung, 
selbst aus der Scbtde von Umoges hervoigegangen ; 

er wies auf die nihnivulli-, artistische imrl Http- 
larische Vergangeniiuji dci tcstgebendeu Sutdi hin, 
besonders aul die berühmten Aerzte und Ge- 
lehrten des vorigen Jahrhunderts, Dupuytren, Gay- 
Lussac und Crnveilhier, und besprach dann Methoden 
und Hilf>iii:itt'l de: iciy.i^cii r'->\ rl.i.itiic uiul deren 
Mitarbeit an der Umformung des Strafrcclites. — 

Nachdem in der NachmKtagssitmng desselben 
Tagc^ das ßürcau lonstituirt war, hielt Gsrrier sein 
Referat Ober das Delirium acutum. 

Er »haraclcrisirt diLsscibe als einen .Symptonien- 
complex. der sich ebensosehr durch seine aberaus 
lasche Entwicklung, als durch seine Geführiichkeit 
kcniizci« hnet, auf Infection beruht, na» h einem I'r - 
dromalstadium von schreckhaften tiallut inationen, Angüt 
und allgemeinem Unbehagen, ein Stadium der Auf« 
regung und dann ein sudchcs dos 0)IUij>sc,s aufwci.st. 
Psychisch stehen im ersten» allgemeines Delir mit 
völliger lucoharenz, somatisch völlige Anorexie, Ficht r. 
Dyspnoe und sehr frequentcr Puls im \\>rdi-rgrundc, 
im letztem, da« am 8. Tage zu beginnen pflegt, SiuiM»r, 
I.^lhnmngsersflniiiafi^cii uiul {'nnn Da.sselbe bleibt 
aber aus, wenn der Kall sich bessert, um entweder 
gans absuheiten oder in VerrOcklheit ttbentugelien. 
Ist aber da.s D. a. nicht ein prim.'lrcs , s<nidern ein 
secundäres, so en<lcl es meist tikittich. — \'crf. be- 
spricht an der Hand von 2 eigenen be< ibachtungen 
1) die patholog-anatonmchen Befunde, bo. der Nerven- 
zellen des Gehirns, 2) die Aeliokigie, welche er in 
der nervi ^c■n Veranlagung- des Individuums, in cr- 
wurbencr fc-rscluipfung und in der Toxi-Infet ii<in findet, 
deren Natur allerdings erst su finden ist. 

In der Distussion wird balil mehr die Into.xication, 
b.ii'i mehr die Infccli<in betont. l'u<l als |)ia< tische 
K< Igcruiig verlangt Regis, dass die bctreffcntlen Kran- 
keu uicht in die Irrenanstalten, sondern in besondere 
IfloBrabtheiltmgen der Spitaler geschickt werden, was 
die Versannnlung als Desiderat adoptirt. 

Am 2. Tage fuhr die ganze f iesellschaft, wuzu 
diesmal aucli Damen gehörten, nach einem benach- 
barten Dorfe, h;i-h im Sf hnn..iL;M i in'' \'< v- und eitle 

*) ^^ ef^cn laogcreo Aulcutbaits des Kcü. im Autluude a 
VentwumlwiK uMliig; di» Forttcltiiag wM aber demaSUtM crt 



1 u n g e n.*) 

Nachmittagssitzung ab, rudmi zwischen beiden das 
FrfihstOck ttnd naieh beendeter Arbeit das Feslessen 

in ländlich schöner (irgend unter B.'\inne]i ein, um 
beim Mondscheine nach Limc)ges zuiuck/ukchren. 

Folgende Vortrüge wurden gehalten: 
Bourneville; üeber Hämonhagien der Haut als 

Folge e]>ileptischer AnfUle. 
M ei c U(jl M r symmetrische Bewegungen der Glieder 

und Spiegelschrift. 
Dicay: Ueber R^rdiosen post operationiem. 
HürtcnVicrr; : l'cbcr die nutn'tive Wirkung des hypr^ 

dcniialist !> appliuciicu Lctitlüns. 
Roubinowitsch und Philippet: Ueiber Hedonal, 

das sie ak inuffensiv bezeichnen. 
Dontrebente: Unterstfitzt die Petition von 150 An- 

staltsangestelhi ti , d.diingehend , dass kfinriiuliiti 

Oekonumen und Kendantcn aus ütrer Mitte und 

nicht aus Leuten gewählt worden, die dem An- 

st.iltsdienste bisher gän/.lich f^rnt:e=-truiden ■ — WttS 

von der Versammlung adoptirt wifd. 
A. Manhaud: üeber einen Fall von Spindclzellen« 

Sarkom des Flocculus bei einem Epileptiker. 
Martin: Üeber hysterischen Torticollfe und dessen 

Behandlung durch C.x mn.isiik 
Pailhas: Ueber Degencrirung (der Bev*'ilkerung) in 

alten (abgel^^en) Ortsdiaften. 
Devay: Ueber juvenile Paralyse. 

Der Sit/.ungstag wurde zum grt">s.scien Theil 
durch da.s von Cr<KX), Professor in Brüs.sel. erstattete 
Keferat ttber Tonus, Reflex luid Contractur und durdi 
die dnran sich schKessende Disrussion in Anspruch 
i;fn>>mraen. Cr>ii') rc-mnierl: In der grossen Mehr- 
heit der Fälle gehen Tonus und Sehnenreflexe pa- 
rallel, doch nicht immer, und gerade dadurch erwebt 
sich auch ihre anatomische Unabhängigkeit. 

Daim wurde Grenolile als Sitz des Congrcsses 
für I c>o2 gewählt, und wurden folgende Themata und 
Referenten bestimmt. 

1. Ueber AngstzustHnde bd Gdstcskiankheite». La- 

lannc. 

2. Ueber den Tic Nogucs. 

3. Die Scibsunklagcr in forensisdtcr Bezieltung. 

Dupte. — 

Emllich wurden noch Mittheilungen gemacht v.»n: 
Justin Lemcitre über Pseudotumoren des Baut lies, bei 
Hysterie und Neurasthenie durch Gasentwickiui^ 
voigetäuscht 

JofTn^y über Temperatunfalkungen bd 2 Para- 
lytikern (bis .21) resp 2.5.5"), 

von Bourneville: über Syphilis, Alkoholisnuis tmd 
ungesunde Berufsarten als Urs;ahc des Idiotismus, 

und endlich votj Raymondaud Ober Zig oder 
Phantogenie, «1. h. phantasli.sche Gesichtsillusioncn. -- 

Der folgende Tag, ein Sonntag, war der Gesellig- 
keit gewidmet; der President hatte die Veraammhing, 
Herren und Darnon, zu einem FrülistO 1. i;i Saint- 
Goussaud iinucl.iUcii, »las sehr belebt \c:Liuf( u zu 
sein sein II. i 

Der folgende Taj Vi.u ht< das Referat von Taguet 
cbie »icb Icitkr eine UntciiircchuMg <i<'4 Berichts der MiochuMr 
Ikii, 



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76. 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 6. 



über das Pors.>n;il dt-r Angestcllu-ii in ili-n Irrcnai)- 
stalten, hI»} liauptsAchücli die Wärtcrfragc. Das Seine- 
departement (Paris) habe die Besotdnngcn der WSfter 
bciriiilic verd'ippt'Il , mit IViiNi' inslM-rci lu;>:iiiig ii.u h 
20 ikIit im Kraiikli(>il>,falic sc hon na- Ii 10 I)ifiist- 
jahren. Nur sollte tlcr Dirti foi und nit ht dor Fr.'ifr« t dif 
Warter enicnncn. AI» P<istulatc w-urdcn aufgestellt: 
Farhuntcrrirhl des Wartpera >nales ; Theilung des 
Pcrsi iiialfs in M>lii»fs fin" den Ta<; iinil suKlic-; liir 
di«' Nailit ; i Wanei auf 10 Kranke als Maxiinuru. 
Hi-si.kiunj; vim frs. ,^60 an, mit HefOrksicIttigung der 
Familien vcrtWiltnisso. 

Die Fraijc eines stan<ii<;cn SeiTtlitrs wurilc einer 
bes. Cnitiniission zur HcKU(a< litun<: ülicrwicscn. 

In der Nh( limittagssitxung folgten 15 Miltheilungeu 
liidls rasuistnchen, theils aniit))ini»ch-p>1ivsioVjgi$cl)en 
Iniuiltt-s; 7.. Tli. mit I'ri ijfftii incii v<>n Radii >i;ia])hien. 
Am Allem] offuicllcs Fknil^ot im Stadtliauso. 

I)jinn"t war tier ei^ientlirlic ('..n-rrcss i;e>(iilo&>cn. 
Am folgenden Tage wurde von einer Anzahl 'Dieil- 
nehmeni die Itrenünstalt Natigeat bcsi<l)ti^. zu 
welchem Behufe v^-ni Anslaltsceistlic h« n eine die 
£iitwic-klun){ und den gc^jenwärtigcn bcsund der 
Anstalt beariireibendc BrcKrhOre vcrfatüt wnrdcn war. — 

G. Barch hardt 

Referate. 

— Bruns, die träum. Neurosen, Unfalls- 

ni-urosen. Wienionf. Alfr. HüMcT. 131 Seiten, 

Lexit ")n-(!)iia\'. j,J"< M. 

B. Iiat lit i der Dt linititm des Kranklicitslicgrifrcs 
aucli die einfat hen l*>ivi h>'sen und die Mi>i iif> irmen 
zwitrhen Neurosen und l'sy« hn^en lierö« kstc litii;t, da- 
get;!-!! die i«rgani>cheii F.rkrrinkunuen aus:;es<Ti[. is.sen. 
sodann aucli den Begriff des UnfalLs unserer Unfalls- 
gcsetK;g:ebung; entsprechend priirisirt, nach einer guten 
liisli -ris. lu ii imd LitleratnrviLier-ii hl konnnt er zur Ue- 
»|>rc( iiung der Aetiu|. .i,ri,-, Sym]>t. imat>.|..i;ie, Sinuilatinu 
einxciner S^mptrmu' und ihrer Krkeniiue;j, de> S< hlafcs, 
Schwindel, der Krainpfanfallc, Ccfühiü- und >inh<-s- 
»tnn>M£;en. L'lhnumnen , Conlracturen , Gchslniiin^icn, 
des \ . i'i iliriis «ler Sehiienretlexc, des Ziiterns, der 
I ler/( rs( iiciniHigcn und des allgemeinen Verlaufs, 
An <k<r Hand einer kleinen, aber sehr beweiskiaf- 
lisen Zahl von F.'llleii gelingt es B. ei»i /)( rnürh 
s< harf eharat teiisirtcs Krankhcilsi)ilil /.u l uti» eilen, 
nur bei dem Punkt: Simukilion, s( hcint mir bedenk- 
lich, ÖHbS Verf. nachweisbare Vortitusthung, nicht nur 
Uebertreibung eines Systems noch nicht fttr auarei- 
( l>cnd li.'ilt. tim den Patienten der Simulation ver- 
dächtig erscheinen /.u lassen. 

Sehr werthv ^ .lle Angaben enthalt das n<tch;tte Ka- 
pitel über Diagnose, formsiM he Fragen, B<stinnnang 
des Grade-s der F,rs*«'rbsfJilii^keii und Abfassung der 
' "lUtacliieti. inslies' »tidero sivllt er si< Ii zu Struni|jell in 
Gegensatz, indem er bei der E.\pi<iratiun die Ein- 
ziehung von LcunmfKlsxeufrnisseti itur Bcurthdlun^ der 

Zu\erl.issitrt.,.i[ <|,:r .Xiit^al^en fin irrelev.itil h;ilt, da 
etn sehr weni;; achteiLswetther Mensch <|o< U krank 
sein kann. 

Bei der Beme'i'iun^ der Rente j>,ntiill \rbeii-un- 



f.'iiiiijer weist Ii. auf den tl>erapeutisrhen Wert der 
Arbeit als häuhg einziges Heilmittel bin und steht 
stimtt atif dem Bmlen Slf(l]n|)clls. 

Zum Sr hhiss nach kurzer Wiirdic^tiriLz; von Pro<;nosc 
und Tlierapie .streift B. no< 1» enim,«! die Fraije der 
Simulation, insbesondere auch vom strafrechtlichen 
Standpunkt und zeichnet sich auch hier durch grosse 
Milde der AuBassunf; aus. 

l)ie AnsclialFunj; des Buches kann allen, die über 
Unrallsneiirotiker zu urtlieiiert in die Lage kommen, 
seitui sehr eingehenden Bdiaitdlung dieses theilweise 
niK h reiht schweren Gegenstandfls wiegen empfohlen 

werilcn. Weist. 

Dr. Hcllms u. A. MAllcr, Irrenhaus oder 
Privatpflcsjc' Hambunj. Grabow. 40 8. Indem 
sie das Vcrst;indniss und Interesse für die tieistcs- 
kranken in allgemein lasslidier Weise zu erwecken 
sudicn, wenden sie si» h gegen die verbreiteten Vi»r- 
urtheile und Anldi^en gegen die Irrenheilamlalten. 
()l> einer natiirgem.lss nur auf einen enj^en Kreis 
verbieiieten Brochlire ein bcsundcrer Erfo!«- iilüht, 
wird bezwi-ifcll. Mehr noch als tt bis) • 1 -1 <i icht, 
.sollten es sich die xielerorts enislandcncii Irrcnhilfs- 
vereine ancclcfjcn sein las.sen , durrh Vortrage und 
X'erbreitims; .'Ihnlii lier Broi hfin i, .ti'kl.'iientl und der- 
gestalt helfend 2u wirken. Kellner (Hubertatburg). 

- - Treitcl. üeber A^^oraphobie und ver- 
.1 1, (1 te / u st.l nd e bei Kr k r ai(kunn;cn d es ' > h res 

S.ininil. zvvangl. AbhUI. a. d. Gebiet d. Nasen-, Ohreii- 
ci' . Kr.inkhcitcii. iqot, Nr, 8. Halle a. S., C. .M.ii!ioKI. 
Wrf. weist auf jene Fälle von .\, liin, welche uii durch 
•S hwitidel veranlasste wirkli. In- IJnf.alle ankmlpfen. Be- 
sonders \on Ftankreich au-, hat man einen »lirccten 
Zusammenhang von A. mit dem Uhrcnschwindei otn- 
statirt Tr. betont aber unter Heranziehung mehrerer 
kasuisiischer Falle, dass der C)hrenschwinile| resp. d.is 
Ulirenleiden .illein nii lil i^enni;! , dass \ iehnehr stets 
eitle L:ew II' rvi'ise Disposition vorhanilen sein müss«-, 
wenn im Arischlus» an jenen A. atiftrcteo .wUe. Da- 
nach muss tSo Therapie auch von der Behandlung 
des Allgemcinziwtands niis<:eheii. 

Kellner (Hubcrtusburg). 

— „Madchenopfer" nennt sich «ne Schrift von 
II. J, Branilcs 1 ü. Waltlier, B< rlin welche „die 
S( hweslcrnpfiese an .M.'lnncrn" bohaiulelt, wie sie 
mehr mul mehr besonders in den liiztliihen „("rross- 
bctrieben" aufflammt und sich leider auf die l'Dege 
auch der Gcs(4ilechtskr<inken ausdehnt eine Thatsache, 
welclie aus Rikksicht auf Plkxerin wie auf ilen Kran- 
ken kaum iiothvk'eiidii; ist. Insofern birgt die „.\n- 
klagcschnft" einen wahren Kern, besonders wenn die 
dort gesclitldcrtcn Begebenheiten auf That^i^ulicn be- 
ruhen. Wo der für den Plleiieberuf hohe sittliche 
Krnst lelilt, birgt iler erstere überh.iu]>t utui besonders 
in der Aiunibung an Männern sahireiche Gefahren. 
Und entbehren mochten wir die weibliche Pflege dudt 
niclit. — W.is .luf 77 ."seilen s^'sa'^l wini. d.ifür liUttcn 
10 Seiten geiiiii;t. Die breite imd pikante Wieder- 
gabe des ne>ammeltcn „Materials" dQrftc .iuf einen 
buchlKindlerischcn Frfnlt; abzielen. Kellner. 



fncknat (oder 



i'i.f «k*n fCvLU'tl.'lK J.. II l lll tl ^^ I .LKt.MM Im« it : (M.t 

— S«tilii.A tl«-r Illwt.il<-]1.4llll4litnr j T.t|;<* 



v.»r <I<-r 



I llii^l.r Kraichntti, (üdi.aaeD). 
Ä>i>.K.il>.'. - V. ruf vom Carl V«cIiold in Bali» a.S 



H^roemaiui'Kh« Buchdrucker«! (Uelv. Wotff> in Hall» <. S. 



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Psychiatrisßh^Neorologisehe 
WoßhensetarifL 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde, 
btnnuitloiialet Corrctpondaisblatt ffir Irrentnt« und Nervenlnt». 

Unter Mtlwtrkttng nhlreidMr hcrvomgender PadimSnner dea In- und Auslandes 

hei jiu*il# f «hi*i« v«n 

Dinotor Dr. X. All. Prot Dr. O. Aaton, Plrofl Hr. Bleulm, VnL Dr. t». BdlDgir, Fnf. Hr. A. Onltatadt, 
Fror Dr. M M «imI«!. Dr. P. J. mSbbm, Diivetpr Dr. KoNl, 

Unter BenOtsung amtUcheii Ibtaiali 

redi(;irt von 

<>bcrarzt Dr. Joh. firosler, 

Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Talrgr.-Adraaae: Itarbold Verl>f, Halleitale. Fenuprecker 157a. 

Nr. 7. 17- Mal 1902" 

Db ..PffchUtr)ach>ir««Tole«i«cb« Wacli««>chTflr' wit b wrt g»ii»«fcid «ad l umn pra QMtai 4 Mk. 
B^Hhn«t« iw»ii i »»i {da RMMiMtAmfl, 4m i^oM (Katiloff Mr. tt^), Mww dl* VariifikacUMadlnf «m Garl Markold ia Hall« a.8. aattKcaa. 
Inxram ■■ uhi a Mr di* }i(wl<lc« IVidtMd« «ak «e bMMhnai. IM WladarMaat «ht IwallMltiiac al«. 

.!uM:hrih-n für d*e RMLarHin 9«nd an Oberarzt Dr. J. Bml«r. Kraichnitl fSditaiittl), lu richten 

Inhalt. Origiaale: Eine iiucrcs<>aiitc Nacbricbt aiu liar Schwell. VoD A. Grohmaiui, lQ(e&icBr ia ^Ulrich (S. 77). — HÜchatt 
des Publikum» vor Jen Psychiatern." Voa Dt. Pfauiler, Ditcctor, Valduaa 0&i to). — Hiuhcilii^ca (S. 83). — Rcfcme 
^S. «7J. — Pcrtduuiliiacluklit (S. ««). 



Eine intereaaante Nachricht aus der Schweiz. 



\ 7cranUnst durch Mobitts hat sich dne Geaelbdiaft 

* von M.inncni zusammengefunden die daran- 
gehen will, in einer schönen Gqjciid der Schweiz ein 
grosses alkoholfreies Landgut — sie wollen ihm den 
Namen „Colonie Friedau" gdien — sn errichten, um 
Nervenkranken und Alkoholkranken zu einem gesunden 
und naulirlkcii Lcbea zu verhelfen. 

Die FUienten aoUen sich also aus zwei allerdings 
sdir grossen Grappen von Kranken rccrutiren, für 

die es bis heute, abgesehen von sehr k!riiini ^'^r- 
sudieo, a» ausrcichcaden Heil- uud Lindcrui)g»nuttcln 
gefehlt hat, obwohl es doch an Krankcnhümem der 
veischicdcnslen Art wahrli« h nii ht fehlt. 

Die „Colonie Ftiedaa" sull den Undwiithschaft- 



*> Herr Gr., der «oa HaMe aus eio« unftwühflitielie An- 

für i'Sychologische Bo .'j.n ii^unR betitzl, hat sith aU Leiter 
eioer Ueichäfligungsanst.Ut lui iNerveakrai)ke und im Verkehr 
mit loCl W t m indieeD Aertten ganz eigenartige, weithvolle Er- 
fikbmafta cnrorbeo. £r i*t jcUt SccrcUr des GraDdoaj;!- 
cottitts Mr mCoIobIs Friedau*'. Die fUdiCti«B. 



liehen Betrieb, besundcrs Gartenarbeit, sowie den Be- 

trioh ilt-r eigenen II.iu'i'.virifmfh.ifT'^^'innchlungcn so 
führen, da.ss sie ihre Hc<lUrfnLsse soviel wie luüglich 
sellMt befriedigt Auch das Peraonal soll alkoholfrei 
und die Knmken si>llen als llilfskiflfte verwendet 

werden, soweit uml soviel geht. 

An ihrer Spii/*- '11 ein sa< hversiaiKlii;er ,\rzt stehen, 
neben ihm ein Vet^allcr ftir die iHonuniisthc» An- 
gelegenheiten, beide dem Vonrtaod des Vereins ver- 
antwortlidu 

Alkohol wird m der Colonie nicht geduldet werden, 

und von Jedem wird nach Krilften und Vr-rtivVon 
Tlieiluahroe an den Arbeileu in Feld, (.lartcu und 
Haus erwarteL Die Colonie will aber keine Trinker- 

heilatistult sein, sondern nur Alkoholkranke aufnehmen, 
dif < inrr Trinkerheilstiltte n' n Ii nii ht 'ider nicht \:\r\r. 
betliirli n, für die aber der Verbleib in ihrer gewohuu ji 
Un^buog Gefahr bringt 

Durch die Scliaffüng einfacher, natOrNcher Lebens- 



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78 



und Arbeäsveilialtniase soll die Hilfe gteidueitig bett«r 

und billiger werden. 

Dabei soll die Golonie weder auf den reinen Er- 
werb zugeschnitten noch eine reine Wobilhflt^keits- 
anstalt .sein in dem Sinne, dass sie ihre Errichtang 

und ihren Ri trieb nur St henkungcn verdankt — wenn 
auch letztere iiatikrlich nicht ausgesi.:hlos>!teu sind, — 
sondern sie soll nach beiden Richtungen auf eigenen 
Füssen stehen, da die Griindcr zu beweisen wünschen, 
dass dies möirlii h ' Uiul durch diesen Beweis 
mochten sie veranlassen, ilass auch an anderen Orten 
ähnliche Anstalten entstehen, um das Los mancher 
Nervenkranken und seither, die l3i]|geie Zeit in al- 
koholfreier L'iii^i l uuj» leben sollten, zu verbes>ern. 

Wenn es mir, einem Laien, gestattet ist, mit einigen 
skizzenhaften Auafflhrungen die Krankheitsgruppen 
2tt st liiUicrn, denen die Colonic wird dienen ki>nncn, 
»> müclUf it h dies wie frd^'i thun, indem ich mich 
an die Bedurtnissc Italte, vun deren Wtrhandcnscin 
ich mich im Vcrk^r mit getsteadefecten Menschen 
Oberzctigt habe. 

Da nenne ich vor allem die nicht jjewnlinheits- 
massigen „j)h)chi»j)atlusthcn Trinker" mit nur M-Ilcncu. 
aber schweren Excessen, und dann die grosse Zahl 
derer, bei denen sich, besonders in jugondli( hcn Jahren, 
niKjh kein Alkciholismus ausgebildet hat, ilie aber ihre 
Willensschwache nach dieser Richtung gezeigt haben. 
Ihnen soll durch lange GewOhnnng gezeigt werden, 
dass der Mensch am besten ohne Alki.luil l. ht. 

Diese beiden Gruppen sind M>wi>hl rein, w ie auch 
in allen denldisren Scbattieningen in Verbindung 
mit allen anderen Erscheinungen nervOser und geistcs* 

krrmkcr Nritirr vi'.rhrindrr,. Sie gclu'iren in eine al- 
koholfreie Umgebung und sie gehören unter sacii- 
standige Leitung. 

Die Ueberfüllung der Irrenanstalten, die Scheu 
Vor ihnen und die Unvollki>mmenhcit unserer Irren- 
gesctze gestatten nur in den Fällen die UeberiUhtung in 
Irrenanstalten, die fast geradezu als Nothffllle bezeichnet 
werden müssen. Sind es gerichtliche Fülle, so ist ihr 
Schicksal schon durch die Sachlage mehr oder weniger 
festgelegt Für viele aikdcic dieser I'aticnten aber ist 
es ein Bedttrfiiiss, ausser den Irrenanstalten Anstalten 
m haben, die alkoholfrei betrieben werden, den In- 
sassen Arbeitsgelegenheit geben iintl dabei genOgond 
billig sind, um auch bei bettcheidenen VcrhäUnisM:n 
einen längeren, ja auch dauernden Verbleib in der 
schützenden Umgebung zu ermöglichen. 

Dann tlcnke ich an die vielen Menschen, die ohne 
eigentlich krank zu sein, doch in irgend einer p&y- 
rhi:irhen Richtung schutzbedQrftig sind: cltaracterolo 
gisch Abnoime mit leichten und fOr Andere nur wenig 



gefahrlichen Trieben, Gelösten, Stimmungen und 

.Schwachen, für dtr alle jene kiciite CorrcHlur <les 
Schicksals arwOiuycht wäre, wie sie niu innerhalb einer 
specifiach eingerichteten frei lebenden Gemeinsrhafi 
möglich ist Weder das gewöhnliche Leben noch 
das in der Irrenanstalt ist fui si- da-s rithtigc, tlas 
eine bietet ihnen zuviel, das andere zu wenig von 
jenem Zwang zu Pflicht und Arbeit tmd gesdisrhafl- 
lieber Anpassung, den jeder .Mensch liabcn muss. 
Wcdtr liii Au^M hwclt n<«h die Irrenanstalt k.onn 
ihnen, den Mitielwcrlhigeii, das richtige Maas geben. 

Eine sehr grosse Gruppe, von der ich aufrichtig 
wünsche, dass Mch die .^ufmetksamkeit der SachverstSn- 
tligen ihr ein;:clu iiil 'Aidnie. im<} für die die Colonie 
Friedau gerade das Rechte wen.ten dürfte, sind die in ge- 
ringem Grade Schwachsiim^n. Ich habe in einer kleinen 
.Schrift (Ernstes und Heiteres aus meinen Erinnerungen 
im ^^■»kehr mit .'^chwachsinnigen, Verlag Melusine, 
Xurnl» 1902) eine Reihe von solchen Füllen für 
Eltern und Lehrer beschrieben. Es ist meine feste 
Ueberzeugung, tlass aus den meisten Lcichtschwach- 
sinnigcn bei guter Behandlung sehr x iel mehr ndtzliche 
Arbeit herauszugcwüinen ist, als es geschieht. Der 
Schwerpunkt liegt hierbei meist in dem Nichterkennen 
des .Schwachsinnes als solchen. .\ucli haben die 
laen.'Uzte bis jetzt zu wenig von diesen Kranken 
bekommen als dass sie viel Aufklärung über dieses 
Gebiet hatten verbreiten kOnnen. Am meisten Elend 
erzeugt hier der Reii^hthuni. Reii he lassen , als 
ob es selbstveratändlich wäre, ihre Sohne studieren, 
ob sie unfähig and oder nicht; es wird ihnen nicht 
ein genOgend primitiver Beruf und es werden nicht 
genügend einfach'- nüsemeinc Leljensveilulltnis.se ge- 
boten. Die Patienten geben Veranlassung zu den 
aufreibensten AergeiniBsen mit p.sy< lio)<>gisch unbe> 
gabten Ehem. Bei andern geht es nach einem grOnd'* 
liehen Vcq)fuschtscin zwar nicht so tragisch zu, aber 
selbst wenn sie eben wegen dieses Verpfuschtseins 
etwa LrrenSrzten in der Consultationsstundc voigef&hrt 
werden, die .Schwerbemthbarkeit der Eltern giebt da 
nicht mehr li'Hbare .Aufgaben auf. Da rofichte ich nun 
das griVsüte Gewicht darauf legen, dass die praktischen 
Aerzte Ober die Absichten des „Colonie Friedau"- Ver- 
eins inlunnirt werden, damit sie — fast die Einzigen, 
die solche Fülle in den Familien kennen lernen — daran 
denken mögen, recht frühzeitig daran zu gehen, vor 
zu hncbgcgriffenen Berufen zu warnen und im Falle von 
Unfrieden zwischen Eltern und Kindern — eines der 
bei)uemsten Zeichen für di<> Wahrst heinlichkeit von 
bchwacljsinn bei letzteren, weini nicht bei beiden 
zunächst wenigstens ein „zeitweiliges Ausspannen" und 
eine mehnaonat^ Beobachtimg bd praktischer Arbeit 



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wie sie die Cuiuoie bieten wird, vun>chliigen. Wer 
heubeutage in diesen .Reichten** PflUen die Beobachtung 
dtifch einen Irrenarzt vorschlagt kann mit Sicherheit 

auf Misserfolg rcthiicii. Uiitfrsiitliuiiir und Be- 
ubaclitung dlosor jungen Leute ausserhalb der ge- 
wohnten Uugebung des Eltemhaoses wird, darauf 
rechne ich nach meiner Erfahrung mit Sicherheit, 
/i-igcn, n il wir citifailicii Mitteln besonders manche 
dieser jun<;en Männer von ib bis io Jahren auf den 
rediten W«^ zu bringen siiid. Denn wahrend der 
geistig begable, gdnidete, allere, aber geistq; abge- 
.iil>citetc Ncr\obe ofl nur schwer von seinon ;:ri-;1ii:cii 
Interessen abzulenken ist, kann dies — aber iunncr 
nur in richtiger Umgcbutf«; — oft spielend leicht 
beim jugendlichen Unbegabten geschehen. 

Kciniinen nun nmli die Neurosen im engern Sintic, 
Hysterie und Neurasthcinc , Über die ich tmt/ ihrer 
Bedeutung hier nichts sagen will, hinxu, so mag mit 
dieser Reihe cbi unge&hrea Bild des au erwartenden 
Rilieiitenst;iiKlej!. angedoiilet sein. 

Aus vcrsirliiedcnvn Gründen ist zu erwarten, dass 
die Irremrxte «ch fOr das Untonehmen „Colonie 
Friedau!" interessireo werden, und aus ihren Reihen 
dürfte auch der au«fft?ircnfli' Ot.pi irrt drr l iriif 
hervorgehen: Nur unter den Irrenärzten sind Müiincr, 
die eine langjährige Scluilung durchgemacht haben in 
der Organiiiation, in der Veipflegung und in der Be> 
s< !»:ifti':;nn;r geiste,sdefc< ter McnM-hcn in grossf>r ZnhV 
In der Kniwickiuug des praktischen Irrenwe»ens zeigen 
sidi awei Tendenzen, die stetig anwaduM» und 
nur scheinbar in GegensalM stellend: Das Eine 
<lie zunehmende Zahl der Mens< hon, die in Irren- 
anstalten ven>ofgt wcnlcn — das Schreckgcsjienst so 
Vieler, — das Zweite das stetig zunehmende Verlangen, 
dem Patienten innerhalb der Anstalt immer mehr und 

tiir!i7 Frf'i'n'^i zu : da- ^^•rIarIc:nl und 7A(-' der 

Irrenarzte. Der Kranke verliert im Einen die Freilieit, 
um sie im Andern nur anders wieder zu erhalten. 
Die Bevrinnundung HülOuser und Sdtädltcher verliert 

;mi Tri!rii>i!rit, üininil zu an F.xt«'nsitat. Wurden fnll.rr 
nur Kranke versorgt, deren Gclähdichkeit Jedem im 
Volke einleuchtete, so kommen jetzt Leute ins Irren- 
haus, von denen oft die „Gebildetsten" nicht einsehen 
Wullen, d;Lsdies n<''th'c: sri I>.i^:s <[ir^r- zwei Tendenzen 
nicht von den Irrenar^^tcn gemacht, sundeni aus den 
geseibchaftHchen ^»tanden erwachsen sind, das gdit 
auch aus der Thatsacfae hervor, dass beide dem Irren- 
a:7'( \frmo!irtf T ri-;t und \'i:rantwcirtung aufbürden: 
Auf der einen Seite Zunalime von Arbeitslast durch 
Vollstopfen der Anstalten weit aber ihr richt^es 
Fassui m pi ven H a ge n hinaus und starker Päticnlcnwe« lisel, 
auf der andem Seit« Lockerung der Aufskht, £r- 



79 



schwerung der Uebersicht, vemichrtc Berührung der 
Kranken mit der Aussenwelt, vennehrte Gelegenheit 
zu geflihrKdien Handhmgen durch Werkzeuge, offene 
Fenster und Thüren, Möbel und FIauseinri<-htunc:<'n 
aller Art nach den GepAogenheiten der Aussenwelt. 

Denkt man weiter an die mo.iemen gänzlich 
,4reien Ablheihingen'*, die vollständig freien ,Jmn- 
kiijonien"' und Irrendorfer, so /eisjen sich am F.nde 
dieser langen Reihe von Aenderungcn und Ent- 
wickltuigen, zu der es raehierer Menschenaltcr bedurfte, 
awei Arten von Anstalten: 

1. Die Anstak mit ges* hl'issonor Centrale, um- 
geben von lauter mehr oder weniger offenen Ab- 
theihn^en, alle mit sehr verschiedenen Einrichtungen 
— fflr die Geuteskranken im engem Sinne, zum theil 
vtirgesclilagen. zum tlicil schon bestehend, für Menschen 
mit zeitweiliger oder steter Gef&luliclikeit. 

2. Die vOHig oflTene Anstalt, efaenfiills auf dem 
freien Lande, ebenfalls mit landwirthachafüichem Be- 
triebe, aber mit venrctirtf-n, und reicher entwickelten 
Beschaftjgung$gdegenhcitcn , — die ncich nicht be- 
sieht, — die (Qr Nervenkmake bestimmt sein mag, 
und die jetzt das Ziel der Gesellschaft „Colonie 

Friedau" sein wird 

Aber ausser den zwei schon genannten Tendenzen 
konnte man noch ebie dritte Tendenz annehmen, die 
allerdings nicht alcin die Irrentrzte angeht, sondern an 

der aurh Anflerp thr-ünr-V.mon . ;il r>r die von Irren- 
ärzten vetliültni:>smUssig viel nielir unterstützt wird, als 
von den Vertretern ligend eini» andern Berufes oder 
ligenderoeranderen Gcsellschaftsgruppe: die Alkohol- 
abstinenzliewrtrtmc Wer die Literatur df r .\h. 
slitieiixbewegung aiusielu, stösst immer wieder auf 
Irrenarzte als Führer der Massen sowohl als auf 
Autoren der besten Werke, obwohl die IrrenürKte 
nur c'.w.i den loc't^nn. Thn\ drr Pcv.^lfrrnincr :r.i<5- 
machcn. Ute beste experimentelle Arbeit über die 
Wirkung des Atkohols atif die psychischen Leistungen 
ist von einem Irrenarzt, und der Mann, dem wir die 
werkth.'ltigste Abstin'-nz- rrnj';i^;ir,fl:i verdanken, i-it 
auch wieder ein Irrenarzt. Und noch im Hrückc 
besteht zwuchen dem Irrenarzte und <l€t ^c^^lanten 
Anstalt: Zahlreich sind die Fälle in Irrenanstalten, 
Wo p'Ti ''atient in «ler Haupt-aihc zwar als geheilt 
oder gebessert, oder als ungebesserU aber ungefährlich 
geworden zu entlassen ist, ohne dass man ihm die 
KiHft zumuthen kann, dass er sich in der nächsten 
Zeit werde halten können. Er he<larf eines leichten 
Schutzes, der sehr verscltiedener Art ist — beim £inen 
die Abstinenz, beim Andern anderes, — den ihm die 

Irrenanstalt entweder nielu bieten kann, oder insofern 
nicht bieten darf, weil sie ihn nicht zuiOckbebalten 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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9o 



darf. Ucbergangsstatiooen swiachen Ivren- 

anstalt und Freiheit liabcii wir bis jetzt nodi nicht 
gehabt. Manche Patienten s<il!trn aus der Hut des 
einen Psychiaters in die Hut eines andern Psychiaters 
kommen; andi hier: vennehrte Freiheit, — aber audi 
Erhaltung des nOtzlichcn Restes von ErwcrbsJahigkcit. 
Das Leiden oder dir Gefahr des Rückfalles ist ge- 
blieben und die Erkcnntiübä dieser Gcialir ist psy- 
chiatriicher Natur. 

In Summa ist alsi> zu sagen : die Colonie Friedau 
eistrebt in erster Linie Arbeit und Abstinenz für 



[Nr. 7. 



Nervenkranke, in sweiter Linie: Es soll doch 
endlich einmal, und zwar mitten in einem an 

Trinkern reirhfn I.;tii(!e eine Insel erstehen, 
wo nicht getrunken wird, und auf der die Ab- 
stSneuK nicht gepredigt, «ondern geflb't wird. 

In gewissem Sinne ist die Schweiz ein Sanat>jrium 
für ganz Europa und die Augen der Welt sind auf 
dies schöne Land gerichtet: Die Colonie Friedau 
wird daher geiade in der Schweiz am rechten Platse 
sein. 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



«Schutz des Publikums vor den Psychiatern.** 

Von Dr. PfamUr, Oirector, Valikkna. 



TTj'in k. k. Justiz-Min.-Erlass (vom Februar I. J.), nach 
wekhem bei Bemitachtunuen vini in den An- 
sulten befindlichen Geisteskranken die Bcizidiung der 
ordinirenden Anstahalncte xu venneiden sei, hat unter 
einem Theilc der <:^en:dchischen Irrenanstalts-Aerzte 
eine begreifliche Erregung hervorgerufen Da es auf 
den ersten Blick den Anschein hatte, dass dieser Er- 
laas einem ngendwie veranlassten Miastrauen gegen- 
über den Ijelroflenen Anstalt^ n < ntsprungeu sein 
könnte, so wurde eine Umfrage an alle dsleithani- 
schen Anstalti-Direktionen gerichtet 

Das Eigebniss war ein voachiedenes. Einseben 
Anstalten wninlr ein t^lricher Erlass schon vor Jahren 
zu^cuuttclt, anderen war ein solcher bekannt, aber 
nkht itttimirt worden, wieder anderen war er bsber 
fremd geUieben. 

Zweck diese« kurzen Aufsatzes sol! sein, die Trrcn- 
anstalts-Aerztc zu einer gemeinsamen Auffassung uad 
Stdlungnahme in dieser wütigen mid fblgenachweren 
Angelegenheit zu veranlassen. 

Zur Ürientirung tniiss vorausgeschickt werden, 
dass bislier mit Ausnahme der Orte, in denen den 
Behörden eigene Geiichts-P&ydiiater zur Verfügung 
stehen, wie in Wien und Prag, bei den civUgericht- 
lichen Rpcnitarhttinp;en von in den Anslaltcti Icfuid- 
li<;heii Geisteskranken bis zum Zeitpunkte genatmten 
Erlasses meist ein — und dann in Gemeinschaft mit 
dem Gerich ts;irztc — seltener 3 Anstaltaftnte als be- 
eidigte Siirln-fTHt^TtdiE^c herangezogen wurden, nnd 
da&s dieser Vi)rgang zu keinen crMiesencn oder sonst 
wie bekannt gewordenen UnznkAmmlkhkeiten, vid 
weniger Ungesetzlichkeiten geführt hat. .Abgesehen 
davon, dass in <!cr ?ifrufciion nefTt-nilirlikfit nir-mals 
eine Klage hierüber laut geworden, wurde den als 
gerichflidie Sadivfntaiul%e adbst durch Jaluxehnte 



fungirenden Anstaltsärztcii wiederholt für ihre gewissen- 
hafte und sachgemäß Durchführung der Begutach- 
tungen sowohl mOndlich wie schriftlich die Aner- 
kennung der suslflndigen GerichtsbdUJrden bekannt 

gegeben. 

Da uns vitrerst die Beweggründe für diesen 
&liuistciialcrla$s nicht bekannt waren, stellten wir 
uns jninadist die Frage, schafft der Erlass Besseres? 

Als Maassstab zur Beurtheilung muss der § 273 
a. b. G. B. nebst der Ministerial- Verordnung vom 
14. Mai 1874 herangezugcu werden. Der genannte 
Paragraph besdmmt: „FOr wahn> oder blOdnnnig 

kann nur derjenige gehrillrn \w'rdf n. weli l>er nai:h 
genauer Erforschung seines Betragens und nach Ein- 
venkehmung der von dem Gerichte dtenfsU« dazu 
verordn^en Aente geriditMdi dafür erUSit wird", 

nnd in der ?\\t Erläuterung herausgegebenen Mini- 
sterial-Verordnung vom 14. Mai 1874 wird at^ge- 
fOhrt: „den zur Amtshandlung wegen Conslatiiung 
der Geistesstörung der in eine Irrenanstalt gebrachten 
Personen berufenen Gerichten wird im Sinne des 
Gesetjces obli^cn, dieser Amtshandlung ihre vollste 
Aufmerksamkeit zuzuwenden uitd sich i»e{lBhigter 
Commissionsleiter und eq^robter« vollkommen befähig- 
ter und gewissenh.iftti Experten zu bedienen, jede 
Verschleppung der diesfälligen Erhebungen hintanzu- 
halten und sdbrt nach erfolgter CoMtatirung der 
Geistesstörung das weitere Erforderliche einzuleiten, 
im entires'engesetzten Falle aber dafür zu sorgen, tiass 
der Curande oluic Verzug wieder in den vollen Ge- 
brauch seiner bOigerlichen Freiheit versetzt werde. 
Da es häufig vorkommt, dass Experte wiederliolte 
Beobachtungen und srnnit Aufschub ihres G itarhtens 
verlangen, besonders wenn sie die Geistesstörung für 
heitbsr eeKhten, so ist von den Gerichten mit aller 



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Energie zuiiüchst auf den Ausspruch, ob die angeb- 
liche Gdslewtßrung wirklkli vothamlen Ml, zu dringen 
und jeder nicht unveimeidlicli sich darstellende Auf- 
schub in dieser Beziehung hintunzuhaltcn. Für wei- 
tere und wiederholte Beobachtiingscrstreckungcn zum 
Zwecke des AuHpcuches Ober die HeiluogBmOglich* 
kcit Iflsst sich zwar im vumhinein ein Termin nicht 
bestimmen, es wird jedoch Aufgabe des Gerichtes 
sein, audt hier auf thuoiichste Beschleunigung zu 
dringen, grundloeen Vendilq)puDgeD entgegea ai 
treten, und endl-rh xxmi '/.wn kc des Gebrauches für 
das Pfleggericht und den Curator darauf zu sehen, 
daig da« Gutadrten der Experten über die HeQungs* 
mOgfichlEdt hk mflgUchat bestimmter und Idar ver- 
st.'lndh'cher Weise abgegeben werde". 

Nücli dem neuen Erlasse treten wenigstens in der 
Firuvinz, aosserhalb der UniventtfttariftdtCi bd die 
Stdie der oidinircnden AnstaitsOnte der k. k. Be- 
zirksarzt mit cinpm ^Praktischen Arzte als gf n\ htürhc 
Saclivcrständige. Wcud wir nim erstcrem das nOtltige 
Maass i'sychiatrischer KennlnisM xospredien wollen, 
so können wir das beim pcaiCtiichen Arzte v>oh\ in 
den so!ff»nsten Fallen voraussetzen und d'uv ^lm'^^)raehr, 
als ui>erhau|H erst die jüngeren A erste dn Colleg über 
Psychiatrie gehOrt haben und auf Grand dessen wohl 
selbst kaum den Anspruch erheben werden, ein im 
Sinne der schon erwähnten Ministerial-Vcrordnung 
vom Jahre 1874 „erprobter und vuUkonuncn befähig* 
ter Experte" xu sein. Die Frage nach der Gewissen- 
haftigkeit im Sinne obiger Verordnung kann wohl 
auch nicht aufgeworfen werden, will m;m nicht etwa 
die läclierlidic Annalune madien, der Kid des Fach- 
mannes sei minderwetthiger anziitdilagen, als der eines 
k. k. Amisantet oder eines mit der Psyt hialrie wenig i ider 
ni'-ht vortraulen pr;ilslisi hcn Ar/tes, dem ülienlics die 
bevorzugte Eigeuschali ein „erpmbter und v(»likom- 
men befähigter Experte xa sein% nidit oder nicht in 
dem Maasse wie dem Anstaltsante zugesprochen 
werden kann. 

Da nach deiu Erlasse keine durchwegs bcä&cr 
quaUfidrte Sachverstandige an die Sldle treten, so 
ist wohl auch kaum zu erwarten, dass deren gutacht- 
liclic l oistimgen ülicr jene der ordinirenden Anstalt»- 
aratc zu stellen seien. 

Nach der oben angefahrten Minislerial- Verordnung 
zum f 275 a. h. G. B. haben sich die Sachverstan- 
digen im gegebenen talle vorzüglich «larilber zu 
äussern, ob urid welche Gcistcsstöriuig vorliegt, ob 
der Kranke trotz seiner Geistess(5rang noch geschflfts- 
f.'ihig, ob seine Erkrankung dne heilbare und in «-el- 
cher Zeit sie dieses sei. 

Diese für die Ciuatels-Bcsicliung, wie ftlr den Schutz 



81 



der per&Onliclien Freiheit gleichwichtigen Fragen wer- 
den wohl nur die Anataltairste, denen neben ihrer 

psychiatrischen Ausbildung die tägliche Beoliach- 
tung des Kranken den sichersten Ucberblick über 
jene gewahrt, zur vollen Zufriedenheit der Gerichts- 
bdnOfden zu beantworten in der Lage sein, nicht 
aber Aerzte, denen sowohl die fachmännische .Aus- 
bildung, sowie die tägliche Beobachtung fehlt und 
die dem Ivraukcn »ur flüchtig bei Gelegenheit 9iTer 
Gutachtenabgab« gegenObertreten. 

In der Consequenz des neuen Erlasses ist doch 

auch die Benutzung des Krankengcs<^ hichten-MateiialS) 
welches von den < irdinireiulr n Aiistaltsflrzten stammt^ 
ausgeschlossen ; denn sind die in den Krankengescliidi- 
ten niedergelegten BeTunde und Beohadttungen der 
Anstaltsärzte für die Hegutachtung von Belang, warum 
sfi?! dann nicht auch fcnicrhin deren fachmännisches 
und objectiv uaparteüsdics Gutacluen für die Behör- 
den maasqgehend aein^ 

Sind aber die nach den Krankengescbiditen ver- 
fassten Gutaditen nicht hmreiclieBd vertnuenswUrd^ 
so sin«! dif Ki;inktngeschiditeTi fflr die hcputachten- 
den Aerzte irrelevant. Hierbei muss nudi darauf 
hingewiesen werden, daai die begutachtenden Aerzte 
m einer Stande 3 — 6 FaUe „abthun" und in jenen 
F.lllen, wo ihnen inconsequenter Weise die Kranken- 
geschichten zur Verfügung gestellt werden, in ihren 
Gutachten meist evifach dieae abechreiben und dann 
noch das Gutachten, das «ie sich von den Anstalta- 
Arsten geben lassen, anfilgen. 

Dass ein solcher Vorgang für die begutachtenden 
Aerzte wenig ehrenvoll ist, wie er für den fachm.ln- 
nisciien 4\nstaltsarzt im hohen Grade kränkend und 
sein Ansdiea sdiftdigend vmkt, liegt auf der Hand, 

Dass aber auch I''alle falscher Beurlhcilurig von 
grosserer Tragweite noch häufiger vorkommen wer- 
den, mag nur dtuch einen Fall unserer Erfahrung 
kurz bdeuchtet werden. 

Am 8. Januar 1901 wuide der 46jflhrige F. aus 

D., ein wohlhabender und früher iiitclligfiitfr Gp- 
schäftsmarm, mit den Zeichen einer vuigcschrittcncn 
progressiven Paralyse in unsere Anstaltsbehandiung 
aufgenommen. Nach den verl.'Lssliclien anamneslischen * 

Erhebungen durch einen Bruder di > F. licss sich der 
KrankheiLsbeginn auf 2 Jahre siclx t .^iiriiLkfuhrcn. 

F. hatte, nachdem ihm im Juni^i^oo seine eiste 
FV&n gestorben war, sich aduMi im September iqoo 

mit der zweiten vcrhHrathet. Kurz vor der Auf- 
nahme hatte F. seine Frau durch Erbvcnrag zur Uni- 
venalerbin eingesetzt F. wturde in der Anstalt ab 



FSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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62 



mit progrcssiN'cr Paralyse beluiftet bc:gutachU:t uiu) 
unter Ctnatel gestellt. 

Nim wölken die Aiucrwaiulteii des F., nachdem 
dessen Frau aurh keiner Xachkomnienschaft entgcjjen- 
sali, die Reehtägilligkeit seines Erbvertrages auf Gruitd 
unseres Gutaditens anfechten. F. wurde indessen, 
trot/dcni sein Leiden auch seiner Krau unverkennbar 
war (zeijjte er doeh bei all' den cliara' ifri<i!!* l'!i»!i 
S)inptomen des Leidens audi die fUr den Laien auf- 
fänden Erscheinungen verschiedener GrOflsen -Ideen 

und ScbwMStSr Intellig«M>Defectc') , v<>n dieser am 
II. III. 1901 gegen Revers aus der An.stalt na« Ii ILiuse 
übeniuiuiucn, di>rl vuii pract Aerztcn, denen unser 
ausfOhrlkhes Gutachten voigelegen hatte, fOr gesund 
erklärt und aus der Curatcl entla.<i.sen. Daraufliin 
wur<ie die Rechlsgilligkeit des Erl)vertrages von den 
Anverwandten des F. nithl weiter bcstriuen. 

Am 19. III. 02 wurde nun F. zum zweiten Male 
der AnslaltslK'handlung übers;eben. Die Frau des F: 
Hess uns berichten, wir möchten den Mann nun be- 
hultcD, er wflre schun gatu blöd. F. zeigt das Bild 
der pirogressiven Paral>'se in einem entsprechend weiter 
Vfirgcscliriltcncn Maasse, als bei <1(t ifitcn .\t;fn;(linic 
Die Frau des F. ist inzwischen im April 190,2 nieder- 
gekommen; es dOifle ahcr in dieMm Falle doch auch 
die VaterKhaft des F. in Zweifel gezogen werden, 
nac'i lcin itir Fniit «rfirjii bri (Irr r'sfcn .\t)fnalinJC 
von der Iniix>tenz ihres Mannes berichtete, — 

Wir Wielen liierrait etwa keineswegs den pract 
Collegen den Mangel psychiatnsi licr Kenntnisse zum 
V'-Twiirfe machen, erwarten nltet, <!.isn vir sirh uiUf^r 
diesem Hinweise als pöychiauisclie Experte nicht für 
betufen etachten. Von noch »diwerwiegenderen Folgen 
ist der Erlass bei Be^^uta« htungcn in stnifgerit htlicheit 
F'ällen, und sind bei der neuen Art der Ex]m t!>sc 
die schwersten Schädigungen des persönlichen Wohles 
der Geisteskranken keineswegs auszusdtlieasen, wie 
sie au( h für die durch die OXMlerne liinnane Tsv- 
rliiatrie schon theilweLse erninpene Auffassung in ersl< 1 
Linie den Verbrecher und nicht das Verbrechen 
be- bezw. veruftheilen, wohl unzweifelhaft einen ROck- 



[Nr.. 7. 

s» hritt bedeuten muss. Nachdem nun nacfigewiesener- 
maasaen durch den neuen Ministerial-Erla-^s nichts 
Besseres geschafTen »nrd, kann derselbe m. 1l nicht 
als geri fli: t.tv.eichnet werden, da et j.i l;( :.uU- für 
den F"achmai»n eine Zurückseliung, eine krilnkende 
Auanahmestellung gegenüber jedem anderen Arzte 
bedeutet, wie eine solche sirli ..-w allerwenigsten aus 
s':rm W ortlaute oder Sinne des ^ 273 a. b. G. B. ab- 
leiten lüsst 

Da dieser Erlass ufTcnsichtlich nichts Besseres 

schafft, fragt es sich nun, ist derselbe vielleicht durch 
Jlussere l'nistilnde hervorgerufen und begründet? 
Sind vielleicht Fälle bekannt geworden, in denen An- 
ataltsarzte gegen ihr Wissen und Gewissen zu Gunsten 
einer Pcnsun oder .^a( lie die Interessen der ihnen 
anvertniuten Kranken , in erster Linie aut Ii f!en 
Schutü der jierscjnliclien Freiheit ausser Acht geUissen? 
Darauf haben wir nur eine Antwort: Niemand wird 
dem Stande der l'sxchiater selKst beim Fehlen einzelner 
beweisfalle die Schmach der Rautliciikeit anwerfen 
wollen. 

Weim aber das Juslii-Ministerium auf eine Gegen- 

Vorstellung seintn Erlicss durrli nichts anderes zu 
b^tOnden wu3«ste als, man mtiSv<«e auch den „S« hein 
der Befangenheit der Sadiveniand^n* vermeiden, 
so stellen wir dem die Frage entg^en, haftet den 

KrankeiigeM hirhten, narh dTicn auch v. in den .\n- 
staitsärzten die Culachtcn verAtsst worden sind, der 
„Schein der Befangenheit nicht mehr an, wenn sie 
der fc. k. Amtsarzt und ein mit der Fsychlatrie weR% 

oder nicht vcrtri-iirr jiract. .-Xrzt in ilir<^ti f'ulri' lir'Mi 
abschreii>en ? Die üstcrreiclüschen Anstallsär/te werden 
darum neben dem Eintreten far die grAsstmOg- 
lidiSte Wahrung aller Tnleressen der ihnen anvcr- 
(rauten Kranken /.ur Wahrung ihres Ansehens ge- 
xwuitgen sein, geigen einen Erlass gcinc-insHni Stellung 
zu nehmen, welcher auf jene Linie eines unberech- 
tigten und unbegriiiuieten Misstrauens ZU stellen ist, 
rlessen Knd/i* I „Schulz des Publikums vor <ien Psv- 
chiatcrn" mit obigen* Erlass wohl schc»n erreicht ist. 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT, 



M t t t h e i 

Die XXVII Wander- Versammlung der 
südwestdeutschen Neurologen und Irrenflrzte 
wird am 24. und 25. Mai in Baden-Baden im Blumen- 
Saale tlcs Convcrsalionshauses abgehalten werden. 

Die erste SiUeimg findet Sauistag, den 24. Mai, 
vormittags von tl bb 1 Uhr statt. Etwaige Demon- 
strationen von Kranken sollen in flieser Sitzung statt- 
finden. 



1 u n g e n. 

In der /weiten Sii/.ung am giei. hen Tage nach- 
mittags 2 bis 5'.', Ulir wird das Referat erstatten: 

Herr Prof. Hoche-Stn>ssbur^: Differentialdiagnose 
zwischen Epilepsie und H\slerie. 

Daran sollen sich an«chliessen die dasm gehüiigen 
Vortrage sowie die zur Diacussio« zu machenden Be- 
merkungen 

Die dritte Mtzung findet Sonntag, den 25. Mar, 



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l*SYC HI.\TKISCH-NiiüROUKiI.SCIUi WUCI IKNüClIKItT. 



\'onnil1ags von o — 12 Uhr stall mit Einarhaltung 

ixliT Aiis(-}iliis.s von DciiioitAtrationen miktoskitpischer 
oder sotistigor Präparate. 

Auf die zweite Sitmng fo^ ii:icbinitt,i>,r4 o U|ir 
ein gemeinsiuneii Essc^n im Restaurant den Conver- 
sationshauses. 

Die untrrzrirliiK-tcn Gcs< li;iftsfOhror \m\vn iiiennit 
zum Bfsui hc der Ver^aiiimlung crgclx iisi cii» und 
bitten «lii jtnijrcii Herren, welche an dem genu insanien 
Kss<»n ihcilzuncliinen heal>si> litigcn, umeioe betreffende 
l(altlg(*fnllij;e Miulieilunj;. 

Bis jetzt sind feilende Vortr.'lge anueineldet : 

1. Fruf. Dr. Erb (Heidelberg): Bcmerliungen zur 
palhologisrhen Anatomie der Syphilis des centralen 
Nervensystems. 

2. IVif. Dr. V. Stiümpell (Kriaiigen): Ncuroloiiis) lie 
Mittlieilimgcn. 

3. Prof. Dr. Dinkler (Aitchen) : lieber acute Myelititi 
(Verdacht aaf Ahwpss: Versuch ojicrativer Be- 
ll and lung). 

4. Prof. Ür. Schwalbe (Str;i.ssburg} ; Lieber Wiiidungs- 
piYrtubemnzeti des Schadeb. 

5. Prof. Dr Farsini-r (Stras-shurg): Zur Kenntnias der 

\ a-i< niic "lorisil len Xeur< isen. 

6. Prof. Dr. Edinjicr (Frankfurt a. M.): Zur vcr- 
gieichendeu Anatomie des Gehirns: Da.s Vngel- 
gehim. 

7. Dr. Daycrilial ( Worms): Zur Diagnusc derHuila- 
mus- und Hliriilurntumoren. 

8. Prof. Dt. Schultzc (Bonn): al Weitere Mittheilunjitn 
Ober npenitiv behaiulelte Geschwülste der Kiuketi- 
markshSute. b) Das Verhalten der Zunge bei 
Tetanie. 

9. Prof. Dr. Hodhiann (Heidelberg); Ucber umist iien 
Fadahskrampf. 

10. Dr. F.bers (Baden - Baden): Deinnnstratii m cirics 
duririi < »pcratioii geheilten F'alles von t hruni&Lliein 
Krampf lier Nai ken- und Halsinuskulatur. 

11. Dr. Blum (Frankfurt a. M.): Ucber experimentelle 
Erzeugung von Geisteskrankheiten. 

12. Proi 1)1 ' n r'iar»!» ( Strassbui^) : Zur Anatomie 
der Kcbikopflattmuugen. 

13. Dr. Link (Frelbutg): Demonstration von Muskel- 
])rüparatcn hei Mvaslhenia gravis. 

14. Dr. Vulpius (Heidelberg): Muskelüberpliaitzuitg 
bei spinaler Kinderlahmung. 

13. Pn f P'i N'i sI Hr:.!. H l Ui-lx-r einigi- Be- 
zidiuiigen zwischen der Glia und dem Gefäss- 
apparat 

16. Dr. .Schröder (Heidelberg): Die Katatonie im 
höheren Lebensalter. 

17. Prof. Dr. Kraepelin (Heiddberg): Die Arbeils- 

kurvc. 

Um ge&üige Verbreitung dieser Fmladung und 
um Anmeldung weiterer Vortrage wird getreten. 

Eine Zeitdauer für die einzelnen Yortr.lge ist in 
den Statuten nicbt fc;>igcseUct IXkIi erscheint es 
auf Grand, der bvcherigen Erfahrungen tmd mit ROck- 
^•,r*\t ;mf ilori Zwf k d-^r Vers.immlun^ P' 1 ■ 'i^'"rtigt, 
■wenn wir an die ilerreii V<iiUaj>enden die Bitte ri<ii(eit, 
die Dauer des Vortrages aber ein Thema, sioireit 



thunKch, auf i$, höchstens 20 Minuten, bemessen 
zu wollen. 

Die Gcsthüftslührcr: 
Prof. Dr. Kraepelin, Dr. Fr, Fischer, 

Heidelberi;, Pfonbrimi 
Hai 190a. 

— In geisteskrankem Zustande verurtheilt 
und nach 6 '/j J*bren freigeaprocben. Vor fast 
sieben Jahren, am 23. Aupist 1895, wtjide \-om 

Dir-tii ;ir; Laiiclgerielit dn \'( rsi. licrungsinspeeior 
|i iluiniics ( >Uo Ludwig l'liilijipsi/lin , ein Solin des 
damaligen Bankiers l'h. zu Dre.-den , wem'ii l'r- 
kiindenfalsi hung, falscher .\n.srliul<ligung un<l Nötlii- 
gimg zu zwei Jahren (jef.'ingui.ss und fünfj;ihrigcm 
Klirenrc« htsv crlust verurtheilt. Auf Grund \on Thaf- 
sachen, die schon damals auf einen mangelhaften 
Geisteszustand des Ph. hindeuteten, erfolgte dieVer- 
urilii üiing zu der genannten Strifc Das Urilieil 
aualc reell tskräftig, die .Str.ifverbiisMing konnte in- 
tlessen nii ht eintreten, weil der N'crurtheille wegen 
Geisteskrankheit enimflndigt wurde. Sein damaliger 
Vertheidigcr, Rechtsanwalt Dr. Ttneme, der zu seinem 
Vi>rmuml bestellt wurde, hatte sclii«n damals lU-n 
Zustand scine^i PHegiingü erkannt, kimntc jeiloch die 
Vcturttieihing nicht von ihm abwenden, da ein dies» 
I)ezügli( lies me<iieinisilies Gutachten derzeit nicht 7\y 
erlangen war. Trotzdem i.st er fnrtge.srtzt bemutil 
gewesen, ein Wiederaufnahmeverfahren herheizufnhren. 
Diese seit sieben Jahren for^e»et2ten Bemühungen 
waren si-liliesslich von Erfolg. In der am 20. April 
.M)end anberaumten neuen, unter .\usschlus.s der 
Oc/fei)tlichk(-it gefiilirten X'erhandlung erfolgte kc'Slcn- 
lo«e Frcisprei hung von der gegen Ph. am 23. .\ugust 
18^5 erhobenen .\nklage, und zwar auf (iruiui eines 
vom Hofndh Dr. meil. Buch cn*tattcten Cmachteiis,nac h 
«icm der ( leisli-szusland Phili]ipM>liiis liei Begehung 
der Siraithat im Jahre IÖ<;5 kein niArinaier gewesen 
ist und es ihm (Ph.) damals an der nMhigen Einsicht 

und F.rkennt'ii'^'i -^i-fehlt hat. Für tten Angeklagten 
ist die nacluriiglu lie Hchal»ilitirung von um so grosserer 
Witlnigkeit, weil seine linimimdigung Seit Kurzem 
aufgehoben und er in Berlin als Commissionar tttatig 
ist Die im Jahre 1805 von Ph. boahMcn Gerichts» 
kosti n u. s. w. uerd« ii ihm jetzt aus der Staatskajssc 
in vullem Umfange y.urü( kverguiei. 

— Uebcr Geisteskrankheiten bei Eisenbahn- 
beamten wird der .,K«ilniM heil \'"lks/tg.'' ( I*'. 4.02) 
von fa> limfinnischLT Seite fidgeiide btai htcnsvvfrthe 
Mittlieilung gemacht: ,.Das Kis<-iil>ahnuiigliii k bei 
Altenbeken kam vor einigen Tagen in den Verhand- 
lungen des Abgeordnetenhauses norjimals zur Sprache, 
und e.> wurtle dabei vtjn vfrscliie<lenen Mitgliedern 
des Hauses der .Minister um eine iniigli^hsi milde 
Beurthcilung <ler daliei Angestcllicn gebeten. Gewiss 
nut Kcthl, tlenn wie die Gericiitsverhandlungcn cr- 
galien, ist der schn^-kliclie Unglürksfall zum gir.>i>.ten 
Theil die Folge einer veih;ingnis>.\,.lleii Kette un- 
glOcklicher Um.stande gewesen, un».l die .Schwere der 
Bestrafung kann daher zu einer Venuinderung der 
I^ist iib.ihnungliicksf.llle gewiss nicht viel beitragen. 
Das lelzlcre ist neben einer steten V eibc.sseruiig der 
technischen Etnriditungen wohl nur möglich durch 

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84 PSYCHIATRISCM-XF.UROLOGISCME WOCHENSCHRIFT. (Nr. 7. 



die Sctgfi tüT Heranbildung emes mögUch&t tüchtigen 
und wachsamen Peraonals. Auch in dieser Hinsicht 

i>t ja in den letzten Jahren inamhcs zweikmüssigc 
geschehen. Es ist «lic .\iheit>zeit gekürzt wurden, es 
finden seitens der Bahnarzte köriH-rlit lie Unter» 
sueliunKcn, -spe<"iell iler Augen auf P'arl>enblindl)eit statt, 
OS sind neuerdings .\ bsiincii z vereine gegründet 
\v< irden u. s. v,. Auf einen Punkt, welcher der üe- 
rüciisicbtigung gewiss werth ist, dürfte ärsltichenseils 
mthl die Auhnerksamkeit gerichtet werden: dhs ist die 
i;f f:',(ir, die bei beginnend er Geistesk r . i. k Ii n'i \ .n 
iiilin,iM;estcilten dem reisenden l'ul<hkuni et .vai hscti 
k. tiii , wie mich vielfache Beobachtungen aus letzter 
Zeit gcicitrt haben. Wiederliolt fanden sich in der 
])i>liklinis( lieii i^preehstunde för Nervenkranke Bahn- 
angestellte (meist \Vei< henstellei 1 ri'i , »ekhe, tlieils 
uua freien öttidten, theils auf Anraihca des Babii> 
anctes, der zu einer Diagnose nicht gekommen war, 
sidi wegen all^tiii- in nervt'iser Besiliwerdefi iri Miß- 
handlung beg.il ' u, und es zeigte sich bei der ünter- 
su< huh;; - dem Sachverständigen suwdien aaf den 
ersten BUck — das« man es mit einer beginnenden 
Geisteskrankheit, meist einer Gehirnerweichung, zu 
ihun hatte. Uic I'rtifini.; '1 : Intelligenz ergab <lann 
eine erticbliche Gcdächtnissst Imäche u. s. w. Die 
Rmnken klagten vielfach selijst, dass sie die Zeiten 
lU-T fälligen Züge nicht mehr behalten köimlen, viel- 
fach auch ulier .St hlafsuf ht , deren sie sich selbst am 
Tage nidit recht erwehren kannten. Welcli unabsehbare 
Folgen iiu^i derartigen Momenten resultieren kennen, 
leuchtet wohl ein, und es dürfte namentlich in An* 
betra< ht der zweifellns ,'utii l tn inltMi FiV.r.ihl.irppn 
an Geliiniei'weichungcn - ♦uu h t [üIcih..-.* litj Uilnnner- 
zustünde wurden wiederholt beobaihtet — w>>hl an- 
gezeigt sein, auch nach dieser Richtung der Gefahr vor- 
zubeugen. Wie dies zu geschehen hat, ist Sache der 
massgelKMiden .Stellen. In erster T.irin l iimcn ja «lie 
üahnärzte in Betracht, weictie vun Zeit 2U Zeil die 
in ihren Revieren Angestellten auch in dieser Hin- 
sicht zu uiitersui hen hatten; aber einen» \'ielbesch,'if- 
tiglen Dahiiai/.l tehlt es wohl meist an der zu einer 
solchen l'nifung nothwendigcn Zeil, einzelnen vielleicht 
auch an den erforderlichen spectalisitschen Kennt- 
nissen. Es mflssten deshalb mit solchen Unter- 
suchungen fai iiKiiiiiril-.! Ii .iusg<-bildete Xeurok^gen oder 
Psycliiatcr betraut werden. Wie l»eini Militilr neuer- 
dings die beginnenden geistigen Störungen gebührend 
gewürdigt werden als Ursache mancher Soldaten- 
niisshandlui>gen u. s. w. imd wie man tl<irt mit der 
Be<.ba« htimg s<ilcher Kniiiken dctnnat hst j)sychiatrisch 
erfahrene Acrzte zu betrauen gedenkt, so wflrc das 
in gewiss gleichem Maasse bd den Angestellten der 
t^iii') erf<jrderhch. Es-könnte manches Unheil da- 
dun h verhütet werden." 

— Am 14. April ist in Berlin, im Garten der 
Kiinigl. f'harite vor der neuen Xervcnklinik, die Büste 
Wilhelm (iriesingcrs feiedich enthüllt worden. 
Die Von Lüliisaen geschaffene Büste, die* sich auf 
einem Sockel von rothem Granit erhebt, war von 
einer Hftlle in den w<JrlteTObeiT5l<w"hen Farlien nm- 

Ti; \ i-I '-ii-tUli,; lirv K iilluMiil iiNti -milii^ '.Wi:!-'! 

der Geh. Über-Kegierungsrath Xauniaim und S;tni- 



tatsrath Dr. Aschenbom erschienen. Das Heimaths- 
land des Gefeierten, Württemberg, wurde durch den 

BundesnitI i-I ■'"■1 illruai litiptcii, I'rrisiilcriti'H Si 'u 'ir'kvr \ er- 
trclcn. Die l uiver^iiflt TübiTigen, an der Griesinger 
einst gewirkt, hatte den Dekan dermedidnischen'Paktil- 
t.'it. Pn>f. Di'iderlein, mit einem Kranze cntsand. Nach- 
dem <iie Kapelle der Ei.senba!ud)riga<ie das niixlcr- 
l.'indische Dankgebet gespielt hatte, liess .'^t.ili-.uzt 
Dr. Buttersack, der die Anr^[ung zur Errichtung des 
Denkmals gegeben, nach kurzer Ansprache die Hflile 
f.itli u utul Übcigab die Büste der Cliarid' . wahrend 
üi itcular/.t S*hai><;r das Denkmal üftciiiiilun. AU 
Amtst>achf< liger Griesingers ut)d derzeitiger Vertreter 
der Nervenheilkunde an der Chaiite feierte Geh. Rath 
JoHy Griesinger als den Mann, der zuerst eine Ver- 
einigung <ler Psychiatrie mit der Xi :\r iifi( ilkin>d>' t;e- 
schaffen. Aus Anlass der Ecicr waren auch mehrere 
Drahtungen eingingen. Der wllrltembeig i sche Kultus- 
nui r Weizsäcker dr.htctf „Zur lirutigeii Feier hc- 
giui kwunsi he i< h Sie und die ülirigcn Herren desDenk- 
malskomites zu der pietütv ollen Führung lin-s AinK nkens 
an den genialen Arzt und Forsciter und den berühmten 
Sohn des schwSbischen Landes." — Der Wiener Verein 
für !*-\chiatric und Neuri>|t»gic 1 > rui"/ti dii sc feierliche 
(.icicgcnheit, um seiner lief empfundenen Verehrung 
für den Begründer der modernen Nervenheilkunde 
AuMlnick zu geben. 

— Der IX. Internationale Congress gegen 
den Alkoholismus wird im Jahre 190.^ nac h dem 
Beschlüsse des vorjiüirigen Wiener Congresses in 
Deutschbnd stattfinden und swar m den T^gen vi km 
14. — 10 .April in Brnin n Dort ist bereits der 
vurbereilende ürtsau.vM huss smi mehreren Monaten in 
Thfttigkcit, um zun.'U h.st den Verlauf des G mgrcsses im 
fltuseren Rahmen feststellen zu können. Der Vorsitzende 
dieses Ausschusses ist Dir. Dr. med. A. Delbrflrk, 
Bremen, II uhiIm .UIism i..-;', ,iri i\cu .aich alle 
Anfragen zu richten :>iu<l. Die Intornaiiunalcn Cun- 
gresse gegen den AlkohoHsmus fmdem surTheihtahme 
alle auf, tlie in der BekämpfnnL: d<-s .Mkoholisnms 
und der Trinksitten eine wichtige .\ufg.ibe erkcrmcn. 
Sie richten ihre Kinl i.iungen an alle socialen .Si hichten, 
an die Hand- und Ko])farbeiler, an Mflnner und 
Frauen, an Alt und Jung. Es handelt sich nicht uro 
(iti I 'fitcrnehmen besctnderer Tendenz, sei es der 
Massigkeit, sei es der Totalentltaltsamkeit; vielmehr 
sollen die Anhänger aller venchiedener Richtungen 
zu gegenseitigem Meinungsaustausch, zu gemeinsamer 
.\rbeit zusammengerufen werden. Nach «lern v«ir- 
jiihrigen Wiener Beschlasse werden die von ersten 
wissenschaftlichen Autorttüten zu lialtenden Vorträge 
vom Oiganisationskomitee festgesetzt; wir werd^ 
bercil-s in den ti.Vhsten Wochen in drr Lage sein, 
darüt>cr nähere Mittlteilungen machen zu können. 

— Vom t. — 7. September fq02 Rndet in Ant- 

werp' Ti rin Intemationnicr Congress für Iiren- 
fOrsorge und speciell für Farndienpflege Geistes- 
kranker statt unter ileru Kluenvoisitz des belgischen 
Justiztnitu'ster^ und dem Vizeeiirenvoxsit/. V(»n dessen 
\ orgringer (Lejeunct sowie unter Betheiligung zahl- 
t< I' 1.1 : .ituli-rer höherer belgischer Staatsbeamter. 
Amiicldungcn sind zu Hellten an Herrn I>r. F. Sano^ 



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IQ02.] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 85 



Antweipen, nie MontebeUo 2. Tlicilnotimerbettnig 
20 Frcs.*) Aus dem Einladungssi hrcibcn geben wir 
Folgcmles wifidcr: 

„Au dcmicr Cuiigrcs Inlcniatu>nal de l'Assistame 
fauiliale, tenu i Paris en octobre loot, la sc« tiun 
psychiätrique dut constater que Ic tr«ivail cunsidärafale 
qu'elle venait d'entamer ne j« »uvait «"trc nicn«" k bonn« 
fin (j»e par la » ^ Institution indt'pendanie d'iinc nouvcllo 
Session, oü tes probiemes puurraient etre soumis ü un 
examen plus approfondi. 

Cctte nnuvillc ><ssinti iiura licu du premier au 
scj)t scptcmbre pri.i !K(in, ;i Anvcrs. Elle sera cunsatrce 
a Ictude de raasästam , de» ali6n^ et ap^ctalement 
de leur aasiaianice faiuiliale. 

L'aale ferm^ est actuelleinent le i^rindpal mode 
dVi-Nvisumi c. (U-s atäencs. Le ncunbre de ccux-ci est 
trop eleve pimr c|u'i>n puis.se songer a les placer toua 
audrement Du reste heaucnup d'entre cux ont besuin 
r!"un traitcTTtcnt regulier et d'une surveillanre suivic, 
qiu- r.isjlL- fermc est scul cajKible de leur foumir. 
Au^si , es refugcs ne se < <>niptcnt-ils plus: on en 
cuustruii de nouveaux tous Ics joura. L'on agrandit 
ceux qut exifilent; on les modifie dann leur fonnc 
exterieuic: 1 11 . nstruit des «Quartiers indöiK-ndaiits, 
des coitages, des fcmies-aüiles, des < olonics fic travail. 
Le regime interieur a ^ adouci: on dnnne aux 
malades des <Kcui>ations, des distracti<in , des fetcs, 
un plus gr;in<1 degre de libcrtc, des sorties h titre 
d'essai; \xi\\y quclqucs-iins meines les portes rcstent 
ouvertes. Cc sonl Mi les signes d'une louable tendance 
i se rapprocher de la vie sociale. 

Gheel, oü des centaines de malades jouissent 
depuis des siecles de la liberte et de la vie de 
fainille, Gheel fiit coi»idiri tonf^emps 
une simple r urid^iic. un singiilirr vilhiirc 

L'exeini)lc de l'Ecosse, qui applsquc dcpuis de 
lunguct annies Tasriitance familiale ä de nombieox 
malade», ne trouva pos d'iroitateun. Une cruisade 
paamoonde, dont le dorteur Baron Mimdy fut le 
I'ierre l'Ennite, iw n'us>it yn-^ .'1 fixn (l'une ni.ininc 
durable l attention des mtdedu et des aüminiütratuurs, 
et rinteriicmcnt des aU6n& reata la r^le g^rale. 

Le fliit de la fnlie montant ti>uj<iurs, »m .so tri»uva 
en face de renrumbremenl general, avec tnus »es 
inconvenients. II fallut s'impi>.ser de ni>uvcau.\ effort». 
Les d^penses augmentaient, raena^ant l equilibre de» 
budgets. 

On finit, ji.ir St" «lirc qu'il y a des malades qui 
ne sont \ms (Lm^ereux , qui n'ont bc!<<iin ni d un 
traitcment, ni de suins s]x riaux, et qui ne demandent 
qu*4 vivre daiis la sch ii t«', Depuis vingt ao» des 
easais d'appliration dn lutrunage famllnl ae foot un 
peil [i<irt"iit T,.t B' lu'iii'.ic .1 reproduit ä Lictneux le 
nitxi^c de la colunie de Glicel ; la Russic est depuJs 
longtonp« raHiie aa ayat^e; Fiance a fondi les 
rulonies de nun-siir-Aur<in et d' Ain:i\'-!f*-rbriteau ; la 
FriLsse construit des asilcü sjjetiaux au.xqueU eile 
annexc des colonies ; des pays limitrophes ae prepatent 

• | Dir llirrt'ii ("ollf j;, Ti Di-n t v lilat.ii. weklic dem Con- 
i;ti'5»f iinwu;;»!-!! wollrn , sin t i'c|ii-i-n , ilem Milhcratiügebcr 
dii'Srr V\'rx.tifti*cliti(t, [i^ifU ir A 1 1 ■ l 'i i:;?;'!!«^«. MiUhciluOf ttt 

irnrhfn, det such bcr«itwiUi£»t Aiukuoft erihält. D. R. 



ä l'imiter; TAutiiche a mis pratiquement ce aysteme 
ä ritude ; la Hollande entre, tmiklenient enc«>re, dana 

la voie, el TAmeriquc du Nord continuc des < xperiences 
qui sc fönt dans les condiliuns Ich plus desavanta- 
gCUÄCS . . . 

II est impoesible d'cxamiucr Ic regime de« culonies 
aana toucher directement au r^ime des asitcs fermes. 
C'est |w»ur cette raison <|ue la rommission organi« 
satiice s'est cru autorisee ä elendre le progranuue du 
congrjk Tuut en poitant ap^dalement son attention 
Sur ras.sistariLe famili;ile, dir- tva v<iulu exclurc au< line 
duü qUCjitioiiä qut |H:uvent interesitcr TassistaiKe des 
aliines en g£neial ..." 

Pronframm der 69 ordentlichen General- 
Versammlung des Psychiatrischen Vereins der 
Rheinprovinz am Samstag den 7. Juni n>oj, Nach- 
mittag» I Uhr in der FFov.-Hetl- und Päege-Anstalt 
GalUiausen bd Langenfeld. *) Vor der Sitzung Imbiss 
in der Anstalt. I. Gesthäflüf In- Minln ihiiiL;i n 3. Auf- 
nahme neuer Mitglieder. Zur Auinaiimc in de» Verein 
haben sich gemeldet: Dr. Baurkc-rjtinn, Dr. Hümmels» 
heint-Bonn, Dr. Hutb-Ahrw eiler, Dr. |annes-E.st-hweiler, 
Dr. Lowensieiu- Bendorf, Dr. I'fahl-Bonn, Dr. Kusak, 
Mcdii-inalrath, Coln, Dr. Weichelt-Andemadi. 

3. Vortrage. 

a) Hoffinann-Elbetfeld (Gast): Ein Fall von iodu« 

cirtem Iireseiti 

b) Srhullzc- Andemaih : Bemerkungen zur .Sach- 
ver.ständigen-Th.'ltigkcit. 

c) Foeister und Bauckc-Honn : Sectkinsbeftuid bei 
twe! Geisteskfwnkcn : Syringomyelie und dwsc» 
minirti- Kiu (.■]>li.il' inu clih^. 

d) Lütkcrath-Galkhaasen : Die beiden ersten Jahre 
In GalUiausen. 

4. Rundgang dureh die Anstalt 

Gemeinschaftliches Mittagessen 4 '/j Uhr im Festsaal 
der Anstalt. 

Die Bcwirthung der Tbeiluehmer bat Herr Landes- 
hauptmann der Rheinpmvinz in KebenswQrdiger Weise 

uLi-iiM .iiiiuen. Die Mii'jli'-.ler sind gebeten, iinc 
t tieilrialimc bis spätesteitis <k-n 30. Mai CT. bei dem 
Direktor Ilerting, Tri iv.- Heil-Anstalt Gaikhauaen, 
Langenfeld (Kbid.), anzmnetden. 

['elman. Oebeke. Um|ifenbach. 
— Die Soci^i m^dico - psychologique de 
Paris feiert am 26. Mai d. J«., 4 VhT, in ihren 
Sitzungsraumen , rue de Seine, ihr 50 jähriges 
Bestehen. Di Kitti, medctin de la Mai>' u .inl. 
de Charenton, Saint-Mauhce (Seine) und Dr. Motct, 
161 nie de Clianinne, laden, xur TheUnahme dn 
(Theiltirhriu-Hxitrdg jo Fr.). Banquct um 7 ITIu, 
Restaurant Marguery, buulevard Bomie-Nuuvelle. 

^ Jahresvemnunhinf det Vereins der 

Deutschen Irrenürzte in MOnciien, 14. April 

U102. Fl irtsct/un^. 

Alzheimer (Frankfurt a. M.). Die auf arte- 
riosklerotischer Grundlage entstehenden 

*) bitcotMbi»lt<xke Cöln-DüssflUorf; 
Zug von Cöln Ii" Vormilt,i;.: = , 
y, ,. Düsseldorf lo** VoroiKt .i's 
„ nach Cöln 7" iN'aChiniUai^s. 
(, n Oikiaeidorf j" Michniiung». 



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[Nr. 7. 



Geistesstörungen. Von der progresnven Paralyse 
«Ind mit den Fortschritten der Hnatotnisrhen und 

klinist hcn Fnrsi liimp vcrs< hif<ii_-nc Kniiiklicilsl/iMfr 
abgetrennt WiTÜfH, die man l'scuil<ii»aralys< ii j^ciianiil 
bat Ucber vcrscMiiedcoc dawn ist das t'rtli<;il heute 

lloi ii iii< lit ;il>i'<.'s( lilii^si-ii. I.S'd Ixsc liricli Klippel 
eine ;ir ili r i t i seil (• rs<-iu]'i]»ar;il\ se. Dü'>e arthri- 
tische r><''U<l<>piinil\ sc ist idtmiisr. h mit dn^in , was 
Binswanger u. A. spfltcr als arteriosklerotische Lie- 
hirndegeneration beschrieben. Die im Zitsatninen- 
hani; mit .■\rlcri.iskl<.T"Sc auftrcltMidi-ii psy« Iiis« licn 
Str.niiijjcn la.ssi.-ii sich in vcrsciiiedciic <lrii]iiH-ii ein- 
ihcile.n. I. Kiiic einfache, wenig prt.^'r» diente 
FurtD, bei der es nur zu nervOscn Erscfaeinui^icni 
Kopfweh, Sch«indolanf3llpn . leichter Ermüdbarkeit, 
(.icdiii litnisss« liw.'iclu! ikUt \vcnii;steiis Erst hwcniiig 
der KeprodulitionsfUliigkcit kommt. Im Gehirn hnden 
sich keine schwereren Verandenuigen, aber Zeichen chro- 
nisrhrr '^Mnmi','. 2. F,iii<- scdwcrc progrculicii Ic 
Form, iijcr \x'nirsi(i)l die vtrM^liifdciio f.« iialibatiun 
«les artorii Mcf .tisclicn Degencrati' >n>prc m os.sos vcrschie* 
dene klinische Bilder. Der arterioskleriiU».-he Dcgene» 
lationspntjseBB kann sich in zerstreuten Herden Ober 
das '^anzc (.iehini ausbroit<ni (gcwrditilii he Forni'i, nder 
V(<r2ug:iwei3K.> auf tlas Ilettiisph^ircnmurk hcschrünkt 
bleiben (Encephalitis subcorticaliii chronica diffusa 
Hitis\van<;crsi , siili nur auf ilic Kiiulo aii.sdrlmcu 
(sciiilt; KiiidL'nver("')dunj>), <Kler allciti das Ci«'f,)ssne- 
biet ir^rt'iid fiiicr nt<">sserfi> Hiriiarterit; Ix-irt-llcii. 
Audi manche im spateren Alter auftretenden Falle 
von Epilepsie mttesen als duirh ArterioakieroAe ver* 
utsai !it aii}j<--s<;liPii wcnicn. Es m'clit zwei s-ilihor 
Foniicti. Die eine, cardiovasalc. ist fast rcgdtnilssig 
mit H('r/kr;iiikheit(-ii kon)|ili/iert , die /.w<,-ii<; mit ;ir- 
terio»klerotischen Herden in Zu^amirn nhang 2u bringen. 
Der Vortrai; wird durch Zeichnimgen erlAutert. 
l'isiussion zum Vortra-r Alzheimer. 
Herr Fürattter weiat zunächst ilarauf hin, dass 
die Artcriosdcrosc oft schon in jurnjen Jahren zu 
«onslaiiren sei, dass dahci rep"t>;irc uikI famili.Tn- Ver- 
hältnisse eine grosse Rolle i^pielcn. Man thtll in 
densdben Familien nicht nur besundere Grade der 

Arteri<iM.loM>se sondern aii( h Auftieten l>ei niolireren 
.Mityliodem in junucii Jahren. Unter diesen Umständen 
kotiucn nalüdich a«< h sehwere F>krankungtn des 
Ccntralncrveusystems schon in jungen Jahren boobaclitet 
werden. Sodann macht Herr A. mit Recht dnen 

Uiiteist liie<i zwis< Iii 11 ilei F.rkrankung de^ Markla^eis, 
Witt sie hfi dft .\rteri< isi Icri i.*e in ret~hier Ijnie in 
Betrai ht koinmeti und Ki krankuM(>cn , wo die Kinde 
in erMti liiiic betrt'IIen, wie l'oi der Senilen-Verödiing 
A.'s F. fragt, ol) ,\., wie es luicli den Zeithnunjjen 
si heint, V'i-rbindutig <kT .S|>inni iiz»-l|i'n tlirei l mit den 
Ge{ii:>scn anniinnit, was Weigert frahcr nicht that. 
Endlich untetichcidel auch F. bei der alkoholiarben 
F.piU psi'' I'alle, w'i arterii 'Seien itisehe Herde flie Ur- 
sa< hf, viiti tl<-n hiiuiim-rcn Füllen, in tiencn dicllini- 
v<'r;ind<'riingt'n F'iliji n der 'i'<ixeti .sind. 

Herr Dcgenkulb: Ich habe nur Kindengcf>lsi$e 
untcnucht, und weis» nicht, wie die Beantwortung 

der Fraj^i- sit h lioi cin'-iii uiiif.osfiidt'ii Ucl ■< rl ili' k 
über lieii ganzeit Gefaasapparat stellen würde. Mit 



diesem Vorbehalte glaube ich, dass sich an den 
Rindengefftssen die hyaline Gefassd^eneration \v>n 

ilrr Kind<-nt;»-f,lss-.\rtctii >si loruse d>n'h trennen lä-sst, 
wie ilies ja R«therts' ins Ansii lit ents])richt , «lessen 
.'^t lii-:na fteilifli filr die Mehrzahl der Fülle iiirht aus- 
reicht (vergl. die f lefUsivLrkiankung bei Dem. scn.), 
Bexiis;li< h der .\rteri>>scler<>«ic der F'aralvtikcr mrichie 
ich Herrn .\, lieistiinnien. 

Herr Hänel fragt un, ob ein Befund von pcri* 
va»cuiBrer Injection mit Rundnsllen an den kleinsten 
(lefässen bei Artern im len 'se der mittleren luidsr' iSsen 
auf den arleri« »seien >tiselien Pri>zess zuniekgcfülirt 
werden kann , otler oh man in solclien Fallen noch 
einen parallel gehenden, entzündlichen, encephalilischen 
Prozess annehmen muss. 

Herr D e 1; e n k o 1 Ii : Knnil/i-tlr iilr,rillt,iif k'.inmen 
bei, (sc reiner) ArtcriusdcroM: kleiner llinigefü.sse nidil 
yMt ausser (isecundar) im Bereiche sehr schwerer 
liwater Verrinderuni;<-fi H. alter Knoten. Trennt 
man !»i liHrf die .\dNeniiiiai/!ellen\sueherungen von den 
RundzelleninhltiatiMi . s.. h.iiien mir Litteratiirsiutlien 
ergeben, dass solche nur bei Intoxikationen und In» 
ferlionen vorkommen, vermötMich nur bei Infetiion, 

1 lerr A 1 z ' i r i m ■ i Mn--« ,rn : Ii 1: glaube, il.xss 
man ni« iit sagen sollte, tkis und <i,» kouinit nieht vur. 
Tliats;iehlich findet man gamu lit so selten, z. B. bei 
der Parai\se, otTenbar arteriosclen >tisehe Gef;issver- 
,'inderuiiui-n , i>ei welehen eine starke kleinzellitie In- 
filtration zu >elien i.st. Im Allgemeinen findet man 
bei der Arteriosclerose in der Kegd keine IiifiUration, 
zuweilen aber «tarke Wucherung der Adventitia. 

Dr. Uri'sins. .Sayn: Der Mangel an Irren- 
l'atronaten in Deutschland. 

Redner erinnert daran, dass vor nahezu 27 Jahren, 
im Herl'st iHjv als der \"erein iler Deutsehen Irren- 
itrzte aueh in Münehen tagte, auf seiner Ta^jesord- 
lutng dassell>e Thema stand, das er heule in aller 
Kürze zur Spjuche bringe. Der damalige Referent, 
Dr. August Zinn, Eberswaldc, war \-erhlndert in 
München zu erscheinen, und iler Vorsitzende verkis 
den von ihm schriftlich Ul)<;niandtcii Antrag : Die Irren- 
hfllfsvereine, wie sie in der Schweiz und in Deut;» h- 
land l>eslelien, sind wirks<ime Mittel zur F'i'irderung 
der Irren pflege, und ilcr Verein om|)fiehlt seinen Mit- 
gliedern, die Bildung solcher Vereine überall da an- 
zustreben, wo sie noch fehleti. Diese Resi^lud4>n 
wurde <»hne Dehatte einstimmig angenommen. Nun 
ist es unv erst.imilich unti l>efreinilend, dass, wülirenti 
von iS-j ab las 187=1 =; l'.Hrotiate in Deutsihland 
gegründet wurden, mit 1 ~ iiH< h der Münchener 
Resolution eine 5 Jahre laug dauernde Stagnation 
eintraf, imd erst in die Grtlndung zweier Irren- 

luilfsvereinc zei<:te, dass der p.itronale Getk'n'.r i.icht 
erloM hen war. Auch die nachfolgende Zeit bcwdüe, 
dass das „Uebeiall" in Zinnas Antrage nur zu einem 
seltenen „Hier uikI da" gowonlen sei. Man in« ige 
ihm daher nii ht \ erargen, «las« er heute an die Mün- 
chener Re-solution eiinnere, mit dem Wunsche, dass 
die Frage der Patronate auf der Tagesordnung des 
Vereins der Deutscher Irren 9rzte bleibe. 

D i s c u s s 1 o 11 z 1 1 1:1 ' ■ ■ 1 g e B I o ^ i 11 < : 

Herr äiemeu»; Der warme Apell des Colinen 



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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 87 



igo2.] 

Brnrius legt wolil jodcm von uns die Verjiflichtung 

auf >ii Ii -II ti.i.;eii, i>\> unil in wicfftii wir "Ii' r 
\'erj)flichtung nacligcLumniea sind. Die Frage der 
Piitronisirang und Ünteistatziing der GeidrtCRkranken 
ausscrlialb der Anstalten licjjfiii ilfii vcrsthicdtiicn 
Ländern vcrsi hiodon. In l'ri «vitizcn, wclc tif, wio 
t.li. dc-r Rcj;-R<'/.. Cassel uikI dir i'r-i\in/ l't>tnnicrn, die 
ganzen Kosten fOr VeipHegung der HciU<arcn «Kicr ge- 
meingefährlichen Getsteskrankcii Ol>entchm(ni ( Pommern 
l>»>/alilt sugar dio Kcisekuston dii-si 1 Kutikt-ii und 
ihrer Begleiter zur Ai»stalt), ist die N-ilh nitlit so 
dringend, zumal der I^mdeshauptnunn hei uns 
aurli n<Hh einen l'ouds zur L'nlerstützung entlassener 
Pfleglinge hat. Einen Tlicil iler f'flit Ilten hat hei 
uns au< h tier Verein fflr innere Mission ülierni >ninicn. 

Herr Beckb fragt an, welche Vereine ü. meint, 
und was «r mit den Pati^naten meint. Er theilt mit, 
d.iss in Nürnberg und in Fürth und aurli sunst nm h 
in Franken grosse Vereine zur Bejcahluog der Pflege 
der Kranken in den Iiren-Anstahen bestehen. 

IlerrKrcuser: Den Mittheilungen vnn Sü i^ir ns 
gegenüber ist der Brusius'sclie Apell zu unterslüi/cn 
da es doch einen wesenUi<-lien Unterschied hildet, 
ob eine weitere Fiirsi)ij;e für der .\nstalt>)iflr'i:e niiht 
mehr Bedürftige anderen Bfli<"Mden ulierlassen wird 
oder in den IlUntlen <ler Irren - .\er/to verl>ieil>t. 
Durcli letzleren Modus werden die Bezichun^^en 
XU den frOheren Pflej^tinpen sehr viel lebendiger 
erhallen, uml gewinnen wir il^n ^'<lrtlleil Obrr <ias 
äl>äleie Schicksal der Atttitaltsiifleglingc weit mehr und 
zuvenlaasigere Nadirichtat m erhalten. 

Meir Per- tii unterstützt <lcn Bri >sius s( hcn Apell, 
da die Flilfsvcreine nicht nur den Zweck der Geld» 
unlerMaizuiig , sondern der Heining des gcsantmten 
Irrenwesens haben. 

Herr Siemens: Auf ilie Vers( liiedenlu-itcn i«i 
den einzelnen Provinzen und L'inih-m habe i*li |,i 
aufmerfcsain geroiM:ht und zur Erklärung dessen« da-sa 
bei uns ein solcher Verein noch iddit besteht, die 
giuistigen Verhältnisse anpeführl, wetrlic die GrOndung 
nicht so dringlich ersciieinen ücasen. 

Herr Pelm an spricht sich ebenfalls mstimmend 
zu clein Ih> '~.ius'si lien A|H-Ii ans, 

H. Gudden, München: Beiträge zur mpo« 
gra])hischen Anatomie des Hirnstammes. 

Vortr. demonsirirt mit dem Projektiotisa|)]i.irat 
Schnittprflparate durch die normale inediilla oMungata 
und den Himstamm, die durch cigeuitrti'^e Schnitt- 
führung, Verbindinig von horizontaler mit saf;itt<iler, 
frontaler mit horizontaler u. s. w. Kiehtuni; vcrs< hie- 
dene Rün<lel in sehr iihersi» litiii iier Weise zur Dar- 
stellung brir»gen. Die Methode ersi heint gi eignet, 
nicht nur Ober den Verlauf bekannter Baltnen genauere 
Aufklärung zu st iiaffen, s«in<leni au« h bisher wenig 
gekannte und noch unbekannte Fa.stir.systeme aufzu- 
decken. 

Wolff (Basel). Die y s iologischc Grund- 
lage der I.eh r e vi 01 der» Dege Ii e I a I ion s/.ei( Ii en. 

Da die Leltrc von den Degenerationszeichen einen 



Zusammenhang zwischen geistiger beziehungsw'eisc 

nervöser Anomalie und körperlichen Mi.ssbildungen 
annimmt, so tuiirt die Frage nach der phx.siulugiiiclicn 
Grundlage dieser I.ehre in letzter Linie auf die ent- 
wi( kluiigs[)hv sio|i .givi iie Frage: hat das Nervensystem 
einen Finfluss auf k^ .sperlii lie EntwieklungsvorgJinge ? 
Diese Frage i^t in der ersten Illilfle des vorigeii 
Jahrhunderts inten&iv discuurt worden ; spater sciicint 
das ProMem völlig liegen geblieben zu sein, bis es 
gecen Ende des vurigeii J.ihrliunderts wieder au'.;' - 
noinrnen und auf expennientelleni Wege zu losen 
Versucht wurde. Der Erste, welcher, wenigstens für 
wirbellose iliicre, den |K>siliven Nachweis lieferte, 
das.* das Nervensystem einen F.inflnss auf Entwirkc- 
iurigsvorgringe h.kben könne, ist K. Merbst, weh her 
zeigte, dag» bei Krclwen das abge»chnittenc Auge 
nur rcgencrirt wird unter dem Einflüsse eines vom 
(Janglii>n ojitii mn ausgeln'iiden nerviisen Reizes. An 
Wirbelihier<ri lial der \"< irtragendc in den letzten 
Jahren die Frage experimentell studirt und fcslütclksn 

können, da» bei Tritoncn die Regeneration einer 
abgcM'^hnittencn EMrcmitSt nur erfragt unter dem Ein- 

fluvs <'ines tluri Ii das Kiu kenniark vermittelten ner- 
vösen Reizes, dass bei l'nteil<rci luuig der nervt>sen 
Verbindung mit <lem Rftrkenmark eine Reg<"neration 
ni< lit erfolgt be/w. ein bereits eingeleitet<;r Ri-gene- 
raliohsproze.ss unterbrorlieii wird, imd tla-s bi i in.ingel- 
liaftei nervfser \'eil)inilung d.is Regenerationsproduct 
Missbildungcn zeigt, die sich in der Keducliun der 
Zehenzahl kundgeben. 

(Sebtaw» ki0i.i 



Referate. 

— The Jnurnal of mental sciencc. April iqoi. 

Du« kworth giebt eiiu- Uebersii hl über die Rolle, di<' 
die Toxiiniie in der Ilcivurbringung geistiger Siorungen 
spielt Die Toxine ktinnen jnt Kürper scll>si enistclwn, 
oder sie werden von den vim aussen eingedrungenen 
Mikitv>r^ani«men erzeugt, oder sie knmmcti durch or- 
gariisdie (jifte za>tande, oder sie sincl das F.rgebni>s 
des gewohiihcitsmässigcu Gebrauchs von Aikohol, 
Mor|>hium, Cocain, Chloral. Wirken diese Gifte auf 
ein here<litär belastetes und gesi hwiU Lies < ieliini, so 
entwichen \ersrhiedene Arten des Irreseins. Diese Prä- 
dispi .siti<in ist aber ni> ht in allen FJillen nolhwcndig. 
Verf. führt nun vcrschiedi-ne Krankheiten an, in denen 
die Wirkung der Blulvergifiutig auf das Gehirn und 
die sic'h dar.ius ergebenden psvrhisi heii Str>rinigen 
bekannt sind, wie Unimie. Diabete», Bicivergiftung 
etc. iniil schliesslich das grosse Gebiet der Infektiuns- 
krankluiti-n. 

Lewis Joties meint, dass in manchen F'alleti von 
Irresein ilic Kleklri/itfit ein nfitzlii hes Heihnill<-I si-i. 
llue gute Wirkung auf «lie ;\tnumg, ilie Wärmepro. 
duktion und die Aus.scl>cidung von Hamstotl i-*it be- 
kannt Sie wird also Itesonders da angc«'cndet wcnlot 
nnrssen, \\ i wir «l< ii .Mlgcinein/asi.ind bessetri wollen, 
in Füllen, von St hwilclie, Anilmien, Ap|>clillosigkcit, 



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88 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



Schlaflosigkeit. Hier bessert sii Ii tUiim oft zugleich 
mit liein physischen der |>sy(liis4 he Zusiaiui drs 
Kranken. Verf. empficlilt das clcktrisiho Bad mit 
Stroinunterlircihung, 

Richard Brayn gicbt eine kurze geschichtlidie 
Uebcrsic lit fiber «lic FOrsonic für verbrecherische Gcistcs- 
krankc in Kurland im xcrflosscncn Jahrhundert. \'i>r 
itioo war da.s Verfahren sehr schwankend und un- 
sicher. Bald wurden we wie gewöhnliche Geästeskranke 
!)< Ii.iiiilijlt. bald ins Gefiingniss ckUt Zuclith;!iiv r;cstecki, 
bald tinüi h laufen gelassen. Die erste j^csel/.iiche Üe- 
stinimung über die Untcrbrinjjung geisteskranker Ver- 
brecher in Irrenanstalten rOhrt vom 2S. Juli 1800 
her und war die direkte Folge ein«? Attentats auf 

CiMt:; in n.i: ti.n !i halle Iv uIl; i;.is \*frfi;uiiiii:s- 
lei ht ober die U nterbringung geisteskranker \ erbreclior. 
Da es aber unbestiniiDt gdantcn worden war, wer die 
K<'slcn zu bestreiten halle, so sclieint es, als seien die 
geisteskranken Verbrecher nach wie vor dem GefUng- 
niss flborwicsen worden. 1H07 wurde rin.- Comnii.ssion 
ernannt, die sich mit der Frage der verbrecherischen 
und armen Geisteskranken zu beschäftigen hatte. Sie 
empfahl die Kni liUing einer besondcm .\nstalt für 
die, die wegen eines Verbre<hens, beyangen im Zu- 
itland der Geisteskrankheit, vcnnihcilt worden waren. 
1814 wurden im Artüchlius an da;> Bethlem Hospital 
.Abtheilimgen fflr 60 verbrecherische Geisieskanke ge- 
s<-hafTen und iler ."ir/tlii hen imd sonsligei» I-eituiig <les 
Hospitals unterstellt. Die K(]«ten trug die Regierung. 
BM reicfateo die FIStze in Bethlem trotz der dop- 
pelten \'{ rr-rrisserung nidil mehr aus, und so si hli.ss 
die KcgR'iHiii iH.p» einen Vertrag mit tien Eigcn- 
tbftmen) ilc^ Fi^-ln i idh Ibmx-, die überxJllih'gen ver- 
brecherischen üeistc^aukcn au/zunehmen. Aehnlicbe 
Vertrige wurden mit verschiedenen Irrenanstalten, wie 
denen zu QimbenM'll und Dumfrics, abgrsi 1^-1 n 
Derweilen war 1835 aus dem House of I^rds eine 
K(>miniR.sion gewählt worden, um «dl Uber den Stand 
des Gcf.'lngni.ss- und Zu< hlhaus» tsei»s zu unterrichten. 
Das Gutachten lautete: „l'ers<inen, bei denen das 
V' erfahren vorlaufig eingestellt worden ist, «Kler die 
zwar venutheilt, wegen üeisteskranklieit aber nicht 
bestraft werden kOnnen, sollen nicht im GefSngniai 
oder /i'n-httinuK uTiicrgel,)rachf '.vi >den," Nru'h einer 
bestnnmung von ib.^H ist jemaad, der ein Verbrechen 
im geisteskranken Zustand begeht, ixler im Begriff 
ist 2U b^hen, nach dem Urthdl «weier Richter uitd 
auf Grund eines 9r7tlirhen' Gutar^tens einer Irren- 
anstalt zu überwi;N(ii Eine F.estimmung von 1840 
dehnte die Bestinunung von iBoo, wonach des Hoch- 
verrathit, des Mordes, kwz der schweren Veibrecbea fOr 
schuldig befuiulcnT G. ist rsl; ranke in einer Irrenanstalt 
unterzubringen sind, aui ii auf tlie aus, die nur ein 
Vergelion begangen liatten. Bei der UcberfQllung der 
Abtheilungen zu Bethlem und Fishertun kam man aiif das 
Gutaditen der Comisslon von 1 807 zurtick und beschloss 
den Bau einer besonderen .Anstalt für geisteskranke Ver- 
brecher. ä<j wurde 1U56 der Plan für die Anstalt zu 
Broadmoor entworfen. Noch wahrend des Baues (1860) 



[Nr. 7. 



Äussert« sich eine vom Unterhaus erwflhtte Commission 

tlahir»; „.Solrhc Personen mit andern Kranken zu- 
SJinimenzubringeii, ist von Uebel. Es ist für sie selljst 
und die amiern Kranken scha<lli( h. Sie alter im Ge- 
nesung!««uidiunt als selbstverständlich frei zu Ijissen, ist 
ein noch gr^Nsercs Ucbel und kann wegen der 
grossen (iefahr für dir f l!s< haft nicht gebilligt wer- 
den" 1HO3 wurde BroadnuKir eröffnet. Die .\nst«ill 
bestatui urspriinglich aus 6 ['avillotts für Manner mit 
4CX5 Platzen und einem Pavillon für Krauen ntit 100 
Plauen, Jetzt sinds 480 Platze für Manner und 187 
fttr Frauen. 1884 wurden eingehendere Bestimmungen 
erlassen Uber die Begutachtung, Unterbringung. Ueber- 
fOhroDg, Beluuidlimg und Entlassung dergdst^ranken 
X'erbrecher. Die Behandlung dieser Individuen unter- 
scheidet si< h nur insofern von der der übrigen Geistes- 
kranken, als besondere Sicherhcilsmaassregeln und 
eine grossere Zahl Wartpeisonal nftthig sind. Es sind 
auch des Nachts eine grüfisere Zahl Zellen erforder» 
Iii n ii> ciiK-t t;f%\i:']inliv lii n Irrenansi. dt. Die Zellen 
Sind beliel)t, da viele Kranke es vor/.ieheu, allein zu 
schlafen.*! Der schwierigste Punkt ist die Frage mdi 
<ler Entlassung der geisteskranken Verbrecher, nament- 
lich der Mt'Vrtler. Selijst wenn in der .\nstalt die äusseren 
Syniplome der ( ieisteskrankheit gesdiwunden sind, ist 
die Gefahr des RttckfalU in dem freien, ungebundenen 
Leben ausserordentlich gross. In Broadmoor werden 
ilie geeigr^eten Kranken gewöhnlich be<lingungsweise 
und gegen Bürgschaft eines Verwandten oder Freun- 
des entlassen. Diese übernehmen alsdann die Obhut 
unti vcr|»flichlcn sich, rcgehuflssig Berichte über den 
phy.sisrhen und psytiiis« hen Zustand ihres Schützlings 
;in den .Staatssekretär einzusenden, damit der Kranke 
rechtzeitig beim Eintreten verdachtiger S}'mptome 
wieder eingeliefert werden kann. Auch die vcrbei- 
rathcte Fnui, die wahrend ilirrs puerjieralen oder 
sonstigen Irreseins ihre Kinder umbrachlc, rechnet 
Verf. zu den gefährlich blciben«len Geisteskranken. 
Er macht eine zarte Andeutung, ob man sie in dem 
Falle nicht „sterilisieren" sollte. 

Zum Schluss verweist Verf. auf den häufigen Zu- 
sammenhang zwi.schen Sinnestausthun«i ri uiid Mord. 
Eine Statistik über die vom 31. Ii. 1^99 in Broädmtwr 
anwesenden Insassen ergab, dasa es sich in 83,3*/o 
um .Mord und Morel vcrsudie handelte, wovon auf die 
Männer 81,2"/, und auf »lie Frauen 9,7% entfielen. 



*) Sind das ancfa „Xoliulka«? 

(FortüeUung folgt.) 



Pertonalnachrichi 

— Dr. Barl' N, Besitzer der Heilanstah für 
NerHxukraukc „Kurhaus Villa Frieda" in Ballenstedt 
a. Han ist zum Sanitatsralh ernannt 



J i-i („ r :i-<L.< ti iiH 1, 1, j ii. il \rr.iiii«v„rllii Ii 1 OliXJiKt I i'.J. K r o . . •■ f KriM-.hnitl, fb«b:«M'-ri 
lüwbMnt ieJUn Smiiuiltcnd — Srhiuvi der laHUMcnaniuliaa j T*C« voi der AuiK'b«. — Vatag von Cail M arhold in Hall« «, !> 

HiyniMMtrlin ttwMndMKl (G^. WnHT) m IMIe & 



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9 



Psychiatrisch^Neurologische 
Wochenschrift 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 

IntenuitloiMles Correqionilenxlilatt fftr Irrenlrste and Nerrenflnte. 

Unter Mitwirkung mhlreicher hervorragender Fachmänner de« In- und Amlaitdeii 

•n»f)i"i«e**e'"H»-TT von 

Oir«eu>r Dr. Jt. Alt. Prof. Dr. O. Anton, Prof. I>r. Bleuler, Prof. Dr. jU Iädinp:f>r. Prof. Dr. QuttoUdt, 

IMriio'ni* 'AlnuMfet. <'inu /linri . Frjinkfiirt «. M . (Jcfc. M«4.-IUM. ütlllK. 

Prof. Dr. JB. Mandsi. Dr. P. J. Möbiaa. Diroctor Dr. Mor«l, 

AnHh I-cipfK Muttt (BaijpMilt 

Unter Benütxung amtlichen MateriaJs 
redigiit vuo 
Oberarzt Dr. Job. Broiler, 

Verlag von CARL MAKHüLD in Halle a. S. 

TelcgT -Adrcau: Marhold Verlaf. Hallotaalc. fmm^nAK aUftm 

Nr. 8. 24 Mai 1902. 

Dm „Pifchiatrisch-Neuroluitlach« W»i:li«n«<:brl<t" snchcint >eden SonBabend und koMM pro Qitanal 4 Mk. 
Hl muttlimm»» iwhiBm« )nl« Hurhluiuiliin«, dw Pnai (Kauto( Nr. 6252), lowte dir Vcria(«bui.4ihandlun( von Carl Marhold 10 H«ll«B.!i. «PIRMRN. 
ln.ii^at<i «nr-riion fUr dx- jtpaitif« P«tiiuite mit 40 P%, b*r*cJ>nM. IM Wiedr<rh<>lan( triu Brniiäiai(im( c4«< 

'ii-' 'iri". r, rir ifr^ KMUclUfH *lnd Ob*rar/( r>r 1 Rr.^^l*'^. Kr i r*i n il z lSrilI<«nffri^, 2ti rirhten 

Inhalt. Ori^io^Üc: Dte Irren lünorj^c in B«deo. Vun Obernrrl l>r, Mux KiscIicr-IIICDau (S. 89}. — Mitthcilungen (S. — 
RefCMte (S. 95)1 



Die IrrenfUraorge in Baden. ") 

Von ObcrJtlt Df. .1/7 .v /-/jf/Kr-l Henau, 



T ^i^' geg^^nwilrtige Irrenveisorgang im Grosshenog» 
thum Baden sagt folgende Verhaltnisse: 

Das Gr>>sshcrzi>{;llmiii besitzt liei einem Flüilicii- 
luum von i.sotfi qkm uiul einer EinwuhuerzaltJ v.»n 
I Hoj 944 (Vuikü^älüung vom t. Dexeniber I9(.k)) /.u 
Zwecken der Inenveisoigung an staatlichen öffent- 
lii iieii Irrenanstalten: tili; Heil- utid I'fl'vaiistalten 
in Itlenau mit 300, EininciKiiiigeti mit 102^ und 
Pfctrzliekn mit 6 30, Küwie die beiden Irren ktiiiikcn In 
Heidelbeig und Freibuig mit je 1 10 Platten ; ziutaniinen 
En<le cl'-^ laliies ic»i>i> als 11 oni i 11 c 1 1 <■ Hin h.stzitfer 
2^95 Plätze für Geiätcsloanke in üliuiati« licn Aiiütalten. 
Es komml danach in den Hdl- un<l T*ne^aTisialt<ni 

*) Vorliegcade Arbeil Ut der gekfirxic erste Tbeii der 
Toii der baducbeii SacHvervtlndifencommifision aiugoarbeileten 
„Denkschrift über den ccEcnwirtlt;cn St;iild ilcr 
irren fürt orge in baden und deren küniticv Ge- 
«laltnns", mit einer amaem EinfCheilimit, welche, weil lu 
whr ins Detail gelwndi io der Denloclirilt nicht tum Abdruck 
)>i:kuuimea urt 



des Landes ein Platx auf 780 Snvruhner, reiip. auf 

1000 Kinwnhner rt;i?/.e. 

Der that.sadiiiche Krankenbestand bctnis Knrlc 
KHXJ in diesen fdnf AnatattM tnMOmien -'40; l'flcg- 
Bnge. 

Diese Z iiil geht ahi) Öbw die ftb^ nominelle 
In. (liste Hekji/.iffer von 2.ViT hinaus.*) 

Mit der angegebenen Bclegzitfer vun i3tf5 sind 
aber sHmmtliche Anstalten bcrdts als bedeutend 
Uber fallt zu betrachten, wenn man die Rfttitne nadi 
den iKriilincii ( Jruii<ls,'lt/.cn <ler H>^'!enc und des 
teciini!>cit-üiztlicliot belricb^• HUüttiiüitt. Wir wenlcn 
auf diesen Ptmkl spater noch zurOckkommen. 

Abt den staatüi-fien Anstalten zugehörig ist ferner 

die .X 1» t h ei I un g I ü r )^ e i > t e > kran ke Vcr- 

lireelier 1'^ H a u p t k la n k e n Ii a u s e s des 
I,a II <l e sj; cl .1 n n i s s e s in IJruihs.il :uU _'S 

*j Seit dincr AubieUung haben sieb die Bclccunetveihltl- 
nUte nadi crbeblkh vcnclikchteit. 



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90 



[Kr. 8. 



l'latzen za rechnen; der Krankenbcstaiid betrügt dort 
durdiachnittlidi 20 Kianlce. 

Da ieduih nur akut gcistij;; erkrankte Strfiflingc, 
wahrend ihrer Strafjwit, Aufnaluue finden und der 
Krankenfaertand sich nur aus der Zahl der Strsninge 
ergftnz^ jüao der Wechsel allein intem sich vnlijiieht, 
>! i kl immt dir 7;ilil für uriscrc Aufstellung iler 

für diu Landtöirrciifüräiki^c verfügbaren Plätze nicht 
in Betracht. 

Zu den staatlichen Institutionen der öffentlichen 

I. n n ft si r r c n a n s t a 1 1 o n nnnr-n hir;7ti dii' soge- 
nannten Privatirrenanstaltcn. Als wtichc sind 
ta hien : 

I. Die Kurporationsanstalt«n, die der 

pri vaten Wo h 1 tli .'H ijT k Ol t itin- FT!f-!cl)uni; ver- 
danken und zum Thcil Staatszusi hü<»«.c zuni Bau uml 
Betrieb eihalten. 

Diese Wohlthatigkeil&ansttdten sind: 
a| d;ts St. I < 1 <. f v|i ;^ 11 s ! rr II f r t !• f n , Amt 
Lörrach, in wclciicn» Svhwach- und Hl-Wlsiimige, Idio- 
ten und Kretinen Aufnahme finden; am 31. Deseoiber 
1900 befanden sich dasdbst im Ganzen 394 Kranke 
(«lavon <) unter (» Jahrrn. t i \ 'in 6 — 14 Jahren, lOl 
vpn 14 — iljulircn und |i>3 über 21 Jahren). 

Die nominelle Belegizifler betragt 450 Betten. 

b) Die Anstalt für schwailisinnige Kinder in 
Mos'i;, ili. wi ll In- für selwathsinnij'c Kinder und 
jugendliclie t'ersonen im Alter von 0 — lö Jahren be- 
stimmt bt; au 31. Dezember 1900 befanden sich 

. darin 138 PHeglinge (imd zwar 5 unter )) Jahren, 
5- von (>— 14 Jahren, 59 von 14 — 21 Jahren und 
17 über 21 Jaltrcn). 

Die nominelle Belcgziffer betragt 140 Betten. 

c) Die Heil- und l'flegeanstalt für epi- 
leptische Kinder in Kork, weit he Epileptiker, 
und zwar in erster Linie Jugcudlithc, aufnimmt, die 
alteren nOthigenfaUa beibehalt und in zweiter linie 
aui Ii F.rv*arlisenen .Aufnaluue gewährt. Der Kranken - 
bestand betrug am 31. Dezember 190(1 7,^ Pneglinge; 
davon ist l unter 6 Jahren, 22 im Alter vuti 0 — 14 
Jahtren, 40 im Alter vun 14 — 21 Jahren und 10 Aber 

2t Jahre alt. 

Die nominelle Beieguflcr beträgt 75 Betten. 

In diesen drei Anstalten zusammen wurden am 
31. Dezember iQOO 605 Kranke und zwar in der 

fiberwiegeiuleii Mehrzahl iütren dlieho Gci.stcsk:anke 
(Schwachsinnige, Idioten, Kretinen und Epileptiker) und 
zwar 215 unter 14 Jahren und 200 vom 14. — 21. 
I^bensjahre, aber daneben audi 190 erwachsene 

Geisteskranke nf 'T 1 Jahren tlerseihen Art veriiflegt. 

Die Buleg/.ific'r ilieser unter 1 genannten Anstalten 
zusanuneiiigercchiict ist 6(>5 Platze. 



Die P ri v at i rr cnanst a It für vermög- 
liche Kranke von Dr. Richard Fischer in 
Nc«.kargemünd mit 42 Platzen« Der Krankenbesland 
Ende 1 900 war Vv 

Die zur Verfügung stehenden Platze in allen Privut- 
iirenamtalten (t und 2 zusammen) betnigen 707. 

Wenn wir den in den staatliehen Irrenanstalten 
verfügbaren Plätzen (.239,0 noch diese in den l'rivat- 
irrenanstalten vorhandenen (707) hinzurechnen, so er- 
giebt das eine Gesamralzahl von 3102 Platten fiar 
Zwecke der Irrenvcrsors^imir , <\. ti 1 Platz auf 60» 
Einwohner oder auf lüOo Einwohner i.öO Anstalts- 
ptatze. 

Von dieieii hiflgesammt 3102 Plaiien treflen ao- 

TTiit .'V)S "iler ~~,2 "Iq auf die staatliehe Irrenver- 
S4»rgutig und 707 oder 22,H 7o auf die Privatirren- 
anstalten. 

Es sei mx-hmals darauf hingewiesen, dass, abge- 
sehen vun der l'ri\ atanstalt für V'erniöglii he m Nc l.n - 
gcmüiid, die Mehrzahl der in den Privatirrenanstaltcn 
verpflegten Kmnken, abo insbesondere deijeni|;en der 
genannten drei Wohlthfltigkcitsanstalten jugen d ' i > h c 
T^fleglingo und nach Krankli. itsV itcgorien .Sehwa« h- 
äinnige, Idioten, Kretinen und Epileptiker 
sind, so dass also den Privatanstalten vorwiqend 
die F K 1 s u rge fO r die Jugendl iehen , denfiffent- 
liilifii ! 1 ren ;4iistallen aber die FQrso rge f fit 
Erwachsene zuijlllt. 

Wir haben des Weiteren noch zu erwähnen die 
Kreispflegeanstalten unter der .Selbstver* 
wattung der Kreise stehende Krankenanstalten — ■ 
cincsthcils für köipcrUth Sicelic (auch Taubstumme), 
andemtheils fOr Kzetinen, Epileptiker, Idioten, Imbezille 
und andere chrnniM lie Ciebteskranke. In diesen netm 
Kreispflegeanstallen des Landes wurden nämlich am 
31. Dezember lyoo ausser 1154 körperlich Siechen 
und Taubstummen 1 146 dironiache Geisleskranke (mit 
angeborener (»eistess< hw,'lche, auch Kretinen, oder er- 
worbener Geistesstörung) und Epileptiker, zusam- 
men 1243, verpflegt. Eis sind danach jji der In- 
sassen der Kreispllqteanstalten, abo Ober die Hälfte, 
Gcisteskrankr, Krotirifn und F.pilr; iliker, wobei die Ge- 
l.'dimten (an (.iehirn- oder Kückenmarksl.'lhniung Lei- 
denden) und die Alkoholiker, unter welchen Kate- 
gorien wohl auch eine Anzahl den Geistesiknmken 
zuzurechnen sein dürfte, nicht mitgezählt sirid. 

Die»e .Anstalten dienen hauplsilchlich für der 
ArmenveRKtrgung anheimgefallene Kreisangehörige, 
ausnahmsweise auch für zahlungsCähige Kranke. 

Nach clen Statuten sind nun in diesen .\nsta!ten 
von Gdüte^krankhcitcn und verwandten Zustätidca 
nur aufnahmeberechtigt: 



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■■^ MIB I I- i ■ I !■ 

I. UiiliP^baio (Geisteskranke, sofern sie niliip sind, 
keiner bcjotHleren Wartung bedflrfen und der Local- 
veiaoiig'dQg aberwiesen wttrden.- 
. ^ Idioten, Kratinen, Blödsinnige höheren Grades, 
* eVhp auf v(i niederer geisligcr Stvifc stehen, dass 
säe sich nicht i^elbät überlassen werden können. 

3. Permnen, welche bn zur Arbeiteunlahigkett mit 
Epilepsie cxier anderen «chweren Nervenleiden (wie 
Veitstanz, Hysterie und Kitt ili psii i I r1 aftet sind. 

Nach den Aulnaitmel>cstiiumungcn, wonach die 
ICteispAegeaniUiHen ausdiflddidi nur sokhe Kranke, 
'welche lieh cfaensognt atidi für die Localvenoigung 
■■eignen, aufnclimf^, flrr in-fnür^tüftipr T^c^iniu-Iliini; 
^bcr luxh ii]gciidwic bctlürftigc Irre nicht Ijehcrbergen 
^sollen, gehören diese Krankenanstalten aber nicht in 
'die Reihe der eigentlichen Irrenanstalten und dienen 
nidil den Zwecken i!i 1 T^t■n^ ervi.r[,nnig uml Irrenbo- 
handlung in dem Sinne, wie die vurlieqjenannten 
{Iffentlichen und privaten Institutionen. Die in den 
Krevpßcgeanatalteii von Kranken dieser Art CWge- 
nomniencn Platze können bei dieser Siichlatrf* ;nirh 
bei einer Aufstellung der für die geurductc Irrenver- 
sur^ng verfägbaren Platze nkrht milgesSltlt werden. *) 

Den (tffeDllicben Irrenanstalten fallt nun in der 
Lai\desirren Versorgung folgende Aufgabe *u: 

Zunächst gliedern sich dieise: 

I. in vorwiegend Aufnahme- oder Heilan- 
atal ten (IDenau und ilic beiden Irrenkliniken), und 

y vor«iei:fnd Pflegeaaalalten (Etomendingen 
und i'ior/ihein)). 

Die enteren allein nehmen prinzipiell Kranke aus 
dem offenen Lande auf, wa1 n^ntl die letzteren zur 
Entlastung der Auf»i;diineanstaltcn dienen, d. h. nur 
aua diesen Kranke uulnchiucn sollen, mit .\usnahme 
der Wiedeiaiifnahmen und eventndl der EpUefillker. 

Da.s ganze I^ind ist nun in Aufnahmebezirke 
für diese drei Aufnahnieanslalten (Illeiiau, die Irren- 
Uiniken iu Frciburg und in Heidelbetg) eiugeihctlt, 
so daas jeder dieser Anaialteo alle der Anstaltsbe- 

handlung bedürftigen Kranken zunSchst aus diesem 
fiexirke tofaUen; auanabnwios gilt dies für die auf 
OflentHclw Kosten (Gemeiode-, Kreis- oder Staals- 
kosten) Verpflegten. VermOgliche kennen sich die 

Heilntistalt -.vrililen. 

Der Aufmthmebezirk der Am>ialt 1 1 1 e n a u uiufusst 
die ifitte des Landes and die sOdfistlidie abliegende 
Bodense^gegciui, d. Ii. die Kreise Baden. Dflenburg, 
Villingen und KonsMnic, letzteren mit Ausschluss des 

*) Zor Frsijje der KrL'ispflci;o.in<iaUcn uimml der Verf. 
im Bbrigcn, wie er bereiu an andvni Orten bcloote, von jelwr 
die gkÜte StSÜinc «in wie frlUicr Roller unil aeueniings Kift> 
pcüa, Ladwii «ad mit Üumb woid die ueiileQ Ps^iater. 



AnUsgcric lit.shczirkes Radolfzell, ferner vom Kreise 
K.iiKru!i<- (iii- AiiinIk ,iikc Karlsruhe, DuHach und 
fcitlmgen, zusammen mit einer Kinwohucrzahl von 
7^5 i7<* (VolksiahluQg viho i. Dezember 1900). 

IlleTiau hat bei etwa 500 Platzen eine Jährliche 
Aufnuhmeziffer von 385 (Durchschnitt der letzten 5 
Jahre); im Jahre lyoo hatte es 434 Aufnattmen. 

Die Inenklinik in Heidelberg hat zum Auf- 
nahmebezirk den vom Illcnaucr Bezirke nördlich ge^ 
lq;enen Liuidesllieil , n.'iiiilich die Kreise Mosbach, 
Heidelberg und Mannheim, und vom Kreise Karla- 
tuhe die Amtsbeziike Pforzheun, Bretten und Brudi- 
sal, zusammen mit einer Einwohnerzahl von 712488. 

Sie vollzieht 1 ri , jncr l'liltzezahl von 1 10 Betten 
pm Jahr 314 Aiifnahmca (Durcb»cluütt der letzten 
5 Jahre); im Jahre 1900 hatte ale 383 Aufeahmeo. 

Die Inenklmik in Freiburg hat zum Aufnahme- 

lu-zirl; rlcii ütiri;^ f It ;1 i n. Irri -ndlidien Theil des 
Landes, d. h. die Kreise Freiburg, Lörradi und Walds> 
hut, und vom KrciM Konstant den Amtsgerichtab^ 
zirk Radolfzell mit zusammen 440086 Einwohnern. 

Sie vollzieht l>fi cin^r l'fntzr/aV.l v -n t To ini Jahre 
ca. i8ü Aufnahmen (Durchschnitt der letzten 5 Jahre); 
bn Jahre 1900 hatte sie 220 Aufoahmen. 

Kranke, wddie die Kliniken aus Platzmangel etwa 

nicht aufnehmen, fallen der Aastalt Illenau zu. F.pi- 
leptiker köiuicn von den Kliniken und v»m Illenau 
direct nach Emmendingen überwiesen werden. 

Man ersieht daraus, dass die IrrenUiniken ausser 
ihrer vornehmsten .Xuf-.i: - , iler Lehraufgabe, noch 

einen erheblichen Theil der I.andesirrenfürsorge über- 
nehmen, da sie, trotz ihrer der I^legungsfah^keit der 
Anstah Illenau (500) gegenober verhflitnissmassig ge- 
ringeren Bettenzahl (je not. für eine Einwohncrz.ahl 
von I 15.' NO), 1!. h. 'h.;",, (b--; T,;inf!i--, .^uf- 
nahmean.staiien dienen, und nnl .)04 .\uhiailtmcn pro 
jähr 56,2% aller Aufnahmen in Heikinstalten voll- 
ziehen. 

Die Aiistalten Emmendingen unti Pforzheim 
Stillen, eutsprediend ibrcia vurftiegeiidcu Character 
als Pflegeansialten, frische Fslle aus dem offenen 
Lande ni* ht aufnehtnen, hal)en also au<.'h keinen Auf- 
II, liuii l n /iil.. s< indem nehmen den Heilanstalten Illenau, 
Heidelberg und Freiburg die chruniscb gcwurdenen 
Falle ab, und zwar Emmendingen, das als kolontale 
Anstalt im Pavillonstyl mit .Xckerbaubetlieb eibaut ist, 
die n> H h geistig vjv\ k<'«r[>"Tli< h rüstigeren und zugleich 
arbeitsfähigeren Kranken, und Pforzheim die Blöd- 
sinnigen hoben Grades, die Idioten und Ktetinen. 

Beide Anstalten nehmen ihre PAt^linge nur nach 
diesen Kninkenkategorien und aus dem ganzen Lande 

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[Nr. 8. 



auf, niiht uiitcrsc^iucdcn »ach dem lleünattis- ixlcr 
Wohnort. 

Von der beabi>ichti|;ten Vereinheitlichung der Auf- 
n.ihmcc|ualifk-atii>n E^lci' liinUssig für alle I 'fl^gcanstalten 
ist in der DenkM-hrift .später die Rede. 

Emmendingen vull»eht auf diese Wdac bei 
diier riat/.e/.alil von 1025 im Jalir i'>S Aufnahmen 
(Dun lisdinitt der Ict/teii ,5 Jahre); im Jahre igoo 
wureii &» I /u Auhiahnien. 

PfoTsheim, bei einer Platsezahl wm jetst d^o, im 
Jahr 8bjb Aufnahmen (Onrch» hnitt der leisten 5 Jahre); 

im Jahre iqoo warm es 75 Au'n ihinon. 

Der ganze Gang der Irren Versorgung seut aber 
nun, wenn er in Wirklichkeit umgesetzt und regel- 
mlsog eingdialten weiden auH, voisiua» dast 

I. die PflegfNUi <1 ;i It t ti 'unnor in ficr T,;ij;<-' sind, 
die angeiueldelen Krauken aus den IluiJanittallcn in 
nicht SU langer Frist avfsnnebmen, und daw 



2. die Aufnahme- oder Heiian»lalten 
immer Ober genügend freie Plätse verfügen, um jeweils 
dem Andränge der Aufnahmen vun auseen stattgeben, 

i! h dir :inHt;ilfsI>edürfligen Kranken aus dem offenen 
I^ndc un\erw'eilt tnid uhite Zeitverlust, der ihre Aus- 
sichten auf Heilung nur beointrftdit^n und sdiwere 
Unzntra.gUchkeiten in der Aussenweit ^.chaffcn wOrdc^ 
aufncliincn und oint i s.!. lim-mSssen Beha'KlInng /u- 
führcn 211 können, da:«s iladurch — in Verbindung 
mit einem boichleunigten Aufnabmever^ren, wie wir 
es in Ba<len bttsit/cn, — die «ngenflgcnilc, auth nur 
\i)r0l'O'L;< hende Unterl>ringung der Gci.stt"ikr;it>lr ti in 
Spitalcni und sliUltiavUen KrauLcnltäUitcrn und t ben;>u 
andere Incunveniensen in der Verwahiui^ und Be- 
handlung der Geisteskranken vor ihrer Anglaltsver- 
btingui^ veimieden werden. 



Mittheilungen. 



— 37. Versammlung d«B Vexeina der Irren- 

Aerzte Niedersachsens und Westfalens. 

Die Vcrsamnisung fand statt am 3. Alai ds, Jahres 
in liannuvcr, im f' »nferenz-Saale des dem Aerztever- 
ein ^ohörigen HauK«. Dieselbe war sehr /^ildrci« Ii 
besucht. Nachmittags 3 Uhr en'^ffnele dor V'orsii/cndc 
Herr San.-K. Dr. (j c rst e n b e rg - Hil«Icsheini die 
Versanimlutig. Nach Erledigung einiger geschäft- 
licher Angelegenheiten trat die Versammlung in die 
wis.'ienscliaftlii-heii Vetliandlungon ein, c!ii s, l»i( i, rfillim 
df-n ganzenNachnntiag bis 7 Uhr aus, w<iraul skIi 
die Tlieilnehnier bei einem gemeinschaftlichen Diner 
iiu Hotel Ka.sten vereinigten. 

Vor Kintritt in die Tagcsi -rdnung ihciltc Herr 
C ra m er -Gö 1 1 i ng e n mit, da.-vs si<:h in Güttingen 
eine forensisch-psychologische Tereinigang con- 
stituirt habe. Interessenten wird der Beitritt zu dfr- 
Stdh' ii ii.i!ie gelegt. 

Die wi^sf ns<.'liaftli< 1h; Tagesordnung bot folj^eiiile 
Punkte : 

I. Herr Br u n s- H a n n o ve r ; Neuropatho- 
1 o g i .s i - h c Demonstrationen. 

Vortr. besjHadi an dor Hand zweier F.'ille. \on 
deren einem das makroskopisc he Präparat demiinstiirt 
wurde, die Dtagnusenstellung des Kleinhimaincesses. 
Die S^ nlp!olne dec ken si( b virlfai b mit ilonen bei 
Krktahkungen des inneren Ohres, namentlii b «k-s tiin- 
tcren Thcil.s. Dodi l;i.sst sich heute die Diagnose 
sicherer stellen als dies Oppenheim angiebt. Difle- 
rentiell wicht^ sind die Rischeinungen, welche auf 
<l:r ?*rc*lulla <ibl. Iii PNcis'H. sowie ein Ausschluss 
einer Affecliun des Sihlafcnlaiipens, 

Weiterhin demonstrirte Vortr. das Prltparat eines 
subdurairn Tinn^ r-., i\ev 'Mr- 2. iiriit 3. Stiin- und die 
I. Ccntrai-Wintiung i Dnipnmirt natte. Der Tuinor, 



wahrscheinlich sammuttOcer Natur, war fast hQhner- 

«igrc >ss. 

PaU halte iHc)^ ein Trautna erlitten, ein Jahr 
später traten aligemeine ei)ilepti-*che Anfälle ein, deren 
Fre(|uenx zunahm. Später (ttS95) zeigten die An- 
falle [virtiellcn Charakter. Objectiv war nichts nach- 
weisbar, mir beslaiMl eine geringe Glvrosurie. Seit 
1800 n.dimen die niintnehr besiJlndig partiellen An- 
falle sehr zu. Dem Rath, si< Ii o|H'r!ren zu la.ssen, war 
l*. nicht gch>lgl, Toil it/oo. Dor Fall ist merkwünlig 
einmal durch die lange Dauer, ferner dadurch, ditss 
dci Tumor an der Stirnwiiulung allgemeine epilc|>- 
tisehe Anf.lile zueilt hervorrief, und dadurch, dass 
eist XH-sartlirie, Paraphasie eist ftanz zuletKt bestand. 
Der Mann konnte bis in dit .iIV -^letzte Zeit sehrei- 
ben. Zuletzt bestand auch .itadi.vhcr Gang. Die 
Allgemcinersciieinungen waren auSalhmd gering. 

Es f. ilgie die Bespris bung c-iiies Falls voti Klein- 
liirntumor, der im Leben ilurcli merkwürdige Gefäss- 
gcrausche und aasgcsprcKhencs Hervortreten von 
HaU)seitencrsclicinungen ein Aneurysma einer art. basi- 
laris vmgetilusrht hatte, und weiterhin eines Falfai von 
Tumor der rechten Fiotitalwindung mit tvpischem 
Svinptomcomplex. Der Fall ini luit Erfolg opcrirt 
wurden. 

Den .Srlihiss biklete die Demonstration eines Plfl- 
l^Karats eines rr< ien Cyslicenus im j. X'cntrikel, der 
intra vitam diagnostixirt worden war. Die Symptome 
«■aren: heftige .S< hmersen 2 — 3 Wochen lang, Schwin- 
del bei Bewegungen des Ko])fes, V. konnte sich nur 
!.in;;sam umdrehen, es bestand ! *• vi'i'l.sehen. Kein 
Zucker im Urin. Wenn der 1*. den Kupf rasch 
drehte, so fiel er um uml erbrach. Tod sdu plötz- 
lich, vielleicht grado ni Folge der freien Bew^licb- 
kcil des Cysticercus. 



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I 



i«K>2 ] PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. y3 



Dncussiun: Herr LOwenthai-BraunscUweig 
«rwahnt zum letzten Fall einen von Ihm bctibachte- 

tf-n yaitz atialocon Fall. Pli Nnnders < liarai'teristis«-h 
warcMi 2 Symptome: i. Riid viuor Erkrankung der hin- 
teren iM"liädplgnil>e, alicr passagerer Natur, wie sonst 
nur bei Himiucs. 2. Die £r»ckieinungeo bei Lage- 
vcrilndening in ilircr CiHnbinatiim mit den enteren 
Syni|>t< tinen. 

Herr AI t - U c h tspr i nge bat gleit iifalls eine 
cinsrhlftRifte Beobachtung ZU verzeichnen, welche durch 

interTnittirrrnio^ Auftreten von Znclcer im Ham auf 
(Uo DiagiHJbcnütclIung hinlenkte. 

Herr Bruns (Sdilusswort). Da Schwindel auch 
bei Kleinhimtumoren, deshalb hier kein ganz sicheres 
Moment fiRr die Diagnose. Auch moss man an hy- 
dPK-ephaliM ErschcinuriL;f;ii — hier fehlt freilii li 
die starke KcMuission — denken, suwie an sdiwere 
Meniire'sclie Symptome intermiitirenden Cliarakteffin 

2. Herr A 1 1 - U « 1 1 1 - I . r ; I, e «■ T . 1 . <■ r d e n F. i n - 
fiuss der Ku&t auf die Anfalle der Epilep- 
tischen. 

Toul<juse und Richel, welrbe bei einfacher, salz- 
armer Kijst eine Abnalnne der Anfälle erreichten, er- 
klärten dies damit, dass der im KOrper entstehende 
Salzhunger eine begierige Aufnahme und AusnuUning 
de* ntiT» in geringeren Mengen darxttbietenden Broms 
, er Ii:-., n Ii!-. All Int br.i _'.( Ivindern in _^ CTru]>pen 
systeniatisi he Veisuche angestellt, liei *el< hcn unter 
Beolxichtang eines genfkgeml langen Zeitraums die 
Summe der .\nf.111e fflr vegetabilische Kust, für Milch- 
kost und für gemischte Kost (mit Fleischdarreichung) 
fi 'ti'tt und mit dem Ergehiiiss bei gew<'>hnlichcr, 
nicht abdn«irter Kn»t veigliclien wurde. Es zeigte 
ach dabei, dass die AnfSl'e hei gewflhnlir-her Kost 
ani /alilreichsteii w.luti, vii- \-. '[iiiinlcrtfü ^'rh si-hon 
wAlircnd der genauen K<>std<isirung, iii.h Ii tut-hr in 
der vei^etabflischen Periode, und am meisten und 
zwar sehr erheblich w.'lhrend der Mih-hperiixle. Kin- 
der, ihc si< h bei vegetahili.s« her <)<lcr Milchkost nicht 
gut befanden, zeigten, wenn statt gewöhnlicher Milch 
sterilisirte gereicht wurde, gtetchfaiU ein den übrigen 
entsprechendes R«ttlt»t. Die Znfuhr von N. hei der 
FI<i-.' IL Is.mii Iii. Iii liis ui^sAtillii hr sein, danach 
genauester Ik riihiiuiig die Kintler bei Mth hk< >st mehr 
N. erhielten. Auch hat AU durch Darreit hung von 
nucleinfreiein Eiweiss gezeigt, dass die Hamsfture 
keine Rolle dabei spielt : es fehlte hier eine Zunahme 
der .\nf!llle. V'ortr. weist darauf hin, »lass schon in 
früherer Zeit die Bedeutung einfacher Kost fOr die 
Epileptischen bekannt war. Eine genaue detailltrte 
F.rklürung dieser Tliatsache ist z. Z. niKh niclit nii"^- 
lirh, jedenfalls aber spielt nicht die .SalzentZKliung, 
.s4->ndem die Koatvereinfachnng auch in den Venuchen 
der Eranssosen die entscheidende Rolle. 

Discusrinn : Herr H e s s e - 1 1 1 e n : fntgt, oh man 
dal)ei Brom fortgeben könn*-. hihI ob die bcs< hrie- 
benen Verballnisse auch für Erwachsene Geltung 
hatten. 

Herr .\ 1 1 ; Di«- Kinder blieben hei ihrer Medi- 
kation. Ein Kind (seit Jahren) ist geheilt. Plxaktc 
Versuche halie Vorlr, bisher nur von Kindern, gleirh 
gute Resuiute aber auch bei Erwachsenen. 



Herr Löwentbal-Braunschweig: hält die 
Angaben der Franzosen xnnfldist noch nicht fflr wider» 

legt: er habe hei Salzcntziehung gute Erf l^c <:;e- 
&ehen unter Beriicksichtigung individualisirend<;i Be- 
handlung. 

Herr Alt (Schlusswort) betont, dass den Kindern 
in seinen Versuchen abgewogene Mengen .Salz fort- 
gegel>cn und d<w h die mitgetheilten Resultate, welche 
demnach nur auf die Vereinfachung der Ku»t be- 
ttigen werden kOnnen. erzielt sind. 

\. Herr .S n el I - H i 1 <1 f - d !■ i m: I r r e ri h 1 1 f s - 
vereine. (Erscheint auch .«Is ( Jiijiiiial.tilikcl la dieser 
Zeitschrift). 

Anknü|>fei)d an die Thatsache des Vt>rurtheils, 
welches gegen atis Anstallen Ent1as<w»np ««{yerochter 

Weise hr'sti-lit. I '-hTi' Vortr. die X. illi-' ■■mlinkril s. i|- 

« beii Mens« hen Unterkunft, Untcrstüizung und VV'cilcr- 
hQlfc «u gewiihren. Vor allem ist die rasche Flflssig- 

inachung von GeUhnitteln nothwendig. Die Gevr »lir htc 
der Trrenhilfsvcreinc, welche Vortr. bespricht, zeigt »lie 
Noth wendigkeit dieser Institute. Die bestehenden 
Vereine in Deutachland, obwohl verschieden oig^iairt, 
haben alle den ^gemeinsamen Zweck, den Irren das 
Wi'(l' i< iiili l,i-ii in iLis pi.sktische iJasein zu erleich- 
tern oder überhaupt zu ermöglichen. Die Vereine 
haben z. Th. namhafte Snnunen au^ffebracht Efrie 
weitcrr \virhlic:r Aufgabe der Vereine l>esteht in der 
Aiifkliiruijg lies l'uliiiiKums tiber die IrrenpHege über- 
haupt. Es wird die Wichtigkeit <ler Einäclzang von 
Vertrauensmfinnem betont, welche einen gewissen 
Einblick in die Trrcnpflejje besitzen mitasen. Die 
MüIli-m-: u .iti iitp^' i]rr AiT/te vermehrt sir'i (I.idun h, 
aber es wird ilire Institution sich in \icliat li< r W t isc 
lohnen: 

1. Wird die Ueberfilhrung der Kranken in die 
Anstalt zur rechten Zeit erfolgen können. 

2. F-s wird die Gewinnung brauchbaren Warte- 

personaN riur t ^nti'r-.mtzung erfahren. 

Vottr. betont zum Scbluji.se, dass die Leitung der 
Vereine in der Hand der Anstaltsüizte liegen mQsse. 

Discussion. llrir fr m e r - (» ö 1 1 i n gc n !<t nt 
die NoihwendigkirU (.ier (irüudung neuer Vers iüe und 
beleuchtet die Schwierigkeiten, welche be.sunder» die 
Leitung derselben bieten werde, deren Trennung 
von den .\nstalts-Direktionen er fOr nothwendig hih. 

Herr A 1 1 - U c h ts p r i n g e berichtet, dass in .Sach- 
sen die Gründung eines Vereins seit längerem geplant 
sei. Er beseichnet die FQrsorge als eine Art erwei- 
terter F'amilienpflege, wclrhr, wenn tüe Beht'irden <lic 
noihigeii Geldmitt<>l bereitstellen, es gestatte, eine 
Reilu' von Kranken ztt endassen, welche jetzt als 
Balkist der Anstalten mit fortgeschleppt werden 
mOssen. 

Herr Gerstenberg- H ildesheim erinnert 
daran, dass früher ein Elat-l'osten für entlassene 
Kranke vorhamlen war. Die Beh<ir»len würden kaum 
sich bereit tiiulen f(\r entlassene Kranke die Für- 
sorge zu übernehmen, es werde datier die inansprucb* 
nähme der ößendichen Wohtthatigkeit geboten sein. 

Herr Sneli (Schlusswmt) schliigt die Inans|)nich- 
nalimc beider Thcüc vor. 



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94 



4- Hen Crarocr-Guttingon: Ueberkrank- 
kafte Eigenbeiiehung und Benchtaugs- 
wahn. 

VoTtr. geht aus von der fieobadibing, da» ein« 

l'rlifis' li.'i'/Jiii; di r PL'.ici'.tnni;. welche die VorgAiige 
der Aussenwclt in Bezug auf die eigene F'crsoii haben, 
zu einer Trübung den Unheils und einer St'trung des 
Hrwusstseins der I'ersönlicl»kcil fülirt. Die kraiik- 
iuifu Ligonbezicliunp manifestirl sich in doppchcr 
Art. In der ersten Cnippc von Krank heitsfüllcn be- 
sitzen die Kranken keine EiutudU in ilircn Zustand 
(paranoischer Typus). In einer «wetten Gruppe sind 
du- Kr.u/r.i-n --ii "i i!cs KrankliaftCH ihres Zu--laii'li's 
bewufjsl (I vpus vom Charakter der /.wang^s.v<irstcll- 
ungen). Es spielen derart^ Zustande bei den ver» 
schicdensten P.sychosei», so der Melancholie, dann 
der Paranoia (als Einleitung zur chronischen Form 
/. B.) eine Rulle, dann aber bei allen mit einer Sti>- 
ning des Bewusst^eins einheigehenden Erkrankungen, 
ah« bei Epilepsie, H\sterie, ira traumatisdien- Irre» 
sein, bei der Parah ]>,i/u kommen Zus,'ln(lr- ner- 
vöser Natur: Neurasüienic, d^enerative Psychwseu, 
Nervositftt, Schwindelencbeinongen und Schwerhörig- 
keit. 

Für tlie («cnese der krankhaften Eigenbeziehung 
zieht Vortr. die bei Gesunden zu beobachtende 
falsche Eigenbeziehung in veianschaulidiender Weise 
heran und erläutert ne durch zahlreiche Beispiele. 

Den krauk^iafti'Ti l?i ,dcn, auf dem di<' Krs' Iieinung 
entsteht, kiStuK-n falsche Hcrichte über die Urgangc- 
fOhlc . viscerale Vcraiulerungcn , Störungen des Be- 
wusstseins, die Angst oder schweres Krankheitsgefühl 
abgeben. Es wird dn GefÜht von eigener Insufficienz 
«lic Folge sein, das in Folge der Projei lii-;! ilor ver- 
änderten Empfindungen nach awssen, zu einer schar- 
fen Beobachtung der Umgebung filhrt 

Vortr. cHäutert die Pri 'Himsc diT krmkhuftfn Ei- 
gcnbezieliuiig, welche uainilirl'. ui ii'nutUcibarer Be- 
ziehung zu der Psychose >ti lit , lui Jcr sie auftritt, 
sodass also die Genese einen Anhaltspunkt abgicbt für 
die Prognose, 

r)iscussion. Herr Alt erM.riini im Xiis'iiluss an 
den vertigo ab aure lae^, die Plalz;ingsl etc., dass 
man in allen solchen Iföllen, in denen es sich nicht 
um schwer dcgenerirte Personen liande't, r>lso .iDen 
(iruiul zu genauer ki'irperlicher Unlorsm imng habe. 
Man hat dann ev. neben der |>sycliisrhen Beein- 
flussung noch den Vortheil der k/irpertichcn The- 
rapie. 

Il. i r Hiuiis ci ■A.'lliiit clii Zi:stni,(l<- diT .Mkoho- 
liker mit Eigenbeziehung und Zwangsvorstellungen. 

Herr Berkhan- Braunschweig: Das sich 
Iinmer-wicder-.\ufdr;ingcn der BcziehungsvürSleMung 
führt sthliesslich zur Zwangsvorslcllui»g. 

Herr Cr am er (Schlusswort) betont, dass eine 
anal' 'ge Erscheinung für die litrührtcn Zust.'imle der 
HohenschwiiKlel bei Leuten, welche erst im späteren 
T.ebcfisalter zinn ersten Mal auf hohe Berge kommen, 
abgebe. Hier ist die Unfähigkeit Höhend itierenzen 
abzuschätzen, welche aber nur als Angst zum Bewusst- 

seiii konutit, Cr*.!?!')- d.nvin, ilass sofort i-ino Be- 
iMcbuiigsvurstcliuiig £u dem Urt, an Ucw der Hohen- 



[Nr. 8. 



äcltwindcl empfunden wird, einiriit. Am gleichen 
Orte stellt skh daher spater auch tteb die Angst 
wieder ein. 

5. Herr Webe r-Götti n gen: Ueber einige 
Neubauten der G <"i 1 1 i n g c r Irrenanstalt 
(Der Vortrag soll im Original in dieser Wochenschrilt 
encheinen). 

Zur Cnirrl lingung siecher, Dekubitus-vci ilfn lititrer 
Kranker wurde ein leichter Barackenhau als Lazarctli- 
abtheilnng eingerichtet und dort alle derart^;en Kran- 
ken, namentlich Paralytiker, Epileptiker pp. unterge- 
bracht. Die Stati<in wird zur H.'llfte als 2. Wach- 
stalion mit Nai-htwache betrieben und dadurch das 
Vorkommen von Dekubitus, Verunreinigung pp. besser 
als durch kOnstliche Mittel vermieden. 

.\uf <lcr liislii-r nur aus Einzel/iinincrn hestehen- 
den Zellstatioii uurde durch Enttemung von 4 sog. 
Töbaellen Raum für einen Schlafsaal \on 10 Betten 
gewonnen, in dem eine Anzahl bisher isoUiter Kran- 
ker untergebracht werden konnte. 

N'ortr. betont, dass allenthalben das Bestreben 
nach Veimindenmg der Isolinmg besteht, lialt jedoch, 
wenigstens für die grosseren Anstallen mk chroni- 
scbcni Kr:iiikriiiii ili-ri.il . die viiUige Al>s< hnfTunc; der 
Zellen für nicht zweckmässig. Nicht «tie grosse ZaiiI 
der wenn auch erregten Neuaufnahmen, wie vielfach 
behaüptH winl, sondern gewisse chronische Kiankc 
mit .Neigung zu Erregungs«ust.'tndcn und Gewaltthfltig- 
keiten machen die Beibehaltung einiger Zellen fQr 
Anstalten mit derartigen Kranken nothwendig. 

(' Autoreferat). , 

6. Herr V og t - (^7 n 1 1 i n g e n : UcVict die Be- 
ziehungen zwiNclu-a Aphasie umi I><nunz. 

Vortr. bespricht den Einfluss, welchen .\u.sfa!ls- 
«scbeinungen im Gebiete der Sprache ausüben auf 
den normalen Ablauf des Denkpmcesses. Es kom- 
men liii rliei natürlich nur .Störungen im Sprachge- 
biet in Betracht, sofern dieselben nicht subcurtical, 
sondern durch Larionen hfiherer Gegenden bedingt 
sind. Einer al!.:crn<'incn Erörterung der Frn>;r =-tcllt 
sich die gerade iiier .so erhebliche Breite dci mdivi- 
duellcn Versi hiwicnhcit hindernd in den Weg. Es liegt 
diei> bekanntlich daran, dass das Verlialtniss zwischen 
rein begriftlichem und sprachlichem Denken sidi un 
einzeln! n Falle ganz versc Iiieden gestiilteU Es kommt 
hierbei gaiu b<»onders in Betraelit, dass demjenigen, 
der sprachlich denkt, stdi die Gedanken schon in 
einer bestimmten Fonnitlinmg zu prftsentiren pflegen 
und dass iliese Foiumliiung lier Worte zu geordneten 
Siltzen, der Lauti omplexe zu Worten im Spracideldc 
vor sich geht. Es ist daian zu denken, dass der 
Wortbegrifl selbst schon eine Aa.sodationsgruppe dar- 
stellt, sowie dass der p.sychi^i l.i ^\'erth des gaitzcn 
Sprachfcides nur in seinen associaüvcu Vcrbiudiuigeu 
liegt Dies xeigen gerade die sog. unreinen Fslle 
von Aphri^ir am Icutliclistcn. Es liisst sich dies zu- 
weilen S'>.;ar lur 1 u-Ti Unterschied feststellen, den der 
si>ja< hü« !ic Aw. >iiatioji» omplcx für coucrete und ab- 
»tra(.ic Begiillc liat, analog wie Sachs dies fCUr das 
normale Denken auseinander gesetzt hat Efaie wei- 
tere Bf/i-'hung er^iebl sich bei Herdorkrankunjien, 
welche m dem Gebiete Uetr i^p^aclle einen Ausfall <ff-> 



FSYCmATRISCH- NEU ROLQGlSCH E W OCHEN SCHRIFT. 



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iQOa.] l^YCHlATRISCH-NEUROLOGlSCttft WOCHENSCHRIFT. 95 



zeugen, durch die Feniwirkungcn. Diese künucn 
natOrlich nach irgen&im i^egenen Herden aufirefen 
und ilHs-rrn sii !i in i'irirrn Ausfall vitn Ktinctiimrn 
benachbart«."; üdcr eiiU'cnit gclogoiicr Rindcnj la: ti< ii 
ixlcr aber in einer allgemeinen Fun< tionsherali--ct/ini<4 
der Hirnrinde Oberhaupt, welche leutere bei dem 
gleichzeiHgen Fanrtion<»u»ra11 der sprachlichen, für das 
Denken uri'i <il<- n< i;ri!r-.liililiirig iir,thigcn Conipimcn- 
ten besonders Icicitt 2U einer dauctiidcn Schädi^ng 
fuhren und besonders deutlich in Ersrhetnunf: treten 
wird. fnii;!.) 

— Jahresversammlung des Vereins der deut- 
■chm Irrenlnto in München. Nachxutngen Ist 

dem Bcticht iu>rh, dass Pruf ^V(■stpll:il milcr V'or- 
fülining zahlreicher Projectionsbiklo ubci :>yring<>n»yi'lie. 
I'r f Hitzig über St«irungen des Gesirhtsfcldes Iti 
Uuuden sprach, denen das Hinterhitn entfernt wttidcn 
ist. — 

— Zur „reichsgesetzlichen Regelung des 
Irrenwesens" wird der „Kr.lnisrhcn Ztg." von 
«achveistSodigerS^te geschrieben : „Die bevorstehende 

oder wenigstens vm Reicjistag lehliaft gewünschte 
reichsgcsctzhche Orclming des Irreiiwesens scheint, 
narh dem, was bisher <larUber ge;)c)irieben und ge- 
sprOchen worden ist, auf die Festlegung der Auf- 
nahme» und EntlassunfilSvonschTiftcn fOr Genteskninke, 
EpileptjM li.j uiul rLliiiti ii iii uihI a',!-- Aij--talti-ii uihI auf 
die Aufeuthaltsvcrlulknisse sukiier Personen in Anstal- 
ten sich beschranken zu w< »Den. Es wUm eine arge Ver- 
säumniss, wenn nicht gleichzeitig aiiilerc Unsiclicrhciten 
(/. B. die KrankciHorrespoiMlc.i/), insln-sonderc aber 
ein Missslatid beseitigt worde, der in alK r Stille immer 
weiter Platz greift. Das »t die Gepfli igcnhett von 
Provinsen und Communcn, Pfleglinge der geiutnntcn 
Art, «lie der üffentlichen Fürsorge anheimgefallen 
sind, ni< hl in eigenen, sondern in privaten .An- 
stalten unterzubringen. Das (besetz vom 1 1. Juli i8t(i, 
welches che Unterbringung der Pfleglinge „in geeigneten 
.\nstalten", nit ht in eigenen , den ArmenverlxJlnden 
zur PHicht macht, hat tlainit eine Lücke gela.ssen, 
durch die sich Missbrauche in die Handhabung des 
Gesetzes emschleirhen konnten. Wenn man schon 
nicht .so weil rrrlicn will, wie im Anfang vorigen 
Jahrhunderts Protessor Dr. Reil in Halle a. S., ein 
Üahnbrei-Iter auf diesem Gelnele, der für L'nter- 
Lringung «tcr GeLstesk ranken u. s. w., auch der wohl- 
situirten, überhaupt au.ss< hliesiilich Staatsitistitute als 
7ulä.ssig betrachtete — diese Forderung ist neuerdings, 
auf dem Frpgramm derSocialdemnkratie wieder zutage 
getreten — , so moss man dieser Ansicht, soweit sie 
sidi auf thc der »iUentlichen Armenpflege anheimgc- 
gcbcnen Personen eistreckt, voll und ganz beipfliditen. 
Der Grttndc siml es zu viele, als iLiss darüber ge- 
stritten werden konnte. Die Verbünde vergeben die 
Lieferungen für ihre eigenen Anstallen auf demSub- 
niissioiiswc^'c . .so da.ss .sich jeder intcressirte -Steuer- 
zahler um die Lieferungen bewerben kann; nicht so 
bei den von den Verbänden benützten uiid subven- 
lionirtcn Privatan.stalten, welche die I i' fcrimpen na( 1; 
eigenen» Belieben und nach Willkür ohne Au.s.s( iirtnlfung 
übertragen. Da von manchen Verb.1n<len bis tausend 
Pfleglinge in Privatanstalten untergebracht sind, so 



ist das keine geringfügige Sache (liei tausend Kiipfen 
mindestens etwa 430000 M. Veipllei^ungq^der pro 

latir'. <l:i7U konnurn dir STjhvcntinnrn für Neubauten 
uuii (.k'fgl.). Wenn fcnier die Warl]icr^i iiiaiftage, wie 
sattsam bekannt, einen schwierigen Punkt in der 
Irren-, Epileptiker- und Idiutenpflege bildet und 
immer bilden «-ird, fu> wird sie dadurch geradezu ah 
nicht \ ' irliai iiicti ii;iiiirirt. ila-.-i lUe \'rr\\ aliuni^rn ihre 
Schul/bcfuhlencn in Privatanstalten PfIcgcperHonen 
flberantworten, die gar nicht hi der Disci^naigewait 

der (iffentitchen Veiwaltungcn .stehen; am schlimmsten 
macht sich das bei den kirchli<:hcn Anstalten geltend, 
wo das Wartpersonal nivhi einmal dem leitenden 
Arzte untenitellt ist, sondern kirchlichen Personen, die 
neben und Ober der Krankenpflege n<H h ganz andere 
[iit<'rc-.-eii ! ctti,lti.;i II W.iliii-iid in tien Privatanstalten 
tlie Kranken besserer Stande nicht viel oder keine für 
den ökonomischen Betrieb der Anstalt nOtzliche Ar- 
beit leisten, ist dies I>i:i den mitverpflegten ProN-inzial- 
odcr Cc>miuuuaikrai)kni in holiem Maa-sse der Fall — 
ein Grunti, bei der Frage der EnUassungsfähigkcit der 
letztem unbewuast eigennützige Motive mitspielen zu 
lassen. Bei all diesen Punkten — es konnten noch 
mehr angefülni Ai-rden - liabcn weltliche und 
kirihlichc Privatanstalien voreinander nicht den ge- 
ringsten Vorzug, ja die letztem stehen insofern xurflck, > 
als unvermeidlicii licr eigentliche Zweck der Anstalt 
leiden muss , wenn noch Sondcrinleressen kirchlicher 
bezw. religiA.ser Natur vorgespannt «Hier auch nur 
angehängt werden. Dass der Betrieb einer kirchlichen 
Anstalt nicht auf Erwerb ausgeht, wird kaum jemand 
die Naivetat besitzen m tjlaulieii, n-linlieh auf den 
Erwerb von Geldern, um ihe ganze Anlage ad majo- 
rem dci gloriam zu vcrgrössern, eine Neigung, unter 
der, wie verschiedene Beispiele gelehrt haben, der 
Betrieb der Krankenpflege ebenso leiden kann wie 
unter der Gewinnsucht eines einzigen weltlichen Be- 
sitzers einer Privatanstalt, der ütierdies fast ausnahms- 
selbst Arzt ist uitd durch sdne ärztliche Bildung 
und sein ,'lrztli< hes GewiHsri! in aJI/u ei-ei nüt/ii;en Be- 
strebungen corrigirt wird. — /«rüc^^/.iclllUll^ der Pro- 
vinzial- und Cotnmunalpfleglinge aus den weltlichen, 
Säculari.sirung der kirchlichen Anstalten für Geistes- 
kranke, Epilcptisehe und Idioten ist die Aufgabe, vor 
welche si< h clie Ren Jisincngesctzgebung wiril gestellt 
sehen, will »ic nicht nur li iihe Reformen schaffen." 

Referate. 

— The Journal uf mental science, April 
1 90 1 . I F« irlsetzung.) 

John Ba kerschreibt Ober Epilepsie und Veibrerhen. 

Na< Intein er sich gegen das Bestreben von I.ombroao 
und seinen» .Xnhang. den Begrill der EpilcjKsie ini'^glichst 
weit auszudelnieii, gewendet ha(, stellt er eine Statistik 
zusammeti über die epileptischen Insassen von Broad- 
moor. Seit seiner Er5ffoung 1863 bis Oktober 1900 
wurden 24},!=, Kranke aufgenommen, iHbo M. und 
575 Fr., darunter 1 39 = 7,5 % männliche und 2Ö s= 
4v5 */a weiblich« Epileptiker. Was die Art der von 
den F.pile|>tikern verül>ten Verbrechen anbelangt, so 
hantleite es sit h in 117 Frillen um Verbreihen gegen 
die Person, woran c^() .M md 21 Fr. betheiligt waren, 
und in 48 Fallen um Verbrcclicn gegen das Eigcnthuro, 



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96 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCH E WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 8. 



und zwar bei 4.^ M. und ,s Fraiu ii. Das \'orhültntSi 
der M.'lnnor zu lien Ki;iuon l»ci ilcri (.'pilcpliM licii In- 
sajwoii betrafst 85'% M. und 15% Frauen. Ks ist 
silso das Vcrh.'illniss der opilc|>li>ili«Mi Wrl)rr( licr zu 
den Epilcptikent überhaupt bei weitein grOsi>ci nis das 
der epilcplisi-hen Verhrd-herinneit zu den Epik])- 
tikcriiiiR'n. Keiner ülier.stf i-;! ()as X'crlildlniss der 
Miiiincr, die ein VerbrcH liei» im geiHtcArHiikeu Zu- 
stand begehen, tun vieles das der Frauen.*) 

N;ii Ii der Art iles X'erUrechens überwiegen im Ver- 
gleich 2U den V'erbreehcu ^egeu dm, Eigenthuui die 
gegen die Person, wie fdgende Notiz zeigt: 

M. Fr. 

VerbrcH'hen );e'„'ff« die l'ers.m . . "u^/^ " » 

<tas Fiifenthuni 31 ",9 i<)% 
Bei den Verbrechen gq$cn die Perstm handelt es 
sirh meist um Mord und M«)Klversttchc, bd den Vcr- 
bre* heil gegen das EigenthniD um Diebstahl und Brand» 
Stiftung. 

Die Krrc^'uii^' und iMvchii» tie Störung kann beim 
Epileptiker eintreten: l) vor dem Aufall, 2) nach dem 
Anfall. zwischen den Anfüllen und 4) als Ersatz 
fi;: ili. u Anfall. In allen 4 Stachen kann der Epilep- 
tiker gefährlich werden. Verf. bringt zum Beweise 
hieifOr eini|^ Kninliengesclucliteit tmd besixicht nn An- 

S( hluss daran versrhiedene klinisi Ii w i< hli>;e Ei.siliei- 
nun^eii. Die psyi Iiis« l»e Storunu;, die tlen» Anfall vor- 
ausuelit. äussert sich ufi in einer unerkkiriit hen Furehi, in 
schreckhaftiKen Illusionen und Halluzinationen, in Eüer- 
snchtswahnldeen, <ider Verfoigunu'^twalmideen. In an- 
(I( (.jh F.iUi'h uii ili rnm i' \'^[ auf den AnfaH ein 7a\- 
staiid der Reizbarkeit und des üiimU*sen Bclr<igcu.s, 
mit Nei^:imf; zu faliM her Beacliuldigirag. Oft «te^rt 
sich tler Zustand zur Manie wler zum fumr epilcplK us, 
mit dem Trieb zu Mord und Sclbstinunl. (>ft endigt 
ein blosser Verda« ht, «ler si< Ii vor dein Anfall im Gehirn 
festsetzte, nach dein Anfall im furor mit einem Ver- 
brechen. In einem solchen Fall besteht mandimal 
nicht einmal Verlu'^i it^ ^ Hi \ui>si'icins 'wler Getlilclit- 
nijiücsi. Eigentliümlich siiut l-ülle wie der, wo die Mutter 
ein Stock Brot s< hneiden will, p|(it/lit h einen Anfall 
bekommt und gleirh darauf den Ann ihres Kinde» 
abs4 hneidet. Verf. macht ikm Ii auf die Schwierigkeit 
aufmerks.im, Amnesie festzustellen, natncntlich dann, 
wenn der Kranke bereits durch Freunde bearbeitet, 
oder duirh das Gericht verhOrt viirden ist. 

IXiis <Ii 1 A!ki>h()l den an sich schon gefährlichen 
hpiicjHikt. i Ii» «.Ii <^ef;ihr!ii her macht, ist bekannt. 

Eine Abhandlung von Alexander Robertson be- 
schäftigt sich mit den einseitigen Halluzinationen, ihrer 
relativen Häufigkeit, iliren Uezieliungen und ihrer Pa- 
thologie. Walirend einseitige I lalluzinationen st hon lange 
die Aufmcrkbamkcil der Forscher auf dem Contincnte 
erregt hatten, konnte Verf. 1874, als er bei dnem 
Kranken linksseitige ( jehorshalluzinationen nachwies, 
nirgemls in der englis( hen I.itteratur eine Erwähnung 

*■ Vom I. IV. 9"» — 31. III. ityxj wurden in dtn cng- 
li«rlipn <icfangnu<<cn 86 M. uu<l 30 Fr. als gcismkr.ink begut- 
achtet. Bei b Mllnnern udü nur bei uucr Fr.iu bc!>tan(i K|>ilcp<>ic. 



dieser Erscheinungen finden. Darauf untersuchte Verf. 
J.S« Kranke und fa^v.! I>ri 34 deutlich nach« <•!■..! i.ire 
Illusionen iKler Halluziii.itionen eines oder mehrerer 
Sinne. Von tien 34 horten 3 1 Stimmen. 29 hatten 
aiiiwcrdem Gcsichtshalluztnatiimcn. litten an Gc- 
schmackstänsi Illingen, 1 Kranker an Genichst.lus« hnn» 
Dic-r ; keine Gesii hs- und GeliofsUiiist liung. 

Ell) Kranker hutlc nur Gesthmaik.stauschungcn , Ge- 
ruch, Gebucht und GehAr waren intai't. 14 klagten noch 
über Kniiifiiuluiigs'.ti'>rungeii. Von fL ii 31 Füllen, in 
ilenen Gelii'>rst;iuM liüng<-ii vorhanden waren, hiirtcn 5 
die Stimmen nur auf dem linken Ohr, 5 auf dein 
linken Ohr mehr als auf dem rechten, einer hOrte sie 
nur rechts und iwci rechts dettöirher als links. Die 
antlern Siiinesläuscliungen waren beidersL'itig. Nur 
einer sah die Gegenstände mit dem rechten Auge deut- 
licher ab mit dem linken. Bei den 6 Fallen mit ein- 
seitigen Gehr>rslialluzinaiionen war in 5 Fflilen der 
Alkohol die Ui.sachc der Krankheit. 

Seit 1874 hatte Verf. n.H h 15 Falle von einseitigen 
Halluzinatiimen gesammelt. Immer war der Gehör- 
sinn daran belheiligt, und zwar iiT X2 FSlIen links. 
\'eif. koitiile keinen reinen Fall von einseitiger Ge- 
Mchi:,-, Gest hmacLs- uml Gerui hi«Uiu.si hung finden. 
2 Kranke sahen die imaginSrrn Gegenstände mehr 
mit ileni einen .ils mit tictn aiulern .Ae.ge. 

l'iii siclitlas Hnlstfhen einseiligei Siiuiest.'iuscliungen 
verst;iti(l!n lief zu machen, erinnert Verf. an einseitige 
Krankhcitssyniptome des Nervensystcn)> überhaupt, 
wie sie in kumnihtiven, choreatMchen und paralMisrhen 
Zusiiihdeii \ > <rkuaitDell, z. Ii. bei der ll\sterie. 

W'iis die l'.ith<»lugie anlangt, so sind bei den duppd- 
sdtiigen Hailuzinatiftnen anatomisch bereits Verande- 
ningen der Neisen oder Centren gefuntlen wurtlen. 
Also, st liliesst V'erf., wfrtlen solche sich aut Ii bei den 
einseitig(>n fintlen, wfiin sie avu Ii noch nicht na< lige- 
«iescn wonieii »ind. Um »idi das einseitige Entstehen 
der SinncHtfluM'huni; zu erklären, tiimmt Verf., an, da.« 
<las ( ine ( entnim schw;ii her < ir_.i ■ ' i lUdas anden-, 
seis von (»eburt at). oili>r ilurt ii Krankheit bedingt. 
Toxis« he ."sti iHe, wie der .\lkoli. il, wcfdcn dann \^«r allem 
dies scIiM'aclicr organisierte Ccntruni aiqp'eifen. 

(KortKtrung folgt.) 

Druckfehlerberichtigung. 

1d Nr. 5 tlirtcr Wocbnuchrifl Üud in dem AufsaU von 
H. SdilOis; Zur Frage der Alkoholabttinenz in Irreoanstaltea 
dutch ein Vwschfn der Dnifkerei cinifc ««rrnHe Fehler OM- 
bsltfn. Auf pj).: ""1' -icn statt ..collegialiicfKB 

Rath" „coilc);iHkii Kuth' , <tul p.i^ 56 Matt ..dieser lo", ItSIlD 
ich" ,4Uc«V tO% wegen kaoo ich" . . . 

Der Herr Minister für Haiulel untl (bewerbe hat 
die von König Friedrich Wilhelm IV gestiftete Staats • 
medaille in Bnmce mit der Inschrift „For gewerb- 
lit he Ix-istungen" der (auch fltr viele Anstalten KeTem* 
tleii) Finna 

Rosenzweig vV Baumanii in Kassel, 
Kas.seler Farben-, Glasuren- und Lackfabrik 
verliehen. 



lliril mnalaoriHck i Obcnnt I3r, J. Breal«* rnirtTTTtl. flrt Mini) 

} Ti«« wr ihr Aawd». — Vcrt« «« C.,t U »rlipU im Ball. a.S 
'■ctw RncMtiMkrrri (Hahr. WuHT) i» llaBP a. S. 



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Psyehiatrisch^Neurologische 
WochensGhrifL 

Sammelbtatt zur Besprechung aller Fragen des irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
IntematlonaleB Con««poiid«nsiilatt ftr Imolrste mtd NefTenante. 

Unter Mitwirkung nhlreicher h«rvoin§ender Faehnanner des tn- ond Andandat 
IMrMlw i>r. K. AU, Prof ür. Q Anton. Prof. I>r. Bleuler, Prof. Dr. I*. XdlBgM-, FmT. Dr. A. 

Zürich. Frankfinl a. H. G«h. IM,< 

Prof. Dr. JL Mmdel Hr. P. J. IfSbiwi, DlrMtn Hk. MonI. 
Unter Benutzung amdidieD libienii« 

redijrirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Breslor, 



Verlag von CARL MARHOLD in Halle a. S. 

Telegr.-Adrem : Markold Verla«, lialleaaale, Fenafrectwr *i)t. 



Nr. 9. 31. MaL 1902. 



tJt» ■.'•rcbtalfisck-MciirolocUcb« Weehanackrilf* mmMm ttwil—t wd komM pro Qiurul 4 Mk. 

nirthMJiMft die fort (KaHltf ffr. «131), Mwto lltoTMlurtlMMniillilin ma Carl Uarhold io Hktl« m.S. < 
I»fata wariaa Ar diu }t|>alti(c PaÄMito üh #0 Pfr. banebrntt. Bat WiedarlioluBc tiiu Emubai(uii( aia. 

Zutchrtftf^ für di« Kedactjo« sind an Oberar/t Dr. J. Brnslirr. Krancbnit« <Scb1ea»en|. za ridltMl, 



lohn It. Ori(>injIe: Zur l'ra;:c der i;rotiien Irrcnansultcn. \'r>n Ur. Siarliiigor, Wi«-n i,S. 97), — Die Irttnnirtorfe ia Baden. 
Von Qtrerar^i Dr. Ma\ Fitclicr-Illciiaa (S. I02). — Ein Wort zur Kccciuion <te« Herrn Gsopp ttbut dic mDealudifill Uber 
die tmdiKbe ImroninorgB» (& 104). — Mitthetlungen (& lob}. — Rcfer«tt (S. loS). 



Zur Fra^ da grc 

¥ 7« ist sicher kein bloss ;ikailriiiisi.lirr Trieb fiewcsen, 
-■— ^ der vorstdieiules Thema kürelich in diesem 
Ulaltc wieder aufleben iie.Sä.*) Da^ Tiietna ist uctucll 
und seine üesprecbnng diflngt sich mancherortft 
weder \i>i\ selbst hervor, um SO mehr als »Inn h die 
Erfahnmgeii iler let/.lcn Jahre an den » hon lx>sielicn- 
dcii gM^ii Itrciiaiiülalten uiuh neue Gc:>icltlspuiiklc 
sich KU ei{;ebcn scheinen. 

Bisher wurde nur immer die Frage ventilirt. wie 
gro.ss .si>ll,eine Irrenanstalt sein tmd /war mit Ri)ck- 
sirht auf die einheitliche Leitung dcut&iher Art, wo 
in die Hnnd des Dirditon die gesammte ärztliche 
und administrative Verantwi>rtlii hkcit in tier Anstalt 
gel^t ist Nun ergiebt sich das Interessante: Wah- 
rend Ober die (rrüs^e der irreit-Anätaltcii hin und 
her disputirt wurde und wird, wurde die ganxe Frage 
«hiri h <iic That.saiiien fiUcrhoIl. .M.iit friijit meist in 
pra.xi gar ni< ht mehr, wie grush darf die AuHtalt 
sein, .sondern wie gross muss .sie sein, um den 
zahlcnmftangen Anftirdcrangcn m genOgen. So ent- 
steht eine tauseiider Anstatt WO die andere, oder 

*) **rsl- Mr. 4 dieie« JahrgMiiice. 



len Irrenanstalten. 

winl zum mindesten SO angcl(^, dass ihre V'rrjjr.'Wse- 
rung auf diese Zahl in Balde zu gewärtigen ist. Eine 
An>>tall für louo zählt aber nach dcu bisherigen lic- 
grtlTen gewiss schon zu den grossen, wenigstens soweit 
man damit die S<hwierigkeit i>der UnnKiglichkeit der 
einheitliehen Leitung sich damit bereiis verbunden 
denkt. 

Die stattliche Kdhe dieser grossen Irrenanstalten, 

die in den letzten Jahren sn unter tier Hand ent- 
standen ist, und man kann noch beifügen, sehr häufig 
noch dazu g<^en die herrschende iVoMiliauung der 
dabei tlifliigen flntUchcn Experten entstanden ist, ist 
es vor allem, tlie d;u4 Thema der grossen Irren- An- 
stalten neuerdinj^s als aktuelle Knige ans Licht rOekt. 

Die orgauisaturischen Fulgcti der Anliäu- 
fung von Kiatdien an einer Stelle drftngen sich vor 

und werden in Hinkunft vielleicht die ganze Frage 
dominiren. Damit ist meines Eruchten.s die ganze 
Angelegenheit in ein neues Stadiiun getreten, das 
noch mancher BciqMerhuog warten wird, ehe die Lö- 
sung befrieiligen dürfte. Die grosse Inen-Anstalt 
wird kaum melir verschwinden, ich fürchte nur, dass 



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FSYCUIATRISCH.NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 9. 



aie dier nocli grösser weiden wiid, und erlaube mir, 
da ein illmtrirendes Beispid amofflbren. 

Es (Iflrftr wenig I,3nder pcbcn, die ihr Aiistalts- 
wes«n in den letzten Jahren mehr gelu>bcn haben, 
als Nicdcr-Oesteneich, und der Opfetsinn des Landes 
steht In bewundemswefdier PataUele mit der hoch- 
liberalen Einsicht seiner Vertreter fast zu dersclbr ii 
Zeit, als sie die neue Anstalt in Maueröhling eröfi- 
net, legt sie den Grundstein zu einer neuen 
groeaen Anatah in Wien. 

Die gegenwartige Wiener Irren - Anstalt nimmt 
nur einen Thcil der hauptstädtischen Kninken 
auf, und liat bei eiueiu Krankenstand mit stets über 
1000 achon jetst eine juhrliche Aufnahme von dica 
13 — 1400 Zuwächsen zu I cwriltigen. In Hinkunft 
aber soUen alle von Wien kommenden Oeisteskranken 
aammt den GcistcssicGhcu iu den Aufnahms-Bereicb 
der Wiener Anstalt fallen, es ist also sicherlidi nidit 
übertrieben, wenn zur Aufnahme aller dieser Geistes- 
kranken ein Bdegraum vun 2000 Flauten angefordert 
wurde. 

Nun konnte fOr die neu zu errichtende Anstalt 

nur ein einziges Totr iiii von ca. l<>o ha Grösse 
in Betradit gezogen wcr<leti , ja es musstc sc hon als 
guna besonderes Giftok angesclüageu werden, dass im 
GemeindegetHete von Wien ein ao grosser Complex 
parccl!onw("i<!f jirn nilicrt werden konnte. 

Ucbcr die Gcmcindt^enze hinauszugehen war 
wegen der Endiweiung der Besuche und insbeson- 
dere wegen der ausreichenden WasserbeschaOnng un- 
möglirli. 

An den gcsulxten Bedingungen, auf einem Platze 
Raum fOr 3000 Fbttie su sdiaffisn, war schlediter- 
dingB nidits mehr su ändern und die Experten fOr 
den Entwurf eines entsprechenden Bauprogiamnes 
mussten sich damit abfinden. 

Die etite Frage war natOtlldi audi hier, ob die 
genannte Zahl von Platzen auf eine oder zwei An« 

Ktaltrn zu vrrthrilcH sind. Vom ärztlichen Stand- 
punkte wurden vorerst zwei Anstalten ins Auge gc> 
faast und zwar eine Heil- und ebe Pflege- 
Anstalt 

Aber die .'irztlichen Fortlerungcti «uiden, wie es 
ja anderwärts auch gesclüclu, schhcsslich aus admi- 
nistrativen und finanziellen Bedenken*), in zweite 
Linie gcstdk rnid die Erriditung einer grossen Irren- 
Anstalt für 170» Geisteskr:iriV.r bo^■-^'.!. is<cn , in -a oI- 
chem Sinne dann auch die betrellenden Entwürfe 
zum Bauprogrannn formulirt wurden. 

Das Mauptbedenken, das sidi gegen die Eirich» 

*) Von den Vcrwaltuni;«- un<] Baoexpcrlcn mudc ein* 
grosse »I» abioiul cmpfehieatwerlher hingettdli. 



M II 



tuDg einer Anstalt erhobt war natfiriidi die Unmfig- 
lidtkeit in einer Feiaon eine soldie Anstalt trxtlich, 

wie bisljer, zu übersehen und zu leiten. 

Ein Ausgleich, ohne principielle wichtige Punkte 
au^eben zu müssen, adiien schwierig, aber bei 
der Uebertragung der Organisation für aOgemdne 
Kninkciih.luser auf die Irrenanstalt nach den bis- 
herigen Erfahrungen in grossen Anstalten nicht un- 
möglich. 

Unter diesem Gesiditspunkte bldbt auch for dne 

gros.sc Irrenansialt eine einheitliche Leitung gewahrt, 
obgleich sich die.selbe fast au.s.s<-hliesslich auf die ad- 
ministrativen Agenden wird beschränken müssen. 

Die Irrenanstalt der allgemeinen Kiankeoansiait 
immer mehr zu nähern, bildet das sichtliche Bestre- 
ben der Gegenwart und eines ihrer .schönsten Früchte 
biklet wohl das Kranken-Zimmer qiit der Bcttbeliand- 
lung, tun von anderen dahinseienden Neuerungen 
abzusehen. Wie weitgehend diesem Zuge zu huldi- . 
gen gesucht «ird, beweist das Gefallen an gilterluscn 
Anstalten und die Opfcm-illigkeit mit der dieser 
„Gipfdptmkf freier Bdkandlung au enreidien gesucht 
wird. Obwohl noch kein Mensth von den Gittern 
einen Schaden erlebt hat , wühl aber dem Mangel 
deisdben ein solcher von der Fama schon öfters in 
die Schulie geschoben wurde. Was ünmer datan 
«( in mng, wenn man » hon soklion Details sogenann- 
ter krankenhausmässiger Vorzüge eine so hohe Wicli- 
tigkeit beiraisst, so muss es meines £rachtciu> als ciu 
um so bedeutenderer Fomchritt im Irrenansialtswesen 

erachtet w^nir-n. wenn ciTi Ifauptfart'T der Kranken- 
Anstedt, ilire OiganisatioD, für die Irren-Anstalten 
copirt wird. 

Die Bedeututq; eines soldien Novums in den her- 
kömmlichen An.staltsregeln und ihre Mr)glithkcit und 
Durchführung für die grossen Irrenun.staltcn , sollen 
die fo^^den Zeilen darzid<^n versuchen. 

Da durch das Anwadisen der Anstalten in erster 
Linie die Lritung tangirt wird, so ist es nahe Hegend, 
zuerst ihre Stellung näher zu untersuchen. 

Nadi der allgemeinen ^dlung ihrer Ldter, thd« 
len sidi gegenwärtig die Anstalten in 3 Gruppen imd 
zwar : 

1. solche mit nur ärzUichcr, 

3. BOldie mit beamteter und endlich 

3. mit gemischter Oberidtung d. h. paritfliische 
Ti< nnunc; di t Verwaltung von der Direktion. 

Wenn man den Werth einer Institution nach 
fliren Erfolgen misst und das ist specidl auf unserem 
Gebiete eine beliebte Mediode, dann bietet gerade 
die Nebeneinanderstellung dieser Ldtungeu recht an- 
schauliche Gegensätze. 

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1902.] 



99 



Es ist gewiss kein Zufall, dass dort, wn die gr^Jsstc 
ärztliche Krcilicil in der Leitung 2U Tage tritt, wie in 
Denlsdihnd, auch das Amtaltswesen auf der hOcfaslCD 
Stufe steht, ja allmählich anfangt für die ganze Wdl^ 
musturgiltig zu werden tind dass dort, wo der Arzt 
den geringsten EinAuss liat auf die Administratiun, 
wie in Fiankidrh, audi das Anstaltsweaen die gräM* 
tea ROcfcstände aufweist Gerade letzteres Land ist 
dn schlagender Beweis ftlr da<? eben Gesagte. Denn 
dasselbe Land, dai» heute trotz der Höhe seiner sun- 
stigen culhirdlen Einrichtangea auf dem Gebiete des 
Aoataltswesens vielleicht um '/i Jahrhundert zurilck- 
gcblieben ist, war einst der Lehrmeister auf demsel- 
ben Get»ete. Freilich standen damals noch die 
Aenrte an der Spitie Eine Auanahme bildet die 
Familienpflege. Die Faniilienpflege der Stadt Paris 
steht auf voller Höhe und ist mustt rpiltip; Sic ist 
aber eine Schöpfung der Aerzlc un<.t vc>n Haus aus 
ihter auMcbHenüchen Leitung Qbeif eben worden. 

Genau dasselbe lehrt die Geschichte Gheels und 
der Ghcelcr Irrenpflege. Mit dem Momente, als die 
Aerzte Leiiurig und Einfluss gewannen, mit dem Mo- 
mente wurde das Gheeler System musteigiltig und 
nachah]nungswürd%. 

Diese Dinge muss man vnn Zeit zu Zeit wieder 
an 's Licht rücken, sonst wird gegen dieselben gcsün- 
d%t, und wen treffen die Sünden? Die AdeiunidiuK 
digsten und Alleiannsten. Die Kranlcen werden da- 
von bi trolTcn. Eines darf man nie vergessen. Für 
die Anstalten und das Aiistaltswcsen überitaupt bleibt 
nur der Kranl^e und seine BedOrfniaae maaaqgebend 
und dort, wo diese Bedürfnisse nicht gewürdigt oder 
gewerthet werden können, geschieht es zuni SHiHden 
der Kranken und des Landes. Die Bedürfnisse der 
Knmken brechen sidi ja schiies^di doch Baka und 
dann setzt es neue Auslagen, Auslagen, die durch die 
nöthigen M odifK attnncn geschaffen werden. 

Wo minier die rein admini&trativcD Bedenken all- 
zu viel auf den antlidien Intentionen lasten, so viel 
ist sicher, es geschieht mehr zum Nachtheil als zum 
Nutzen des berechtigten und gesunden Fortschrittes. 

Wie zwingend die Erfahrungen dieser Anschau- 
ung Redit geben, sidit man schon Olustrirt an den 
österreichischen MilitärspitAlcrn. Bekanntlich haben 
in denselben die ärztlichen Leiter nicht die Com- 
mandogewalt gehabt und man hat stets eine Reihe 
von GiOnden hierfür in's Fdd gefohrt Aber selbst 
der starre Militarismus hat sich zur besseren Einsicht 
bekehrt und neuesten» den Aerzten die volle Leitung 
anvertraut 

Dieselbe Wandlung volllieht «ach ja audi in den 
Inen-Anstalten von Tag m Tag mehr, und »icher 



wird auch da eines Tages der natilrürhc Zustand sich 
einstellen, wie er der Natiu nach sich einstellen muss. 
Man kann luhig der Entwkkhing zusehen, was kom- 
tnrn muss, wird koDUMD, der Natur veimag sich nie» 
roand auf die Dauer zu widersetzen. 

Es ist somit kein Zwafel, dass auch die Ober- 
leitung der gcossen Irre&'Anstallen in der Hand 
einer Person sein und daSB diese Ptanon cm Allt 
sein und bleiben soll. 

Die 1 hatüache, da.ss das moderne Anstaltswesen 
von Deutsddand auagegangen ist, s|Kicht nicht wenig 
auch zu Gunsten seiner organisatorischen Verhält- 
nisse, anderseits aber müssen und können unbescha- 
det des allgemeinen Wirkens der Direktion eine Reihe 
von Detail "Agenden dendben abgenommen und 
einaeißcn Pcrsf>nen zur vollen Verantwortung über- 
lassen werden. Dahin gehören beispielsweise die 
Kdssetigebahrung , Vcrpflegskostenbctreibungen und 
ShnUches auf der rein adminiMiativen, imd arsiliche 
Beliundhiiig der Kranken und dergleichen auf die 
ärztliche Seite. Wird die Direkli' •!) sntrher .\rt er- 
heblich entlastet, wird sie freier für die aligeineioen 
Fragen der Inenpllcge, der Hj^jjeae des Anslahs- 
wesen.s, der fortschrittlichen Reformen der IrreniÜr* 
sorge in und ausser der .\n.stalt etc. 

Dass eine solciie Wandlung in der Stellung der 
leitendok Personen einmal an erwarten war, lehrt, 
wie s« hon Schäfer her>'OTgehoben , auch die ganze 
Geschichte des Anstaltswcsens , unaufhaltbare Zu- 
nahme des Anstaltswesens an In- und Extensität 
semer Agenden. 

Alle Irrenanstalten gingen anfänglich aus kleinen 
Veriiältnissen her\or. V^orhcr musstc oft bhjss eine 
Abtheilung des allgemeinen Krankenhauses zur Auf- 
nahme der Geisteskranken gentgeiL IKe ehenuriigen 
Abtheilungsvorstände wurden nicht selten die nach- 
maligen Anstaltsdircktoren. Was Wunder, wenn sich 
die A bth ei lungs- Organisation mit der noth« 
wendigen einheitlichen Leitung auch auf die 
Irren-Anstalten übertrug und sich dieser Modus trotz 
des Weiterwachsens der Anstalten sich bis heute er- 
hielt, aber endlich musste sich eine Grenae von selbst 
eigebeo. In Praxi ist es ohndiin hflufig nicht mehr 
der Fall, dass der Direktor aurh /u^'leleh dc.-r riicf- 
arzt seiner Schützlinge sein kann, wenigstens nicht 
mehr au den Anstalten der Grossstädte, wo die An- 
stalten bereits langst aber die Belegsahl 1000 hin* 
ausgewachsen sind. Uebri^ens ist es ni( ht i\or Bc- 
tegraum allein, der für Leitung und Uebersicht maass- 
gebend ist, es kommt vielmdir noch der Wechsel 
und die Aufhahmiwahl in Betiadit 

Die hiesjge FraueaoAbtheilung, deren Vwstand 



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lOO 



Schreiber ist, tiat cincii durdisdiiuttlidicu Bdcgraiim 
von 3 so Kranken nnd einen jflhriidien Zuwachs von 

riiensokhcr Ilühc (1901). Idi kann nur das Kinc 
safren. ich !iabc Mfltie mich im Laufcniicn zu erhallen, 
so zwar, lia&s icii ailc nieiuc Krauken im Gcdadii- 
ni» habe und ich jedendt in der Lage bin Ober jede 
meiner Kranken Audninft ni geben, ohne ent die 
Krankengcschif liu- mr Tlillfe nehmen zu inlKscn, 
dass ich aber währciul der Uriaub.szdt des Direktors, 
den ich ab II. Arzt au vertreten habe, jedesmal eine 
Lockerung meiner Ucbcrsiehl bemerke, lrotz<lein ich 
faüt jeden Tag \'iMle auf meiner Al)th( ihmc mache. 

Meines Eraclitens i»l e» schon uiim<<glicli wllcn 
Einbilde in die Kranken zu gewinnen, wenn man nicht 
mehr in der Lage ist, die Kranken auch selii>t auf- 
zunehmen oder doch cingcl'.rndf'r zu unlfrsuchcn. 
Aus der geschriebenen Krankeii-Gesciiiclitc allein ver- 
mag man das niemab. — 

Ich kann mir denu i I it vdrstcllcii, wie es 
denn möglich wäre das .)laiiie in dem Detail zu 
umfassen, wie es das bisherige Statut verlangt, wo- 
nach die Leitung der Anstalt in «Uen «rzt- 
lichen Angelegenheiten dem Direktor 
Qbertragen ist. 

Die Zeit, wo dieser An/orderung entsprodien 
weiden konnte und musste, ist bogst entschwunden 
und sie scheint um so weiter zurückzuliegen, als seit- 
her so vieles im Anst;)ltswcsen aiulcrs geworden ist. 

Einstens war der leitende Arzt nicht selten der 
einaig psychiatrisch gebildete Arzt und zudem 
Autodidact — sd lange es keine Kliniken gal>. Heute 
hat jede grössere Anstalt einen ganzen Stab vorge- 
bildeter Psydiiater und altere Aitstaitsärzlc, die auch 
mit dem Anatallawesen wohl vertraut sind. Damals 
erschwerten die Direktion auch noch keineswegs 
andersartige Thätigkeitcn. Heute ist dies anders. 

Die umfangreichen Anstalten, die vermehrte Ad- 
mniirtntitm, die vielen schiiftlichen Arbeiten etc. 
nehmen nach und nach die ganze Person iIcs Direk- 
tori!, besonders in Gro&s.städten, völlig und derart in 
Anspruch, dass ihm Uberliaupl für eine arztliciie 
Tbat^keit keine Zeit meihr abtig bleibt 

Andrerseits war auch die ;tr zt liehe Thntipkeit 
in der Zeit des Resirainl und der ersten Zeit des 
no-R^traint nicht so vieLsdtig und die Behandlung 
einfacher als heute. Wie hat sich dag^n Behand- 
1 u n g, Pflege im modernen Sinne mit dein gcsainmtcn 
Rüstzeug der heuligen Mcdicin und dem freien in- 
dividualisirenden Vorgehen bei jedem Kinzclncu ge- 
hoben und verbreitet Sie erf<Mdert den grOasten 
FlcLss und ungeheure Belesenhcit, um sich im Lau- 
feoden zu erhalten. Wenn grössere administrative 



[Nr. 9 



Ageiuiei^ die Hingaijc cinsdirilnkc«, ist es uuaujglidi, 
dieser Pflicht im ganzen Umfange gerecht zu werden. 

S<i lirflngt sich von allen Seiten bei gntssen Anstalten 
die rr.li.iItli.ii'M il i!< r licrkötnmlicficn ArvstalLvordnung 
iiervor und verlangt eujc entsprechende Reform und 
Aibeitstheilung. 

Man könnte einwen<len, dass gerade in Irrenan- 
stalten die ;\^7^\'^^'ht' *.ir 1 ufbninistrativc Seite sich 
sciiwer trennen liissi, d.iss beide aufs innigste zusammen 
haugen. Gewiss, wenigstens mehr als in einem ge> 
wohnlichen Krankenhause. Aber damit i.st nicht g<-- 
sagt. dass sie sich nirht s. iwrit Irennen lasseri . fluss 
sie unter allen Umstanden aucli von dncr und der- 
selben Peison besunit werden mOssen. Nach meiner 
eigenen Erf.iliiuii;^ i;clit tlies ganz wnhi. Diejenigen 
Agenden unil Anoninunp-n ;idr$iin!s!ra'i\<'r Art, ilie 
direct mit der Behandlung zusaminenbangen, lüssl 
man auch ruhig vereint in der Hand des behandelnden 
Arztes, wie z. B. die Bewilligung des Ausganges, die 
Kosivcrschreil iincr. Vrrsetzutig des Kranken uiui i!»s 
PÜcgeper!»onais inneilialb .seiner AbUieiluiig und der- 
gleichen. Wahrend hingegen alle VeiSndcrungen, die 
Auslagen setzen, wie Xcuan.schaffnngen, Adap'.irnngen, 
Aen<lerungen in der Hausordnung und ähnliches selbst- 
verständlich in das Hcssurt des Di^cciors fallen. 

Ich bin Oberzeugt, dass der Direction eine Reihe 
von Agenden werilcn abgenommen werden können, 
ohnr deren Autorität zu gefährden, und i< h bin weiteiis 
überzeugt, dass sich diese besser den Ablheilungsvor- 
standen zutheilen hosen, und dort die Berufs- und 
ScIiafTi n-ficude erhöhen werden, abgesehen davon, 
dass damit zuglcirli eine Menge anderer siiVrender 
Quellen verstopft werden, die l'riedc umi Euuradit 
nicht gerade fördern. 

Die Direction bleibt damit vor allem die l'eber- 
sicht über dif i'anze .NiisUilt pcwalirt, die so bei der 
Ueberlastung mit Det.ularbeit mant hmal verloren gdtU 

Dagegen braucht die Direction die Uebenicht 
über den K r a n k en al I c i n nicht, die es in grösse- 
ren Anst iltin Tritt s^osscm Wer hse! s«> wie so nicht 
mehr hat und naturgemXlss nidit haben kann. 

Die Zirenanslalten g^en, ob man will oder nicht, 
den Weg des Krankenhauses. Und was immer in 
dem Sinne an der Irren-Anstalt fjf oii Kielt wird, wird 
durchdringen und Bestand haben, das zeigt klar und 
deutlich ihre Geschichte Audi in unserer Frage ut 
dies nicht zu verkennen. 

Aiii ?i in den sröswren Kt.'inkenh.'tusern war<»n in 
fruiieren Jahren, und in den kleineren sind mvch heule 
die Leiter auch die behandelnden Aerzte. Wahrend 
in den grösseren Krankenhäusern die Direcloren ein- 
fach Administratoren geworden sind. Die Wendung 



PSYCHIATRISCH>NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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lOI 



hat sich san{;- und klauplMS \(jltzoppn, als natüriiches 
Gebot und wenig anderü uirü es in den irren-An- 
■talten der GrooHtadte weiden. 

Wje die Inen-Anstalten der GroesBiadte immer 

durch ihre Grösse von den andern sich unlerscliciden, 
und nicht durch eigenen Tiict», sondern ihinii den 
Zwang der Verh«Üliiisse dazu gcnüthigt wurden, m> 
wild du ancb in Hinkunfl louim anden werden. 

Niemals werden die Kranken der Stadt dnfoch 

aufs Land verlegt werden k<">nnen , sie mOsscn und 
werden zum rtiDssthcil in dcrc-n Starlt, oder deren 
unmittelbarer Nähe wenigstens untcrgcbr.K ht werden, 
und die Anzahl der Kranicen wird sidi zunehmend 
veigritasBiik 

Man hat vor gar nicht zu vielen Jahren noch 60O 
als die Maximal/all! il< < Relcgraumcs einer Irren-An- 
stiilt hingestellt, aber in Anbetracht der einheitlichen 
administrativen und firzdichen Leitung: Ich halte 
selbst diese /^.ili! M hi,n fflr Ztt gruBs, aber eine noch 
griisscrc Anzahl, selbst ohne grossen Wo hscl , l;is.^t 
äch vun einer Person unmöglich mehr im detail so 
fibetbücken, daw lie QbenD ipontan bald da bald 
dort helitod oderconigifend eingreifen könnte. Diese 
Ansrhaming wurde auch , soweit i< h /.urilrkbhVke, 
nirgends bekämpft, und trotzdem sind die Anstalten 
gewacfaten trotz aller Andichen Bedenken, ja sogar auf 
(icni Boden selbst, wo die litterarischen Vorfechter 
viklier Prinzipien gesehen simi. Wie kommt dies? 
Einfach deshalb, weil die Wucht der Verhält- 
nisse es erzwungen hat und unabwendbare 
Thatsachen Aber Theorie und Praxi» .ein- 
fach hinweggeschritten sind. 

So sind die Ansiiiltcn bis ifVTO und 1500 ent- 
standen und s t wird in Wien eine solche noch da- 
rabcr hinaus entstehen und in Zukunft ? wird es nicht 
weniger der Rdl sein und vielleicht entstehen einmal 
dort, wodic <" r 1 1 ir h c 11 Vc r ha I tn isse nur n;nh 
einer Seite hindrilngen, eben solche Irrenan- 
staltsvicrtel , wie heute schon Kiankenhausviertel da- 
runter entstanden md. 

inuner man die Ftagc der grossen Irren- 
Anstalt dreht und wendet und von welcher Seite 
immer man die mi.iicmcn Anstaltsverhaltnisse mit 
deoalten starren t.entralistischen Irreoliausoiganisationcn 
in Einklang zu bringen suchl, immer kommt man zu 
dem Resultat: Es geht nicht mdir. die ImDanstaltcn 

Warbsen und wprdf-n wach"""!! imd ihre Agenden 
lassen sieb immer weniger nach dem Style der frühe- 
reo, kleben Anstalten bewältigen. Gerade das be- 
tet^jen auch die Gestflndniaae Sch&f er's und machen 



seine VeröfTentHrhunjirn liieifilmr doppelt werthvoll. 
Sctiafcr hat nicht blos ais erster den Muth gehabt, 
die Unzulinglidikeiten der ahen Irrenanstaltsoidnung 
aus eigener Erfahnuig zu erhärten, suiuiem hat ande» 
rcnscils auch in der verantw! ii tunpsvi illen Uebertrag- 
utig der ärztlictien Behandlung auf die Abtheilungs- 
Iciter pnctiadi bereils den Weg gewiesen, wie wen^stens 
nach der rdn ärztlichen Seite eineAUiilfe angcÄiahnt 
werden kanfi, 

Eine Anscliauung für die, wie schon früiicr er- 
iirilhnt, audi anderen Orts dieadben gün>t%en Erfah- 
rungen zu sprechen sdieben. 

Bis vor etwa 2 Dezenien konnte auch in der 
Wiener Irren-Anstalt die Direction gemäss dem An- 
staltaFStatttte noch eine gewisse arztUdie Thltigkeit 
entfalten. Ja selbst der 1895 verstorbene Director 
Gaiister liat nmrh öfters eine Urztliche Visitc geleitet 
und hin und wieder einen Patienten genauer uoter- 
sodit und ärztlich aufgenommen, klagte aber wieder- 
holt, daas ihm eine arztliche ThUtigkeit inuner mehr 
unmi'iglich wird infiilpc cJcs Anwacliscns der admini- 
strativen Agenden, zuletzt musstc er sich völlig auf 
die Administiation beachiftnken. 

Seither ist die administoative Arbeitslast wiedenim 

• rlicblich gestiegen, und musstc demgcmäss die ärzt- 
liche Sclbstandijjkcit der Abflidhing sich ausgestalten. 

Während in früheren Jahren wiederholt ärztliche 
Antrj^;e, wie Endassung, Ausgänge, Beurlaubung von 
Patienten der einzelnen Abthditmgsleitcr ]K;rsönlich 
von der DirectixTi übpqinlft , m'idifi/irt und auch 
zurückgestellt wurden, geschieht dies in den letzten 
5—7 Jahren hSchst seilen und es gebt d>en so gut 
wie frtiher, wenigstens ist niemals hieraus iigend ein 
Schaden entstanden. 

If Ii ülaube s(jlchc practischcn Ergebnisse s]>rechen 
mehr als noch so vorzügliche Abliandlungcn und 
Gegenstande wider die Arzdidie Selbetflndigmadwng 
der einzelnen Abtheflung. 

Au«: demselben Cninde braucht wohl .nuh die 
Furcht vor den grossen Anstalten ärztlidi keinen so 
hohen Grad anzunehmen, dass man unter allen Um- 
stflnden nur kleinere Anstalten befürworten konnte, 
ohne jfde Rü< ksirht avif die \'"itheile und Einrich- 
tungeri in anderen Gcluetcri des An.slalLswesens. 

Fasse ich meine Aoscliauungen zus^unmeo, so 
glaube ich, da» sich das Anwachsen der Irren-An- 
stalten nicht mehr auflialten la.-vst, n;mientlich nicht in 
den Grossstädten und dass jedes Andrängen dagegen 
nutzlos ist, zumal der herrscliende Pa\illonstyl diurch 
das bequeme Dazubauen von einem Pavillon nach 
deni andern eine directe VerfQhiung dazu afagiebt 



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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. . . [Nr. 9. 



Wir sollen daher, lun eine einheitliche administrative administrative Oberieitung der Direction gewahrt 

Oberldtung weiter zu ermöglichenf eine «weckent- Ueibl imd dafür unter anderem die AbthdhiDg ein- 

qwechende Reoifanisation nadi dem Muster der heitlicher und MllMtSndiger weiden aolL 
aOgemeam Kiankenhaiiaer «mtreben, bei der die Dr. Starlinger-Wien. 



Die Irrenfürsorge in Baden. 

Von übciarxt Dr. A/ax fniArr-UKaau, 

(Fortaeuufic). 



Nur bei einer solchen Regelung des ganzen Ver- 
fahrens wird allen Ansprilrlicn an die staatlithc Itrcn- 
veisorgung suwoiil hinsichtlicii des Wohls uud der 
Heihu^ der Kranken selbst, ab auch hinsichdidt 
des nötliigen Schutzes der Gcscllsi liaft vor den 
Krankhcilsäusscrungcn der In rn Rci Inning getragen. 

Leider sind wir von diesem Ziele 2ur /.eil weit 
entfernt Und der eini^ Giund dieser Erscheinung 
ist die relative und absolute UcbcrfQllung 
allpr bestehenden staatlichen Irrenan- 
stalten, sowohl der Hell- tmd Aufnalimcanstiüten 
als der FSq^eanstalten. 

Die Anstalt bei Emmendingen, auf die man 
seiner Zeit alle Hoffnung auf Aufhebung jeder Noth 
iu der Irrcnvcisorgung des Landes setzte, ist ausge- 
baut auf 1000 Piatae und ist Aber diese Zahl hinaus 
v< ill besetzt Die Anstalt Pforzheim, deren Schliessung 
mit der Erbauung von Emmendingen liezwetkt war, 
besteht mit ihren veralteten und ungeni^enden Ein- 
richtungen weiter und ist logiar, um der allgemeinen 
Nolhlage zu begegnen , durch neue Plätze vermehrt 
worden. Beide sind ständig überfüllt, ki'inncn von 
ihrem Krankenmatcrial wenig entlassen und daher 
ihrem eisten Zwedt, die HeOamtalten xu eutbuten 
and aufnahmefähig stt erhalten, kaum oder wenijg 
genug nachkommen. 

Die Aufnahme- und Heilanstalten selbst 
aber sind ebenfatls dauernd tkberfüllt, kOnnea nur unge- 
nügend evacuiren d. h. vt)n ihren chronischen Kranken 
an die Pflegcanstalten abgeben und .sind dadurch in 
ihrer Hauptaufgabe, die fiisdicn Kranken aus dem 
Lande aufkunehmen , dauernd und In eiheblichem 
Maasse behindert. 

So bestehen in allen Anstiilten alle die Miss- 
stünde, die eine anhaltende Ueberfüllung mit sich 
bringt, unvermindert fort 

Um die Verhältnisse des Einzelnen darzulegen, 
so sind die Kliniken, welche über nominell loü bis 
HO Plätze verfugen, zur Zeit absolut und relativ 
ttberfltflt und vetmfigen ihren Fiischaufhahmen kunm 
Ol geiiflgen. t^che Krank« mOssen «ohl laachcr 



wieder entlassen werden, als es der Kuqilan wüns< hcns- 
werlh machte, nur um Kaum zu schaffen. Und doch 
sollte jede der Kliniken, um standig für frische Fälle 
gerostet sa sein, vornehmlich auch des Lehnnvecks 
wegen, stets einige Plätze frei haben un<l daher nidtt 
über einen Bestand von umi Kranken anwachsen. 

Nicht besser steht es mit 1 1 1 e n a u. Bei ihren nominell 
500 Platzen ist die Anstalt oft nidit gerade absolut, 
inmjcr aber relativ überfüllt, insofern ganze Abtheil- 
vmgcn andauem<i einen zu hohen Staml aufweisen, 
besonders auf der Fraucuseite, und namentlich in den 
fiBr den Betrieb wichtigsten Slalionen: in den Be- 
obachtungs- und unruhigen Ahlheilungen. Der Er- 
satz durch die Neubauten in Illenau wird hierin WK 
vorübergehend Erleichterung schaffen. 

Wethen wir «Iber etst für IDenau Verhaltnisse 
herrichten, wie sie nach hygienischen und anstalLstcch- 
niscJien Grundsätzen gefordert werden, .so würden 
wir nach einer jüngst hierüber ausgeführten Ausmess- 
ung und Berechnung nur noch Ober 4.20 Platze ver« 
fügen dürfen ; die Anstalt wäre also mit ihrem gegen- 
wartigen Bestände von nominell 500 Plätzen schon 
tun i(o Kranke übersetzt imd auch nach Er- 
öffnung der Neubauten mit zusammen etwa 60 Platzen 
würde das Mehr über das zulassige Mass uniiu r noch 
20 betragen. Wir hätten also in Wirklichkeil trotz 
der baulichen Erweiterung m>ch niclil einen neuen 
Pbitz gewonnen, sondern nur bis jetzt Fehlendes zum 
Bestand ergänzt. Dabei ist noch gar nicht mitge« 
rechnet, dass einzelne Abtheilungen Tllenaus veraltet 
sind imd eigentlich schon lange geräumt und aus dem 
Beiegpbm hatten aMigesdiieden weiden sollen. Rechnet 
man aber noch etwa 20 Platze ab, die in der ganzen 
Anstalt im Interesse eines ungehinderten Betriebs zu 
ständiger Verfügung für Neuaufnahmen und für mo- 
mentane Vcrlegimgen frei stehen mllasten, so kommen 
wir für Illenau bei normalen Verhältnissen zu einer 
Bclegziffer von höchstens 4<)<) Platzen, worin die Plätze 
der Neu- und Umbauten mitgerechnet sind. Die 
jetzige Bek^ffer waie somit immer noch um 40 xu 
hoch gegriffen. 



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I902.) 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



103 



Auch Emmendingen ist absolut und relativ 
mit To^S Kranken als ffir tmmuilc Verhältnisse zu 
reichlich lielcgt zu bezeichnen, da die sog. kuluniale 
Bdtandhing der Kranken enc bcsonden freie Be- 
wegung und leichte Verschiebbarkeit in den einzelnen 
Pavillons erfordert. Wenn wir unter der lieutigen 
Raiunt>edrai)gtii8s sämmtlicher Anstalten einstweilen 
an der Fortdauer der z. Zt bedeutend erhöhten (and 
vieUeicht nnch zu erhöhenden) Aufnahmekraft von 
Emmendingen festhalten müssen, s<i wird dafür eine 
kOniüge Normirung an Einntcndingcn nicht Uber 
920— >9jo tnsasaen nthdlen dtitfcn, also denen 
jeU^en nominellen Bestand (von 1025) für ifAter 
nm c:a tfio Kftpfe entlasten mftssen. 

Auf die Pforzheimer Verhältnisse einzugehen, 
halten «ir fOr sweddos, da unsweifdhaft feststeht, 
dasa dkee Anstalt durch eine neue etsetat weiden 
muss. Auf dm si liwicrigstcn und ciitsagungbvolhjen 
Pusten gestellt, wird Pfurzhciiu bis zur Eröffnung 
seines Bnatzbaues wie bisher seine Schuldigkeit thun. 

Aus diesen Angaben geht hervor, dass die in 
Bftrarht k>.mnii ii<l< n Anstalten bei ihr?«r gegenwärtig 
angenommenen Bclcgziffer (ganz zu schweigen vun 
dem noch höheren Krankenstande) über die nach 
mMgBb hygienitihen CnimiHliwn nnyrtflHn Be> 
rechnung hinaus (die KImiken nmmmm nm 20, 
Illenau um 40, Emmendingen um looj insgesammt 
um t6o FlatM Qbersetxt sind. 

Der p<-s<-hiidcrten, ungftnsti^'cn F.iitwicllimg der 
IrrcTiförsorgc und des Ani.tall3wescns unseres Landes 
hat sidi die Groash. Regierung »1 keiner Zeit ver- 
«cfalossen. Noch wahrend dea Auabauü von Emmen» 
dingen ist sie mit neuen Erwafnmf^en und \'. irs< hingen 
über die Vervt)llkrjmmnung und Erweiterung der staat- 
lichen Anstahsfttisoige fOr die Geisteakranken hervor- 
getreten. 

Zunächst war nur ein Neubau für die veraltete 
Pforzheimer Anstalt in Gestalt ^ i n e r grossen Landes- 
anstah in Annicht genommen. Die Veriumdlungen 
der Landtagaaession 1899/1900 haben aber allerseits 
rasch die L'eberzeugung gefestigt, dass damit allein 
keine, auch nur für die nächste Zeit ausreichende 
Abhilfe der drängenden Nodihge geschaffen wäre. 
Ea tvurde daher damals im Landtage die Resolution 
gcfasst: „Die .Xustalt in Pforzheim sei aur/ulieben 
und zum Eisatze sollen zw^ Anstalten errichtet werden, 
die eine in Flonheim oder sonst iigendwo im Unter- 
lande, die andere im Landeskcmunisaaiiatsbexiike Kon- 
stanz". 

Für die Belegung der geplanten Neueisteliungen 
eigieibt ikh nun aber aus den vontdienden Aus- 



führungen das Resultat, daa> nelien dem Eisatae fOr 

die 650 Platze der Anstalt Pforzheim, wenn man zu- 
nädist nur die bestehende Ucberfüllung der vor- 
handenen Anstalten um 160 PUttse beseitigen will, 
auf eine Schaffung von neuen 160 H* 650 m 
in Summa 8in Plätzen zu dringen wäre, 

Diese 810 Plätze, die in ihrer Zahl für 
sieh allein ohne alles weitere eine voll 
ausgebaute und besetzte Anstalt darstellen, 
sinri alsi in den neuen Ansiallen als von vornherein 
besetzt anzunehmen. 

E» ist aber sofort klar, dass mit der Beseitigung 
der Anstaltsüberfüllung und mit der Neugründung 
des Krsat/ps für die Pforzheimer Anstalt d. h. mit 
der Beschaffung von 810 neuen Anstallsplatzcn nur 
dem AllemOthigstcn abgeholfen wttre. Unzweifdhaft 
würde eine solche RaumbeschiifTung, die zwar eines- 
ÜiC.'tU veraltete Einrii litungr-n hinwegräumt und ersetzt, 
anderntheils einen vorhandenen Noihstand auHiebt, 
nicht aber rag^eich auch ausserdem weitere, neue 
Werthc in die Inenversorgung eiirfOhtt, noch nicht 
einmal allen gegenwärtigen, gesfhweige denn 
den zukünftigen Anfurderui^en an die Irrenver- 
sorgting gerecht werden. 

Wie aitei vielen Anzeichen her>orgeht, sind seither 
in unserem T.an<le manche Bedürfnisse in der Anstalts- 
versuigung der Irren nicht befriedigt worden — aus 
Ftaitimangd hi den bestehenden Anslahen ; sie kOmmn 
also auch künftighin, bevor nicht Anstaltsplatze in 
grösserer Anzahl neu beschafft werden, nicht hrfriwligt 
werden, so dass wir auf so lange mit einer zunehmenden 
Stagnation in der Irrenveraoigung zu rechnen haben 
werden. 

Diese latente, ungetilgte Zahl von Geistes- 
kranken, welche der Anstaltspflege bedürfen, dieselbe 
aus Platsmangel aber entbehren mfissen, 
kann aus verschiedenen UebeikgUtogen heigeteitet 
und genauer abgeschätzt werden: 

I. Wir siehen «mUdist veigleidisweise Etl^hnmgen 
aus dem Inenwesen der Rhctnpmvinz, als einem Lande, 

(tr-^sen allgemeine Erwerbs- und Lebfnsverhitltnissc 
im Wcscntlidten mit unseren badist hen übereinstimmen 
werden, zur Betrachtung heran. 

Nach einer dortigen sehr interessanten und ein- 
gehenden statis1i>rhen l'ntersuchung , zum Theil in 
der „Denkschrift betreffend die Fürsorge 
ffir die Geisteskranken und Epileptiker 
der R he i n pr o V in z" enthalten, zum Theil neueren 
Mittheilungfii verdankt, sind dort die Anforderungen 
an die AnstalLsvcrs<jrgimg der Irren in den letzten 
8--to Jahren bedeutend giOaer geworden. Die 

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I04 



jührliche Zunahme in den Anstalten an Kranken, und 
vnr bkx» der Ortsannen und Landarmen unter ihnen, 
betiug 4oA naaUch darchsdioittUch md^r als 6*/t 
der Durchschnittsbelegung des Vorjahres und zwar 
173 — 359 txler im Mittel aus den 7 Jahren 1893 
Ins 1900 BE= 242 Kranke im Jalu: bei einer BevOi- 
Iceningsdfler von jebst 575979& 

Da diese Tenden/ hk h I)is in die letzten Jahre 
anhielt, so wird sie au< h für die nächst kumraende 
Zeit als wirksam aiigciiommeD werden dflrfen. 

Wenn wir diese Berechnung nun auf unsere Anstahs- 
versorgung und unsem r!<n i"ll.ernngsslandvi.in 1 867944 
(Volkszählung vom i. Dezember 190t») übertragen, 
so ergäbe sich darnach ein jtthilicher Zuwachs von 
78 Kianken in unsem Anstalten. 

Da diese Ziffer nur die Zunahme der auf Affent- 
liehe Kosten Verpflegten in sich begreift, in 
der fraglichen Zeitpertode offenkundig aber auch die 
Zahl der in den Anstalten vefpHegten vermA glichen 

K raiiki.li crhi-Mii Ii /iigfn.MnitU'ti hat, so wird dicse!l>c 
bei uns als Mindestausdruck des jährlichen Mehr- 
bedarf an Anatalt&pläuea für die nächste Zukunft 
in Rechnung gesogen weiden dOrfen. 

a. Vf>n diese; veri;Ieiclieiidi.-n Darstriluii}; gi-licii 
wir nun auf die realen Verhältnisse der Entwicklung 
in unserer badischen InenfQisoige Ober. 

Bei dem Ausbau der Anstalt Emmendingen 
hat sicfa gezeigt, dass jede fertiggestellte Und neu er- 
öffnete Abtheilung (Pa\-ilk)n), auch wenn es sif-h um 
grössere Bauten vun 2 >c 50 = 100 Pliltzen handelte, 
in 7« bis Ys J^h'^^c'" belegt war, wie denn 
auch in bis i Jahr die durch die Eröffnung dieser 
Bauten cHialtcne Erhr^hiing drr Belegziffer der ganzen 
Anstalt jeweils wieder durch den Andrang der Auf- 
nahmen ttberholt wurde, <duw das« die Landesnren- 



[Nr. 9. 



vcrsuigung dadurch jeweils und bis jetzt dauernd ent- 
lastet worden wäre.*) Zugleicli ist statistisch be- 
merkenswerth , dass in dieser Anstalt, die damals 
durch ihre fortsclireiU ndc Envcilerungsfähigkeit gleich- 
sam als Maassstab für unsere Irren Versorgung dienen 
konnte, der jährlich eZuwachsim Krankenstaude 
nach den enten Jahren ihres Bestdiensi, also in den 
Zeiten der ruhigeren Entwicklung (189; — lB<^>7) zwi- 
schen 59 und 119 schwankte. Das Mittel daraus 
ergiebt, wie unter l. aus einer pnjccntualen Ueber» 
tn^iung aus fremden Veriiältnissen, so hier auf rein 
enipins< lioiii Wege innerhalb unserer eigenen Inen» 
Versorgung die Zahl 78. 

So darf sowohl nach allgemdner Erwägung als 
nach spedelkr Eifahnmg diese Zahl als Index fOr 
d;is j .nh r Ii ch e M ehrbedflrfniss \ <>n AnstaltS^ 
plätzen in der I^ndesirrenfürsorge gelten. 

Dieselbe Tendoiz ist übrigens auch seit 1897 trotz 
erechwerter Auftuhmeverhaitnüsse wbksam geblieben. 
D,i scithrr N'ciiliauten nur mehr in mt'ls.->igeni Uinfange 
zur Ausführung kamen, musste der Mangel an Raum 
nach Möglichkeit durch Mehraufstdlung von Betten 
ausgeglichen weiden, was natOriich nur unter Ste^gening 
derschfin vnrhandrncn Ueberfüllung geschehen konnte. 
Gerade auf Grund dieser letztem Thatsache dürfen 
wir aber da« in der 2^1 78 gefundene Mehxbe- 
dflffnias an AnslallspiUaen im Jahr auch für die Zu» 
kuTift geltend machen und haben, da die \<irhan- 
dencn Anstalten nicht mehr erweiterungsfähig sind, 
die danack erforderlichen Platze in den Neuerstellungen 
vonuaehen. (Foilsetsnng fo%t.) 

*) Vcfglcidie hietllber Dr. Hax Fischer, »Dat An» 

wachsen de r H e i I - und P f lec f ü n ( u 1 1 hei E ni in cn • 
diqgen". (Aertüicbe Miltbeiliusen fUr Baden 1897. Mr. 24.) 



PSVCHIATRISCH-NEUROLOCISCHE WOCHENSCHRIFT. 



Ein Wort zur Recension des Herrn Gaupp über die MDenkscbrift 
über die badische Irren Fürsorge". 



jVTur, weil die obige Keccnsion zu einigen saclüichen 
Bemerkungen und Ricbtigsteihmgen Anlass ^d)t, 
treten wir derselben etwas niheTi tmter der Erklärung 
ziun vornherein, dass wir mir :uif da<! Nothigste ein- 
geiien und begrcithchen^eise uns versagen, auf die 
dnsdnen mehr pecsOniichen kritisdien Auafllle iigend- 
wie zu antworten. 

!. Zunächst müssen wir die Vorstellunfr zerstAren, 
als ob das gatue Programm „ohne jede Mitwirkung 
der KKniker" behandelt worden seL Bei den grund- 
legenden Sitsungen Uber die Abgtennmg der Auf- 



iialunebczirke und die ganze Organisation der Landes- 
trrenfttraoige waren dieselben vertreten und haben 
ihren Standpunkt gewahrt, wie auch ihre sptteten 
sihrifdichen Kundgebungen gewürdigt wurden. 

Mit dem regierungsseitig gemachten Vorschlag über 
die Vertheilung der practisdien Aufgaben unaeter 
psycliiatrischen .\syle haben sich die klinischen CoUegen 
nhiieens friiher diit( haus ciiive.'--.taiu!en erklSrt. 

Warum dieselben nach den entscheidenden Vor- 
bexathungen bei der Abbstung der Oenksdirift atdit 
be%eiog!en wurden^ entsidit sich unserer Kenntnis«. 



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Vielleicht hielt das Mintstcriuui, dem die Laiidt^trren- 
DliS(Mge obliegt — die Kliniken ressortiren in ein 
anderas BAiDtsterium — die Sachlage für genügend 

geklärt und, zum Untfrsrdii d von Herrn Gaupp, 
die entanntc Cuiunüssion /.ur Lü&ung der ihr ge- 
stritten Aufgabe xiireicliend. 

2. Es wird jei/t so hingestellt, als uh erst der 
Hciilell '<'r);<^r Niitfuuf vom ]Ah.ri- 1807 nriilii'^ gewesen 
wäre, un> liie Lage iler badisi^hen irrcnlürsorgc und 
die Nffthwend^eit neuer Anstalten klar ra legen. 
Niemandem konnten aber die Veili.iltniMC und Be- 
iltirfni^sp der I-anilesirrenfürsotgi 1 H K.innler und ver- 
Uauter sein, als den mit ihr durch die tägliche Er- 
fabning aufs engste verbundenen Leitern der OOentlidien 
Anstalten. Sie konnten <1< i Belehning darüber ent- 
hM^hre« S-hon das Weiliilnstflipn von PfoiT'licin» 
war die beständige und sellwtverstandliciic Mahnung 
SU neuen Projecten. 

Auf ein Öffentliches Hervortreten iihvt konnten 
sif im Wrirauen auf die iluer Aiifgalje bewuBBtCj, 
immer thatkrä/tige Regierung vcrzit hten. 

Zu der Zeit des Heidelberger Vorstuwes aber war 
Dodi eine d rin);; I i c h c r 1 Aufgabe als ein Neubau 
jtueifüllrn. Wenn Herr (j uupp aus eigenem Erleben 
Dut unseren VerhiÜtiiisüea bekannter gewc»eii wäre, 
iftle ihm dieser ZiisanunenlMUig nicht entg^en können. 
£s war zuerst Emmendingen auszubauen und ge- 
tddf H'x li iiiil ilen ffir drii r.fs.itnmt'K'trifh. wti litijjHten 
trrungens<lii»aften zu vervollkommnen. Vor allein 
aber musste, was Ober dem Neubau Emmendingen*« 
bnher hintangestellt worden war, narlij; ; 't Ad.ien, 
(1. h. PS mii'sstpn den vorhand eii cii Aii<i,ilti 11 die 
für ihre weitere gedeihliche Wirksamkeit unent- 
behrlichen und unaufschieblichen Existenz- 
: ctiingungen in (Jestalt der allernöthigsten Re- 
formen geschaffen wcrilt n. Dieser siili VMrdr.'iMi^rnden 
Aufgabe iät denn auch die Regierung in zielbewu-vstcn 
Fhijecten und erfolgreichen Thalen gerecht gewofden. 
Zur Zeit des K r a e p e I i n' s c h e n \'i )rtrags lagen 
dir r!i, ;(r Reformen beroiSs in zur Ausführung fertigen 
i'laiien vor. Schon allein die bewilligten Mittel — nahe- 
ta I */, Million tn den letzten drei Budgetperioden — 
führen eine dem Kund^en hinreichend beredte Sprache. 

Der Zwrt.k dieser Prf>jecte war in voller A!'^irht 
uicht in erster Reilie die I'latzgewinnung, und konnte 
es nach dem Ob%ea nidit adn. Immerhin ist aber 
der Erhalt von 200 neuen Platzen in allen Anstalten 
zusamme»! kftti'- <)UHntitc nesrli^re;!*'!*^ jf'weson. Da- 
von haben den Hauptgewinn ilic Kliniken davungc- 
ingeo, deren EvacuationsbedOcfnias einer besonderen 
Rucksiclitiiahmc jcdeneit sich erfreut. 

Standen wir heute von Neuem vor deu gleichen 



»05 



Verliältnisiien : wir würden, unserer Ueberzcugung und 
onseiem FflichtgefOhl fOr das Ganse und das Wohl 
des Lit'd( ^ folgend, wieder ebenso handeln müssen. 

Noch wahrend diese ,,S . ii u Id" — wenn man vutt 
einer sKilchen sprechen will — gegen die vorhan- 
denen Anstalten tmd die bereits dort wdlenden 
Kranken abgetragen wnid«, ging man seitens der Re- 
gierung ungesäumt zu neuen Projecten über, ohne 
dasü eä auch an dic»ci Stelle der Heidelberger Ini- 
tiative bedurft hatte. Der bcschlüssenc Neubau gleich 
zweier neuer Landcsanstalten beweist genügend den 
Krnst . mit dem man der langst erkannten Nothkige 
entgegentrat. 

3. Auf die Gegenvorschlage Gaupp's be«^lich 

der künftigen Verlheilung der Aufgaben in der 
Lantlcsinciifiu» it;;c an die einzelnen Institute einzu- 
gehen, ist luer nicht der Ort. In den uiiserigen haben 
wir ims an die seitherige erprobte Organisation, wdche 
natüdich die Interessen d > s ganzen Landes in 
Ili-tr.iidit ntt«mi . ancjelcJim und könrieti in unserer 
Reparlition keinerlei bchmalcrung der klinischen In- 
teressen finden. Zuglekrh gingen wir davon aus, daas 
auch tien Kranken der bereclUigte Anspruch auf eine 
nicht in crstrr Linie dem Unteirichlszweckedienende 
Heilanstalt verbleiben inUsüc. 

4. Unsere VorsdUSge bezflglich des Nerven- 
heims erhalten bei Herrn Gaupp eine ausgespart 
ungnfltlige Censiir und uir selbst, als so zu sagen 
„ländliche" Neun ipattu liogen, die Zubilligung mildernder 
Umstände. Wir lächeln — und gehen sofort auch 
liier auf das Sa« hüche über, das der Neuheit wegen 
einige eincrhendere Bemerkungen rechtfertigen lUi a;c 
Die Kritik wendet sich namentlich gegen die von uns 
voigeschlagenen Kmnkenkat^rien nnd gegen die 
Eistelltung in der Nähe einer Anstalt, zumal lllcii urs. 
.\llc diese Einwürfe betreffen noch z. Zt. schwebende 
Fragen und sind, wie jeder neue Beitrag, an sich 
willkommen; nur kOnnen auch sientir als eine Meinungs- 
aussenmg gelten, nicht als Abschluss, wie 'es den An- 
st licin erweckt. Naturgemäss wird einen solchen erst 
die weitere Erfahrtmg bringen, nach Ulngerur Zeit luid 
aus vielen Orten mit unter sidi veigleichbaren Ver- 
li.lltnissen ges^immelt. Und selbst dann noch wird 
wahrsi 't( iiiüch in jeder Losung ein unUcjÜchener Rest 
enthalten bleiben, der sich hierauf die Eigenart der 
localen BedQrlhisse, dort atif die Art der Bevölkerung, 
die socialen Verhnltnis.se und die sonstige Art der 
Fürsorge klurch Spii;;') ■. Kliniken etc.) gründet, terri- 
torial mit diesen Factorcn wecliscll. Unsetc Auf- 
fossung und Vorschlage beaehen sich sunächst nur 
auf die einheimischen Verhriltnisse, wo1i<-i wir bestrebt 
waren, einerseits dem erkannten BedUrfniss Rechnung 



FSyCHI ATJUSCU-NEU ROLCXJISCHtt WUCHENSCllKirT. 



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PSYCHUTRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. [Nr. 9. 



106 



zu uageii, andrerseits ciwaige C(Jin|ietenz - Conftictc 
mit and«Kn medictnischen Instituten thunlichst la 
umgehen. Auch nach : s vorliegenden klinischen 
Epikrise sind wir nii !it in <]« r Lage, ein M'^pnllichcs 
in unserer Darling zurückzunehmen oder abzuän- 
dem. Namentlidi halten wir fortan fest, daM spedell 
die von Herrn Gaupp pcrhorrcscirten Krankheits- 
formen einen ersten heret litiKten Anspruch auf Für- 
sorge haben, deren sie bis jetzt entbehren. Wir sind 
nach wie vor der Uebenseugung — und jeder cr- 
fahtene Inenarzt wird uns bebluninen — , daas gerade 
die ,,|>syc!iiM h'"-Ncr\i"'Scti unserer Auswahl nur vun 
dem practischcn Fachmann richtig verstanden werden; 
dass sie t. Zt von den eigentlichen Anstahen nicht 
aufgenommen werden können, und doch einer nie- 
thocHschcn fachmllnnischen Ücliiiiulhing un<l Aufsicht 
dringend und ernstlich bedürfen. Geheimrath Ludwig 
chaiacterisurt diese Gnippe von Kmnlcen (Beridit der 
Verwaltung der hessischen Unterstützungskavseii p. 
1804/95) als ,^olche, die durch luUisIiL lic .S. iii;('n, die 
Anstrengungen de:» Berufs, oder sonstwie unzweck- 
mfiasige Ld)enswei9e heninteigekocnnien , aber nicht 
cipciithch geisteskr.iuke Hilfsbedürftige sind. Ihre 
beschränkten Mittel schlicsscn den Besm h einer 
Nervcnhei^nstatt aus, es muss ihnen aber geholfen 
werden, wdl sie in höchstem Grade ungtOcIdich sind 
und weil sie sonst der Gefahr des Ucbergangs des 
nervt'isen Leiden.s in wirkliche Getsteslorankheit und 
namenloses Elend erli<^eo." 

Wir erkennen in dieser Sdiilderung genau den 
einen Thei! der auch von uns empfohlenen Kranken. 
Den andern — die Zustände mit Zwangsgedanken, 
Phobieea etc. — weist in derselben Uebcreinstimmung 
der neueste Autor Dr. Weygan dt (Psychiatrie p. 
219, 226, 229) ausdrücklich den ,/>ffenen Nerven« 
anstattcn mit Beschäftigungstherapie" nach dem Muster 
von Haus Schünow zu. Wir befinden uns also ia 
guter G e sellsc h aft. Daas ttlxigens auch die fünktionellen 
Neuroaciii ille Heir Gaupp spedell im .\uge hat, 
kenieswegs von unaerm Nervenhdm ausgeschlossen 



sind, ist in der Denkschrift (p. 53) bestimmt aus- 
sprachen. 

Ucbrigcns oder su: neben und vor diesen 
mehr ac-adcrnischen Fragen si>IUf. wie wir meinen, 
die Aufgabe gelten: unser landliches Ncrvenlicim 
wirklich zu machen. Dann werden sich gewiss 
auch die geeigneten Knnken finden, ungesucht, ohne 
Disctission , unmittelbar aus dem actuellen fiedttrfniss, 
aus den Forderungen des Tags. 

Nun aber — woh i n ? Durch Gründe der Zweck- 
mässigkeit und des practischen Betriebs haben wir 
der relativen Verbindtmp der Ncrven-Vi)!kshcilst3tfc 
mit einer Anstalt, jedoch bei Wahrung aller Selbst- 
ständigkeit, das Wort geredet. Die Nahe von Illenau 
ergab steh aus dem Vorhandensein eines geeigneten 
Platzes; in gleicher Wri^e wie auch für die Trinker- 
austal l, für welche sich in letzter Stunde ein sehr 
passender Gelflndeoomplex mit einem ansgeddinten, 
gut organisirten und mannigfaltigen ökonomischen 
Betrieb gefunden liutte, neben dem weitem Vorzug 
der centralen i^ge in unsenn Lande. Dass die 
Stadt Frankfurt eben dann gdit, ihr Nervensana- 
torium im Köpperner Thal wesentlich nach denselben 
Gnindsritzeii, wie vvir, zu erstellen, dürfte doch auch 
der Erwägung werth sein. Mittlerweile hat der in 
unserer Fhige 1. Zt practisch erfahrenste Cott^mtseni 
Voischlag als „eine in glücklicher Weise den Veihllt> 
idssen entspre< liende T.Asung" bezeichnet. 

Dass das Nervenheim durch die Nähe der Irren- 
anstalt discreditirt werden davor sind wir nicht bange; 
wie CS scheint, haben wir etwas grösseres Vertrauen 
zu uns selbst imd zu dem Urtbeilsverm{lgen des Publi- 
ciuns. 

Uebrigens sind auch Öffentliche Institutioaen nicht 
dazu da, den^ \' oruriheile der Menge zu achneichelni 

sondern sie sollen ihm entgegentreten. 

Es wäre zu erwarten gewesen, dass wir in diesem 
Kampfe Cor die Aufklärung die klinischen Collagen 
eher auf unsere S- te hatten, als gegen uns. 

Die Verfasser der Denkschrift 



M i t t h e i 

— 37. Versammlung des Vereins der Irren« 
Aerzie Niederanchaens und WeatCalens. 

7. Herr Qua et- Faslcm-Gö Hingen: Mit- 
theilungen aus der üniversiiatspuliklinik 
fOr psychische und Nervenkranke suGOt- 

t i n ge Ii, 

Im Uct((l)cr vorigen Jahres gcgrtindet, hat die 
Poliklinik, wie die Besuchs/alilcn i>eweisen. ihre F.\i- 
stenzbaechtigung bewiesen, ja mehr als das, sie war 



1 u n g e n. 

entsclüeden ein Bedürfnis». Ais glücklich muss die 
Verbindung der PoUkünlk mit der psychiatrischen 

Klinik rc^p. Her TTeü- iiikI Ptlej^oaristalf antjcsehen 
werden. Es werde» akute i'»y<ho>cu weit eher er- 
kannt und sacligemäs-ser Behandlung zugünglich, die 
unter dem Deckmantel eines nervösen i^idens in der 
Poliklinik ers« heinen. Oft wird es daher mOgüch sein 
die Anstalubchandlung ganz zu vermeiden. 

Von den in der Poliklinik unter einer bishetigea 



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I07 



Frequenz von 316 Fällen erscheinenden Psyilujbeu 
faiauchten nur 2 in der Anstalt aufgenommen zu 
wienten. Die einadnen «v Behandlung gelangenden 
Falte veidieilten ddi auf: 

KiaoUieiteri «Ics Rarkenmarks . . 9 
M der peripheren Nerven 24 
„ des Gehirns .... 16 

Angirinenroscn und Trophoiiciirosen 8 
littuxikatumen unter Betlieiligung des 

Nervensystems z 

fisycboMa 38 

Neuralen 219. 

iTie I'dliklirilk trfi^l ferner il.i/u das beim 

grossen Publikum noch immer bestehende Missuauen 
g^en die Icrenaiwtalten und ihre Aerzte beseitigen: 
SU helfen. 

Ref. bringt dann .<un dem Mati riat der Poliklinik 
«inen Fall selteru-r Li.i alisation von Graphoepasmus. 

Der Krampf befällt ledighch den Pedoralb major 
and Dettoideus. 

Der Patient war 17 |alu\' Tn mpelpr und s)>anntc 
in seinem Beruf beim Halten seines Instrument« die 
beiden erwähnten Muskeln. Er ist jetzt Kassenbote 
und muss vie l si hrciVien. Es scheint ihm nun uii ht 
zu gelingen, dos alte Coordinationssystem, das er im 
Dienste des ersten Berufes verwenden muastei im 
neuen Beruf ganz ausxuschaUen. 

Es Ke^ eine reine Störunge der Cnordinatinn vor, 
die die Hivei' liiuinp des St rireil.ikranipfes als nn>rdi- 
natunsche Beschaftigungsneun«e (Benedikt) vnllkom- 
men rechtfert^en mun. 

Ref. erwillint dann kurz den sriner Aiisiiht na« Ii 
sehr grr>ssen Einfluss der Psjche auf die Kranklieii. 

Zum Schlus.s bringt Ref. einige Angaben ul>cr das 
Nahipiflpacat „Hygiama", dessen Verwendung sirlt in 
der PoIfflcHnik in je^ Htnndtt als au&Hend günstig 
crvticscii Viat und in ihr jetxt in vielen Falten zur 
Auwendung kommt. 

Bei allen Arten von Srhwarhesustflnden (Chlorose 
etc.), bei nciirasthenischen und lustcrisrlicn Verdau- 
ungsstörungen und vor allem tiuch bei .\ahrmigsver- 
wcigerungen in <ler Anstalt hat es sich sehr gut be- 
wahrt In der Poliklinik wurde es bisher in 35 Fällen 
verwandt 

Ref. hnlt das Mitfei nainciitlicli auch im Betriebe 
grosser Anstalten für sehr empfchlcnswcrtlu Die Be- 
obachtungen weiden fortgesetst (Autoreterat). 

8. Herr B c Ii r - L ü n e h u rg: Ueber die Fami- 
lienpflege in Göttingcu. 

Vortr. bespricht auf Grund der von ihm als Arxt 
der Fanulicrii flcgc in Göttingen gesammelten Erfah- 
ruiigcit die Gesichtspunkte, welche sich bei Einrich- 
tung und Handhabung derselben als beachtcnswcrili 
erwiesen und bewährt haben, so die Auswahl des 
Krankenmaterials und der Ffl^estellen, die Furage 
nach Frequenz und Ausübung der ärztlichen Con* 
trolle, nach der Instruktion <ler Pfleger etc. 

Die durchweg guten Resultate drangen zu weite- 
rer .\usdchnung. Es wird weiter die wirlhs< haftliche 
Frage vom Standpunkte der Anstalt erörtert und die 
subjetiiven Verhaltni.sse der Kranken, sowie ihre psy- 
chische Beeinflussung durch die Unterbringung in 



F^uulienpflcge. Die Beiüek&iclitiguiig dm .stx:ia.lcn 
Lage der Landbevölkerung in den zur Einrichtung 
gewählten Orten ist weiterhin sehr von Wichtigkeit 
(Wkd aualdttHdi publicirt). Vogt- Göttingen. 

— Ein cnases Beispiel der Verdächtigung 
von bremmBtahen und Irrenärzten liefert der 
folgende Artikel der „Mönchener Post" vom 26. IV. 
1902: 

Zum Kapitel des Irrenrechts. 
Ib tniMren Händen befindet sich ehi nmfanf- 

rHches Materini ^um Kapitel der Trrenrerlit.'ipfle^i^ 
in Baven», das im lnteres.se der Allgemeinheit und 
der Betroffenen zur geeigneten Zeit verwendet «erden 
soll. 

Fth- heute möchten wir anf einen dringlichen Fall 
hinweisen, vitrläufig ohne Namensnennung. In Neu- 
Friedenheim befindet sich seit mehreren Monaten eine 
sehr vermögende Dame der sogenannten guten Ge- 
sellschaft. Die Dame ist 84 Jahre alt und wurde 
auf hinterlistige Weise ohne vorherige Uuter.suchung 
durch den zuständigen l'oli/ejarzt in die An.stalt ge- 
bracht, wo sie gegen ihren Willen festgehalten wird. 
Die alte Dame steht in verwandtschaftlichen Be- 
ziehungen zu einer ersten MOnrhener Kunstgrösse 
und ist auf deren Betreiben entmündigt worden. 
Diese EntmOmSgung erfolgte aus Granden, auf die 
wir vielleicht noch näher eingehen mü^cn, aber 
keineswegs wegen irgend einer geistigen St'irung der 
Bctn »fTenen. 

Wir wollen auch vorläufig nicht lahcr untersuchen, 
ob der Himger nach Gold und die Angst des Herrn 
Pri >fessors und .--einer Gattin, die F.ntmündi^'unf,' kfinrie 
wieder aufgehoben werden, die hinterlistige Ucber- 
ffihrung der Dame nach Neu-Friedenheim angeregt 
hat. Eines ersrhcint uns aber jedenfalls sicher: die 
Ueberführung ist widcrrci htlii h und in ungesetzlicher 
Weise erffil^t . und das Verhalten der Anstaltsleitung 
in Neu-Friedeulicim erscheint in sehr zweifelhaftem 
Lichte. Auch das Verhalten der übrigen bethdUgten 
Pervmen, des ..''cuntat litenden" ,\rztes, der Rci'htsver- 
trcter u. s. w., erscheint nicht einwandfrei. Der ganxc 
Fall ttt ein Beweis fOr die Rechtlosigkeit der Pereon in 
Hävern, wrini ein flussreiche ljc\x{e die Hand im Spiele 
haben und l'tir die aiLsscrordentliche Gefahr der .luf 
Erwerb bedachten „Privaf'irrcnpflege. 

So \-icl für heute. Wir erwarten, dass diese An- 
deutungen genügen, der alten Dame die Freiheit 
wiciler /AI geben. Im anderen Falle mflsten wir sehr 
deutlich werden. , 

Die „Münchener Po«l" vom 7. V. 1902 brachte 
fangende Richtigstellung - 

Zum Kapitel tlcs Irrenrechts. 

V<inj dirigirentU ti .Vrzte der Heilanstalt Neu- 
Friedenhoim, Heim Dr. Rehm, erhalten wir folgende 
Berichtigung: Die in Nr. q6 Seite 6 der Mttnchener 
Pwst unter der Ueberschrift „Zum Kapitel des Irren- 
rechts" enthaltene Mittheilung wird hiermit berichtigt, 
wie folgt: 

I. Die in dem berichtigten Artikel rrwfihnte, durch 
rechtskraftigen Bc-schluss des kgl. Amtsgerichtes 
München I, Abtheilung A für Civilsachen, vom 
31. Octobcr 1901 entmündigte 84 jährige PStlieiitin 



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[Nr. 9. 



i!»t niflit auf Betreiben einer ersten Müiii-licacr Kunst- 
grOKse, s«inilem auf Beireiben iles re« litskundigen Vor- 
mundender Enkel der F.ntniündigten entxfoQodigt worden. 

2. In dem RntmUndigungsbesrhliune nt festgestellt, 
dass die Entinün«! nach dem tibereinstininienden 
Gutachten der vcriKinuiienen drei äachveniandigen, 
unter denen ich niiHi jedoch nicht beAmden habe, 
an deineniia smins i'AUm-vi liw.n Iisiimi leidet, und 
dass tier AIu-ism h^vat. hsiiiii liei KiUjuundigtcn fiach 
der rielHftlii li> I) l'eherzeugung einen derartigen ( »r.id 
crreii-ltt liat, du^ die Kranke jeder frtfen WillensbC' 
.slin»tnung beraubt ist 

3. Der kgl. Bezirksarzt und zust.'indigi- I'"li/ci,irzi 
Dr. MCIller in München hat am 30. Dezember igoi 
die EntmOndif^e untenucht und steh gutachllkb dahin 
geäussert , ilass ilie ^eiiilc Demenz der Entmündigten 
eine Anstaitil^chaiulluiij; dringend notliig mache; 
daniufliin hat die kgl. Polizcidirettion MOtKlicn am 
31. Dezember 1901 die Aufnahme der F.ntmOnd^ten 
in die Anstalt Neu-Friedenhdm genehmigt. 

4. Die l'ebcrführung der l'aticntii, wi <li< .\iis(alts- 
bchandlung ist auf Grund ärzlliciicn Gulachteiüi im 
Interesse der Erhaltunir des Lebens der Patientin und 
HerbeifühniTii: siirlipcniriS'irr fu^tli'ticr Rrhandlung 
erfolgt; es ist unwalir, tiass diese Ueberfüliruiig widcr- 
rechtUch oder in ongeaefadiclier Weise erfolgte. 

Referate. 

— The Journal of Mental Seicucu April 
1901. (Fortsetzung.) 

Bernard 1 1 i!l ." \ul »^r giebt cinr kur/.e Zusamtiieii- 
iklelluag unseici Keimtnissi.- Ubi-r (iebirn als Or- 
gan der Fsvfhe. Wir tbun am einfa< hslen, «enn wir 
um an die Schlusssätzc des Verf. halten : 1 ) Die 
Gr/isse <lcs Gehirns wt nicht nur ein Maass för die 
H«>ho der Intelligenz. n l rn au< 1> för <li<' Kraft der 
Gefühle und Neigungen, j) Die Z«mcn der Empfin* 
dung sind nicht die Centren der Wahmehroimg und 

fftTlexioTi. und dir T ünt'-r'triMjitslappen haben nn ht^; 
mit den luilK rcn ii)lelle< lui ilcn Prozessen zu tlum. 
3) Mit der Annahme v<>n reinen motorischen und 

scnaoiischcn Centren allein kannte man nicht die 
V^Ttt-hicdenbeit der menschlichen Charaktere und der 

geistigen Stönmgen erklären. Sie sind auch d'i Su! - 
strata der pc>ychijM.'hai Cx-ntren, also phycliomott irist he 
und psj^chdsensorische Centra. 4) Nur die Grösse 
der Frontallappeii ist von \Vi<'htigkeit für die Beur- 
theilung der Iiilclligcn;:. Die FrontallapiK-n können mit 
den Maassen, «ie sie auch für den Köri>er im Gebrauch 
sind, gemessen werden. Der Kopf mag bei einem gc- 
schddtcn Individuum klein sein, wenn nur die Fron- 
lailappen \ erhJiltnissmassig gross sind. .V* Gi^lJu litniss 
»41 keine einheitlit he F.'llügkeit, simdern es gicbt Ge- 
diichtnissarten und dcmentspre< hcnde Ceniren, so ein 
f Jeilrtt htniss für Zahlen, Orte, Zeit, Worte, Tone etc. 
Das \Vorlged<'l< htniss<entnim ist bereits lokalisiert. <>) 
Es mUBS neben den t enlreii für n ii» intellektuelle 
Proiscssc in der Rinde noch soh lte geben für Ge- 
mOthsbewcgvuipenund Slrebungi n. 7 1 DtcintdlckmeUen 
rrii<rs''0 iiberwai iien die fjcfulilo und Xi i.; iuli n, so- 
mit enihalleit die Stiriilai>pcit die Mi inmungsrentrcn für 
die im übrigen Gehirn »ich aKs|)iel< ndeii Frocesse. 

Gcorue Korie hat die riai Ii liifluen/a .lufgotrelenen 
Fälle %on Irresein, die im Cuml>filand und W'eslmure- 



laiul 1 .lu/geüuiaiiK'U iaokUu uaun, .■.talistiseh und 
kliiiiv, Ii 1 umarbeitet. Es war selion aufgefallen, dass 
walucnd der Influcnsaperiode die .\ufnahme me-> 
lanchoiischer Kranken in verschiedenen Anstalten be- 
triU htheh stieg. Das war auch in jenen beiden An- 
stalten der Fall. Verf. fand von 1890— 99 im gaiuen 
68 Fale \-erzeidmel, in denen die Geiste^iank- 
heit direkt oder indirekt mil der Influenza in Zu.v.im- 
nienhang gehra« hl werdttii ko?»nle. Unter den tiH 
Fidlen befanden .sieh ,^4 M. untl ,^4 F"r. Die Mehr- 
zahl der Münner wurde aufgenommen in den Jahren 
i8q2, l8r)3, i8u4, iKu5 und iH<ib, ihr Prozentsalz 
lietnig jeweils 5.7, s.i», 5.4, und 5.1. Bei den 
Frauen kamen die meisten mit 12. 5%, i^9A 

mit 5.0% und 1897 mit 6.6 zur Aufn^roe. Bei 
den _^4 Miinneni betrug das J)un hs<:l>nitt'-;i!trr beider 
.\ufnalimen 4.V^. ilcr jüngste ;^iltc 19, d«rr älteste 71 
Jahre. Die Frauen hatten ein DttTduchniltsalter von 
48.5, darunter ein Madchen von [9 und eine Greisin 
von 80 Jahren. 

\'r', i\r: ,\ufiialimi' zeigten V'>ri (Ich i/S r.'illcii mir 
22 einen antichnihareii kürpcriicl>cnGci>utKJhcit:>2Ustand. 

Die Zeit xwttchcn dem InnuenzaanraTI und dem 

.Ausbruch des IlUM'ili- ist vrli! >i li\v,Ui'krli>l 'ind sihwfl 

bestimmbar. Die Freunde des Kranken gel>en meist nur 
an, er sei seit der Influenza nicht mehr wie frAher ge- 
wesen. Die Zeit \>m tiein Itiducnz.ianf.dl bis zur .\(if- 
nalime ist man» hinai so g< ring, dass diese direkt liein 
.\nfall folgt, oder es vergehen mehrere Tage. Wochen, 
Monate, ja ein Jahr. Verf. glaubt, dass bei seinen 
Fallen meist t — 3 Monate dax^Tschenlaffen. 

\\',i> die l'rildisposition /.utu lii-srii. l.<t;ifTt, so 
handcllo es sich bei 26 Kr. luu den eisten Influenxa- 
anfidi, bei 3 Frauen um den dritten, bei zweien um 
den zweiten, und bei einer wnr c'j ..nii^ht fler erste". 
Bei den M.innem war es in l alii 11 <ier erste An- 
fall, in 2 Füllen der zweite, in einem der vierte und 
in einem „nicht der ende." 10 M. und 1.2 Fr. «aren 
erblich belastet. Daru kamen n<»ch 5 Alkoholiker 
und i S". h w .i( lL-.itii;iM, und bei »Icn Frauen eine .M- 
koholistin und 5 Nervöse. Meist ul*» handellc es »ich 
neben der Influenza noch um eine andre prfidixponie« 
reiide Ursache. 

J<) M;inner litten an Melan< holie. an akuter Äianie, 
4 an Manie untl einer an prog. Paralyse. 10 .Melan- 
choliker und dn Maniakus waren suicidverdüchlig. Vun 
den Frauen litten 20 an Melancholie, 8 an Manie, 4 

akuici !M.iiii< . eine an seniler Manie uiul «jine an 
.seniler Demenz. 14 Mclaiichuliitche und 5 Mania- 
kalische waren selfastmard\ierdlchtig. 

Die Prognose, besonders in den Füllen von Mcl.m- 
cholie, ist im ganzen günstig. Von den 20 mclanclio- 
lisrhen M.liineni wunieii lO geheilt, l> gebessert, einer 
wurde blödsinnig und 3 starben. Die Fülle \oii aku- 
ter Manie wurden nai h etwa 3 Monaten geheilt. Von 
den 4 Fidlen von Manie wurde einer >;eheilt, einer 
gebesitert und 2 starben. Von den 20 melancholischen 
Frauen wurden 16 ((eheilt und 3 starben. Von den 
4 Fallen Vf>ti akiit 'i M.mie gena-^' " i, v^.ti d<>n 
8 F'illlen von Manie wualcn 2 gelieiit uml j starben. 
Die Ursa< he ties Todes war meist I^hthisis un<l senile 
JCrs' iK ipfuiig. I>er .^ruilalt^iaufenlhall der ( ieiicsenen 
schwankte xM'ischcn i und t2 Monaten tSchluMs fol^t.) 



Hmü vwaMMwitlidi : Oterwit Dt.}. brciUr Kraickmli, (Scki«riM)w C ^onoic 



Psychiatrisch^NenrnlogisGhe 
Wochenschrift. 

Sammclblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 

Internationales Correspondenzblatt für Irrenflrzte und Nervenärzte. 
Unter Mitwirkung zahlreicher hcrvrtrragcnder Fachmänner des In- und Aiwlandea 

b^T « II «K«* K ^ b«n von 

Director Dr. K. Alt, Prof Dr. O. Anton, Prof. Dr. BlAulsr, Prof Dr. I<. X;düMc«r, Prof Dr. A. OutUtadt, 

'••»> ZürKrIi. i r.ii.kf,ii'. .,. M. OA. )iiid.4talii, Bariin. 

Prof. Dr. JB. Mandel. Dr. P. J. Möbiua. Director Dr. Morel. 

Unter Benutzung amtlichen Materials 
redigirt von 
Oberarzt Dr. Job. Breilar, 

Verlag vun CARL MARHOLD in Halle a. S. 



Nr. 10, 



I. Juni 



1902 



lK.4t.i,i-y Nf ';<:.li *H>wii- iii«- \*rr.;i(f>liii< lihaiiillurrif vnn i Afi ^lartidld in Hüll« a. S. <mtigt%mnt 
iti'' i''iuirt.f IL' l'lic bi- rf-i hn r',. Hfl W iiMlrrKul un ([ tritt KrniAiai(iini[ ctn. 



^uartiTihrn für di« Kedartion ^ind an <>b«irarzt Dr. J. Hreiler, Kravchnttf (Scbicaicn). zu ri<chtcn. 



Inhnlt. Orqtioale: Zur Fräse ikt GrOm uiul Benennung der Irrenbeilautaltea. Von Dr. Gut uv Ol^i-Bodmett (S. 109). ^ 
Die Imnrflnwjp» in Bedeo. Von Obcmnct Dr. Max Fiadicr-llIciMn (Sw in). — MittheiliiiitHi ^117). — Rcfenile<S. 119). 



Zur Frage der Grösse und Benennung der Irrenheilanstalten. 



^ u <lcr. in ilcn Iclzli-n Niitiiiiicrii ilrr WiM-lifiiscliiift 
iiiil'ge» I irfcncn Frago bcxiiglicluler /.u i-< kniiisisigstcit 
(«rftsiic einer Irrenheilan^lalt sei es »ach mir gestattet, 
meine Ansicht ausistisprci h<;ti. 

li li iiflsciiiir mich glcii Ii iit vorhinein ;ils eifii^cti 
Vcrlcchtcr möglichst gmsser AnsUtllcn und es Jiiniint 
mich Wtuider vnn den dculsrhen Collegcn, wenn sie 
die GrfVssc einer AiioIhU mit lior Uebcraidalichkcit 
des Kraiikcnniniciials seitens di^s Directors voiktiiipfcii 
und fragen: wie soll ein üriclliclier Leiter, mit ad- 
miniiilrattvcn Ahnden Obcrliäuft, 1000—1400 Kranke 
aiU'U Ittir «li-in .\iis>ehcM IHK h kcniini. gcsi liweige 
deren iir/.tliclio lichandhutt; leiten. |a d.is wiirc 
ullcrdingH eine Ileicules-Aufgabc, b«;^ Midern im /Leithen 
<lcr indivkliuilisircndcn Behandlittigswetee und bd dem 
bcMtXlndigen Wei | des .Materiatcs, Aber ich wasstC 
wrklicli Iii' I ■ «je tief man ilie nnlci«- nienzc des 
Krankenstandes xiclien siilJlc, damit ein l)iiect«ir mit 
nihij$em Gcwi«scii von «trb sigen iu'inne, dasR er dieser 
.Aufgabe vollkiiinmeii GcnQgc leiste. Die Ctosse einer 
Anstalt .III j< ne (iifii/c /n krif\|)feii. wn der Diii-i tur 
noi ti im Stiinde ist, den Zustand »viinintlit her Kiunkcn 
im Grdilciitntss xu behalten, ist eine Vcricennung der 
BcsiebuiiKXwiM'bcn < liuanismus und Idiendeitl Ccnlrum. 
Dicte AulTassung. auf uuderu Uiganisatiuncn, sociale 



Gchilde, iiuluxiriclic EtablisHeinents etc. angewandt, 
führt zu Parado.xa. 

Grundbedhiguiii; ist nur die cinheifKcbc Or)^tsation, 

da» Ineinaii<ler.-irl>eiteii der Thcile. Je vers< hietlcn- 
artigcr, differcnzirter die einzelnen Thcile, bei Vnr- 
au.s»<:tzu4ig einheitlicher Leitung, uut »u hühcr die 
Entwirkdnnf! der Organvalion , um sa vollkommener 
und \erfeinorter tiie Dctaikirbeil. D.'i-Vi in dieser ße- 
ziehung |)sychiatiische Fiiis<hiuig iintl Beli:.ri.llui;f;s- 
inctlioden Hand in Hand gelten, braucht m« itt erst 
gevigt ZU werden. Eine kleine Anstalt mit .| - 500 
Patienten kann ja einen re< lit niiheiinehulen F.indrttck 
ina< heil, Ulli! mit tlcm Director glciehvim als Familien- 
■ >beih.iu]it an der äpiUce, der jede» Mitglied der 
kteiitcn Ansiedelung penonlicb kennt, aehr patriar- 
chalisch i^cmüthlich sein, katui atich im Kleinen alles 
verwiilJii heil, was zu tleii mi.K.lcriieii Attribulcii einer 
iiKHlernen Irrciian.sialt gdiört, wird über in ihreu 
huhcrcn ps}-chothera|)eutischen Bestrebungen nur au 
bald an (Ii<' l>u<)gct{lren Grenzen einer kleinen Anstalt 
sln.Sisen. Ist «liii li unser i)s\ ( Iii ■.'in - 1] ii utisi lies Instru- 
mentarium die Anstalt bellest mit ihretn ganzeit 
rnventar von der Kapelle bis zur KOche ja ihre ver- 
schiedfticii In.sasM.-n mit einbegrillen. F^iiii' Milieube- 
ItandluMg im niudernen Siime ist nur mi}glich, wo die 



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llo 



FSYCHIATRISCH-KEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. lo. 



in verschiedenen kleinen Anstalten venhcÜten therapeu- 
tisch Auatuiiiengehdrtgen Elemente Oitltch zusammeii» 

bringbar sind. Diese Möglichkeit wachst mit der Grc'issc 
der Anstatt im srleirhen und mit den erforderlichen 
Küsten im umgekehrten Verlia)tniä&. Frcilidi die 
ptanlow Anhflufiing eines kuntetbunten Materials wie 
sie ein Landesdistrict gerade hcfert, kann ja drückend 
werden, aber d;is ist das Tt!e;i! dner jrr<«<fT> Anstalt 
nicht, ist vielmehr ein monströses (iebilde. Unter 
einer „grossen Anstalt^ ventdie ich «nen grossen 
Organismus der Irrenpflege, dessen einzelne Glieder 
raumlich vnn einander innerliaib gewisser Grenzen 
getrennt »ein können, aber unter einheitlicher Leitung 
ab KttsammengehOriges Gaiuees in besiandjgeni Contact 
mit einander bleiben nnis>en, wo jeder Kranke das 
jeweilige Milien findet, d;Ls ihm pas^t. Ks klingt als 
Paradoxon, aber ich meine: je kleiner liic Anstalt, 
je weniger Kranke, um «u geringer die Möglichkeit' 
einer individualiaireoden Behandlung. Kleine autonome 
.\nstaltcn mit begrenztem Continircnfinmt^ - Gebiet 
sind werthkus. Irrenanstalten dienen keinem localen 
Interesse wie Spltftler. Die Dncussion, ob m einem 
DÜtrict eine neue Anstalt als Colonic, (Hier als gc- 
srhlosisenc Anstalt oder sonst wie errichtet werden 
soll — »st viiilig un]isy<:hialri$d). Eine braucht die 
andere und alle brauchen eine Oqe^anisation von 
grosser ("onception. Müssen dtH h die int i>ten Kranken 
entsprci hi'iui dem Krankheitss erlauf durch die cin- 
/.elneii Svslcnjc suwcssive durchgeleilet werden. Und 
nun erst das Stadium der Inenbehandlung, die dnch 
Endsweck jeder i>sy<'hiatrischen Forschung Ist! Welche 
Perspectiven fTcffncn sich , wenn die Möi»lifhkeit ge- 
geben ist, dass der Anslaltsieiter statt einem Arzt eine 

gemiscble Abtheilung lusuwetsen, ihm ^e bestiminte 
Aufgabe stelle z. B. Behandlung der Depresüionszu- 
Stande oder gewisser <:eni!cn Formen, Intovirations- 
])S)'clu)Sen etc. und wenn zur Krfonw hung jeder Detail- 
frage ein entsprechendes Krankemnaterial lur Vei<- 
fngung steht. Ich denke, die Zeiten sind vorüber, wo 
in der öffentlichen InenfUrsorge die Frage der Untere 
bringung im Vordergrund stand. 

Wir hStten m den Cultontaaten die Geisteskranken 
nun so ziemlich unter Dach und Fach. Jetzt harren 
unser grössere Aufgaben als die einer guten l'^ntcr- 
bringung, aber di^e sind meines Erachlcns in klenicn 
autonomen Ansialten nicht zu Uiaen. Sdien wir ja 
einen DifTerenzinntgsprcHess in der sj^ecialuirenden 
Richtung der PrivatheilanstfJten in immer feineren 
Nuancen vor sich gehen. Selbst die SpeciaJanslaltcn 
far Alhohnüsten thdien sich weiter je nach der socnlen 
Ciasse der Patienten uncl den Formen <les Alk* >holismus. 
Aufgabe der einzelnen Staaten i<a dieser Si^eriaKsirung 



im Rahmen von grossen Aastaltei» mit zahlreichen 
Dependencen, FamilienpHegehflusem eic Geltung au 

verscliaffen anstatt der Classificalion nach Verpflegs- 
da'.'Jen. die i< h mit den Bestrebungen der öffentlirhen 
irrciifursorge für unvcreiabar halte. Mit .sogenannten 
Luxusabtheilungw und ZahlstOcken das Budget der 
Anstalt günstiger XU gestalten tmd den AnslalLsarztcn 
ein Nebeneinkommen zu sichern, ist keine Aufgabe 
des ölTcutlicIicn Sanitatswesens, und einer IrrenfUrsorgc 
im grossen StyL Diese soll dem Kranken all das 
bieten, w:ls ihm zukOmmlich ist olit^e Rücksicht auf 
Verpfleg s< lassen; aber w;».s darüber hinaus ist, die 
luxuriöse Verpflegung nach gegenseitiger Ueberein- 
kunft, mag günzlich den PHvat-Halanstaltea Qberiassen 
werden, die eher in der Lage sind «peciellen Rüdc- 
sichtcn Genüge zu leisten. 

Was den aufgeworfenen Gedanken einer zwet k- 
entsprecheiMleren Benennung der Anstalten betrifft, 

1>in i«-h natüHit h dafür, daas man nicht weit genug 
gehen kann im Kampf gegen die E\clusi\it,'lt der 
Irrcnaiistalten tmd in der Tilgung der traur^cn Kemi- 
niflcensen, die sich an dieselben knOpfen. Ein in- 
differenter Titel wie „Sanatorium", „Asyl", Hirn- 
kraiilvcnanstall" , nder das von tlen Fr;tn^<tscn vor- 
geschlagene „Maison Esquirol", „Maison Putd" etc. 
ist jedenfalls besser als Irrenanstalt, doch ist 
damit nicht das crrcichi, wir bemwcken. Die 
ansrefohrten indifferenten BcnennungeJi werden nur 
zu bald ihre Haniilo.sigkcit vcdicrcn und jeder, der 
in einer „Himkiankenanstaltf war, wird gern davon 
sch'.Mtut ii, so wie skh niemand damit brüstet, in der 
ItarinloN lieiiannten ..Maison n:itir>nalc de fharenton" 
gewesen zu sein. Warum den Geistcsknmken niclit 
den Namen geben, fOr was sich die sich selbst Be* 
wussten — und das sind ja die mcbtcn — gewöhnlich 
halten: Nervenkrank" ? Sind sie es denn nicitt? 
Nervenkrankheiten, die einer .\nstaltsbchandlung be- 
dOrfen, sind ja in den meisten Ftülen centraler 
Natur, das heist mehr als Nervenkrankheiten im oon- 
ventionellen Sinne Die Benennunti „Staats- oder 
Landes- oder öffentliche Anstalt für Nerven- 
krankes konnte mit einem Schlafr die von jedem 
Psychiater herbeigesehnte Uebcrliru. kung swischen 
dem öffentlichen I-ebcn und der Ansialt in uimiittel- 
bare Nahe stellen. Es ist heut^eutage nicht mdir die 
Inenanstalt mit ihrer modernen Einrichtung, die ab- 
schreckend wirkt, einzig nur der Name. Es ist damit 
was Eifjenes. Wir sihkraen uns niemals der Symp- 
tome einer durchgemachten Gehirnkrankheit, nur der 
Diagnose allein. Auch sind es ja nicht alle Psy« 
choscn, die man mit dem odiösen Namen Geistes* 
krankheit belegt. Sind denn Rau.srhztist3nde, Fieber« 



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III 



ddirien de. mdtt ebeoio kiankhafke ZuaOiule des 

t-cntralen Nervensystems als es i. B. eine Pueq^eraU 
p»>'chuse ist? Und wenn die Benennung „Oeffent- 
liehe NflrveaheUaDStalt" n Mtevereiandnissen 
fUirea sollte — (kb hOie schon die IngidldMa 
^timmon , uxlf he vur der Möglichkeil wamen in den 
Verdacht einer Geisteskrankheit zu kommen) so ist 
dieses Afiasvenlindaiss (Ür Nienuind schädigend, das 
heiaBt fOr Nervenknnlie idctiterev Giades Oberinupt 
nicht obwullcnd, für die sogenannten GeL^teskrHnkcn 
aber von unermesslichem Gewinn. Ist doch da» 
Uttbeilsvenufigen bezf^glich der Bedeutung derirren. 
anslalt bei den meisten Knmicen unijestOit Bei 
Anstahsbcsurhcn hTircn wir die stereotype Klage: 
»Man hat mich st4tt iu eine Nervenheilanstalt ins 
Irrenhau:» gebracht". — Wie oll wird gesagt, dass es 
wss EntHetadiches sein mflsste, wenn eu Geiste^gesuDder 
in eine lrrenanst;ilt prcslcrkt würde. 

Nun dieses Gefiliil liabtn dir meisten Geistes- 
kranken ebensuw Nicht die Umgei>ung, ni«-ht die Mit- 
palieiiten sdiiecken »e^ «n denen rie Im entsprechender 
■rtiriuif; des Material Tii< hts Auffälliges bemerken, 
aui die Benennung und der darin liegende Character 
der Anatnll^ den sie nur «i b»ld ei&hien, Lst es, was 
sie ab eine Ui^ereditigkeit empctt und eme Quelle 
ewiger Kccriminationen bildet. Es wdrde sich eines 
Ventuchcs lohnen, von xwei panülden Iirenanstalten 
der «tneo probeweise den Nunen »Osflfimffidie Heil- 
anstalt für Nervenkianke" lu geben. Schon in kfir- 
/.cslcr Zeit wflre letztere (»czflglii fi des Hcilunfrspn*'- 
centcs überlud! (natOrlich in beiden Anstalten nur 
<lie eigentlichen FS3rchosen gerechnet). Die FRÜe 
wQtdc» derselbe» in FrOhBtadium, bei den enten 



drohenden Symptomen zugeRttut werden (besonders 

w ichtig ViL'i ehr« misi lien Tntnxicationspsvi liosen f)^ WO 
die Heilungsbedingungen viel günstiger hegen. 

Wil man aus gewissen dvilrechtUchen Gründen 
die Gemetnschaft der Kranken mit und olme sdbst* 
standigem Vcrfügungsrecht vermeiden, .in licssen sich 
ja Verfügungen trctten , dass die elfteren als nicht 
anstaltsbedürfüg oder der ößentlichcn Fürsorge nicht 
berechtigt awAckgewiesen werden. 

relirii^eivs sehe ich nicht ein, warum ein mittelloser 
Tabeukcr oder nach Apoplexie Gelähmter hier nicht 
Aufnalune und Bciiandlung üiidcn könnte. 

Ucber die Kothwendigkeit der Entstehung des 
selbststandigcn VerfOgungsre«. htr> Im'.iwiIc j;i eine ge- 
richtliche Commission von Fall zu Fall entscheiden. 

Die Errichtung von selbststandigcn öiTenllichcti 
HeilanstaMeD faraiistaltsbcdaiftq;e unbemittelte Nerven» 
kranke, wie sie hier in Ungarn \ irgcs< hlagen wurde, 
halte ich von> psychiatrischen Standpunkte für sehr 
bed^klich, weil sie mir geeignet erscheint« die Ex- 
cinswitat der odiOeen Irrenanstalten noch wdter xn 

steigern. Ii Ii ]>i-lje /u, dass dio :itif£;e\vi>rfrnpn Fragpri 
noch weiterer Krwügungen bedürfen, aber ich bin der 
Ueberzeugung, dass, wenn es die gnMse That des 
19. Jahrhunderts war, in cntsprediender Zahl Heil- 
Stattcti fflr Gchimknmkc zu nrrichtcn, es AiifKat>e des 
10. Jalirhundcrts sein wird, dieseibeit den Kranken 
ohne deren sociale Schädigung und schon 
in Stadium der günstigst gelegenen pro- 
gnostischen Bedingungen sugAnglich su 

mat Ii eil. 

Budapest, Mai. 11^2. Dr. Gustav Oläh. 



Die Irrenfürsorge in 

Von Obwant Dr. JA» FkOiar' 
CSeUtHs). 



Aus einer auf ahnlichen Grundlagen aufgebauten 
BfTprhnung, welche sich indes auf beide Pflegc- 
ansialten Emmendingen und i'forzhcim als die defi- 
nitiven Abnahmestellen derganxen Landeainenfltooige 

ausdehnt und den jähdichcn UelieochutS des Zugangs 
Von Kranken über den AI>t;:(H[c aus den beiden 
Anstalten zusammengenommen in Betracht zieht, er- 
halten wir das Krgebni«. das» dieser Uebenchuas 
in den Jahren iSSu 190U /.\^'ischen den Zahlen 
t'i und 14«; S( hwankte. Das daraus berechnete 
Jahresmittel beträgt 78,67 — also die gleiche Ziffer 
wie die vorhin gefundene; ein giltijger Beweis dafür, 



dass dieselbe nicht allein aus der Neubelegung Emmen- 
dingens rcsullirt , also nicht etwa nur eine Uxale, 
sondern eine allgemeinere, die ganze Lage der Irren- 
versoiguag diaracterisiieiMle Bedeutung hat 

3. Betrachten wir nun die Zunahme der in den 
Sta I ! si rrenanst a Ue n i n sgesamm t ohne Rück- 
siciii auf die Plaizfrage lliatsächlich unterge- 
brachten Irren nach der jährlichen Schlusshilanz im 
Verfolg der letzten 30 Jahr^ so ngiebt ebi Vergleich 
folgende Zusammenstcllime: • 

In allen staatlichen Irrenanstalten (Ilicnau, Emmen- 
dii^n, Ff<»zheim, Heiddbeig und Ficibuig) zusammen 



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112 



PSYCHIATRISCH-N EÜROLUÜlSCHE WUCHENSCll Kl H . 



[Nt. lo. 



betrug die Zunahme der AnfltaltajnsMsen nach dem 

Krankemtande am Schliuse des Jahres: 

in den Jahten 1S71 — 1875 für das Jahr =- i 

» „ .. »076—1880 „ „ „ ^ + 34 
„ „ „ 1881— 1885 „ „ = + 22 

'„ „ „ 1886—1890 „ « ., « + 66 
„ „ i8()i — 18<)5 „ „ „ + i<M 

n " 1896— igoo „ „ =7 4- ^^3 

Die Zunalune der AnstaltsinBassen betrug in der 
gleichen Weise 

auf die letzten 30 Jahre gerodmet. ffir du Jahr: 47,5 

„ » II -5 " " '» " " ^7'- 

„ n I» ~^ >' " » >• '» *'3'3 

nun 15 n ■» 

M M M „ n »MM 

H » >• 5 w » " " " ^3>'-' 
Aus diesen Zahleniittai»ncnstdluiig<-u geht licrvor, 
ila», während es froher auch Jalire gab, in denen 
ein Rückgang an Anstaltsinsassen (z. B. — .^j im 
Jahre 1875 — ' *™ Luslruin 1H71 — 75, 

vun — it noch im Jalire 1883) Stattrand, seit dem 
Jahre 1884, also lange vor der Eröffnung der Anstalt 
bei F.mnicndiiigen, eine bestilmiigo und steigt ixlc Zu- 
nahme an Anstaluiii!xisscfi, nach dem JahreMciiiuss- 
bealande verglidicn, üi den staatlicheo Anstalten zu 
veneichnen war, welche sich nach Lustren gereclmet, 
Von jälirliih + für tlic Jalirc 1881 — 18S5. auf 
jährlich 4- bO für das Luütruia iböO — i8r)o uiul auf 
jährlich 103 fÖr die Jahre i8gi — i8qs Ik Ij; «lie ge- 
ringsie Stdgerang seit 1884 weist das Jahr 1889 mit 
-|-4, die rrrns^Xr- (!;is Jahr 1891 n>it -|- 15,3 auf; 
abcrauch in der Zeit vuu 1896 — 1900 betrug dieselbe 
trotz des Mangels an neuen Platzen nuch 63 fdr das 
Jahr und stieg im Jahre 1900 allein, sobald wieder 
J'lnt /c in einiger Anzahl gesdiaffen waren, soff irt wieder 
auf 130 an. 

Wichtig ist hieifaei für unsere Daistdlung besonders, 
dass in der Hauptentwicklungb7.cit der neuen .Anstalt 
bei Eninicndinr;f^n in ilen Jahren i8i(0 — 1897, \vi> 
deren Bci.tanü um jalirlith 5y — Jjj Kranke anwuchs, 
die Gesammtzahl der Insassen aller Anstalten 
ZUSannen gleichfalls unbehindert anwuclis in den 
Grenzen von +58 bis 15,3, und zwar ohne je- 
weilige CtirreUtUun der beiden Zilfeiii nach den ein- 
zdnen Jahren; wahrend z. B. die Hauptzunahme in 
Eniniendingcn auf ilie Jahre iS<io (wie natürlich n.ich 
der Kioffnung) mit j;- irui auf 189^ mit 1 19 füllt, 
ist die Hucl^tzuuahme für die Gcsamujüieil der In- 
sassen aller Anstalt«! in den Jahren 1891 mit 153 
(Emmendingen + 7^) u"*^ dam» wieder Kjoo mit 
-f- I V> (Knimemlingen -|- -'8) erreicht. Diese Zahlen 
äiiiu der beste Beweis dalur, das» der Zuwachs nicht 



allein auf die Anstalt Emmendingen mit deren zu- 

nehinendem Auabau bcst hriSnkt ist. Mindern dawi der 
Zudrang \\>n Kiankcn glcichinas^ig auf die gesammtc 
Austallsvcrsi irgung einge^tronU ist. 

Das für unsere Zwecke — die IJeiechnung ties 
fflr die Ictlnftigc Zeit annalientd maassgqlienden jshr> 

liehen Zuwachses an (icistcskrankeu — wicliti;;ste Durt li- 
schni;S:i.:i; SS ist, weil es \'erh,iltiiissi u enlspiicht. in 
denen dem Zudrang vun Kranken \i>n aassen auch 
durdi vorhandene frde Anstahspifltze nacligegcljcn 
weiden konnte, die ithigc Zahl für die let/ieii i s 
Jahre, d. h. ein jälr'ii lier Zuwarlis vuir 77 und iii<- 
Diucliächnittszahl iilr die letacu 10 Jahre mit 83, 
woaa mtch die für die Irrenvc»r*rgung günstigste Zeit 
(nach tler Eröffnung von Euunciulitigcn) die Jahr« 
iSiji — 181,5 mit einen» DurcilSi-htuttSZUWachs Von 
103 für da.s |ahr kununt. 

Wir Wullen uns je<luch in unserer iXiucssun^ für 
die Zultunft nicht an die letzte Inilicre, sondern an 

du- miltlfren Zahlen 77 — -83 halten, w. iraus sji h das 
Mittel von 8(1 neuen riät/t ii für d.is J.dir cr- 
giebt, eine Zahl, welche auch nül dem unter 1 und 
2 gefundenen Bcrvchnimgsrcsulläte t-oHstand^ Olier- 
einstimmt. l'nd /war ist, da die-'ie Zahl cfstcns den 
ihatsU' hlii licii Zuwaihs vi.ii .\iisl.il[-ti(s,i»,cn und 
zweitens ilie ileiu Anihang v-rii aus.sen inimei eist 
nachfolgende Zunahme angiebt, da zudem der Bestand 

III I'l.il/.en Inrlwahrcnd hinter der Nachfr.im- n.ii h 
suichcn zuiiHkhlicl», die ;i< Wiinnenc Zaiil 80 
der Mindcslau sdruck für das bestehende 

Bedarf niss. 

Die seitherige jährliche Steigerung des Be- 
standes an Anstaltsinsassen erfolgte nnmli. h Im Gr-'ssi-n 
luiil Gai>/e>i iin;!l>h;ingig \<ii, der \'>irhand(-nen l>elcg- 
üiffcr und i''laiy.e/.ahl der Anslallea. Wäret» viele 
Platze frei infolge von Neueraielhoigen , so wurden 

sie allerdings ras« her besetzt; bei beschränktem Raumc 
aber nuissle dem unaulhaltsamen .\n<hatii;e vi>n .\uf- 
nalimcn nachgegeben wenlen durch vernrehrte (eigent- 
lich verfrOhte) Entlassimgen oder' durch das mirh 
nuherc und einfaihetc, aber auch bcdinklichsie .Au.s- 
kunftsniittel : der Vermehrung der I^rtti nzahl , tM>l/. 
knapp bemessenen Luftrauri>.s unil bereits Ixtslelu iuler 
Uebcrfallung. Und ni>ch in den letzten 5 Jahren ist 
nhne Rucksii ht auf den VDrhanilcnt-n Platz die Anzalil 
der ( ies,immtveis> >rgten in <len ,\nsiallcn , (riH/dcin 
Emmendingen scIiku nahezu ausgeljaut »ar, iicich mn 
63 fOr das Jahr gewacluscn — im Jahre t(|00 aber, 
sobald wieder itetie Ptfltze vorhaird' ii Ve tren, wie 
l>ereits erwähnt, allein imi i.V der klare Beweis, 
dass die gieidicn \'crhaltnisse auch jct^l noch herrschend 



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sind und auch für die Zakunftato wirksam aiq^onunen 
«erden dOrfen. 

Aber nicht nur aus der beutigen Gesamnlfaige 

und auf Grund des seither mitgetheilten Materials 
ergiebt sich ein ansehnlicher Rückstand zwischen 
Sollen und Können, zwischen Nadifrage und An- 
gebot von verfOgbaren Ritzen, sondern auch au4 dem 
weiteren bemerkenswerthen Moment, dass die Kreis- 
pfleg ea n stal ten des Landes, Uotz aller Kin- 
schiankungen in deren AufimhmebestiininuQgen einer- 
adts, und troll der Inbelnebnaliine von Ennnendingen, 
der beständigen , beträchtliclien Mehrung der ßeleg- 
tiffcr der öffentlichen Anstalten und trotz deren so- 
fortiger Ausfüllung durch Kranke andrerseits, keine 
Abnahme ihrer getateskrankea Pfleglinge, sondern gegen- 
theils auch in den letzten Jahren einen regel- 
nd ästigen Zuwachs von 22 pro Jahr nach dem 
Jahressdiiussbcstaudc erfahren haben. Diesen Zuwachs 
dOrfen wir sicher auf die ungenflgende Ftttsexahl in 
den r>ff(-iitli( ii<:i Anstalten, auf ihre Üeberfülluiit; 
zurQcKfuhrt'ii. Er ist ein Zeichen der Rück- 
stau un g. 

Angesichts dieser Lage konnte es nun adieinen, 

als ■ ib die staatliche Fürsorge hinter den Anforderungen 
der Zeit zurückgeblieben sei. Vergleichen wir aber 
mit dem Anwadisen der Kranken in den Anstalten, 
wie wir es vontdiend geschfldeit haben, die An« 
strengt! ngen des Staates in der Beschaffung neuer 
AnstaltaplUx^ soeiiialtcn wir for die letzten 15 Jahre 
«Im Bild c&Mr cnam gesteigerten Thitigkeit gqgen- 
Aber den diesen vorhe^ges^ngenen 15 Jahren, sowie 
überhaupt allen früheren Zeitperioden gegenüber. 

Es \h'urden nämiicli, wahrend von 1870 — 1877 
die Anstaltsplatse auf dacselben Zahl 1000 stehen 
bieben tud bn 1865 nur bis 1205 stiegen, also in 
dicken ersten 15 yahreii nur um 205 (= 14 im 
Jahr) vermehrt wurden, in den nua (olgenden 15 Jahren 
von 1886—1900 in den SlaatsaiMlalttn Ibdis daxh 
Neubauten (beaonden Emmendingen), theils dutdi 
administrative Mehrung der Betten in bc<<teticndcn 
Räumen, im Ganzen 1 190 neue Platze zur Verffigting 
gestellt; das sind im Jahr 79 Platze, also das Fünf- 
bis Sediafachc des früheren Satzes. Die Thatsache^ 
dass das Anwachsen des Krankenslandes ^ 7 7 in jedem 
der letztoi 15 Jaiirc — sielie oben — ) im Ganzen mit 
dieser Besdiaffung neuer Platze (79 fOr das Jahr) 
gleichen Schritt gehalten hat, beweist uns aber zugleicli 
die Nothwend^giuit dieser Flfltsebescbafhiiiig auTs £ia- 
dtingiiciiste. 

Diese enorm eriiOhle Anfbnleniiiff an die An» 

staltsversorgung der IiTen geht nun aber über das 
Veibaltnias der fievAlkemngamnabinc weit binaiis, 



113 



wenn diese selbstverständlich auch eines der initbe- 
diiigenden Momente gewesen sein muss. Während 
nHmlich die BevOlkening des Landes in den letzten 
1 5 Jahren um 1 6,6 */„ <ler BeviMkerungszahl vom Jahre 
1885 zunahm, betrug die nothwendig gewordene 
Mehrung der Anstaltsplätze g^en den Stand derselben 
vom Jahre 1885 beinahe soo*>/n. 

Es muss alsf» schon von früher her ein erhebliches 
unerfülltes Maass von „Anstaltsbedürftigkeit' in der 
Bcvölkcrurtg, d. lt. unter den im Lande zurückge- 
haltenen Geisteskranken bestanden haben, welches m 
dieser übergreifenden Besitznahme der neugeschaffenen 
Platze drängte und dcti gesteigerten Anspruch an die 
Anstalten weit Ober das Verhaltniss zur Steigerung 
der Population hinaus vemraachte. Und auch 
ntnh halt trotz dein Neubau von Emmendingen mit 
icxxi Ilatzen, trotz Beibehaltung eines sogar noch 
erweiterten Pforzheim der Zudrang zu den Anstalten 
in gleiclier Surke an. 

Freilich erklärt sich dieser für die neueste Zeit 
direct und wesendich auch noch aas den Ergebnissen 
der Volkszälilung resp. aus der gerade in den letzten 
Volksiahlungsperioden noch viel rapider wie frflher 
aiistciiienden Volkszahl selbst. Wahrend diese Zu- 
nahme nämlich no<h von 1880 — 1885 nur 31001 
Personen oder 1,97 , des Voibestandes betrug, 
haben wir seither (1885-^1890) 56612 oder 3,54% 
und 1890 — iHq^ eine Stei^rerung von '17 =;o7 oder 
von 4,08 */« »"(1 "i>n für 1895 — 1900 eine Zu- 
lahme von 142480 Einwohnern oder um 8,3*'/, 
erfahren. Letstere Zahl ist das VierCsiche der frOheran 
Ziinahnien und noch mehr als da«? Doppelte der bei 
der unmittelbar vorheiigehendeQ Volkszählung leslge* 
gestaOteD. Ein desartiges Ansteiigen muss sich natOrlidi 
audi in dner Mebmng der GeirteBknudcea und ü 
einer Steigerung der Anforderungen an die AnstsHs- 
ver8<n]giu)g derselben geltend machen. 

Die voRrtehend gegebene geschidiffiiclM fiitwidceluiig 
erweist aber auch em Weiteres» was ebenso ab Resultat 
der Vergan^jenheit gelten , wne 7ih I.ehre f(\r kflnftig 
dienen kann. Die Erfüllung des Bedürfnisses durch 
Neuschaffung von Platzen ist der Anfoidenmg an 
sbidie jeweils erst lange nachgefolgt 

Aus diesen Zahlen, wenn wir sie nicht nur richtig 
verstehen, sondern suidi beherzigen wollen, eigiebt 
tkh darum besOglidi der Zukunft der xwingende 
Schluss, dass nur eiDe noch hoher gesteigerte 
Beschaffung von An stalts p ! a t z en dem theils 
zurQckgehaltenen, theils stetig anwachsenden Bedürf- 
niase wird genagen können; aollen doch nnsef« Er- 
wägungen und Reformvorschlage der sicher kommen- 
den FordeniQg der nächsten und näheren Zukunft 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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114 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. lo. 



nirht !T)inder gerecht werden, aU der Nothlage der 

Gegenwart. 

Sind nun aiidi in unseren vorstehenden, der that* 
rtchHchen biaheiigen Entwicklung der Anstaltsvcr- 
sorgung entnommenen Aufstellungen bereits die .An- 
forderungen der Zukunft und der jeweiligen Be- 
vOHcerungsntnahiD« neben den schon lur Zeit hervor» 
tretenden und zum Theil aus der Veigai)genheit 
stammcndcTi Bc<lürfnis>cn in der Irrcnvcrsnrgung be- 
reits enthalten, ^<> steht doch weiterhin aui>scr Frage, 
daas, wenn einmal die Insher noch ausstehenden 
Forderunmn :in die Anstaltsversoigung der Irren 
erfüllt, d. Ii. wenn die c<*plrinten neuen .\n-:i,il;t'n 
fertig gestellt sein werden und die bis dahin niriit 
genügend venoigten, im Lande zuiflckgehaltenen 
Irren mehr und mehr der geordneten Anstaltsbe- 
handlung zugeführt werden k<innen — d;tss dann 
die jeweilige Bevölkerungszunahme fUr sirh allein 
immer wieder neue FlStse in den Anstalten, je nach 
der Stflrke ihres Fortschreitens fordern wird. Sic 
wird für jene fernere /ukiinft (las w irksamste Moment 
für die Weiterentwickelung des Anstaltswe^ensi und 
fikr daa Maaaa des Platzebedadh in der BevOlkening 
werden. 

Wenn wir uns nuti nach einem Maassstabe für 
die Befriedigung des Bedürfnisses an Anstaltsplätzen 
mit Rficlcaidit auf die jeweilige BevflIIcerangsaunahme 
umsehen, so dürfen wir uns die neuesten statistischen 
Untersuchungen auf diesem (iebiete zu nutzr inachen. 
Auf Grund eingehender, vergleichender Betrachtungen 
der Irrenvenoigangaverhaltmsse in den einzelnen 
Ländern sind namhafte Vertreter unseres Fachs /u 
dem Ergebnisse gelangt, class eine irgendwie aus- 
reichende Irrenversorguug eines Landes uiciit gewähr- 
leistet werden könne, so lange nicht fttr Zwecke der 
,\nstaltsvers<irgung 2 Pl.'ltze in eigen i Ii i hen Irren- 
anstalten auf 1000 Menschen ck-r Bevölkerung 
kommen. Erst wo dieses VeHtaltniss zutreffe, könne 
von einer Befriedung der hauptsächlichen Bodflif« 

nisjio der IrrenfUrsorge un<i einer Bewältigung des 
Ztidrangs von Kranken zu den Anstalten gesprochen 
werden. Andere gehen Ober diese Forderung noch, 
weit hinaus auf ein Verhaltnisa von 3 : 1000 und 
sogar "i : inon. 

Wenn wir die crsiere Proportion 2 : 1000 auf die 
kOnftig bei ont ztt erwartende BevöHcerungaztmahme 
anwenden wollen, so kommen wir mit Zuhilfenahme 

einr-r nnrh den fOr di> Bev/ilker.uiL:<<:talistik m.irivi;- 
gebenden Regeln der geomeltischeii Progression vüigc- 
nommenen, achtttzungsweiaen Berechnung zu folgenden 
Resultaten: 

Bis «nn Jahre 1905 hitten wir zu rechnen mit 



einer Bevrilkcnnin^zunahme von ungefähr Soocki; für 
diese wäre nach dem obigen VcrhältiÜ!^ eine Ver- 
mehrung der Inenanalallspifliae um 1601, d. h. pro Jahr 
um 33 vurzunehmen. FQt die Zeit von iqo$ — ig 10 
w fUi- die Be\ i'ilkentnffszunahme ungefähr 86000 un<l die 
für diese einzustellende /.alil von Anstaltsplätxen wäre 
172 oder pro Jahr 34. Die glekäie Rechnung Ar 
das Lusttum 1910 — 1915 ergäbe eine Bevölkerungs- 
zunahme von 02 (mn und einen entsprechenden Zu- 
wachs der Anstaiuplatze um 184 oder pro Jahr um 37. 

Ebenso wflie fOr die Zeit von 1915 — 1920 und 
die anzimdtmende Bev<Mkerungnninahme %'on etwa 
05000 ein<' entsprechende Plätzezahl von 190 oder 
für das Jahr 38 Plätze anzusetzen. 

Mit diesen und ähnlichen Zahlen, die eher zu 
klein als zu gross bemessen sein dürften und wohl, 
wie die Bevölkerungszunahme sclli-%t, sicher mit der 
Zeit noch ansteigen werden, iiätten wir als einfachen 
Resultanten aus dem jährlichen Anwachsen der Be- 
völkerung also auch nach Erstellung der neuen An- 
stalten iK i' h weiterhin in der Irrcnvcrsnrgung als einem 
bleiben<len, treibenden Factor zu rcn^hnen. 

Wenden wir nun einmal, wenn auch nicht, um 
daraus für unser Programm bindende .Schlüsse zu 
ziehen, sondern lediglich eines Vergleiclw mit den 
thats.'ii hlich bei uns bc&tehenden Verhältnissen halber, 
die obige Forderung der Irrenflizte d. h. die Pro- 
portiiin von z Anstaltsplätzen auf 1000 Einwdhncr 
auf den gegenwärtigen St;ind der Bev/'tlkerung von 
1867944 Einwohnern an, so ergäbe sich daraus ein 
Bedarf von 3736 Platzen In eigentlichen 
Irrenanstalten. Davnii bestehen m Wirklichkeit 
234)5 Plätze in staathchen und 707 in privaten 
Irrenanstalten; die letzteren sind übrigens vor- 
wiegend fOr die Versorgung jugendlicher Schwach- 
shmigcr. Idioten und Ef 'i'i-[>'it<cr bestimmt. 

Aber selbst mit Hin/.unahme dieser 707 gelai^en 
wir mir auf eine Summe von 3102 PläUen und 
blieben somit hinter der Forderung von 3736 um 634 
ziirt^ck; statt auf 2 : i(X)o sUtnden wir auf der Pro- 
portion 1,66 : icxx». 

Ans diesen Zahlen d. h. dem Fehlen von 634 
FHltzen in der gegenwartigen Anstalts-Irrenversorgung, 
bei Annahme des a!s ri 'ithii' " cfundenen Verhältnisses 
von 2 : tooo, veratehen wir nun erst vollkommen den 
fwttMhrenden, anvenmndertm Zudrang zu den An- 
stalten, trotzdem, wie oben gezeigt, vom Staate in den 

Icti'tcn T5 Irihreii hr-dciUrrid mehr Pl.lt^c (\\m mehr 
als da» .-^c hsf.u he), als der Zunalunc der Bevölkerung 
allein enispiach, geschaSeo worden sind 

Suchen wir nun aber dieses bente bartshmde 
Manquo von 634 abzutragen unter gjWdudtiger Be> 



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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHRNSCHRirt. 



rücksichtigung duch der kommenden Bevölkemngszu- 
wüttne nach dem gleichen GeMdtt^mnkti^ so crhaltai 
wir folgendes Ergebniss: 

F?is 7um Jahre 1905 betrüge, nach der bislierigen 
iVugrciisiün gerechnet, die OesammtbevQlkerung un- 
gefähr 1947000; die PMtteannbl hlerfOr in Inrcn- 
anst;iltcn nach dem VerhäUnisse 2 : 1000 wUre 3894 
oder, wenn wir einmal den Stand der Plätze in den 
nivadrrcoanaialteii mit 707 als gleichbleibend an- 
adunen, ffigea den Jebi^gen Beatand etn Mdir von 
792, resji , wttm mnn die ganze Last der Platzebe- 
schaffung auf diese 5 Jahre häufen würde, eine Be- 
rcitstdlung von 158 ticuen Platzen auf jedes der 5 
Jahre. 

Bis zum Jahre i<)io mit einer »ahrscheinlichcn 
Landesbevulkeruiig von dann 203.^000 wflrc die ent- 
sprechende Flatzesahl 4066 d. h, g^cn jetzt ein Mehr 
von 964. resp., gleichfalb auf das einidne der 10 Jahre 

berechnet, eine Anforderung von 96 Platzen jährlich. 

Auf das Jahr it)i5 mit einer approximativen 
Bevölkerung vim 2123000 betrOge die Plauezahl 
4250 oder gegen jetxt 114S mehr, resp. auf das 
emzelne dieser 15 Jrihn 7'-', 5 PL'it/.o. 

FOr das Jahr iv-20 schliesslich berectinet, e^be 
die BevOOtennig vaai dann etwa 2 220000 rine Fnrde- 
nmg von 4440 Anatalisplataen, d. h. g^en jetat 1338 

Plätze mehr: für jedes dieser 20 Jahre wtrea somit 
1530 : 20 = 67 neue Platze zu erstellen. 

Aus der vorstehenden Berecbnongswcise, welche, 
wie gesagt, ein&ch die Anwend«^ des nach stad- 

stischrn l'ntcrsrichungcn gefundenen Mindestsatzes von 
2 : 1000 in der laeuveisoigung auf die gesammle gegen- 
wait%e nnd kflallige Bevölkeruoig also eimdilieaafidi 
der nach Regeln der Statistik anauaehmenden Pro- 
grfSKittn Itodeutct, ergiebt sich nun zur Ev;d'n?. (!a<;s 
der früher aus den thatsachlidten Ejitwickliuigsmomcntun 
unsras Amtallswesens gewonnene nnd ab roaaiagebend 
auch fftr die Aikunft enviesene Ausdruck des jthificben 

Mehrbedürfnissc«! nn An<;lal1spl3t?:pr. nMmlirh die Zahl 
80, von den hier erhaltenen Zalvlen weit überholt 
wild; wir kommen auf 15S PlitM prr> Jahr, wenn 
wir die nach dem Satie von 2 : lOoo bereits fehlenden 
und die der R<-\ ■'■lkrn:nc™;3!iin:i!mif ?n<; KiOS entsprei hen- 
den Platze zusammenlegen und dann das Ergebniss 
auf die nächsten 5 Jahre verthdlen, und auf 96 pro 
Jahr zu beschaffende Anstaltspbtze bei der gleichen 
Verthcilung auf 10 Jahre 

Erst dann können wir miscrc Zahl Ho niit den 
Ider au^esteUteo Forderungen in Einklang bringen, 
wenn wir die Lasten zugleich auf volle 13— 14 Jahre 
gleichmä-ssig vertheilcn, d. h .Tuf s. liin.Liiv ciiie 
jährliche Neubescliaöung \'on 80 Anstaltsplatzen (est- 



legeu würden. Erst nach dieser Ertüllung, also nach 
1914, waren wir auf emem Satse von 2 Anstaltapbtten 

auf lono Einwohner angelangt und wOrden damit 
in der Irrcnvcrsorgtitig eine ruhigere Zeil , resp. ein 
Anwacliscit des Plaizcbedarfs allein nach den Be- 
durfnissen der EevOlkeningssunahme d. h. um 37 — ^40 
Plätze jahrlich an2unehnien haben. 

Bei ciif-ier ganzen Berei !imiii<; haben wir aber 
den Ersatzbuu für die alte Pforzheimer Anstalt (05U 
Ptatie), sowie d» Behebung der UeberfÜllung der Obijgen 
Anstaltfn 1160 Plätze) n<M h ganz ausser Acht gelassen. 
Selbstverständlic h ist auch diese Schuld ni.K.h abzu- 
tragen resp. auch diese i^io Plätze in die Sutumc des 
Bedarfs aufztmdimen. Wfliden wir die Abtragung 
etwft auf 10 Jahre vertheilen, so hätten wir bis t^to 
statt <lci .>!,i!,^rn 004 min 1774 neue PUtlze ZU 
schallen «uler aut i Jahr statt y6 nun 177. 

Die Last auf 20 Jahine vertheüt, ergäbe statt der 
obigen i v^B bis zum Jahre 1920 2148 neue Platze 
o«k-r aufs Jahr stMii '»7 nun 107. • ! < idemal Ik- 
deutend mehr als iiacti der obigen Berechnung und 
auch nach dem Jahre 1Q20 noch mehr als unsere 
Zahl 80. 

Wonn wir aber nun eintnal einerseits für den 
Ersatz dieser b>iu Pliltze keinen bestimmten Zeitpunkt 
anaetaen und andererseits mit dem jflhdichen Setze 
defi l'l;itz( tiiclirbedarfs nicht über die Zalil >o !iinaus- 
gclitu wollten, so müsstfii wir, um alle Rückstände 
mit Einsdiluss der 810 Platze abzutragen und zu- 
gleich die neu auftretenden Bedarfnisse ni be< 
friedigen, die Zahl Ho auf ungeßhr 33—34 Jahre 
hinaus festlegen d. h. auf solange immer wieder 80 
neue Platze pro Jahr bereitstellen. Erst nach dieser 
Zeit wflrde die BevOlkerui^szunahrae allein maass- 
g< hend ffir die fernere Bereitstdiung neuer Ftitzc 
»erden. 

Alan ersieht daraus, zu welchen Resultaten wir 
gelangen, wenn wir nur das mindeste der heutigen 
Tages von den Irrenflrzten anf]L'<>;tellten Postulate an 
die Pl.'itzcvcrh.'lltriisse in der Anstaltaversoigung der 
Irren in Ansatz bringen. 

Eine Berechnung nach dem Prozentsätze 3 : 1000 
oder gar 5 : 1 000 ergäbe natQriich noch bedeutend 
höhere Anfordenmgen. 

Wir kehren aber vtm diesen» Excuts, welcher einen 
Einblick in die von der 1 luklischen Psychiatrie nach 
einsdklagigen, gründlichen Untersuchungen aufgestellten 
Fordeningen geben sollte, tu unserer, unter Punkt 

a mul 3 gegebenen rJarsti llmu: der thatsächlichen 
Frit'.vii ^.tuTig des badischen Anstaltsw escns in den 
letzten 15 und 30 Jaiiren und des sich daraus für 



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ii6 



die Zukunft aufdrangenden BedOtfiriisses an die AnstallS« 
Versorgung der Irren zurück. 

Wir hallen dort am dieifaeher Boecimufig die 
Zahl 80 als ganz realen Ausdruck für die jährliche 
Anforderung an neuen Plfllzen in Irrenanstalten ge- 
funden und dieselbe aus der Veigangenheit auch in 
die nadiflte Zuknolt ab Übertragbar betrachtet, und 
zwar de«h;ilb, weil eben die giciclicn VeriiUltnisse, 
welche die seitherige Steigen»^ des Plätsebedari« 
hervorriefeQt als treibende Kräfte noch jeUt wirksam 
aiod, indem erwieaenermaaasen der glcicbe Andiai^; 
von Kranken aus dem I.unde zu den Anstalten noch 
fortbestdit und manclic unbefriedigte Anqirücbe an 
die Iirenveisurguug noch au ti^n sind, 

WJr haben det weiteren gesehen, da» dieser Zahlen- 
ausdruck durchaus kein nbermflssi^ hflior i^t, sondern 
im Gegentheil ein Mindestnuass des Bedürfnisses dar- 
»tdlt und daas erst bei regdraasuger BesdutfEiing dieser 
Platzczahl durch eine Rdhe von Jahren hindurrh eio 
Nachlass der Anforfienint^en eintreten kann, w^lhrcnd 
andrerseits in der fortwahrenden Bevölkerungsuinalime 
allein an und für sich ein glcichmässig treibendes 
und immer wieder neiie Flatae bedingendes Moment, 
wenn auch in iremassigtcreni Grade (nach Obigem 
handelt es sich um eine steigende ZifTcr von 
33—37 *»■>•*. neuen Platze pro Jahr) eriialten 
bleiben wird. 

Mit der Gesanunthett unserer bisherigen Dar- 
legmigen dOrfea wir aber hoffen, den ttbenei^genden 

Nachweis erbracht zu haben, dass wir dieses Maass 
von für ein Jahr neu zu beschaffenden 80 
AnstahspUtzen als vollberechtigte und wohl 
fundämentirte Forderung in unser Programm 
aiifnelinicn tiürfcn, wenn anders dasselbe in gleicher 
Weise den Verhältnissen der G^enwart wie den 
AnqvttdM&i die die nflchate Zukunft stellen wird, 
geicchit wenteD soD. 

Mit ihrer praktischen Ausführung wird man 
wenigstens im Laufe der Jahre das Ziel, dem unser 
heisBea Bemabcn fpUt» enddiea kannen. 

Aus dem Vorausgdicnden aber dOifie des Wetteren 

au erkennen sein, dass es einen eigentlichen Stillstand 

in der Anstaltsentwicklung, die ein Kind der aktuellen 
Zeitvertiaimisse ist imd mit diesen, wie im Besonderen 



[Nr. 10. 



mit der BevtUkerungszunahme, Schritt halten muss, nicht 
giebt und nicht geben kann. Wohl aber wird sie in 
«in niMgeres Fahrwasser gelangen, je mehr wir die 
Aufnahmekapazitat der Anstatten und /.war der wirk- 
lichen Inenanstaltcn, einem gewissen Sättigungspunkt, 
wie er etwa in dem Verhaltniss von a Anstalts» 
plataen : 1000 Einwohnern gegeben au sesa scheint, 
nahem werden. 

Nach dem Gesagten und weim wir nur mit einer 
ganx allmählichen EinUlsui^ imserer dringendsten Oesi- 
derien redinea, kommen wir somit au dem ResuhalB^ 
dass : 

1. für den Ersatz von Pforzheim 650 neue 
Platze aniuaetaen äad, 

2. zurHebung derzurZeit indenataat- 

liehen An<!talten herziehenden ITeber- 
füUung 160 neue Platze und 

3. lur Erfüllung der nächsten Zukunftt* 
wünsche pro Jahr ein Zuwachs von 80 
Plätzen, d. h. 

b i s 1 (>05 =s 400 Platze mehr 
„ 1910 = 800 „ „ 
, 19IS = 1200 
instaatiirhen Anstalten erforderlich sein werden. 

Mit Hinzunahme der unter i und 2 noimirten 
810 Platze wären somit 

bis 1905 neu su schaffen 1210; 

.. iQ'S .< i> " ioio; 
„ 1920 „ „ » 2410 Platze. 
Mit der EifOIlniig dieser AnfbideiuBgen würde 

man dem Bedürfnisse in weitgehender Welse gerecht 
werden und auch der oben aufgestellten psydiiatiischcn 
Berechnung ziemlich nahe kommen. 



Damit bt^hlies^en wir unsere Darle^;\mgcn. Wir 
haben dieselben hier nochmals zum Abdnick bringen 
vviilleii. weil wir glauben, dieselben krintiten allgemeiner 
für die Ftst-jtcUtmg der Bedürfnisse der Irrenversorgnng 
auch in andent Ländern und Bezirken von Interesse 
werden. 

Der Redaktion der Zeitschrift bleiben wir für den 
TUT Vcrfügimg gestellten Raum lu lebhaftem Danko 

verpüichtet 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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iq02.] 



PS YCI 1 1 ATRISCI I -N Ef R( lUKlISC H E WUCl I KNSCl ! KIFT. 



117 



M 



ttheilungen. 



— Die Trinkerhcilsi.'ltte „Waldfrieden" l)ci 
KürstenwaUle a. Spree, \vel< lio am ,>i. nc< cml>cr l<)t>l 
ilir erstes Betriebsjalir vcillendete, lial ilircn ersten 
Bcriiht ausgesendet. Es wurden bis ilaliin (EnifTnuii^ 
im Juli ni*J<J) y*> Kranke auf^'cnoniincn , davon <>.^ 
entlassen, n.'linlich 22 «;plieilt, 12 gelx^scrt, 17 un- 
gclicilt; « wurden wegen ihres Vorl»altens gegen die 
ilausordnunf; entlassen, 1 wegen Sicchtliunis in ein 
Krankenhaus, einer in eine Irrenanstalt: ein«'r kehrte 
in die Anstalt /.uriU k. ( >li<:leii-h alle Aufgenimiincnen 
ausnahmslus beim Eintritt sofort abstinent gehalten 



(Bi i der riUksiandiKeii AulTiissung, welche massgebend 
sein w<i|letMle Berliner „Autoritäten" in der AI« oliolfragc 
haln-ii, iiberraseht ufis das garnieht. Reil.) Die Anstalt 
„\Val*lfrie<len" ist eine Wolilfalirtseinrichtung des Be- 
zirksvereitis gi-gen dcJi Missbramh geistiger Getriinkc 
ftlr Berlin und Umgegend. ( Vorsil/emler unser Herr 
Mitherausgeber Oeh. Med.-Rath I'rof. Dr. (iutt.sladl- 
Bodin.) Die Oberleitung »ler AnsUih führt Stadtradi 
Dt. mctl. Wa l<ls( hn>i<lt, .\r/.t «1er Anst;ilt ist Dr. 
Jai ke. Eine kurze Bcs« luoibuiig «1er Anstalt führt 
Folgendes aus: „Demnach («1. h. wegen des (Iharactera 




wurden, braili dorh bei keinem das Delirium aus; 
daliei wurden fast alle direet von der Strasse her, zum 
Theil in einem unglaublichen Zustamle eingeliefert. 
Mehrere der Entkissenen haben sit h luu hgewiescner- 
niasscn bereits klnger als ein Jahr vollst;intlig frei 
von Alcohol gehalten. Lci«ler vediesscn inanrhe 
I'atienten vorzeitig g<'E:cn .'IrztUi hen Rath die .•\iistalt; 
Mittel, einen Trunksü« litig'-n in h'tztercrzuriU kzuhallen, 
piebt es nicht, und in «len beiden Fällen, wo es 
wegen bereits erfolgter Entmündigtmg möglich gewesen 
wJIrc, war es inilzlos, «Icnn die^^e Falle waren tmheilbar. 
Weise riesel/gi'bung! .Auch wird beklagt, ila>>s ilic 
Verwaltungen bezw. Armendirc^iionen n<M h zu wenig 
oder gamicht von <ler .Xnstall Gebratuh machen. 
„Gleichfalls erfolglos und auch ohne Antw<trt 
Illieben unsere Gesuche an «Iii- I)irection«'n 
sammtlichcr Krankenanstalten Berlins". 



der Wohlfahrt-seiririchtung) kommen Einnahmen, die 
«lern L'nteniehmen zufliesscn, der .\nstalt unti ihren 
Pfleglingen zu Gute, etwaige Uelx-rschttssc «ler Betriebs- 
kosien werden für Freibetten «Hier zur Unterstützung 
hilfsbctiürfliger Familien «ler Kranken oder «lieser selbst 
nach ihrer Entlassung \erwcn«let wenlen. 

Die Anstalt ist für so|< hr m.innliche Kranke Ihv 
slimnit, ilereii Zustand Heilung, als<i ilic \\"ie«lerer- 
langung ihrer geistigen un«i körperlichen Kräfte, sowie 
ihrer früheren Erwerbsffiliigkeit erholleti lässt. 

Die ärztliche Ueberwachung und Behandlung «ler 
Kranken ist ausrei« hcnd vorgevlien; ebenso ist für 
die s< elsorgeris« he Th.ltigkcit in «ler Heilstätte gesorgt. 

Die Heilstätte ist 3 Kilometer von F'ttrstettwaldc 
( Vorort-station zwischen Berlin und Frankfurt a. <l. 
rWer, Von hier 

rcitlicn) ;in der CliausNcc tjach blcinliöfcl gelegen. 



118 PSYCUIATRISCH.NEUROLOGISCHE WOCUENSCHRli-X 



Auf dem )ö' ha «»der 170 Morgen grossen Grund- 
stück isi eil» Hau] iijclirr.Kic ticu rtli.uu, ^mIiIics nacli 
NuriSen, der Chitu-sscesciic, durcli eine» brcilen W'ald- 
sireifen gedeckt ist, nach SOdtist einen piarhli|{Gn 
ftei'-ii Rliik auf tlic in woitf-ni l'inkre-isc mit Wal<l 
i<i:^icii/.ten Aci licr und \S ic-scu l>ai< t. Die I-a>:c ist 
ilunh iiirc v<>lli^c AligCMiilosscnlicit lif: icl.iiu leii-litcr 
Krreit libHikeit für den Zweck der är«ilidien Bcliaud- 
lung \>)n TrunksfichUgen eine besonders günstige xa 
nennen. Dhs Gaiue bietet einen reizvollen Land« 
aufenttmlt. 

Das Aratalt^elklude liegt mit seiner Langsachec 

von Niiitldst nai'h Südwest, alsi» mit seinen Breit- 
seiten nacl» Südost und Nordwe-st; die ersterc l>ildct 
die Haujttfront, wahrend der Haupteingang an der 
Nurdwcstseite »ich befindet. £s enthalt in Folge dieser 
Lage keinen Raum, der nicht dem (Hrecten SonnenKtht 
zugüngliih ist. Der I!au i>t im Zii Iü aiisgefülirt 
und besitzt ein Kcllergeschuss», ein Erd- und ein über- 
gesi hoss. Das Keil«);e9chaa8, d»i Obrigcns ganz zur 
elicncn Krde lioi;'t, cntVinlt <li> \\Vih?nnii:; des IIatt--\ at(^r<!, 
2 l)ieiistboteii/iii:iu(ji, ilt<' Kuciie, tlie \'otr.iiitsraunK-, 
den geinciiiM liaftlii hen Speisesaal und da.s Billardzimmer. 
Dm Erdgeäcligss enthalt einen Aufenthaltnaum mit 
gnjsser gedeckter Veranda, ein ßureau, ein Warte- 
zimmer, Arztzimmer, <• Ktankcii/Cimmer mit je 
Hetten unil 3 KrankcDziinmer mit je i Bett. In dem 
nbergeiiehdss befinden sich 3 EinKelzimmer« 7 drei- 
bettige und ein fünfbettiger Krankenraum nn't grosser 
Terra.sse. In jedem tlcr beiden Stix-kwerke befinden 
sieb ("kiset, Ba<le- und W'irtlisthaftsraum, wie je ein 
Zimmer for .2 Warter. Die einzduen Stockwerke 
sind dtirrh ein breites Treppenhaus mit einander vcr- 
laindin. Das (janze wiri" %■ ai citicni L'i''^^' ti lioden 
übcrdeikt. In den Kinzelzimmeni betragt der Luft- 
raum mindestens 3,^ Kubikmeter; in den mehrbctt^cn 
Räumen kommen mindestens 2j Kubikmeter Luft- 
raiun auf ein Bett. Die Heilsiatte kann 50 trunk- 
siu litige M.'lnner aufnehmen, j^o Meter entfernt vom 
Haupigeü&ude und mit diesem dunlt einen Weg ver- 
bunden liegt das Wirthschaftsgebaude , das ebenfalls 
in Ziegelrohbau erriditrf i>t. Der <la,s Grundstück 
begrenzende eigene W ald und die sich anseliliessenden 
Gemeindewaidungen bieten der Anstalt nicht nur 
Schutz, sonilem aut Ii amlcre Annehmlichkeilen, sodass 
die I-age der Anstalt hervorragend gesund luid schön 
genannt werden kann. 

Die dios«.'i;iiigc vimmlung de^ Vereins 
nordostdeutscher Psychiater findet am -. Jui. 
in Dan zig .statt. ' 

— Der Kcaolution des dcutsciien Reichstags, die 
verbOndelen Regierungen zu ersuchen, baldigst einen 
{ j ese t z e n t w u 1 f vorzulegen, welclier die Grinidsät/e 
feststellt, wodurch die Aufenthaltsverhaltnissc utui die 
Aufnahme von < Geisteskranken in Irrenanstalten, 
s .^i> lie Entlassung aus denselben reichsgesetzlich 
gercj; h werden, hat nunmehr der Hu n d esrat h zu- 
gestimmt, was wir mit besondeier I"'r<-uile begriis.sen. 

— Berlin. Die städtiM.-he Deputation fUr die 
Irrenpflege beachuftigie sich in ihrer letzten Sitzung 
mit dem Antrage zwei neue Jrreii-Ativtallen zur ,\uf- 
naiune pilcgcbcdürfligct Kranker zu erriclileu. Voi 



[Nr. 10. 



einigen Jahren genügte für Bertin die Anstalt Dalldorf 
noch vollstitiuh^ zur .Vurtuilimc der stildti-schen, einer 
Anslaltspfiegc bcilürftigcn Kranken. Als sich dann 
eine Zunahme dieser Kranken bemerkbar machte, 
wurde Dalldorf , w ■ jetzt duri lisi Imittlicrh rund v>"0 
Ine und Idioten liciiandcli werden, vergrössert und 
Herzberge gebaut. Auch diese Anstalt, die sich in 
Liclitenbeij befindet, muaste tiald veigrQtaert werden. 
R<i werden dort durchschnittlich rund ifioo Kranke 
1 if'i.iiirlt li , . Iii :a-(indcn sich stets eine geringen: 
Zahl in Faiuilicnpflege und in Privatanxtalten. Eine 
dritte^ bedeutend grossere Anstatt ist in Buch an der 
Sletlincr Eisenbahn im Dau bes^rifftii Sie geht in 
nächster Zeit ihrer Vollendung entgegen. Du .sich in' 
der letzten Zeit die Antneldunget) geisteskranker, einer 
Anstaks|)flegc bedOrftiger Personen vermehrt haben 
und eine Abnahme kaum zu ertrarten ist, so hat die 
Deputation fnr «iie städtische Irrcnpflcgc bcs« lilossi'n, 
den Gcmeiiidebcliörden den Bau von zwei neuen 
Irren- Anstalten vorsusdtlagen und diesen Antrag damit 
zu lieLrnlndcti, flas^ die Irreti;instah Buch nicht genügt, 
auf Jahre hmaus die steigende Zaiii von geisteskranken 
und pflegebedörnigen Penonen aufzunehmen. 

Mtlnchen. Narh di m Vod»ild der in Bcdin, 
Augsbuigerstrassc 112 uuii Lc^wingstrassc 40, unter 
Aufsicht der Herren Geheimr.'lthe Prof. Dr. Kulerrburg 
und Ewald ueuerrichteten Institute fQr Behandlung 
von Nervenkrankheiten, ist nunmehr auch in Mflnchen 
eint- Si.^tif Iii s ( .r^r>,elien, die, unter .Aufsicht des Herrn 
Univetsiiatsralh Prüf. Dr. Jos. von Bauer, von den 
Nervenärzten Drs. F. C MOller und Hoefimeir gdeitet 
wird. Das Tnv'ittH wtrd in tlem neuen Sanatorium 
von Dr. .\niiiian!i, Koiiiginnenstrasse 14, uuteigcbiat lit 
werden. 

— Königalierg. £ine neue N'erx enheil-Ansialt 
wird demnächst in dem idyllisch gelegenen ehematigen 

Adl. Gut Speichersd' iT, tlos>cii l:i ':iiche Park.iiilacen 
wie dazu geschaffen sind, eröfftjet werden. Der zeitige 
Besitzer des Gnnidstürks und Erbauer der Anstalt 
ist I)irector Nischik. Für die Stelle flr> tn l.nix licn 
Directors ist, wie wir hören, eine Kapazität auf dem 
Gcliii- tc ilci Nervenheilkunde, Dr. S t e i n e r t gewonnen 
wurden. Die Bauldtimg beTmdet sich in den Händen 
des Baumeisten Pflaum hier, aus dessen Atelier auch 
die Pläne für die undangreiche Anlage hervorgegangen 
sind. Die Anlage imd Einrichtung der Anslall soll 
in jeder Hinsicht deit Ansprüchen der Neuzeit Rechnung 
tragen und Sie wird mit allem Komfort ausgestattet 
werden. 

— Ein verhungerter Geisteskranker. Zu 
Beginn dieses Jalires ist in . einem obcr]ifAlzisdicn 
Dorfe ein Ortsarmer verhungwt Die Angelegenheit 

bildete !i ii f kgenstaiul einer Verhandlung vor der 
Strafkanuner in .\n>berg. Ueber den Sachverhalt be- 
richten die „Herl. Neuest. Nachr." folgendes: Die Ge- 
meinde lUrs Pfarnlorfes Neukirchen bei Schwandurf 
besass einen epileptischen, geistesschwachen OrLs- 
aiigeliorigen , <len zwanzigjährigen Max ' i .ii. Dieser 
war bis vor kurzem in der Anstalt Reichetibach ge- 
wesen. Dann aber ersdiien der Gemeinde der jabr- 
li< h aufzuwendende Unterstützungsbeitrag v(in 200 
Mark zu IioUl Der junge Mann wurde aus der 



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t902.j FSVCUIATRISCH-NKUROLOGISCHE WQCHENSCHHtFT. 119 



Anstalt genommen und ins Ortsarmenhaus »geschafft. 
Damit glaubte man aber genug gcthan m haben. 
Der arme hilifkisc Geistesschwache «iirde, obu'uhl 
er sich nirht ehimat mehr selbst bedienen konnte, 
s( im rn Si liirksal übetlMs>ien. XicmaiKi kümmerte sich 
um ihit, wctier seine Mutier noch die einzige Mitin- 
oassin des Armenliauses, eine ortsannc iiitcrc Frau, 
noch die Gemeiiulebchürtien. Es s«))! nic ht einmal 
ein Lager für ilm vorhanden, n<Mh weniger aber 
lriit7 d« t W iiiti rkütie fttr Heizung gesorgt gewesen 
sein. Wetthin hchalltut in den ersten Tagen des 
neuen Jahres die Jammemife des Bedauenuweithen, 
aber auch (las s cianl.is^tt- nieniand, sich seiner anzu- 
nehmen. S. hlie ssli. h verstummten die Klagen des 
armen Menv ht ti. Kj wurde eines Tages, in einem 
Winkel des Armenhauses zusammengekauert, todt 
aufgefunden. Er war veriiungert. Die Gemeinde 
wollte ihn kurzer Hand liccrdigen. Da crM hien infolge 
einer ba der Gendarmerie erfolgten Anzeige eine 
Gerichtscommission im Orte und nahm eine Unter- 
suchung vor. Die Olniuction tiei fj-ii In- itnr. Ii den 
I-andgericliLsar/t ergab, dass dei Magen voil>Uindig 
leer gewesen war; in den Eingeweiden fanden sich 
Uebenesle von Tuch und GetreidekOmem vur. beide 
Beine waren erfroren. Der Körper »"ar zu einem 
Skelett abgemagert unti mit Ung<viefor liedeckt. 
Infolgedessen liat die ätaatsanwaltscliaft gc^jcn die 
ffir das Vtirkommniss verantwortlichen Pensunen. 
denen <lie Kürsorge für den vi illij» hüino>cn ^^eIlsl hen 
ubiag, Anklage wegen fahrlUssi<;cr Tödtuiii; erlioln-n. 
und zwar g<^en den Pfarrer llcrglcr, tien Bürger- 
meister des Ortes, den fri'ihercu CeutrumKibgeorrlueten 
im bayerischen Landtage, Martin Lautenscivlager. rlen 
Arnienpflegschaftsrath Trettenbadi, >ici; i i;tMührer 
Moritz und den Gemeiudediener Kagcrcr. Die Straf- 
Icammer hat den Pfarrer Betgier zu acht Tafjen Gc* 
fängiiiss. den I^fn^ermeislcr Lautensi lila^f r /ti drei 
Mi iiati ii und lieii Armcnpflegschaftsraih Irefienbach 
zu einem Monat Gefüngniss verurtlicilt. Der Orts- 
fühi er Moritz und der Gemeindediener Kagerer wurden 
freigesprochen. 



Referate. 

— The Journal of Mental Science. April 

I OO ( . (ScIllUiiS.) 

Joseph ShawBoltnnhringteinesngenannte vorläu- 
fige Mittbciliing ülK»r krankhafte VerJlnderungen bei '1' i 
Dcmcntiii. Er hat 0 Hinterhauptlai)(H-n mikroskopiM h 
durchforscht. Hier sollen n.'lmlich weniger grobe Ver- 
ftndcningcn vorkommen wie in den Stimlappen, Er 
fand, I ) dai» die Dicke der PtTamidenzellenschictit wech- 
selt mit dem Grade der Amentia oder Dementia, und 
2) dass die mikroskopisdt nacligewiescncn krankhaften 
Verandennifen von dem Giade der Dementia allein 
abbringen rlairegen unabhängig sind Von der Dauer 
<lcr Geisteskrankheit. 

Wigles Worth erzählt einen Fall von reinem Mord- 
imptils. Als Direktor hatte er zwei geisteskranke Frauen 
in seinem Haushatte beschaff^. Die H. hatte ver- 
s« hiedetie * >i ■ psscni<lecn und war eine hannktsc PcfM :i 
Die Gr., ::SJal>rc alt, Rekons-alMtzentin, M'ar vor einigen 
Monaten aulgenommen worden. Sic war damals sehr 



dqirimirt, zurückhaltend, schweigsam und verrieth 
einige unbestimmte Vergiftuiigsvorslellungen. Zur Zeit 
schien sie gesund und u'ar .schon überall in der Anstalt 
beHchAfligt worden. Eines schdncn Moi]gens wurde 
Verf. dun b fiekr< ivi ]: und S> lireie vom Frühstück auf- 
geschreckt un«l wie ei die i'reppe hinaufeilte, sili er 
die<ir. auf der H. knioen und sie im Nacken mit einem 
Tischmesser bearb<'ilen. Er riss die Mörderin w^, 
die alsdann in einen an.stossenden (!ang lief. Die 
Wumlc erwies sich sp'itor als t<"idlicli, da die Vertebralis 
durchschnitten war. Einige Slimden später inquinertc 
Veif. die Gr. Er konnte keine Wahnideen und keine 
Sinnestilust hungon bei ihr nard w < isi fi Sic /ci-te si» h 
etwas erregt, war aber in ihrem Reden venninitig imd 
zu.samnienhftngend. Sie ss^e aus, «-as sie schon vv>r. 
her der Oberw.'lrterin gegenüber gc.lussert hatte, sie 
sei diesen Morgen in einer verzweifelten Stinnnung 
aufgestanden und habe dei» unbestimmten I)r;ii»g ge- 
fühlt, jemanden zu toten. Möge kommen «us wolle, 
sie müsse jemanden den Hals abschneiden. Sie habe 
nichts gegen die H. gehabt. „Das amn^ Ding" thue 
ihr leid. Sie habe sie nur angefallen, weil .sie ihr eben 
zuerst begegnet sei. Da.s Messer liatle sie sic h aus 
einem Schrank zu versclmfTcn gewuwtl. Der tMaerwür- 
terin erziUilte sie ii'ich am gleichen .Alteml auf ihre 
Fragen, sie habe vor 14 THgcn <kMisell>en Drang in 
!>icli gespürt zu toten, äic arbeitete damals auf einem 
Korrid<ir der Abtlieilung und wusstc sich ein Messer 
zu verschallen. <las sie unter der Schürze \cili,irg 
Darauf lief sie einem <ier I )ienstiu.id< hei» nach, mit der 
Al)si<-ht, es ihr in den Nacken zu stossen. ZufAllig 
kam ein andres Dienslmfldchcn <lazwischen, worauf 
sie von ihrem Vorhaben abstand und das Messer wieder 
an seinen Platz Icjjle. Sie setzte dann ihre .\rbeit fort, 
und der Drang schwand allmühlicli. Ein äbnliclier 
Vinfall halte sich einmal in der KQche abgCK|nHt Sie 
er/.'lhltc alles ganz trocken nti^l m iriclli iiirl t di.' i^e- 
ringülc Spur von ( jewissensbissen. Na» Ii .'4 .Sluiideii 
wurde sie mürrisch und .schweigsam. Nach 2 Tagen 
wurde »e err^ und hysterisch und als sie von Ge- 
richt verhört werden sollte, begann sie zu singen, richtete 
unverschämte Bemerkungen an einen der Zeugen, wurde 
schliesslich ohnmächtig und kümmerte :jich nicht weiter 
mehr tun die Vorgange. An jenem Moi^gen war die Men- 
struation (ringetretrti l\i vir .n jtei sibwat/t«' \on 
Mord, Halsabschneuien und >i'ln erregt war, kam sie 

nach Bmadmuor. 

Eltern blutsverwandt, abnorm. GeislevkrriMkhi tfcn 
iit der Familie. Die (»r. hatte mit Jahren mit einer 
Kanne einen .S hiag auf tien Kopf erhalten. S»eitdcm 
„Anfalle". Ruhig, zutücklmUend, fromm. Neuralgie. 
Zeltweise Trunk. Ihr Aufenthalt sdtwankte zwischen 
Freiheit. Incinnstal'.. .\i1m iishaus, M.'ldclienlicini. Eine 
tJbenn schilderte sie als trunk- und strcitMIchlig. In 
der Irrenanstalt wechselte Sdiweigsamkeit mit Erregt» 
heit. F^ f-'h'tf :hr die .Selbstbelu nsrhiing. Manchmal 
war sie gevwiluUatig, zerriss, warl sich auf den Bctden, 
behauptete Kinder schreien zu hören. Sie hatte auch 
schon scheinbare Sclbstmordverauche gemacht 

Verf. »chlics.<;t mit Kecht, dass es sich hier um eine 
(Ii'L;i ticnci!c iiiiil er' ilii n 1 ii l,i-.tele Person hantllc. Der 
Fall verliert aber doch etwas von seiner Kurii>sit.'lt, 
wenn man bedenkt, dass <ler Mordimpuls durcluius nidtt 



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120 



PSYCH I ATRISCH-N RUROLOGISCH E WüCH RNSCHRltT. 



[Nr. lO. 



als isolierte Emlicimiut; claslclit, •ihiie iirs,'u-lilii hcii Kii- 
>.iiinn< nli.ini;. v u-ltiu hr l;is>t er sirli lii<-f in il.is Sym))- 
lomcnbild licr auf dcgcnerutivor Husis beruhenden 
sH'hweren IfvNtcric einreihen. Man braucht nirht mit 
\"i if. n;« Ii <li in At.iMsinus liiinilx r /u si liii U-ii. <i<lcr 
w>iisti};e gf/.wungeiic trkliiriiii^^i.'n'in<l<' /ii sih heu. Si ■ 
Clwas wOrde atlcli kaum « iiioin Ri<-litLr « iiilciK IjU ii. 
wenn M<.h um einen fmunidsrhen l-'ull liantli lt< . 
Der bei (lioscn liii|Kilst'n sirh abspielend«' ( irliiriMiu'« lia- 
ni-tnus bleibt uns allerdinirs mtIji 'ii^t-ii . iiiati kann 
eben einen «»khcn Kalt nur an iter iland bekannter 
ErfahrungsthatsaHicn erklilren. 

Artlutr W'ili iix l>i >< lireibt « iiuMi l'all \im „akuter 
Melamlmiic" l»i Zwillinj^eii. Ks waren /.wei !tcli','<- 
Krauen zitnmer, 47 Jahre ült, ohne erblidic Belasiuti;;- 
Dcr Totl iliri's V(ir kurzen« verstorbenen \';uer«; s. (jj die 
Ursai'hc ihrer ( 'leistesknmklieii <;e«i sen >ein. Sic er- 
krankten fast zur r>e!lien Zeit an „akuter ^^•latn Iii . he". 
Sic machten bcli»Mmordversu« he, waren erregt und 
unruliii;. Ihre Reden und (jck'lnlen gliehcn einander 
aiifrallen<l. nie eine hielt ■^\< U Hu da» vclilerlitc^te 
\\\-ib. sie liali*' ihre Siliwcstcr geisleskr.iiik v;''"iaelil. 
Die andre se(nväl/t<' und machte ilir alles naeh. Ihr 
Gcäihwüi/. und I'.encitmen war en>tis<li und i,l,s«.v.n 
In der Attstalt lie.ss tnan »ie eiriis,'c T;ige Ijei-anitiu n, 
aber aurii, als sie i^efrenni W'irdi/n waren, war ikis 
Kniiikhcitsbild bei beiden fast das gleit he. Kuhtgerc 
Zeilen bei Arbeit we1^lsclten mit den gesrhit<l«teii Zu- 
sirnulen. ^^•Ik«^irdi4 an den l>eiden |-.il|en ist tlie 
I )iai;li' "-e : ..akute ^b•laln h' ilu'". [Ivslr-rie uäre w ohi 
besser i;< u'esen. 

Um (iolgi-Prilpanitc daucrhuCt zu machen, luibcii 
Rnbertson u. Mardi»nald Je eine Mclh»df erfunden. 
.Mit <len na<li der .Mi xiifikaiii »u m.h ( 1 >\ 1 li.in<ielten 
rr:i{)araten väni m t weiter \ ertatireu : I. Xarh <lcr Melti< nIc 
von Robcrtsttn : i'^ Die Schnitte 15 Minuten in eine gc« 
s'itiii;te I.itiiinnikarii' ■Viatl« 'Siur^ le;;i n. J I I\;iv< li ab- 
Sjiülen. ij) I J T.e^e in gKiihe 'rheilc einet i"/^ 
Kaiiumchloqil iiinlri>ung und einer ni*'„ Citri monsJturc- 
k'Vsung legen. Die Ij'niungcn müssen frisrh ■•tciiu Im 
Dunkeln aufbewahren , dann 4) i — 2 Stunden ins 
W assel , l)t i niiniK^sti-ns zweim.ili'ji in W'e« h>el d<:r 
WiLSserx. 5,1 Dann 5 Minuten in gleiche leite dne> 
mit Jod gesättigten J<»«lkaliliml«i«un(r imd Wasser. 
'0 In W'assiT was< lien, 71 S Minut<-ii in ein \\".isvi-iL'las 
leireii bei /iis.iiz \iin J ,i 'rmpiVn Aninii iniak. s» 
In Wasser wasi li' ii. 11' In alisi 'liiieii Alki li' il. in Hi u/nj. 
in Bcnzolbaliuun. Deck^sla». II Na< )t <ler Mctitotlc 
v«rti Ma«t1(mafdr Die nach Tox iiu]«! linierten f'iewebs- 
Stiieke illier .\ai lit in ein«' rei< liiiehc .\!eiiL;e t|e>lillierti:!i 
Wa.vicr^ icjien. Dann eine baibe atiHule ui rckiibzierten 
.Sfilrilusk Darauf mit dem MikT»tom*) s»'hnciden. jeden 
S< liiiitt in «'in L'IiiL'ias mit m. k'il'i/ierh. ni Spiritus Il L'.en. 
I >en unti.ni mit dem Anis 'l in l'> nilirun;,- ^i ki iiniu um 
Tlicit tles Gewcbsstüekcs nirla Uenui/en, .Nmi die 
5Miirittte t) aus dem rcklifixtetten Spiritus in destillierte!« 
Waj?ser lo«en. 2) 24 Stunilen in L"«sun}r N. lund 2. 
n) L''isutlj{ X 1: I " ,1 Kaliuiui Iii. •rjilatinl •^niiL'- 
b) „ N. 2; Unters» liwcbii;s;iurc-sNairiu«i 4'i,5i; 
UV,o/.) 

*> Mit «km Mikrotom vnn Cathcnrt nnch Cents* Mothmte 
Khneiileii._ 

Kndwint !«dail Saanabnl — S< Jil^jv* .l.-r Ii.>^->.>t,-ii..i.t,j!.,ii.- , I 



S»-hwenij»s. Natriiitn 

( lik ips.üires 



Destilliertes \V«s.ser 9,31 ( 10 Flui«l- 
«nmccsi 

^1 Dann 2 Minuten in Sal/s.'iure I ; .S< ' . — ■ ^ mal 
Wiedel Iii >len. .) i l<i .Miniltin in I.iisnii'.; \. 2. S) l*a- 
raul in i;li ii lie d lioilc eim-r I",, s| «itiliii i^en ] 1 >i ll< i.sutig 
und destillieiteii \Va-.s. rfi, bis die Schitittc wie die 
L. i-unii ueNiriit siiul, i>) 10 Minuten in l/isung N. 2 
aufi r 1 lind Ü.xiereii. 7) J Stunden in viel de.slil- 
iiertcb Wavscr legen. In Alkohol abM>|uius, in Bcnzul, 
in BenzrtllKdsam, Deckglas. Die Srhnhte «>1lcn je- 
weils mit einem l'in^el ■ id< r Fedeikiel. nieht mit einem 
nieiallenen Insuuiii<nl, lieiausj;eii<tninkeii werden. — 
Kleinere Bemerkungen. 

Seit das T runksue Iii sgcsetz am 1. Jan. 1899 in 
Kraft s;etielr-n ist, maeiit ni.in sieh eifrisrandic ErTiehtUMf» 
\i>n rriiikerheil,iii»talten. Im ;,'enanritcn jalue wurden 5 
Erlaui>nis.vM kleine liierlilr crdictiu lntle>.scii wurden uii 
T^ufe des Jahres nur 88 Kranke verpflegt, eine sehr 
<:erini;e Z.itil. \'iei<:' \iin »liesen Fiillen waren zwar 
iiielit ei^entlieh geisteskrank, .ibi r do< Ii t iicii*iallc 

In den 1 rrenalitheilun>;en der ArbcilshüUSeir 
waren versehiedene TodcslilUe vuij-ekummcn, die cillC 
fieriehtlir Ii« rnti TMirhunp nach 8i< h zoitrii Das Re«u!- 
t.it s« iii-irit uew t'M ii /u sein : Nn iit.s -ewisses w« iss man 
nicht. Abgeselien von TiKleslallen ist da.s IaIx-i» in 
diesen Abtheihmpen reich an s«'gen. be«laucrliclien 
/wis« iu nf.'illen. I )as l'eisi mal ist surirlii Ii niul un.ius- 
f;elii|.|el. die Aer/tc lialien viel /u tliiu», sind si hie« lit 
Ire/alilt, k< ine ka« !imanii.-r. ihr Kiiifhiss ist fast .Null. 
Diese Incnabllicilungeu der Arl>cit!.hauscr sclieincn die 
reitie Karikatur einer nindomen Irrenanstalt zu sein. 
.Sie «jlciehen in tlieser Hezielnin'.; vi. lf.i« Ii unsern Sie- 
( beiihiiiiscrn und Krcis|iflrg«Hnsialleii, wu man aueb altes 
m. iglii hc und unmt"igliche «wsammcnsjierrt Allcrdiiigs 
dilrf< n «lii se I i i uns keine fiis« hen Falle aufnelinicn. 

In Irluiul will man i« 1/t «l.i^ mIh.iu- li.ispiel \'«n 
S<-hiittland nachalnm n. d in Kdinl-ut-ti ein ( eniial- 
laburatnriuni für seine Irrenanstalten errichtet hat. 

Da wir Im-i <len I.esoni ein jn^t»sscs InterL-ssc fOr 
rritsi. .niri',n>;,'i n \. ■Taii^^i l/eii . I,i^^« n wir <lie l'eiisi,.- 
iiieniiijfsliste von l«<>i an l"i):en. < »b die Jiieislen.s wegen 
in liealth l'ensi.rtiiertj-n alle Direktoren waren, koniiun 
wir niilit ^.i;.:i-ii. nur In i N. 7 lieiv^i's: Assi-laiit me» 
di. .1I ..)li< « :. alsi> \'-si>n :i/.ir/l. Wir uralulien n ' 



Nr. 


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\ 1 ri i|{ VOM Carl Ukrkold in It;>llr«,ü 



Psyebiatrisßh^Neurologisdie 
WochenschrifL 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der pralctischen Nervenheilkunde. 
InCernationales Correapondenxblatt fftr Irrentnte and Nervealntte. 

Unter Mitwiritung «ahlreicher hervomgender Fachmänner dm In- und Aoalandes 

) .1 1 j « II ^ ^ f» h n ■,■ n n 

DinootOr Dr. K. Alu Prof. Dr. Q Anton. Prof. Dr. Bleuler. Prof. Dr. Ii. Edinger, Prof. Dr. A. QqtlttAd«, 
U H hu wh» tMmmikt- y-u. ui. . M. QA. Ifad^ÜMb, B«rilii. 

Fror. Dr. £. Mand*l Dr. F. J. Möbiu«, Dii«e(or Dr. Moral« 

Unter Benutzung amtlichen Msteriak 

redigirt von 

Uberarzt Dr. Joh. Bresler, 

KfMetnll« iSciiMmh 

Verl.ig V. r, CARI. MARHOLD in Halle a. S. 

T«Ufr.-A4i»>M- : M*rhol<l V«riA|[. Halleiiala. Fmufndtet »SJt. 

Nr. 11. " " M. Juni. 

th»i ,.F«yc hiatri Ar h . N r u rot o le i ftch n W orh fintcbri f t" «irw-bemt \edmm Sann»btm4 »n4 kfwun pru l^unnai 4 Mk. 
HkpIIiH^i iwhmiwi frdr nui-hh.anilltin«, dw Pmt (KaUloK Nr. (>a;;ii. «..i » ilu- V>tI«<>)io. iih.kn.liiini; >'iri M.irh<>M >n II all« «Nfagp*. 

ItHnM mrmitm liir iba jquütige Pailitaeite mit 40 Flv. brrpchnM. Hn Wied<^k<>lun( tntt KnBäaai(un( ein. 
b m O K itl m m (fc- tl» ä |wrt i ni an Obnxm pT, J. Braalar. Kr««cll«ill (Scklanm). (a ririWan 

Inhalt. Or^nale: Urtwr perioilhcben wähösimi. Von Praf. Btenicr^ BnrghMdi (ZÜrichVtSTTaij. — MiitbänneeD (S. ilTK 



Uelser periodischen Wahnsinn. 

Von Prof. StfHler. BuishSUK (Zttrkti). 



T Intel dem Nanicu j)cri<»itiii hus Ii res ein 
fasitte KrSpclin vnr 6 Jahren eine Anzahl 
Krankheiten ziL'^iunim-n. deren ^«-nx iiisam«' Syni])t<(mc 
f->l!.;cnde w.Trr-n : Verlauf in .\nf;lllcn : in di u ZwIm tu-n- 
ziittii kuiiic figciillii hc (ino^io.viivc) \'crbl<jdung, 
wenn auch GemIkthslabilitSt und Neigung zu einer Art 
tranätorischer andcutungs weiser Sehwankun^an im 
Sii»ne der eiv,'<'iilli. hm .\iif;t1l<- rci ia dciitlii Ii ist; in 
den Anfällen inaiiisiiicr und inelatu liuliseher Syiiip- 
t«>mcn1cf»inptex (d. h. j^uibene Stimmung; Idcenfludtl, 
l'( u . ^ungstlrang einerseits, De|>ri-sr.ii>n, Hemmung der 
Ass<M ;ui«>nen und .Motilität .indererseit^ ; danehen auch 
geniisclitc (Jruppirung dieser tiii/clsymptiiuic) ; Ab- 
wesenheit der ror andere Krankliciten citarakterwlitichen 
Symptome: pritnüre Orieiitiniii'^^-(r.runi.'en, katatone, 
|i«iralytisrhe Svnipf<»me, /|>rim;ire) < »edJic htni.sssiriruiigcn 
etc. liallueinatiiiueit ikUer Wdlmidecn können uie bei 
allen andern Psychtusen itinzutrelen, sind aber nirltt 
nolliwendif;. 

Zu dieser riru|i])e f^eli'iHe <las ey< lini lif Irresein, 
die petit-Klibclic Melancholie uiid Manie, alle reinen 



Manien und reiu nielan« hi iILh«. hea Zustünde (inil Auf- 
nahme der Invulutionsmelancholie), ob sie sich nnn 
li;iufii;er wicderh'titcn oder ni« !it. 

Diese .\ufstenun<r l)e«;e;j;tiete starkem NVidersprui Ii, 
ilcr alKrr immer in einen WoiLstreil uu&iicf, indem 
man behauptete, ein Theil dieser Störungen kOime 
«iiin" i^li< li als „perimÜM h" bezeichnet werden. 

S<> taufte KrniM;li n die rini|>j>i' in der folgenden 
Auflage seine» Lehrbuches vun in in a n i s c Ii -d c p r e s- 
sivcK Irresein. 

X:ii Ii meinen Erfahrungen entspiicht die Danteliung 
KrÄpclins Millsiilndig den Thatsiu hen. 

Einen symptomatologischcn L'iUerM hicd zwischen 
einfacher und peiiodischeT Manie, einfacher und 
periodischer Melaiu liulie , zwisi heu tlieseii Grup|>en 
und denen mit neinischlen Anfallen , handle es .sich 
um einen regelmässigen Cycius oder um unregel» 
mäs.«ige Schwankungen, kannte ich nie entdecken. 
Die Krankheiten gehen konliniiiilich in einander über, 
wenn aucli bei dem einen I^iticnten Vorliebe zu 
manischen, beim andern Voriieiw zu melancholiechen 



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122 



"ider 7.U ryriisciicn Anf'illi ti vc rhctnicht. Wonn man 
ein güiizeü Leben übcrsetten kann, so fehlen unter 
vielen Anfallen gleichen Charaktere selten einigte anders 
geaitetc; der periodische Maniakus hat einzelne me- 
Iancholis( hc Anfalle durrh<;cniai ht, tler Melan( !ii ilist lie 
wird gelegenüicli einmal maniscli, ein regeluiiUsig ab- 
laufender Fall winl unregeiniassig ii. & w. 

S< igar die H c r e d i t ii t , die sii Ii v< tn der Her<'<lit4'it 
bei andern (ieisicskrankhciteti unterscheidet, ist alten 
Furnieu geuidnsani, wenn auch(uic beiin ciniidnen Indi- 
viduum) die Paniilienanlage haM die meüaiichnlisrhen 
Störungen bald die nianiik heii Aufr^;ungen be\i>rzugt. 

Kr.'lpclin hal es aber unierlas.son . niiMl: ü' Vlich 
darauf liinzuweiscn , da.s.s aucii „\V'aliii.siiuisf< innen" 
(Vesania) vorkommen können, obgldrh seine Be- 
schreibung zeigt, das» er sukhe Falle i< i li ii haben 
muss. Der Name „inaniücii-dcpres.sivcs Irresein" 
scheint Aitfälle ohne priiniire CicfühlulOrung j^eradezu 
ansxuscblieisscn. 

Mit dem W<« rte ,, Wa h n si n n" oder — weil 
das zu diesem Worte ueln^ri^e Adjektiv 
schua vergeben ist — „Vesania" soll hici 
ein Krankheitsbild (nicht eine Krank- 
heit) verstanden sein, das cha r a k i er i s irt 
ist, durch Stornniien auf i n te 1 1 ek t u «• 1 1 e m 
(iebict und Zurücktreten oder Fehlen von 
Anomalien desGemÜthcs. 

Der Wahnsituj in dioem Sinne bildet einen (iegcn- 
' >atz zu si' D tr!anis< h-tle|>re'.Hiv«-n Kranklicitsl.ilderii. 
Durch Hniziurelcn von nianisi iien oder melancho- 
lischen Sym|>tomen in verschiedenstem Grade hin- 
Mclulich der Diu»-: uml Intciisitat derscll'cn k-mncn 
diese ve-vanisc hen l- nnnen tlutch den „inelanchi ilischen 
Wahn^iinn" uml dar „nianiüdicn Wahnütnn" in den 
manischen respcctive roelancholi«clteit Zustand über- 
gi'hen. (leradc wie das manische und das nielan- 
( luilist hc Zustandsbild kxnnnt auch das vesanisihe bei 
dun versi hicdeusten Krankheiten vor, mischt sieh dann 
aber mit den specifi&chen Symptomen dieser Psychosen 
(Paralvse, Dementia praet ox u. s. w.^ 

Im Wahnsinn selbst haben wir zwei Haujit- 
yrui'peu zu unterscheiden: Diejenigen niil Vor- 
wiegen der Halluzinationen und diej'enigen 
mit blosser uder vorwiegcntler Wahnliil- 
duni;. D.t diesellien sifj^.ir beim einzelnen ratienlen 
j^anz ftiessend in einander übergelien , werden sie 
unter jenem Namen hier xusammengefaast. 

Die halluzinatun'M he Vnim i^t in etwas analerer 
Al)f;renzung unter verschiedenen Namen bekatmi, von 
denen Amentia und Delirium halluzinato r iu m 
hier angefahrt werden mögen. Die dnfachc Form — 
oder auch die ganze Gruppe — wurde auch als acute 



[Nr. II. 



Paranoia lic/i li liuet. D.i <I'. i Iri/tetc Aus4.huck für 
einen andern Symptonienn .nuplex — nach Kröpelin 
fQr eine andere Krankheit — schon lOi^l ver- 
geben ist, werden wir ihn hier vetTRCidcn. Di« Pk- 
raiuiia im Sinn« I\i;ipi lin^ i-t tr!t»z der .'iussercr» 
Aeliulichkeit nicht nur durch den chroniM^hen Verlauf, 
sondern auch durdi die Art der A»nciatinnsstr>rungen. 
der (ienui:1. - und .M< »tilii.'itsafTerlton toto COClo von 
dem Wahnsinn verschieden. 

Keine Kücksicitt wird im Fulgcnden darauf ge- 
nommen, ob Verworrenheit und Tranmxufitand 
I Diimmerzustand) tlabei sei od<'r nicht. X'crworrcn- 
heit entsteht aus den allcr\'crschicdcnsten .Stiirungen: 
Fast jede Art von Ass< Kiationsstörung führt zu diesem 
Biklc, wenn sie hot^ligradig ist; massenhafte Hallu- 
cinati'>nen enseugen sie ebenfalls. Was das Wesen 
lies Traum/.ustan«ii-s ausmacht, ist uns »i'wh niclit 
klar; die Degritfe der Einengung de» Bewusstseins, 
der ungenOgenden Außäasung oder Verarbeitung der 
Sinneseintlrü» ke u. s. w. befriedigen unser Erkl;itungs- 
bedürfniss tiicht recht. Ks koiiinil hinzu, dass beim 
gleichen Kranken wie v<>n einem Fall zum andern 
Verworrenheit unil Tiaunwustand bald fdtlen, büld 
vorhanden snd, si> d.iss ihre Bedeutung für unsere 
Betrachtung eine sekutulUre zu sein sclieint. 

Periodischer Wahnsinn ist unter vcrüchie- 
denen Namen schon mehrfach bcsdirieben worden, 
ich nenne nur p i e 1 m a n , K i r n , M c n d el, Meschede^ 
Üechlcrew, Pib z. KM])i)en*). 

Alle diese Aui4»ien litssen aber die nosologische 
Stellung dieser Krankhcitsbilder Im Unklaren. Der 

engere Begriff der periodischen .Slöi-uiig kann eben 
nur thei )reli-S( h aligegrenzt werden; in |>ra\i. reisst 
er Zusammengehötigcs auseinander und bringt ganx 
veftü'hiedene Dinge zusammen. Vcrlanjit man mit 
Pil< z eirie zieniUd) rigelmässige U'ic-<lerli>>lurig der 
Anf.'ille und eine zieinli' he f ",1-ir liheit der versi liiedenen 
Anfalle behii nümlu lien Ituiividuun», so werden wenige 
Krankheiten, die viele Jahrzehnte beobachtet sind, 
hieher geziiiilt werden dinfeii. Nicht einmal die Epi- 
lepsie, die tliH.li nach .Maniheti ilen Namen einer 
periodischen Störung vollauf verdient, koinite man oft 
hidicr rechnen. 

Ich inödite nun durdi dnige Bdspicte zc^en, 

♦| Mendel. Alle. Zeil-^hr. für Psych. Bd. 44. pg. 617. 
Zieh«». Moaat»scbr. fttr Vsyxh. nod Neuroi. Bd. Iii pg. jo. 
Meschede. De le iMiraneia periodiqu« XIII, Cangr. inlen. de 
Paris 19cm, p. 140, uml Skierlo, Uebtr pcri<M3. Paranoia. Diss. 
Köi<ij;*ti. i<)o(>. lUch (i-rew. Uebcr |>cricMl. acuH" Pnianob Sim- 
plex al.s l)t."s<inilctp l-'orni |XMioili»cher Psychowii. Moii.'itiichr. 
fOr P»yclt. uod Neurol. 1899. Fi lex. Die prriod. Geutetk 
sitfrang«!!, Wien 190t. Pick, Berl. Klin. Woctwnidir. 1899. 
K«ppeo. Neiuol. Oatr.-BL 1899, S. 434. 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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FSYCHlATRISCH-N£URULOGISCllK WiXHENSCHRIFT. 



"3 



(iaäs der „periudische Wahnsimi" dne Untergruppe 
des manisch dqiresMvcn Irresein« bildet und das« 

die Keiiiiliiiss dieser Furniei» vor ilcr Annahme lieii- 
lurcr i'linHiisther Paranoia .«.iliützt und in nian< hftt 
dnzelncn Fällen eine richtige Pixignose erlaubt, die 
«oost nicht gestellt weiden kfinnte*). 

Fall I. 

Biiierui, geb. iSij. kiu StictbiuUcr hatte mehrere üc- 
KiMicn lanir maoiidie AaflUe, in den tetiics LebemjahKO 

(luu'Ui-licii einige drprc»sivc AarSlle. 

l'ulicutin w.ir von i8<'3 an «iaucrnd wegen periodischer 
Manie in ilur Itrcniin^t.ill. AnCillc reiner M.inic meist cl\^a 
alle «wei Jahre, mehrere Monate dauernd, dann alle Jabre. Von 
Mine der So er Jidire an meist zwvi Anfülle im Jahre, tm 
Sommer 1X90. hmU'Mi in fiinni in.irissthen Anfa!', ^<,ln\rror 
Uafotkaurrh. Zu glciclio- Zeit Aufircl«ti voa Halluciaatiuiien 
md Anetl, ea wien viel« Mae Leute da, hftrle Stimmen Ten 
Mäimerii, die in <^'<' Anilalt eindringen, die l^ule furtnehnicii 
»ulllcn. um sie in ciucj Höhle umzuhrin.^'cn. Gro4*e Präcoidial- 
.'Xn^tt, Mr^ihrvhcinhch im ZiuammenhaDg mit einem Herzfehler, 
der nicht mehr icchl compen«irl war. Nach einigen Wocben 
venchwandrn die Halhidniitionen . ditin lanirMme Betaeruag. 
Von nun »n Mischung Vetichinlcncr Anf iir- : rri itiiicher Wahn- 
«idn, melaocholiacbcr Wahnciun, einfadie, zum Tbeii etwas 
kraniofla, tun TMl flotte Manie; alle meist von knner Daner, 
»licr sehr häufi;;. 1H99 I linz-l, " Ion ilftitlicher Ff-i heinuiiEcn 
Tun liirnatrophic. Tod an Carcinom eines Näruj 11. V'III, 00. 

Pal II. 

Arlviislehtetita, fab. 1S47. Kne Sdnreattr mebwciloUadie 

Selbstmörderin. 

8. VIII. bis 14. X. \)0 im liurghiilzb «rcgen eines verwirrten 
TtBHmsnstandes mit Gewaltlbtttiglccil, Idccnflncht. NachtriRlichc 
Erinnernne an die wiiUfchen Voritommnlsw felilte fiut gant. 

dagegen erzählte I'alii-nlin von einem wunderbar sthöncn Traum- 
kfacn. Es war ein grtiMes Arbeitsfeld da, für dos nicht genug 
Leute aicb bnden, sie bBrlc die Leute singend von den Alpen 

kommen 11. s. u-, Wfdiicnd <ler Bcsicriinj «,ir ^ij nur sehr 
allmählich von der Irreulital dieser Erscheimii);.. jj ,-u ul*er«puj^-n. 
Geheilt. 

189^ kun dauernde Aufregung, die tUausseo überstanden 



2". III. <)8 ins Burghi'Slzli gebracht mit iler Diagnose; Para- 
noia (chroniai. EntwklKUe ein ooot'uses Wahnsytient, das sieb 
auf wirkliche DiReienien mit dem Vormund ihres Sohnes 
/tjg. Daitf l" ! I I 'enflucht, Hewcgimgsdranj; , goholK-(ic Stitii- 
niung. V'icic H.illucinationen und auf der HUlic dci Ki^niklK'il 
aeitwrciae Verwirrth'^il. rit-licssert cnllasscii, 13, VII qS. 

37. I. 99 bis 13. VIII. 99. Manie mit weniger hervor* 
tretenden Hanudnationcn. Gebessert 6. IX 01 bis t$. XII. 01 
M.nnie ohne Il.illurlnatioiien. OcbT-svrl riill.i«-sf n. 

Der erste Anfall der Patientin war ein reiner Traumzusuud, 
dann kam eine halhtcinalorisclie Manie mit einem fes^halteneot 
weno «neb confiiten Wahn^ystmi, dann einfache Manie. 
1-all III. 

Hausfrau, geb. t96$. Mutter, Vater, Bruder geisleskrank. 

Körjrerruh m .v, M! I , ! •;(,■ gut <'iit« :Ii< ll. 

Melanchitlic nacti Ktktaukuut; der Muller, ca. 

*) Die Krankengescbichten werden ansnihrilclier publicirt 

von Frl. Kabinowitüch in ihtci Dissi-rlaliim (Itter das {{leichC 
Tbema, deren Druck stdi etwas «ersd^rt. 



nach dem 1. Wochenbett lekhte Melandiolie. t899 in der 

4. Schwär^ rscV ifr i-/irt -f Suiculvcrsuch Nach dem Wochen- 
bett mi April 99 SchUillosigkeit, 4 Wochen später dcuttirhe 
aitehmcholisclie Verstimmung, dann Tnmmsuslaod. Fast alle« 
wird illusionistisch verkannt; Ha!Iutin.i(ioncii des ncsichles; 
befliulet sich in einem Zaulicrgartcn und reaj;iit dcmgcmiivs; 
üeitweisc \°erfulguttg^> und Beiächungtvahn. Hutisimu, Nah- 
rungsverweigerung. 

Nach dem Anfall tiaumhafte Eriimcnng, nbrnanisdici 
Nachtladinm, Heilung Eadt 1899. 

Fall iV. 

Kiavierlehrerin, geb. 1854, eine ädiwcsicr vorAbcrgcbend 
adiwermttlhig. 

.Vit J.ihrcn sehr nervös; grosses irterusniy<»m. Simm<-r 
1890 bis April 1891 Zeiten nervfiser lürscblitllung mit hoher 
Reiibarfceii Dann Sehlallo«gkeit; etwas spüler tSglich henige 
mot rli. Iir Aufregungen, verwirrtes Reden; daneben ruhigeie 
ikunden mit einer gewissen binsicht gab an, furtwährend 
Stimmen mi hOren, welche sie verwirrten. Im Laufe des Juli 9s 
ruhiger. d.inn etwas läppische Eijjihorie. 

3. IX. 91 vollständig geheilt cntkssen. Erinoctung uur 
an das letale submaobche Stadium vorhanden. 

1894 vier bU ffhiT Miüi.iio jl.i.her Anfall. 
>i- tV. 9ti einige Tage Ovpresüiou, Scblallosigkeit. Dmiu 
Sieichcr Anfall wie frtthcr. nur nebca den SitmmeB Halhid- 

nationcn der nii brin Sinne: Da» Bett brennt, es wird imnu-r 
grüsscr, chenu^Ji', ütir.sie steigen .-»uf. Ab und lu lichte Augen- 
blicke. 

Ende April bedeutend rubig,eri beschäftigt sieb, doch etwas 
hbil: Hast sich von der krankhaften Natur der spottenden 

Slimiucn Ubefieugcn. F'.mjv i l n :'; ilIl'.i^;, (l;i['.tli?:n Bc^ichunps- 
wahu: die Wärterinnen sjKitteu über sie; sie wollte nicbi ia 
eine bestimmte Wohattog gehen, die Leute würden sie auflteaaen. 
10. XL 98 gebessert ealliuien: diautaen FtflUing 99 guu 

gch<:iit. 

Aof.ine Kloo neuer .Anfall, lo Monate in einer Irrenanstalt; 
dann gebessen in Frivalpdege, wo sie allmüblich besser wurde, 
so dast sie für gewtlbniich normal eredieiBt, nur dann und wann 
— für Stunden oder wenige» Tage — wCBheelnde Vetlblgtinga- 

wahnideen. 

Fall V. 

Sdinridcrio, geb. t8;s. Uiwhelkh. HereditU ftaglkh. 

'< VI. 05 bi) 29 I. 9fi ueg<'n eines dem jetzigen gidchcn 
Aiilalls iu einer audeiu Irieuan^lall. Gclicdl. 

Fat. kam 10. X. 99 ins fiiugbShdi. Aniängs Manie mit 
vielen llallucinalioni-ii und lliusiuneii, namentlich auch des All- 
gcmeingetiihls (glaubtf sich gestochen, HcrUhningen machten ihr 
Schmerzen), aber auch -iller aiideier .Sinne, horte Ik-schimpfungcn, 
wurde verfolgt. Nach und nach wtnden die Hailuanatkinen 
und Vcrfolgungsideen das Hervorstechende; Pklientin sprach 
wochetdang nichts, als d.iss sie ü hinipfle, v<>rkroch sich unter 
die liecke; oft gewalilbidig. Didm gaiu unregclm&ssige Ab- 
wechslung von ruhigeren und unruhigeren Zeiten. Nacb und 
nach Beruhigung. Noch einige Monate laug l)ci durchschnitt- 
licher Ruhe und tleissigem .irWilen plötzlich Aufregungen auf 
(iiund von HalluciDntionen, namentlich <les tiehnrs. an die sich 
Patientin nachträglich nur undeutlich oder gar sieht erinnern 
wollte. Die frttherm dnucmdea AafrcgingKusiSnde waren fast 
g.inz vergessen. «>. II. oi in Heilung enlbtaen. Orauaicn 
uornial (bis IIL oi). 



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124 



[Nr. II, 



Fall Vi. 

Schqdderia, iteb. 1S39. Grauvater mütierliclicrMit« ,im 

Aller geiiicskrank'-. 

Usicr aotiercn Krankhcilea hat Patical im i>. Jahr «ine 
M«niaei(it mit 6wacheDtli(her BewiiMtlMiebeil dunlif^macht, 

später S|iomlylitis msl Urin] ihmung«) iin.! iti t-iw tu / ,i ■ itni 
Anfall deradbui auch mit Lähmung der Zun(;c unii *-ines Armes. 
HciliHir der moloritclieii StBvmiK und der Spoodylitit. 

1X64 nach dem Tode der Mutter melaacholiiche Vemini- 
niunj;. 1869, anKhlies!ien<l an Pocken, ertier etwa eto h.ilbes 
Jahr dauernder Anfall von hallucinatüriMheni Irresriii, iliciU 
mit GewüHthtligkeilen nnd gebobenw Stimintioe, IbeiU mit 
melanchalieclwm Charakter. 

187(1 biv in iIl'- . r T-'hi<\ Cis' .ir>' Idifiscnd 

an die Mcnstruaiiun. ein delirif»*« Anrnll; S li|.«(lo«igkcit, Ge» 
Mcbtahalltadaattenen susammenhlflgctider Scenea; bald namco- 
\nsc Angn, bald Gereiztheil, bald gehobene Stimimögr daneben 
Beziehungswahn. 

Nach und nach lösten sich die .\nrülle i^an/. von ck-r Mcn- 
«truatioo ab, <ie wurden Viügtr, aber seltener, 2—3 im Jabr 
von 7—3 Monaten Dauer. 

.V hon von A[if,%nj» an nel> r il'- i h itliicino»en ZusiÄiidrn 
falsche Lteuiung der L'mEebunj; in rcindlirhcm Sinne. Naeh 
und nadi wwde die«« Syntpltwn hMiKfr; viele AnClIle — die 
meisten der letzten Jahre — verliefen fast ohne HalludMlionen 
nur in paranoider Form. 

Stimmung immer entsprechend den llallutinatiniien. 

Dam und wann, naaientlicb in den frttiieren Stadien, Zeichen 
von melanchoiladKr Hemmung und Defimnon oder von ma» 
nti^ciier lde«ifliirhi, Rf « ■■j;:tn^'iili hk;, ijcti' iIj. n'" Slininuirii;. 

In den Intervallen vollständig arbeitMähig, einsichtig, wenn 
auch etwa* gexierl und sIHwHch. 

Kall VII. 

Landwirth, t;el>. 184a. Zwei Tanten und eine Schwester 
mdtlMlicber»eits gei&teakrank : ia den Ictclen Jahieo soll noch 
e)ne Schwester geisteskrank geworden «ein. 

Von jeher etwas sonderbar. 

1H67, iichl Monate ,tobsUchti>;cr Aufall"; pehfill. 
vier Monate lang ,meUiii:holi.M:h-. (ieheilt. Kndc i«!So hatte 
Patient da* vSleriiche Hau« in Brand tu stecken versucht und 
«dl rioen Stich in die Hentgegend beigehrachl. Seitdem nun 
cinr v^iiii« An/iihl von Anr.lllvn, die meist riiiucJcitot werilcii 
durch ein Irii hte» DkelanthiiH.'.Lhcs Stadium mit bruUleu Sclbat- 
msrdveiaucben, manchmal auch durch eine auiralleode Ndguag 
cum Lachen. Dann t;)uchen die Wahnkleen aus den frOheren 
AafSlIen wieder .-»uf: hiemuf kommt Hn Stadium von mehreren 
W<xhcn oder Monaten Dauer, in welchem das Bild »on Hallu- 
cioaliooen beherrscbt wird und der Kranke uogemeii) gewalt- 
ih3il% iit. Zum Theil interkurrent iwiechea den Aufregungen, 
dann al>er namentli Ii n i< h^' r. M locar t — 2 J.ihrc lanj;. 

treteo die Halliicin.ttionen canz zurück. Patient fülül «ich al* 
VoffktapTet der protcstaDiischen Kirche, fdi reibt eine Kirchen- 
verfajntni: und Ge9chichts|>hilo^o[<hie. treibt Politik, macht allen 
Behörden Vorn-hrlftcn, k-ßi um t;rosiem Scharfsinn die Bibel 
au* u. ». Vf. Die Krankheit ist dann sehr xhwcr von einer 
typischen Paranoia zu uoter»cheidea. In einigen der ruhigen 
Zwiscbenaeiten Uöben diese Wahnideen, wenn sie ntich ver^ 
?;riiiilirht »eriien, in andern er<«;he''ii 1t Ki iril; v t'-i'irübj; 
)>e^und, »ehr IhAtig, arbeitet sich mit aussergewrihnhdieni Geschick 
in die nnchicdcnflien Bernlie hinein (Dreher, Mechaniker. 
Glrloer n. s. w.}. 



Die Ucbei^;in^r zum .'scliliiiiiiicu, uit: .^utii Guten, kiod oft 
Twht plAtslich. 

In rrühorrn Anlallen wll PatJenl manchmal etwa» benommen 
gewesen sein, -H-it |8SI> fedenfalls flldlt mehr. 

Die Frinnerunj: an liie Anlallr; i>t eine k,uIc. 

Gelegenilich zeiglen sich Andeutung^ des maniachcn oder 
mdancholisdien SymptomenernnpleiKH, an dcutlichsien im Sinne 
•Irt K rüpelin'schcn Miachflille: Hemmung, Enidiorie und 
inatürijchc Aufr^ur^;. 

Fan vm. 

Landwirth, geb. iXjt, V'atcr hat sich ertränkt. 

Von Jugend auf etwa* schwachsinnig, frOh schon zeitweiat 
riietancholiseh oder hallucinirend ; dann arbciUacheu, wander. 
lu.slig. Ohern.Khtelc Im Krcien u. s, w. IJ. Mai 187? bis jS. No- 
vembcr 1X73 wegen einer i}'pi9cbeo und sehr starken melan- 
choHsdien Depressioa mK Venttaidigungswahn und Hemmung, 
aber ohne n.ichwrisb.ifc Hallucin.itionen, in Bist^'j- .'/H. — HI. 
7K bis 2. IX. 7<) « ieiler im Hurghi'Uzli. Hallminaiorischr .\u(- 
regung, vorwiegend ah Verfotgler, Susnerlich abwechcelnd tobend 
und schimpfend rukr wortkarg vor sich hinbrtttcnd. Gebessert 
entla^9en. 1KK3 v«iii einem Spedalistcn dniussen als chrorjische 
PararKiia ouch klirin .n ^xsihirkt. Schlief schlecht , Antwuriete 
Stimmen, die ihm uiitcr anderen sagten, er werde gctOdlct. 
Arbeitete aber fleitifg, war vollsllindig orieutirt. 

Von 1884 — 87 volle Kins>irht. normal. (Vt. H7 l>i% Sommer 
wieder Stininnu, d.inii Gesichtsballucinaiionen und illusioiKn, 
Veigiftimgswahn u. s. w. Wochenlang Tag und Kackt arg auf' 
geregt, läriiR-nd, {crttSrend, bestSndig ballttcinirend. nicht selten 
manisch <ind mel.uicholtsch. Dann normal bis 1H90. Ilieraiir 
li-irlnHcki^r elwaa soaderbare Lui»lia)fo, anschlles-^nd daran 
etwas gereist, schien ein wenig benommen; dann Iiis Nov. 07 
halkicinatfiriacher Zustand, bald anfkcregt, bald stiglnglicb und 
geordnet, je nach <lern Vorhandensein der Stimnu i;, iililn ^cli. n 
manisch oder depressiv, Stimmung „»bhiogig von ilen Hallu- 
dnationen.'« 189*'— 97 normal^ 97^99 wtodcr abwechtciad 
ballucinirendT geu'alnhSiig uikI ruhiger, von da bis Herbst iqoi 
normal Jelil. \Vint«-r i'»oi 2, wi«lcr hallunnatorisehe Auf- 

In den froheren ruhigeren iieiten hatte Patient etwa einmal 
ganz kurz dauernde Aurresuagen, in denen er etwa eine 

Sense vcrixiy, einige Stunden stumpf vor sich hinbrütetc und 
dgl., in den lelztcu lojalireu nicht mehr. In den kicmeo An* 
Ollen enchien er etwat bcaemmeo, hatte abcf fule Erinaening; 
an die cr^s^tt AnfUle hatte er nachher eine etwna vcr- 
schwummcuc Erinnerung. 

Fall IX. 

Kauersfrau. Keb. l8vi. Mutier geiateskr.tnk ; Onkel, eine 
Nichte und ein enUiemterer Verwandter, alle mütterlicherseits, 
Epileptiker. Ein Bruder ertränkte sich, ein Soha imbccilL zu> 
jjleich in Dementia pr.iecox leidend. (Vater deswillen war 
Trinker, bat sich das Lehen gcoommeu.) Pat. war in* 
tellcctttell achwach entwickelt. Mit ao Jahren erste Paychme 
ohne iiilhcro Nacht ichlcn. 

1885 kurz nach einem Abort wcfcn leichten, manisrlicn 
Anfalls im Burghulili. L'ngebeilt entlassen. Seit 1S87 in 
Rheinau, dort abwechselnd depressive und lobsuchUttige An- 
flille mit lüntrereo und kürieKn f ntermissionen, in welch letzteren 
sie .«lier jei» ii tr Itlr wenige Wiichoii — oder ac Ii i: ir 

nicht — aut eine Art noroMleu i^usland kam, in dem sie valic 
Rrankheilieinsicht hatte. Dauer eines Cyklus wUhrcnd langer 
Zeit etwas mehr als «in Jahr. Prtlher mtuien die nornalea 



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I902.] 



Zcim Bagsr itwmia tda. Die^KnoIce hat aauJ (Arintbet, 
du ivell« mal allenliBci In nicht guic normainn Zulande. 
PM, hflrle Stimmca , haiic Vitionen , vor allem aber aebr 

lebhafte }Iiui.ioRen des Gesichte*: verkannte Flecken an der 
Waod «Ii Cbrültts (in trcnchkdcncn AaflUlen wieder in paut 
gidclier Weiie>. der lu ihr tprachi tie toihe Sdampt Iftehta 
und Acbolichcs : ruhig hänKcude Wlkhe Sah de Ar mwObcr- 
cpäuicrende VC)(d an uiul itcrgL 

Die ReacKon anf die Hailudaation halle immer etwas 
Triebariices , PllttlUchea an licb. In R>rlancholi<schcu Zeiten 
einige Suicidvenuche; in den maniMrhen l'rügeln. Schmieren 
mit Speichel, manchmal auch mfirriscbes sich Zurücliiiehafi, 
das nur in Toben abcrgebti wenamaa etwa* von der Patjeolln 
«ünscht. 

In (Kn Irlzli-;: ]jtirf n fiiilt gehol>ene StimmLiip 'jiul liIccR- 
flucht nwist, während die depressive fbaae Andeutungen der 
nehwcholildieii Symptamenlria» tdgt. Immerhin apielen di« 
Stimmen die Hanptralle. 

Fall X. 

HCrüenagent, geb. 184". Tante, Cousin, Cotisine vMerlicher 
Seite „melitncholitch". 

Still. sOchtig. solid. Febr. 89 Scbl^ilojigkett, Aengiilicb- 
keit. Mai 89 Beaichungi- uod VerfoJgimgtwahn: behommt 
<iiA. man will ihn betäni.en. um ihn \Voch»el unters Jirciien 
zu Lassen. Jedermann meint ca idiiecfat mit ibin. Schliesulicb 
wifd lotoMgen alles, was dem Knollen begctDct, anf sich 
seihst belogen im Sinnr Verfoipingiwahns. Rheumatische 
Schmerzen hat ihm der Aril gemacht ii. 5, » . Vom Sommer 
1890 an volUländii; nortnal In« M.tri 1898, Er hatte teioG«- 
•cbAft ausg^ehni und mit Giücli (^efitbri. 189« nach Operatioo 
■«nes Sohnes ObermSisig bckOmmert, Ungatlich, •chlaflc«:' nelaa- 
tholiscbe Vcr»rniunK»"dccn, die alier [tM vnltsi^1ndit> vcrdräntjt 
wurden, von VerfolguDgfwabn : «Itc iw)eio«ten und die grössien 
VovfcommBiBae deuteten darauf, «taas man iho verfolge, ihm an's 
T.cl>cr, wolle. Er imi»«tc auch für alli? Lr-ule einitchcn , die 
irgciiil etwas für ihn thutrn. FOlill >ich unMrhuldi;:, mit seilen 
eine niclanchuliMrlie VcrSUndigun|;$l<t<'i'. 

Febr. oder Allra 1900 ziemlich laKhe Besacmng. Völlige 
Einsicht. Hyiiemanitrher Zustand, anfangs sehr deutlirh, nach 

und ».ich :tl)klitii;eiiil. I';>tiriil lUlirt ie'\t Ht-rlxt l<)OI sein Cic- 
scbilfl wieder, wenn auch iut uoiereo iUtb in vcriniiHlerteai 
Umteige. 

Der paranoide liih.ilt ili-r Wahniilivn li.Hlc in dii'üfin Fall 
eine imheillj.ii«- Krankheit annchiiKii la>si-ii ln\ ZNveilfn An- 
fall licss sifh aller nadi un^ffcm jetzigen Wissen die I)i.if;no«f 
der pcriodiKben Kraakbeil leicbt machen: Hemmui^ der Ge- 
danken, Maflfrel an Ablenkbariceit, besUtodiges Rnminiren der 

(•Icii'hen Ideen, vnll«tiin>li;;cr M.inj;cl an Irlitiatnc. tv ~; I r m- utij; 
der moloriücbeo Acotterungco auf AngittauHlnkke, (be»iündt£es 
Hin- und HetKehen ttn Zimmer bei Abueigung ins Kteie lu 
gehen, iiiiaul ln-rlKiiM Scluvaueii iili< r seine Wahiiiilr'jni; im 
Be(finn ichiiriii-n di«- Anfall»- ^cwidHiliLliu ni'dadi holiscUi; /u «c-iii, 
einidne \V'abui<ieen mit nu lanvli'>;i>chi'ii I'indire knnnnt-n auch 
spftier vor, und die »laniahaliache Exaltation nach Ablauf de« 
sweNeu Anfalle dcOKMalrirte die klMache StcUuag der Kranh- 
h«l so recht ad oculoi. 

F.itl .KI. 

Scbieiocr uod Ols*er, geb. Vater uod ein Bruder 

Potator, Mutier sehwennlltbig. 

In der Jugend i;iisti^ und k?ir|wtlii~h etwiis schv-lchllch. 
Vor dem 1 2. Jabr Masturbaot. Lief voi Beeodii^ung der Lyehr- 



125 



seit fcnt, hielt es aiigends lauge aus, meist wegea Trunksucht 

fortgeichickL Will atisserehelich wenig mit Frauen verkehrt 
haben, hat mehrmals, zum ThctI im angetrun ketten Zustande, 
kleine Madchen miMbraucht. einmal auch cineHümlin, 1885 
deshalb im Zuchthaus. Dort fond er ca> 1886 in aUea gleich- 
gOlHgeu VoricoounnbBeB aOerhand „Zeidnen", die ihm sagten, 
er nii'issf- mit einem Vs-Jniiiiton Mrid^li-jn i:i sirii'.mrUlt 
coiticren, und sie dann hciratbcn, sonst werde er geköpft. 

Nach der Eathssunif aus dem Zuchlhaua 1888 lief er im 
Raiivh von '.vcitViiT iiicIirinaU it; die SIrafanslall, um ■!.!> .MdJcheO 
heraus xu vexlangen, wurde jewcilca nattkrltcb fortgeschickt. 

Ntn ca. % '""8 Trinkerleben, wXhiend deaaeu er 
mehrmal« tsmelang andauernde Thicivisionen h.itle. Dann Ab- 
stinent, verlichtete auch auf die Ooaitie, bcsterte rasch, hciralhcte 
1889. ütx-rnahm ein eigene« Geicbltit, dae er in die Hohe 
brachte. Ea war Obeihaupl etwas AliaoniMa au ihm nicht tu 
finden. 18^ kamen die .Jletcben" wieder. Patlect fing an nt 
tniiKcn, Ii. 1 ,11 jin:<;tni:i5irnem Zuslaruli- nn-linn.il- io die weit 
entfernte Strafanstalt, um das Midclien heraus zu verlangen. Die 
Zeichca sagten ihm dann, es sd andetawo, SchUiaalidi, lt. 
XI. 98. rnai htr I'.itient ein .Attentat auf eine Unbekannte, die 
er f(tr ibii ln-tHiinm hielt, aber erst am 12. III. 99 kam er in 
die Anstalt. 

Daselbet voUstündig orientirt, enthltc nihig und geonloet, 
sab aber überall die Zeichen ; meinte, das Middien sei im Ver- 

walturg»buTeau; dann und wann <itärker aufgeregt, wurde ge- 
waltlhitig, weil man ihn nicht ru dem Mädcbeo gehen iiess, 
' tot """^ Gcaitalien ans den Holen, waUie sogar die Aeiste 

mi'ihtauchrn. 

Im Oktober U() r.ischc Besseiunj;, volle Kiusu-hf. Heilung. 

Hcwegungadiang wie Hemmung der MotilitftI fehlte; an 
Gedsokengang war nur das auAallend, dass Patient auf der Hobe 
der Krankheit ni keiner Weise ablenkbar war und Gegenvor- 

tlellunCPn spurlos an iliin v irnliLr;; nft-n Zu dt ri | .ir.irn'iil-i: 
Wabnvoi Stellungen kam noch die melancholische, dass er meinte, 
er werde gckflipft, wenn er das Midcfaen nicht branebe. 

Bei allen Berajiiden, mit Ausnahme des leUten, 

finden wir deutliriK- Xpithcii des manisc !i-(lo|>rt»ssivcn 
Irreseins, seipn »-s t\{>is<iii' Anf.'llle ml>i-ii den 
vesanischeii Stütuitgoit, sei es dass siih zeitweise 
manist'h-depreüsive S^'roptdine mit dem Wahnsinn 
misc-]i<-n, wenn sie «iiich r>ft längere Zeit nicht nachgu- 
wois< ii sirul. 

Nur im Falle 1 1 kann iiiuii »icli fragea, 06 »ie 
vorhanden tiind; doch entspricht der Mangel an Ab- 

lenkbarkeit, di«- Kincni-utig iler (icdank'en auf einen 
ganz klciiH-n Kreis bei fiuler Orieiitiiiin}; tlunhaus 
dem GciiaitkcngHiig U:i nieiiiiiclioiiücher I,>e|>rcäsion. 
Ininicrhin wagten «-ir vur der Heilang bei dem un- 
siiiiiiü« 11 , iiieUiiiim 11 Iknclimeii dt» Kranken nicht 
Hill .liier Siihcrlicit die Doineiiti.i prat-i.i.x ;nis/ii- 
»( :lilie.\scti , zu welcher ilie DLscussiun^uitfülii^kcit dcü 
Kranken ja ebenfalls gepasst hatte. 

Bei mehreren Fallen sind liallucinatorische und 

pantiii 'ide Können peiiiis« lit. Kine jrrosse Ri illc spielen 
die (jcsichtüiilusiDii cit .sicher in den Killlen H und 
wahrst heiiilicli beruht auch bei andern Fallen ein 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WÜCHENSCHRltT. 



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126 



PSYCHI ATKISC i l-NEUROLOGISCH E WOCHENSCHRIFT. 



[Xi. II. 



T1m ii .h l In (Tikltcitsirlebnisse auf Illusionen und nicht 
bloss auf Hiillucinatiuneii. 

Fiiie „p h <i I oj; r a p Ii i s I Ii c 'rrcuo" ilcr vor- 
^<clll<.'llc4)«:u Anfälle ^cigt sich iiii^j^ciicU. Dagegen 
treten titt die gleichen Wahnideen. Halludnatiimen 

uiiii III iv; iM-i, wiciirr auf; 'ut-i 7 uixl .h Ix-zcii !itii-tc 
iViv \\ i<-it< r.<iifii.ihiiic fiuiicr get»ildcicr Wahnideen <>fi 
den Beginn oim-s Anfalls. 

Wie es niclil »eltcii i^t, dti»^ iiitUcii iu dcit Inlcr- 
missionen des gewnlinlichen n^anisch-defiressiven Irre- 
seins all nn<l /.u klirx dHUcrndc ni.inis« lic 'nicr tuclHn- 
rln .Ii» htf \'fr>tnniuiinj;f n Mtli l)t-nici(>l>ar niai licti. m; 
kuiiiiiicik auch hier mitten in vullcin \\ uhil>c/iiKieM 
einzelne Hallurinationen, dnzelne Bcxichuitg^» oder 
Vcrfiilgungswahnidecn vor, die aber pniclisch meist 
oIitK- BciUulun^' sind. 

Dil- F;i!le 7. H, 10, II wunlon vi.n S]m'( iaiistcn 
älü cliroiiiiiche raranuiu Hng<»>clien, FaJI J vi>i() ein- 
weisenden Arste. Eine genauere Untersuchung; auf 
manisth-depressive S\in|)ton>r liiitti- daMir Itcwahruti 
können. F.* sei nidess aii^iliin klii Ii darauf .luftncrksani 
geiiiat.lit, daiö am Ii gelcgeittJich ein l'aranuikci im 
engeren Sinne mal vorübei]gehend melancholisch werden 
lumn. Manien bei echten ranihMikern hat Vt-rf. noch 
nicht i;i-M'licti, CS srliciiit iiiin al>cr ni' ht aiisi;esc!il< issr-n, 
liasi Manie uiul I'aian>.>iä auclt <»umal den gloichei) 
Fat. befallen kftnnen. 

Bei N<<. i, .s und 11 waren wir selbst im Zweifel, 
ob nicht Dementia praecox vorliege. Ob das sunder- 

liare l^rn* hrrvn nur auf tialliK inati iri.srln,-t Verkennuiv^' 
der L'in^cliuug (3, 3) und Mangel an Ablciikbarlteit 
bei einer heirschenden Wahnidee (11) oder dann 
auf der Nlr Dementia praecxix rhamclcristischen Assu- 
l ialionsstörunL; hcr-i? i l-tsst si« h elion .si hwcr ent- 
scheiden, wenn die Kranken unsere Fragen ukltl be- 
antwarten. Immerhin mrd die gemachte Erfahrung 
sp&teren Fallen m gute kummen können. 

Bei Fall 2, 3 und 4 war die Auffassung der 
Umgebung'. r<rsp. «Irr ..Bcwnsstseinszustand** 
ein durchaii«. traumliafler; die Rrini\erun<; war 
nicht vollsUiiidig. Fall 5 »ducii oricnlirt, die Kr- 
innerung war aber dennoch eine schlechte. Fall 6 
zoiylc Traurozustaiiifi- ndxn AnMIIen, in weichen 
Pal. sfhr i;ut i.rientiit \\-,ir: die F.iinnerung war iinmer 
sehr getreu. Bei Fall 7 wurde nur einzelne .Male 
„BewusataeinstrQhung*' nolirt, aunst war der Kranke 
ganz klar iiiul inipinirte als ( liruiiisi her I'araii' liker. 
Kbciisi.i waren 8. <), 10 ihkI i i .'iusscilirli immer gut 
orientirt und tutttcn ziemlich gute, oder sehr gute 
EfinDerung an die krankhaften Erlebnisse. 



Bei 7 utul o kamen neben %"llst;indiL;on Inter- 
missi^'Ueii oft nur K<:inissMnr>n vor, in denen lioi 7 
die Keiübarkcit und Neigung zu I lallu< inati< inen, bei 
<> die Wahnideen ni«ht ganz verloren srinpen. Bei 
Keideii iiiidejen die i^anz !!■ irmalen Ziislilnde i;eratlezu die 
Ausnalitne, Bei S iiesi.md ennnal ein ineliiere )alire 
dauerndes piU'ant>ideb .Sladiuiii nnl voller Arixjilsfatiig- 
keit, aber einzelnen Gchr»R>hallunnatjoneit und un- 
koirigirten Wahnidectl. 

Inwicf- rn riiR' Mi!Ut.'lndi'.;e Corrertur disr W'alin- 
ifleen n. itlnceiuiii; ist, um eine ,,[|i-iiniii: v<iin .'\nfali" 
anzuiiehnieii, iäl mir überhaupt n<u li nichl klar. E% 
l>enndet sich jetst ein Prtiferaiitr der Plnlokigie im 
Huicbi'il/Ii. der als Siiidoiit eine manieartiire .Aufregung 
<liii'< iif;emarlii li.itle. der u;ei;eiiiilier er wahrend 50 sunst 
ganz nuruialeu Jahren nie Kraiiklieitseiiiüichl ge/.eigl 
halte. Jetzt leidet er an Dementia senilis. 

Ein anderer Fall, bei dem die Diagnivw oflen 
j;elassen wi rdeil nuisa, nia^ liier ans^efülirt werclen. 
Kine in Rheinau vers. ir^te Kranke linite w.'ilirend rines 
laiigci» Lebens inunei luclnvuM hcntlalie l'eri'Kjen 
von Itexichungswahn mit Gereiztheit, abwei'^ltsclnd 
mit normaler Genuithsstinununi; und mmnalcr Auf» 

fassung ; diieh war ilie Palienlin — wenii;s)ens in 
den letzten Jalir/ehntcn , aus denen alieiu genauere 
Ber)b:ii iitungen vorli^en ~-~ in den Zwischenzeiten 
nicht im Stande, die Wahnideen zu > • irrigiren. Leider 
wurde die nun versti irlieno Kranke nicht genauer 
auf inanisch-tleprcssive S\inptoiue untersucht; es ist 
mir aller wnhrscheinKch, da»s auch dieser Fall, troti 
seines Residualwahnes, hierher gehArt. 

Interessatit ist, das« Fall (> zuerst den Tyiins einer 
meiislniellen h'ise z' |Vte, w.'lhiend bei N<> \ dra- 
viditüt und VV.j< henbelt und bei N". g ein Aburtus 
Anfalle auslösten. K r a p e I i n's Auflassung der men- 
struellen und jiuerper.ileii Manie wird durch ilicsc 
F.ille. wie auch durch andere, weiche ich lieubaclitet 
liabe, gestüLzl. 

Warum in den einen Füllen von inaniüch- de- 
pressivem Irresein Wahnsinn, in den andern Manie 
oder Melancholie auftritt, ist vorlaufig noch nicht zu 
entscheidetL 

Die 1 1 e r c d i t a t ist in unsem Fallen wie Oberhaupt 
bei niariisch-depressivetn Irresein eine c;Tosse ; bei 
l-"rtU tf UbtrUitll wohl die Meningitis die leichte He- 
redität (dem. senilis des Grogsvaters) an Bedeutung. 
Ks liaiulek sich .>onst inuner um < ieisteskiatikheiten 
in <ler Familie; ob am h ]>e r 1 ml 1 sc h e (jeistes- 
krankheiten, lüggt sich leider uiciu entscheiden, ist 
aber wahcscheinlich. Beachtenswertb ist das Vorwi^n 



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1902.3 



der ndradtolfKfaai Stfiraofoi bd den anderen Fa* 
miliengSedcm. *) 

Kesume: Es gi«bt haHudnaloriarbe und imra» 

ii<>i(Je Waliiisinnsfoniicn , <lio F.iii/.el.iiif.'ille des me- 
ciutni^i Ueprcsiitven lrreseuu> liarstclten und gleich- 
wecHüg sind den manischen rider melanrhMigi'hen 
AnOllcn dieser Krankheit. Die iKiranotden Formen 
kruiHcn inaiK hmal eine rln« >ni>» lio \'orni("kt!if it vor- 
täuschen. Ihre Zugehörigkeit twn iuatii.scii-duprcäüivei) 
Irresein wird bewiescai durch den dieser Krankheit 
eigenthflmiicken Verlauf, den Mangel an Intelligcnz- 
atOnin^ in den Intermissi<inen, die MtschuDig mit 

•> Uober die Heredität Iwi [HTiodisrKciii (rr«ciii vetj[J, : 
Siolif Aich f. Ptych. i6w Harbolla, diickle Vererbung 
«on GeiMMkrankheileo. Bf«alati, Diu. 1893. Fit ich rn, 
Bcxichuii(; iler HcrediL»! zum ^leriodi^chcn lrrc-:in. Müii.itMclir. 
L Ptycb. uad Neurologie Bd. Vll. Weysandt, 2citKhr. f. 
rkychiabie, jS. p«. 493* 



127 

maniach-depresmven Symptomen, die Mischung von 
manischen, resperlive depressiven Aniftilen mit den 

VL'^.lIli^< lii-i) tjfiiii ^IcidKii Kranken und wyhl auch 
(iurih die £;l<.icliart)^f 1 Icroililiit. 

Die (Jrujtpc iivs iiiaiii»i h-ile|>rv».-iivcu »«der peri- 
odis(.i)en Irreseiits uinl dadurch noch etwas grosser 
ak Ml- lion war. Das i^l wihl kein Schatk-, ««.tu» 
audi lit t Naini- nun wi< d<-t lui lit gnt /u allen Fällc-n 
jiai&t. Das Wcscntliclic- lal aber iiichl der Name, 
simdem der Regriß*. und dieser muss als ein einheitlicher 
Teü^chalten werden, bi> es einmal ^(-lingt, innerhalb 
der <;rivf«(-ii Masse das Auftreten der zur Zeit im- 
wesenlliih erscikeiiienik ii Ditrcreii/.eii zu erklären. 
Vurlüufig aber hSit der gleiche Verlauf, die gleiche 
Hcrc*Iit;U. (Me AnswLi lisulliarkcit der einzelnen Symp- 
tome und Arifalle beim eifi/i Ineti Kranken «ie von 
l'all m Fall die üruppc j>elir gut /.usaiumea und 
grcnjct sie sugleich gegen alle andern Pii)-chosen ab. 



I^YCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCH£NSCHKlFT. 



Mittheilungen. 



— XXV II. WaDdcrversammltuig der sOd- 
weatdeutstchen Keurologen utMl Imnlrzte in 

Ba<l( ii-B.i ien arn 24. und 25. Mai IQ02. 

1. H o f f m a n n - Heidelberg : 

a) Ejn 1 1) jahri'n'es Madchen war ganz allmählich 

erkrankt tnit /i« Isenden Extremitatensi htm-rzen, Paresen; 
Stellungsancimalic der H.'lnde ; Atrophie, HerüUscliCUiig, 
Stellenweise Eii^hen der <!!ektrischen Erregbarkeit 
Patellarreflexc S4 hwa« h. Die NerveiistSrnme, b< '«>n- 
ders l'lnaris, Medianus, Kadialis v^aren auffallend 
verdi< kt wie ein Bleistift, hart und etwas «Iruekem- 
phndltch. Auch die seneibeln Nerven waren in ituer 
Err^baikdt heraheeselzt. Es handelt sich tun ein 
Bild der pr< -i' -■■- ■> nfuralen iiifun-tisi hen) Muskel- 
atri>pliie, im t;t wi-,sen Cira«! eiiiinernd au die Fiiile 
Du< !iennes \on Neurili» inleistiti.ilis hypertrophi' .1. 
die allerdin^'s daneben notli tabische Symptome aui- 
wiescn. ( Krankem« irsteliunc). 

b) Kine 5.^jilhri^;e Frau klaijt seit 7 Jalireti über 
Schmerz in der Schläfengegend, Ulepltanjeipasmus, Tic 
convulsif im Gesicht Es traten nunmehr klonische 
Krftmpfe dazu, die tlas (;aumenses;el, ilie l'\ula, ilic 
hintere Rachenwand, den Kelilkopfeitman^ und die 
Stimmbänder betrafen, (Krankrnvorstelhinf; . 

c) Ueber tonischen F acialiskrampf. Es 
zeigten sieh in einem Fall im r. Farialis Herabseu- 
ung vier F.rr<.n;barkeit, snsvie !an'.:s.im eintretende to- 
nische Krämpfe ohne Lühwung. Die elektrische 
und myotonbche Reaktion waren trigc. Keuroto- 
nis<~he KiUm|)fe im .Mxlui enst^ebiet. Wabrsi heinlieh 
i&t eilt ii'ruzcss au der Scladclba^iü /wischen Tum 
und CX>longata anzunehmen. 

2. E b e r s - Baden - Baden : I> r n; 1 > ti <- 1 r :t » j 1 > n 
eines durch Operation geheilten Falles 



von chronLs«; hem K rampf der Nacken- und 
H a I s mus k u 1 a t u r. Patient acqnirirte v«)r o fahren, 

4l.<mals V'jiditii;, in ( Ntalrika .Mal.uia l'l'eiliaii i 1 Mai 
1901 fuhr er urlauUswei.sc nach Eurt'i'a uml spürte 
auf der RQckkehr Steifigkeit im Nacken imd Hals. 
September konsl.itirte Vortr. , dass der Kopf nach 
rechts unten kram|>fhaft f'iNirt war. die Halsmuskeln, 
besonders rechts, waren bretthart kontr.thirl. Nur mit 
Gewalt brachte man den Ko|>{ i» Mittelstellung. 
Beim Venuch der Recht<«bt!ii^un^ stellten sich ruck» 
ailiije heftis«' /u' kimnen n;(> h reeltts ein. Zum 
Schluck«!! imi^ste Hat. den K<'<\tf mit i!er Hand 
Sxtien. Chinin, Bromsjd/.e, Zin«-. ealerian. u. .s. w. 
waren uirkun^skn, S« opolamiiiinjektiunen erleichter- 
ten vorilberi;eherul , physikalis* he Heilmethoden ver- 
taten, Ko< her trennte Novemlier liHU ilurch 4 
Opcrationcu beide >icr\i accessuni, die meisten übcr- 
flächlichen tuid tieferen Nacken- und Halsmuskeln, 

sowie die Unterkiefer- und Zun^enbclnmuskelii rechts, 
ferner einige. Muskeln links. M.'lrz 190J stand der 
Kopf in Mittelbtelluni:, war jeiliH li dun ii Xurbtyizug 
in der iiewcglichkeil eingeengt. Fäne Ledercravatte 
wurde wei»en der F.rmttdbarkeit getrag<"n. Dun h Gym- 
nastik mit Zandeia])|)araten. .\Iassage und Suspension 
in der Sayre sehen Schlinge wurde der Kupi im Laufe 
v(in 3 älonaten frei bew<^lich, so dass er jetzt in 
jetler .'^telliing fi.xirl wi nden kann und keinerld Be- 
ikchwerdcu mehr iiiaciit. 

Diskuss ton: Sr hultze-fionn verweist auf die 
weniger eingreifende ( >|ieration von Kean, der nur 
die Nerven durcliw Imeidet 

3. Vu1piu«(-Heidelbei]g: Muskelflberpflan- 

Z u n s; bei s|>inali-r K I n d e r I Jl ti m 11 n g. 

a) Ein «/jähriger Junge Itatte in Fvigc spinaler 



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128 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. II. 



KinderlaliniuDg gdBhmten QuadiioepB und Biceps 

femorjs; aktive Beiiistreckung war unini'>glich. Opera- 
tiv wurde der Scmiinembrariüsus nach v<im gelagert 
unter Verlängerung durcli eine 5 cm lange Sciden- 
sehae. Zur Besserung der Zi^^ichtuDg wurde bei 
einer 2. Operation der M. semimembranosus in grosser 

AusileVimuijj^ auT dem nu;nl;ir'op> hrfostiL;! uiul der 
Semitcndinosus lenoinratrL t »steotoniie beseitigte das 
Genu valgam. Jetxt geht der junge recht gut, steigt 

aopar Treppen. : Kiritikcn\ ■ ii --tellung). 

b) Km junge mit Kinde; Irihmung Icniic 'lic laufen, 
Qbte sieh im Handgang. Der einzig ui u rli 1 f nde 
Muskel links, Bieeps wurde an der Tuberositas Ti- 
biae befestigt. Durchs, hncidung der Muskeln am 
Hüftgelenk gab dem Bein Abduklionsstellung. Weiter- 
hin wurde Osteotomie am Trociianter, femer w<^eo 
SfMtzfiiss Arhiilosehnenplastilc voi]^ommen. Rechts 
wurde der gelähmte Quadricep^ rlnr» h Kniebeuger 
enteUt. Jetzt kann dcrjuuge leidlieh gclien. (Krau- 
IceDvomtdlung). 

4. Se h w a I b e - Strassljurg : U cb e r W i n d u n ^ >- 
protuberanzen des Schädel». Manche Thiere, 
wie Iltis, Fischotter, Müder. L«nur, xeigcn einige 
Hirnwindungen frappant an di r SehJidelfl.'i' hr ;nis- 
gaprügt. Beim Mcnsebensthadcl kommen besonders 
die musicelbedecktcn F'urthicn in Betracht In der 
Oocipita]gq;end findet sicii die Protuberantia oerebel- 
lan», manchmal sogar eine Protnberantia vermiana. 
Datul ci '^l gelcgenllii h i 'un- limi Hiuterhaui »is- 
lappcn entsprechende Pruiuberaiu m fohlen. Der 
Stticus sphenoparietaJis entspricht einem Thefl der 
Foisa S','!v;i Stirn- und Schl;ifenla|ipengebiet ist zu 
unterscheiden; eine Wulst cnt.s|irieht dem vortleren 
Theil der Stirnwindung, Fast immer vorhanden 
ist eine Protuberantia gyri tempoialis nieilii, manch* 
mal findet sich auch ein TheU der 3., seltener der 
I. Sehliilenwindung ausgedrilekt. 

Diskussion: Hitsig -Halle, Sch walbe-Straas- 
buig, Fürstncr-Strassbuig. 

V F. r 1) - Hei<lell'ierg ; Bemerkungen zur pa- 
thologischen Anatomie der Syphilis des 
centralen Nervensystems. 

Nur dank der klinisc hen Befunde kann die |>atlH>- 
logisrhe Anatomie auf syphilitische N'erändvrungen 
fldhUessen. Man trifft in einer Gruppe von Fallen 
typisch luetische Veränderungen des ( 'entralnerven- 
»ysteins, Meniii'^itis, Myelitis, Arteriitis, i)a/u llerd- 
und Stntng.lcgenerationcn olme engere Beziehungen 
ZU Sjpecifischen \'erarnhniiigen, F.ini- zwtite Gntpjve 
zeigt S>-8temerkrankiiiigeii o<ler StraMf;ile);ei)era)i.«nen, 
danelx'ii zweifellos spe< ilisi lie \'et;ni<leruii^'en. So 
können bei i'abikem n<;ch Meningiu.s, Gelä-ssverän- 
derungen, Gummata u. a. auftreten. Drittens trifft 
man Sklerosen ohne s])ei itist hen Cliarakter, ohne 
andere spezifis<-lie Lüsionvn , lici fniber zw eifellos 
sy))hilitiseheii Individuen; aueh eine Reihe von kom- 
binirten S) .stemerkraiikuiigen bei Luetischen; ferner 
znlilt hierher die Tabfs, in deren Vorgeschichte 70 
bis uo*> „ Syphilis zu finden ist. Die Ver.'lnderuniren 
bei die^r 3. Gruppe ä«j|lte man nicht als para- oder 
meta- oder ptislaypliilitisch bezeichnen, sondern sie 



sind mit demselben Recht syphOilisch wie die typi- 
schen Veränderungen. 

6. Schule- Freibuig: Neurofibromatose der 
Haut 

5, Rrlldfr, von den 2 vorgestellt wunlen, zeigen 
im We^eullkhen die gleiche St«^rung. Herabsetzung 
der Schmerzempfindung am ganzen Körper, band- 
schubförmige AnäsUiesic gegen alle Sensibilitatsformen. 
Kein Zeichen för S)Tingomydie Alnpeda univer- 
salis. Die Haut /ci^t eine Menge kleiner, harter 
Knötchen. Der eine Pat wurde erst nach einem 
Trauma auf sein Leiden aufmeilctam. Sein Bnider 

leidet aussrrdnri riodi an ♦ >]iticu<atr( .pliic, TTchrnden 
Sduncrzcn an ilen Bcuicn, spastist h ataklischein Liaiig 
und Blasenbeschwerden. 

7. W i n k I e r - .\Hchcn : Ueber akute Mye- 
litis (Verdacht auf Abscess; Versuch ope- 
rativer Behaadlun Li. Ein Fall zeigte I. sihlafib 
Lahmung, r. Parese Ucä Beins. Paiellarrefiex I. et^ 
loschen, spater gesteigert Blasensrhwache. Sensi« 
biliiatsstörung. Da GoTiorrln t lus'.üid. könnte man 
an gonorrhöU'cbe Myelitis denken, wie sie von Leyden 
in einem Fall vennuthete, doch ist die Auffikssung 
rvH-h nicht m l>eweisen. 

Eilt luntbal kyphoiischer Patient zeigte nach Typhus 
Symptome von MenhngomyeKtis, Sdimerxen, Pläiapa- 

resc, irrinlifvi li'.vfrden, r)l)Stiriati, m ; werlivclndc^ Fieber. 
Spüter Heilung. W. lutk den Fall für eine tyj)hö.sc 

Nadierioankong. 

Ein Krinker hatte l'aniparcsc, Urininkonlinenz, 
Zuckungen und tonische Muskclktnitraktionen. I'yä- 
misehes F'iebcr, Troplusclie Störungen. Hyjwrastbesic 
bis zur Nabelgegend, darüber eine bypeiflsthetische 
Zone von 12 cm. 5 WirbelbOgen «urden entfernt, 
doch nii his Abnormes gefunden. Die 1 li 11 /< igte 
eine transversale Myeliti.s vom j. Dorsal- bis zum 
I. Lumlialsegnieiu , f< nier Appendidlis larvata und 
Abscess untei den 1. Glutilen. 

H <i c he- Stra.ssl>urg : Differentialdiagnose 
zwischen K|tiie|isie und Hysterie. 

Referent kommt zu folgen<len S hluss.s.'itzen : K|H- 
lepsie und H^ sterie sind prinzipiell vcnscliictlene Neu- 
rosen; die reine Hvsterie ist funktioneller Nalur in 
dem Sinne, dass sie eine paüiologisthe Anatomie 
weder besitzt, n<H'h besitzen wird; die Epilepsie ist 
funktionell nur in dem .Sinne, da.ss wir dif i!n zu 
(jrinide liegenden Vcriindcruugen noch nicht kenneu. 

Fin zweiter Tlieil der Falle macht difierential« 
diagiioslis« he S< hwii rii;keiien , vcir .Mlem in den mit 
Bew Us^itlosigkcit einherLrebendi-n p-ossen Anf;illen. Für 
die Majorität derselben besteht bei gcniigeniler F'ach- 
kuitde auf Grund fast kott-sianter Symptome kein 
Zweifel Ober die Dia^n<ise: bei einer Minorität lassen 
si( Ii aus dem .\tifaile st-ibsi keine diflerentlaldiagnosU- 

S( heil Aiiliallspuiikttf gewinnen. 

K^ 1 t kein Isyniiitoin , welches mit absoluter 
Sicherheit den epile|iti>.< hen Charakter eines Anfalles 
beweise, auch nicht Zungenbein und Aufbebung der 
I ji htre.iklion der Puiiilleii. 

Die „hysterische i'upillenstarre" ist keine Rcflcx- 
stOiung, sondern eine durch abnorme Zustande der 



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1902] 



inneren Augenmuskeln veniiwiclite UnbewegUchkdl 
der Puptlle. 

Die Existenz einer n i»ten „I lystcn •cpilei»sie" ist 
abzulehnen. Abgesehen von anderen Cumbinationen 
ist mit der M^lgUchkeit zu rechnen, daM die Hysterie, 
i'line AUS ilirein Rahmen zu fallen. «Inn dem crlitrn 
epileptis« licn Anfall zu (irutulc liq^tiKlen ci-iilrale» 
Voig^ng /tir .\Lis|<>sun^: bringen kann, ebenso wie 
dieser, olme «iass es skb desw^en aclion um Epi« 
leptie handelt, durch andere IJnnlflnde auinrelOst 
werden kann 

In allen ditfcrcutialdiagiiasli!>ch zweifelhaften FaUen 
sind Verlauf und Entwickelung, qMM:ieH die Art der 
(laiienuleii psychochm Veifltideningen wesentliche 
llilfsm<?niente. (Kigcnbcridit,) 

Diskussion: H ru n s- Hannover : Rei vielen 
epileptischen Insulten tnfft man kleine Blutuiifen in 
Gesichtwhaut und Cunjunktivti. Kurxe Bew^imtseins- 
«lörunjjeii ln-i Kindern sprechen nidir für Kinlcpsic. 

Kunipf-Bonn beobachtete bei schweren hyste- 
rischen AnAÜlen, dais die abgehende Urinmenge vor> 
her vertiiiiuiert, iiri< htier %'emichrt war. 

B ü u ni i e r - Ficiburi; sah bei einem epileptisc hen 
.\nftill den rebcn;aiig in t-nn-ii hvpnotlscheti Anfall 
mit Kaialepeie. E» giei>t ein (.'icbiei iIcs Ueberein- 
andenn'Rifenfl der HxKterie und Kpilcpsie. 

> t r II 11] pf ll-Krlaiij;cti; K|tileptis< he V<'r;"iin1e- 
run{.;en konnten .nIlIi auch in anderen, höheren cere- 
bralen Gebieten eiaUiren und einen komplizirten 
Anfall hervorrufen, der jLusserlirli als hysterisch er- 
»«.heint. 

H i 1 2 1 1; - 1 lalle betont, d.iss Keim epileplisrheit An- 
fall keineswegs lediglk li da^i mutt>risi:he Kiiidcugebiet 
affizirt ist, %'ielmehr die ganze Rinde. Einseitifi^ 

r]>ileptisi •ir- Kr^unpfi-, auch d<>pi>eNeiliL;i l;!' l'l es 
bcwuüülk>si.i;kcit, vielfach abt-r auch isl die nuiturLst he 
Region nicht befallen, ««> in Acquivalcuten, Tnum- 
lUSt.'Uulcn, Ps\ < hl >sen. 

S c Ii u 1 1 /. e - Bonn betont <lie S< iiwieri^kcit der 
Pupillcnuiiier>u< liung im Anfall. Weist darauf hin, 
da.'i.s eine Uyslcrica «cli auch c))ilci>tift>rme Anfalle 
suggeriren kann. 

Se« 1 i - Hl ii 1 1 i-r- Halle lek;l .\ai hdru« k auf die 
itn (ienuuh>lebcn »i<h ausbildende daucntde V er- 
stimmung, den AbiirltlwM gegen die Aumenweh bei 
Epilepsie. 

K rae pe 1 i n - I leidelbeig erinnert an die epilej)ti- 
fonnen Anfülle bei vielen l*s\' In -m , dann auch an 
die hyalerifurmen Erscheinungen M:lb«t bei schweren 
organischen Himleiden, auch bei Ps.whosen wie Para- 

U sf-, I>LMu iiii.i ])iae«M.v, (irkuhiium Irresein. \'cr- 
bliklcle hpilcptiker kVinnen au< Ii |>s\ 1 ho<;etie S\ nip- 
tome haben. 

Wcyga n d t - W'iirzburg be«»bacliiotc lH;i Kin<lern 
mit leichten liewusstüeinsstOrungen den sp.'Uercn 
Uel>crgang in s« li\»ere epileptist he Anfalle. Manch- 
mal war dabei schein irüh der epileptische Charakter 
ausgeprägt, der hei ausserklinisrher Benhathttm|; 
einen wiihtigen Aiili.ilisj.ifil;! -irliL :\v> In"-, "ic Ein- 
flüsüc aU Auslö-suiigsiuomcnt eines Anlalls hchlie&*en 
nicht hnmer die epileptische Basis aua. 

Stich er- Giewen bctidtiet den Fall eines Schul- 



kindes mit epileptischen Anfällen, das hieidutcU eine 
psychiA-he Epidemie vcnniaaste, indem 30 Mitschale- 
rinnen an polymorphen hysterischen Anfittlen er- 
krankten. 

Friedmann -Mannheim glaubt, dass Itei Kin- 

»lern mit kdr/cti .Anfrillen d<i<li manchmal Kpilepsu- 
ausbleibt. Eui Junge, *ler huntlcrte kleiner Anfidlc 
hatte, zeigte nach Si hrc» k eine ty|)isilic Cliorea fmgfi'A. 

Fü rstner-Strassbuig halt solche Kinder vur- 
wieieend fOr hysterisch. Psychische Einwirkung ffitt 
siilii-t Fiii Iii liic Arten, <lafür spiei hcn «lie F ilti- 
Schrcckcpilepsie. F. kann sich nicht rückhalLsl> k» 
der AtifGiSBung von der psychogenen Entstehung der 
hystcri<i hon Anfalle ansclilicsscn 

Hoche (Schlu-sswuri). Kleine iJlutungcn sind ein 
M.iP'ntaissymptom. Urinunter«u< hungen sind in ihren 
Ergebnissen unsicher. Stigmata haben keinen grnssen 
Werth, Sensihilitatsstnrun^en kommen auch bei Epi- 
'.-[.likeMi re. lit . .f<. \. .1, Arellcxic dcs Rachcns «uch 
in Fällen ohne Brotuwirkiuig. 

q. FOrstner-Strassbufg: Zur Kenntniss der 
V a > ' m n t ( I r i s- r h c II N (Mi r 1 > e n 

Knie Frau von ^.^ Jahicn crkr.uiklc uuici Hit/c- 
gefQhl luid Müdigkeit s< hubweise an einer Hautver- 
anderung, Röthung, Blasenbildung wie bei bttllöscnt 
Erj'sipcl, besonder» an Lidern tmd Ohren, f.. Pupille 
enger. Puls kU-in. hr.jui ni, Kin 1 7j;ihri}.'< r rj.turt, il< t 
seit einem Sk hrcck !»U>ttcrtc, ferner schwachen, ficqucntcn 
Pnl« und gesteigerte Paldlarrenexe zeigte, erkrankte an 
Ciesidii ntKi Ilflnilen mit dilfaser Rt'Uhuiig und 
BlascnbiMung. Die Störung war psychLs» h beeinlhiN>- 
bar, naili dem IJe.such der Mutter war sie I)es<jnder8 
lebhaft. Tempeiatur bis i^A"' Diarrhoe. Später 
mehrere Rei'lfKve. 

Iii I iiii i I'.unilii- /t.-i'.;U ti nrossmutter. Multr i uinl 
T<x hter dieselbe Su'irung an den Fingern, Schwellung, 
Blasenbildung, allmAhlich Deformität: Verdickung 
der Grundphalangen, Zuspitzung der Finger nach 
vorn. Dcdciu nach dem Handrücken. Dabei Uhn- 
machten, Heixklopfe», HitKegefUhl, I'atellaiTeflexstci- 
gerung. 

la Bayerthal-Wiirms: Zur Diapnnse der 

Thalamus- untl St i 1 n h i 1 1 1 1 1 m i 1 n 

a) tine ji jahrige Frau erkrankte unter tibrit hcn, 
Cessiutt der Menses, iwjrchischer Störung. Sie war 
apathisch, antwortete veikelirl, verweiLTfitr dir Nah- 
rung, hatte starre Mienen. ITrin- uiul Malilmkon- 
tinenz. Keine Aphasie; l'uLs serlangsaint. i'upilien 
träge, enct spüt Stauungspapille. Somnulenz. Stertu- 
rOse Athmung, daher Trepanation. Es fand sich ein 
Tumor des 1. rarictalhirns Wichtig für ilic I okali- 
satiun ist »lie .SchlKlehlrui kempfin<lliclikeit, doih er- 
laubt sie keinen S« hlass auf die Kntfcmung des Tu- 
ttiitpi Von der ( Iberfl.'l« he. ( lleicligcwic!itsst>">ruiig wies 
aul .^fFcktiun iui Thalamus und Vierhügel hm. Der 
eigenartige Blodsinn Soll bei Bidkenkiimprcssion vor- 
kommen. 

b) Finc Frau wurde apalhiscli, t haraktervcrrmdi- 
nmg; cpileptiformc Anfälle, Ücnotnnienlieit. Recliis 
Parese, aphasische Störimg, Gleichgewichtsstörung; 
links Abducensachn-adie und Ptosis, .sowie Supraorhi- 
talbesrhwerden. Die Sektton zeigte einen Tumor, 



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I30 PSYCHIATRlSCH-NErRdLOGTSCHE WOCHRNSCHRIFT 



vun der Ba^iä des ScliUifcnlappcnü zum SUrnliitn hin 

II. BartelN -Sira-sslnirg: Beitrag sur Kas ui- 
s t i k il c r H i r n t u in u r c II. 

Ein Ober gSiisceigri isscs Sarknin hatte fast den 
ganzen S(:lilarcnla|)pen. die Ücd|Mlot«mfH)nilwindung, 
Gyms hi|>|K)rainpi und Uncns zerelOrt; Imtzdein «mr 
vor tlciu TihI iIci Oeruch nicht .juFuclujiK'n . aucl» 
war trotz des starken Himdrucks keine Demenz ein- 
getreten. 

i_v r, crli ardt-Strassburg: Zur Anatomie 
der Ke h Ikcipf Ifthmung. 

Bei einem Syrinjjoinyelikcr bcstanil 8 Jahre lang 
eine isolirte Posiiaislahiming. £» fn^e sich, ub di« 
geringere xitale Dignitiit am Minkd <äer am Nerven 
l.ii; Zunächst zeigte die l'nlcrsviehung eine pli i< h- 
mäsiäigc Degeneration des ganzen Nerven, fiu ila.ss 
man an eine muskulSre Grundlage der Störung denken 
musste; die l*l1t^l^ln hung der Nervenendaste jcdoili 
ergab, dass (iic /um I'nsticus gehenden Fa.sern ilo^h 
weit stärker (•;.;[ iffen waren. 

13. Schult 7. e«Jk>nn: a) Weitere MittUci» 
lungen Uber operativ behandelte Geschwtllste 
der K 11 1 k !• 11 m .1 r ks h a u t e. 

In 8 Füllen war <i mal operativ vorgegangen 
worden, wobei 5 mal mehr utlcr weniger volbläntlige 
Hoilunji, einmaf eine weitreichende Besserung erzielt 
«ijidcn Wal. im (janzen waren diese Erfolge wesent- 
lich günstiger als die hei Hirntumoren. Caries und 
chronische Fäcliymeningitis ist suigfällig ausxuschiieasen; 
Schwierigkeit macht die Frage, ob es xk'h nicht um 
multiple Tum uti luiuddi Die Blutung, besoiuleia 
aus den Kn<ichcn ist noch icclit stark; peinlich muM 
der Operateur joden Druck auf die fttedulki spinalis 
vcnnciden. 

Diskussion: Krb-Hoidelbcrg, Edingcr-Frankfurt, 
Fiirstner-.Strassburg, Hilzig-Halle, Rumpf-Bcmn, Dink- 
ler-Aachen, Brun»>Hannover. 

b) Das Verhallen der Zunge bei Tetanie. 

Utiiu Hokli jiTfii der Zunge von Tetanikfm «licht 
man \\ elleni>iidung von Nachdauer wie an niyotoni- 
«chen Muskeln, Jedo« h nidit bei elektrischer Reizung. 

II. Monakow • Zürich : Beitrag zur Ent- 
wicklung der S c h s p h a r e n. 

2 (iellirne von Füllen mit angeborener Itlindheit 
zeigten keine gtösseren Veränderungen im Occipiiai- 
la|^)en und in der Calcarina. Bei der Untenuchuog 
der Winduiigs- und Fissurcnlypen der Cal<ariiia an 
einem Material von 80 Individuen Hcjscti sich 4 
Tjlien aufstellen. Vi.n den l)ciikn Hinien Blinder 
pelulrte »las eine . .ir Gnippe I, das an<lcro zur 
Gruppe II. I.ebeuslutigliche Atlüpcrruiig des Lichts 
hatte al>o nicht die Kntwickluiig der Furchcn ZU 
einem besunderen l'ypu:» zur Fuigc. 

D i s k u SS i n n : H itzig - H alle , Pßstcr - Frdburg; 
Stil h(!r-(ile.«.sen. 

14. Edinger-Franklurt: Zur vergleichenden 
Anatiimie des Gehirns: Das Vogelgehirn. 

Seit Huinnis grundlegender .Arlicit sind wenig 
Fortschritte zu verzei« Inieit geweN<>n, Die N'ogclge- 
liinie sind »O vielgestaltig wie die .Ningergeliinie. Am 
bödiste» steht das Fapagdgehim, dann kommt da» 



[Nr. II. 



der Gau»; Gan»ezüchtcr sind Übrigen» vun der hohen 
Intelligenz dieses Vogels Oberzeugt Das P^pageige» 

hirn tüvis<'lil eine Windung wir dnr( h ciiu' Ritme, 
von liei nach innen ilas Corini.-» siiialuiu .iiij^tiw.n iisen 
ist. F« Mi< I :-t dort ei» grosser Si hl;ifen|>ol vodiamleii, 
der bei der Gans nur angedeutet ist und bei den 
andern Vnjjeln Millig fehlt Beim Schnitt durch ein 
T.i'.iljrüliiiM >ictit in. III einen fi;incn \"rhtiiki'ls]i.ili. 
Um denselben liegt ein Jt^lliimi, in ihn r<igt ein 
macht^s Corpus striatum. E. operirle 70 Tauben- 
gehirne und verfolgte die (•"aserdegcncralit >n mit der 
Marchimethotle. Das mU« titigc Corpus striatum ist 
zu teilen in ein Hvperstrialum; darunter d«'m (ilnbus 
pallidus der Säiiger entsprechend das Mesostriattuo; 
darunter der Nwlens interpedniicubris. Vun aussen 
s' liiebt sich <las dn ici I.I'-^k- .M.trkfiM di 1 \'i'>l;c1 (nach 
Bumm Ektoütrtatum ) hinein, an dem die ersten 
Markfasem auftreten. Nach hinten aussen sitzt «las 
Epi.>itri:tt«m , d;is ttrim F'apagei einen grossen Theil 
des Si^iiil.ileii^Nils ausmacht ; liier lieut die Coinmissura 
anterior. In der Rinde ztiL'i .:i"S.sc VerschicHlen« 
h^t der Faserung. Das Fruutaluiark ist bei Papagei, 
Gans, Ente sehr entwickelt, bd der Taube bloss 
durch lini^c Fa.sern. Nur ilii- I'.ti'.t^t ii/n eine 
Capsula interna. 17 Fascrzügc konnte E. auseinander- 
halten, die er nach Anfangs- und EndstOck be- 
nanntr: 

A. Eigen fasern: 

1. Intrakonikale Fasern, besonders im Fruntal- 

uiul T'arietalgebiet. 

2. Trattus fronto-oi cipilali» intiaslriaticus. 

3. Tractus fmnto-ocripitaNt cpistriaticus. 

4. Ccmiuissura pallü. 

5. Commissura anterior. 

B. Tin V. t d !■ t Ii i : n -cllivs entspringen: 
t. Trat tus septo-mescncephalicus. 

2. Tractus fmnto-thalamicus. 
,V Tr.n tus front« •-mesence|)halicus. 
4. Tractus on i|>ito-inesence]ihalicu.s. 
,v TractiLs stiio-mesencepha Ileus. 
(>. Tractus cortico-hHb(>nularis. 

C. In das Vorderhirn gelangen: 

1. Tia» tus th;ilamo-stri.«li< US. 

2. Tractus tlialaino-frontalis et parietalis. 

3. Tractus aus der Gegend des Isthmus zum ba- 
salen Stinihirn. 

Die Faserzilge biklen aus dem Vonlerhim und 
zu demselben ganz liestinmite Maiklagcr. die bei vcr- 
stchiedenen V« igelarten sehr verschicilen entwickelt sind. 
Das Vi Igelgehirn scheint aus dem R«|>ttlicnh{m ab» 

Icitbar, ist über nicht in ilas S.'lnuergeiiirn ilbcrziifillirct», 
sundern bildet einen eigenen, zu hoher Vollciuluiig 
gelangten Hinttyp. 

Es ist zu erwarten, dass. nun neue Untereu« hungt i» 
ober die LeiNtunu-.f;diigkc'it des besihriehenen Appa- 
rates verglic hen mit dem der Keptilieii, l'iUeisucluingcn, 
welche der Vortragende begüiinen hat, zu für die 
Riychologie brauchbaren Resultaten fuhren können. 

io H 1 u ni - Fr.iiikfitit : fcber experimentelle 
Frzeiigung von Geisteskrankheilen. 

Hei Mtrumektoiniiteii Hunden konnte B. durch 
Milchfüttenuig den laschen Tod einige Zeit hinaus- 



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1902.] 



FSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHB WOCHENSCHRIFT. 



•M liti''" n Dil st; Thicic zci<ilcn psyt Imtiscli«: Zr,^l^;i.l'^ 
Halliii iiiati'UKMi, sie Liissc-ii in die l^ift, stclllcn Nidi 
auf die Srhnaui»!^ lerkrati^tci) sicli die Naae; auft&tlige 
Ch;ii;<kter\-crfln<Iertii)^en. Tod unter gebligem und 
korpc-rli« hcin Verf:ill. 

17. Lii\k-Fn il)urg: Dt- nunistratidii vi.ii Muükel- 
Präparaten bei Myasthenia gravis. 

Fat. ericrankte mit Ziehen im Auge, links Ptnsix, 
gokreiiütc Ddppfü iMi!. FA'.r< nii'.atci»s«-hw;irhc, iiaeli 
niehrinaligein Iii Uci< sli.^. Anao war er niilit mehr 
dazu im Stamlc. Mv asthenische Reaktion deullii li im 
Suptnalor lungiis, Dt itokics u, a. Ocflers Verschlucken. 
Ath«*minsuffi( ionz, Tod. Sektion zeigte persislenle 
Tliv'inus, Ner\ en>ysieni intakt. Dagei;en fanden sich 
XcUherde in vielen Muskeln, in melireren Augcn- 
mmkdn, im Supinatnr longus, DdtoTde«, im r. Tibialts 
anticiis; es waren Aiilu'Uifnngcn vi>n kleinen lyn>|>hi>Hlcn 
Zellen im l'erimysium iiitemuni, /. Th. in die Muskel- 
fasern eindringenil. Riri/cltn- I'.i.sern schienen etwas 
ges< hruntpft. In einem Zelllienle fand .sidi eine frische 
Bhiuing. 

i s \ issl -Heidellicrg: Ueber einige Bezie- 
hungen zwischen der Glia und demGcfäss- 
ap parat 

GliiLzellcn reiclien mit uihI .hoicilJcm 

Ki'isschcn vielfail» i?is g.m/. ualu; .la ilic (^ef.'isswand. 
Im porivaskuLiren Raum fintlot man AnsannnUmgeii 
vim Cliakenien. Wuchernde, prolifetirende GefSsse 
treten in Verbinduns: mit Cliazellen, manchmal ist das 
flef.'lss förmlich in (iliazcllcn cingcin.iuci t (lliöses 
i*rutoplasm.-i kann zerstörtes (iewcL>c geradezu über* 
schwemmen, stidaM ein fArmlieher Protoplasnutntsen 
enLstoht; tlas Gehilde ist von riuidcn oder <iv;i!i ii 
1 J^icheru durchbrot iien , die Ränder sind gczilhnt. 
Manrhmal ist eine Zelle der Lange nach durchbohrt 
von einem jungen Gcfriss. Am meisten findet man 
tierartiges am 3. nn»l j. Tag nach einem experimen- 
tellen I'iiimiffi , (I th auch beim Menschen in Para- 
lyse, Katalonic, Epilepsie, Artcriosklcnxsc. 

IQ. Schröder-Heidelberg: Die Katatonie im 
hf^hcren I.fh 'mi su 1 1 c t , 

Das iieKlell)erger Material zeigte 5 Fslle, die 
zwischen 55 und 59 Jahren begiinnen, 4 zwischen 50 
und 55, su«de 10 zwischen 45 und 50. Davon waren 
15 Ftauen, nur 4 Manner. Die Verblödung reichte 
meist nicht sehr lief. Gewöhnlich Überwog die de- 
pressive Stimmung. 

2a Kraepelin-Heidelbeii:: Die Arbeitskurve, 
itii. rlerrii iii^trirt den Gang iler geistigen i.eistungs- 
:,iliigkt-)i '.iiili;!;!«) einer Stunde und nach einer Pause, 
gemc-sscn durch Addiren einstell^er Zahlen, imd legt 
die Komponenten auseinander, insbesondere Uebung, 
Ermtldung, Erholung, Anregung, Gewöhnung, Willens- 
spannung. \'<irtr. glaubt, d.iss .iissci ilitvien kein 
niaassgebender Factor mehr in Betracht koramL 

Weyga ndt-WOreburg. 

— Zur reichsgesetzlichen Regelung des 
Irrenwesens wird ilcr „Kolnis« hen Zeitung" (.50. 5. 
IQ02) von s;ichverst.'iiuiiger Seite geschrieben: Der 
Rei' listag ist nicht die einzige Stelle, an »1er die 
Ueberzeugung von der Notliwendigkcit eines Keiclu»- 
izreogesetzes sich Bahn gebiuchen hat. Grade die 



ticr Sache N.ihts'cliriiilrn, ,lie Irrenflrztc, liegen d;Ls 
lebhafte Verkingen nacii einein solchen Gesetz. Man 
will lieber unter festen gesct7.1i( lun Bestimmungen 
arbeiten, at« unter administrativen Verordnungen, iiljcr 
deren Entstchungswei.se, weil sie fi.\ uiul fertig aus 
dem Bureau ans Tageslit hl gelangen , nicht nur die 
Aencte selbst, sondern auch das i^iblikum im l'n- 
klaren bleiben, und die, wie die Erfahrung gezeigt 
hat. uciu.lss den jeweiligen unrontriillirti.ncii Kiiiflu-.>c-n 
Ii< Irr iM( ner Natur, häufig Abänderungen und dabei 
leidi ; Iii' lit immer eine Verbesserung erfahren. Sollte 
auch das. Reichsirrengesetz, wie zu erwarten . beim 
ersten Gasse nicht in idealer Form erscheinen, so ist 
*lie Volksvertretung ja nicht nn'nder in der Lage, 
Aetiderungen vorzunehmen, und vor allem sind die 
Irrenärzte in den Stand gesetzt, die Oeflenllirhkcit 
über die M.1n'_;r-1 d<- iutiL;i'ti Gesetzes an der Hand 
geeigneter iicispiele zu belehren. So wie jetzt ilie 
Dinge liegen, wis.ien die wenigsten Leute aus dem 
I'ublikum Oberhaupt ctwa.s davon, da.vs jcut' Verord- 
nungen bestehen, daher das Misstraucti gegen die 
Anstalten und der Glaube, dass in ihnen tlie Aerzte 
nach Belieben al>er das Schicksal der Insassen 
itchalteten und walteten ; andere »t es bei einem von 
der \'i '^k^i, rrtrctung in i'iffentlichei F.rt'irterung ge- 
.s< halleneri (jesetz , dessen Inhalt und Wandlung der 
Kenntniss jedennanns zugänglich ist. In den Kreisen 
der preuasischen Irrenftrzte scheint man hier und da 
in den ReformwQnschen noch weiter m gehen und 
als crstrebenswerlh hinzustcllcir, das-- rlii- L:;in/c Iiicn-, 
Epileptiker- und kliuleiifüniioige aus den Hünden 
der Provinsial- und Comimmalverwiiltut^n in die 
unmittelbar staatliche übergehe, w'w dirv in den Übrigen 
Bundesstaaten bereits der Fall ist. Waiirend es sich 
nun einerseits nicht bestreiten lüsst, dass ^i.ii i in 
Preussen hier und da — ob atts finanziellen oder 
andern GiOnden, bleibe dahingestellt — die gesctz- 
litli'/ii \'i-!i)tl:' li[ai;ji n Irren- u. s, w Fiir.virge 

mehr oder weniger un/iueiihend erfüllt werden, so 
steht doch anderseits fest, da.ss den dnachlllgigen 
Schöpfungen zweier I'r'>vinzen, !isriis, (Anstalt Alt- 
Si herbitz) und der Rliein])ro\ inz i.\nstaiten Grafenberg 
und (}alkhau.scii) das deutsche Irrenwesen, soweit 
Anstallseinrichtungen in Betracht kommen, den Welt- 
ruf verdankt, den es gegenwartig ihatsflchlich besitzt; 
ein grösserer Ruhm würe es freiln h für das deutsche 
Volk, wenu es nicht nur die besten Anstalten hatte, 
sondern auch die wenigsten brauchte! Es steht daher 
zu hoffen , dass tlie Bestimmungen des Reichsirren- 
gesetzes, ila wo es nothwcndig ist, nidit nur auf die 
Intensität, sondern aiu h auf die F^xtensitJU der Irren-, 
Epileptiker- und IdiotenfQrsorge einen fördernden 
Einflius ausOben. 

— Elsass - Lothringen. Geheimer Obermedi- 
dnalrath Krieger, der Director der Bezirks-Irren- 
anstatt zu Stephansfeld, San.-Rath Dr. Vorster und 

der Diic l 'i i Bczirks-Irit n;ni-,talt zu .Saargemünd 
San.-Ratii I>f. l>ittmar waren von der Bezirk;»- 
regierung des <3berelsass mit der Begutachtung Zweier 
für den Neubau der dortigen Irrenanstalt in Aussicht 
genumincncn Gei&nde betraut wurden, deren eines 
bei Ottmar, das andere bei Rufach gelegen ist. Die 



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13» 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. II. 



i;cnannlc S;ulivcrstaiidigen-C«nninission hat iuilIi Luiti 
.^i. V. M. vr)rgen<>iiimcnen Besichtigung bridc 
Geiande für geeignet erklärt; duth schieo ihr das 
bei Colmar gelegene den Vorasug zu verdienen. — 
In i!i I in» 5. d. M. siat(gclial»(cii Silzune tiis Bezirks- 
tags des tJl»erelsass kam es üIkt <lic Walil des Bau- 
platzes far die «ukünftige Irrenanstalt /u »ehr lebhaften 
DcbaUen, di-rcn Resultat der Besrhluss war, dicsellH- 
bis zum NttvemlifT d. J. zu vertage». Bis dortltin 
sollen Plane über die Beljaumig beider GelBllde 
dem BexirkstaR vnigcl* *:: v.iTfii-n 

— r Ein Mord in der Irrenanstalt Stembeig, 
3. Juni. Das Sprechzimmer der hiesigen mAhrischen 

I.andesirrenanstalt war am vergangenen Sonntag <ler 
Si luiuplatz einer furchtbaren S< one. V'or den Augen 
aller Besucher erwQrgt^ ein internirter Wahnsinniger 
eine zum Besuclie ihres geisteskranken Gatten in die 
Anstalt gekommene I''ruu. 

Der irrnnnige MArder heisst Risanek und war, 

bev'ir er in die Irrenanstalt Vrun, T'iitcrlehrcr in Frcrau. 
lir Ix'fand sit h iwmntag \'annilt;igs mi Sprechzimmer 
ilor Anstalt, wo ach zumeist an Sonntagen Angehörige 
der Patienten zum Besuche einfinden. L'ntcr den 
Bcsilrhcni befanden sich diesmal eine Frau NN'oditka 
unil deren S. ilm. die ticn geisteskranken tiatten und 
Vater sehen wollten, i'liitzlich stürzte sich der wahn- 
itinn^ Lehrer Risanek, der sich bis datün ganz ndiig 
verhalten hatt«-, auf <lic uic!i1- il uende Frau, watT 
-.ic 711 I?<idcn un<l ersvürgte sie mit einem eiiizigcn 
lurHitbaren driffe, che ihr Jemand Hilfe leisten kunntc. 
AM Besucher und Warter na< h wotii-. u Minuten Frau 
Wndicka wn ihrem wahnsinnigen Aii;;i' i(cr bt-freiten, 
kormte nur mehr der T<kI der unglileklichon Frau 
konslalirt werden. Eine strenge Untcnmchung wurde 
eingeleitet. (Wiener Mittagsztg., 4. VI. 01.) 

— Die ,,Münrhcncr Post" (J7. y 02], aus 
dcien Spalten wir kürzli« Ii (iii N i ; einen Angriff 
gegen die Dr. Kehm'sche Ait.>iuli zugleich mit der 
vernichtenden ZnrOdcweisung dieses Angriffes ab> 
driuktcn, besrhiiftigt sirh weiter mit den MChuhener 
lircnanstalten. Sie sciueibt: „AnL'tsslit h der jüngsten 
Tagung des Landnithes für Dbcrbayern im HcrKste 
i<>ot gelangte auch eine üingabe der verhcirathelen 
l'ileger der Münchener KrciHirrenanstalt bezüglich 
di:r (iewiihrung eines W'ohnungsgcldzusehusses 7.ur 
Verbcscheidung. Litd in Nu. 310 der Ai^b. Abcndztg. 
i-om 15. Nov. Ol war zu lesen, das» das Gesacb in 
Kiu ksii ht auf die gegenwartige Krisis und die bahlige 
\ erlcgiuig der Irrenanstalt, die dann ohnehin eine 
Neuregelung der Dienstverhältnisse fOr die P{1(^ 
bringen werde, abgelehnt wurde. Dagegen, so hieas 
vH in dem Bericht weiter, erliatten die verheintheten 
I 'Heger anstatt wie l>isher S Stunden in der Wqche^ 
jede \V.i<hc einen ganzen Tag frei! 

Dazu wird uns nun geschrieben : Vi>m neuen Jahr 
all, wo der freie Tag liillte in Kraft treten sollen, 
bekamen die verheiratlieten Plleger alle i.j Tage 



eine freie Nachl. Dafür komnieti die Warter ^lle 
.j 1 igo auf Wache, wo sie 40 Stunden ununterbroclieu 
Dieitöt thun und gleich darauf den regulären Dienst 
wieder antreten mllaaen. Die Herren Fsychiatriker 
thun sich allerdings leichter, sie spazieren durch die 
Salc, üuclieit dann wieder andere Gesellschaft auf 
und halten womöglich auch Vortrage aber die ta- 
nehmcnde Nervosität u. s. w. Un> das arme Pflege- 
personal, «i;Ls die ganze W<i<he aus dein Narrenhaus 
nicht herauskommt und deshall) schliessliih selbst 
verttickt werden kann, aber kQnunert man sich nicht. 
Und doch bedingt die licht^ Warte des Geistes- 
kiuhkfii. <l;uss il.is f'npLjejK-rs .nal ri'h hx aiirh nervi>s, 
ul>efarUeitel und launisch isi. W'.ij tlie Folgen «iuU'iier 
Ueberanstrengungen sind, ist ja sclmi] in (Gerichts- 
verhandlungen festgestellt worden, wo Wärter wegen 
Misshandlung der ihnen anvertniuten Patienten bestraft 
werden nmssten. 

Man versäume also nicht die versprm hene Dienst- 
erleichterang, den freien Tag zu gewahren l" (Eine 
Berichtigung w.lrc sehr erwünscht. Red.) 

— In der Münchener Orientalischeu Gesellschaft 
sprach am 22. Mai Dr. Moharren Bey Ober das 

Thema : „ W a r M o fi 1 in med E p i I e p t i k e r - " Die 
seelische Analyse der \ jsiuiumi «les Projjhetcn ers< iiemt 
l>ckanntliih seit alter Zeit »lern Abemllande als ein 
geheimnissvolles Prubleui. Während ihn Viele iür 
einen HypiMrhonder hielten, erklärte ihn I.<-»mbroso 
h\r toll und irrsinnig. Kinc gnts^e .Anzahl \on 
Forsdiem behauptet, er hal>c in seiner Kindheit und 
in spaterem Alter an Epilepsie gelilten. Einer freund- 
lichen Anregung des Ministtti.ilnitlies v. Bumm fol- 
gend, trat auch der Vüiliam iide an die Diagnose 
von Mohainme<ls Seelenzustand heran, die sich bei 
der Dfliftigkeit des Materials freilich sehr schwierig 
gestaltet Nach äusserst soqrfaltigen und komplidrten 
l'nlersuchungen der wicliligsten Lebcnsmomenti .]rs 
Proplieten gelangt der Redner zu folgendem It^rgeb- 
niss: Es könne nicht geleugnet weiden, dass das 
Leben Moh.immefi-: m;ni'fie 'icileiiklichc S\'mplome 
aufweise, w(,lil(e ;u,( hj*ilcpsic hindeuteten. Aber 
diese Enw heinuiigeii fänden sich auch bei einer grossen 
Arusahl anderer Erkraukungcu und bikletoi keine 
wesentlichen Merkmale Wnh) ntOsse das uns flbcr- 
lieferte Bild M. 1: iui:ii' ii> im F.in/elnen lietra< litet, 
als anurmal erscheinen; ab> Ganxes falle es aber 
keineswegs mit dem Gesammtlwgrifl' der Epilepsie zu* 
sannnen. Die dem Munde eines Arnhers be- 

sonders interessiiutcu , klaien Ausfühnnigen fanden 
bei dem wieder sehr zalilreich erschienenen Publikum 
lebhaften Bcäfall. Eine kurae, «ich auchliessende 
Diskussion, an der sich die Herren Dr. Grothe und 
Dr. Sr' i;|*:> betheiligten, bewies, wie verschieilenartig 
das Krankheitsbild des Propheten noch immer ge- 
deutet witd. Schliesslich wies nodt Herr Professor 
Dr. l'rutz mit einigen wenigen, vortrefflichen Worten 
auf ilie grosse historische Parallele iler Offenbarungen 
Mohammeds mit den Visii'uen der Jungfrau von 
Orleans hin. (Mflnch. N. Nachr.) 



Hit lim iriU. >u»>Hi> II rii. :! M-rantwoitlirli : OWcarii L>r. J. llK'kU r KrMrhnIt/, ^ä>hl«ai«n)> 

— SrhIuH <liT Iiivfilrrunn^iu«! j 't»f:< vor drr Aiueatir. — Vrrl.^g «M Carl M«fkol4 Im HaU* 
U«vn.MiUtaa'Kti« U«dMblKU4wi (Uclu'. WuiHl in Hmll« a. S. 



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Psychiatrisch^NeiiroIogische 
Wochenschrift. 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
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IHrMtor Dr. K. Alt. "Pfof. )>r. O. Anton, FroC Sv. Bl«nl«F« Vrot. Dr. L. Edinccer. Prof. Dr. A. Outtstadl, 

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Prof Dr. E. Mea4*l. Dr. P J. MöMui, Dtrector Dr. MoraU 

iWJut- iMfOfi. Munt (ütlfitat. 

Unter Benülmng amtlichen MateHalit * 

; ' redigiri von 

Oberarzt Dr. Joh. Bresler, 
"Verlag von CARL MARHOLD in Kalle aus. 

M€er.>AiMiia: X»rli«ld VerlkCi HmlletMl*. Pwi ji i cl iir ■p». 

Nf. 12. . 21. JunL 1902. 

nmtkOmattm mliaMii Jid* BiirMMiidlaiifc dta (KiiBdaB Hit. tajat. mmm dl« VactapbacMwadlaaf «aitCart Karbald in Hall« a.S. «Mußg^. 
laMM «artM^kr «a kM«» I* * **«* *' «t« «• Ii' haiadMai. Bai WMwbahnv «te BnJirigMK «ia. 
ZiaMliriftaa fBr dta Kalaeilfla «lad a» Otanctt^Dt. J. B>«a l»r. Kraf cbait« (ScbMaak «• ricbtaa- 

lahalt. Originale; Zur sirantanca H.irutM..~.L[iiuptiir bei der {noereMl««! .Fualyie. Von Dr. Max Edel (S. 133). — Mit- 
ÜMilungeo (S. 140). — Refenile (S. 14^); 



Aus dein A»yl für Geniatliskranke zu CliarioUenbuig. 

Zur spontanen Hamblasenniptur bei der progressiven Paralyse; 

Von Dr. Afax Biel. 



^^iif d;is bis tlahin l.i ' i knMiite \'<iiki>n»niei> S|)cin- 
taiier H€(rllbl4äc^/erlc-l^<^ul)g bei der priigre^sitcu 
Par:ü\-3W der Irren inHi'hte im Jahre 1895 Hertiitg- 
AlLsi lierbit/. in ^-incr \\w .^rrbiv für I'sycliiatrie er- 
s« hicnenoii Arbeit über ,^ Falle ni<;btln»iiiriatis> lirr 
lliirnblu^iuuj^lur bei paral^ Um heu (jei:>tci>kraiikci) auf- 
merksam *). Fant fcleichzeiüg veröffentlichte Posner **') 
in der Fe-,ts< hrift fürtimr^ I.ewin evMm beraerkens- 
wcrthcii liicrliinfielniri^en Kall ans uii.srcr Anstalt, den 
crNtun der Art, wcl« ben ic h gu!>chcii liabc und bei 
deuten Secttnn ich /ii^t'^t-ii war. Die Diagm-»cn- 
sti llini-,' war in dii s< in Fall bei LdMteiten nicht m«lg- 
li. h; ri»ni'r führt in se inem ;\nfsal« an, dass er auf 
die eben et^bieuene Arlxril vmi liertiug leider erst 
nach Abfichlu»! unsrcs Falles durch mirh aufmerksam 
.gemacht wurfic. »mfit liAtten w4r ja mdieriich die Diag- 

•j Anhiv für l'sychlatrif XXVII. S. S4I, 

Fesivhrilt (Ur ficor); Lewis ijl9S,.$. 149. Bdtide« 
auf Deriiialoloeie uad SypbiUi. Pos Oer : Blasauf upiur bei pro- 
fieuHw Faraly<a. 



iK'>c ZU .sti'lb'h v'iTtUi 'clit. wie dies ja fni t.in bi,-i ,'ihn- 
liibcii \'4»tkt>niniui!>si'ii ein Iciiijtc.^ sein werde. Diese 
VurauAsage hat sich bei mehreren wcileren Pftllen von 
1 bi)nb!a-,ehzett( i>su)i- bd Paralytikern, weld»- idi in 
:)cn \erli<is.scii< ii Jaliren in unserer Aii>i.ili l«-« iIi.k biet 
iiube, bestätigt, it Ii habe die Diagnuse in 2 Külieii 
sicher und ' mit Leichtigkeit während des Lebens 
stellen kunnen. Da inawisehcn m-ii keiner wciteieii 
Seile das V< ir Jiiinieti dieses das I.<'bcn der Kranken 
eiuinenl beihttbctidca Kreignisse;:» niiigetiteiit i.sl, s<> 
erlaube ich mir durch kurze Wiodeigabe meiner Be- 
obaehiunRcn «ii<- .Vufim iksinnkoit Hi>ch ciimial auf 
tbi-sen fi<'gen>iand /u lenken, um eineisi Iis /ui Vei- 
liütung dieser gefabriii.bvst Er.st hcinung, andcreisciLi 
zur schnellen kllinschcii £rktfnnuMg und Würd^utig 
des ]üeigiiis>c'!f »iiwic xur geeignete» Behandlung 
golciicr Fälle beisuiragt;n. 

I. Fall. 

Uclicr den ersten bcrcitx milgciheiltcn Fall seien 
mir noch einige recapilulirendc und «igfliizende Be- 



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»34 



inerkungci) gestattet Dass es nch u» pr(jgre!«sive 
ParalvhC lutndelte, stand zwcifell«« fest. Der ^ojähr. 
Kaufmann, dessen Vater an Gehirnschlag und dessen 
einer Bruder an Gehirnerweichung gestorben war, 
hatte mit i6 Jahren einen Schanker ^habt, zeit» 
wellig viel getrunken und geraucht. Er ütt einige 
Jaliri* viir seiner Psyi h>jse ;iti Inieniiittctis, ><f»,'itf;r an 
heftigen Gcsichtsneuralgien. Seit Frühjahr i^gs ^* 
suchte er seiner stehenden Erregung wegen verschiedene 
Anstahcn, zeigte ungcwölintiches Benehmen, belcam 
Sdilaflosigkeil . Cccf.ii htnissschwai In- nml Stnntn^rrn 
des Lesens und hrcibcns. Die Zunge klebte förm- 
lich im Munde fest, wodurch die Sprache sehr er» 
s< hwcrt wurde. Es bestand PupillenilKfcren/ und -enge, 
die Lichtrcaction war wegen der Unruhe des Kranken 
nicht XU prüfen. Die Zunge zitierte stark beim Hcr- 
vnrstrecken. Die Knierellexe waren stallt erbdht. 

Der Patient «"ar mager und Hnnmls<-h, die Tcm- 
linral.ittcricn traten strirk ^es4'lil!lng«'U hervt>r. R.s be- 
stand in unsrer Anstalt, m welcher er am 24. August 
tS(fS aufgenommen war, huhgradige Erregung und 
Verwirrtheit bei bcflngstigenden Siiniestilusi hangen, 
hypichomliisi hen und Gr'"Wsenvorstellungen. fielang 
es, ihn einen Moment zu fixieren, sn waren Intelli- 
genxdefecte deutlich nadiweiabar. Zeitweilig ver- 
weig(-rtc er die Nahrung und wurde agres.sSv. Die 
.S;ir;i< lit; wat in < luiractrri'^tischcr Weise gestört, schwer, 
undeutlich, stockend, stolpernd. £r versdüuckte die 
Endsilben oder btadtte sie falsch und unventilndlich 
honuis und vollendete die Satze zum theil nicht richt^. 
Die Sclirift war verändert, krit/Iirh. tindeutlich, krumm. 

Vieles war ausgestrichen und Qbcischricbcn , die 
S&tse waren zum thdl nicht richtig beendet, Buch- 
staben, Silben und Worte ausgelassen, z. B. Sanorium 
statt SanittorinTu, und nicht lüngeli riijo eingcsi hoben. 
Die Hirn - Scctiun bestätigte die klirusi-hc Diagnose. 
Der Patient, welcher noch am Tage zuvor verwirrt und 
erregt war, gelacht und getanzt hatte, konnte am 
3. ScptcmUet r.iil.i niehr I'rin lassen, verhielt sich 
aiJüthisch und hatte st^irken i.)un>l. Das Allgemein- 
befinden war im Qbrigen nicht gestört. Die allmah» 
lieh zunelnne!ule Dämpfung Ober der Blaacngegend 
Hess eine abennfissige Ausdehnung der Harnblase 
vermuten. 

Da vorsieht^ Katheterisirangen zoent wegen der 
Unruhe des Kranken und dann w^n der Neigung 

der Hanuiihre /<i Blutungen h1 ifrebrochen werden 
mussten, wurde am 5. September die I'unctio h^jx»- 
gastrica vorgenomnien, wobei nch ca. 800 cbcm trOben, 
htark blutigen L'rins entleerten- Offenbar war die bei 

der Section conslatierte BhisenzerreiHsiuiir lun iis am 
3. erfolgt, uud es hatte, wie der Referent iik Virchow- 



[Nr. 12. 



Hinchs Jahresbericht wohl mit Redit annimmt, der 

mas.scnhaft in den Retzius'scfaen Raum getretene blutige 
Harn die Bl.i^en.msili linung vorgetnitsi Iii, Diis kreis- 
runde, 3 an im Durchmesser haltende L<xh befand 
sich in der vorderen Wand, mit gewnbteten Rftndem 
und blutig infiltrierter Umgebung. Die Blasenwand 
war theilweise hypertrophisch , theih ei'^e i>a]iienltuin. 
Das Befinden des Kranken hatte sicli allmählich ver- 
schlechtert, die Tempentur war normal, sptiter aub* 
normal,' der Puls bcsdileunigt Der Patient deutete 
mit schmerzlichem riestclitsaindnirk auf <)ir Bla^^en- 
gcgcnd. Die Zunge war trocken. Am Unterleib wurde 
Infiltration ]>hlegmonAaen Characters sichtbar; unter 
Apathie, Sopor und Stert« ir trat der Tod am 7. Sep- 
tember, also etwa Tage nach der imitlimnsslti hen 
Blasenruplur ein. Bei der vurgeschriltcncn Ent- 
kraftung und Unruhe des Patienten konnte von einer 
Operation wohl kaum die Rede sein, selbst wenn die 
Diagnose rct:htzcilig rii hl ig gestellt wfire Peritnnitisclie 
Erscheinungen waren weder klinisch noch ^taüiokigisch- 
anatomisch nach«-eisbar. Ein der Zerreissung vorher- 
gegangenes Trauma war bei sofgHUtiger Ueberwachung 
des Knmken dunh eipenen Pflefrer tustirnnit ausgc» 
schlössen; es fehlten plötzliche Collapscrsrheinungen 
an Temperatur und Puls. Chaiacterötisch war, das» 
bei Jedem Kntlieterisiren immer nur dne kleine Menge 
trilheii Mutigen Harns, etwa 2i"<o— ;^oe> r b< m, cntleeit 
wurden und dass dabei die Dämpfung der Blasen- 
gqjend nkht voVkotumen »urOdcging. 

II. Fall. 

46]. Kaufmann, 12. Dezember i<>'^ aufgenommeti, 
hat Lu(s vor 6 jaliren geliabt, war viele Monate anti- 
s> philitiach behanddt worden und litt viel an Kopf« 
schmerz. Seither l.at er PtiMÜ links mit Do|ipel.sehen 
beim Blick run h iben bekommen. Zeil\'. eitiL' hat er 
gar niclit sehen können. Die Geistes.-itörung bestand 
sdt dn^en Wochen und hat berdts xur Abmagerai^ 
geführt Das linke Augs kann sich niclit nach oben 
drehen, mir wenig nach unten. Die Pupsllcn sind 
difTerent und verzogen, die Lichtrcaction ist sehr trüge. 
Die linke Nasenlfp])enfalte ist ventiichen, der Imke 
Mundwinkel hangt Schwache Patdiarrene.xc, Herab- 
setzung der Schmorzemplinciiini:. Unsicherer Gang. 
Euphorie, <irr>ssenideen, Verwimineit und Elrregung, 
Schlaflosigkeit, Stuhlverhaltung. Er war sehr rdsbar, 
ertrug kdnen Widerspru' Ii, v|it.ii h vid, äusserte grosse 

Plftne, machte <■^■^li^l he l'cmet Lunjjen iinf! t-ecfing 
sinnlose Handlungen. Er will 50 Kinder bekommen, 
einen Check auf Kaiser Wilhelm ausstellen u. a. Ur- 

theils- und Intclligcnzschwflche traten deudich heiv ir. 
(')liu'ohl er I'va'^sirer ist, konnte «?r einfache Rerheii- 
aufgaben nicht richtig lüscn. Sprache hin und wieder 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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t902.] 



vennadMii, Wiedeilioluiig cnaelMr Worte. Die 
Diagnose piDgreasive Parilyae atmd danach fest. Am 

13. Dezember habe icli notiert: ^fanisd)cs Wesen. 
Stulüverhaltung, 20. Dezember. Leih etwas mete» 
oriMiKh, BlaMDgegcnd oidtt vorgewölbt Patient 
sdraimmt in Urin, hat jnul unwODcOriiche leicUidie 
Urincntlrcninf; {v?in nnnnalcr FarVic und RescliafTcn- 
hdt). Der Kranke ist wegen einer starken spontan 
anftretaDdea Bbtontalaiifuiiflf am rechten Fuss beti» 
lägetig. In der Nacht vom 21. zum 2t. Dezember 

sfhrir pr !;nit vor Srhtner^en. Am 22. i^t c!as RilcJ 
verändert, Perilonitische Ersdieinungcn sind vorhanden. 
Starke Auftreibung des Leibo^ Breclmeigung, heftiges 
Elbrechen» AHTsttnaen, Meiner beschleunigter Fuls, 

Si:hmcr/.hafligkcit drs I.cOiPs bpi nerühnmp;. O^pn 
Abend wurden circa 2 Liter blutigen Urins dunh 
Katheierisiniiig entleert Die Diagnoee Bhsenniptur 
wurde gestellt, von einer Openttlnn aber wegen des 

s»:hlci"liir'i A!I^c'Ti»"iiistan(!es, dfr vnt^esrhriltenen f:;ri's- 
tigcn und k< >r]K;rli» hcn Schwache im EinvcrstUndni» 
mit den Angehörigen Abstand gcnotnnien. Der Pa- 
tient dcUrirte, sah Vögel und Mause. Seine ScliwArhe 
nahm zu. Er wurde t.'lglicii mehrmals cathetrisirt, ifa 
er niclit von selbst Unn licss. Der entteerte Uhu 
«-ar hell, eiweisürrdcli. Unter Stertur trat am 26. De- 
zember, alv) 5 Tage nai h den» Kinreissen der Blase 
der TikI ein Die Se<:liiin heswtij'lc am 27. Dez., 
die Diagnose Blascnruptur. Das Peritimeum erwies 
aeli glutt, feucht und glänzend. Die Dünne waren 
etwas aufjjcblillit, fibrinöse Vcrkleliungcn waren nicht 
sidilbar. Im Abdomen lu f.iiuh n ^mIi < a rUt in 
freien Urins, ohne Blutl<cmiengung. Die HanibLise 
war xusammengefalleru Auf der hinteren Seite der 
Harubtase etwas rechts vom Scheitel war ein von ohrn 
narh niitcn etwas scin'cf verlaufender intiapnh -ncilrr 
Kiss, welcher weit klaffte, und eine Austlehnung von 
ca. 8 cm luitte: Die RAnder desselben waren auf 
dem Blaseninnern blutig inji(in, in der N.'lhc be- 
merkte man ver-rhieil< nc kleine Hikmorrlia;:i(:!i. Die 
Blasenwnuduiig war nicht merklich verdünnt; die Bla&e 
enthidt keinen Uiin. aber veradiiedene Blutcoagala. 
Uebijge Sectiun nirlit uf-stattct. 

III I-all. 

44 j. Kaufmann, aufgenommen 4. September 1901, 
zeigte seit > Jahr gleichzeitig mit einer Entfettungs- 
kur, wobei er 50 Pfd. al>nahni , verändertes Wesen, 
flii<j<;erte hvpnrln nichisi iie Beschwerden, wurde de- 
primirt und crre^^L Er klagte viel über Kopfschmerzen. 
Das Sattigungsgefühl ging ihm verloren. IKe Eiregimg 
steigerte sich wenige Tage vor seiner Aufnahme; er 
schlief s< lile. fit, machte sich viele Vorwürfe, behaup- 
tete, von allerlei Krankheiten befallen zu sein, sich 



umfdMadil lu It^Mn n. s, w. Dabei vaif er sidt 
beständig mhdos umher. 

Er sprarh zritwcilig mit ficutlirhrm Silbctistolpern. 
Die Pupillen waren etwas eng und different, die Lidit- 
reaction war stark herabgcseut, die Gonveigenzreaction 
mtaig. Die voigestiecfcte Zunge ätterte fibrilllr. 

Beim Spreilien und Bewegen des Gesichts fiel 
etile Ungleichmassigkeit der unteren Gesichtsh^ften 
auf. Die XnNsdmenfeflexn waren ol^gescbwicht 
In geistiger Beziehung ist Gedttchtajssscbwjiche, hoch» 

gradige Urthcils.vhwflrhe und vnllipe Conrentrirung 
der Gedanken auf sein Leiden zu constatiren, wo- 
durch er ohne jedes Interesse für die Vorgänge in 
seiner Umgebung erscheint und auch schmerzhafte 
Nadelstiche mr}\\. spürt. Der gro»*se fettreiche Mann 
war tief deprimirt, und befand sich suidauemd in 
hochgradiger ängstlicher Erregtheit, halludnirte, äusserte 
VersOndigungsideen und wlilxte sich hin und her. Es 
lirstarulrn VfrstHrkurif; und Flf^srhleunifjrmp der Herz- 
töne, keine Geräusche, an den Stirngcfässen scierotische 
Bischeinungen. Da der Puls von Anfang an anhaltend 
beschleunigt war, 100 — 120 — 140, so eritidt der Pa- 
tient aT:sscT Rndcm und nrniliigvmgsmittcin vorüber- 
gehend kleine Dosen Digitalis. Am 9. September 
liess Patient dn^ mal Urin unter sich imd sdimierte 
mit Koth. Am 10. September war die Blasengegend, 
w'ri'ho t.'it;!ii-h untersucht wvirde, nicht vorgewölbt; 
Damj>tungsgrenze bei der Unrulie nicht fesuustellen. 
Nach Angabe des Pfleget« halte der Patient genügend 
Urin entleert Am 1 1. September liess er '/» ^'^^•*>*" 
'Geschirr voll hellen Urins. ,\hfnds <;e^en lu'/, IThr 
bekam er einen raplusartigcn Aufrcgung&zustand, wo- 
bei er sdne Urinflasche zertrOmmerte In dendben 
Nacht Kess er reichlirhcn Urin, vermischt mit hell- 
roiem RIti* auf den Fus.shi.ili u \m >!or!rcn des 
12. September war das Ges;immtbild veründcrt. Die 
Temperatur betrug 3j,8> der Puls warb« auf Soge- 
sunken, Hände und Küsse waren kühl, die /unge 
trocken, etwn«? hcles;!. Der f'aficfit lag jetzt im (Ge- 
gensatz zu seinem bisherigen ruhelosen Verhallen still 
auf dem Rocken, hielt den OberkOrper etwas nach 
vom gebeugt, die Füsse an den Ldb angezogen, konnte 
sie iiiclit ( ituie ,Si hintTzcn ausstrecken und sii Ii nicht 
<jhne S< hmcrzcn bewegen; von Zeil zu Zeil schrie er 
heftig auf und gab an, kolikartige Ldbschmerzen su 
haben, es sei ein fürdileriidies Ziehen von beiden 
Unlerripprngpgenden zum Nabel. 

Es müsste etwas im Leib geplatzt sein. 

Dabd war der Kraftesustand dn verhaltnissmass^ 
guter. Schweres Krankheitsgefühl. Kein AublOSSen, 
kein F.rbrc< hen, kein bedrohlicher Collaj». 

Ueber der rechten Unterleibgegend von der Nabel- 



FSYCUIATRISCH-NEUROLOOISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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I.V> 

Syinph;^ »eniiilie an nach rechts war deuilkhc Dänipruiig 
zu cunstatieren , welche sich ah der rot'litcn Seite 
etwas nach hinten tiiitr oben enttreckle. , ' Der Ldb 
war Iii" ht aiifj^ctriclu n, Drin ki :in)ifiiulli> likcil nii lit 
wahrzunclimcn. kh »icllie softirt die Diagnose auf 
BlasehriäS. ' . Da 8citdem Vim «elbst kein' Üriti mehr 
erilleerl :imrdc, wurde kathelcrisirt. Daliei erhidt 
i< Ii t ;i. .i<Mi 1 iniii. eiiu r lir;iiitit.'n, Iriil'Cii, dit kfn Fliis-i^- 
kcit, _wclche eine M^ngc YtTändcrtcs, zum TciJ ge- 
ronnenes Blut ahsctzte. Ich ordnete Eiablaiic und 
Opiuai m. Der Puls «lieg auf 02, die Tcm)M.>ralur 
auf V'- Dt.r raliiiit fiililte >ii Ii iii< Iii .in, iukI 

war nii ht oiiiahirt ; er wurde hallui inutotiiti-h verwirrt. 

W^en' der ins Auge gcfanlen Kf«i{^dikctt einer 
operativen Öeliandlung wurde Herr F*rofcss«>r Dr. DcnscU 
liäijcii /U};».V' if;cn. Diiscr li<.^l;itinle ilir DLiziiosl- 
und nahm wegen der tuiuu.st riptcn Düuiiifuiig , ik's 
Fehlens \-on Drurkcinpfihdlictikeit des Ldbcs, von 
Auf!»tii.iSM!n iuid Erbrechen und w«]^ des vcrtu'ill' 

ni^Miiassii; piiiivli^cn Allniiin iiilHriiHlciis .111, <Kr 
Kivs <lcr Bla^e bich mn U cxUaiHrndnical hefanil. Uu 
noch keine aiigenliliiiliche r.«lMnis)>cfalir x'urlag und 
andrerseits die h<)Ch;u<Mtigc ItsdhH-inMtoHsi'he Ver« 

\\iritli<-it uiitl Frrrmin«: ficiinikcti ixt/ii'^lii h dt-r N<i< li- 
beliandlung einer eventuellen t.iperaiion erweirktc, 
Stand VnA, ßcsselhagen aofortijrcr LafKtrotimiic und 
Vernühung des Blascnriaaes aj>. Er meinte, der 
Pil.i-Liix liliiss kmitic li( >s<?r auf '.jratnilii cndcm W'osje 
zustaniie kommen j bei cier unaushleibliclicu Harn- 
infillratiMn würde sich eine Phlegmone entwiekehi, die 
dann vor.mssii iiilit h Tnasionen erforderlich machen 
uumIc. /ur Wmieiikms; «'ificr BJ.iMiiausdcluiuii'; 
empfaiti er die hautigere Kathelerisirung um! Einleguiig 
eines Vcrweilkathctcrü. Ich legte tlcnigcniass einen 
Dauerkatheter (Nclaton) ein, wobei die Entleerung 
< .1. Joti ( In III. licllcn Uiiii^ ilas Stdii ii <]vt nUituiij; 
anzeigte, Es scii^^iimnien nur wenige Blutc<.>agula 
im Harn. Spitt ahetid« Itefand sich in der Ente 
noch eine kleine .Men$;e hellgelben Urins ohne Blut. 
Ks wurde ain-iids Auist' isx-n waliiiirin 'imiieii In 
«Jet Nailit /uin i^. Stptemlier wurde idi zu den» 
Patienten gi gr n 4' , I hr Korufen. Ich fand ein ver- 
ändertes Gesammtbiki vor. Es bestand Lungen- 
fidein. Stertor, kleiner I.icm lileunii^tcr l'uls ( 1 Jo), küliler 
Sthweisü, Supor und Aufüchrcicn bei jcilcr üeruhrung 
des Leibes. OlTenbar war der Durchbruch in die 
Bauchhöhle erfolgt. Tn»tz, e.\itirendcr Behandlung 
crfolRle um .H' 4 Uhr iiii>ruciis {i v >c]jtcinl><'r 1 der 
tOlliclie .\usg((ng. Die Set tion wurde leider nicht ge- 
stattet. Ahl Tfjdcsursache notirte ich auf dem 
Totenm4iein: BlH»enn<« hei fortsichreitender Gehirti- 
lAhmimg. 



[Nr. 12. 



• ■ ■ ■ _ IV. Kall. 
45 jr. Rcclilsanwalt, aufgenomhien 28. Juni t8Q8: 
Mutter nicht ganx normal,' eine Schwester war vurflber- 

pelieiiil (;ci>ti-St:e.s|( irt. .\!s jiiTii^rr Mann li.ilN^ er 
öfters Gi»K>rrlH>e und bekam eine Strictur, musstc 
wcgcti Urinrctenttön nielirmals Icätlieierisirt Werden! 

Seit 3 Jahren „nervOs", KU an Schwinde(g«rah}, 
Anusl iinil X^vaIt;;^\^>r^tellllllm'n bei Vi.rhaiulen<'.iii 
eine» in letzten Jahren gr(tS!>cr gev^ordenen Kmpfes. 
Kurze /dt' besteht ungc«i'»htilichc nianibkalische Er- 
rt^ng; ' er zeigte UbermSlssigc Geschäftigkeit. Sitcht 
n.'inn und f:iiis>f Kinkäufc /u nun licn . föhlte sich 
überglw.klii Ii, witzelte und war gegen seine Geitiohn'- 
heit ausgelassen fpHtlich, gehubcfacr Sumtnung und 
ausserordentlich reizbar. DerPiitlent 'war iii anhaltend 
l<'l>liafl<.r f"'rir;;iinp, s|>r.ii h fi •Mwaliiend weits< hwcilit; 
und halte wenig Schlaf. Grohücnidecn traten auf. 
Si» iiuxsctte CT, mit <tcin Kricgsminlstcr S^a( zu spiclbn', 
«'cgcn seiner Slriciur 6 \Vm-i»cn lang kdileti Urin ge- 
la^sl.■n und d.inn ] ; I.ilci l'nii 1 li' 1 iin-ni M.il cut- 
leerl /.u haben; Urlheik^i hwäcite war cr.si« litiii h. l>is- 
«-eiltn wurde Vcrgciulichkcit und Mangel an ettiist-hen 
Empfindungen bemerkt. Der Erndhntngszitstand war 
ein i;u(<.T. Der l'.ilicnl hatte viiie .'^Inniui \<in e:- 
heblidicr Gri.sae. An k<ir]>crli«hen lUihinimgs- 
crs«iietnMitgcn Waren vorhanden: Schielen, (Stiabisnius 
di\cr^'eiis}. iink^citige Ptos», Pupillendifferenx uml 
Tr,ij;ln:it iler Lii litreai tii>ii , liw.li he des liiikiM» 
Facialis. Die grade amgeslreckte Zunge zitterte 
leicht fibrillilr, bisweilen trat eine Sptachstöruhg her» 
vi>r, die in Versetzen resp. Hitizufßgen von Buclw 
stallen bestand, wie z. Ii.: ,,{K)!|)uiilr, k:it'iti"tisirl, 
Stivilpr«.H CSS." Der rechte Kniesehnenref1c.\ war cr- 
li)9chen , der linke schwach voi-handen. Das Schmerc- 
gcft)hi war stark herabgesetzt; der Stuhl oft verhalten. 
.\n clcr DiagiiMse ]ir<ij;rrssivo Paralvse konnte M>nut 
ein Zweifel nicht bestelten. Die ^tsyciiisclic Errt^ing 
nahm zu. der Pät. wurd« verwfurren. Er schwitzte 
stark. Am i. Juli wünschte er die EinlegQng eines 
l'oiigi<s in ilie Harnn'ihro und lieliau|>telc, .iii i" nird 
Urin gelassen zu liabcn, jedesmal ein Naclitr;eschirr 
voll. Nachdem am 2. Juli unwiilkQrlicher Abgang 
von Urin beobachtet %-ar, stellte sich am 3. Juli Er- 
brn licn und I linf'lllij^kcit mit Pu1'!}irsi-1-l,--iinia:uns ein. 
Der I.eib erwies sich stark gespannt und die Blasen- 
dAnipfuiig ausgedehnt, die Katheterisirung muslang 
l>ei der vorliegenden engen Strtctur der Harnröhre. 
r)a Iii<licati"> vitalis voriat;, ?i>p<ir, ("yani>sc, kleiner 
tliegeuiler Puk , kalter Schweis», häufiges Erbrechen 
erfolgte, wurde die Blas^npunktibn duh'h den Haus- 
arzt Dr. Friodlaendcr vorgenommen, «ndurrh eine 
grössere Menge stark ciwcissliattigcn Üritis entleert 



PSYCmATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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I0O2.] 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



IS7 



wurde. U^>er den Lungen h>"irte man rechts hinten 
tinttrn Kt»istcrras)*eln. In Hen nndistcn Tagen wurde 
dort auch eine klciue Datnpl'ung aitchweisbar. Die 
Katheterisiningr gdung nach vorba%cin Buugiren. 
Foitan muaste der Han) <lunh Kathcteiisirung nb- 
gcljLssen wcnlen , da spontan keine L'rincntlfcrunR 
erfolgte. Der Urin war ohne Blut. Am 0. Juli w-urdcn 
in 1 Vi Stunden datterndem KatheteHsmus ca. 2 Nadit- 
tüpfe voll Urin entleert, .\ufnilliq war der langfiime 
.Xhfluss des Hani.s. Das Allgemeinbefinden \cr- 
sihlcchtertc »ich. Der Puls war klein, ßicgend, die 
Temperatur betrug 36,8—37*. der Icaltc Schweis» 
hielt an, ebenso das Erbrechen, die Benommenheit 
nahm /u. die S;ir:if-he wunli- mulcutlieh und ganz 
verworren, die (iiieder wurden külil, <iie Atltntung kurz 
ood beschleunigt Am 7. JtiK 1898 trat der Tud 
ein. 

Sct tion wurde leider auch in diesem Fall nicht 
gcsUiltct Auch hier handelt es sich neben einer 
Langenentsandung sehr wahiBchemlidi um eine Blasen- 

zerrei-ssung. 

Zuiiärlist niifix irli clif^iisii wie P.isner und Ilcr- 
ling bei menien l'.lllen betonen , dass von der Ein- 
wirkung ^es Trauma auf die Blase keine Rede 
sein konnte. Sämtliche l'atienien wurden soigfallig 
überwii.lrt: mir bei Fall I!T Vit^t iHe Miiglichkeit 
vor, ilass <ter raptusarligc Krrcgun^s/.ustand des 
Patienten, bd dem er eine Urinflasche aseitrOmmerte, 
vielleicht die Veranlassung aum l'lai/.cn der Blase 
gf'.;« 1 >.'ii hat. .\uch %'on einer nenne nswt-rtl-.pfi Ut-bf-r- 
delinung der Harnblase durch Urinvcrlialtung kann 
man abgesehen von Fall I nm- bd Fall IV sprechen. 
In diesem lag dne hochgradige Strictur vor und der 
versuchte Kalhcterismas tfi-lan«; thcils deshalb, thcils 
wegen Unruhe des I'atietiten erst, als bereits die 
Punctio hypogastrica wegen vitaler Indicatiun vor» 
genommen war. Den wirklichen Grund (flr die Zer- 
rcissung der Harnblase in tliesen F;illcn nachgewiesen 
zu haben, hl das Vcrdicn^l Ilcrtnigs, welcher eine 
Degenoatton der Blasenmuscubtnr microscopisch bei 
sdnen 3 Fallen feststellte. (Übcnnüssige Felt- 
erttwirklung sowohl subperitoneal als /svischen den 
einzelnen Muäkell>ündcln. Die Mu^elfasern selbst 
cdgten alle Stadien der Degeneration. An den 
Riss-stellen fand er kltii.in und gr<'issere Blutungen 
und in let/.teton strvu tLi:l( f.tdinartigc Gebilde). In 
allen Fällen liegt zweifellos pnigressive I'aralyse vor. 
Alle bisher bekannten FSIlIe betrafen Männer. Die 
bei I'iir.tlytikem bekannte Neigung zu Blutungen Hat 
:iLieli in (m'inen .sowir in Iln-itin^s F;il!en licrvor. 
iNeigung der Harnröhre zu Bhitungen in Fall I und 
eine starke spontan aufgetretene Bluttmterlaufung am 



rechten Fuss in Fall II). Herting mdntf dass es 

sich lici der Bla.senzcrrcissung um eine primfire 
Muskelblutung handelt, welche die Zerreisüung der 
Blase xur Fo^ge hat Das Efetgniss eines Bkisen- 
iitsea bei Fkralytikcm ist selbstverständlich ein höchst 
unangenehmes ihh' i^cRUirliches. Fs fr^gt sich, ob 
CS niclit zum Iheil verhütet werden kann. Es muss 
xiigegeben werden, dass dne starke HambUeen* 
IQIlung, die ja an sich s<hon gelegentlich zu einer 
Rnjitur \'('ranlassung «rf/lirT, lanii, ([(■L;<-:ior.iliver 
Verüiulemng der Blascnwandung von i'aralx likcrn 
dnen Riss der Blase mn so eher fördern kann. Jede 
erhebliche Anfüllung der Blase niuss also Iii Pataly- 
tikern verhütet wcnlen W'ie wir gesehen haben , ist 
der Blasenriss meist bei hm hgradig erregten und ver- 
wirrten oder völlig apathischen m&imlichen Patienten 
\ ii.;( ki lamep. Wenn es auch eine wichtige Aufgabe 
ties irreii-.-\rxtes ist, in derartigen Füllen den Stand 
der Blase und itiren Füllungsgrad zu überwachen, 
so versteht es sich von sdbst, dass diese Aufgabe 
grade bei den errt^ten Paral\tikcni eine schwere, 
bisweilen unmöpli' In- ist. Auf Angaben dos Wart- 
personalü über genügend entleerten Urin sullte man 
sich nicht verlassen, da der ganze Urin in der Rcgd 
nicht aufgefangen werden kann und die Anschauungen 
darüber, ob gcnfie'f'nd Urin gelassen wunle, in<lividuellen 
Schwankungen begegnen. Es k<immt darauf an, dass 
alle Tage binterdnander auch genflgend Urin entleert 
wurde und nicht etwa eine unzureichende Menge 
Ht> einem «uler mehreren Tagen Qberselirn «ludc. 
Erfahrungsgemfls» darf mau sich nicht dadurch tau.sciien 
lassen, dass der Kranke unwillktirlich Urin gelassen 
hat, auch wenn die Menge eine reichlit he war ; Pa- 
tient hw.ünni f rrmlit h in Urin und j'w.'r mehrere 
Male. Im (iegentUcil kann der unwillkürliche Ab- 
gang von Ham aU Zdchen fQr mügUcherwdse vor- 
li^endi HarnblasenOberfüllung gelten und zur ge- 
nauen Untersudiung und eventuellen Kathcterisirung 
mahnen. Der Arzt uiuss, wo e» möglich ist, taglich 
bd aufgeregten oder sehr apathischen Paralytikern 
ilcn Stand der Blase duich Inspektion des .\bdomen, 
P,il|i,itiiin und Percussion feslzustelirt» <iU(hcii, wenn 
er die unliebsame Ueberraschung der HIasatruplur ver- 
meiden will, und 2war in regelmässigen Zwischen- 
rilumcn. Hat man IlarnverlnHanf festgestellt, «u 
ist ilie Beseitigung <!ei>c1ben sofort anzustreben. 
Ebetiäu wie bei Paralyttkeru oft prophylaktisch die 
Dannentleerung vorgenommtm wird, sollte man sich 
nicht scheuen , bei allen Paralytikern , bei denen der 
Verdacht einer Urinretentioii vorliegt, die C,i;1.otcri- 
sining der Blase vorzunehmen; Ja ich iiviclite *ogar 
den von Zdt zu Zdt prophylactisch voiigenommenen 

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[Nr. 12. 



Entleerungen der Blase das Wort reden. Sind die 
BluscnserreiMnifigen im ganzen auch glücklicherweise 
anscheinend nicht zu häufig, 90 sind sie doch so 

ui)Heb.sainc um! bctlrolilu hc (."':)ni])li< atioiien, dass tler 
Irrenarzt mit ihnen rechnen und alles /.ur N'eiluuung 
dendben thun suite. Bd sein' erregten Paralytikern 
wird nataiUch ohne dringendste Indication vun der 

pri>ph\'la<:tis< heil Blaseiikathetorisirung Ahstiind ge- 
rn iiinueii werden müssen, halt es hei ihnen d'«.]» 
schon schwer, sich Qber den Blasciuitaud und die 
Urinentleerung zu informieren. Mandtmal ist dies 

I.ici tolisüchti^en Personen fast ganz unnuVgiieh. 
Die.scihcn lassen unter sich auf den Fassl^Hh-n und 
benutzen kein ^chbecken oder Cluäet, suilass die 
Ucberwachung des Uiinabgangcs die grössten 
Sehwierigkeiten macht, unisi.>uulir winn es sich um 
fettreiche Baudide» kcn lianilelt. Wtj Strieturcii vor- 
handen üind und sichun bei ruliigcn Krankvu die 
Katheterisirutig erschwert bez. zunächst undunrhCahr- 
l<ar ist, erscheint die rechtzeitige Erweilcmng der 
ätrktur durili Boufriereii gcrathcn, damit niclit erst die 
filascnpunction zur Nuthwendigkeit wird. Das Aus- 
dtOckcn der Blase mit der Hand, welchea von Hcddaeus 

empfohlen wurde, muss ijei der nachgewiesenen 
Brüctiigkeit infdge vun degcnerativun Vcijindcrungcu 
der Bbsenmusculatur als nidit unbedaiklich be- 
zeichnet werden, woraur auch Hcrling und Pusner 
Uli'. Rc<ht hitigewicsen haben (I. I. (..). Dalüngegen 
durfte gegen den häufigen Ccbrauf Ii des Katlictcrs 
l>ei Paralytikern, die infolge von cciilraler Nerven- 
erkrankung zu Biascnlahmungen ndgen, wieder der 
Umstand geltentl gemacht werden, dass leicht iladuicli 
Cystitiden erücugt weiden können, ja dass die Ulase 
einmal durchstgäsen werden könne. Obwohl die Deb- 
infection der fOr gewöhnlich angewandten weichen 
Nelalunkalheder .sich kaum bei den bi.slicrigen Me- 
lii«Kleii bis zur \i«lligeJi Sterilitilt der K illiodor aus- 
führen lü^t und wir uns damit begnügen, die mit 
kahcm Wasser durchgespQltcn Katheder vor dem Ge- 

biaucli kiiizc Xcit in ("iirimlsäure zu legen, sie 

dann mit ste riler (ia/e ab/utiiM kneii utid nui icineni 
Olivenöl zu bencLzcn, ist bei uns im Allgemeinen 
tct'lit sdton Blascnkatarrli bd nuch nicht im End- 
stadiuiii lietindlii hen I'aralv likcrn beobachtet wcMiien. 
Matürlicli niuss uum saubere und ganze, nidit schad- 
hafte Katheder verwenden. 

Wo aber einmal !{dchen von Cystitis auftraten, 
gelang e.s dieselben alslüild dur< h Hla.senaussjnilungen 
zu beseitigen. Die weitere Furcht , <lie Ulase etwa 
zu dun h.stossen , scheint mir bei einiger Wirsiiht in 
der Handhabung der Katheter trotz der piflsumptivcn 
AtrOfriiie der Blasenwandung der Paralytiker noch 



weniger begründet. So sehr man auch im allgemeinen 
gut thut, bd Gdstesikrankcn jode Poly|)ragmasie zu 
veimeideu, so dfirfkv doch ein etwas ausgiebiger Ce- 
bntuch des Katheters bei den (^iralytikern ztii \'er- 
hütung von Uamretention und UebcrfüUung der Blase 
infolge von Lttlunmigen rcdit ai^biacht sein. Es 
wird wohl ungleich hflufigcr der Fall sein, <lass es 
tlurcli llanistauung in der Bl.isc zu t!\.slitis kunmil, 
als dass diese durch Kalheteiisiiung erzeugt \\ird. 
Bei paralytischen Pniuim kommt es wohl infolge der 
grade verlaufenden kurzen Harnröhre sdtner zu Urin« 
zuriickhaltung. Darauf mag wifhl auch d<;r Umstand 
beruhen, dass die Hamblasenruplur bisher bei i>.u.t- 
lyttschcn Fmuen nicht beobachtet wurde, wahrend die 
spontane Harablasenruptur im übrigen fast nur bei 
Weibern im Anscliluss an <ien (ieburlsact gesehen 
wurde*!. Wie Hertings und meine Klille zum Theil 
gezeigt haben, wird es aber trotz allcdeni hin umi 
wieder zur Biasenzcrrdssung IxA PUralylikem kommen 
koimen, ila wo es sii h gar nitlit um eine Ilarnreten- 
tion handelt, und zwar inf<ilge der beschriebcuen de- 
gcaentiven Veränderungen der Blasenmusculatur bei 
Patienten» welche im aligemeinen zu spontanen Blu- 
tungen neigen. Befördert werden k.inn die I\uj>tiir 
gelegentlich durch heftige Musketacii<.in Ix-i surker l-.r- 
regung, wie in meinem Fall III, Auch Tliorndicke 
hat Bbsenzerrdssung infolge von Muskclacliim beub- 
aifitei'"). Ist nun einmal der Blasenriss eingeitelen. 
so ist es wichtig, das Ereigni.ss sofoii richtig zu di- 
agiiustideren. Dies gelang anf.ü>gs nu ht, als man auf 
dn soldies nicht gefasst war und es nicht kannte. 

Auch jetzt noch giebt es F.'llie in der Lillc-ratiir, in 
tlenen sc:lbsl tiaumati>chc HatnblasenrupUireii infolge 
mangelnder churacteri^tiücher Symptome niilil sofort 
oder gar nicht bd Lebzeiten diagnristidett wurden. 

Ms wird .iber wohl in der Mehr/alil der F.ille jetzt 
wie in unseren gelingen sofort die Diagnose auf Bla- 
seitriss zu stellen. 

Es Kcgt mir fern, hier auf die klinischen Symptome 

der Bl.iMihiupliir ersch, ipfriid ( iii/iigrhen. N'ui einige 
Moment«', die mir licsoiidets bei »leii l'.icilylikcrn 
wichtig ciM hcincn , UHidkle idi liervurlicl>cn , indem 
ich in Bezug auf die eingehendere Klinik der llarn- 

bl.iseiuuplui .luf ( hit(;ib' i< k : Du- Kiankbeiten der li.uri- 
1 ila.'-i' ' ■ ■ ) verwi ise. Die eigen. irligen suijeciiven llc- 

hulcnbiiri;» Kealeocyclupiikiit; it$94, S. 347. Bloiciikrank. 
bdtCD. Eoelnch. 3. Auflage, 3. Bond. 

**) riKirmlickc. A Icw ri-iii;itks oti ihc >li.it;nosi> -iikI IhmI- 
lUfnl of r'ijiturt- nf du- bluMi-r. Jc-urii ol. cnl l< n ur. 

lÜMMs. ]i. 110. ii f. natli ViiLli.-IIirvili j.iluo-bcr. |J*'>'(. II .S jjo» 

***) GüictIkkIi. Die chiruri>i»ckcn Krankheiten der Harn- u. 
mifDiilicfaen Gewliieclitsorpiae, Band I, Die tCianktiriten der 
Hsfubbie. Ldpiiii uod Wien S. J04 fl*. 



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sdiwcrdcii wcrilcn lici den Gfisteskrarilf^'i tiirl;» immfr 
hervortreten. Characlcristisch ist der licfligc Stluncrz 
im Ldb, wdcher kuKkarlig aufiritt und vod der Bk- 
scng«gend nach oben oder unten sieht Allerdings 

i :itiii er mich lii-i xopjjesclirittorn i, l'.it ilvs'-n , lim li- 
gradig stupidem und auaigctischctu \ crhdltea fehlen 
uder weniger deutlich in die fincheinung treten. In 
mehreren Fallen «'aren die klinischen Erschdiun^en 

f^anz eklatante und eine völlige utiguiisliije Voränder- 
ung des Gesammtbildcs nacli dem Biasennüs sofort 
bemerkbar. Die Kianken madtten einen verrallenen 
Eindruck, der Puh war beschleunigt, sie sahen blasa 
aus, hatten kflhie Teinpenitur, kQlile Glieder. 

In einigen F.'lllcn fclilt aber der sofortige C.illaps, 
tlas kommt iiatnentlith bei dcnjcni-ren vor, bei \vck!;f't 
der Dladenri^ extraperitoneal geblieben i>t. Am 
meisten muss aber das spontane Enticeren blutigen 
Urins auf den Ktntritt eines Rtssrs aufmerksam mac hen. 
<'>eftcr sind \ >)ri). iten in (jestait von unwillkürlieheiu 
Urinabgan^ wihcrgegangei», bis niil einem Male über- 
haupt v(tn selbst kein Urin mehr gelassen werden 
kann. Das sjMiiitane I latnlasseii Ix'irt n.'lmit« h j^e- 
wMlinli( Ii na< Ii dem Riss auf. K.dl.c terisiit niai> ilann, 
st< cdu'ik (uan keinen odci wenig .^nguinuleiUen oder 
rein blutigen Harn. Bisweilen «eigen auch ein%e 
C'iagula die Kesiduen einer Blasenbluliui^ an. Meist 
wird die bisweilen Morli spontan golassorie ndei diir< h 
Kallietcr cnileeilu gcnngfugige Menge de» Urin» auf- 
fallen. Gelangt man ater mit dem Katheter durch 
den Riss in die Ram hln ihle, SO kann man unter Lftn- 
slanden eine erliebii' he .\b-nge blutigen Hains ber- 
ausbefordcrn, wie in Fall Iii ilertings. Die lUaseu- 
dämpfung ist bei {jitraiicritoncitlen Rissen meist ver- 
schwunden. Blut- und l'iin' :r}<üsse im pmevesicalcn 
Raum kriiin«:!! bisweilen eine Danipfunc venn"sai hen. 
Fall X zeigt, <1hxs eine Jila.scnd^uipiung durch den in 
den RetziuKschcn Raum getretenen Urin vt»get<luscht 
werden kann; ilie I>.tni|irmig ging daltei trotz Ent- 
leerung vi.n Urin durch Kalhetler ni< 1it ganz zui-iit k. 
liei extraperiU-intraletu Kiȟ limlet num D.'luipfungen, 
die sii-h nach der einen oder anderen Seite vnn der 
Bkisengeueiid aus erslret k«:n. Ki>i lieiinini,'en vun Peri- 
tonitis, Kui)ilinflli> likeil der l!au' hdri keii, Aufst« i>M''n, 
Erbreciiea auch Mcleori.snius können gan« fehlen, 
selbst bei intraperitonealen Fällen und stellen sich 
* rsl na' b rnr lirerei» Ta;;«! ein. S]i. int.uie Bhituntcr- 
l.uifnngen fanden sich in mehreren Füllen am Körper 
der r.ir.ilv tikcr. 

Die l'atieiiten mit llarnblasenzcrreissvmg ma> hcn 
in psviliisther lliiisii-ht einen bald ruhelosen Ein- 
druck mit wirren Delirien, bald einen ganz stuporOsen. 



Vorübergehend kann audi I.uddiUlt mit schwerem 
Kranklidisgcf üli 1 her\'ortreten. 

Der Ausgang der .HamUasennqjtnr ist In allen 
Fallen ein tötlicber und zwar tritt der Tod meist 

Sehr bald dur<ii Shoek oder innerhalb weiu'gcr Tagi- 
durch Peritonitis ein, auch bd extrai>erit<>nealen Fällen, 
bei denen es in kOriester Zeit zum Durchbruch m 
die Bauchhöhle oder zur Sepsis durch Haminfiltration 
kommt. Rettung i.st bei den Ilaniblasenrisseu für 
gcwölmlicli niu durch schleunige Uperatiun m<.^Uch. 
Ein Zuwarten hat dabei knnen Zwed; und kann den 
schlimmen Ausw^ nicht abwenden. Die Statistik der 
Krfolgo von Bla-scnruiitiiT"!! cruiebt la. 5<>**/|, Hei- 
lungen *). Mit der fortsctireitenden Vervollkommnung 
der Technik, bei schncHer Diagnose und Indicatiuns- 
siellung haben die Ueilungsziffem, welche noch vor 
kurzem rec ht spllrlichc waren, crhelilieli zugeri. iiriinr'n. 
Wird mau nun auch bei dnem Faralytiker, einem in> 
hdlbor Gdisteskranken eine soldie eingreifende Ope- 
ration im Fall eines Blasenrisses anrathen können? 
Erfahrungen (Iber Operationen bei densell>en liegen 
noch nicht vor. IfLs ist fraglich, ob die Hcilungsre- 
sultate ceteris paribus bei Paralytikern mit ihren 
trofdiischen Störungen ebenso gute wie bti den nicht 
|).iralvtisi ben Meii'-chen mit 'V . niptui sein wüttlen 
und ob nicht die Nadibcluinüliing erliel-li» hcn Schwie- 
rigkeiten bei den GeisAeskianken begegnen wQrde. 
Die leixteren liesaen sich überwinden. Ist die Para- 
lyse weit \o)ges( brilteii, dei' Krllfie/usiand ein selilec btcr, 
so wird man v>ai der Ojit-ration selbstverständlic h Ab- 
stand nehmen. Wcim die Kranken n«Kh nicht zu 
weit vorgeschrittene Faialytiker sind, relativ gutes AlU 
gcmftinbefinden zeigen, und ihre n.'ii lislen .\nE;elii»rigen 
bezw. \'oimilrider mit der < »peration einverstanden 
sind, niuss aber künftig juciner Anüicht nach unbe- 
dingt zur Operation einer festgestellten Blaseitruptur 
geschritten werden, dem einzigen Mittel, um den 
traurigen Ausgang wenigstens für die allern;i< lislr- Zu- 
kunft v ci inciden. EskOnnenja no< h jaiirelangc Re- 
missionen dntreten, womit vielen Kranken und An- 
gehörigen si h' in gc clii nt ist. Man mii>s auch von 
dem ürzlli« licn (.irurnlsatz ausgehen, den Menschen 
— solange e^ iigciid möglich ist — am Leben zu 
erhalten, ganz abgesehen von den Fallen, in welchen 
die Diagrii'sc pii-gressive I'ar.iKse \\<h\i nii lit g.m/ 
feststeht. b-(i bin als'.< entsc liiedc-n dafiii, in gei igncMc ii 
Fallen die Frage einer operativen iJchandlung des 
Blasenrisses auch bei Paralytikern zu bejahen. Na- 
mentlich aber dürfte bei extrapctilonealcm Sitz der 

*) II ol U- ri (1 :i 1 1: Hebet die «ipcralivf üchaiidluni; einer 
ü-aamatUcheii iotrapcritoneaieii Kuptui cler llarnblass. luaug.- 
Abb., Stras(lHif)r .i.£. 1S96. 



PSYCHIATRISCH-NKURÜLOGISCHE WüCHENSCHRtFT. 



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[Nr. 12. 



Ru|iliir, wie in einem meiner F'llle, bei sontt c'*'»^'';:«*" 
Uitibtaiidcri, die sdtleuiitge Uperation angczei^jt et- 
sdtdnen. Vielleicht wäre dsidurch in mebicm bc- 
ircffcndcn Fall lier lüildigoTod nach Dur« libnu h ins 
rcriti>neiim nocti reclit/eitig alijrowemkl w nii n Uchor 
die beschriebciicu und ausgefulirtcu ituimngfaclieit 
Arten der Operattitneit und ihre Technik will ich hier 
keine Ausrcihrungen nurhcn und vcr«-eisc in dieser 
Re/i« liüriL' auf Giiterbix k mul die iil-rige I.iltcratur. 

komml iiauptsdclilii lt die Lüparotuitiie mtl lilascii- 
naht oder Blasetidrainage in BotiacliL 

Diiss die spijnuuic Haniblasenruptur biKher noch 
nirlit :n «eitcicm L'mfanj^c in rrTcr,-mst;t!ten Iteubiu lilet 
winde, mag wulii <ui der aufmcrk:>itiucn Ucbctwach- 

•) I. e. S. 30S. 



u'ij dci Bliisenfuni lion , der Verhütung und schnellen 
Hc^eitigiuig vun I liunverhattuiigen bd Fdrulytikem 
liegen, sum Theil aber m<}gen Hamblasenrisise wohl 
infolge m;in(i;elndcr Kcnntniss des F.rrij;tiisscs an sirh 
uiuli;ii4n«'sti< ii t L'-Iilichen und au« h In i '.. . htii lu tu Aus- 
gang übersehen worden sein.'*) — Mt jjen iliesc Zctlen 
xur VcrhQtung dieses unliebsamen Ereignisses und 
wo dies nicht möglich ist, durch !y.>f«trtif;e richtige 
Dia;^lu)Sen^^ellun,L; und li!cunigc-s thalkriifiijjes ipr- 
rativci» £ingrcifuM in geeigneten Fütici) zur Abwen«!- 
ung der augenblicklichen Lebensgefahr beitragen' 

**) Nach Mttthciloii;' vun Herrn SafiilSlsralh Dr. Rid)t«r, 

« )lKrar/t in D.illilt'ir, i>.t il;«»i ll>«l Ix:! dtr SLilion von H.itJi- 
lytikcrn Aafani; der achtziger Jahre ein l''all voo Harnbliikcri- 
MRcinung icfiindni worden, wdchcr bei Lebceitea akhl diag- 
Dostidrt war. 



Mittheilungen. 



— 69. Versammlung des Psychiatrischen 
Verdn« der Rheinprovins am 7. Juni irjos in 

Galkitausen. 

I. Schullze- AiHlcinat.li . Ücuitrkungen zur Sach- 
vei.->t,ituligcii-Tliaii<:kcit. 

a) Seil, berichtet Ober seine Erfahrungen, die er 
j»emarht hat, wenn er als sachverständiger /Ceußc 
I |i i r -!•.-( )., * 85 St.-r.-O.) geladen war. In 
etilem dcrari^en, geuauer niiigetiieille» Falle vei- 
auchte das Gericht auf die veRchiedenste Weise m« 
Sth. ein farhm!innis<lics Ui theil zu crlani;en iiii<i 
weigerte sich antlrerseits, ihn als Sa< h\ er>t;ii>ili;jcii 
zu verei«ligcn. Da alle Versuche vergebens wari'U, 
sah sii'h «las Gericht «chlieuticb docli genütli^L, seinen 
ursprungliclien Widentand aufzugellen und den sach- 
vcis'. iiii:ii;< n beugen auch noch ab Sachveraiflndigen 
zu vereidigen. 

Seil, sucht den itrint-ipiellcn Unterarhied zwischen 
dem Sac|ivers(;ui I; r.nf! flein sachvcrst.'lndigen 
Zeugen festziistclieti. Ki tiiuiet ihn, besmulers im 
Ansdiluss an die .\ibcit von Stein, datin, dass der 
sachverständige Zeuge wie der Zeuge überhaupt dem 
Gericht eine l>e»ilimmte Thalsache raittheilt, wahrend 
dasjenige, wa.-. der ."^a« hvervt.'iiidige als etw as piicipidl 
Ncucü dem GericUl zuführt, eine allgemeine, der be- 
sondern Sachkunrle entstammende Ref^ ist. Der 
Zeuge lutrichtet, kurz ges.igl, etwas f'nrn rctes. iler 
Sai.hverstilh(lit:i- etwas Ahsir.n los oiIli weiin wir uns 
der in (hr l.ogik •Ublifhcn Termini »Ii )gic Lctiicncn 
Wullen, jener liefert einen Untersatz, dieser einen 
Obersatz zu riem \im dem Richter lU Inidendcn ür- 
llicile. IriSi>fern unleisclieidet si« h al)er <ier sat hver- 
st^ndige Zeuge vun dem Zeugen, als die Wahnieiunung 
der vrtn ihm Iwriditetcn Thalsachen und Zustünde 
ein'- I ('S. iiuleie. «lern Laien für gr w< ilmli« h felileiide 
.Sat iii<un«le er/uidi il. Uctcii \'orliau»leii.>.ciu i.sl .uu Ii 
die Vucauwcizung einer zutielfenden Schilderung des 



Bcfundea und einer Würdigung in. a. W. in \ieien 
Fallen urird der Richter mit der An«.sage der sach* 

versU'iniligen Zeugen nichts anziifangr:n wissen. Das 
trifft beispielsweise zu liir die .\eusserintg des als 
sai In eist.iiifligcii ZcUL,'<-n geladenen .Nugenarales, er 
habe nitteb des Augenspiegels im .Xugenhtntergrunde 
.schwarze und weisse Flerken gesehen. F.in lyjiisf lies 
Beispiel für das, w.is der sitchversl.'indigc Zeuge fiem 
Gericht mitxudieilen liai, ist <,la.s .Scctiun-sprutucull. 
Der sachveisUlndige Zeugte hat nur das zu be<- 

richten, was ihm si'ine terhnisch-gi'.i "K'Vr flr.n und ge- 
schulten Sinne haben wahriiefnnen las.-.eii. Er braucht 
keine ])ersr>iili< he Stellung zu «lieM'tn Befunde einzu- 
nehmen; er braucht ihn nicht techntiü )t /u betitihedeo, 
ihn weder nach der Idhiutchcn mx-h nach der redit- 
li« hen .Seite zu würdigen. 

Schliesslich führt iieh. kurz an, welche Schlüsse 
sidi hieraus fOr das Verhalten des SachvencUlndigen 
ergeben, der als s.i« hversiiiniliger Zeuge geladen ist. 
Kr bet'ihtc tlabei unter aiulfieni. il.iss ijer .Suhver- 
stamlige au( h in diesem F.ille nai h einer neuerlichen 
Entscheidung de» Keiciisgcricfats verpflichtet ist, sein 
Gcdflchtniss über das, was er vor Gericht aosznss^en 
hat, Vorher aufzufiisi hen. noihweiidigenfatls unter Zu- 
hilfenahme schrifiiichcr Ivotizen. 

b) StK^ann ihcilt Sdi. noch kurz Erfahrungen hin- 
sii lilln Ii der [Je.iristaiKluiig »1er I.i<jui<lati<m xnn 
\' or besuc !i cn mit, al'cr wc^cn der voii;crü< kten Zeil 
nur hisowi i;, der (ht, an «lern die \'i>rbesuche 
erstattet sind, hierbei in Frage kommt. Dieser l'unkt 
ist fOr «Im IrrenanKtahsarzt nii-ht üleichguUig : das 
deti' hl ist hiei uii'i ila, wenn aiv Ii meist nur vorüber- 
gehend, der Ansieilt, der Aiistaltsarxt, der den zu 
uiitcrsnriiendcn Kranken in tiem hetrcffeitden Kranken- 

ji.niUoii .lufsiiche, \frlasm- SL-ine nchausun'j ni«ht; er 
eisl.ilie .tt>o .iiu h keinen V-aboucli, .somlern en>pf>uigc 

ihn in seiner Wulmong. Eine solche^ geuauer miige- 



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tQ02.1 PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 141 



(heilte KiiUcliriihiiiC' ^^url|.- '^t'il<ii> des ziist^iiulij^tü» 
Aintsgfiiilils uiuä i ^iiiti<;L'rii lits t;clii>tit n ; «Iii- hc- 
IrefTeiuk' Anstalt war eine neut-rt- An.st.ilt itn inodL-rn- 
«ten l'avillonKlyl. Dass eine dcrartij(c Entscheidung 
dem allgemeinen Spru* hüc'l)rauch der Worte: Woliniinp;, 
B< li.iu-ii;i|; wcnis eiilspri" l>t, dass sie gcciniict ist, di« 
Anslaltsiriclc muterieil zu M-tuicligcn, braucht kaum 
hervorgehoben zu werden. (AutorcfcraL) 

J. K. l''<)cr.s tcr und Hau« k<j-IS<ihii : Sni.li'<nsiic- 
fund bei /«ci Gciblokraiikcu : 1. Di:iscnüniitc Eiicc- 
]>hal<>n)\x*liiis , 2. Syringumyelie (Demunstraüon vun 
i'i;i|ia raten). 

Kall I. Krblii Ii bclasti-ic, vj-ihrigc Lehrerin, seil 
5' „ |ahren in AtistailJspllcge wegen Dcinenlia pracei.x 
mit hysteriformcn Symptomen. Bq;ann bald nach 
dem Emsetxen ihrer Kranicheil zu „humpeln" und 
kl irli- \. i iIm r-i lir i,(t lihri S' hmer/cn nn linken ' >licr- 
!.< Itenkel, Januar l'jol : unbclii'ifciicr liang. i'atientiii 
hCktete das Bell, da ^ic das linke Bein nicht bewegen 
könne I I,u\.ili<>nsslel|nn^f ; Min Stilen di-r J<f.)|e\e und 
der Si iisiliilil.'it wai iiii Iiis AhniTiiies nai li/u\v< i>en. 
Die < hirurgis^lic Unlnstli hufii; ini N^vt iuln i c>i ei- 
gab nur eine SiMunuiig in der MuM:ulalur dcü <.il>cr* 
tK'henkels, Ki)ic> nnrl Ilon^leitk waren WUlig frei; 

na« h f'in iitei Kxteiision wuiile l in \utn Nal» ) bis 
zu den Knieeii reit lu ndei < i\ psM-iIciiid .uij;eUf;l, liaf lt 
dessen Abiialinie liie W eitetausbi eitUlig citlCS berdtH 
beginnenden I><x°ubiliis lueht veihiiulcrt werden kunnlc. 
Tenesmus vesi< ae. Temi>erHtursteiKen«ic bei hantiiien 
Mcssuni;< II nii lit n,i< li/uwi is« ii. lu ileti Icl/Icii Ltbeiis- 
ta{;cn eihcblidie l'arusc des ret-liten Armes. Am 
iB. M»rz 02 exitus Ictalk 

Sil r i c . n s b e f u n d ; rleuritis fibrin. ' et sei'is.i, 
l'neumMnia !>>bulanM, vfi;;r'isserle Milz, l''e1llcber. 
Aw^odciuiter necubitus. 

Hirngew ii hl 1300. Arteiieri der HaMS dünnwandig. 
Pia abl'isbar, Wntrik«'! weit. Fv])endym verdiekt. In 
tien Wainiun^en <ler Seitenvenlril.el fiiidei» sit Ii nn hrere 
etwa crbsengrussc Herde von ilerber Oinsistenz; in den 
basalen Ganglien mehrere itirsekonignisse Ilaquen von 
f;raun >(lilii her Farbe und weniger dri bn ( '. iii'-i'-lrn/; ; 
ebciis"! ist die Marksubslan/ ilcr I leniisphiircii uikI tles 

Kleinhirns \t»i abnli< h.n hirrienarti«; gestalteten 
Herden durctisctzt. I'inis uiul nicilnHa abji »ng.ita cnl» 
hallen nur je 2 Plaques, Tra« ins i.piii us. C'hiasnia und 
<lie Sehnerven sind frei. Itn Küt keninai k siel>eii 
gr<isscTC, scharf alifjegrenztc, zackige l'iaqucit vn 
iransparenlcr, gla^i^cr fieschalfcnlieit utid vermehrter 
C'onsisieiiz; dic Hinter- und Scitenätrangc sund bc- 
vi .r/U);t. 

Die Helr.K htiinu des frisch sei irlen Gehirns musstc 
die Annahme einer muliipten Srkr. i^o n.ihclcgcn, in- 
des* <;timniten die klinis«~h(»n .Sympi 'ine damit nieht 
«l>erein. Der tnikrosi Dpisi he Hefund k'lsst auf t'ine 
^•genannte gemeine di.<i»eininicrlc Kiit:cphal>»myeliti<t 
wrhliessen. 

Die r.ilhi 'genese des K.illi s w .iu- !< •lL;en<ji' ; tici 
einer k'irpertirh .sehwariien, eildirli bilasteten 1Vm->i>ii 
mit einem mindcrweriliic«"ii , funt li'-n' ll iinliK liligen 
Cenlralnervensj-stem (da» Hinken wäre als h \ sieriii»niies 
Symptom aufxufa«M>n) entuirkelt .sti h nai Ii dem Eiii- 
'|i(rifr, der mit erheblicher Xcrrung der Nervenstränge 



(luul mi"'>gli( her Weise .lueh einer ineehanisehcn Reiz- 
ung ilcr Medulla) einhergin;; und bald von einem 
jauchigen Deeubitus ^efojrrt war, auf iiifectiAtem Wc|ge 
eine disseminieite Encephainmyelitis. 

Fall II. Erblich belasteter Mann wn 30 Jaliren, 
von jeher widerspenstig und einfilltig, als Kiti.l ,1 liitis 
und W'asserk« ipf ; Stuttem untl S« hwetluirigkcil. l'alicnl 
erkrankt K Tage vi>r der .\ufnahnic plötzlich angcb- 
lit h im Ans< liluss an einen T< Kiesfall in tler l'aniilie 
mit Depression, iiussert vci"si:liioilenc Wahnideen und 
gei.iih in 7unehinen<le UKitorische Unruhe. TSci der 
Aufnahme zeigte sich ausser einigen Degcneiati<«ns- 
zek'hen körperlich nichts Auflallendcs. Der Kranke 
bnt die anspcspri »rhencn .Synipti>me des sogen. De- 
lirium acutum und starb am ü. Tage des AnsttalU- 
aufcnthHttcsf. 

See t ionsbefu n d : .Starke 1 1 vperaeniie des (Jehirns, 
Kruciteiuiig der V entrikel uml des .\i|uae<luetus Sylvi 
»mie Granutierung des Ependym;«. Hyperaemie der 
I.unt;i.n, pele« hi.de ßlulaustiitte auf den l'leuren. Das 
( iehirn stellt leider nieht inelir /.ui Wrfligung , das 
l\ii. keiiniark wurde in Milllcr'seher Fliissisjkeil < «insei- 
vioil. Es fanil .sich eine vum Halsmark bis in das 
obere Bmstmark reichende, ctw-a 1 1 an latippe Hohle, 
ilie I .lud.ilwärt-s an Ausilehnuiig /uniinint : an der 
weileslen .Sicll<; k.inii man bctjucm einen lilcislift in 
den ( anal einfiihren. 

Dei mikr(>sCii|iiM he liefund spiieiii für einen a< uten 
l'm/i-.ss, ebenso d. IS kliiiis« he iJild; bei king<Tein He- 
sltrlien hiilten tlie ausgetlehnU ii /<eislotunj;en der ncr- 
v<jiscn Kl cntcnte früher merkliche Sympluine hervorrufen 
mfläscn. Das anatomisrhe Bild Iflsst mit zieinliHier 
Sieherheil anneliineii. dass es sieh um einen foti- 
•M hreiteniki) («ewi bs/rrfal! un<l Kuis' hniel/ung im 
Anseliluss .III eine < iefJissalteralion handeil. .\etiolo- 
gisch kOiiiile sehr wohl derselbe Factor in Hetiai hl 
kommen, «ler aueh ilas acute Delirium und die Pe- 
tei hieii auf der Pleura \erurs.ielil hat — horiist 
wahrscheitiiich eine Inlcctiun, die im krankkiaft ver- 
Anderten Gehirn dic heftigsten Rcizersdicinungen aus- 
loste und im Kflekenm.irk , ilas bereits gewisse Ent- 
wieklun^^an. iin.ilieii anfwii.-s, /u ausgedehnter eentiHler 
Hr>hlenbil<lung Veranlassung gab. (Der Vortrag wird 
amb'rweitig .'iü'.fiihrli< h erseheinen.) 

,V Dr. lloffmaiiti. Geriehts.ir/.t in Elberfeld: Ein 
Fall voll „iinlui irtem Irresein". 

Vorlr. .spri«ht über das Wesen des „tnducirten 
Irreseins", sieh hauptsachlich anlehnend an die Ar- 

lieiten voii F'inkeliiburg, l.elimann, Klüttel, Jörger, 
Wolleniteig, l'ronier, Sehr.nfeldl u. .\. 

Kr tlii-ilt dann eine eigene Ueobaehtung mit, bei 
der es si( Ii um 7 Personen handelt, die an religiöser 
Paranoia eikrankl sinil. 

Den Kern dieser 7 bilden J Personen, die wahr- 
scheinlich unabliangig vi>n einander erkrankt sind 
<r«>lie «imultanee): bei den Obrigen ist dann das Irre- 
i i indm irt, und naeh des Voru. .Ansic ht handelt 
es sieh nii hl bl.iss um eiin; folie im[)ik!>ec, um ein 
seiieinbares Irresein, soiideiu um eine CChtC indudettC 
Psychose, eine folie cirtniiiuiiiquee. 

Diese sicbcnköpfigc Gcmemdo besteht aus der 
Mutter Ciutlcis dem neuen MessiaH und $ (1 roHnnL 



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PSYCHIATRISCH-NEUR« »LOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 12. 



und 4 weibl.) Jüngcni, die auf das nahe bevurslehcnde 
Enilc der Dinge harren. 

Weil sie nictit arbeilen wulltcn und nach ihrer 
Ansicht nicht zu arbeiten brauchten, setzten sie sich 
«lur (iefalir des Nothstandos aus, ein Umstand, der 
zunächst die Verwandten veranlasste, den ;\iitrag auf 
F.nlinündijiung zu siellon. (Wird in iler .Mig. Zeit-«« hr. 
f. Psydiiatiie erscheinen.) Autorcfcral. 

4. Liickeratiis Vortrag: Die beiilcn ersten J all re 
in der Prov. -Heil- und I'flegeanstalt Galkhausen, 
ers< ht'int demiLldist in dieser \V<m heust hrift. — 

Die Zaiil der bei der Versammlung Anwesenden be- 



und eine Krau getötet. Dreissig Personen «nirilen 
verletzt. Die Mehrzahl der Kranken befand sich 
wegen Trunksut ht in Behandlung. .Ms das Feuer 
ausbrach, waren eine .\nzahi von Deliriumkranken an 
die Betten festgeschnallt. (Tägliche Rundsch-iu.) 

Referate. 

— Movimento de la Casa de oratcs de 
Santiago. II. Semester lO«'*'. Santiago de Chile i«n>l. 

Wieder liegt ein Bericht der Anstalt zu .Santiag«> 
Vor von einer Genauigkeit und Ucbersichtlichkeit, 




Totalansicht der Irrenanstalt su BantisKO de Chile. 



Irugöher (to. Von ilcr Prf>v.-Wrwaltung waren iler I.an- 
deshauptmann Geh. ( )l)er-Kcg.-Ralh Dr. Klein unti 
I.aruh-srath Vorst er ersiliienen. Direktor Dr. Ilerting 
gab an ifTr Hand eines Plans eine Beschreii)ung der 
.\nst.iit. worauf eine Besichtigung <ler letzteren, der 
neuesten und hervorragendsten S< höpfung auf dem 
(iebiete der rlicinis<hen Irrcnfürsiirge, erfolgte. Die 
Pr»»v.-\'erwaUung halle in liebenswürdiger Weise die 
llewirthung der G.'iste übernommen. 

— Chicago, 10. Juni. Bei dem Brande im Sana- 
torium der „.Su Lui es Society'" ' ) wurden neun .M.tnner 

*) ücbcint eine religiöse GeDOucnschaft^anitalt zu s ! 



dass man diese Art Jahresberichte zu sclirciben hier 
und da Ijci , uns zur Xachahnmng empfehlen konnte. 
\'iele Illustrationen von Anstaltsansii Ilten, von denen 
wir einige wicticrgebcn, zieren die Schrift. Die .\n- 
stall umfasste am 30. Juni igoo 1148 Patienten. 
Zugang im II. .'>en«. n,oo: 4J0; Abgang: .^53. Be- 
merkenswerth ist die HSufigkeit des Alkohnlismas als 
Krankheitsursache bei den Aufnahmen, 48' ,, der 
M.'lnner. 20",, der Frauen 77 der .Aufnahmen 
waren Naclikommen von Trinkern. Ks werden über 
«lie gcr<igraphisi-he Herkunft, die Berufs- uml Ehe- 
slandsvcrhcH misse, das Alter genaue Mittlieilungen ge- 



1902.] 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



muclit. Die Kranken von 20 bis 2q Jahren betrugen 
31 der Aufnahmen; die mn 30 — 317: 30",,; die 
von 40 — 4q: i7"/„: <lic von 50 — 59: 6",^; die 
von ^K> — 6q: 5"/,,. 25 waren 10 bis 10 Jahre all, 




;4 3t-. 



AiSiinvalisining, U<"inlj;en!»trahlcu elc. — Z*ci wisscn- 
scliaftliihe Arbeiten wurden gclicforl über die Be- 
ziehung des «i>xis4^hen C<ieffi< ienlen des UriiK zu den 
Gcistcsstönnigcn , spericll ilcr Mclanrholic — und 
über das Veriiriltiiiss des NTihr« erlhes 
der Nahruimsiuitii-I /.u demjcnigfu 
der Kostratixn in der Anstalt. — I)ie 
Hygiene <ler X.'ihnc ist besonders 
geregell (inunallirhe Besirlitigung der 
Kranken <hir<h «ien Arzt). — Der 
Bcrirht Uber das wissonsrhaftliche 
I.abi>rat<)iiuin und die Xalinpflcge 
wird besonders herausgegeben. - - 
Verschicilene Neubauten. — .\uf 7 
Kranke kf>niinl eine I'llegcpersfm. — 
\'<>n Interesse ist für un.s Huri iiiflcr 
eine Zasarnmenstellung des Prozents 
der Heilungen in amerikani.srhcn 
.\nstalten im J. lHi/8., 
Manhattan .... 
Huds<in River . . 

Bullalo 

Willard 



20,18 ., 

22.2(> ., 



Laboratorium. 



KiKlieslcr -4.3' 



1 1 .llter als 70. Das dun lischntttliche .Alter der .Auf- 
genommenen betnig bei den Männern 30 Jahre, bei 
den Fr;iuen 35 Jahre. Knmkheitsübcrsiiht bei den 
Aufnahmen: toxisrhe Psychosen einschL .Mkohnlisnuis 
133, Manie 54 und Melan- 
cholie 52, dcgencralive Psy- 
cht>scn 47, N cur< )|>sych< »cn 
35, Demenz 29; systematisirte 
Psychosen i7,jirogressive Para- 
lyse 3. infektiöse Psychosen 12 
und congcnitalc Zustande 16, 
pcriodisi he Psychosen 9. 3<>"/o 
<ler .Aufgenommenen waren 
Analjihabeten. 74 •/„ fanden 
zum ersten Male Aufnahme, 
I zum zweiten Male, 5% 
zum dritten Male, 1 " n zum 
vierten Male. — Bei 1 2 Kran- 
ken fand die Zwangsjacke .An- 
wendung, die Is4>lirung kein 
Mal. — Geheilt entlas.sen 
wurden 171, gebessert 35: 
v( »n <lcn .Angehörigen wurden 0< > 
zurückgenommen , entwichen 
4: gestorben 80; die Zahl der 
Heilungen gestaltet sich mit 
Rücksicht auf ilie zahlreich auf- 
genommenen.Alkoholdeliranicn 
so h«>ch. — Die |Kiliklinische 
Sprcdistunde wurtle von js^ 

Kranken (tlic vetschietien.sten Neurosen und Psycho- 
sen) besucht. — Einrichtung für elektrische BiUler, 



Long Island . . . . 21,13 

Ulica 2K7^ 

St. Lawrence .... 28.82 
^ Bingliamton .... 31,28 
Mitldletou n , h<>uiei»- 

p;itit 31.7'^ 

Eine gro.ssc Zahl veigleichendcr Tabellen, welch(; 
die Sterblichkeit un«l <lie Zahl der Heilungen in den 
einzelnen Jahren seit 18,52 behandeln, sowie solche 
a<lniinistr.itiven Inhalts sintI dem Bericht beigefügt. 




Theater der Anstalt. 

— Israel, S. Entmündigung und Gesthrifts- 
fnhigkeit. Jurist. WochetLschr. 1901. .\.\X. ^Mg. 790. 



j Googl 



»44 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 12, 



V. bemängelt, «l.iss die iiur< li SeHen-itnnini; be- 
dingte Gesrhaftsunf.'ihipkcit hei <leii F.t)ltiiiintlit;lt n und 
bei den Ni< bt-Ei>tii>üiidig(('r) (i f, ^ i> '/.. i und i lo.j 
Z. 2) verschieden umschrieben ist, während der erste 
Entwurf des B. G. B. eine völlig abereinstimmonde 
F;i-SMiiig ^cwiilili b;ittc. Ain b \'. wciulfl si< Ii s<'Sfi» 
die Anwendung di-s AiisiltiK k.s der frririi \\'illciisbt>- 
>tiiiiniuiij; ; .si<* <fi ein rein dnilrin.'iKT . iib)-!baii|it 
nicht in ein (iesetzbiu h, st>ndcm in die l'hiluMiplüe 
gchOri;;ei ricgriti, <hr, wenn nlM'i!iauj)t, mehr frtr <l:is 
Slr;if- iils da.s ('i\ilre<bt |>:is.se. Zud<-in sei die Knt- 
iictieidung Uber d<t« Vurhandetiscin <<dcr Fetiicii der 
fielen Willensbestiinmung eine niedicinische, wahrend 
die Fi;!«;o n;i<h der F.ihi<;keit "der l"iif;ilii'j;keil der 
BeS4ir!;ini<; seiner Angelegeubeileii ;ils eine tb.itsiiLh- 
liehe au< h diir< h nidttärxtikiie S:i> iiwrstäinli'^e gelOst 
Werden krmne. So könne es xu Meinuitgsdiftfrenzcn 
l!«>tntnpn, wenn der nicht entnifindi^e (]eistcsi;est'kte, 
de- s iiK Atip;ele>;eidieilen zu l>es<'t^en N'etni-i;;, sich 
in einem die freie Wilicn.sbesliiiiinuiig au^^schlic-iüKin- 
den Zustande befindet. Um diese, docb nur ilieore- 
lisi hcn Mönlielikeilen /ii bes«-iiii;eii und um ni< lit im 
lo.) Z. 2 eine iiüue Kla-sac von ^ej^elMi!AUut';i!iigcn 
l'ersitnen -^riiaircn', mtlMitc dieser I'aTHgraph folgen- 
den Wi.rtliUit h;d*en : 

GcM liilftsuntUhiji ist : . . . 

3. wer sich in einem Zustand kntnklmfter StMruh|r 

der Gcisleslhiili^keil befindet, <ler *lcn» Betreffenden 
ihc licsurgung hciuer cii;eneu An£;cl(''.r<'nliciien uniuiig- 
Kch macht, sofern niclit tier Zustand seiner N;ttur 
nach ein vorübeigehendcr ist £rnst ächultzc. 

— Lebcnsregelii für Ncurasthenikcr. 
Von Dr. med. Ralf Wicbmann. 3. durrhftesehene 
Aullitge. Berlin 190I. O. Salle. 1 M. «>^ S. 

Die Schrift belehrt in sahr anregender und gründ- 
Heber Welse den Nenrasthentker über die Ursachen 

di-i N'e: t ens<ii\v;ii Ins die \ersrhied<'nen Arten, wie 
sie in Erscheinung tritt, und die zu ihrer Beseitigung 
nöthigen VerhaltungsrnHaaNTegeln. Fflr manchen Neu- 
rastbenik' i iJürfte die I.eklOtf ilifses Büi lileins \i<n 
grossem Nul/en sein, du ja Itir \'icle da-s gedruckte 
Wurt mehr Ueberieugungskraft bemtzt als das gc- 
spnichene. Br. 

— P. Nacke: Die Unterbringung geistes- 
kranker Verbrecher. Halle, Otri Marhold. iQn2. 
57 S. 2 Mk. 

'/m iinlersi heiden sin(J ijeisteskranke V»-rbrei h<T, 
\erbrt'< licrisi lie ( jeisti'skiank«', ( leistcskrarike mit ver- 
l»rci hciisi licn Neij;;un;^cn. |cde dieser drei Arten 
liat wicticr verMrliiodene Abtheilungen; insbcMmdere 
sind die Gctt-ohnheilsvcrbrerhcr, rlie Minderwrrthigeii, 
die ni«iralis< li Defei tcn, die Fli»ile|)tikt'r mit (j^syi liisi iij 
laugen freien Zwisciienriiumen, auseinander/iiliallen. 
Die Bezeichnung „moralisi her Irrsinn" hat leitier nieht 
bli'S unter d< n Liien. sondern .im Ii in iler i^i rirlitli« hen 
.Medizin viel \'erkebrtes zu T.ige g<. f<"irderl : und es 
h.ltte nur nmh gefehlt, <l;u?s man, wie neuerdings 



l'ur l)> ri t<*ilrti Iiiitia-lll 



de Santis vtm einem moruli^lien SchMachsiun, von 
mnralisrhem Bl«Vlsinn und Wahnsinn sprechen hWe. 
Ki< bti'^ i-i es, in »1er mehr oder w<-nii;< r fehlenden 
M<»ral die A- bezw. Antisdcialitiit und hierbei, gleid»- 
gültqsr, ob es sii'h um Verbrecher oder Geisteskranke 
handelt, ih n ' n si« lit>|)Uiikt \ or allen» in'> Auge /u 
favtcn, dass die ( ;< >i'll»<liaJl i;i-M hüt/l werilen iTius>.. 
Da eint- srhr ur. .sse Anjcahl au< Ii ni» bt mit dem Straf- 
gesetz in Ivoußict gekommener Geisteskranker bezOglidi 
ihrer Mitral Bedenken i rte^en, siisi'nd die Irrenanslaken 
in det Tliat keine reitwn Heilanstalten, soridern, und 
da-s werden sie iiucli immer sein, zunächst Detentions- 
aitstallen. 

l)ies V. 'raussjcsi liiekt, haben wir in der voilii (;cnd<'rt 
Abhandlung einen dankenswerthen beitrng dazu^ wie 
paHi den durch ndc Littcralar-Ang:ibcn crifluterten 
F'rf.ilitun,.'en der letzten |abr»' die weitere Beliancllun;; 
der oliio,.[| Fltim nti- si< Ii zu nesi.dten bat. Als eine 
iiusserst \v ieb'.i;:'' Thai-.H Ii*- sei l'.erxorjreboben , tiass 
das CiefAngniss an Mch sc-iir wenig — abgesehen bei 
angeborener oder erw<»rbener Disjxisitiiin ^ Gastes- 
str.runi; zu i.r/( iil;«'?! im Suinde ist. Fi-rner: dass die 
Fat,il}se bei den irren Verbrechern m üassgrst üciten 
.vorkommt. (ie|ren die Unterbringunir in die gew'vhit- 
l'i lie hrenaiisial; sind baupts.'irblik Ii v ier Grüntle 
jj!e!leii<l L:enia' lil w. ird* n : das /us.imnienleyen be- 
strafter uikI Ulli" s'rafler Irrer, «be störende luid 
deiuonilteircndc Wirkuttg crütcrcr, die Unmiiglichkcit 
der Durclifflhrung dos No-reslraints, und die Schwierig- 
keit der liew.irluni^. Na> b Ansii bt tU:< Kef. hat \'f. 
iiicut: Gründe iiichl widerlegt. Centralgelüngnib:>e, wie 
in England und Amerika eigaben durt gute Resultate; 
luid wenn eine .Vutoiiiäi wie 'r:i;iil 11 iu: dli- F.rrii lilun-fj 
neuer fiir liajien fordctrt, so koiiii luntictiilirli Aversa 
unter der l.eilun;; des au.s>;e/,eii bncten, hutnairen Prof. 
Vergiliu unnx'iglieh sdilecht sein, wie dem Vf. 
beriditet wt. Gegen die Errichtung von 2 bis 3 
solilieti bei luis wi-iss \'f. nichts ZU elinnerii. 

Ailne.ve an lrren<ui»ialten, entweder als besondere 
Abtheilungen oder getrennt, hfllt er fflr weniger 
empfehlcnswerth, w.'lbrend er s<hlilie an Sirafanstallen 
ompficlilt. ledinb ^l>!Ucn nur ;;ri>ssere Adneve an 
grösseie Slraianstallen, für 10«) bis 150 l'<>rs(jneo, 
eingerii htet wertlen, um nicht h|os Durchgangsstationen 
darzmtellen. Bezüglich tics inneren Betriebes wSren 
I. die /u Beobai blenden, II. die der Km' Bedürflijjen 
aufzunehmen, gcfähclictie und unmuroIiM he Eleiuente 
im Adnex nnOdczubehalleo. Die nach abgelaufener 
Strafe barmlos 'ieworvlenen solUüi jedenfalls, wenn 
tli'- KntlaÄsUUj; gerichtlirh verweij^erl wird, nieht in 
den Irrenantttalten verbU-iben, sondern ins ( "lefiinjiniss 
zurückkommen. Für die geistig Dcfccten kommt bald 
cht Straf hauKidnex, bald eine Landkolönic, ausser 
<liin ('>ef;ini;n!--, in Fraj^e. 

Aus den ücri« liien s» beim iiervur/ugchcn, da.st» 
im Staate New Vwk bisher die Nchwerwicgendsten 
und b< a' hlrn-werle^leii Frfalirutigen zur Lösung dcf 
einsi lilJS'^igeii l''r:n;i-n uesaimnelt wurden sind. 

Korofdd 

i (Od». WaWl {■ Hallr a. S. 



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XmcMlt tSAlMtMkk 

Verlag v,,ii CARL MARHOLf) in FIjüc >i, S. 

Telfr.-Adinar : Mxtholil VrrUi, Killoamie Fcrniprcdtrr ij/l. 

Nr^ ja Juni. ~ 1902. 

Um ,,H«ychi*ic I «r h -N ruf nlo ( i«cb* VVficXKn.cbrifl" «mhMni )«ilen SMiiubcnd und Ii«*im ptn yuarutl 4 Mk. 
fl'N<» l inBgPW mJm w m jri]« ll4irhhan«l'iin||, di<- HoiA tKauUif Nr. t>z53), wiwi« di« Venaf.tmchhuiUlunK von Carl Marhold in H «litt ■Mqmiv. 
tmrraie mrAen (ur din ^t^^Ugm P*iüUM\m mit 4« l*fg. bf*rm;bn«i. Bm Wi«derbohiim uUt KfObÜHCuntt «in. 

Ztl iiWiMi llr A» Ho^ i wiwi M m OkwwR Dr. J. Sratl«r. Kf Mchnit* IMMm). m t tet nn- 

InbAll. Originale: Noch dttmal die aaHenJoae Hehandlun;. Von Hoppe -Kttuigibcfg (S. 145). — MilthailHi^p* (S> 'H)- 
— Reimle (S. 156). 

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Verlag imd Expedition der ..Psychiatrisch-NeuroiüyiSGkeii Wüdaasdirift". 

Carl Marhold in HaUe a. S. 



Noch einmal die zellenloae Behandlung. 

Von /^«/i^Kltnigibeii;. 



r^ic Ai>j;rilTi-. w» U he Herr Noi>i.sor in seinem .\uf- 
satze: „Benicrtcungeii zur Fnige der jsellcnluscn 
Behandlung und cin%cn anderen eiaachiägigen Fragen" 
(Psvi h. \\'(« lu-iisrlir. Ril. lU Nr. J4 u. 4'>| t;os^" mein 
Vcrfaiiicu der zelleiiltti>cn Bdianülung (;eriihtct hat, 
nOthigen mich zu einigen Worten der Erwidcmn;; und 
AufklSmng. Herr Neiscer tadelt mit sehr scharfen 
WwrttTi, (i;iss ich <i<M) Kranken, von «h-m i< h in meinem 
Aufsalze iu Ijd. III, Nr. 30 dieser WuctienüclihXt be- 



tidttct habt', SU lattgc Zeit der Isolirung entzogen habe. 
£r spricht von ütarrem Fe3thalten am Priiu ip. von Ver> 
irrungt von gana unerbflglichen VerhUltniaaea, die ich 
Miinute lan^ auf der Abth(<iluni; geduldet hätte und 
giaubt auf da» l:^ntstliieden8tc dagegen Eimiprucii er- 
iMdwn XU mflaHen, Hda» ein ankhes xttwaxtendca Ver- 
falven als dn vom Geiste der modernen Therapie ge- 
fordertes ;uii;e'»elnn werde." iJass danrit iiidirrct auch 
dem damaü^cu Diiector Dr. Sommer, welclier sich nidii 



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[Nr. 13. 



mehr vertheidHien' kann, da er todt ist, ein schwerer 
Vorwotf gemacht wird, scheint Neiaser nicht be> 

daclit zu hallen. 

Diesen Vorwurf muss ich auf das Entächicdcttäte 
xur(lclc«'«isen. Zunächst mochte ich folgendes be> 

merken. Jede S< hiklening etithalt, mag der Verfasser 
sich betnüljen, auch nnrh st> ohjecliv zu sein, eine 
üubjvctivc Färbung, und es ist eine püychulugische 
Thatsarhe^ dass besonders dann, wenn die Schilderung 
zu einem beslimniti-n /'.vcrkc erfolgt, {lic Farben in 
dieser Richtung hier und <la etwas virirkcr ;uif!;c»r:,<ircn 
werden. Und so habe aucti ich wxhl, weil der Zweck 
meiner Schilderung war, dem Leser zur Anschauung 
zu bnngeti, um welch' schlimmen Kranken es M( h gc- 
handelt habe, in ilcm zusammenfassendci^ Bericht ge- 
legentlich 1 1} pcrbein gebtauciit, die mir erst jetzt bei 
nochmaliger Prttfung als solche mm Bewusstsdn 
kommen. So ist der Ausdruck: „bei jeder riclcgen- 
heil" in dem Satze; „Er ^tliiug bei jedc-r Ge- 
legenheit auf sie (die Kranken) l<)!>," natürlich nur 
als Hyperbel zu verstehen, wie sie Einem bei solchen 
S< hildenmgcn entsclilöpft Nci?>ser si heinl ilicsen .\u.s- 
di i;<k > aufgcfasst zu haben, als nbiler betr. Kranke 
furtwaiirend, also vielleiclit jeden Tag und öfter ain 
Tage die Obfigen Kranken geschlagen habe, wahrend 
i< h in Wirkiii hkctt nur sa^;cn wölke, das> .I i l'.i'.i tit 
bei gerinjrfügigen Veranlassungen un«i auch ohne 
äusseren Anlass (auf Grund von Hatlucinalioncn) auf 
die Kranken losgernrhiagen habe. Wie oft dien ge> 
wesen ist, kann ich jetzt leider nicht mehr feststellen, 
da mir hier das Material d.i/1.1 f< lüt A'ue.i sii !if^r kam 
dies, soweit ich es in der Krinnemng liane, Ik k hstens 
1 oder 2 mal in der Woche vor, wahrend manchmal 
8 — 14 Tage und mehr ohne solche Angriffe vei^ngcn. 
Ncis.ser hat die Notizen von j Tn-ren. an welchen 
solche Angriffe erfolgten, hinter einander ge»teiU, so 
daas der Kindruck einer ausaerordcntHchoi Httufung 
derselben entsteht, wahrend doch zwischen dem 
t. und 2. Datum '> Tage, zwisilien dem ^ i""' ^1- 
1(1 Tage liegeiu Andererseits ist von Ncisser nicht 
bemerkt worden, dass nadi dem letzten Angriß'stage, 
dem Se|>tombcr, Iiis Jium Sdilus-^t >i 1 initgetheflten 
Krankenges* hii hlc. den i»), Octolier, als^» s'i>lle n» 
Tage, keine Angriffe nutirt sind, wie denn Neisscr 
auch nicht beachtet hat, da.ss der FUtient oft halbe 
Tage oder Tage lang, mancliuiai au< h lungere Zeit 
{'i', 7 B. vom 22. — 2~- Sojtteinbe:) j;;tn;' r\ih\<z \\w\ 
siui)or<">s dalag. Der Eindruck einer au^scrorclentlidicn 
Häufung der Angriffe wird flann noch dadurch ver> 
si.itLi, ila.ss Ni'is>cr unniiticlb.ir nach der N'otiz vom 
letzten An j: .T-I il'c ( ' '>■ So()lcmbcr), a Ni i ' 1 rli, wie 
gesagt, mm<le>teik2> 19 Tage vcrh^lltni:>smassigc Ruhe 



fiolgten, auf Grand mdnes spSteren xusammenfassen- 

den Berichts den Sai/ stellt: „In der n!l( hsten 
Folgezeit wurde der Patirii? inmier unleidlicher imd 
aggressiver", wUhrend es in meiner Darstellung heissi : 
„Um nicht durch weitere ausfahrlidie Miltheilung der 
NifSizeii «II fMnüdrii, will ich nur zusannnenfasscnd 
bemerken, class Patient immer unleidli» !ier iii d a'_'i,'res- 
.siver wurde". D;iss diese Bemerkung von der näch- 
sten Folgezeit gilt, davon steht in meinem Aulsatxe 
nichts, das ist eine Zuthat des Herrn Xeisser. Im 
GcM;entheil ist die Bemerkung für die letzte Zeit vor 
der Isolirung zu verstehen, bis zu welcher ja vom lu. 
Octobcr, wo die Krankengeschichte abbricht, noch 
ca. 7 — 8 \\'o( hrn vetgir^i. Als eben in der letzten Zeit 
vor <li I I-^ 'linwir P;i'ient immer unleidliclier um! 
aggressiver wurde, wurde schliesslich zur Isolirung 
geschritten. 

Xeisser si lireibt: „V. in Si piembcrbis Dccember, 
Olior ein Vierteljahr, wurde der oben geschilderte Zu- 
stand, wobei fortwähre n <1 aiulere Kranke ges< hiagen 
wurden, geduldet," wälirend, sowdt die Notizot vor- 
liegen, in der ersten Hälfte dieser Zeit vom i. .Sr]i- 

tember (rcsp. 22. August) bis 10. ( 'ktober, al<vo in 
vollen 6 Wochen 4 mal (resp. 5 mal, wenn die beiden 
Angriffe in der Nadit vom 21. einzeln geiShlt werden) 
lh;itlii he .\ngriffe notirl sitxl. Und tl.is nennt 
Ncisser „fortw.ilucnd." Glaubt tienn ül>ri'»ons Neisscr 
wirklich, dass sicii ein Dirci tor bereit gefunden lu'lltc, 
einer Mannte oder einem Prinzip von mir zu Liebe, 
„ganz unertraglii he Zust.'in<le" monatelang auf ilcr 
Alitli' iluiMj -m dulden? .S. hliinm waren ja die Zu- 
stande, welche der Patient audt scIkhi durch sein 
häufiges Lärmen and von Zeit zu Zeit wiederkehrendes 
aggressives Verhalten sdmf, aber unertrilglich waren sie 
nicht, N trist waren sie ni< bt monatelang geduldet 
worden. Krsl als in der letzten Zeit die Angriffe sich 
immer wiederholten und die Klagen der Kranken 
sit h mehrten, nntsste ich, <ler ich in der Hoffnung, 
dass Patient sein Verhalten nrit der Zeit .'Irulenr würde, 
die in letzter Zeil wiederholt in I"'rage gekommene 
Isolirang hinauszuschieben versucht hatte, schliesslich 
doch, wenn auch s« hw(>ren Herzens, da Ich auf andere 
N\'eise ,\bhilfe zu schaffen mich ausser S'.uule sah, 
die Is»'lirung gut lieissen, welche ich vielleicht, wenn 
ich sellMt zu entscheklen gehabt hatte, noch etwas 
hinausgcst hl iben hatte. 

Wie sehr Recht i' '^i niit m- ineni ZiVgem hatte, 
zeigte das Verhallen des Ivranken m der Zelle, die 
Kehrseite der Medaille, wdche Neisscr nicht go* 
nüg<nd beachtet zu haben scheint War Pütieiit 
vo! der l«^ilitunu m Vc n lecht schlimm und inili i<l- 
lich, SU wurde er m der Zelle noch viel schinntnei 



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und ganz untractalicl, waren «lie /usUlndc vorher 
fast naertiaglicbr lo worden sie nach der Imlirung 
geradezu troBtim. „Er lamitc (mt anwiterl)riH-lt<'n 

Tag und Xai ht, attai]uirie die W.'irter, wm-ie <:i> in 
die Zelle traten, warf ihnen das Essgehclürr an den 
Kopf, üliess mit den Fdaaen nach ilmen und versuchte, 
.sxlialii die Tliflr geöffnet wurde, itulem er si<h wie 
ein I'fei! i.aili itt isr-nir-n stttr/te, hintluri h/i^liän-ji-ti, 
»u dasss fast regelmässig due Balgerei ent^iant) und 
drei oder vier Warter Mtthe hatten, ihn surOck zu 
hallen unil die Tliür zu si hliesscn, bevor er su h 
zwischen TI.üi .luil T'fosten j;ekh-mmi hatte. Weiui 
er zum Austreten auf <ias CkjüCt gcftUirt wurde, schlug 
er, wo er nur konnte, auf die im Corridor 
I i c ß c n d e n Kranken h > s , sties>< nai lt ihnen mit den 
FüNNfn iifJer spurkte ihnen ins (Jesiiht, was er aud» 
den W .'irtcrn odei Acr/len gegenüber niit Vorliche 
ttutl. Bald wurde er auch sehr unreinlich, er depn- 
nirte tflglirh Stuhlgang und Urin in der Z< Ile 
bepmn srliüfvsüi h mit den I'.\i-r*>(npntf>n ilii /i lli n- 
«'«tode zu bewerfen und zu beschmieren ; auch sein 
Essen warf er hS.nlig in die 2el1e und machte aller- 
hand Si hmutzercien mit <lems« lhen (urinirte z. B. in 
sein F.^^si SI 'lirr) cte." Die Stelle : „er schlug, wo er 
nur konnte, auf die im Corrklor liegenden Kranken 
Jok" ist im Dmt'k hervorgehoben, weil sie «ine Paral- 
lele bildet ZI) der von Ncissex herv«>r^ehMbenen Stelle 
.ms der Zeit vor <lcr Isi finnie : „er s( hing bei jeticr 
Gelegenheit auf sie los," und es mir ni«'ht zweifelliaft 
ist» daas auch eiatere von Keiiuer durch Druck her- 
VOI^hobcn gegen mich und al» Beweis meiner Vor- 
irrung angeführt wtrden wfirc, wenn sie sicli auf die 
Zeit vor der isolirimg bezugeii lu'ltte. Jedenfalls^ 
war also in dieser Beziehung auch nach der IsuKrung 
im Sinne Neissers nichts wesentliches i{i bess(>rt und die 
,,ganz unerträglichen XustJindf'," „die Xachlheile, Auf- 
regungen und Plackereien, weiche die anderen Krun- 
ken durch denselben haben in Kauf nehmen mflssen,^ 
dauerten zum Thcil auch wahrend der Isnitruiig mich 
fast ein Jahr f<irt; ja ich kann Herrn Neisscr ver- 
rathen, dass auch, na(.'hdcni bei eingetretener Ver- 
blödung (es handelt sidi entschieden um einen Fall 
von Dementia praecox) die Is iii n . aufgehoben 

wordct» war, Patient no» i» wiedcrliolt bis in <lie 
letzte Zeil vor meinem Fortgang \i>n Allenberg 
auf Kranke iusgcsi hiagen hat, ohne das» in diesem 
gelegentlichen Schlagen eine Indication für seine Iso- 
lirung gesehen wur<ie, wie ja auch reizliare F.pilc[)tikcr, 
die „bei jeder Gelegenheit" li>-sschl.igcn, wühl nirgcjids 
dauernd isuKrt gdiallen werden. Ich machte in Be- 
nig darauf imr noch einen Aül i ciiireii, der dcnh 
gewiss far Henu Neisser maas^ebenU sein wird. In 



seinem Aufsat/e: „NtKrli einmal die Bettl)chandlung 
der Irren" (Allg. Ztschr. l Psychiatrie 1894, Bd. 50) 
siigt nSmlich Herr Neisser selbst : „Die Isolinmg eines 
kf.ir,k<»n Menschen in einer Zelle, wenn sie le<iiglicli 
zum S< huLzc der Umgebung und wegen seiner stören- 
den Unnihe erfolgt, ist und bleibt, wie ich trotz meh* 
rercr Angriffe wiederhole, eine Grausamkeit, 
iiful wenn sie auch , wie ich stets zugegeben halte, 
manchmal nicht /.u umgehen int, so ist ilire Nutlt* 
wendigkeit darum nicht minder beUagenswerth". Eine 
Grausamkeit aber m'^glichst hintanzuhalten, oder 
wenigstens so lange auf/ns.iiicl k ti, als es nur irprnri 
muglich etscheiiil, das ist keine \ erirrung, kein starres 
Festhalten am Frindp, sondern einfach Pflicht des 
Arztes. Das Urthril darüber abei, wie lange das in 
dein i'it-i/i hier, F.iüe im'"'l\I'': Ii wnr resp. wann es unmög- 
lich zu werden begann, das kann kein Fernstehender 
nach der Lectfire einer Knmkengeachichte «ich an- 
majLsscn, das köiuicn nur .Merzte haben, welche dco 
I ct: Kranken tu»! «lie Zu.siantle auf der .\bthcilung 
mit bci>bachtet haben, also vor allen Dnigen der be- 
handelnde Arzt und der Dirertor, welcher die Con« 
tr<jlle ausübte. 

Tdi habe in meinem Aufsatz« !!emrt|..t, das-^ iitUcr 
Umslttnden vicHeiiht auch in diesem Fall die Iso- 
lirang zu unq;ehen gewesen wflre. Herr Neisser frflgt, 
unter wdcheii Umst.'W'. leu dies w.ihl h'itte a-iLjenon»- 
mf! worden künnen. Ks w.'lro dies z. H. nv'Vgüch 
gewesen, wenn ilie übrigen 4 Flinzelziinmer, welche 
neben dem des I^tienten an einem Cnriidor tagen, 
von ihren liis;issen liÄtten nerlUiint wortlen können» 
So dass der Kranke diesen Thci! der Abtheilung 
allein mit einem Wärter eingenommen li<ltte, oder 
wenn statt de* gniaetcn OHridor« mit 5 Einzelzimmern 
«nn kleiner mit 2 Zimmern zu (iebote gestanden 
h^?tle, von welchen das ciiie ja wolil unter allen Um- 
standen hätte gerüumt wcnlen k<»mten. Wenn übri- 
gens Herr Neismr meinen Aufsatz genau durchliest, 
so würde er eine Stelle finden, in welcher auch ich 
zugebe, dass in ganz exccpdonellen Fallen die Noth- 
wcndigkeit einer Isolirung herantreten könne, ja dass 
man ausnahmsweise auch einmal in die Lage kom« 
men k<"iniu- die Zwang.sj.i- ke anzulegen, Wohu Herr 
Neisser sofort d.is Htnsjticl durch Anfuhiiiiig eines 
M'hheii Falles erbracht hat Aber solche Falle ge- 
hören ZU den seltensten Ausnahnusn, durch weldie 
das Prinzip des No-restraint nicht bcrOhrt wird*), 

*) Ich mficht« hier auf ein sehr treBiaNiM Wort verweilen, 

welche.«! l>er(il. Gr:. -ir.J: r iSb; im l. M. .\:ch. f. P!.)rli^ 
S. 247 bei ilcr Besprechung der freien Behandlung geÜnMert 
bet I »Ob m pnis extraofdinlitn Fitten ha «ebwemi chiniw 
gtschea Verletnuven und eiaer pIMilicbea giosMa Gdidir duacta 



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148 



PSYCHiATRlSCH-NEUROLüGlSCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 13. 



ebenaa wenig uie das Prindp der zelleniosen Be- 
handlung, wenn in einer gioBsen Anstalt einmal im 

Verlauf nu lirerer Jahre zu einer Isolinm); gcsihrilien 
werden niuss. Da^ man »ch au lange ab niügiicb 
gegen die Ausführung einer wichen exceptionellen 
Zwangsmaaaaieget stiSubt, Heigt eiwn im BegrilT des 
N< i-restiaiiit uiul wuil ]td<-[ Verfo !ile; ilr^-^ell cn, also 
in l)eut.schland jeder Irrenarzt, begreiflicli finden. So 
bat audi Neiaser, wie aus setner Krankengeschichte 
hervoigeht, tiots der von Anfang an bestehenden nn- 
ausgeset/tcn si-liwerslcn Unioihc und des ausscrordcnt- 
hch starken Selbslbesciiädigungsdrangcs des Krankeu, 
welcher sidi tu die Augen zu bohren, die Genitalitm 
hefaussineisBen oder msanunenzuquetachen oder sidi 
ko|)fü!)er auf den Buden zn stürzr-n s-arlile. eine vullc 
Wofhe gewartet, elie er *ur jVnlcgung der Zwangs- 
jacke sich enischlosa. Niemand wird ihm daraus 
«inen Vorwurf raachen. Aber gesetxt der Fall, daas 
die Krankengeachirhte Neisser's vor 30 odor ,55 
ren veruffentlidit worden wflrti, wu das Nu>restraint 
sidi erst in Deutschland Bahn zu brechen anfing utid 
noch sehr vjde damelbe bdkflmpfken, so ist es gar 
nirlit unwahrsclieinlicli , dass da ein Iirenarzt aufge- 
treten wäret welcher das abwartende Verfahren 
Ncisser's in der ciaten Woche als stames Festhalten 
am Principe ata Veriming g^eiaeidt tmd auf das Ent- 
schiedenste ilagfgrn Finspnn 1, i rhcl<i.'n hfutc, „daüs 
ein solches zuwartendes Verfahren aK cid vom Gmle 
der modeiiMD Theraiiic gefiadortes angesehen, weide". 
Soviel hierftbec. 

Herr Ndsscr iiiterpcilirt mii h, was ich zu thun 
empfclüc, wenn ein oder lueltrerc Kranke so lärmen 
oder in anderer Wdie tu störend sind, dass Qu» 
schlalbedflrftigen Nachbarn nicht Ruhe finden können. 
Die Frage ist nicirur Ansicht nach niclit ganz »irfirh 
gestellt Handelt es sich im Sinne Netsäcr':» auch um 
Kiankev die in der Nacht einmal i oder 2 Stunden 
störend sind und wahrend <Seaer Zeit andere nicht 
zur Kuhc kommen lassen, n" i'it dies ein verhaltniss- 
mässig so häufiges Vorkummi»i:>ä, das auch auf su- 
genantttett rubren Abihe3nn|^ dntreten kann, dass 
man nicht stets sofort einschreiten, sondern abwarten 
wird, ob der Kranke nicht wieder rahig wird und 

einen Kraakra nicchmiiKtie Bnchränkungsrnittd gebrancht 
«erden Sölten, darüber biaacht man meiner Meinung nach fju 
nicht TU Mniten und ^sr keine Regel tu gelien. Icli ttalie du 
Tiir c.iri/ Lrlcichculln;, weil die wirkliche BehanillungsmethrHle 
UDÜ der GcUt der Amult nicht beiOhrt wird. Hk-r hilft mau 
sich ebeo, wie naa laam, und das Biduie was die Crefabr ab. 
wenden kann , ist <Ib» Bciitc. Wa« soll di«» auch fot doe 
weientlichc Difrcrenx uuiclicn, ob der Kranke vua Wittern ge- 
hauen, mii SchnuplUleiieni itebuadea oder mh Lelbrieinen fa- 
iMltMt wird;« 



einachiait Gdit aber das Latmen atundenlang fort 
und ist nach der Natnr des Kranken eine Benihi- 



gung nicht zu cnv.ud 1., was ja vorzugsweise auf den 
imrubig»tea Abthcilungcn vurkummt, so bleibt in der 
Tbat nichts weiter Qbrig ab die Abaondemng' in 
einem (unvenKhloasenen) Einzehdmmer. Herr Neiaser 
sagt, ut) man lias ein Sopariren oder Isohren oder 
Weg;(tecken nennt, andere an der Sache nicliLs. 
Sich^ nidit, denn die Beseiclmung eines Dinges 
ändert nie das Ding sdbst Wohl aber giebt es 
wisse Bezeichnungen, mit denen ticr Sprachgebraurli 
einen ganz bestimmten Sinn verbindet Su \crsleht 
man unter Iloliiung ganz allgemein die Einsperrung 
eines Kianken in einem Einzdsimmer durch Ver- 
schluss de,ssclbeii. ai:'; (fern er also sptnitan nicht 
heraus kann. Unter Scparircn aber veratelie ich 
wenigstens, — und ich liafa« darfiber in meinen ffie^ 
bezOgUdicn AufiAtien keinen Zweifel gebasen — die 
Unterbrinpi inc' eines Kranken in einem offenstehen- 
den resp. luivcrsdiloäscnen Kinzclzimmer , so dass 
derselbe >'on der Umgcbtmg nicht völlig abgesperrt 
ist, sondern jederaeit su derselben gelangen kann, 
wetm er ^rin Xinnricr vcr(as--cn will. Isoliren ist Ab- 
sondern mit VcTüdilusü, Scparirca Absondern ohne 
VemchluB. Zwischen laulirat imd Separiren besteht 
also ein fundamentaler Unterschied, der auch jedem 
Geislf.'sVndikcTi, wenn er nirht E-craclc/u total verbh'Vdet 
ist, deutlich zum Bcwusslseiii kommt, es ist etieu der 
Unterschied awischeo Eiugespcrrtsein tmd Nichtein- 
geipcfTtsetn. 

Wenn irii. ii Herr Neisscr «-citcr fr^lgt : ^^'ic aber, 
wenn der Kranke in dem oß'cncu Einzelzimmer nicht 
lAsSbt, KMidem hentuüuft tmd diaussen weiter lärmt? 
Dann wird es vor allen Dingen auf die Lage des 
Separatzimmers ankommen. 

Wenn z. B. wie in vielen AusUiten 2 Separat- 
»mmer duicli ein Wsrterzmimer getrennt an einem 
kleinen Conidur maaumen Uegcü, su dOrfte es den 



Kranken au< Ii itaim nicht besonders viel st lnulf n 
In Allenberg liegen aber 4 rcsp. 5 Scparalzimmcr 
(die froheren Isolurzinuner) didit neben einander an 
einem Corridor, was ja ab aweckmtbsig aicher nicht 
hf/richnct «erden kann. Wenn nun all« Separat- 
zimmer besetzt waten, su konnte unter Linständen 
ein solcher Kranker die übrigen 3 oder 4 Kranken 
erlteblicfa stuiren (was. Übt^ens auch frOher, als noch 
ise.tirt wurde, «ler Fall war, wenn der Kri'tl;e die 
ganze Nacht mit aller Kralt an seine ZelleiUltür ]k>I- 
terte und ttnnle^ dass der ganae Conidor erdröhnte]. 
Für solche Falle möcitte ich auf die neuerdings von 
Kraepclin so warm cmpf ^tili^iicii r.'ii htlieVif-n Daner- 
bädcr (Die Wadiabtlteiluug dci Hcidcllicrgcr Klinik 



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149 



— Ccntntlbl für Nen eniieilkuDde, Dec. lyoi) hm- 
weisen. Ich habe in Alcnbeig audt eine Zeit lang 
den Veraucli geiudit, die DmeibMer Uber die Nadit 

aus/iirtflition, diM :tKer halt) ans Mriii^pl an [rrnOcrn- 
dciii Warlperauital aufgeben müssen. Jedenfalls halte 
ich dii& Dwieibid Ober Nadit fttr den beaten and 
zwcdcmtaigstsn Enste der laoUruni^ Die Scliwjer%- 
kciteti, wcl( lie sic h der AnwetulurvT der Hxdf i .therapie 
in der Nacht entgegenstellen, mUiiäen sicli bei feston 
Willen des Analaltaleiier beseitigen tosBen. 

BexOgUch der Beitbehandlung freue ich nncb» 

mit Herin Nci-isr-r flhrrfinsthntnpii zii knnnen Aurli 
idi bin öchulz gegenüber der AnMchl, dai>s keincs- 
wep alte Knnke, wddie der Bettbehandlwig untoc- 
xogen weidai, nflchdicher Ueberwachang bedOrfen. 

Wie idi in nieiiieni letzten Aufsätze t>erpits an^pfnlirt 
Italic, sind in Allenberg seit Julir und Tag neben 
den WadnAlaA eine gniaae An7JÜ)i vim Ziromem mir 
BettbelHindlung eii^^rhtct, aber (dine atand^ Ueber- 
waihung, wckln- in < ii\7:clnen Zimmern aus ManpH 
an WartpeTMmal adbal bei Tag nicht dauernd sein 
kann und hvi den Ktanken» um die ea sich handelt 
woa den CiQndcn, «-drhe Neiaaer angetOhit hat, auth 
lUcht dnuernd /u M-in bravioht. 

D»m alle irgendwie störenden, in Hallung und ik-- 
nehmen ongeiiidneten oderauftUl^gen Elemente (tetstete 
auweit sie akh nicht bencfaflfUgen) bu Bett gehliven, 

habe ich übrii:ons bereits seil 1800, wo i« Ii die Mflntter- 
abiheilung Obern« >mnien habe, ab Prinzip befolgt, (uat> 
ich auch, wie ich glaube, in nu^nem Referat Ober 
Neiaefs cnte Aibdt Aber Beitbehandlung im Centml- 

biatt fttr Ner\cnhdlkumlc t^ui In nn rkt h;d>e), s>> 
dass die l*r<« <»tit/uhl dei üettliigerigen bald auf 30 
und 40° 0 gi«>tK-i;i-i) ist. Ich bin in den letzten Jahren 
sogar mich weiter gegangen und habe «urh die Bimer- 
lich ge<jrdnctcn Kranken, die /u oiiicr gerejjolten 15' - 
schaftigun<; tiidit zu bewegen waren (nnt .•\u.snahmen 
der von jeher eine Sunderstdiung geniessenden Pen- 
siunllre) ins Bett geateckt, bis sie bereit waren eine 
rcgelmils.si^e besrhaftigung aufzunchincii. Idi glaube 
audi, dass die obengeoannioM '^nindsatre <ler Bctt- 
behandlung auch anderweitig (>eubt wurden, bevur 
Neiaser aie öBenllich veritOndete. Das Veidieaat die 
Uetlbdiandlini}; mit Xachtiruck em|>fuhltii und sie 
zur allgemeinen Kenntnis-s gebracht luid dadun h zum 
Gemeingut der Incnürzte gemacht zu haben, !>i>li ihm 
aber ungeachmalert bleiben. 

Was die S< hiafmittd betrifft , um auch darauf 
noch kurz cinzujfchen, so bctunt Herr N'cissor, dass 
er im I^ufc der Zeit immer mehr dazu gekommen 

sei, die Aufgabe, tflgtidi fOr ausreichenden Schlaf zu 
fflr «eine der drtnglichs|eii zu halten. Und um 



iliese Dringlichkeit zu erharten, wei:>l er auf die 
„immer von neuem ai maicbende Erfahrung" hin, 
«daas die meiaten Enegungamuiflnde und Enegunga» 

steiiirrungen sidi an srhlafitis xfrhrarhlc N.'ldite an- 
sdiliessen bezw. mit üuldiea dnlciten". Die That- 
üBche ist KUiugeben und wohlbekannt, aber kdi habe 
bidier nkht geglaubt, daas aie nach dem Satze: poet- 
hoc, ergo propter hoc, wie Neisscr will, -m erklären 
sei, und idi glaube audi nicht, dans Neiders An- 
achauung von den Iirenaizten getheilt wird. Meiner 
Ansicht nach ist die Schlanoa^keit im Begbm der 
Erregungszustände nidit die l^p^adic, M>rflem weiter 
nichts als ein S,vmptom uder du Prudrouial») mptum 
der Himveiflnderung, welche lieh bald durch deut> 
liehe Errqiiung kimd giebt, ebenao wie die Unstetig- 
kcit tier betreffenden Kranken am Tage, iVic manch- 
mal allerdings nur bei besonderer Aufmerksamkeit 
bemerkt «-ird. Ich glaube auch kaum, dass es Herrn 
Nebaer gctangen ist, bei^nende Enegungamatande^ 

flie sich mit Sdilafl<»sigkoit einleiten, durch .'Schaffung 
von künstlichen S«hlaf zu coupircn, sutul würde er 
ja gar nicht ui dei Lage sein, bnmer wieder von 
neuem die Erfahrung zu marhen, daas aidi Erregnngs» 

zustande an schlaflcts verbrachte N'JW hte an-; hlics-rn 
Uebrigens h.'ltte Herr Neis»ser dun haus nicht nötliig 
gehabt, die Dringlichkeit der Aufgabe den Kzankea 
Schbf zu sdiaffen, durch Hinweis auf küniadie Er« 
fahrungen besonders hervorzHli<'b( n Die Wichtig- 
keit des Schlafes für Gesunde nicht minder wie fOr 
Kninke leuchtet von selbst ein und iat i%emdn an- 
erkannt Und das Bewusstaein dieser Wichtigkeit 
hat sich ja bei ilcn Irrcnnr/.trn in einer \N\ i>c j^i 1- 
tend geniacht, dass bis vi>r wenigen Jalircn in den 
meisten Irrenanstalten geradezu dn Massenkons um 
\vn Scldahnitiebi stattfand und das Ente, was der 

iunt;e Psychiater beim Eintritt in die Irrcnan-t.ilt \ <in 
Therapie lernte, der (Gebrauch der Pravazs])ritze und 
die Verzapfung von Sclilafmitldn war, die in grossen 
Flaschen und allen mjigliclien Corobinationen auf die 
.\btheihniR kamen. Es galt eben als die Hauptauf- 
■jfalie unter allen Umstanden Ruhe zu sdiaffen, und 
.so iierrhdite vielfach in den Irrenanstalten ein Zu- 
stand, welcher von spottsOchtigen Culhgen als ,4ie 
Rnhe des Kirchhofs" bezeichnet wurde. 

Ith führe dies an, un> zu zeigen, dass von jeher 
die Aufgabe Külve, bes>uuden> in der Nadil, zu schaffen, 
ab ebm sehr wirht^ betrachtet worden isL Und 
ich kann Herrn Neisser versitheni, dass auch ich 
von dieser Wichtigkeit überzeufit bin. Daiüber bc- 
stdit also keine Meinungsvers«, hiedenhdt. Nur was 
6b» Mittel anbetrifft, diese Aufgabe zu Uleen, darin 
beruht die Strettfnige. Und da muas arh naich mei> 



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ISO 



nen Hr/ahrungen die Nan-oiica für durdutus unge- 
eignete und unzweckmaarige MKtel halten, die hAdK 
SteD£ in Ausnahmefällen einmal angewendet werden 
solhcn, und i<li \r.AU: rs füi r.ilsdi. (Ion Schlaf unter 
allen UmsUndcn durch NarcoUca erzwingen zu wollen. 
Ich habe in meinem Vortrüge 1897 darauf hinge- 
wiesen, da.ss es bei %icleii viiul gerade bei den slti- 
rend«len Kr,iTik< ri nicht m<igli<:h ist, durch noih st) 
gesteigerte Dosen der verücliieden&ten Narcutica den 
gewünschten Schlaf herbeizuführen, hnchstens daas es 
gelingt auf i oder 2 Stunden Schlaf resp. Narltose 
zu erzielen. Ist die N.irkusc vorüber, su t»pht d;is 
Laroieti uikd Tuben vun neuem km. Andren^its 
treten, wie ich auf Grund der Erbihrangen nach Fort» 
l.i-'-t n der Schlafniiltcl gleichfalls betont habe, selbst 
bei (icu unruhigsten und erregtesten Kranken ijstcii 
ohne unser Zuthun von Zeit zu Zeit, in ganz rcgeU 
hner Wense. kOnere oder längere Pkuaen ein, in denen 
sie ruhiger sind oder schlafen. Die Kranken schlafen 
einmal am Tage oder in der Na' ht eine Stunde ndrr 
auch mehrere, auf mehrere sehr unruhige Ntlchtc 
folgt eine ruhigere und auch in den nnndi^nen Hldk> 
ten Innncn die Kranken oft nicht die ganae Nacht 
hindurch, si>iidcrn mit kürzpreii ndrr Irinpcrrft ITuter- 
breciiungen. Die Verabreichung eines Narkuticuim 
ist mäner Ansidit nach in sbklien Fallen höchstens 
im Stande den Schlaf ZU antkiptren, ohne dass nan, 
wenn man nicht sehr grosse narkotische Dosen giebt, 
den Sclilaf mit Sidierlieit herbeiführen kann. 

Ich mOchle hier nur noch auf die ganx flhnlidiea 
Erfahrungen des Diredots der Irrenanstalt Yuifc, 
Hilchctjtk, (Note '->n rc'i < 'insecutive «'.i^r^ n* :tf tue 
mania treated without sedatives. — Juum. of mcnt. 
adenoe Jan. 1900) hinweisen; wdclier daselbst in 
16 Jahren 206 Falle von akuter Tobsucht liolz der 
Kru ijuTifr "ind trfttz ilcr Schlaflosigkeit. wcf< he in allen 
Fallen mehr oder minder hervortrat, ohne Narculica 
behandelt hat und dadurch eine grossere Anzahl von 
Heitungen, eine geringere Anzahl von Todesfällen 
unfl hei den imgehcilten Frillen cinf ^T'i'i^crf Ruhe 
erzielt zu haben glaubt Die Erfaluxuigcn, die Hitch- 
cock in 6 Irrenanstalten, in denen er fiOher gewesen, 
Ober die Wirkung der Schlafmittel gemacht hat, liaben 
ihn zur Uebcr/eugung i^rfrthrt, dass sowohl l>ei akuten 
als bd cbroniaclicn Fallen der Gebrauch der Schlaf- 
mittel gelähilidi ist, dan kein bduuintei Narcotfeum 
den Anfall heilt oder abkOnt, dass die Verabreichung 

in rcnügcnd grossen D iscn , um rlic Aufregung zu 
unterdrücken, den Kranken dauernden Schaden 
bringt und dass auch längere Schlaflosigkeit die spä- 
ter^- Heilung nicht hindert Ich kann dies Wort fUr 
Won tmterschreiben, ebenso wie die Empfehlung 



[Nr. 13. 



diätetischer und liydrotherapcutijjcher Maaüsnahmen, 
welche einen natOcIichen Schlaf herbeizufUhren ge- 
dgnet sind, an Stdie der Betflidning durch Narcotica*). 

Nachtrag. 

Bevor noch die Drucklegung der vorstehenden 

Au.sführwgen erfolgen l rinic, l,at auch Bleuler Ge- 
Icgenheit r;f»n.tmmen. sicli Ober Tn> iii< ti Aufsatz zu 
üusäem und seinen Standpiuikt zu >^crtheiüigen. Es 
hat sich dabei gezeigt, dass die Differenzen swisdten 
den Ansrljatiutigt n Bleuler's und den meinigen gar 
iiii iit Ml licdi utcnil sitid , als ts il< ii Anschein hat. 
Jcdenlails kann ich mit Bleulers Zugcständniss, (has 
» ganz gern sAhe, wenn meine Anschauungen an- 
genommen wtlrden, damit da^ mcN^ (Jute, das in mei- 
nen Vors« hlägcn liege, möglichst Vcrbrdtui^ bnde, 
völlig zufrieden sdtt. 

Auch damit kann ich mich einverstanden erkbren, 
dass wenn idi etwas übers Ziel hinausgehen sollte, 
sich das ganz v-in scIJ'^t knüli^iiris uinl. I. !i r'laube 
aber ebetu>u wenig über das Ziel hinausgegangen zu 
sein wie die enten Anhänger des No-restraiot, ob- 
gleich ihnen dies zuerst allgemein vorgeworfen wurde . 
Hoffentli' h l.'isst es Tllenlcr nu lit hiA (!rr pritizipiellen 
Anerkennung bewenden , sondern versucht practisch 
dit zellenluse Behandlung zugleich mit der Bettbe- 
handlung durchzufuhren, wobei die Bedenken, die 
Bleuler jetzt n>nh hat. sii !i< r si liuit^ilcn werden. Und 
in dieser Beziehung noch einige Bemerkungen. 

Wie Bleuler beim genaueren Durchlesen meiner 
Aufsätze Ober die zellenluse Bduuidlung und der 
VfirstederukT, Ai;>fülmingen ersehen wird, habe ich 
gegen die Unterbringung von Kranken in Kinzel- 
zimmem an und fOr sich nichts einzuwenden» ich 
bekämpfe nur das Einsperren in Einzelzimmern oder in 
eigens dazu eingerichteten „Zellen". Das Sciwriren in 
Einzclzimmem liab« iclt ja selbst in vielen FjUlen au 
Stelle des ,;Isoliieos" empfohlen. Mein Kampf richtet 
sich g^gen das gescfalosseoe Einzelzimmer, die Zelten 
nicht gegen das ufTene oder vom Kranken jeticrzeil zu 
öffnende iünzclziimner, weil sielt eben aus der zwaugü- 
mAss^n Abschlieastmg oder Einsperrung des Kran- 
ken zahlrdche Nachtheile ergeben, die von alhsn Vor- 
kämpfern der zellcnlosen Behandlung genügend be- 
leuchtet wordet» sind. Ich pflichte Bleuler vullst.'lnflip; 

*) Kxpcnmcntcllc Untersuchungen, welche neuerdings von 
Han« Wintentelo („Zur KcttDlois* der Narkoae", Zeitcdir. f. 
allg. Phy^^i ilrri^i.- 1902, Bd. I, H. i) angestellt wordeo siod, 
führten zu lul^viuleni Schluss : NieniaU dntf die Annahm« Plati 
finden, d*u der nalttriiclie Schlaf durch die Narkose des Nerven- 
tj-ueoM «1 cfKlxea sei. Deoa in dem Uettcfwicgeo der Ami- 
mÜMioB alxr die DiHittttlalioa ist du Weicn da Schlafet n 
■achea, wklircad die Narkose beide ia steklMr Weise Uhnt 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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I902,] 



»51 



)>ci, dass „bei den Geutcskrankcti wie bei Gesun- 
den sich Leute befinden, die sieb Nachts um 
wohbten. aUda befinden und denen dies nichts adia« 

dcl'*, sonilcrn sogar nutzt. J;i, man kann sogar nocli 
weiter gehen und sagen, dass es Geisteskranke giebt, 
die üich auch am Tage am wohbten allein befinden, 
dtmtegm aber biaucben dieselben doch nkht hbitcr 
Sc bloss und Riegel zu sitzen. Cütgen den „Komfort 
des Einzelzimmers" i>at \kirkli( h niemand etwius ein- 
zuwenden. Auch, ich halte, wie ich dies in meinem 
Aufaatze in Nr. 30 und 31 des 3. Jahrgangs deut- 
litb genug ausgediüikt habe, eine grossere Anzahl 
von Einzclzinmietn tlurchaus ni« ht für unzwei kmä.ssig, 
(wenn sie nur nicht aU Isulirzcllcn gemissbraucht 
weiden), Idi habe direct betont, daw es im Allge- 
meinen das beste wilre, wenn man jedem Kranken 
sein eigenes Zimmer anweisen könnti , win tüf-. in 
vornehmen Privatansialten der Fall isi, l)ei offcnt- 
Kchen Inenanstalten scheitert dieser fromme Wunsch 
aber an der allzugnntsen Kustttpieligkcit Und da 
sind denn, wie dies in allgemeinen Krankcnliäuscm 
und Kliniken aucii der Fall ist, gn'j&iere Schlaf- und 
Wachsttle unvermddlich. Andreneils aber halte icti 
bei ziililreirhen überwac hungslxHlürftigen Geisteskran* 
kcn gewisser Art dcti Aufentball in Wa< hsSlct» aus 
psychischen Gründen und der besseren Uebcrwachung 
wegen fOr dutchaus geboten und zweckmässiger als 
die Unterbringung in Einzclzinimern, so dass ich selbst 
in einer vornehmen l'rivatanstalt ffir f rslklitssjgc Patien- 
ten aus iherapcuüschcn Gillndcn einen Wadusaal ein- 
richten wOrde. Die Einsamkeit des Einsdximmen 
wirkt vielfach psychisch ungünstig und es bilden sich 
oft unangenehme Kieeiisrliaften aus, die im Wach- 
saal gar nicht autkommen künnen. 

Das „Modeaxiom, dais Gcisteskrtiiilke krank seien 
und deshalb ins Bett geboren", ist niemals und nir- 
gends aufp^^tl !It w. inii n Es wird niemanden ein- 
fallen, einen niliigen, unauffälligen, arbeitsfähigen und 
atbeiialustigen Gdstedcranken deswegen Ins Bett zu 

stecken, weil er eben geisteskrank ist. Bleulers 
Aciisserungen in die^rr Ifii.siifit /t :;:en, dass er tUcs, 
was» die Bett-behandlung will, völlig rnksvctälanden 
hat. Es handelt sich bei der Bettbehandinng doch 
nii lit tmiallc Gcistokrankcn, sondern nur um solt he 
Elrmcn'.e. rlie unruhig i'(!tr in irgend ein< r 
•slorend und zu einer Arbeit nicht /u verwenden .sind. 
Das» chronische Falle im Prinrip arbeiten sollen, wie 
•Bleuler /.u betonen n)(i.s>en glaubt, ist dn bereits 
vor f vii J.ihn'ti fPinel, Reil, f Mnuermann) ausgespro- 
chener und jetzt allgemein ancrkunnter Grundsatz. In 
AUenbezi; waren, wie ich dies schon in meinem Vor- 
trage 1897 bemerkt habe, imgefähr die Hftlfle der 



Kranken j. Klasse regelmässig mit nulxbringcndcr 
Arbdt beschäftigt*) Audi für die andern deutschen 
Irrenanstalten, wo die Bettbehandlung in ausgedelm- 

tcr Weise geübt wird , gilt Achnliches. Das scheint 
Bleuler cutgangen zu &cin. Dass manche unruhige 
Elemente bei der Arbdt ruhiger werden, ist auch in 
diesen Anstalten ganx bekannt 

Bei leii htercn Graden von Unruhe, bei denen 
eine BcschUfiigung noch möglich i.st, tritt die Bcltbe- 
handlung eben nicht ein. Zu I^ett gelegt werden nur 
dminische Kranke mit stärkerer Unruhe und cfanmi- 
schen Erregnngszu.standen, welche ein Verbleiben bei 
der Arbeit unmöglich raachen. Und wenn wieder 
Beruhigung eingetreten ist uder der Zustand son.sl 
es erUiubt, Utast man die Kranken aufstellen und 
.schickt sie, sobald es geht, wieder zur .\rbeit. In 
den F.'lllen, wo die Bcttlage den Knmken „eine Qua!" 
ist, aber auch bei anderen wiid natürlich von Zeit 
SU Zeit der Versuch gemacht, ob- sie sich befan Auf- 
sein besser befinden. Wird jedoch dadurch ihre Un- 
ruhe, ihre Angst, ihr Jammern und Klagen etc. ver- 
mehrt, so müssen sie wieder inü Bett, wu nie !>icb 
dann in WitkKchkdt am wohlsten befinden, selbst 
wenn sie <hc Bettruhe als Qual bezeichnen. 

Wenn Bleuler meint, dass n:v h nii -iicr nctTi li- 
luing die B<ittbehandlung sehr thcucr sei und auf 

die 600 imruhigen Kranken Uber 150 Wart er (!) noth- 

wcndig seien, so weiss ich wirklich nicht, wie Bleuler 
zu dieser exorbitanten Zahl kommt In meinem 
Aufsatz (3. Jalirgaug Nr. 30, 31 dieser Wochen- 
sdirift) findet sich Ober die Zahl der Wfliter nur die 
Bemerkung, dass in Alletiberg dun h.schnitUich unge> 
führ I Warter auf 8 Kranke koniint. Und in meinem 
Vortrage vom Jahre lÖyj crw.llinle ich, d;u»s ich 
auf der Abtheilung: der «nisgtesten Kranken (Zdlen- 
alithdlung) 5 Wflrter auf io Kranke oder i '.4 hatte, 

aber meiner Meinung nach 1:3 nothwondig W.'irrn. 
Nun werden tloi Ii aber sicher nicht alle 6i»o Kran- 
ken Bleulcr's dauernd tob8acht% erregt sdn und dau- 
ernd 2U Bett liegen müssen. Ein sokber Gedanke 
ist tnir nicht im entferntesten gekommen. Von den 
bix) Untuhigi:n wirtl wohl tlic weit überwit^ende 
Mehrsahl xa den sogenannten Halbtmruhigen gehören, 
die /.um grösstcii Theilc (dauernd oder zeitweise) 
ii'mI, Iii schuftigt werden und aiw-fer l?ett ^cin k<'innen, 
wabrend audcrc durch die Bettbenandlung so weit 
beruhigt werden könnten, dass ae (wenigstens zeit- 

*) In meinem Vottrae beiut et, M(i*bci will ich glekb 
erwSluMa, dtft ftuch die Besdilflitaac der Kraskea, defcn 

beruhigender Eiiiflnt« lickaanl ii>t, die oothwendige Berikcksicli- 
üßuni; gefunden hat". (Bericht Utier die Jahre&vers. des Ver- 
eins denbcbor InenSnle 1897, S. 44.) 



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rSYCHlATRISCH-NKUROLOGISCHE WOCHKNSCHRIFT. 



[Nr. 13. 



weise) urbciisfaliig werden. Sdbst wenn ich annehme, 
dual r^ehnAs&ig i .50 von den 600 Kranken tobsOditig 
eriegt*) aind, ahiu bei Bettbeihiindlung ol 45 Wflner 

bniuchcn und im Uebrigcn ungefähr die Verhältnisse 
obwalten, wie sie im AllcnbcrgcrSici licnliausetuitdiru- 
oiidi intnüiigcn, unrdniicben und verblödeten Kran* 
ken hemchten, wo in 3 Abttwüungen 12 Wflrter auf 
iio ijo Kranke (mit ca. <''^>"i„ ncftlrigeri<:(i.') 
kotinnei), »• das.s auf die restirenden 450 Kranken 
Rheinaus elwa 50 oder gar 55 Wärter kuuuiiea 
worden, no wttiden sehr buch gerechnet immer 
erst lüo WUrter oder l auf 6 noihwcndig sein . ein 
VerliiUtniss, wie es in zahlreichen gnissen Irrcnan- 
stahen besteht und für unruiiige Kranke aucli kaiun 
ZU groa encheint. Es ifat mir aber auch nicht frag- 
lirli , (liiss sich mit dorn Verl»altnisti i : 7 i>der 85 
Wärtern Ixii den 000 Kranken in Rheinau die Bett- 
und zdleiiluse liettandlung ohne besondere Schwielig« 
kdten durchfflhren kittea wOide**), bennden, wenn 
erst da« System Aerzten und W.'lrteni in Fleisch und 
Blut übergegangen ist. Mit theoretischen Kaisimne- 
meiilü, die auf Vonirtlicilcn begründet sind, Ulsst sdcli 
alletdings die Fiage nicht eniacheiüen, hier lieiwt es 
tAten probircu, denn 

Cirau, teurer Freund, ist lille Thc«>rie 
Und grün des Lebens goldner Baum. 
Wenn Bleuler allerdingt die Bauten in Rheinau, 

besondcn» den Zellenbau als eirien Xothbehclf be- 
zeichnet, der bei den zeitigen Vcrhaltnis.Hen nicht zu 
umgehen geMve&cu sei, kann mau ja die Vcrthci- 
dlgong dier gelten lancn, man begreift dann aber 
nicht recht, wa.s mit ticr VcröfTentliclunig dos Auf- 
satzes, in »lern dicxc Tlaiitcn beschrieben wurden, be- 
zweckt war, da im .'\llgemeinejt jede solcher Ik- 
schreibui^ und VerOffcntlicliung in dem Leaer die An* 
schauung zu erMcrken geeignet ist, daas tt tk!b um 
etwa» Mustergühigcs handle. 

') Au.U V III den schlimmst-Mi Ai [■ T.iltcii I.insch sieh viele, 
wcdii nitljt die fiieislcn. bei «vvc<.kiiusbii;cr Lktllichandlun); 
noch wpscntlicli ljC5sern uml enichen, wie ullvntlialbcn (Ht ET* 
fohniagca leigm. Ich verweise in dieser Beucfaung mir auf 
die Errahnini^ii, die. wie Neisüer in winem AuftnUe bemerkt 
li.il, ncucriliti[:.<i in der Peniinn.tMttlliciluni; von I.eubuü gc- 
niadit worden »iad und auifilbriich io einem Auftaue von 
Alter f„Ver«nehe mit lellenlnier Behandlung elc.**, Centndbl. fitr 
Nwcnhcilk., Miär/ 1902I v-i r [r'-TiiIi-lit wurilen sind. 

**) leb möcblc Herrn Bkuler in dteMsr Betiehnqg nur aul 
den jOflsat in der All);. Zeltnchr. Itlr Pmbiatrie erwbfeoenen 

Alifs.-itz von Wiutli ie. IlMnielin ,.l'et>er die BtUiiiht- bei 
cfaroniscbeii Geiüleskrankrn" verweiMn , worin deitelbc M;hd- 
dcrt, wie er dfe Bettbchandlung bei 100 cbmnlKiica (unniM- 
gcit) weiblidiai GeittMknmken mit dem bedien Erfislce durch- 
(cAlInt hal, ohne d<a» eine Vermehront; des WartferMraal» er* 
fofderlich war. 



l'nd nun noch eins Wenn Bleuler zur Verthei- 
digung der Isiuhrungeii i^daruntcr immer das Einspeaea 
in Zellen verstanden) anfOhrt, das» manche Kranke die 
Isolirungen al^ eine Woliltliat empfinden, da»>s sie >e!bst 
nadi der Zelle verlangen u. s. w., (auch Fürstner luit 
auf der letzten Versammlung saducstdeutstcher Irren- 
ante in Kaflsiulw, Nov. iqoi, dieses Moment den 
Anhängern der zellcnli>sen Behandliinc gf^enulier 
hervorgeht »ben), so will ich nur darauf hinweisen, 
daas, als vor 5oJalu«n der Kampf um da» No-restraint 
entbrannt war, den VorkSmpfem desselben vun den 
Vertheidigeni des Restraint auch entgegengehalten 
wurde, dasts viele Kranke selbst nach dem Restraint 
verlangen uud spütcr dankeiul die Notliwendigkdt 
derselben anerkannten (siehe Dick, RdseakixiEen 
Allg. Zeitschrift für Psychiatrie, Bd. XIII, S. 37*)). 
Es giebt eben nicht<> neues unter der Sonne. Die 
Diskussion, die Jetzt über die Frage „IwUren 
oder Nichtisoliren" gefahrt wird, ist adion vor einem 
halben Jahrhumlcrt 30 Jahre hindurch in drrsolben 
Weise ül>er das Restraint oder No-restraint gefülu't 
werden. Alle Gründe, welche damals fQr die Bei- 
bdiahm^ de» Reatraints vurgebiacht wurden, sie sind 

jetzt, vielfach mit denselben Schlagworten, 1h i dir 
Vertheidigung der laolirzetlen «iederge kehlt. Es 
wurde damaU „vor jeder EinaciUgkett, vor allen Ex- 
tremen* gewarnt, wie jetzt vor der „Sdtabhme" 

(Bleuler) gewarnt wird und von „Prinzipienreiterei", 
von „Uelwrtrcibungeu", von „Extremen", von „cx- 
uemen Zielen der Fanatikei" oder „Fanatismus"*) 

*) Herrn Jolly. von welehem die tettlen Avsdrilelre in 

dem neuesten Jahri;an}; der Charil^-Annalen Iki den ErlSu- 
icmngeD cum NeulMut der pcy^iatriidicn und Mcrven-Klinik 
der Kttnle^t. Cbarit^ (Band s6, Seite 347, mcleiclK dieie 
Wochcnschriri , pd. IV', Nr. 1, .S. lol gcbrauchl worden 
«ind, scheinen »eine AusrühniiiEeii auf der Vcrsiimmlung 
deutfcfaer IncaRrcte in llcrlin. du* „dat fl)r das neun 
Jahrhundert au njeg cbtn e Slidiwoit der »-tlenloten Behandlung 
aUcinauMichttvoUesVerbesterunt^ciiin sich schlie«i>riide«, hezcich- 
r.r I werden dürre", unter Hinweis ilarauf, dass trotz der 
bckwia^gkeilcn , mit welchen Anfang« die Durchfithraitg de* 
No*iestr*tDl9 ta kSmpfen hatte, dteae dnch KhlMMlich ohne 
Rest tt^'^'V"" *^>. **"hnn li-ii! .■1; <tu;n, <onst würde er ilr-n 
Aufdruck „l-'anittiket", mit den> ja auch die Anhinger des No 
restrainlo Ober s Jahnefanie Uag recallrt woidca siad, nkht 
gebraucht haben. Der Widenprach ist um «o f>ffluer, ab 
Jolly selbst betont, daas er trotz der iinf:{insti^n Verhftitnitse 
in der Cbarilf nunmehr durch »y»teni,ttischc Kin«chr;inkun)> der 
Isaiimugen tu auflallCBd vial Kaniti{cren VerhSltnitscn eckoromen 
wU nie aie rrttbcr beatanden und als er sie erwartet halte. Die 
mildernden UmstSmle , vii-iehc Herr Jolly so RUliR »ein will, 
den „t'anatikeru" xuiubilii^en, sind denselben wirklich nicht 
vnn NMhcn »od «erden ebeuan frenndlicfa wie entschieden lu- 
rückgeu ie«en. leb glaube, et werden kaum 10 Jahre ins Land 
(•eheii , das» man den Spiets wird nmdiehen MhiMcn imd la 
dSs Lsfs saia wint* den GagfMm det seUenkiei» Bafaandp 



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I90.'.] 



geaprochea wifd; fttreoge veraOnftige Individualmning 

wiinli: damals bfiin Kcstniiiit cinpfulilcn, wie sie jetzt 
beim IsoIircM cnipfolilcn wirti, ein „inilikr" K«^tiaint 
wurUc daioals in vielen Fallen al» Hciimiitct, ja ah 
„QttdOe des ComforU" (s. Dick, Reiseskiuen tu a. O.) 
gepriesen, wie jctzl vom „('onifort" »ler Isolirzclle ge- 
spnu lien und in man« licn Füllen tlic Isolirung „in 
thcrapüUtiM;lker Beziehung nützlich" gcitauiu wird; es 
wuide die graaae Störung und die BdSsügung der 
aiulcrcn Kranken und ticr W.'irter als die nothwen- 
digc Foij^e der Bcsciti;^ung des Zwanges liervorge- 
hobcn, wie jetzt da^ gletclie Mutiv gegen die zcUen- 
loae Bduindlung angdiDhrt wifd; es wurde von den 
„ixjlien Warterfüustcn" ■;cs]jpjdicn, welche an die Stelle 
des Restraint treten mü&stcn, wie man jetzt das 
Gleiche bei der Aufgrabe der Ii>i^ilirung prophezeit; es 
wurden an die Anhänger des No-iestraint zahlreiche 
Fragen gestellt, wie sie in diesen und in jenen Fällen 
ohne Zwangsmittel auskommen wolh-ii (vgl. hes, (»uis- 
litin; Le9»n orales sur Ics phreaopathics übers, 
von laehr 1854) resp. was sie in wiicben Fallen zu 
ihun empfehlen (/. H. wenn ein Kraitker sii h immer- 
fort auiüciche t>der alles zerreisse otler nit ht im Bett 
bleibe« wolle), ebenso wie jetzt Neisser mich inter- 
pdlirt, was ich in den und den Fallen «u thun em- 
p/elilo; und cndlirh wurde tlie ausserurilentli« he Kost- 
spieligkeit des N»i-reslraint, ilie Henöthigung einer be- 
deutenden Vermehrung des \\'artpersunals, des arzt- 
lichen Peraonals etc beUmt und die Fiage als „reine 
Küstcnfr;ige" bezeiclinct , wie jetzt Men klin unil Sie- 
njens fiie zellenlose IJeharuliung vorwiegentl eine 
„Peisoual- und Geldfrage" und eine „Geldfrage vou 
grosser Tragweite" nennen. Es ist also alles sdiim 
einmal dagcwoen. 

Un<l wir- \. .1 ( iiiiL ! II l.ihr/.ehnten das Xo-restiaint 
sidi alleiu Huhn und allen öchmältungeii, allen bin- 
wOrfen und Bodenken gegenfiber siegreich durchge- 
kämpft und <lie erbittertsten (jegncr schliesslich Zlun 
Schwficfii gebrailit oder in <l!c cifritrstoi! Vorkrinipfer 
verwandelt hat, Mt wird an< h in unseren Tagen die zcllcn- 
kMeCehandlunjErdcn endgiiliigcn Sieg „ohncRcsf* davon- 
tragen und mit der tluvi h die Thalsai he bewiesenen 
Ma« ht seiner Zwev kinilssigkeit die Bedenken der bis- 
herigen Gegner veistuuuuen machen. Allem An- 
schdn nach wird das schneller gehen als mit dem 
Siege des Ni>>restnunt Mit dem Falle der Zelle, 

lung mlllkrude UmstSnde hcwUlitrca zu mlJsicn, «benio wie 

Wcstphal auf (Ilt Ijlircsvcrs.ifiimliinf; i\es Yview^ tlciUsclicr 
Imottrzie i. j. 1S79 mildernde ünutiiKie fUr die aofänglkh 
fast «llemnoe Oppotilioa gegen dis No-icsintiirt bevilliBle. 

<Si- ' r kern frriin<ilii'hrs Rblt in dar Gcschlchle der praC' 

tischen PsychiaHif" bcickJlttcte. 



«53 



wdche ja weiter nichts ist als das letzte und am 

längsten festgehaltene Besi hrilnkungsmittcl des Restniinl, 
das letzte L'ebcrbleibsel des alten ToUhausc^ wird 
das Nu-reÄlraint-Systcm erst gäuzlicli viillendet sein. 

Die historische Gerecht^keit erfordert es, darauf 
lunzuweisen , was jetzt anscheinend in Vergessenjicil 
gerathen ist. tiass in England schon vor 50 Jahren 
mit dem Rcstraiiit vielfach auch die Zellen abgeschaßt 
wurden, worauf schon ConoUy hingedrungen zu haben 
scheint. Dick berichtet in seinen obengenannten 
Reiseskizzen {t8.s >V ditss auf der weiblichen Abthei- 
lutig der IiTcnaiiätalt Springfield mit 500 weiblichen 
Kranken nicht nur alle Zwangsmittel verbannt» son- 
dern auch liie Zellen völlig beseitigt waren; es be- 
fand sich zur Zeit seines Besuches nur eine einzige 
Kranke in einer offenen Zelle. Dabei wird der wobl- 
thuende Geist der Ruhe, des Friedens und der Ord- 
nung hervorgehüben, welcher in der AnsUilt herrschte, 
und der Verwunderung Austlruck gegeben, dass dies 
Alles trotz des geringen Wartpersoiials (i : 18) und 
der wenigen (2) Aerzte möglich war. Auch sdieint 
die Kettbchandlung noch unbekannt gewesen zu sein. 
Nur bei der .Anstalt Devonshin' winl erwähnt, dass in 
ihr Dircct'fr Ruck will ebenso wie Guislain die Beobach- 
tung gemacht habe, dass durch somalfodie Erkran» 
kungcn herbeigeführtes BettliegtM» oft vom günstigsten 
Kinflu-ss auf das j>svchi&chc Befinden sei (eine iüsto- 
riseh redit bemcrkcnswerthe Ni;tiz). — Auch in der 
französischen Ansialt Marcville fand Dick zwar alle 
Zellen beseitigt (und sie bli«'bcn es auch, wie spätere 
Reiseberichte lehren), alver eine reichliche .\nwendung 
\ou Zwangsmitteln. Bei dieser Gelt^euheit berichtet 
Dick, dass nach Koster auch in Stephansfelde mit 

der Scklusi<in gcbr<K Fien werden soll. I)ass diis Vor- 
gehen in .'^pringsfieid übrigens nicht vereinzelt war, zeigen 
die Angaben von Ludwig Mayer in seinem Aufsatze: 
^Die Absdiaffnng des No-restraint" im 20. Bande der 
Allg. Zeiischr. f. l'sychiatrie (i86^>, die er auf Gnmd 
eigener Informationen In-i einer Reise durch englische 
Irrenanstalten gcuiiidit liat. „Die englischen Irren- 
anstalten'*, sagt er, „gewahren zwar Ober dem 5. Theil 
iler Gesanimtbcvolkcrung die W'ulilthat <les Kinzel- 
S4'hlaf/innncrs, aber sie besitzen keine eigentlichen 
ZcUenabÜicilungen, und kaum von einzelnen 
Räumen sind zur Aufnahme Lärmender und Zer- 
storungssüchtigi-r geeignet. Die Benutzung einer eigent- 
lichen Zelle ist alicr eine ausserordentlich si^ltene, imd 
es ist mir nicht besser ab den meisten Besuchern 
englischer Anstalten gegangen, ich hatte keine Ge- 
logenlit-it, die B<'nutzung einer rolster/clle zu beobach- 
ten. Die Connnissionars cjf hiii.icy f.iiiden Ijci den 
Besuchen sAmnuliclker GrafM-liaftsanslaltcu mit einer 



PSYCHIATRISCH-NEUROLDGISCHE WOCHENSCHlUl-T. 



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»54 



BeWrikenuig vun ca. 1300 GdHetkiaaken Dttr einea 
derartigen Fall. Aber auch die IsoUmiig im gewöhn- 
lichen Schlafziminpr i>t s. > ^eUen, dass man geneigt 
ist seinen eigenen Augen zu misstrauen. In 5 eng- 
liscben Irrenaiwtalten mit ca. 5700 Geistedmdcen 
Hand ich in sweien gar kdne und in den 3 Qhn^en 4 
Kranke in ihren Schliifzimmem iso'irt. Morel begeg- 
nete bei seinen Besuchen der englischen Xnenanstal- 
lea unter 5— 6000 Irren nur 3 FiUlen von laolirung. 
Dki CumnuMonara of lunavy fanden nur in wen%en 
Grafschafts-Asvlen einzelne Kranke zur Zeit ihrer Be- 
sudle isulirt In ra>t allen Fallen ergtreckte sich die 
laoUrung auf wenige Stunden, In Suffolk wurde jeder 
Kranke als iaolirt betrachtet und demgemSiM tcgjstiiit, 
u ( l( 1,< 1 .IUI 1. mir ", Stunde sich hinter der zugc- 
zoguucn Thür äcine!» äclilafzimmeis twfand, auch 
wenn die TliQr nidit abgeachlo«Mn war. boUioogen 
vun der Dauer eines Tages sind ganx auaseigewObn- 

!i( lic \'i irk niininisse. Nur einmal im Veriatif viiws 
Jalucs war die Zaiil einer Woche erreicht worden. 
In 4 Anstalten, lincohi, Surrcy, Sussex und Binuing- 
hatn {tak 2169 Geisteskranken), war innerhalb eines 

Jahres und lilnucr keine Is< ilininp vorgenommen wor« 
den. Kontere freic^citräumc (Muiiate und Wuchen) 
kamen in nhheichen Anhalten vor". Das Vtäteä 
Gricsinger's« wcldicr die „ZeUenp^rchialrie" ebenso 
vcr|H'>iiic wie tia.s No-reslraint, ist bekannt. Weniger 
bekannt aber dürfte sein, das» Kusl sich bereits i. J. 
1831 in einem Gutachten Ober die Anl^ von Mais- 
beig ganz enlschieden geg^i die Errichtung von 
Zellen ausgesprochen hat: „Mit der Absicht fOr die 



TafasOcht%en dnzdne Zellen anzulegen kann man 
skdi nicht einverstanden erklären, da letstere die 

n o t h w e n d i g c B ea uf si c h t i p 11 n 5: und I'flepe, 
deren die TobsQchtigen im höchsten Grade 
bedürfen, nicht gestatten. Es muss ireflich 
dem Ermessen des Arztes anheimgestellt bleiben, in« 
wieferri er in besonderen Fällen tler einen oder der 
anderen abgesundertcn Xelle sich bedienen will, itm 
einen besondeis widerspenstigen Kranken durch Ent« 
fsmung aus der menschlichen Gesellschaft auf einige 
Zoit /u tinndimn Af cr als allgemeine Rci^eF darf 
es nicht gelten, jeden TobsOchtigen völlig zu isu- 
liren. Und da die Ausbruche der Wuth oft lange 
Zeit hinter einander fortdauern und nicht selten mit 
schweren korpedichen Leiden vergescllscliaftct sind, 
SU eigiebt sich hieraus ein Zustand, der die 
ununterbrochene Gegenwart und Aufsicht 
des Wftrters dringend nothwendig macht 
Dfiin r>ft sind V'aUv. viin Sdlisiini rd in einsamen 
Zellen vurgekummeu, in denen der Kranke durchaus 
nicht SO gffesseh wetden kann, dass er dadurch 
vOlIg gehindert würde Hand an sidi zu Ic^en. Der- 
gleichen traurigen Ereignissen darf aber durch die bau- 
lichen Einriditungeu uidil Vurschub geleistet werden. 
& dflrfle fDr die Manbeiger Anshdt liinreicheud aem, 
2 Zelten för einzelne männliche und l Zelle fflr 
weil .Iii Tobsüchtige, dir (irrigen ZU /(.-ürn hc- 
stimmtcn Käuiuc aber 2U angemessenen Zimmern her- 
zurichten" (Koster tmd Tigges: Die Irrenanstalt Hars- 
beig, Allg. Ztschr. f. Flsjfdi. Anhang zu Bd. 24, 1867, 
S. 90). 



M i t t h e i 

Norddeutscher psychiatrischer Verein. 

Neunte Sitzung Montag, ilen 7. Juli I<f02, Vormittags 
II Uhr im ..Dan/.iger Mof" zu Danzig. Tages-()ril- 
nung: Geschäftliche Mittheilungen. Vorträge und 
Demonstratiunen : i. Die acute haUudnat<»rische Ver» 

wi:ill,i it TnitiiUtadiuuj hei Melancholie. Dr. Ghi- 
zewski, 1. .'\«.sistenzarzl in Conradstein. 2. lieber 
Gchirnse« lion, mit Demoiislrationen. Dr. Wickel, 
III. Arzt ii\ Dziekauka. j. Die Familien] iflege (.ieistcs- 
krankcr bei der l*ro\inzial-Trren-.\nsialt Omradstdii. 
Dr. Nciigehatier, III. ( »herarzt in Conradstein. }. Die 
neu errichtete Irrenabtheilung an der Strafanstalt zu 
Graodenz. Dr. Sander-Graudenz. 5. KArperverletz« 
rii^cri , körperliche Mis.shandlungcn als l'rsa< hc von 
( .1 istc-v>lotiingen. Med.-Kath Dr. Kromcr, Direktor 
in Conradstein. Nach der Sitzung Diner mit Damen 
im „Danziger Hof" (Geileck M ), dann Fahrt nach 
Zojiixit, l'ni z.ihlreirhp Bethciliguiig — auch der 
Damen — wird gebeten. Die f iesrhäftsffthrcr: Krttmcr- 
Conradstein, Siemens-Lauenbuig. 



1 u n g e n. 

— Zur „Irrenfarsorge" in Tirol m hreibcn die 

„Innsbrucker Nachrichten" vi»m 14. Juni i<v>-; 

Wie verlautet, besteht in der T,anrlesirrenanstalt 
in Hall eine Typhnse))idcmie. Wer the Verh.'illnissc 
in dieser Anstalt kennt, den erfüllt eine solche Nach- 
richt mit emster Besorpiiss, wenn er bedenkt, welchen 

Gefahren dir pnrL;Iiii5;r in cinrm sulifirn Frillf in 
einer Anst.iU .ui>^i:.seizt smd, ihe aiier Ertordcruisse 
einer entsprechenden Irrenpflege entbehrt, im hiich- 
sten Grade überfüllt ist und in welcher überdies 
geeignete Räume für die abge:»oiiderte Behandlung 
\on den mit airsteckenden Krankheiten Behafteten 
nicht Vorhanden sind. 

Der Ausltruch <ler Epidemie giebt Anlass, die 
Verhaltnisse der Irrenpflege in Tirol neuerdings zu 
bespredien und neuerdings den Versuch zu machen, 
den mathtigen Krllften, die in diesem I^nde daran 
sind jede Neuerung untl jeden Fortschritt zu unter- 
drücken, entg^enzutreten und sie zu erinnern, welche 



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Sdinld des verhttiigiiisBvoneii UnteriuMiM sie onent* 

wegt auf sich laden. 

Wir erinnern hiebet an die von massgebender 
Seite nicht wderlegte Nirtist in den Tnnsbnicker Nach- 
iii lit«ti NMtn V Pi-. ciiilirr TirM. «'clrho fflf cjcn 
Kutuiigcn deutlic h genug v«>llc Aufklärung darüber 
enthj|lt, dass e» mit der Irrenpfl«i;e in Tirol be- 
schämend srhiwht sieh) Wir fir-ltcü uii^ für vcr- 
pflichlet, nochmals örtcnilu h Uai.iui hiu/uwci';!. n, d.ijis 
beide Irrenanstahcn des I^mles oberfüllt sind und 
daas «ich in Fol^^c dessen der Aufnuhme der Analalts- 
behandlung ilringcnd bedürftiger Geistesittanker in 
dii'M' Ah-.t.ii;rt> iiiuncrwflhrend die grflssten Schwict%* 
Iceitcn entgegenstellen. 

Rnhf)^ und unruhige, reine und unreine, frisrhe 

um! \ri:iliri?' F.'illc sili.l iti der Irrenatistuli in II-ill, 
die unter den Anstalleit Oc&lerrcit lis und Dcutscli- 
lands wdtatM die r4rk.stSlndigste ist, untereinander 

untcrgohr.'irlif 

Von einer den unbedingten Erfordernissen dor 
Incnbebandlung Redtnunfp tragenden Trennung der 
Kranken kann wegpit R:iiitntnangcls und «Icr ungiii»- 
stigen Anlage <lcr Ansldli keine Rcdo sein. Auf 
melurercn Abtheilungen sind keine V'entilationsein- 
richtungen vt^handen. In die Krankentaumc dringt 
Abortlnft, das Aussehen der Räume erinnert an Ge- 
f;ingniss<! si lilinuiis'.i i S ttc. wie man sie hierzulande 
übrigens auclt li.lnfig genug anirÜTl. Die Aburtan- 
iagen der Anstalt sind wahre Beispiele von Unxwedt- 

mrissigkeil und l'iiieinli. Lkr-it 

In »ler .\nstalt, die für höchätens J50 Knuikc 
Raum hat, srhw-ankt det Kranlccnstand um die Ziffer 
yn). Die für die Heilung der Kranken nach mt>der- 
nen ( jrundsTitzen m> unenthchrlii he Bellbehantllung, 
s>iwio liie Behandlung mit Dauerhiiilern ist wegen 
Kaummangels und mangels an dem hiexu nothwendi- 
gen Wartcrpcrwmale undurrhffihrbar, eine Wachab- 
thcilung ist nii ht vi .i'iainti n, lür crfi ■nlerlicjie Kraiiken- 
bci>baciitung kann nirht stattfinden, das Bad auf der 
Mflnnenibtheilong befindet «ch in einem nahem unbe- 
nflt/baren Zustande. Wogen Manprl«! nn R.'iumon kön- 
Dvn Werkstätten zur IJesthafügung der Kranken nicht 
hergestellt werden, dieselben kOnnen nur mit Feld- 
arbeit iM-sf-hflfti!»! wpnien. 

Die Bezahlung des Wartejierstmales ist elend, 
)h s>< r qualifidrte Wflrter sind daher fast flicht zu 

bt ki .inmen. 

K-s ist einlem htenci — und dies giebt uns die 
Berecht^gongf das Logs vieler in der Anst;ilt .\nlge- 
nommcner als dn veizwdOuiigsvoli entsetzliches zu 
-bezeichnen — , dass bei derart traurigen, der ratio- 

nclti'n I rrrcnpf lege hohnspreriienclen Zustanden von 
einer cigenUtdien Heütliätigkeit in der Anstalt keine 
Rode «dn kann, scmdem hn Gq^enlheOe die der 

.\nstalt anvertrauten Kninken sogar in ihrer k«>rper- 
lii'hcn («esundheit gefährdet werden. Wie soll unter 
sokhen Uinstiincien den heill»aren Kranken dti- ' i- 
fordedichc Ruhe gcschalFcn werden, nie sollen äcliAd- 
lichkeiten von ihnen abgehalten worden, die Umrhen 
ihrer Krankheit cnnittt ti uiiil wiikuh'.'s\< i!l Ix sf itigt 
werden, weau die allernutliwcndig.slcn \'urau<>äelzungcn 



155 

fOt dn denrl%tt «ahiliaft Hcgcnsreictics WirlMn volU 
ataiid% nuuigdn? 

Man inavs mit voller R<-^iiin;ttioTi /u dem Schhisi^r 
kommen, d;i.ss die Heil.r.is-.ii hti 11 in <ler Anstalt 
gleich Null sind. Vielleirlu i>i a.u h tlies muh zu 
wenig gesagt für diejenigen Maassgel^enden, die »ich 
allen wohlgetncinten, tief empfundenen Vorstellungen 
s. 1 luiiii; luiil il'i.ii s, . \ rrantwortufiLis^ I '11 vcisc lilir-,scn 
und gleicligillig zasehcn, wie die Anälalt nicht eine 
Statte des Trostes und der Heilung, sondern dn Haas 
der Quai und der Venc«*einiing ist. 

Mit der Irrenpfl^ ausserhalb der Irrenanstalt 
sieht es nicht besser aus. Von verlflsslicher Seite 

Ist ims mitgelheih worden, dass auch hinsichtlich 
der Unterbringung Cicisteskrankcr in VcnioiguDgs- 
hiiisem und I^ndspitfllem geradezu grauenvolle Zu- 

.sirmde herrsi'h^Ti. Hnufii; knnnr.t fs \nr. il;t>-s ("n-i- 
steskranke in derartigen Anstalten an Ki-llci >i<kr U) 
kellerartigen, winzigen, ftnstern, feuchten und nicht 
hdzbaren RAumcn, die sich entweder gar niclit iQften 
lassen, oder die selbst im Winter nicht dnmal geg«n 
tias F.iiMlrinucii \uti Kälte un«l .S«"hnec ge.sthftt«l sin».l, 
gehalten werden. In untniltdlMirer Nalie von IiiU8- 
bruck, unter den Augen der Becirksbchurde kommen 
si Irhc Dinge vor. Wer hat es ni» iil schoi» gesehen, 
in weichen» .schlei liten Znstande si< h tiie Gemcinde- 
arnienhgUSCr gewöhnlich liefinden, wie wenig fQr 
Ordnung und Kdniicbkeit, geschweige deim Bchag- 
lirhkdt der PfTflndner und Bresdiaftcn gcsoigt ist, 
u-r li.liiri^' .iIjci aui'h in dieser Beziehung <li<' gri'ibsien 
Unterla.s>ungcn vorkommen, wie TruiikenUtlde die 
Anstaltsnihe stOren, wie arme Kinder, die in Stecher 
St;ut(^ des Jammers auch aufgenommen wcrtlen , zu 
Zu--» liauem ilcs Anblickes all dieses Klends und der 
Widerlichkeiten gemacht werden. .Selbst der ruhigste 
und unvoreingenommenste Beobachter all dieser Miss- 
«tSnde der Armenversorgung muss zu dem Urthcfle 
koinnifü ; .A\'clif iI<mii P'lciulcti. tifi lii i .\tim-u\<'i- 
sorgung der (»emeindcn anheimfällt". In verborgenen 
Winkeln der Armenhäuser, wo man kaum das Vor- 
handensein eines Stalles vermuthen würde, findet 
man daim noch s« hlie.sslii-h die Unterkunft eines 
Geisteskranken, des.sen Zustand der N'erwahrlosung 
jeder Beschreibung spottet In Teiles, Matrei, Wattens 
und Welschhofen diid alldn vor nicht langer Zdt in 
unmittelbarer Aufdnanderfolge aok^e Zustünde auf- 
gedeckt worden. 

Witd liie elende Unterkunft »(jlcirer bcdauems- 
wi ttlici ( Icsi h' iptc, in dem sie vi Si Innutz, (jestank 
und Mangd jeder I'tlege vergehen, nicht zußllig durch 
dne Controlle von auswärts aufgedeckt, sn denkt 
lurniariiJ an ilii' I'i si iiiuun^ licr Zustilnd< . si iidem 
denjenigen, welchen unmittelbar die Sorge für da« 
Wohl solcher Kranken obliegt, bleibt nichts anderes 
übrig, als ;uir d.tfur zu SfirL'cn. (la^s Störungen der 
Umgebung verluilLt wuidcti, wcUci rfi<ht ihre Kür- 
sorge nicht. Der .schwere Vorvsnil il^r Vernach- 
lässigung der Pfiffe trifilt in solcltciii Falle nicht so 
sdir die mit der unmittdbarcn Pflege Betrauten, 
denn sie kommen that!>.'tchli('h bei dem Mangel jeglicher 
Unterritülzung vun inaatüigebendcr Seite zu der Ueber- 



FSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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»56 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE . WOGHfNSCH&ITT. 



(Nr. 13. 



das müsse so aetn und IcSnne nicht meideii. Niemand wird bettreiMn, dass vidfeth Unter- 



Zeugung, alt 
andeis sein. 

Ganz nahe von Innsbruck ist es vor- 
gekommen, dass wegen Raummangels in 

einer Anstalt, die zum Aufenthalte un- 
heilbarer, atis (1er T. a n d es i i r c n a ns ta 1 1 
entlassener G(?is tes k r a n k e r Itostiinmt ist* 
mehrere Geisteskranke in den Räumen 
einer Ferien-Colonie fflr Knaben, mitten 
unter diesen u n t e r g o b r a c I i t w u r d 0 n. 

laicht um vieles besser steht es mit der Irrcn- 
pftege in Sodtirol. Audi dort ist es wegen der steten 
Ucberfüllunj; der Landesirrenanst^ilt in I'erginc i^o- 
brUnchlit 1), unheilbare Geistoskranke in unfjceigneten 
Lundspit.ilcm unterzubrin^rn , \v<i für V'oqiflegiing 
und Wartung der Kranken nicht annähernd ent- 
Hprechend gesorgt ist. Eine derart^ Anstalt ist das 
Krankenliau- 111 Afa. Die K.'lunic für di-' 1 is'.ts- 
krankcn sind daselbst überfüllt, es fehlt an der ent- 
sprechenden Ueberwadnn^, nicht «nmal ein Garten 
i'-; v.iihanden, in Hmi dif bedauemswerthen Kranken 
im iieis-sen S' unin-i zum .\ufcnlhalt iiks Freie gebrac ht 
W^cu k. »uritco, Im Spitalc xn Tninsactjua kam es 
vor, da«« Geiüteskrauke« die in mangelhaft gelüfteten 
lind unreinen Räumen untergebracht waren, eines 
geeigneten W'.'lrterpcrsDuals vo|lst;indig entbehrten. 

Ktxrhmals ergeht unter V'ürbriiigiuig solcher That- 
sachen an Alle jene, die in die Lage kommen können, 
Einfluss auf die Beseitigung der geschilderten Zu.stande 
/u neluncn, der (lringen<le Ruf, sieh dafür einzusetzen, 
dass eine gründliebe Bes.serung des Irrenwesens im 
Limde hcrbeigcfahrt werde und nicht mit jenen, die 
tmlier drinf^nde Mahnung:cn unberOcksirlitii^ ^dä^en 
haben, den V"i>r\vurf ttlier sieh ergeb'n zu las.sen, 
gegenüber snichcn Zu.sU'imlcn einen Gleielunuth be- 
wnhtt zu haben, der Allen, die das Hers auf dem 
rii hien Flecke haben, als Geftthltosigkeit cncheinen 
nniss, 

M'>ge es gelingen, ilie Aufnn il.vunke i', der rSchörde. 
weldier die Aufsicht Ober die Irruifürsorge obliegt, 
zu erregen und 90 endlich die Widerstände an jener 

Stelle zu überwinden, der die Uehcbuiig dieser mittel» 
alterlii hen ZuatänUe gesetzlich «ibliegt. 



sehiede zwiselic 



Aull 



I-ci-tiKiueu beitler 



Referate. 

— Ueber den physinlogischen Schwach- 
sinn de-^ Wethes. Von P. J. Mrdjtus. 4. Aufl. 
Halle a. S. (.arl Marlmkl. i^Oi. 

Die Abhandlung hat in kurzer Zeit ihre vierte 

Auflage erveielit, uim h mehrere Auflagen werden dieser 
fulgei). Iv-s ist die.s ein erfroulir her Reweis dafür, dass 
sid» in unserer Zeit w eite Kn ise für mitten aus dem 
Leben gegrMcne psyelt<*|ngieche Themata intercsuren. 

loh habe in dieser Worhensdirift die erste Anfluge 
ausfülirli' h bcs]ir<i( l>r u 1:11! habe mi' h seitdem 
bei allen paNsenden Gcli^^ienheilcn bemüht, die 15c- 
haupttittgen des Herrn Verfassers im Einzelfall zu 
pjüfeti. Und auch l>ei)n Durt lilesen dieser vierten 
Aullagu habe iil» gesucht Mi,sNver.ständuis6C ZU ver- 



Geiichlcclitcr bcstehwj.. Der Vergleich fällt aber nicht 
durchweg su Ungunsten de9-wei*blichen Geschlechts 

aus. Vide Bemerkuagcn in dem vorliegenden ßuehe 
sind zu scharf, die Schilderungen betreffs der weib- 
lichen (jefühle und nethätigungen auf ethisehem und 
mocalischem Gebiet sind metirfiicb nicht richtig. Den 
meisten Widcrspnirh erweckt der Ausdruck : ..ph\ - 
>ii iogischer .^1 h'.^.n jisinn des Weibes", deMu ih i i'ml,- 
zcitige gcisligc Verfall z. B. nadi VVoclicitbetten ixier 
im Klimakteriton fehflrt nidit zimi durchsdtnitilichen 

KnlvvirlJimtjsi'rtni; dr-r Fr;iiien. Sinil d;i^ \^•ri M.'biiis 
gesehiiilerton Veuiiiilei ungeu in dioseiu uitil jeJieJn 
Falle eingetreten, so sind sie Folgen abnonner äusserer 
oder innerer VerliAltnisse. Es handelt sich dann um 
psychische Krankheit, um pathol.igi^ehe 
rnx osse im Gehirn. Würde t'j i Ilt^rr N'erfasM r 
mehr berücksichtigen, üaäs jisychi&ehc Kranklieiteii in 
ihren leichten Fonnen recht nft verkannt werden, 
was er doeh an rtnt!r'ver .'stelle selbst hervorgehoben 
hat, würde er uiibi:i,»ngener, weniger pessimi.stisi h 
Umsi hau h.dten iniler den gesunden, feinsinnigen 
Frauen und den klugen TtVlttetn des Landes, er 
wtirdc skrh von manchen Autosuggestinncn frei machen, 
<lie seine Feder bei diesem Hüehicin geführt haben. 

Ein alter Grieche hat eiiunal erkL'lrt, das voll- 
ständige mcnschUche Individmnn bestehe aus 2 Hfllften, 
der m.'lnnlii hen und iler weibliehen. Diese IlUlften 
kommen getrennt zur Welt; sind sie reif, .sn siulicn 
sie sich. Haben si< h tlie zu ein.inder gehörigen 
Hälften gefunden, so stdicn sie erst ein Ganzes ilar. 
BIdben wir doch als Vertreter der einen Hälfte 
i:ere< ht gegen ilio Reprftscnianten <ler erfn ulii lier- 
wcise vielfach anders gearteten Ibilfte! Su< lien wir 
— jeder an seinem Thcile — dihin zu wirken, da« 
die Schwierigkeiten geringer werd<-n, die sich der 
Vereinigung für einander bestimmter Hälften in Folge 
ungünstiger s(«nalcr \ erliältnisse s<> oft erilgeg<?nstellen. 
Daim werden unseren Mädchen und Fr;iuen weniger 
Wnnden geschlagen werden im Kampf um's Dasein, 
haiui werden viele .sc hwere miiI .lueh gar manche 
leichte Krankheiten j>eltener wcrtlenl 

G. TIberg (Grusssrhwddmtx). 

Zar Denkschrift über die „Badische Irreufürsorge." 

Die Verfasser der Denkschrift über die liadischc Irren- 
fürsorge lial)cn gegenüber der Besprcelumg Gaupp's*) 
darauf hingewiesen, dass er die Verh.'iltni.ssc ni( ht 
„au-s eigenem F.rlc>ben"' kenne**). Dieser Einwand 
veranlasst mich zu der Erklärung, dass die Daistdlung 
(;aup])'s den wirklichen Hergang der Dinge 
vollkommen zutreffcnti v, icd. r_ i geben hat. 
Die aktcnniÄssigen P.elege dafür -^iiui m meinen Hiinden. 
Ein nochmaliges Kingehen auf die jüngsten .\u.s- 
führunuen der „Verfasser^ cischdnt dcmnadi vüllig 
zwecklos. 

Hddelbeig, 23. VL 1902. E. Kraepelin. 

•) (."enlralbLitt f. Nc^rvcnlitilkimdc 14^, S. S30i. 

**) Diese WocliciiKlirift lyo», y, .S. lO|. 



1^ dnt laLKtUmeUvi) Tlivil tnattMwtlicU: Ühvmtt Itt.J. Itrrsict Krmchnitt, (Scbicdmlk 

— Sdiha» der laimIraMiuduM« 3 Tac» vor dar AiHgalw, — Vwlag von C«il M«rt«M>« 
•'Mk* IhdidndMral <G*br. W«Mt) h> ^le a. & 



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Psychiatrisch^Neurologisclie 
WochenschrifL 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 

Inlematioiial«» G«HrrMpoii<lenxbl«tt fflr Irreninte und Nenreulnete* 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervorragender Fachmänner des In- und Awlandea 

hitrair«f;r>iff>hr>n von 

Direktor Dr. K Alt. Prof. Dr. O. Anton. Prof. Dr. Bleuler. I)irp!,tr,r Dr. van D«venter, Prof. Dr. L. Edinuer, 

ll.->M,t . , I i,,..t y.üarh. ' 1 . . triibcrc (ll<.r,ir I) Fianlfurt a. M 

Prof. Dr. A. UuLlaludt, Prof. Vir. K. Mendel. Prof. Ur. üii. ^4u:...:nii. Dr. P. J. Möbius. Dlri^ktor Di. Id.orol« 

Direktor Dt. O. Olah, Direktor Dr. Hilü, Dr. Eriuit ächulue, Direktor Dr. Urqniiart, 
S«. .Miuriot iScinr). 1'fiv.itdQCFnt, An.]riu.)ck. Mntb (ScboMlMld). 

13r. lued. ei pbil. W. Wey^andt, 
PlhniHaceiit, WBrxbttrc. 

Unter BentitTiung; amtlichen Materials 
redigirt von 
Oberarzt Dr. Joh. Broiler, 

K/a»chiiitt iSehMenl. 

Verlag von CARL MARHOLO in Uatie a. & 
T*ltgr..AJMM: Harhöld V«rlmr. HaM««**ta. Wm m pm^ «jy». 



Nr. 14. sjuiL 1902. 

Dfitt ,^iyeh(airiscb-NciiroloKi>chfi Wuchsnirbrilt" vnrhmiit »ivitB Soatutwnd und koMM pro QiMflaI 4 Mk. 
Bn^iJNmili urtum ftte t*r^*^~*' — t, 41a Fan <KmIo« Nr. 6ij». w«fi« dU VarlapbaciilMiMUuRK tod Cktl MarhsM in Hall« >.S. ■«(•«Mt. 
IuMma ■iml» Mr }ipaM|« mit 40 P(f. bnoduMt. Rai Wiaderkalaac tritt ftwlwiiwg ah. 

Jt.*v^HHffli fUr d» R#<Urtiotn »nd an Ob^rar/i I)r- J. Brnsler. Krauch nit^ iScIiWifr^. tc ficKcvn 

Inhalt. Origiiule; D«r cliiiurj^Hche P.iviüo« der V)ffciitlitbcii lirciunstaltcn <les Si .^.^l••|l.ctKlucl^t. im klini>clirii Slyl. Von 
Lttcien Picquif (S. 157). I^nii- Irti-i)..n-,(.ilt m lier L' \.i:iif. Von l'riv.itiliK int I)i W . Wey^anJl iWUribur;;) (.'^. il>2). 
— Apliasic und Aginpliie mich cpileptiscb«a Aniüllen. Von Kervcnaiil Dr. Sladeliiunn (S. 1O5). — Mitthciliingrn 
(S. 170). — Rdimite (S. 17t). — Ptrioiialaachrithten (S. 173). 

Der chirurgische Pavillon 
der öffentlichen Irrenanstalten des Seinedepartement, im klinischen SlyL 

Von Lucien Ptcquf, chirurgischer Rcfercut der utientlicliea irr>:ii.ia«^iaken. 

Ijcr Pavilli>n, wcidicr am 9. April lyoi eröffnet bleibt er zu Bell. Unter diesen TTtnsiandcn ist die 

wurde, unicrsclteidet sich von allen ahnlichen Infecti>..iL.>igct<thr eine äusserst gi-niigt:. 
Einrichtangen dadurch, dan er dnz% und aUein far Der Dienst des PoBonab in dem Opentiampa- 

"perative Chirurgie be^tiinint uiiil von den tlbrigcn vill<in Ist einzig darnuf ijcsthrünkt und ui u.i.i \orge- 

Kraiikcuslali^iaen gänziith getrennt ist Diese v<;>||jgo schrieben. £.s best haftigt such nur niit Opcrutitiiicn 

Trennung, die sich sonst nicht in nnsem Kranken» und der WacUbehandlung. 

hausem findet, bietet aber derartige thatslcblidie Indessen springen die VorÜieile eines gesonderten 

Vortheilc. das.«« man nicht nacbdrllddich genug darauf < )pcraünnspavillon.s haii|>tsa<-lili( 1) in Küi k.st( ht auf 

bestehen kann. die Art der allgemeinen Cuustmeliun, der Vetthciluitg 

Man vermeidet durch eine derartige Trennung die des Dienste», dessen Anordnung tind den dabei 

Gelegenheit xur Infection duich die Kranken und wichtigen Gesidilspunfclcn nis Auge, 
ihre Familien, durch \\'riit< r, (.Wo nur za liflufig und Allgemein gesagt muss in einem Krankenliaus- 

trotz aller Abmahnungen von iluem Krankendienst pavillun alle» von dem Gcsii htspunkt eines litugercn 

zu Ppeiationcn kanunen. Der Ktanke wird auf ein«' Auletithaites des Kranken und in Radcmchtnalimc 

Tragbahre flberffihtt und in denelben Weise nach auf sein Wohlbefinden, auf das er wahrend dieser 

seiner frfllierfn Statinn zunkkgebnn ht, um dort .seine Zeit Ans]mu li zu erheben b» reelitigt ist. eingerii biet 

Recunvaie^cena: durchzumachen. Wahrend des ganzen sein. Am meisten ilatz ij>t den Ki'ankcn<>iilcn zu- 

Auie&lhalls im Pavillon, der immer kurz sein suli, gedacht. Ausserdein muss man atJ die Anlage von 



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'58 



[Nr. 14. 




Abb. I. 



WandcIgSnRcn, RuhesJllL-ii, Aburten Hedacht nehmen. 
Der ;illneiiu>inc Kninkcixlicnst bcanspriuht dabei auch 
viel Raum. Unter diesen VcrhaUnissen wir«) die 
Ausübung tier n])craliven Chirurgie immer zu kurz 
kommen. Man l.'Ksl sich <la/u \ erführen, mehr «xlcr 
weniger zu kleine utler schlcclit gelegene Operations- 
säle einzurichten. Von eiticm meiner Gullcgcn • habe 



ich gehiVrt, «lass der Anhitcct wr 20 Jahren im 
Hospital Kit hat den < )perations.saal vergcs.sen hatte. 
Erst später ist er auf Antrag hier gelxiut wonlen. 

Die Xcbenrüumc der ( >i>cration.wale sind bisweilen 
ungenügend: in einigen Kraiikcnhflusern. an denen ich 
gewesen bin, fehlen sie vollständig — im Hospital 
Richat, welches während 20 Jahren für eine Mu-ster- 




rSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCIIE WÜCH ENSCH RIFT. 



»59 



anstatt gegolten hat, sind sie zu eng und unbedingt 
zu weit vom Operationssaal entfernt gelegen. Sic lic- 
findcn sich in einem anderen Stockweric und in 
Räumen, die der Apotheke unterstehen. In einem 
ganz neuen IlL>s])ital hatte sie der Architcct vergessen 
un<l mehr als einmal hat man von der Anlage eine.s 
Lalxiratoriutns abgesehen, um an dessen Stelle St hwitz- 
bctdcr u. dergl. einzurichten. Nichts destoweniger 
muss man alnir hervorheben, <lass unsere Collegen 
»ii h trotz dessen Einrii htungcn zu beschaffen gcwussl 
haben, die ihnen die Ausübung einer aseptis<.lien 
Cliirurgic mit Sicherheit gestatteten. Aber wenn man 



ungen für einen Opcrationspavillon vollkommen anders. 
Alles muss dort für einen chirurgi^ihen Eingriff ein- 
gerichtet sein. Der Operationssaal, iler dabei die 
Hauptsache ist, muss geräumig und gut gelegen sein, 
seine XcbenrUume von geeigneter GriKse, tiabei bctjuem 
vertheilt und zwei kmassig gnijipirt. Das Wohl des Kran- 
ken, der wahrend seines ganzen Aufenthaltes im Pavillon 
zu Bett liegen muss, lu'lngt in h<ihem Grade von den 
a.septischcn Massnahmen ab, die man gegen die In- 
fektion im Vertauf <ler ( »perationen , in den darauf 
folgcn<lcn Verbanden, gegen die Infeition der Bett- 
wäst he dun h andere Kranke und umgekehrt gegen 




nach dieser Richtung liin auch zu bcfriedigcmlen 
Resultaten gekommen ist, so dflrfte das für die Aus- 
übung v«in septischen Operationen nicht der F.ill 
sein. Um nur das Hospital Richal anzuführen, so 
miLss der Chirurg dort in einem Verbandzimmer ope- 
riren. Die Nebenräume fehlen in diesem Kranken- 
hausc vollständig. 

Das waren die — oft cnLsctmIdbaren — Mängel, 
die man an den Kiankcnhausern zu erheben hätte, 
die in erster Linie für «lie Kranken gebaut werden 
und nicht zu dem Zwecke, um dort ( )| >enitionen vor- 
zunehmen. 

In völligem Gegensatz tiietzu liegen die ßeding- 



die Infecliuii des Kranken durch schlechte dcsinfi- 
cirtc Bettwäsche trifH. 

Die Krankenzimmer sind nichts weiter als ein An- 
hängsel des Operationssaales anstatt dass sie den 
Haupttheil des Baues citmeinncn. Das sind die Be- 
tlingungen, weli hc bei dem chirurgischen Pa%'illon 
des klinisi hen Asyls ihre Vcrwirklii hung gefunden 
haben. 

Aber nocti mehr, es ist je eine Station für septische 
und a.septis(he Fälle eingerichtet, die, beide gleich 
wiclitig, völlig von einander getrennt sind. Man mass 
«Icn septischen Kranken dieselben Vorlheilc bieten 
ki'innen wie den aseptischen, eine doppelte Einrichtung 



i6o 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 14. 



ist daher, wie ich es oben atLscinandcr gesetzt habt-, 
in jedem «hirurpschcn Krankenhausc nolhweiidig, 
hier, in diesem Pavillon, wie der unsrigc ist, trat diese 
Nothwendigkcit in die erste Reihe. WJihiend man 
zur Aufnahme in die Isolirpavillons unserer HospiUller 
nur aseiUischc Kranke zuliisst, müssen wir im Gegcn- 
s;itz beide Arten, inficirtc und nicht infit irte Kranke 
aufnehmen. 

Das war die zweite Bedingung, <lie wir zu er- 
füllen hatten, sie hat uns natürlich auf dus I.el)haftestc 
bcstliäftigt, denn es musste auf jeden Fall eine .\n- 
steckung der zweiten Gruppe durch die erste vermieden 
werden und, um nach ilicser Richtung hin die grösst- 
nuigliche Sidierheit zu liahen , waren wir gcnöthifrt, 
unseren Eintheilungen einen luxuriösen Ati!>chein zu 
geben, indessen war diese Massnahme, weklic unseren 



fectionscinriclitung für die W.lsche und die Kleider 
der Kranken). Auf diese Weise findet man die For- 
derung erfüllt: 

Keine Ansteckung der Kranken durch Vcrl)and- 
stüike, Instrumente, W.'lrter und die Wasche, keine 
Infcctiun der Wü.sohc durch Kranke. Wir sollten 
zugleich auch die Einrichtung einer kleinen Entbindungs- 
anstalt im unteren Pavillon vorsehen für diejenigen 
Frauen, die — in übrigens wenig zahlreichen Frdlcn 
— im Asyl niederkommen, d(»ch hatten wir tlamit 
keine Ursachen für eine .\nsteckung scliaffen können. 
Wir haben diese Frage da«lurc!» gelöst, dass wir eine 
sclbsLstUndigc Station, die im Pavillon völlig gelrei\nt 
liegt und eigene Vorrichtungen für Wasser- und In- 
strumentesterilLsalion basitzt, geschaffen haben. 

Seit einigen Jahren Iflsst es sich jeder Krankenhaus- 




Abb. 4. 



Abb. 4 a. 



Padllon von allcn[<l)mlichen Einrichtungen unterscheidet, 
auf das Strengste geboten. Man hatte, wenn jman 
es genau nimmt, 2 getrennte oder nur einfach neben 
einander gc^stelltc Pavillons bauen müssen. Es s< hien 
mir aber wirtiischaftlichcr, daneben auch wissenschaft- 
licher und auch der mo«lcn»en Lehre von der rhinir- 
gLschen Infcction entsprechend in unseren» Pavillon 
die Trennung zwischen beiden .\rlcn von Kranken 
nicht durch eine solide Mauer herbeizuführen, sondern 
jeder Art ein besonderes Pers<inal und be.sonderes 
Material anzuweisen. Daraus ergiebt sich als Folge 
die Zwei kmüssigkeit der Einrichtung von 2 Operations- 
sälen mit getrennten Nebenraumen (Sterilisations- 
zimmer für Wa.sser und Instrumente , Desinfeclions- 
raum für Kranke und zur Vorijcrcitung von Ope- 
rationen, gcsomlertc Zimmer für die Kranken beider 
Sorte, Verbandzimmer für ascptisihc Kranke, Desin- 



cliirurg angelegen sein, das Verliandmaterial, dessen 
er sich bedient, selbst zu sterilisircn, in diesem Falle 
glaubten wir aus Rücksichten der Sicheihcil und 
Wirthschaftlichkeit auf diesen Vortheilen nicht bestehen 
zu dürfen. 

Da eine betrachtliche Menge von Verbandzeug 
bei der Krankenbchandlung im Pavillon auch in allen 
Irrenanstalten des Departements verbraucht wird, war 
es nach unserer Ansicht unumgänglich nothwendig, 
in dem Pavillon einen richtigen Verbandzeugdienst 
einzurichten. Dazu gehört ein Raum, in dem das 
Verbandzeug geschnitten wird, sich besondere Vor- 
richtungen zum Entfetten <les Catjuts und zum Reinigen 
der Scidenfadcn bcfimlcn, ein Stcrilisationszimmcr 
und ein bactcriologisches T^boratorium zur wissen- 
schaftlichen Controlle der sterilisirten Gegenstände. 

Dieser Betrieb ist .seit dein^ 8. Mai im Gange und 



. , ^.oogle 



I902.] 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHKII-T. 



i6i 



hat wirklicli unerwartete Resultate zu Tage gefördert. 
Mit einem geringen Personal {2 Personen) hat man 
wahrend der ersten Monate Uei regelmässiger Arbeit 
wirklich aasserordentlichen Gewinn im Verhftltniss zu 
den Handels]>reis>cn erzielt und gleich heim ersten 



Einrichtungen für Verbandzeug. Im Souterrain (Abb. 1) 
befinden si<h der Apjiarat zur Was<hcsterilisation, 
das baclcriologisi he I^boratorium und die verschie- 
tlencn wisscnschaflliihen Einrichtungen (für Radio- 
graphic, Histologie). Die erste Etage (Abb. 2) ist für 




Abb. 5. 




Abb. 6. 



Male Pnxlucte erhalten, die sich bei der Prüfung in 
Culturcnbouillon andauernd als steril erwiesen haben. 

Die vers« hicdcncn Diciistzwcige, wie ich sie eben 
angeführt habe, s<j|lten in dem I'avilltm auf eine 
regehn.lssigc Moth'xlc xrrdicill wenlen. Das Erdge- 
schoss (Abb. .^1 »nnfasst «lic versi hii-<lcncn Arten des 
Operationsdienstes; die Entbindungsanstall und die 



Kranke vuri)ehaltcn. Ein medianer und vertikaler 
Aufriss (4a) zeigt die beiden für septisclie und aseptische 
Kranke bestimmten Theile «Ics Pavillons. Das Studium 
des beigefügten Planes wird besser als jcile Be- 
schreibung Aufschluss über die Anordnung und Ver- 
theilung der beiden Dienstzweige geben. 

Abb. 4, 5, ü zeigen die Fa<,'aden des Pavillons. 



l62 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCH R WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 14. 



Eine Irrenanstalt in der Levante, 

Von Privatdoc«nt Dr. H'eyganJt (Würrburg), 



\ nst;iltsbcsrhrcibungen haben in erster Linie dann 
bcwincleren Wertli, wenn man aus ihnen etwas 
lernen kann, das sich aurl» für tlcn Fall eines Neubaues 
oder einer Neueinrichtung einer .\nstalt anwenden 
l.1sst. Immerhin ist es gelegentlich aurh instruitiv, 
eine .\nslalt zu sehen, die den modernen Anforde- 
rungen nirht entspricht und aus der man gewisscr- 
maasscn lernen kann, wie man es nicht machen soll. 
S« hlicsslich können manche .\nstalten auch Einrich- 
tungen «larbieten, die bei uns nicht angebrai ht w.lren, 
al)or unter den fremden Veriiallnissen doch von einer 
gewissen Berechtigung sind. Letztere zwei Gesii hts- 



malit;iten ab ; zu jedem Schritt in der Tflrkci'ist ja 
der Taskere, der bchörtlliche Erlaubnissschein erffir- 
dcrlich. In der gT'issen liauptstJUltischen .Anstalt zu 
Skutari wird deshalb auch der fachmannis« he Be- 
sucher von den Anstaltsilrzten selbst höflich abge- 
wiesen, wenn er nicht eine dun li verwickelte L;tufc- 
reicn bei Stadtverwaltung und Pforte, wiinii>gli<h erst 
nach Vermittelung durch seine («esandtschaft «nlcr das 
Konsulat, ausgestellte Bescheinigung vorweist. Fftr 
»iie meisten Fremden wird die Zeit indess zu kitstbar 
sein, als dass sie sich diesen Umsllindcn aussct/en, 
deren Erledigung bei ilem türkischen Phlegn>a nur 




.\lib. I. 



])unklc kommen in Betracht, wenn ich im Folgenden 
kurz die Eindifu ke eines .\nstaltsl>esuchs einer mHssig 
grossen Anstalt der asiatisthen Türkei schihlere. 

Für eine Studienreise mit si>eciellem psychiatri- 
schem Programm ist der Orient keineswegs einla<lcnd. 
.\ber auch zu gelegentlichen Besu» lien von .Anstalten 
wiril man bei einer Orientrci.se nicht leicht kommen 
wegen »ler mit dem Zutritt zu den .Anstalten verbunde- 
nen Unbecjucmlichkeiten. Wo Europäer da» Heft in 
H.lnden haben, ist es einfacher; sr> lässt sich die 
grosse Irrenanstalt bei Kairo uiler die von einem 
franzi'.tsischen Arzt geleitete Irrenabtheilung in Tunis 
nhnc Umstände besuchen. Unter unmittelbarer tür- 
ki^ hcr Herrschaft dagegen geht es nicht ohne For- 



sdir stixkcn«! vor sich geht. N'^m Ii schwieriger, weil 
mit religii'Vsen Kücksi« hten verbunden, ist der Zutritt 
zu <len kleinen Irreiii>flcgi'stati<iiien, welche nebst 
anderen Wohlfahrtseitiri< litungen, w ie .ArmenhäliLsern, 
Spitalen), S< hulcn in der Umgelning grosser Moscheen 
von tieren Stiftern mit eingerii htct worden sind, so 
liei der bekannten Achniedmoschec in Konstanlinopel. 
Einfacher gestaltete »ich hingegen in dem zu M a - 
nissa bei Smyma gelegenen Provinzialirrenhaus 
(Timar haue ^nlcr Deli hanc) ein Besuch, dcs.sen 
Eimlrücko ich in Kürze skizziren möchte. 

Die Stadl ist das alte Magnesia am Berge .SipUos. 
Von Smyrna aus ist sie leicht zu erreichen (66 km) 
mit der franz<"isischen Levantebahn, die sich hier 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



thcilt in die Linie nach Afunkara hissar und die 
nach Somah. Letztere ist die gewAhnlichc Route 
nach Perjraninn, das ja immer mehr zum Wanderziel 
deutscher Oriontrciscnder wird. Audi für den Nicht- 
fai hmann bietet das schrm am Bergesfuss gelegene 
Manissa mit seinen (hdooo Kinwohnem so\iel, dass 
»ich ein kurzer Besucli lohnen würde. 

Die Anstalt liegt im Beroi< h der Stadt. Nach 
einigen Verhandlungen öffnet der Pförtner. Durch 
einen Hof gelangen wir zum Bau der Mflnnerab- 
theilung. Ein schweres Thor führt zur Vorhalle, die 
sich mit 3 s.^ulengel^l!^cnen Bogen na< h dem Haupt- 
krankcnnium •iffnct. Vorhalle und Knmkenrauni selbst 



leinene Unterhosen. Manche laufen barfuss, andere 
tragen leichte Pantoffeln. Es ist eine bunt gemisihtc 
Gesellschaft, mancherlei Nationalitäten .sind vertreten, 
aucli ein Neger ist darunter. 

In der Mitte des Raumes steht ein achteckiges 
Wasserbassin, das von den Kranken nicht weiter be- 
achtet wirti. Nach unseren Begriffen wftre dieser 
kleine Weiher wegen der Suicidgcfahr ganz unzuI.'Lssig. 
Als ich nach Behandlung und Wartung fragte, setzte 
man mir unter Vcrdolnietschung durch 2 junge, etwas 
französisch sprechende Türken auseinander, dass nur 
Vonnittags ein türkischer Arzt kurze Zeit die Anstalt 
besuche, des Tags über aber in der Regel nicht ein- 




Abteilung. 



Abtritt BaJrraum 



Garten 



^ ... Hrankemimmer 



Männer- 



Abteilung. 
Cttirr 



Pförtnrr. 



OkMomie 
Ofbäude 



Abl>. 



Abb. 3. 



sind innen, wie Abbikluiig t zeigt, durch ein ricsige>, 
ziemlich enges Gilter, tlas bis in die obere Bogen- 
rundung hiiicinfülirt. streng getrennt. Das (hinzc be- 
kommt dadurch gradezu einen menagerieartigen Ein- 
«Irtick. 

Der cjuadratische Hof hinter dem (ütter ist tler 
eigentliche Krankenraum. Das sfttlliche Klima er- 
laubt ja einen fast ständigen Aufenthalt im Freien. 
Etwa 20 Kntnke stehen ht'mm, meist an die Mauern 
geleimt, andere kauern auf Teppichen und Matten 
an der Peripherie des Raumes. Die Patienten tr;igcn, 
wie Abbildung 2 zeigt, als Kleidung grosse, weisse, 
recht schwere Kamcclhaarmantel mit weit abstehenden 
Schultern und einer Kapiae, dazu ein weisses Kapj)- 
chcn aus demselben Stoff. Im Uebrigen haben sie 
nur noch wcissleinene Hemden, einige auch weilt 



mal das Pflegepersonal <l;w Inui-re des Krankenraums, 
jenen Kiifig betrete. Die Bitte um ( )fntung des- 
selben wurde abgelehnt, ich müsstc mir diuu erst 
von der Stadtverwaltung einen Erlaubnisssi hein holen. 

.\n iler dem Ciitter gegenüberlicgentlen Wand 
führt ein kleineres Thor zu mehreren engen RUuni- 
liclikeiten, w.'khrend an den Seitcnw.'lnilcn je 4 kleine 
nuiren in die Kranken.schlafr.'lumc gehen. In dieser 
Cciitririmg um einen lci( ht zu überblickenden Tag- 
raum Lst eine gewisse Achnliclikeil mit der Anord- 
nung der Wachabtheilungen na« h .\lt-St herbitzcr 
System zu erkennen. 

Der Rundgang um den Komplex der Männcrab- 
tlicilung (vgl. tlie Planskizze, Figur 3) führt durch 
einen etwas vcrwahdustcn Garten, in dem ein langer 
Schuppen die Ockonomicgcbäude markirt und für 



C^oogle 



164 



[Nr. t4. 



Wirthschaftszwecke , WAs^erei, auch HQlmerzucht 
dient Dtuch die vergitterteo Fenster des Manner- 

haucs V-.inn man in die einzelnen Krankenzellcn, die 
sidi nach dem Mittelhuf hin durch ThQreu Oflneu, 
hineinsehen. 4 bis 6 Kranke haben in jedem Rnun 
Platz. Die Enirichtung ist hOcliSt primitiv, sie be- 
schränkt sich rben gewöhnlich auf ciniqr Matratzen, 
femer befindet sich in jedem Zimmer eiik gitterum- 
schlossener Ofen und von <fer Decke hsngt eine 
Petioleumlainpe herab. Nur hier und dn sieht man 
eine eiserne Bcttstrilf Die Krankni kuiu rn, soweit 
sie sich nicht im Iluf bcfindeu, auf den Matratzen 
oder an den Fenstern herum. Die Kammern der 
dem Hauptefaigang geigenflberitesenden Flucht gehen 

nicht ftirckt in den Mittelhof, sorulriT; ci-st tl'.irch 
einen Gang 211 jenem Bugenthur. In einem der 
ZiuMnerehen findet sich eb Puaipbrunnen, es dient 
als Badcnun; Öfter weiden hier die Kranken g«' 

doucht in rlcr Wrisr, fl;iss man sie aiispritzt mit einem 
nassen Rci:>crbescQ, der aus einem stark riechenden 
Straudi helgestellt ist Ein primitiver Abtritt, femer 
ein Kleidenaum sind noch faescmdecs abg^iennt 

Die Reinlichkeit nt im grossen Gänsen leidlich, 

wenigstens fQr. den, der im Orient selion unter Dur» 
malen Ver?i.1l!nissen seine etiropnisclii^ti Aiif(irdfn!n«j»*n 
etwas licraijztisi iifiiubcn gcicml linl. i>ie /.inimer- 
chen selbst, audi der Centralhof, sind nicht ver- 
unreinigt, ganz vereinzelt nur kutistatirl man an einer 
Stelle «"ittpn üV-lcn Genirh Aurh die paar Kleider 
der Kranken sind ziemlich gut im Stand, weder Fetzen 
noch Schmutiaedce sind mir angefallen. Ein FUient 
halte »ch Fingerringe aus TuchstQckchen gemacht, 
wie wir es bei unseren Mauischen sehen. 

Auflaücn rnuss «iic grosse Ruhe, die in ticr ganzen 
Abiheilung herrscht Wohl kommen einige Kranke 
heran und erbitten sich Ggaietten; einer schhnpfte ein 
wenig, die meisten aber verbringen in aaeigetischem 

Bl' ilsitni il rr T:ige. Augenscheinlich drückt sich in 
diesctu Vcrlialtcn das bekannte Piilcgnia. der Oricn« 
tal«i am Ueba die Formen der Geistesstörungen 
war bei dem kunen Besudi, der mangelhaften Fäh» 
ning und der L'ntnogiichkcit sprachlicher Verständi- 
gung — nur wenige I^ticntcn »prachen ein paar 
Brocken griechisch — kein Urtheil au gewinnen. 
Mit Ausnahrae eines Kranken, der »ehr hinfällig und 
völlig aphasisch war, sali ich keinen moribunden noi.h 
einen liwer erregten Fall. Wenn ein heftiger Er- 
regungHzustand und Gewaltth^tigkeit ausbridtt, so «drd 
dagegen eingeschritten durch Fesselung und Beschwe- 
rung mit einer ni?lrhtigen Stelnkugel von etwa ''j 
CenUier, die dem Erregten mit Ketten am> Bein ge- 



bunden wird. „Cest pour les tres (ous'% ^»agien 
meine tOrkischen Bqileiter. 

Der Eintritt in die ncbenanlicgende Frauenab- 
theilung wurde, was man in Anbetracht der uricnta- 
lisdien Sitte im Voraus erwarten musste, streng ver- 
weigert; auch mit Baksdiisch lies sich nicht dagegen 
ankäm[)fen. Nur im Vorübergehen nahm man wahr, 
das» es dort etwas lebhafter zuging und aucli kräftig 
gesdiiieen wurde, vor allem rhythmisches Verbigcrircn, 
wie bei unseren Katatonikern, war unverkennbar. 

FAw?. Insassen zühlt die Fraiicnal theilung, 

wälircnd ungefähr 40 Männer verpflegt werden. Bei 
dem geringen Comfort, der besundcn» hinsichllidi der 
Schlafgelegenheit bestdit, wOrde der Raum auch ohne 
Umstände die Hälfte mehr Insassen fassen können. 
Bodenmatratzen, die traurigen Wahrzeichen einer 
flbeifilllten Klinik, gehören dort |a smn Rgul&ren 
Mobiliar. 

F.s ist nn^iierkenTirn , dasK mit den rinfai'li'^trn 
Mitteln hier für eine nicht auf unserer Kulturstufe 
stdicnde Bevfäkerung Erträgliches geleistet wird. Vor 
allem ist eine gewisMi Reinlichkeit nicht zu Obenehen. 

Vor flrri Küchm- uurl S]>eisesitalfcnslcni einer ilalieni- 
sclicn IrrciiUinik habe ich viel schlimmere Scbmulz- 
ond Kduicfalanhflufungcn gctrüden, als in jenem prl- 
mithwu kleinasiatischen Pfl^gdtaus. Allerdings wird 
dessen ReinhaUung auch erleichtert dur' !. dn; ^f,ltlgel 
an Mobiliar und vor allem durch den langcti Aufent- 
halt der Kranken im Freien. Unsere Begriffe des 
NoHTCstialnt «kr gar des Opendoor-Systems haben 

scll>st'.'erV..'lndiich hier norJi kriiicTi ICineaM;^ erfunden. 
Die Ruhe mag, wie angedeutet, mit dem plü^;ma- 
tixihen Tempenment nttd d» fatalistischen Lebens- 
anschauung der Orientalen susanuncnhflngen. 

Beachlcnswcrth ist die geringe Zahl der Insassen 
für einen reciit grossen Bezirk. Es fallt allerdings 
der Alkohol als Krankheiisuissche weg, aber der 
Hauptgrund des geringen Andrangs in die Anstalt 

liegt doch in der \Veitrru;i:n.;l.rit der oricntalisclicn 
Verhältnisse und der geringen Bevr)lkeningsdiclitigkeit, 
die den dnzdnen Iiren seiner Umgci>uiig weniger 
stehend und anstaltsbcdttrftig werden lasst als bei uns, 
wozu ferner als flbcrffilirungshindcrnd noch die IVans- 
portschwicngkcit hinzukommt Vor allem die Mindcr- 
sahl gebteskranker Franea in der Anstalt ist durch 
das Frauenldien unter dem Islam leicht erklärlich, 
der die Frauen schon in der Norm so gut wie inteniirt 
hält. 

Die geringe Zahl der Anstaltsplätte im Verhaltniss 
zur BevOlkerui^smenge muss aticfa in Griechenland 

ins Auge fallen, das mit seinen 2'j Millionen F.in- 
wuhnern ntu etwa den 6. Tlieil der Anstaltspiätze 



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PSYCHIATRISCH-NEURpLOGISCHB WOCHENSCHRIFT. 165 



1902.] 

wie die Stadt Berlin besitxt. Doch sei an dieser Ötelle 
aneikiiiiiit, datt die neue Anitak bei Athen, auf der 
Stitne Mch Eleusis knn vor dem DttpihiiiUoaiter, 

drn Anf irfl^Ttifipen <)pr nv« lernen Psychiatrie fleissig 
nachzukommen strebt. Selbst eine Guinintzelle hatte 
sie acb im ttbereifrigen Verfolgen« einer allerdings 
bald wieder antiquinen Emingensdiaft Westeniopa's 
seiner Zeit bauen lassen. In dem n.lrhstrns crrfT- 
neleo Syogrion, einem von dem Bani|uier Syngn« 
gestifleten Fbvillon, besitzt sie eine gnideni nu»ter* 



giltige Station; an Reinlichkeit und Veipfl^ung, täg- 
lich K. B. Flencb, leiatet «ie jedcofalb mdtr» all ibre 
i^tienten von Hause au» gewohnt und. Landwirth- 

srhaftlirhc Besrhäftigung »ird angestrebt und von 
mechanischem Zwang i«t nicht die Rede. Letztere 
Amchauungen sind den Torkcn nuch vGll^ fienid, 
ducb ist aus der vinliegendcn Skizze zu entnebmeo, 

dnss sie v^n ihrem kulturcllcti Niveau aus auch in 
einer Trovinzialstadt 2. Rangcü ihren Geisteäkranken 
enlqxediende Unterkunft bletifen. 



Aphasie und Agraphie nach epileptischen AniäUen. 

Von Dr, Siadflmann. 
Au Dr. Stadeimaaii** KüDik Air Ntn«aicnnk« is WOMbnic. 



J^ie psycliischen Stiirungen im Aiischiuss an einen 
epileptischen Anfall sind in ihrem Auftreten 
sehr vencbiedcn je nach der Art der den Anfall be- 
dingenden Reizrinwirkunt^en und der imli\'iduellen 
Anlage des Kranken. — Tiieilwciscr oder ganzer 
Ausfall einzeher pigrdiischer Erscheinungen sowie 
völlige Ikwiusstl.isißkeit .sind jxistepUqpiliache Sjmptnme. 
St) bcubarlifctcri '>nncri i{, Knapp u. a. nach cpi- 
icptiischen Anfallen völlige Taubheit bei negativem 
Ohtenbefund; Rüssel, Bennelt, Fer6, Binswanger er- 
wähnen die Anusmic und Ageusie ; Jacksi>n , Call, 
Korbes- Winslow, Nasse, Hood, BouiUard , O-^lc und 
insbcüundcrc Pick haben postcpilcptisclie Aphakien 
beschrieben, die sum TheS mit Worttaubheit einher- 
gingen. — 

I'etrina beobachfctc ninii ins, Aphasie mitWort- 
blindhciL — Als Ursache dieser ElBchcinungen 
nimmt Bisdioff als wahncheinlich an, „dass es in epi- 
leptischen Anfallen sowohl zu diflusen, oigannchen 
und leicht reparabi Iii I.fisii>nf*n ak auch 7M nur 
funktionellen Störungen in den Sjiraclu ciitrcn ki>mmcn 
Itann'^ dabei stittzt sich Bischoff auf die Tbatsache^ dass 
man bei der Obdudion Epileptischer häufig Herd- 
erkrankiiric'cfi ilc-. (^rluni-js finrlet, i.V.w iht im Leben 
kein S) mpioni d.ivon da war. Rast ii vorübergehende 
portepileptische Aphasien bezddinet Russel-Reynolds 
als Psiratvscn, die nur zufüllig mit der Epilepsie zu- 
sammenfallen. 

Todd, Robertson, i^ughlings-Jackson ncluncn an, 
dass diese transitorischen I^ialysen auf einer nervösen 
i ' i 'pfung beruhen, die eine Folge der überm.'Usigcn 
Aristif Titning während des .\nf,'illPH, der Entladung 
der Kindcnzellen ist Als Stut/e für diese AnmUtutc 
derExmattungder ucrv6sen Centren und der dadurch bo> 
dii^en Spncbstfinmgen wird die Thatncbe angsgeben« 



da-ss der Patellarretlcx einen Augenblick nach der 
Attake veiscbwindel, wie von ¥ktk, Wesipbal, Goweis, 
Beevor berichtet wird. 

Am eingehendsten h;tt Pirk diese Frage hehnndclt. 
der in der postepileptischen Aphasie das Symptom 
dner EndtCprung steht, der eine Rc-£volution folgt 
hl der Fotm dnes i^igesstzmassigen Abklingens der 
funktiondien Sffiiong:" 

Eines Falles von schweren !>prv<"j>cii Ersrliüpfunapi- 
/.u&tandeo nach epileptischen Anfällen mothie ich 
hier Erwähnung thun, unter denen eine Aphade mit 
Worttaubheit und E< holafie dn sehr bemerkenswerthes 
Symptom ausmacht. 

Ein iH jfihriger Mann litt seif Jahren an häufig 
sich wiederhijlendcn epilcptisclien Anfällen. Zumeist 
äusserte ndi der Anfall in der Wdse, dass dner 
vorausgegangenen Aura — Druckempfindung in der 
Mai,'en;^ftgcnd und aufsteigendes d füll' d^r Muslvcl- 
krampf folgte, der den I^ankcn in eitic hockende 
Stellung zwang noput verras genua ttaheu.'* Der 
Anfall dauerte i — 5 Minuten, wiederholte sich mitunter 
eiiu'ge Male hintfreinandfr tmd tntt mehrere ^falc 
täglich auf. Nach den ,\nfallcn bestantl jedesmal 
Sopor, aus dem der Kranke sich nur langsam erholte; 
bei üH' 1 sj h wiederholcndci\ Anfällen kam Patient 
fast nicht aus diesem Stidinm !n-raLis Amnesien 
folgten jedes Mal auf einen Anlall, auch auf eine ein- 
fache (oben eiwahnte) Aura ohne Anfall. Der Kranke 
macht einen stupiden Eindruck; blödes LSchdn; 
Zunge stark belegt; Verdauungsstörungen. 

Die ange-itcllten Beobachtungen erstr< . l . i, si> Ii auf 
10 Tage; ich gebe den Verlauf dieser 10 l äge nach 
den hier interessirenden Einzdhdten aus der Knnken- 
geschidite wieder. 



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i66 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



[Nr. 14 



Am 13. XI. hutte Patient um >/,3 Uhr nachiiijtl«g^ 
'1 8 und 9 Uhr je einen Anlall, nach denen soporOser 
Schlaf sich einstellte. 

Der folgende T«g bnM^te 2 ÄDfAite um ■/< 
und ' , 1 2 Uhr. Schmerzen In den Zehen und den 

Handgelenken. Druckemplindung «uf d< r Stinu- ; 
abend» DämmcrzusUmd. Nach den Anfallen hallud- 
nierte der Kranke, er hOite seine Matter vor dem 

Fenster sprechen 

15. Patient M-iilflft sehr unruhig und wälzt sich, 
den Körper krampfhaft «uammemidbend, im Bett, ist 

bcwussllos. Am Morgen knmmt Patient aus seinem 
S<.»p<jr; er hält den iiathLs bei ünn waclicnden Wärter 
für seinen Bruder. Auf die Frage, was ist das? indem 
kh auf das vor ihm liegende Taschentuch deute, 
idiweigt der Patient und schaat mich blBd an. 
Jst es eine KraViitte'" 

„Kravatte" sagt er nacl) einigen Secunden eintönig 
nach; — Verianpainung der Wortkfai^penxirtianvnd 

Echolalic. 

,.Ist CS ein Taschentuch"? 
„Tas< hentuch" spricht Illach; 
„lüt es ein Strumpf"? 
,3trutn])f" s3g;t Patient nach. 
„Was ist I 

Nach rocht ercn Sekunden: „Taschentuch." 

Daa Wort „Taschentuch" konnte Patient jetat 

niiitcii , riat luieiti kurz vorher das Klangbild dieses 
Wiirics von ihm geliOrt «urdc. ^ine Tasse Cacau 
be/.cii'hnct Patient auf Befragen als Butter. Nachdem 
der Kranke dt-n far-i i rrrtnmken hatte, giebl er, be- 
fragt, was er getrunken habe, wieder an: „Butter." 

„In weicher Sladt bist du 

,.Tn Wnrzlnirp" 

„In welchem Haus?" 

Patient schaut auf die Decke des Zinunen und 

jtn Zimmer herum und schwrigt. 

,,\Vcin gdküt dieses Haus, in dem du bist.-*" 
„D' in Herrn" sagt «r und deutet auf miidi. 
„Wer bin ich?« 
Keine Antwort 

Auf V'it>..iL;i-ii er „Doctuf" nach. 
„Bin ich der Herr Pfarrer.'^ 
„Pfarrer." 

„Bin ich der Heir Doctor?'* 

„Doctor." 

Wahrend einer IVnne s|mcht der Kranke viel fikr 

sich, er erzählt von seiner Familie" 

Man zeigt dem Patienten Mikh in einer Tasse 
und fragt ihn: „\V;« i»t das?" 

Patient schweigt 

„Das musst du tiildEBR;" 

„■Mu.s-i da trinken," spricht .-CT nach. 

„Ist es Katfec?" 

„Nein.« 

Er versucht davon. 
„IX'is Lst Bier." 

„Das ist Bier" spricht der Kranke nach. 
Ich halte cin«i Bleistift vor und (rage: 
„Was iirt da»?" 
^Da achreibt man mit" 



Das Wort „Blektifi" findet er nidit. Bei anderen 
G^fenstanden veihaft sich Patient ebenso. 

Ich halte Bleistift und Federhalter vor. Auf den 
Bleistift deutend: 
„Ist das ein Bleistift ?'* 
„Bleistift." 

.Auf die Tedci deutend: 
„UH diis eine Feder?" 
Keine Antwort. 

Wenn ich Bl^rtift und Federhaher vnirhalte, kann 

Patient auf Aufh 'rdcn-ai^ bin dicsclhcn iiii hi richtig 
ausdnaudcrhalten ; er ist ärgerlich darüber, dass er 
„das Zeuf idcht weisal"; er deutet auf andere G^^> 
St.lndo uikI sagt: „das «eis^^ irli riuch nicht.'' 

Naciimitiags Lhr der erste Anfall dieses 

Tages, der leichter war als die gestrigen. Nach dem 
An^le ist I^tient etwas err^, deutet auf die Thüre 
und die ^-erschiedensten Gegenstände im Zimmer, 
fragt seine Umgebung, was das sei, er habe es früher 
gewusst, jetzt wisse er es nidit melir. Wird ihm die 
richt^ Antwort su thdl, so veiisisst er dieselbe 

gleich wieder und fniqt von neuem .Xuf sein Rett 
deutend, erkundigt er sich, wie das hcissc; man sagt 
ihm: „worin man schlaft" 

„Jetzt weiss ich es, im Ilett." 

Patient siclit eine Tasclicauht und fragt: 

„Ist das ein Licht >' 

Den Ofen beschaut er und fragt: 

„Ist das ein Acker?" 

„Ich bin SU unten her" sagt de; Kranke tagsübei 
oft; er ist nicht urientirt über die wirklidio Lage 
seines KArperü, er hat dne bbche Vontdlung sdner 
Kriipcrlapo im R.iume. Anrh fehlt ihm die Orientiert- 
heil III üei Zeil; als et liurte, da.ss es Abend sd, 
sagte er: „Ach Gott, es war doth erst Moigen." 

Heute nachmittags wiederhole ich eine Frage, 
welche ich schon vormittags gestellt hatte: 

„Wer bin i( Ii 

„Der liebe Gott." 

Ab man ihm sagte» der Herr Doctor ist e^ wieder« 

holte er: 

„Der Herr üoctar." 
Abends leichter Anfall. 

16. Nachts im Haibschlafe krampfhartes Herum- 
wälzen im Bett Bdm Erwachen morgens constatirt 
Patient, (I.ls> e- regnet. Morgens leii l.tci Aüf.Jl. 
ratieni erinnert sich nicht daran, dass er gestern 
abends im Bad war. Ehie Stunde nach dem Anfalle 
besuche icli den Kranken, der inir!i heute nicht er- 
kennt, obw( ihl er sich vorher mehrere Mate erkundigt 
hatte, ob ich nicht bald zu ihm komme. Ich exa- 
minire ihn wieder: 

„In welchwn Monate leben wir?" 

„D'JIU liMS-t.lL;.'' 

Der Kninke spricht das g:micc Vaterunser ex memoria 
vor; ebenso die Zahlenreihe von i— 30L KIdne 

Rcchene.xempel lAst er triit 

Es vtird ihm em Schirm gc/uigt. 
„Was ist das?" 

^as macht man auf, wenn der Wind geht" 
„Ist es dn Stiefel?" 
«Stiefel; Liebt" 



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I9<«.3 fSYCHIATRISCH'NEUROLOGISCaE WOCHENSCHRIFT. .167 



„Ist es ein Regeimhimi ?" 
„Ja, ja, ein Rcgemchiim, den macht man auf, 
wenn es regnet" 
„Ist es ein Stuhl?*' 

Kin Stut k weisses Papier bczeidinct er als Wasser; 
S4 hirm verweoliseit er wieder mit IJt lit. vielleirlii spielt 
hier liei der Paraphasie <lcr glei< lic Vnkal eine Rolle, 
der ihn» für Papier Wasser sijgcn l.'lxst und fOr Schirm 
Ucht Man halt ilmi Blumen vor und fragt ihn: 

„Was «t da«?" 

„Schflne . . . Stnnnpf." 

Miin fiii^l iliii: 

„.Siml es i rauben.^ Fisrhe? Aepfel ? Blumen?" 
S<if<)rt fallt er ein: 
„Blumen, sihünc Blumen." 

Nach ' 4 Stunde halt mau dem Kranken mch- 
mals die gleichen Blumen vnr mit der Fkage: 
„Wsw i»t das ?" 
„Das ist dn Strumpf." 

Das s|M'iil.iiu- Siii'jen uvkI Pfeifen ist sehr gut. 
Üer Kranke smgl vit lc \'> ilk^lic<ier nach Melodie und 
Inhalt riehlig. 

17. Nachts ruhiger Sclilaf. Morgens 7 Uhr Anfall; 
'/4 12 mittags Anfall. TagsOber viel Müdigkeit. 
Werter, tlic Patient in den vergangenen Tagen öfter 
gehört hat, sind ihm heute geläufig zur richtigen 
Bezeichnung vim Gegenständen. 

Wenn ich einen Gegenstand, 7,. B. einen Knopf, 
zeige und frage, was ist das ? Ist noch sn etwas im 
jfimmer?, so kann der Kranke das Wort Knopf nicht 
aussprechen , di utt t jedoch genau und rasch nach 
anderen vorhandenen Knüpfen. Ich zeige einen Lüficl 
und frage: 

„Was ist iLis"-*'' er lic/rii liimt es als Hint, die 
Function des L<tliels kennt er; unter vorgcs« hiit-bencn 
Wörtern findet er richt^ das Wort „LifTel ' heraus, 
Spri< ht aber ,,Bi"in'el" aus, sn dass er zweifelt, ob das 
von ihm richtig uLs „Ltjffel bezeichnete" Wort wirklirh 
das richtige ist; tchUessiich erkennt er es deutlich ab 
lichtig. 

Wird ein Gegenstand vi >rgchahcn, so kann er das 
denselben bczciclmeude Wort unter mehreren VOlge» 
itchricbenen Wr.rtcrn angeben. 

18. Unnihii;L Nacht 1 1 Uhr vormittags Anfall 
von 1 Minute Dauer. 

|(). " 5 Uhr morgens .Unfall, der sihwer war und 
10 Minuten anhielt; darnach So|x>r. ' j I-2 Anfall von 
einer Minute Dauer. Einzelne Buchslaben giebl 
Patient richtig an; wird er aufgefordert, unter mehreren 
Buchstaben einen bestimmten m bezeichnen, so braucht 
er .sehr lanc<^ 7.p'n <]:im, erkennt aber die ihm ange« 
gebenen Buclistaben richtig. 

Aufgefordert das Wort ..Messer" zu tdireiben, 
macht er den Buchst. ihtn .M luir /.a 2 Diittiheilen; 
soll er gleich darauJ tl.t.^ Wuit „Li<rtel" siiucil>en, so 
beginnt er wieder mit dem ersten Zug des M und 
f.'lhrt dann weiter „lebel" zu schreiben, dann „Bebel". 
Er liest auch tlas von ihni geschriebene Wort Bebel, 
<las Liffel heis.sen stjllte, als Bebel un«l buciistabiert 
auch Bebel. Schreibe ich ihm: „Löffel" vor, so er- 



kennt er es als „Löffel". Abstchrcibcii von üi'drucktem 
sowie Geschriebenem bringt Pkticnt sehr gut zualande. 

20. 8 Uhr I Anfall v.in i Minuten Dauer. ' 

Vormittags: Ii Ii zciiic einen ^hlüssel. 
„Was ist das? ' 

Paüent schaut sofurt ai|f daa TbOrscblos» und 
dann wieder auf den Schiltasel tbwväiMktd. 

...Vufsi hlicsscn, S> blosser" sagt er; nach . längeren 
Betrachten und Befühlen sagt er: 

„SchlOssel". I 

Eine ihm vr>rgchallene und von ilim befühlte 
Scheere bezeichnet er als „Schlüssel, AufscIiUcsaer*. . 

2 Uhr Nachmittags Anfall wuo I Minute Daue#, 
Abends 1,2$ gr. Bromsalx. 

21. Morgens 8 Uhr i Anfall von !• Minute Dauer« 
3 Hrxinsal/'. Prüruiii; mit Faifaeni8lelc|ien, die 
nach einander vorgelegt werden: . 

Roth wird besdchnet als roth, 

diinkcljrrfln — grib (mach langemn» wiedeiholten 

Fragen) — grün, 
blau — schwarz, 

gelb — (nach langer Zeit) weisa, . 

hellgriln — (da keine Antwort erfolf;:ty wird vorge- 
sprochen; bl.iii) — blau: 

auf vorsagen „grün", antwortet er „grün"; auf die 
Frage: ,Jat es wirklich grün ?*' aitgegncl er : ^«ia, es 
ist roth", schültclt aber dabei m'H dem Kopfe. 

E-s werden alle 5 FarbcntÄfel« hcn vorgelegt. Er 
giebt auf Verlangen r4>ih sofort, el)en(io blau untl 
hellgrün, beim Verlangen gelb greift , «r sofort nach 
dunkelgrfln, was er auch bei dem voiq;eia Farbenver- 
su. Ii Iiis gi-ll. Iic/( !cbn('t hatte; gelbt Ueibt iftrif, er 
weLss nicht zu .sagen, was es i«t. 

Ich lege Bildchen vor: 
Apfel — er sagt .\pfel, 

Kanmi — „ich wei.*» das Zeug alles ninimer" ; er 
deutet <» )e<loch an, indem et mit gcspreisteh 
Fingern durch die Haare streicht 

Uhr — (nach t Minute) Uhr, aber keine richtige. 

Vogel (Rttlhkehlchen) — er dcutcl in den (jarten na«-h 
den Bflumeni ich sage „FucW; „nein" erwidert 
er; ich frage wieder, was es sei, er antwmrtet 
..Fuchs". 

Goldfisch - i(h s;ige Ihm vor „Katze"; „nein es ist 
im Wasser, aber ich weiss nicht, wie es licisst" ; 
ich: „es ist ein Fisch". „Fiitph, Fisch";. er bleibt 
dabei, es ist em Fisch. 

Hahn — „das ist aber kein richtiger; iJ( r l.aiiti nii tit 
s<hreien, der ist nur darauf gemacht"; icli: „es 
ist ein Storch", er: „Storch*; ich: „esisteilj Halm, 
ein Göcker"; er: „<in &jckcrlkahu";.er entscheidet 
sich srhliessHcli für den „(Jöcker". 

3 Tannenbilume — er m l>:iut i;li-ich zum Garten hin- 
auf, und deutet mit dem Finger: „da drawMcn 
stehende!"; ich: „eiB ApfeliiauiD"; «r: «dftBaitm; 
kein .\]>felbaum, ein anderer Bauui, CS sind i 
Apfel, es sind j Bamne." 

Nachmittags i Anfall von t/t Minute Dauer. Abends 

3 gr. Bromsalz. 

22. Ziemlich mhigc Nacht; unversiandUchcs 
Sprechen im Schlafe. 

Farbenprüfung : 



i68 FSVCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



Blau — er besinnt sich lange: „weiss, baM sdiwaiz"; 
lUc Bettdecke erkennt er als weiss. 
Ruth — nrth, er ist jedoch setner Sache nicht sicher. 
Gelb — er «chweigt 

Dunkdgffin — „du ist doch ntVht gelb"; ich: ,^ün". 

i-r nirkt iiiiii s;i,'t: ,,s,) iial»' ii Ii s.i'^i-ii wollen"; nach 
I Minute wie<lcr gefragt; „weh he Farbe ist esi"" sagt 
«r: ,^b«. 

„Gieb nnr die blaue Färbet — er giebt dunk^iOn, 

die rothc — r<jth. 

hellgrün — hellgrün, 

g^lbo — dunkelgrün; später die gelbe, 

blaue — blau; rieht jedoch das Farbcntaf eichen 

wicilcr xurili l. und i:iebt hcllgrfln. 

Icli IwUc das bildchen vor, das einen FLsch dar- 
stdlt: „die ^nd im Wasser." 

Hahn — „soUhc haben die Lent"; ich: „Es ist ein 
Storoli"; er: „Storch"; ich: „ein G^Vkcr"; er bleibt 
bei dem Worte „Gr« ker". 

Werden Bildchen als l>uplikate voigdcgt, an 1^ 
er rasch nnd richiig die gleichen tn einander. 

Nac h einer Aura ohne Anfall Vergessen der Be- 
zeichnung der einzelnen Hildi hen, die er vorher be- 
nannte „jet/l kenne ich «las Zeug wieder nii ht mehr." 

Der Kranke liest langsam, jedo<h korrekt einige 
Worte aus einem Buche vor; er buchstabiert dieselben 
korrekt und schreibt sie richtig, jc<lo<~h sehr langsam. 

Nachmittags 2 Uhr i Anfall </,Minute lang. 

2,^. 1 1 Uhr vannittagii i Anfall T Minute lang; 
Ähauin Auf <len Uppen. 

Vor iletn Anfalle zeige ich eine Uhr und frage: 
„was ist &.\»r' Er weiss anf.'lnglic h nichts ZU sagen; 
nach einiger Zeit: „wie viel Uhr?" in der stereotypen 
gcwühnhcitsm;issigen Ke<lcnsart findet er das Wort 
„Uhr". Einige Zeit nai h dem .\nfalle frat;<' it h den 
Kranlien: „Was ist das, da» heult und pfeift uml den 
Hut vom K(i|ifc rcisRt?*' Patient whweigt. Ich Wstse: 
er sagt: „Wasser". T Ii s iu'< iliui „es ist der Wind" 
,.|.t, wenn c* heult und ret ht kalt ixt und du gehl 
> III rci-hter WiiKi", dabei nnitiert er blasend den 
Wind. 

I< h: „wenn man recht br.iv und fnmini ist, konnnt 
man in die Hölle!" Er: „nein, nein, niiht in die 
Hölle", er ist jednch nicht im stände, das W«irt 
„Hinmiel" /.u finden. „Nein", fährt er fort, du kommt 
man d'K-h hinauf /.um lieben GoM." 

Ich: „Wie heisst das?" 

Et: „Man kommt in die Sonne." 

Ich: „Wenn man recht bOse ist, kommt man in 
den Himmel." 

Er: „Da kommt man in die HOlle." 

Nun wiederhole ich den Satz. : „Wenn man recht 
!ir;iv und fromm ist. kommt man in die Hölle." Patient 
k:mn auch jetzt, obwohl er das Wurl Himmel kurz 
vorher von mir gehört hat, dasselbe nicht aussprechen ; 
er s:igt: f,nian komm: , um lieben Göll; frOhcr habe 
ich es gewusst , wie es heisst." — 

Dieser epile])tische Kn»nke hatte SinnesLIuschungen 
(G^OrshalludDatioiicn, Gesiclitsiltusioiieu), war uidit 
orientieit in Raum und Zeit imd hatte Vergessenheit 



[Nr. 14. 



n;ii !i '>cinen ziemlich h.'tufj^ u iederkehrenden .\»- 
fallcn; kaum hatte sich der Kranke von einem Er- 
schöpfungszustände, der die Folge der Anfälle war, 
erhdt, bd»m er wieder einen neuen Anfall, der wieder 
neue Er.<icli'']ifiingen l>ra< hte ; so wurde Patient .s< hwer 
besinnlich für Dinge sowohl, die in seiner Erinnerung 
weiter zurück lagen als auch für sukhc, mit welchen 
sich sein augenbJidcUches GedUchtniss su beschäftigen 
hatte. 

Die ver« hi»vlcnen postcpilc|itischen ps'i -liischen 
Slöningcn we< lisciten je nach dem Befir»den. 

Bei seiner Apha.sic hatte Patient gleich nach .seinem 
Anfalle anülnglich Sopor mit vAlligem Mutismtis; hier* 
auf Echolalic bei verlangsamter W<>rtklang|ien i-plion 
ohne WurtverstUndniss ; zuletzt Wortverst.'lndniss (Pa- 
tient idcndifixicrt bei einem vorgesprochcnua Wurle 
dasselbe mit dem räumlichen Gegenstände), wenn auch 
der Kr.mke das einen Gegenstand bezeichnende Wort 
iHx-h nicht spontan finden kann und parapliasisrh 
spricht; die Wörter, welche Gegenstände bczciclmcn, 
kann Patient spontan aiwprechen, jedoch <1te G^n- 
stlnde selbst nicht in Beziehung bringen zu dem Bc- 
grifT, tler diesen Gegenständen entspricht, und kann 
sie nicht sprachlich mit dem sie deckenden Worte 
benennen. 

Die Assoziationen der durch dem ailgcnblicklichcn 
<optIs<!icn^ Empfindungsrt'iz fr?'f'ii;len Vorstellung 
zum begriftiichen Erinnerung-iliil4t ilieses (optischen) 
Eindruckes sind' rnnkli«mell ge!<chwacht fin fehlt die 
richtige Aliwendutlgswcise der Wr.rter für >iniu>ein- 
lini. kc; eiNi unterstützt du < Ii das S« IniftbiM oder 
d;is Klangbild (eine Gcsrhrna' kserinnerung genügte 
niclH) oder am-h durch i\m Nennen der einem Ge- 
genstand znkomnirtuh-n Funktion kanti P.itient mit 
WortvcrsLIndniss clir ( legcust.'iiidi- lii hlii; I . ' !■ liii-n. 
Der Kiaitkc ist »iih in die,s<:in lel.ilen .Stadium hc- 
wuMt, dass er falsche Worte ausspricht, er winl sogar 
fll]gerlich darülier un<l beklagt si( h, w«>il er es doi h 
früher {:ewiis<) habe; allerdings I.isst sii !i der Kranke 
leicht wieder irre machen; seine Ennncningsbikler 
haben noch nicht die Kialt, unricht^cn Einwanden 
in richtiger Weise g^nubersutrelen. 

Die Rc-F, Volution (<lie Wiederherstellung der psy- 
chisi hcn Funktion) nach dem epilepli-schen Sopor ging 
in regelmässiger ach lösender Weiw: vor sich, almlicb 
wie In dem Falle, den Pick im Archiv für Psychiatrie 
und Nervenkrankheiten ausfOhriicb beschrieben liat 

Die Aphasie erstrei kt si« h auf Bezeichnung von 
Gegenständen, die Patient ihrer Funktion nach wohl 
kennt ; diese Funktion kaim er sprachlidt bezdchaen, 
wie ihm auch einfache Redensarten geltufig sind, sO' 



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I902.] K YCHUTRISCH.NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 169 



wii- &AS flersagen von früher auswendicj gelernten 
Liciiern, die er auch mdudisdi singt und pfeift. 

Die Benennuiig d«r wfgdegten Fsirbmtflfeldien 
fallt fast bei jeder PWlfung negativ aas. Ob der Kranke 
vor Bojjinn seiner Krankheit die Fähigkeit l>csass, 
hierin ricltiig zu erkennen und beneaneo, ist luir nidit 
bekannt 

Das weiter hieillbcr angestellte Examen deutet je- 
ili -i h d.U. iuf liiti, il.iss die liiinii die Gclumcrscliöpf- 
ung hcrvurgclnaclttc Aphasie ^^mit Worttaubheit und 
Echalalie) Unadie ist an der unricht^en apradilichen 
Bezeichnung der voiu<elegten Farben 

Ganz ahnürh wie mit der Aphasie, verhält CS sicb 
bei diesem Kranken mit der Agraphie. 

DerKnoke soll an vuf|ieipfocbeDfli Wort whieiben, 
er schreibt, wie er auch spriclit, langsam und ickwer- 
fallig; er beginnt init dem ersten Buchstaben des 
Wurtcs richtig, maciii iiin aber nur zu fertig, er 
zweifelt, ob er rüclit^ geschrieben hat Soll er gleich 
nach diesem ersten Wurte ein »reites üchreibeo, dann 
f;iiigt er wieder mit it< :ii '/m'j; mit doiTi er das 
erste Wort angefangen hatte; hierauf i'anigraj>iiie, die 
Patient ab arilclie erkennt wie das Lcflen und Buch- 
vi.iMeren seinem ^eritliricbencn Worte* bekundet .sowie 
ilic Beobai htung, dass er das voigespr«» Ih ik- Wi>rl, 
Wie CS gcstliricbcii sein suU, unter vcrsLliiedeiien \or- 
gendiriebenen Wörtern richtig lieraiafindet; der Ktanke 
sieht seinen paragrapliischen Irrthum mit dem Aus* 
drut k des Unwillens über <liesf TlutNii'-lic ein. 

Da» Abschreiben gelingt dem Kranken su gut, wie 
auch tlas Nachsprechen vim Wörtern und Sfltzen. 

Diese ])artiellc Aphasie und Agraphie, die der Pa- 
tient infolge seiner epileptisi hm .Anfalle daibot, bc- 
rulite aller Wahrsrheinlirhkeit nach auf Erschöpfungen 
der Rindenzellen. 

]KeRe*£voltttion derpsychisehen Symptome spricht 
d;ifür, wenn dif'^elhe :ittrli öfter iiirh* voHslündig sein 
konnte wegen der Hautigkeit der Aniatle, die iwiuer 
wiederneue psychische EnchApfungsznstande brachten 
und mit tlenselbcn «Ii« Aiuncsien. — • 

Im nachfulgcnden Falle könnte man an organische 
Lasiuuen im Gehirn nach d&i epileptischen Anfällen 
denken, da die Schreibstörang noch i Jahr lang, 
nachdem gar keine epileptischen AnGUIe mehr vor- 
banden waren, andauerte. 

Die funktiuaelleu Störungen der Gehirnicelien je- 
doch können bekanntemiaaaaen »ehr langeZeftbestdten, 
indem aus der psthakgilch^ Funkti'Hi ciiu- r.cwuhn- 
heit wird, und es w.lrf^ diesem Grunde keiue An- 
nahme für eine organische Gehirulüäiun. 

Ein lojahr^res Madchen stammte von einem Vater, 
der mehiere SchfaigKnßille hatte und nach denaelben 



Sprachstörungen und Lähmungserscheinungen in den 
Extremitäten, und von einer Mutter, die in der Ehe 
mit dem Vater dieses Madchens mehrere Male abor» 
tiert liatte tmd von den 5 am Leben gebliebenen 
Kindern ein völlip idiotisches tut Welt brachte, das 
im 7. Lebensjahre starb, und ein hochgradig neniVses 
Kind. Das Madchen selbst hatte cor eisten Zahn- 
zeit schwere Zahnktämpfe durchzumachen; im 4. Le- 
bensjahre traten vereinzelt i^piIt';itiM'lie Kirunpfc .luF, 
bis im 8. Lebensjahre die Krämpfe an Häufigkeit 
und Intensität immer mehr zunahmen. Schwere Er* 
schöpfungszustande folgten den Anfallen; die Kranke 
konnte nicht mehr gehon, sie li;itte « ine srhlaffe 
Lälunuug der Extremitäten und war auch sprach- 
motortech gelähmt Sie verstand stets, wenn man 
zu ihr sprach, aber .sie konniu nicht antworten; 
die Knierrflexp waren stark herabgesetzt. Dieser Zu- 
stand dauerte Mimate lang. Die Aufalle sislierteu. 
Dann erat erholte sich die Kianke von adbst wieder, 
b^ann, wemi auch schwerfällig und imbeholfen, Geh- 
versuche zu machen und /.u sprechen. Nachdem 
ein Jalir lang sich kein Anfall mehr eingestellt hatte, 
die Kranke wieder gehen und sprechen gdemt hatte, 
und die Zeit herannahte, <la.ss sie wieder zur .Siluile 
geschickt wentrii M.lllr, wurdo sie von mir einer 
l'rüfung hinsiciitli« Ii liuer .Sciireihiahigkeit unterzogen. 
Es ergab sich folgendes Resuttat: 

Vo«]|$espruchene Wörter kann Patientin schrdben, 

wenn sie dieselben fnlhcr schon häufig gesi hrieben 
hatte und ilir diesilhtn deshalb gelaufig in der F.r- 
inncning smd. Wörter, die sie früher noch nicht 
oder nicht oft geschrieben hatte, schreibt sie nur, 
wenn sie das Schriftbild oder das gedruckte Wottp 
bild gesehen hat. 

Beim Vorzeigen von Gegenständen, um das die- 
selben bczcidinendc Wort zu schreiben (ohne Unter- 
stützung des Klangbildes) verhalt sich Patientin agra- 

l>hisi!), wenn es nicht wieder ein Wort ist, das ihr 

von früher her selir crl.Tiifjg war. 

Angefangene Wörter ergänzen lassen mit Lnlti- 
stQtzung des vollständigen KUuigbüdes: 

Weing . . . «rird zu Weingias txfßixait, 
Zan .... zu Zange, 

St agraphiäches Verlialtcn, 

Sta . , . . agraphisches Verhalten, 
Stach ... zu Stachelbeere; 
t<hnc Untcrstülmtig des ^\^>^tkl.lIl^;:;ebildcs: 

Patientin ergänzt in gleicher Weise wie vorher: 
es wurden in beiden Fällen Wörter gewälilt, denen 
gegenflber sie sich vorher agraphisch verhielt 

Das AtMchrdben von WArtem, die mit dealscHeit 



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I70 



liuclistabcn geacliriebeti uder gedruckt sind, gdiagit 

bdir guU 

Bei lateiiiiiclien UuchitabeA etwas langaaini, da- 
bei zeichnet sie mehr ab und kommt st* zu einer 
stiidiihurcn l'ar.tuiai -iiic D<t jus'eHdlitlicn Patientin 
hiiiü l(itcinis<.ho iiuciistabcn niciit geläutig genug; es 
hat das mit der partiellen Agraphie tikhte sni thun. 

Heim Diktabiclircibcn VAsst sie die Wörter, die ibr 
iiii 1 t ;;i )ruifig sind, ar.^; ^ic kann sie nitlit sthrcibeti 
Man (in liert; „die Ucwiditu luücheD, dasn tiaa R^er- 
«erk geht" Sie sdiicib«: „Die machen, dass das 
gebt." 

KinzL'lne voigesprodieae Budistaben adiretbl sie 
völlig ricUUg, 

Früher auswendig Gdemtes schreibt sie gut 

Buchstaben, ilie in ihrer Ziisainnienstdlung kcinea 
Sinti liabt n, wonlen richtig a!>p;<isi brieben. 

Aui h (las /ahlciiscbreibcii ist gut, suweit l'aiieiuin 
es von fiflher her gelernt hat und es ihr «i jener Zeit 



gclätifipr war. Das Nachxekhnen ist richtig und geht 

rascl». 

Sprachstörungen sind in kebier Weise vurhandctt; 

nur spricht Patientin etwas langsam. 

In diesem F;ülc erhielt sii h eine anme^tischc |>ar- 
lidk Agrapliic nuch ein Jahr nach dc:n epileirtisclien 
Analen; die Kranke kunnte Wörter, die ihr dem 
Schriftbilde nach ntM-h fest in der Krinnerung waren, 
nii ht schreiben: sie srlniol/ nur Wi oter, (abgesohrn 
Vom Copierenj die ihr vun t'rolicr lier nein geläufig 
waren, veigleidisweise wie bei der partiellen amne- 
stischen Aphasie, wo Redewendungen oder \V'<>rter, 
welche durch oftes Einüben eine feststehen de Er- 
innerung ausmachen, der functiuudleii A[ihasic nicht 
xitm Opfer fallen. 

Als Patientin ' , Jahr nach üxcsci Prüfung wieder 
Von mir hinsichtlich der (»artiellen Agraphie geprüft 
wurde, zctglo ^dt gar nidüa Abnuriues tudir. 



M j t t h C i 

— Die Epileptiker und Idioten in dem zu- 
künftigen *) Reichs-. ,Irren"-Gesctz. 'iicsera 
Titel vt ritllcntiidit tlas „Beriiner TügcbUitl" vuio 14. 
Juni Kl .li,'en<les : 

J)cr Xanic des in) voistelif;nilcii Titel bezeicli- 
nelen Ge»cticc» im üwcifdsohne geeignet, die liifent* 
liehe Mnnung Ober Umfang und Ziele desneilien irre- 
zufü'ii rTi. wie si( b rtti- ii:n hf))l<,;ondcn Kiw-Igungon er- 
giclit. Das Stiafiiex;!/. wie das Hür^erliche Gcseiz- 
bu' h haben, die dur< Ii inisi« bore X< »nu iiktalurverhalt- 
nisae gebotenen Schwierigkeiten unigcbend, es ver- 
mieden, für die Definition der Aufliebung der freien 
Willensbestiinniun^ und der Gesch.'lfLsfilbigkeit dun h 
pathologisdte üeistesKust&tde die ietzleren ctua aus 
RAcksicht auf mediciniscbc Delailfnigen nadi einer 
besonderen (iruppiruiig zu untcrzicbi^n. Sie lu L;ruiL;i n 
sich mit den durd» die allgemeine l'svchi>paihuluj;ic 
ge^benen DefiniiiDnen. Su sjincht das Stnifgcsctz 
wn „Rewusstlosigkeit", „krankhafte Störung der Gei- 
stestliätigkcii", das Civilgesctz vun „GciateskrankJieit", 
„tloistesschw.'li lie", welche beiden letzteren Degrifl'e be- 
kanntlich — im Interesse des zu Entmündigenden 
— nur graduelle Unterschiede bedeuten; auch dn 
Epileptiker, eiii l Ü !« kann danacli im Sinne des 
l>ürgerli( hcn ( iesctzbaches entweder ircistcshtaiik oder 
geistesschwach sein, ■■hne Rücksicht darauf, oi) das 
Leiden angeboren oder in der früheren oder !4>ateren 
Jugend erworben ist 

Wie allgemein anerkatmt und dun h die Erfahrung 
bekräftigt, ist auf diese Weise eine sehr zwcdunüssige 
Verchiigung des Standpunkten des Rechts mit dem 
il< I l'syclii.itrie herbeigelilhrl worden. Wie ist es 
tum bei dem Reit h.sirrcngesetz? Sollte in dem Aas- 



1 u n g e n. 

diU(k „lrren"gesetz s<lii«n eine Ans[>ielujig auf den 
Umfang des ( »esctzes liegen, das letztere sich nur auf 
die Regelung der Verhältnisse der „Irren" cistrccken, 
so war* an der gegenwartigen Lage der Dinge nicht 
viel pe.lndcrt, und iiiari Isiinntc sich die ganze Icgis- 
iutnrisdie Arbeit ersparut. Für die „Irren", wurunter 
man gewöhnlich die total Vennckten versteht, bedarf 
es nii hl s" sehr des giuizci» Ai>paral«?s der Gesetz- 
gebung wie vielmehr filr «lie fibenius zahlreichen 
„Grenzfalle", die auf der S< beidelinie zwischen gd- 
sliger Gesundheit und Krankheit sich bcwcigenj aus 
deren Reihen sich die „widerrechtlich ins Irrenhaus 
Gc-sperrten" rekrutiren. Sehr häufig finden sich nun 
diese Grenzzuslände bei den Epileptikern, die Ja nur 
zu einem verschwindend geringen Prosenisata wtik* 
lifb gcistt'j; ititaKi t;iut, tnuf den Idioten. Die leichten, 
aber liei wut/.chiilcei !H:uMs.cbcn St('irungen l>ci scheinl>ar 
gesumleii Kranipfleitlenden, die vers< hie<lencn Fonnen 
des angeborenen < »ler fi üb erw-orbenen Schwachsinns 
(Idiotie) in seinen gcringi>rcn Graden bedürfen m 
ihrer m Bc.n ihe^l'.m^ i-iiifi s' ■! '.;f,'lIllL;rti T)ii(<Ii- 

forscbung seitens des Facharztes und bereiten diesem 
oft iiieihr Schwieligkeit als ain^bildete Falle «hier 

foiLschreitcnden Gehirnk'lhmung oder Melancholie oder 
\'criücklheit. Sie bereiten aber diese Schwierigkeit 
nicht mir im C'ivil- und StrafpnKCssverfaliren, in wel- 
chem die Zuziehung eines sachverständigen Arztes 
bereits vni^eschrieben ist, sondern ebenso bei der im 
/ul.iiiii"ü;.;i-ii [\f ii hsirrengesctz in Bctrai l:i k"inii)Lnden 
äusseret wicht^en Frage, ob Internirung in der Anstalt, 
das hcisst Freiheitsentziehung nothwendig ist oder 
nicht. 

Au» diesem tjrundc muss es befiemden, dass in 
Preussen der Miokterialedass vom 25. Januar 1902 



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171 



die iir/.lli»lie Tlulligkeit >i» Idioten- und E|>ilcptIkor- 
an-staltcn vornehmlich auf „nicdicinische, liygicnische 
und diatelisc he". dass hcisst also auf die cijjcnllich 
körperlichen, nicht auch auf die gdatigen An^^gen» 
heilen, nicht auch auf die Pmge der Entlassunp- 
fllhigkeit des Kranken sirh ci^trr< ken !.is-,t Rs wäre 
Qb^iiuu|H dringend !t\x wUuäcIicu, ühüs das Reichs- 
irrcngeMtz »eh nicht auf den Stsuidpunkt jenes und 
tlcs zeitlich vnr:mf;_'fliciHl<>n Ministerialerla-sscs steHt, 
der für Anstalteu mit Kiaiikcit unter a( liizelin Jaiiren 
andere, gewiHemiaassen mildere V'or«:hriftcii glaubte 
crlheilen zu mOiuen als far Amitalten , welche er* 
vach)tene Kranke (ichcrbergen, — ciilgt»gcn dem all- 
i;emciii !:<„i:>( tu-iiilcn Knipliiidi'n , il.is-. Kr tniiuir.-r- 
jalirige Kranke ein weit umfangreidiercr Kcthlssclml/. 
ge«c}iaflen werden mOsHte uls für Jene. Aber stuch 
«Icr .'ir/.tlit hcn I*'iirs<ii<;c und Beliandtini^ lipilürfen 
tlic F.pileptiker un<l Idinton, wenn iiire Anstaltsver- 
pfk-^ung eine lationelk-re und erfolgrdriKm Ktn soll 

als bisher.*) Das über i$t nur errekhbiir, wenn der 
Arzt %>»Ilstandiß die Aliciniciluug der Anstalt hesitxt, 

nicht al»cr wenn itun die Verfiigufig Uber sein l>au| '!- 
sSclilichstes Organ, das Ptlegepers« mal, nur halb oder 
ZU einem Vicrtd zusteht, wie dies in den llieolti^iscli 
geleiteten Pri\atanslahen der Fall ist. 

l.'n» nur eins anzufüliren, wie weit wir hier noch 
«urftckstelicn, sei tiarauf hingewiesen, da.ss die I'iügel- 
Miafe aus den Epileptiker- und Idiotenanstalten bis- 
her durch keine Veifiigung orfincll auMgemcntt ist. — 
Die Scliwat~lil<ef.'lliij;teii geli'iicn iri die jetzt in .iU' ti 
grosseren Orten"*) erridilelcli Hilf^sMlinlen, das hci&sl 
in das Keginie <leH t^dügogen, die Sclnvachsinnigeti, 
auch die juj-cndlk lien, soweit sie iler Anstaltspficge 
und -F.rzichung bedütfen^ in die .\ii>lall, das iieissl 
in das Regime tles .-Xr/tes, <ler am h ilen Utiterricht 
zu regeln und zu (lbcr«-achen hat. Nur wer die 
kiVrperlichen Grundlagen de« Schwachsinns kennt, 
wei<;s ;iui !i dii' Auf' ■nti ruri;^en des Unterrichts richtig 
abzumessen, das lieisst olnie Schaden für den Kran- 
ken. Die piidagogischen Kr.'ifte einer S4ilclien An- 
stalt sin<l daher nicht minder als die eigentlichen 
ITlegekraftc dem Arzte unterzuordnen. 

Die theo]« igiscli geleiteten .Anstalten haben hier 
unbi^eifUcherwetse ein durch nichts beendetes, 
aber in vieler Hinsicht bedenklich scheinendes Privi- 
legium. Wo Theologen und Mediciner danrnu! /.n- 
siinimenarbdten mü-isei), kommt es immer zu Kon- 
flikten, am meisten aber und zum Naduheil der 
ihnen anvertrauten Pers«tnen, weim die Frage der 
Willensfreiheit an diesen unglücklichen Gehinikranken 
zum Austrjig gebracht wirti ; hierüber herrschen bei 
unseren Theoingen geradezu rOckständige, mit der 
NaturwHsenschaft Oberhaupt nie vereinbare Ansichten. 
F.s i\t wirkh'cli ati der Zeil, d.i^-v tMv TIkv ili)gen von 
iliesem Schauplatz alittiuti, ^oti dem für sie immer 

*) Die the'il'j;;!'-. Ii ;;rl, it, (rii F,[>>l€-piikfr- uml Icliotrnun- 
St.-iltni vrrsti'ln ri <•> .illrr.liii^s ;:iH, nur fta:nint Reilame tu 

tr<-rlK'ii, (Itc slaallikbcu beziehungsweise urzilich eeleiletcn dürfen 
Kr: <r Kn-tame trcibea, <!■■ verltieten schon die RrstliGlMft Kluss- 

gerkhle. 

••)Aui-hilw I-iri.l..Mn.-ii\.-il..;ii>,|.' ^uKli.j ) ] ilfsttluilcn 

begi(koden, dunil die Volkswjbulcu in LKirfern und kleiaen 
SMdtta TOB den Schwacfabeßthi|tl«n cntlulct »Orden. 



eine Hrücke zutn Ct^undlR-tctt und ZU anderein Un- 
fug gcfüliU hai und fuhren wird. 

Um endlich auf unseren ,\usgangspunkt zurück- 
zukommen: Der Name Rcichs-„IrTen'*gnetz ist durch- 
aus ineleitend und geeignet, «Hbst bei den lefnalato- 
rischen F'aktnren >ii m .nilii it in über die wahren 
Aufgaben eines solchen Gesetzes falsche Vorstellungen 
aufkommen zu lassen. Es empfiehtt sich daffir die 
allgemeine He/.eichiun)<r: Reicti'^L'esctz Über die Frtr- 
sorge lur (leliirnkrankc /M waliicn. Durch diesen 
Namen*) wUnIc: i. das ganze Wirkung^gebiet des 
Gesetzes wirklich unifassend definirt, z. von einer 
anfreaehcnen Volksvertretung der natut Wissenschaft- 
Ii<li<.ii Lehre beigetreten, dass Geislesstörung, F,pi- 
Icpsie und Idiotie Gciiiru-, d»s heiäst körperliche 
Krankheiten sind, und dem Eindringen anachm- 
nistischer Sonderbeslrebungen metajilivsischer, spiri- 
tistisiher, Uieologisiiier etc". Natur in ilie praktische 
Fürsorge fflr diese Unglflcklichen vorgebeugt, was in 
der G^nwart dringend nAtiiig ist, 3. demjenigen 
Menschen, welchen das Schicksal unter dieses Gesetz 

fallen l.'lsst, das Odium crsp.iri, für ..venin kt", „iiro", 
als „Narr" und .Vehnlichcs gelten zu mitssen. 

Zum Schlüsse sei noch auf eins hingewiesen: Die 
Eitifnhrung lies Kcicli.sgesetzrs über Gehimkranke 
wird zur logischen Folge bal>en, das» dem ReicJisgc- 
sundheilsaint «las Conceatdonsreclit für Geiiinikiantten» 
anstallcn zusteht. — ■ 

— Spiritismua. Fnui Ruthe — geisteskrank? Das 
..Iieri'il.inle" Khiiiii-iihnMÜuin, die Montcm-fr.iu Anna 
Rothe, ist .un .Soiinaiieiid vom Untcrsuciiungsge- 
fUngniss nach tler ( harite (Herlin) gebracht worden, 
um auf ihren (»eisteszusiaiul beobachtet zu werden. Die 
Untersuchungshaft hat der fast 52 Jahre alten Frau, 
die ein ruhiges, grübelndes Wesen zeigt, nichts an- 
gehabt. Die Spiritisten sclieinen sich für ihr be- 
deutendstes Medinm noch sehr zn interessiren. Bc- 
VI, r null l'iau Rothe in der rii.irite w.u. kamen 
schon Leute dorthin, die ihre Aeizie spiei licn wollten. 

— RlHalftnd. Nach einer Heret^'hnung des Medicinal- 
Departement» sind für die einer Specialbehandlung be- 
dürftigen Geisteskranken in Russland nur 
t5<.»o<.i Betten vorhanden, wahrend .^3000 Betten er- 
furderlicti wären. Auf Gnuid kUnisdier Forsthungen 
werden die 185000 Geii^tcskranken Russlands in drei 
Grupi>en eingeilieilt : Kr.itil»c mit srhilrferen Geistes- 
störungen, gcrnliilitttc i\raiike und dironLsch Kranke. 
Von den beiden crstereii Gruppen bcanspnichen 
0.: 000 Personen eine Spct:ialbeliandlung und für 
diese waren eben tllc 35000 Betten, deren Einrich- 
tung ca. 35 Millionen Rubel nebst 10 Millionen 
jährlicher ünterhaltakostcn erfordern würde. 

Referate. 

— - Leitfaden für Krankenpflege im 
Krankenhaus und in der Familie. Von Dr. 
med. Wtttliauer, Obcmnt am Diak<inis8cnhanH in 

*l Zum IVispiel b*!"""' " I-' nt»". 'Ii'" m h h .'^1 l.i u m .,.1 e.ler 
infolj«?' pirvrr f;?liirne»>«irtnMiUl i>.lrr i-i:irr -liii- 1 i i t u ■ •ni« lirn 
l-jkrjuUiui;; ('■■•Ikiii^ bl'''ir. h,- «■ ih u : , il;. t »1 l.iiiiMn^;-.voll 
nicht als Kcitteikrank oder -»chwacb belrattitel weiden, doch 
aiiek aotcr das acuc Gesetz. 



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1?« 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE VOCHENSCHRlFr. 



[Nr 14. 



Halle a. S. Zweite, neu bearbeitete Auflage mit 76 
Abbildungen. Halle a. Sh. Carl Marhold. 1902. Preis 
Mk, 3,— . 

In Form von 18 Vorlesungen hat Verf. alles för 
die Krankenpflege Wisscnswertlic mit Einschlnss der 
Wöctmcrinncnpflcgo und der Behandlung der Saug- 
Itnge in korxer prägnanter Form besprochen und da* 

bei iiirlu mir liii; Vi rljaltnissc eines gut eingerichteten 
Krankeuliauses bcriu ksit litigt , sondern aut h die ein- 
fachen Verhältnisse in der Familie mit ihren noth» 
wendig werdenden Iinprovisatiunen. Der Werth <les 
Burhes ist durch zahlreiche, leiclit verständliche Ab- 
bildungen erhnhi. Das in der zweiten Auflage hin- 
zugekommene Capitet über irrenpflege cntlialt das 
Nolh«-«ndigsta es tat nach dem bekannten Leitfaden 
vun Scholx bearbeitet. 

Arnemann, Gross-Schwcidnitz. 

— Die Lehre vom Leben. Von Dr. Alfons 

Bilharz. Wirsbaden, J. F Bergmann, tQOi. Gr. 
H* XIV und ,502 S-, 22 Ai»biliiungen. 

Die Retiaction hat mich gebeten, das Buch von 
Bilbarz m besprechen. Ich habe e?« voigenommen, 
aber — ich halic es nicht verstanden. Da mOsste 
ich es eigentlich <k'r Kcilai if iii /■.uiirki^i hfii. Jedoch, 
ich bin davon abcrzeugl, dai>s damit weder der Re« 
daktioa noch dem Verfasser gedient wSre, denn unter 
«len Vorhandenen ist keiner, der flri«; Biuli veisichfn 
kiinnte. Auch liegt die Sache ja nicht su, da.sj» it h 
Alles nicht verstantlen hntte, sondern ich habe nur 
nicht Alles verstanden. £« acheint mir, als ob im 
Grunde der Vf. ^-ietfach das Richt%e meinte und als 
»■Ii IlIi in iiiaü< lu II Richtungen mit ihm gehen könnte. 
Die „Lehre vom Leben" hat drei Theile: i. Prule- 
gomcna (haupisarhlich gesclnchtHch - kriliache Erörte- 
rungen), 2. NcM»-Biologie oder die l ehre v im thien- 
schcn Verstand, ,v L< igo-Biologic micf tlic Lehre vun 
der menschliclien Venumft. Der 3. Theil zerfallt 
wieder in awei Abachnitte: Weitaxe des Denkens 
oder Lehre vom vemOnfUgen Denken und Weitaxe 
des Wolleiis >'dc!r Ixhro vi fiti xrriiünfti^^cii \\'(.)llen. 
In der Lelire vom Wollen (Ethik und Gescllschafts- 
lehre) findet man unerwarteterwetse einen grossen 
Aiif-atz über Fr. Nietzsche, der manches Gute enthalt. 

Wenn Vcrfas,scr sich cntüchliessen köinite, die 
Lehre aus »einer halbmathematischen Sprache in das 
Deutsche zu Qbettragen, wenn er sich mehr als bis- 
her der langen Attseinandeisetzungen mit Descartes, 
Kant und atidcren hisi risi li< n Grrjs.sen enthielte, 
wenn er sich weoigei oft wiederholte, so käme vielleicht 
etwas Gutes heraus. So, wie das Buch jetzt ist, 
wird es keinen Erhilg haben, denn Alle, die der Titel 
angek>ckt hat, werden bald entfliehen. Und doch 
steckt viel Arbeit und eiftiges Nachdenken d.'irin. 
Ha wäre also schade, wenn das Ganze an der 
schlimmen Form «u Grunde ginge. VieOdcht wird 
tlcr Vi. sagen: ja, du mus>; ct>t uicin fralic-ie-. Biu h 
über „Metaphy&ik als Lclu-e \om Vt^rbewusstücia" 
IcMcn. Aber ich weigere mich ganz entschieden und 
Andere werden es ebemo machen. 



Tmtz aller Bedenken mu.ss man sich freuen. 
es in unserer trockenen Zdt ni>ch Collegen giebt, 
die die Met;iphysik lieben tmi] ihr emstlich nach« 
stellen, und dass es Verleger gicbt, die ihre Bacher 
drucken lassen. Mi>biu.s. 

— Pron: Influence de Icstomac et du regime 
alimentaire sur l'ttat mental et les fonctiims psvchiijues. 
Paris, Jules Rousset, 1901. I^S .S. 

Das Buch steht auf der Grenze zwi.schen wissen- 
arhaftticher Arbeit tmd populärer Flanderei. Nach 
einer hiv^i nschen Einleitung, die bis Hi|i["4i iit v 
zurückgreift und auch ilie Ansiclittn «Ici riulnsophcn 
berücksichtigt, bespricht es die .«iiatomischen und 
physii .Ii igischen Beziehungen zwischen Verduuungs- 
und Nervensystem. Durchweg wird zu .sehr venilt- 
gemeinert und mit frag'.uirilit'ei) ( it legenlieitsbe- 
obachtungoi operirt Es ist mehr feuilletonistische 
Causerie, wenn angefahrt wird, der Zucker bringe 
weiche Gefühle, Butter mache apathisch und indnleut, 
Eier vermindern die physische und moralische Energie! 
Gradezu bedenklich kann das wenlen, wenn dem 
Wein z. B. nachgerühmt wird, er pradis|>inire zum 
Wohlwollen und zur famiUarit& Die klinischen Be- 
obachtungen , die dem Buch ein wis.senschaftli»hcs 
Gepräge verleihen sollen, sind recht dürftig. So lautet 
Beobachtung 4: „Früttldn S., 3.2 Jahr, leidet seit 3 
Jahren am Magen. .Schwerfälligkeit, Dyspntx; nach 
der Maidzeit. Traurigkeit, Angst, Schlaflosigkeit". 
Die 2. Hälfte des Buches bespricht die affektiven 
Störungen, auch Selbstmord im Gefolge von Ver- 
dauungslciden, darauf die intellektuellen und Willens- 
stönmgcn, selbst Aphasie, Amnesie, chn>nis4.-l>es De- 
lirium u. dgl. Vf. hat kaum Ahnung, dass es sich ni 
vielen Punkten vm Probleme handelt, die dem psy- 
< Iii I li^Urlu n Experiment zugänglich imd z. Tli. rtuch 
Iuju auf diesem Wege gelöst sind. Bei tler t»cgcu- 
überstellung der Autointo.xikations> und der Reflex- 
thcorie bevorzugt er die letztere. 

Wcygandt - Würzburg. 



Persona I nacbricbten. 

IUm Mhik«n«« »Mi F«r«im*liucliriciitrn «i«. an im RatecMwi 
irird fibaMn.) 

— Schleswig. Als Nachfolger des verst. Herrn 
San.-R. Ilar.M n wurde Herr Director Dr Kin ]■- 
hoff -Neustadt zum Director und Chefarzt lüesigcr 
Anstalt ernannt. 

— U ch t > p r i nge. Herr Dr. Hoppe ist zum 
Oberarzt, die Herrcu Dr. Ehrke und Dr. Müller 
sind zu ordentlichen Aenten ernannt 

-- We i I m tt n s t c r. Obcrar/t Dr. Lantzius- 
Bcninga von hier ist zum Director hiesiger An- 
stalt erwiüilt worden. 

— Freiburg (Baden). Pr>)f. Dr. Emni i n lIi :i us 
tritt mit Ende dieses Semesters in den Kulie^und. 
Zu seinem Nachfolger ist Herr Prof. Dr. Hoc he, 
unser hochverehrter Mitatbeitcr, berufen worden. 




: Olwrwft llr.J. UtrtUr KnMliiiU»,{ScfelMm). 
j Tag* «w dar Am§Aa. — V«n«c voa Carl llftrhold In Halte «.S 
(G«br. WM) (• Kafla a. & 



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Psycbiatriseh^Neurologisehe 
Wochenschrift 

Sammelblatt zur Besprechung aller Fragen des Irrenwesens und der praktischen 
Psychiatrie einschliesslich der gerichtlichen, sowie der praktischen Nervenheilkunde. 
Intermitloiialeft CorrMpond«nsUatt ffir Irreninte und Nerven&nte. 

Unter Mitwirkung zahlreicher hervornigender Fachmlnn«: des In* und Aitalande* 

h« I - i; * y f IC •- ft«n »on 

Direktor Dr. K. Alt, Prof. Dr. O. Anton, Prof. Dr. Bleuler, Direktor Dr. van Deventer, Prof. Dr. L. Edinger, 

UrhupnnuK ' Allmxik . Gru. /Drirll. M<!rtriibi-i j; (1 tolUiirf). Frankfurt a. M. 

Prof. Dr. A. QuttoUdt, Prof. Dr. B. Mendel. Prof. Dr. Minsasaini, Dr. P. J. Möbiaa, Direktor Ur. IforaU 

Geh. ]fad..Ralli. Marlin B«rl.a. Koiu. I.i>i|uiK. Mnni (Bal|ieB> 

Direktor Dr. O. Olali, Direktor Dr. Ritti, Dr. Emst Schultie, Direktor Dr. UrqohArt, 

IfclJlHit- St. Mauric« iSrinr). l'riv<.(>I c<-nt, Amiriitach. Fmtt CSckeUl*ad|. 

Dr. med. et pbil, W. W^ygandt, 

Unter fienfltzung amtlichen Mateiutli 

redigirt von 

Oberarzt Dr. Joh. Brosler, 

Veih.s vcn CARL MARHnLD in H.ille k. S. 

Tek^r.-Adrnwt : MarboSÜ Verlag. HalletaAl«. FermiHTcfcrr Sj/s. 

Nr. 15. '--J"ii- j902. 

iHe ,.1'syc h i a tr I »<: h . N r u r o t o 0 isc h <■ Wnchantcbrifl'* erK-k«ini jcMirni Sonaabend iin4 kcntüt pro Quartal 4 Mk. 
Iii a<»llimall|> IMliei*n HurhhAndmn^. ili<* J'u«t (Katalnf Nr. 6752), *nwir tUc Vcrla^tHirhhanttlun^ von <'afl Marh«*lil in II aljtfk e. S. AMlPHtM, 

IPMTfMte wirr«i.Mi für ilu* ]k|»^Etsr VrituiHlm mm 40 Hk. ht*rrrhnet, Htfi Winderhulufl^ tfiu ErmiteiawtK «n. 
ZiMrlirilln» 41^ KtJhtnUm ii|>4 •■• Obpnni l)r | Hf •>«!•(. Kre«clinit* (SicIlMen}. m mlHni. 

Inhalt. Oriitiiiiile: Jri«nliiHiiv<r«toe. Votlrag cefaaiten am 3. Mai i<)<>3 im Vereiii der lirenartle NiMlersicbaem nnd Wcsi- 
faleiis von dna Obnariet der Provin»stl-}l«H> wkI FNefEe-Aostalt Dr. RichonI SndMIihlcsImn« |S. 173). — Ueher «inige 
Neubauten an drr Irttlilnf^r Aw.IaM. Von Privntdoccnl Dr. L. W. Wcl)ct-Gailin|jrn {S. 176). — Millli«ihinKen (S. iSi). 



Irrenhilfsvereine. 



Viirliag, gehalten am 3. M<ii 1903 im Verein der Irrenflrxte Niedersachsens nnd Westfalens 
von dem Oberaril dn- Hin>vin«itl HriU und Ffle|>e-Amtaft Dr. /Hekarä SfteMlWtiAmm. 



\Ä7<>h] jctiem Irrennrxt Nind die Srlroierigkdten be- 
ginnt, weU hc sich bei der £ntlasauinfr tinbc- 

L^iittter Kr;iiiker uAvy ( Iciii'Sfiicr <icr Irrcuiiiist.ill 
zeigen, liaa «cni^e (',el>l, welclics vorhunücii war, 
ist ffir die Untcrbriit<;iin<{ des Ktankcn in die Irren- 
ansialt vciforauclit, die Familie liat w-li aub kOmmer- 
lit hstc »Ihm lis< li!;ii;eii iiuis.scii ; wenn dt r nfticsfiic in 
sein Heim /iirucklichrt, r>ielU er sicli der Nolti uiiil 
Armnth ^L-gcnübcr. Nun hcissl es, fflr ilm Arbeit 
suchen. Da hindert ihn aber flberall d<a Vomrüteil 
der f^t'isseii Mcnjjf gc^cn Li-ulc. die im Irrcnli:tti-<(' 
genesen kiml. Die AiLieit^eliot ticInnL-n ihn ungciii 
an und. wenn er eine Stellung •^ciundcn luit, wird er 
von Vorgesetxlcn und Mitarbeitern mit Misatraiien, 
wenn nitlit .11 luii VV'i.n litiiuif lx-li;ir)dclt. 

Ngch »«jlilimmei ial e», wenn dtr iius der Auslalt 
Entladene nicht genesen, sondern nur gebessert ist 



VcHi üMcn Sinlen tritt ilim tlnnn der Argwolm und 
die Furcht vm dem Geisteskranken cn^egen. Kein 

Wunder, d;i>s si> liiUifi-; d.is .srlu^-.K he Nervensystem 
den VVideruürligkciten iler Aasscnuclt eihegt, der Zu- 
slanil des Kranken sich verschlimmert und die Ueber- 
fCihning in eine Irrenanstalt «iedcr nnthig wird. 

iJifse Veiii;illnissf tragen il.izii bei, ilass ein selir 
grosücr Thcit der als genesen oiler gebessert aus der 
Anstall Enttassenon nadi weniger Zeit wieder der An* 
stalisplk^ bedOrftq^ wird. 

Was l;ls.st sic li d.ii^cgcn ihun > Man muss Arn 
Uebcrgaiig der entlassenen nicglinge in das Ircic 
Ixjbcn muglichst erleichtern, man muu die Scliwieri«^- 
keiten, die einerseits in der ZurriUtung der finanziellea 

Vfrh;iltni-.se des Eiillassencn, aml' • i^i-ils in den Vnr- 
utüicilen des Volkes gegenüber gcnocua» oder gcf<*5cr- 
ten Gebtesknuiken btttehen, m hebe» oder wenigstens 



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«74 



[Nr. 15. 



zu vennindem suchen. POr «»leren Zweck ist vor 
allen Dingon C.cUI iiükthig, um über die crsie s« hwerc 

Zeit ri:!< ii drv F.iitl.i'^siMig fdrt zu liclfni, in ilclii ciiioii 
Füll isi das Handwerkszeug, welches aus Nuth verluiuft 
oder verseurt ist, wieder ta beschaficn, in dem anderen 
ist dein Verfall einer T,eben>iversiclieningsj><>lire \iir- 
zubeugen, in einem dritten Kall ist das nCltlii^e Mo- 
biliar wieder m kaufen mler in Staud zu setzen. 

Dhib es rar die Directbn einer Anstalt nicht in*jg- 
lich ist, für Je<Ien solchen vorliegenden N<ithstaiul 
)ir)rh F.ntlassung eines AnstallsirisaAsen das in>lliige 
Geld zusanimeiizubriii^^en, lt<^t auf der (latxl und ist 
ja atich jedem längere Zeit in der Irrcni-degc Tliaii^^cn 
aus eigner Erfahrung l)ckannt. S.» viel Mühe man 
sieli ;nnli flieht, tlie liüuslielitn Verhfiltnisse des zu 
Entlassenden möglichst gUnsiig zu gestaltui), nur zu 
hltufig scheitert der Versnch an der Kofttenfrage. 

Ein Jtweiter Punkt, der bei der F.titlasstuig eine» 
genesenen oder gebesserltn f 'icistokranken grosses 
Gcwkbt hat, ist die Wictlereinfültrung des Eutla^nen 
in das sociale Leben, in einen passenden Beruf. Wie 
gross die Si hwiciigkeiten sind, für einen Genesenen 
eine geeignete Stellung zu fmtlen, kann man nur l>c- 
urllteilen, weiu» man selbst diesen \'ersueh gemacht 
hat. Enit will niemand den ehemaligen Anstalts- 
pficgiing M) Dienst nelunon, hat er alior erst einen 
Dienst gefunden, so wird er mit Argwohn, «-enn nicht 
gar mit ä|x>tt empfangen. 

Ist der Kranke aber nicht genesen, sondern nur 
gebessert, so tritt alles das im orluihton Ma.iss her- 
vor. Hie und da gelingt es wulil dem Arzt, für eifu ii 
zu entlassenden I'tlegling eine geeignete Stellung aus- 
zumachen, in der er vor den ScliAdigungen der 
Aussenwclt nach Möglichkeit gescliützt ist. Aber 
für icvleii Fall, ir) dem ein Kranker entkissen wertlen 
mu.ss, kann er das nicht iu der Amtalt behalten 
darf er aber die Kranken nicht, sobald sie nicht 
mehr den im Reglement vorgesehenen Krankheits- 
Eusirmden angehören. Es ist daher eine antlerswcite 
Fürsorge für die Entla&seneu dringend nütltig. 

Diese Gesichtspunkte haben an verschiedenen 
Orten air Bildung von IrrcnhilfSN ereinen gefuhrt. 

Der iiiteste deutsche Irrenhilf^^ erein wurde im 
Jahre lüjij zur UntcräUitzung der aus dem herzog- 
lich nassauischen Irren-, Corrections- und Zuchthaus in 
Eberl lai h EnllasseDcn von dem Direi ti.r Lindjiaintner 
grgiündet. konnte aber die nachfolijendcn tmruhtgcn 
IMilitisclten Zeiten iiii Itt Cibeniauern. 

Lange Zeit gcn^hah dann wenig in Deutschland 
in IJczug auf diesen Zwt ig der IrrLiifür.',oi|^c, wahrend 
in I »esterrcirh iS^t der W iener imd etw:i>. s]i.'iter 
der Steirische liilfüvcrein entütauden und in der 



Schvdz bes. nach Gründung des St. Gatlener Hilfe- 
Vereins im Jahre iBdh durch Zinn eine Reihe der- 
artiger Vereine emporblühte. 1) " Ii u il! ich mich im 
Interesse der Kürze auf die deutschen Hilfsvercinv 
beschrflnken. Erst 1869 erfolgte in Hambwf; die 
r.ründung der UntCISttltaungskassc der Irrenanstalt 
Friedri< hsbnrc , i'^7.^ P!>ist.iinl üi i Ir.ij;-., lu- IIHfs- 
verein, hauptsächlich durch Fischers unti Kollers Be- 
mflhungen, und der St. Johannesvercin zur allge- 
meinen Irrenfürsorge in Westfalen, auf Anregimg 
Laehrs tlcr kurmilrkischc Vorein, tler unter Zinns 
Führung seine Tliätigkeit 1875 auf die gaiue PicAinz 
Brandenburg ausdehnte, s<xlann der Hilfsi-eretn fQr 
die Geisteskranken in Hessen, weither, bei seiner 
vortreflli< hen ( )rg;inisalion unter I.eiluivj s Geh. 
Medidnalradt Ludwig in Hep)>enhein) und M-iucs 
Nachfo^rs Bieberbach, vorbildlich fOr viele spater 
gegründete Kiirsveretne gcwwlen ist. Ks e.vistiren 
jetzt ausser den genannten luich innerhalb DouIm h- 
i.tnds Irreuhilfsvcreinc in Elsass, in Schlesien, im Re- 
gierungsbezirk Wicslxkden, in der Rheinpmvinx, der 
l'f.ilz, Mün< heii, Sach-en- Mi-iningen , Niedeiba\ ern, 
im K'"»nigrei< !i Sulzen und in Würltcinberc; Inder 
Provinz Sachsen ist die Grthulung eines Hilfs\crciiis 
beabsichtigt 

Die Grenzen der \Virks;imkeit sind clur« h die Ver- 
cinssatzungen in den emzelnen V<"reinen veisriiieden 
weit auf^efa.sst. Sehr ausgedehnt sind die in den 
Satzungen ge^bcnen Aufpinben des Hilfsvcrcins für 
das Ki">nigreich Sachs. 11 i-.i will «las X'erstlind- 
rii-.s '.Ii ili - <" ii iit.'skrankheiten und das Inteiesse für 
ilie Geisteskranken «ecken und fonlcni und bes. 
die aus den nflentlichen Anstalten fOr snldie Kranke 
entlassenen IVrsonen zur Rileichlerung ihres Wieder- 
eintritts in das bürgerlii he Leben unter^l^llzen, an< h, 
soweit die Mittel des Vereins nach Erfüllung des er- 
wähnten Hauptzwecks ausreichen, den in Noth be- 
findlichen Familien Geistcskr.uiker Hilfe gi^w.lhren. 
Im Sinne der Arbeit iles I lilfsvereins wertlen rlio 
E]>ilc])tisihen und Hystcrisihen ilen Geisteskranken 
gleichgeachtet. 

Diese sowie die meisten andern Statuten der sp.'lter 
gegründeten Hiifsvereine, sind den Hilfsvereinen für 
die Geisteskranken in Hessen nachgebikict (Hier dem 
Statut des brandcnbuTgi<rhen Hiirsvereins far Gcistes- 
krankc. Letzteres bezeichnet als Z\\ e< k des Vereins : 

1. Die Füv>ori:e für Geisteskranke der Provinz 
Brandenburg und bes. für die aus der Irrenanstalt 
Ebersw'^ldc entlassenen Armen tmd Hilfsbedürftigen. 

2. Die Hebung der cVfTentlichcn IrFCnpflegC der 
Provinz IVatuienburg und die Beseitigung von Vor- 
utthcilcn gegen Irrsinn und Irieaanslalten. 



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«75 



Etwa» CDger gdaist int die Wirimaikeit dai Hilfs« 

Vereins für re> .>ii\.ili-.i i iilc- Geisteskranke in \\'ürttem- 
berg. In :>ciikcu äuiulcat isi die allgemein aulklärende 
und Viimrthcie gfigeoaber deo Gdsteskianken be* 
Mittende That%ltcit nicht mit aopiffllirt, dagegen 
die Fursutge fOr die F«inOie des Erivanktei) Itcn'or- 
gehoben. 

OemciiLsiim ist Nlmnitlicltcn Ilüf^vcreinen das Be- 
streben , den Ucbei^atig der GeiKtcskranken in die 
Aiiasenweit roCglirlat m erldelitemt und die enlen 
Si Iiu it-ris;keiten iia< Ii »Icr Anslallsenllassung zu ver- 
mindern. Uni die hierfar nfithigen ücidmittei zu er> 
halten, werden vun den Uitgliedeni Beitiüge erhohen. 
Ausserdem steuern liei einzelnen Vereinen der Sta»t 
txlcr i'ummunale \'crl>Ande l<ei, z. H. erhielt tler lio>sisi hi- 
Hilf»verein im Jahre i«;o»j/«ji au» der Grosiherzug- 
licben Siaatslcasse louo M. und aus Kreis-, Stadt- 
und üffenllichoi Kassen 2755 M. 62 Pf., der branden« 

hur^isiiie Hiltsveieiii erhielt iS<)0 '<k) von Staal.->- und 
^t;lndi.s•:hen ih-hardeii ö.}o M., der Hilfsverein in 
Worttentherg ii>oo vom l(gi. Miniüteiiiiin des Iniieni 
looo M. Beitrag. 

Dass die aufgebmclitcn Summen durcbaw« nicht 

unbctlculend >iiicl, kann man aiiN f" ili^ciidi-n ZahK'n 
crädicn; Die .Snmnie der Einnahmen tlcs Irrenhilf^- 
vereins betrug in Hessen i'><JO/oi j^öoi M. 70 l'f., 
m Wftrttcmbag 14202 M. 72 Ff., in Sachsen 
40:6 M. 7.' l'f., in nramh-nliVKu 157.^ M. i Pf. Für 
die Vereinszwei kc sind %'im liessisdien Hilf.svereine 
in dcncrsten .35 Jahren seine» Beslehenühind 240000 hl., 
also last eine Vierteimillion veraaigabt Der Sl Jo- 
hannosverein zur allgemeinen IrrenfiirNr iri;e in W<->t- 
falen hat au^ eigenen Mitteln eine Mii>tenan.stalt fiir 
mehrere Hundert Insahbcn gebaut Man steht, das;. 
CS nicht nur Klcinarlieit ist, die von den Hilfnvereinen 

peleistet wirrl, wenn ja auch die Hilfe und Fiirvitrce. 
die den einzelnen Kranken l>e/w. deren Familien ge- 
wahrt wird, immer eine Ilauptaufgahc der Hilfsvcr- 
dne bleibt. Mit ilir verknüpft sich paa vt>n selbst 

die Aufklärung tler grosvcn Menge üher die Irreti- 
anstallen durch das Institut der \'ertraueiism;ini>er. 

Um licn einiielrien Kranken ilen Ucbertrilt in «las 
freie Leben nach der .\nstaltM:ntJai>:»ung m erleichtern 
und die familiaien VerhAltnisse möglichst gttnst^ zu 

gestillten, genügt eine einfache (leldunteiMutzung nur 
theilweise. K-s kommt ausserih^m d.traiif an, den Knt- 
iasäcnen auch mit Ruth und Tliat zur ^citc /u stehen, 
drohende Gefahren abzuwenden, durch geeignete 

Maassrcgchi einer W'iedercrkrankung vorzubeugen, hei 
Wiedereintritt einer Erkrankung den Patienten recht- 
zeitig in geeignete I'ficgc zu iiringcn. Das alles kann 



aber nicht in genflgendcm Maa» von der Direcüuo 

der Irrenanstalt, aus weldier der Kr;>nke ent!a'i^en 
iüt, geschehen, da ihr die nühercu Verhältnisse 
und die Umgebung des Entlanattun tikM hin* 
reichend bekannt and, ausserdem bei der starken 
.\rlieitslast eine .\ii>tn"isdin'i tii n l.^itnii Zeh hat, Mch 
bis ins Einzelne mit dem feruereu Ergelien der Ent- 
lassenen XU befassen. Es bedarf daher der Mittels» 
liecsnnen, vdche an Urt und Stelle dem Entlassenen 
iitu! scivK ri ,\iigelh"irigen zur Seite stehen. Dicse 
X'erlraueusmauner müssen eincnieits mit den IrreBp 
anstaltsdiiectiunen in FQhlung bleiben, wo. ihnen be* 
raten und mit den Mitteln de« Vereins untentOtzt 
«erden, andererseit- den Kranken gegenüber eine 
helfende und fOrsorgendc l'h.'itigkeit entwickeln. Dass 
ZU diesem Ehrenamt vorzüglich Männer sich eignen, 
die kraft ihrer Lcbenastellttng eine gewisse Autorität 
geniessen, liegt auf der Han<l. .'Nie njüssen durch die 
.\n9taltsdircctiunen bekannt gemu< ht werden mit dem 
Aufnahmeverhhren in die Irrenanstalten, damit sie in 
dieser Beziehung geeigneten Ratli crtheilen kOnnen, 
untl mit der nchanilluiig, welche für die in ihre Fa- 
milie zurüi kkelirenden Kranker» uml Genesenen die 
richtige ist. Ausserdem gilt e.s bei iimcu den Hcbd 
anzusetzen, um die alten vcrkelirten .\nscluiuungen 
üijer unsere .\nstalten durch der Wahrheit entsprechende 
ZU ersetzen. Dans mau zu diesem Zweck den V'er- 
trauenmllnnem Einblick in das Irrcnanstaltsleben 
nicht ganzlidi verweigern darf uiul dasts die Aente 
hier\i.n vielerlei Mühe und Last halten, liegt auf der 
Hand. K> würde aher ohne ilie.se Mühewaltung ilen 
Vcrtiauensniünnem unmöglich sein, ihr Klurenamt in 
rechter WiHisc aufznfaiweti. Nichts ti3gt, so zur Zer* 

strcuun'4 und V'einn'nderung der V'orurtheile gegen 
lrrenan>uilten und Geisteskranke l>ei , als wenn man. 
Leuten, die nach Uircr ganzen Lebemtstellung Gewahr 
bieten, dass sie nicht Neugier sundem «iikliches In- 
teresse leitet, nach Möglichkeit Zutritt zu den Irren- 
anstalten gewahrt uinl sie über ilic verkehrten Voiks- 
ansi'hauungen den .Vnstulten und ihren ln>a!>»en ge- 
genüber aufklart Nur so kann die Furcht vor den 
Irrenanstiilten, in iler aucli dasgebikicte I'uiilikuin noch 
immer eine Anhiluiung von Zwangs- und licschiiin- 
kuugsmiltleln sieht, vernichtet und der modernen Irrcn- 
pfl^ der Platz in der Aditung des Volkes gegeben 
werden, der ihr dank der jetzigen freien Behandlungs» 
art gebührt 

Ausserdem erwathsuo aber noch z^hlieiche V'ur- 
theile aus dem Umstand, dass sidi angesehene 

Männer in den verst hiodencn ( )rlci> für ilie Irren- 
pflege interessiren uml mit den Irrenärzten in Be- 
rührung kuinmcn. Die Uebciführung der Geislcb- 



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tNr. 1.5. 



kranken kann dnrch di« mit dem Äufnalimeveffahren 
bekannten VertraucnsmaDncr in einem frQliercn und 

daher mehr Aussklit auf IIoiltiii<r luetendcii Stadium 
der Erkrankung wie inshet veranlasKt werden. Ausser- 
dem kann durch die Vertrauensmänner, wie es achun 
in einzelnen Vereinen, z. B. dem hessischen, geschieht, 

Erlie)>1ii ■itc; zi;r \''r'Tl :'f^-^r>Tuti:r ilr- WiftjK-r^' irmN hcl- 
getrugcn werden, du es urLskundigcn aiij^esclieucn, mit 
den an die FOeger zu stdtenden Anforderungen ver- 
trauten FenOnÜchkeiten leicht gelingt, geeignete junge 
I,f»utr ;itif fiel» Beruf als I'"rcii])flcncr auftiiKrks.iin zu 
machen und den An^Uiltsdircctitmen zu empfehlen. 
Auch fOr die i'ruph ylaxc der Geisteskrankheiten kOnnen 
die Vertiauensnänncr nützlidi wirken, indcmi sie ihre 
Umgehung auf tiir fW4;i)iren des AlkMliuhiiissbraurlis 
und anderer die Knbichung vun t^ychosen hegüuüü- 
gender SchSdMcbkeiten auünericsmn machen. 

Steht der Vertrauensmann ausserdem mit Rath 

und 1"hat ilen in st-itirni Re/irk ari>;l>sisei 1 i 4< -.- 
kranken im Kinver.sUmhiis^s mit iK^n belretfen<l«Mi An- 
slaUsiliicaiitncn und gcstUt/t auf die maleriellcn 
Mittel des Hilfsvereins zur Seite, so sehen wir ihm 
ein so vvoit«"S und dankharos Fild der nctfiäliRung 
geholen, ila>>> es wnlil die aufjjew.indtc ^[Uhc und 
Arbeit lulint, und du.s!> :>ich auiii geeignete i'ersOn- 
lichkeiten für dieses Amt fimlen tasscn. Die grosse 



Zahl der Vertrauensmänner der bestehenden Vereine 

best<iti<:t (hcsu Annahme, z. B. gab es an) i. A|>ril 
Hn)i in Mcs-son SS ( \'crlranonsnirimirT, tlie OIkt das 
ganze Land vcrtlieiit waren. Die Leitung der llikib- 
vcreine fällt natuigentAt» den Aerxten der Landes- 
irrcnanstalten zu, weh he siiii im Interev-e der guten 
S.L' hr der allerdings rLclit erheblichen Mühewaltung 
ni< hl entziehen dürfen. 

In den Irrenliilfi>vereiiieu luihen wir aL^o ein 
Mittel, die sdion si» <ift beklagte materielle Noth 

der aus der .\nslalls|)flcgc entlassenen (Jeislcskran- 
ken zu mildern, ferner ilen (ieist der modernen 
Irrenaiuslalt dem V'ulkübewusütsein nither zu bringen 
und die in Betreff der Irrenanstütten bestehenden Vor- 
urtheile zu verringern. Die Hilfsvereine hal»en siih 
irmerhalb urul ausserhalb l)eulst!il,;uiis bevvidirt und 
in einzelnen Si.taien, ich nenne Ihcr nur He^n, eiue 
geradezu glänzende Entwicklung gewonnen. Es wäre 
«I.iIk r wüns« henswerth, dass auch tiort, wo bisher Hin h 
kein derartiger Verein cNisiiit, die (itundung eines 
Irrenhilfsvcrciius itu> Auge gefa^s^t wurde, und e^ wäre 
ganz besonders zu begrOssen, wenn die Pronnz 
Ilaruiovcr, in welcher unsere heutige Versannnlun<; 
tagt, sich ilen von mir i;enannten Staaten und Pro- 
vinzen durch liilduug eine.s Irrenhiif:« verein:, an^cirlo»>c. 



Ueber einige Neubauten an der Göttinger Anstalt*) 



J 



Von l'iivaldoccul Dr. /.. /K U'tbft, Oltcniril .in 

e mehr sich unter dem Einlluss der freien Ilehand- 
lung die ge^anunle iSauart unserer Anstalten in 
den letzten Jahrzehnten gean<lert hat, um su schwerer 
war es für die vor dieser Perimle etilst.indcnen .\n- 
st.ilten , tliescn gclliulerten rrin< i]>ien Kecliiunig zu 
tragen. Die Anlage, nuincntlich der griis-seren der- 
selben, in geschkifisenen, gefängniss-, srhloss- oder 
kkttterarligcn Kilumen ers« hwurt die Anbringimg der 
den modernen Hediirf hissen entsjitcchcmleri baulichi-n 
Einrichtungen um so mehr, al.s zaiilreiche alle An- 
stalten viel stärker belegt sind, als bei ihrer Grttoiddng 
he;ihsi<htif;t war. ohne dass eine ents}ii.< 1p mii l au- 
liche Erweiterung slaltgefunilen hat. Leu liter ist eine 
L^nnänderung durchzuführen bei klcinereti Wrh.'ill- 
nissen, wie in unserer Guttinger Anstalt, die ursprGng- 
lich nur für -'40 Kranke angelegl war, Hier hat 
sich im Laufe der |ahie die .Xnstalt wur<li: l^i»,^ 
bis iSo»< in einem ge!'( lilossenen ijuarlratisi licn l)au 

*) Nach einem VurUog auf da Vcräaiiuiilutij' (k:i Irrcii- 
ärzte Niedcrwcbiicns und Wertphakiis ku Hannover «« 3. Msi 
190s. 



<1cr Provinzial-Hdl- iiml Pllipcan»!.»!! in riiMliii^-rri 
ans;rlcgt — an den urs]ir(niglich alt<:n Kern , dem 
jeweils hei Vortretenden üedürinLss und den ge.inder- 
ten Anschauungen entsprechend, eine Anzahl neuer 
Gob.'iude ankryst.illisirt- r>ie allen aber haben durch 
manc herlei irmbauten .\endenmgcn erfahien, so dass 
die .\nslall iu ihrer (jesurnmlhcit jetzt ein retlit inter- 
essantes Beispiel dafflr bietet, wie die geänderte Be> 
handlungsmcthotle allni^ililii h auch eine Umgestaltung 
des äusseren Baue> heibeigeführt hat 

Der alte Thefl der Anstatt war nach den Plam-n 
und unter Leitung des Oberbauralhs Funk in der 
Form eines geschi' 'ssonen (juadrats errichtet, dessen 
Vorderseile die Veruahungsiüuine und die l'( nsii>n;ir- 
Abllieilungen enthielt, während äicli beiderseits die 
Abtheilongen fOr die Kranken IIL Klasse befanden; 
di<' hinlere Seite wird von den ^\'^rt)ls^haftsrflumen 
gebildet, zu deren beiden .'^(>iton in (lestalt langer 
Korridorbaulcn je eine Zellabtheilung liegt. 

Es verdient tibrigens darauf hingewiesen zu werden, 
dass L. Mever gleich bei d«'r Ktoftiiung der Anstalt 
i86t» den unteren Stwk der Peniüonärabibeilung 



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PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



177 



beideneito m sog. klinischen Abtheihiagen au^gettaltetCb 
in denen die Neimiifnrtlnnrn mit Beüniho lichandch 
wurden und unter (lermuncntcr Bewucliunj^ standen, 
abo Wachstationen in tuuteretn heutigen Smne. 
Dieselbe Einrichtuag hatte L. Meyer schon 18^4 an 
der Hamhiiiger Staaisirrenanstalt getraffen. 

S<li(in bald nach der Erüffnun- i!ri Anstalt stellte 
si< Ii (las Bcdflrfiiiss mu h umfasscnilorcr Bi-srliüftimings- 
niöglicltkcil der Kranken lierauj>. Dieselbe wurde 
1874 geschaffen durch grossere Landankftufe und 
Errii litung entsprechender Oekunomii-iicliaiKie, in 
welehon aikh eine Anzahl Kranke unter dctikl>ar>st 
freien Vcrhiillnisbcn unlergebrachl wurden. Die Uebcr- 
fOllung der Übrigen Pmvinzialanstahen machte dann 
eine F.tliühung der Bek-^jzahl der Mannerai ilheiluni; 
ndhij;. Die gcf<iriierlen ich) I'l.'it/e wurden l>es< halft 
dureh Errichluiig vun zwei viillig freien Villen naih 
dem Muster der kolonialen Anstalten. Endlich 
machte sirh zu Beginn der i>ner Jahre das BedOrf- 
niss i;ellfnd, die bisherige klinisehe Station zu beiden 
Seilen des Verwaltungsgebäudes durch einen etwas 
umfangreiclieren und den belrcITenden Bedürfnissen 
mehr Rei linung tragenden Xeubau /n e rsetzen. FOr 
diesen Zwec k wurden auf der Manner- und auf der 
Ftauenseilc je eine kleine Villa erriihict, welche im 
Erdgeschoss eine Wadiabtheilung fOr ca. 15 Betten 
neltst Zut>ehoi, im ( >l)ergescli<>ss eine Station für 
ebensoviel Rckdnvale.M enten cnüuelt. Die beiden 
Villen sind nach vüllig niodemen Grundsätzen ohne 
Fensteigitter oder sonstige Zwang^inrichtung erbaut; 
der Grundris:* selbst und die dadurt h iiothwendig 
gewordene Verlheilung der Kilume k.mn allerdings 
nieht als sehr glüeklirh bezeii hnel werden. 

Die Aufnaluueveiliültniüse der GoUingcr Irrenan* 
stalt sind auaserordentlidi wechsebide. Im sQdlichsten 
Zipfel der Provinz gelegen, hat sie nur einen kleinen 
Aufiiahmcbezirk, da die meisten Kreise der kürzeren 
Reise wegen lieber die anderen rri»vinxiaiän»l<tlteu 
aufsuchen. Anderseits tritt bei UeberfOllung der leta> 
teren hautig eine Udierflutung <let GOttHiger Anstalt 
mit Aufruilimeanlrägen ein, die srhon aus ROi ksirht 
auf die Zwecke der Klinik genehmigt weiden mü.ssen. 
So kommt es »1 einer leitweitigen UeberfOllung na- 
mentlich mit pfl^bcdOlfkigeii, Mi > hen oder unreinen 
Krallkpn; fenver sind aus denscll>en Gründen stets 
eine grosse Anzahl krimineller Elemente, smwoIU 
geisteskranker Verbrecher als gewaltthatiger, erregbarer 
Kranker vorhanden. Dieser Zustand hatte si<;h nament- 
lich gcsteii^ert in den Jahren vor F.ri'-fTuuii^- dei H( il- 
und Pflcgeanstalt Lüuebuig und zu einer dauernden 
Uebeiflllhing der Göttioger Anstalt, besonders der 



Mflnnerseitc mit siechen und besonderer Aofsidit be- 
dürftigen Individuen, geführt. 

Für die „unreinen" Kranken, namentlich die 
Paralytiker mit Neigung zu Oekubitu^ waren bis dahin 
die sog. ^iechenstationen", wdche beiderseits die Seiten* 
flnpcl «Icr Anstalt absi hliesseTi, bestimmt. Diese Ab- 
theilut]gen liattcn den Xaehihcil einer alten, besonders 
bei stärkerer Kalte ungenügenden LuTtheining, fOr 
die starke Belegzahl au geringen Luftraum und eine 
unglückliche Vertheilung der R.'lume, wck he namcnt» 
lieh eine dauernde Aufsicht unmöglich machte. Die 
Einrichtung, durch eine sog. Laufwache alle t — 2 
Sttmden ^taaUgf; Kranke herausnehmen au lassen, 
g(Tiur;t n-f lit, da sie in der Zwischen^rit (! <h nass 
oder schmutzig liegen k<vnncii; und jeder wcis-s, dass 
unter Umstünden eine auch nur kurze Zeit dauernde 
Maceration der Haut hinreidit, um das Zustande- 
kommen eines si hweren Dekubilus einzuleiten. Nur 
eine ständige Wache kaiui dies verhindern bei un- 
unterbrodiener Beobachtung der betreffenden Kran- 
ken, welche in rc^clmasD^en, aber ihrem Zustand 

angcnu'ssenen Zwisi henriiumen herausgenommen wer- 
den, in der Zwisihenxeit aber auih öfter in ihrer 
Lage verändert werden mttsscn, also eine standige 
.\ufsicht und Th.'ltiijkeit beans|)ruchen. Diese Um- 
stiinile l>e,stimmten den Direktor, l'rofes.sor Dr. (■■rrimcr. 
die Behandlung sänimilicher derartiger Kranken in 
eine Wachstation zu verlegen. Die bisherige 
klinische .Station erwies si>:h für die .\ufnahme dieser 
Kranken als viel zu kli in, ,ii.< Ii ,iu- anderen Gründen 
wai es luitltuulich, chri>nisi:he sie« he luid unreine 
Kranke mit heilbaren, frischerkrankten Psychosen zu- 
sammi tizubringen. 

Es wiinli. (I.iln i ilrtn [..iiul'-'tl.rt 'r,torium der Vor- 
schlag unlerl 'reitet, mit den eintadistcn Mitteln einen 
sog. Barackenbau zu errichten, welcher zur geeigneten 
Unterbringung von < a. 35, hauptsadilii h kori>eriicher 
Pf|fi;f !u i!utfti'^rn KranlMTi Rrstini bietft, ni;i Pruvin- 
zialaussi luiss ging un» so bereitwilliger auf diejicn 
Vorschlag ein, als durch die neugeschaffenen 35 Plätie 
eine Enllaslinig der vor der Eröffnung der Lflne- 
burgei .\nstalt Qberfüllten Provinzialanstalten erniOg- 
lieht wurde. 

Der als „Lazareth" beseichnele und erdgc> 

scbossigc Barackenliau ist leichtester Coiistiuktion, 
o!iii( rMterkellernng über Backsteii.i'f Ktcn errichtet 
Die W ände bestellen aiu einer doppelten Lage von 
Gypsdielen mit TorfmuURUIung, an der Aussensdte 
mit Cementveiputz. Das ftaidie mit Dach|>appe ein- 
gedeckte Dach ist inner» versclialt. Der Boden in 
den Sclilal- und Tagesräumen ist auf Stampfbeton 
gelles Xyiopan, dn angenehmer, «armer und elaati- 



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scher Fussboden, in den Nebenifttunen Tetaxxa 

Der Gmndriss ist ein aus.scr< >rdcntUdi einfacher: An 
eleu in der Milte bcfiiidlii licü Tagesraum schliessen 
sich zu beiden Seiten je cm ätlilafiKUil an; an der 
hinteren Längsseite des Tageiannu befinden sich die 
N'( benraume: Abstellrauin, Gudexobe, SpOlkürhe, 
Bad, Closett und ein SeiteTiau^»an}j : der vorderen 
Wand ist eine ungedeckte \'cninda vorgelagert. Der 
Tagenuun hat auf diese Weise nach Saden 4 grosse 
Fenster, nach Norden Ober den nicdnjgeren Neben- 









i 






















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* i 


















r 













Gnindriss d*rs I^i/.u 1 'ihcs. 
I, Tasriium. 2. 5>chlafi ninir. Vf.Mii l.i. 4, Clo>ct. 5. Bad. 
6. Spülküche. 7. Ganicrobc. S. AlisteUfauJu. 9. Oelcu. 

räumen noch kleinere Obeifenster am Lflitea Jeder 
Sdiiaficaal ist von 3 Seiten durch im Ganien 8 Fenster 

lielii litet. Älmintlirhe Fenster sind tAxwc. ]f<h- Si< Ix-- 
rung, mit grossen Scheiben aus gewOlwiliclicm GUiü 
vetsdien. Auch die sonstige innere Einrichtung ist 
sdir einfach, aber beltaglich. Die Heizung «ird 
iurrh im Ganzen 4 Fflll<''feri lies<'rgl, wekl»c zu je 
zweien in den Wauden xuischeu Tageraum und 
SfMafaalen untergebracht und mit einem Mantel ans 
geiochlem Ei$eiil>le< h verschen sind, so dass sie üljet 
die Waiuinacho beiderseits nur wenig licr\'Mst<'hpn; 
diese Heizung hat uih bi$ jetzt in zwei strengen 
Wintern bewflhrt. Obwohl nur bei der hefteten 
Killte alle 4 ( Jefeii i-leiclizeitig in> Betrieb sind, ist 
die Tcni]HTati:i in allen Räumen eine antrpnebnT» 
und glcicliinässige ; aui h in der nUclistcn iNühe der 
Oefen ist die Hitxe nicht so strahlend, dass die im 
Tagcraum um die Ofenmiintel angebrachten Bänke 
n)it Lehnen niflu f equem benutzt werde;! k' tiinen. 
In den Sclilafsülen befinden i>ich an der Innenwand 
in der Nahe des Ofens Waschtische mit gusseisemen, 
ematlltrten Kippbeckeit Die Beleuditung ist dektriach 



[Nrj5. 

mit Nemsdampen und efa^gen Ediaonlampen. fibr den 
Nachtbetrieb ; Schaltd()«en zur Anbringung von Hand> 

lanipen für genauere Ciitet-stn lani'^fTi ■ifnd rfirlilidi 
vurltanden. Der Culnkml\aU in der ganzen AlXhci- 
iung ist nach den neuen Voisdiiiften fOr die Privat- 
anstalten reiihlich bemessen; er betragt pro Bett in 
den .Schlafriiumen allein rbni, in den Tageräumen 
mit Sclil;ifrlluuien pro Kopf tbni. Die Kosten 
fflr das Lazareth betragen (ohne Gninderwerb) 
35000 M., wovon 81100 auf die innere Einrichtung 
kommcti. Der Betrieb der Abtheilung gestaltet sich 
fuigcndermaassen. Der nach Südosten gelegene 
Schlabaal ist Wachsaal und mit 16 Betten belegt 
Dahin werden alle diejenigen Kranken gebracht, 
welche wegen der Neigung zur Unreinlichkcit oder 
Dckubitus oder wegen st>nsligcr schwerer Erkrankung 
der nflchtlichen Uefaerwachung bedOrfen; ein grosser 
Theil Vf)n ihnen liegt auch bei Tag zu Bett mler 
wird im Sommer mit dem Bett auf die Veranda ge- 
bracht Im anderen ächlafsaal sind leichtere Ivrankc 
untergebracht, welche Nachts keine besondere Für- 
sorge l>rauclien, soniK-rn nur zeitweise zum Befriedigen 
ihrer Bedürfnisse angeiialten werden, unter Tags beim 
Essen u. s. w. einer Beaufsichtigung bedürfen und zu 
ligeiul welcher BeachBft^ung ausser leicbter Haus- 
arbeit Tiii-'it mehr im Stande sind.» Für dicM ri F.. - 
trieb genOgcn 3 Wärter, von denen 2 im ruhigen 
Saal schlafen, der dritte, natorlich im entsprechenden 
Turnus, im andern Schlafsaal die Nachtwache hat 
Die auf dieser Alitheilung untcrgr' r.i> liten Kranken 
sind der Hauptsache nach Paralytiker, dann aber 
auch eine Ansahl Idioten, stark verbUJdete Epilep- 
tiker und katatonische Fsyclween. Gelegentlich 
vver'lf-n auch st hwer korpoilidic Kranko, weli he 
dauentder Aufsiclu bedürfen, dorthin verlegt; für sie 
ist die Veranda mit Liegestahlen ein ausserordent- 
licli angenehmer Aufenthalt 

Lazarett l>edeutet '-ru* \resenlliche Enflaslr.nc: 
für unsere klinische Aufnalimcsiation ; eine gtussc An- 
zahl cntitprechender Fälle passiren jetzt die klinische 
Station iiberbaupt niclit mehr, sondern werden nach 
kurzer L'ntersu<'bung in «^iriei;i Auiii. iiiiioziniinpr so- 
f«»rt nach dem lazareth verliniclit. Diese Zusammen» 
tegung ziemlich gleichartiger Krankheitsfälle^ die man 
ja sonst vermeidet, hat sich in tliesem Falle zweck- 
m,'iss!<» 0Twif»N?fi, Sie «■•rn5'"i'lii Iii eine Gleit Imrti^'keit 
der Behandlung, welche z. H. auch in der V'erpflc- 
gungsform ihren Ausdruck findet Die säramtlichen 
Kranken dieser Abdieilung erhalten zum Mittagessen 
ihre Fleischportion von Knochen befreit um! src- 
inahlen; ebenso wird das Brod ohne Knuie nach 
dieser Abtheilung gdiefert, um Sdiluckstflrui^jen zu 
veilitkten. Auch die Ausrü»tnng dieser Kranken mit 



PSYCHIATRISCH-NEUROLOGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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»79 



Cacarethmanitieln aoO data bdtrago^ der ganzen Ab* 
thciluiig mehr den Ch«nikter einer Staticm von k<)fpe^ 
lid» Kranken rn jjebcn. 

Die HaupLsaclic aber [u>t, dass auf diese W'v'utC 
das Vorlcommen von Naasliegen, Unreinlidtkeit oder 
Dckubitus Uci den sici licn Ki.inkt n fast %nlliir vcr- 
mictleii wird: k ^miiit es doch cninu<? vnr, si> kann 
□um das Personal dafUr £W Recliciiscliafl ieidien, 
und bntudit keine Ausrede gdtot «i laasco. Eine 
liUBluieUe Erspamiss i.st damit aurh j^ebcn . wenn 
man cnvägt, da'^s M;itratz*>ri und In tllaken <liin li 
das seltene Vorkommen des Emna.ssens viel mel»r ge- 
schont werden. Auch Gumoudnkgen werden nur 
in geringer An/alil — fast nur bei einigen "Kpilep- 
tikem frehniut ht, Wasser- und Luftkissen für Deku- 
bilusvertlarhiige gar nidtt. Der Staliunswärtcr niuss 
eben jeden einzelnen Kranken genau kennen und 
wissen, was dieser an Pflege, Umlegen, Herausnehmen 
u. s. w, braucht, und auf die>e Punkte nu< h die 
NaiUtwaclic aufmerksam machen. Man kann sagen, 
da» mit der EintichtanK dieser Wachstation der Be> 
griff der unreinen Kranken überhaupt weggefallen ist. 

Die Anstalt hatte iti <ler c-rsten J^eit üues Hc- 
stcheoü ca. 30 Isolirzirumcr zur Verfügung, 15 für 
jede GesdiledtlHeite, von denen etwa 10 jederseits 
in der sop. Zellabtheilung:, den nai-h der X<)r<lwest- 
Mttc abgeiicnden Flügelbautcn, sich l>efanden: die 
flbrigen waren zwischen den übrigen Abthcilungca 
vcrtheOt Sehr bald wurden die letzteren nur noclt 
als Schlaf- oder aurh Wohnzimmer für Kranke 
III. Kl. verwendet, denen njan thcils wegen ihrer 
Empfmdlichkeit, thcils aus anderen mehr suiialcn 
GrOnden die Woblthat einer von dem Gros der 
Kranken getrennten Wuhnung erweisen wdllte. Zum 
Isüliren wirklich erregter, tobsü« htiger Kranker waren 
diese Räume at^ioa deswc<«cn nicht gecigtiet, weil 
sie mit keinerlei akustischen Isolirang versehen 

waren. Dairojrn mri'hte sich in <|fii |;i!irr-n iSMo 
bis IÖ90 ein Bcdürfiüjüi uacti Vermciirutig der Zellen 
gdtend. Es wurden daher in dem nördlichen Anbau 
der Zdhtbthcilung, der bisher zu Beamtenwnhnungen 
Ncrw^iidf-l war, jederseit'; n'"h '/'^llen fiTip'cf>aut. 

stellte bis in die allerletzte Zeit die Zellabthciluiig 
ein hoiggeztiecktes Corridoigebaude dar, welches 
ausser ebiigen Nebcnriimnen und dem zu Tageraumcn 
aus^cstnltetMi 0>rrid<ir i'> Ein/i l/inirner vcrsc hietlener 
Construktion cnüuelt. Die zuletzt eingerichteten Isulir- 
zimmer besitzen gvnesei weit heruntetreicheDde Fenster 
mit festen 5M~heibea; eine Anzahl anderer Zellen 
!i;ihdi ein kleineres verpittertcs Fenster ca. 3 m über 
dem Fussbuden, das durch eine vom Dachboden aus 
zugjngige Vorrichiiung ventilurbar ist Endlich enthielt 
«in Atnbau in der Mitte 4 Zellen, von dnem ge- 



meinsamen Vonanm aus «ugan^ng und nur mit 
De< kenoberlichtero versehen, welche dun h das Dach 

durchgeführt waren. Die.se Sdg. TMl /rilni waren für 
besonders schwer erregte Kranke bestimmt. Die 
Ventilations-, Heizung»- und Beleuchtungsverhfllt- 
nl<t.se in <lieson Zt-'N n ^^,I^en gleichmSaiqi schlechte. 
Die K:.ir;k( i\ .iIm i, sd'i.^t ilii erregtfiten. empfanden 
die, wenn auch nur vonibergchendc ls<>lirung in diesen 
dOsteren, laut hallenden Zellen als eine entwflrdigende 
Strafe, und doi h mussti t i (!■ r Häufung gefährlicher, 
gewaltthistigcr und tluchtv erdä« htigor Kranker meist 
jeder vurhandenc Kaum auf der Zellabtiieilung aus- 
genutzt werden. Es wurde daher auf Vondilag des 
Direktors der ganze .Mittelbau, der von den 4 Tob- 
zcllen und ihrem dunklen Vi>rr;tum eingenommen 
war, durch Herausnahme »ler Wände m einen Scldaf- 
saal von 70 qm Grundfläche verwandelt Die Ober- 
lichter wurden zugebaut und dafOr an den l)eiden 
Seitenwind i'u ie ein _'.H itm i_'r"<.-srs Fi nster ange- 
bracht Nach dem l)ekannten Hiizig's« hen Modell 
ist der mildere Teil desselben fest, m-ahiend swet 
schmalere Seitentbeile um eine vertikale Achse dreh- 
bar sind. Die S4 brihen bestehen aus dickem, halb- 
matten Spiegelglas. Hier sind mit Bequemlichkeit 
10 Betten zu stellen und dadurch tan geittuniiger 
frcuntilicher .S4 hlafsaal für Kranke geschaffen, welche 
vorher wegen ihrer Ncigutig zu nächtlicher Unruhe, 
zum Fenstercinschlagen (namentlich auf der Frauen- 
Seite) in Zelten untergebracht werden mussten. Nachts 
schlafen zwei W'artpersnnen in dctn Saal, der ausser- 
dem von der über die Abiheilung gehenden Nacht- 
wache kontrollirt wird; der Stationswarter schlaft in 
ebicm Zimmer in erreichbarer Ntthe. Auch hier 

zeigte es sich wieder, dii-^s einzelne Kranke, die, so 
lange sie die Zelle bewohnten, zu den unriihigsten 
Elementen gehAften, dtnrch die Verlegung in den 
Schlafsaal ruhiger und Micialer wurden. IKe ganze 

.\blheilung rn;icht tl'.ir« 'i ')rn \\'rv"':ill der diuA^fn 
Zellen uml die Kinfügvmg des gri»ssen, freundlichen 
Schlafsaals einen ganz anderen Eindruck. Mit Leich« 
tigkeit lassl sich auch dieser Schlafsaal mit dem an- 
stossenden Tageraum zasaninu-'i .ifs r im- WarH- 
statiiin betreiben, wenn das ßedütfntss nach emcr 
derartigen Einrichtung zur dauernden Ueberwachung 
gewaltthatiger und dabei Selbstmord- oder flnchtvec> 
il.lchtiger Kiemente hervortreten sollte. 

Die Verminderung der Zahl der Isnlirzcllcn ist, 
wie dies vorauszusehen war, durchaus nidtt ah stö- 
rend empfunden wonlen, eine weitere Verminderung 
derselben ist vielmehr zu Gun.st- u no. !i .iniloi' i Ktn- 
richtimgen geplant Angesiihts dieser iliats;iche 
seien noch einige allgemeine Bemerkungen ni dem 
neuerdings wieder entbrannten Streit fflr oder gegen 

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i8o 



die absolut zcllcnlosc Bchundlung gestattet. Gerade 
die Geschichte unsencr Anirtalt zeigt ja, dass man 
in der ersten Zeit ihro Bcstidiens mit einer geringeren 
'/.h]}\ von Zellen auskommen zu können {glaubte, als 
si^ater, und das« jetzt wieder die Zahl dcnielben 
wesentlidt herabgesetzt wird. Aber der jeticitre Kampf 

gegen die IsoUning ist dü< li mehr als eine au};en- 
hli<k!i<he Modesaehe; überall, wo man ernstlich den 
ViThUcI» niaeht, mit weniger Zellen au.>zukotnnien, 
xdgt sich, dass es geht und dass die Kranken dabei 
besaer fahren. I< h miVhtC, um ni< ht mi^svcrstanden 
zu werden. aii<flrrt( klieh henierken, dass ich unter 
„Isoliren" naiürlu ii inimer die Unterbringung eines 
Kranken fflr kOrzere oder längere Zeit in einem ver- 
schlossenen Zimmer verstehe, das durch seine Eiii- 
riihtun;? und Ausstattung gewallthiUigc Handlungen 
des Kranken verhindert; ob man dem Kninken dabei 
in seiner .^elle^ mehr oder weniger MAbehtQeke, 
llifatratzen oder ganze BctLslellen hineingiebt, ist eine 
Fr;ige von untergeonlneter Bedeutung un«t h.ingt im 
Weüentlicheu von der Art des unterzubringenden 
Kranken ab.*) Gar nichts mit dem fiegriff des 
,,Isi 'lircns" hat es zu thun, wenn man einen leicht 
erregbaren rxler emptindlii hcn Kranken ein völlig 
eingerichtetes, unver!>chl4isü>enes „Einzelcimmei'' zum 
Schlafen, Wohnen fider Arbeiten anweist, damit er 
n>it den anderen Elementen m<tgli(. Iist wenig zu- 
sammenkommt Dass eine grosse Anzahl vnn s<>lc hen 
beliaglit h emgen« htctcn Kinzelzimment in jeder An- 
stalt eine gfosae Wutilthat fOr den Krankenbetrieb ist, 

stellt bei Allen, tlie tiarin Krfahtung haben, fest. Was aber 
das wirkliche Isolireii in Zdten betrifft, s^ • glaul le jc-h doi i>, 
dass man auch bei weitgehendster £iiu>chrankung dieser 
Maassregel nicht soweit gehen darf, wie Watten - 
bcrg u, A.: wenigstens in den I'rovinzialanstalten 
tuld anderen grossiren ,\nsialten mit vielen chro- 
nisdien Kranken wird man die Isolirung nicht vOlUg 
entbehren können. In den jüngsten ErTiTtcningen 
über diese Frage ist als ein (irund sowolil für als 
gegen die abiiolut zcllenlce,e ßciuuuilung von beiden 
Seiten wiederholt die Zahl der frischen Aufnahmen 
einer Anstalt angefahrt worden. Man kommt aber 
doch mehr und mehr «lavon ab, friseh erkrankte, neu 
aufgenommene Falle, aueh wenn sie sehr erregt sind 
und wenn dieser Zustand 2 — 4 — 6 Wochen anhrilt, 
einfach mit Isaliren ZU bdiandeln. Wir kennen ja 

•) U.1SS raan auch dit ,,Tob/cIlen" "ältcicr AasuUcii in 
frcundliclie Kr.tnk«nrikiinnc urogeslallcn kann, wenn nur die 
Jlittcl vorhamicn sind, beweist das Beispiel von llildcsheini. 
wo Get»tenberg die KäRcUch veraltete ZeUabtbeilwng der 
FraiMBMiie ia dcwr, soweit die Verhaltoiite es ecstaltetai. 
ciitq>ncbeBdca Weise wnceVndert hat 



jcut, dank der Bettruhe, Dauerbader, bydropathischar 
oder medicamentöser Behandlung viel mehr indivi- 
dualisieren un<l lassen soK he Falle ruhig im \V;u h- 
saal liegen, weil wir sie noch nicht genau kennen 
und ausserdem aucli weil wir uns bei der frischcD 
Erkrankung eher einen ExbAg der aufgewandten 
Mühe versprc< hen. .Vuch das l'ers.mal vediert bei 
solchen fris* h enegten Kranken, auch wetta sie eine 
Zeit lang sehr unangenehm »ind, weniger leicht 
Spannkraft und Geduld. Eine Anstalt mit vielen Neu- 
aufnahmen hat gewi'ilmlich illierhaupt einen gn'isseren 
Kninkenumsatz und die Möglichkeit, chronisch ge- 
Wiirdcne Fälle irgendwohin abzuschieben. Das fehlt 
aller den meisten grOttseren (Heil- und Pflege») An- 
stalten; sie müssen ihre • hrr.nis« hen Kranken, und 
gerade die unangenehmsten Fälle gewohnlich Jahre 
lang belt.ilicn. Unter diesen finden sich aber die- 
jenigen Elemente, fOr welche mir die M^SgUchkeit 
einer zeitweiligen Isolinnig höchst werthvoll ers< heint. 
Es sind Epileptiker, HysteriMhe, Idioten und Im- 
be< ille, überhaupt degenerati\c l'syc hosen mit Nei- 
gung zu häufigen Erregungszuständen, linnlosen Wnth- 
ausbrürhen, Kninke. wcKhe das Aeusserste an Auf- 
reizung ihrer I.eidensgefahi ten , namentlich neu auf- 
geuötninener Falle auf tlcr Wachstation, V'crdachti- 
gungcn des PenionalR leisten und vor häufigen, wenn 
auch srhwiichli« hen ."v-lbstniordversuchen nicht zurUi k- 
schrecken. In jeder Fflegcan&talt liiulcn sich der- 
artige Elemente, welche die fteduid ihrer Mitkrauken, 
die Aufopferungsfah^keit des Personals in ungebühr- 
lii her Weise in Anspruch nehmen. Dabei erreicht 
man mit aller auf sie verwendeten Mühe: kör]KTli< her 
Behandlung ihrer wirklichen oder augeblichen Be- 
schwerden, Beschaftigungsvetsuchen, Veriegungen von 
l im 1 ^t;iiion zur anderen, oft no«h nicht einmal so 
viel , d;iss ihre jeweilige .Ablheiluug v. >r ihnen Ruhe 
hat. Für Milche Falle bietet die zeitweilige Isi'ürung 
oft die einzige Miglichkeil, sie unschadKeh zu machen 
und man kann damit in gewissem Sinne auch er- 
zieherisch auf sie wirken. .*^ie verlieren nicht allen 
Halt, wenn sie wi&sen, dass es ein Mittel giebt, sie 
— fOr kurze Zeit wenigstens — an AngrilTcn auf ihre 
l'mgebung oder auch auf sic h selbst zu verhittdern. 
Verfügt man auf der „unruhigen .\btheilung" auch noch 
Uber einen Schlafsaal, wie den beschriebenen, der im 
Bezug auf Fenster pp., einigen Schutz bietet, so kann 
m.m die wirklichen Isolirungen auch derartiger Kranker 
an Häufigkeit und Zeitdauer auf ein Minimum rcdu- 
tireii. Dass dabei eine erhebliche Venuindenutg der 
Zahl der boHntturoe stattfinden kann, beweist das 
Beispiel der Gottinger Anstalt 



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190*.] reVCHIATRlSCH-NEUROUi 

M i t t h e i 

— Ueber die Benennung der Irrenanstalten. 
Von verschiedenen Seilen wurde atipproi^t, «las Wurl 
„Irrenanstalt'* diii< Ii eine amleie Be/.eii hnun|j; zu ei- 
sctzcn. Der N;mie i.st iii< hl i;;inz ziitrvfli ml , er i>t 
hart iumI anstnssig ; gewiss. Ks sviirdo iiher auch ge- 
sagt: Es b>l heut zu Tage nicht die Inrcnanstalt mit 
Ihrer modemcn Einrichtung, die ubschreckend wirkt, 
»indem einzig nur der Naiiie. Das lieissl i!i mi 
dij< h die Motive r;;ir zu sehr an <ler ( )l)ctlki<. iie 
SUclien. 

Die Anstalt, in der SLiireiber dieser Zeilen ;irl>eilct, 
wild vi>n den Bcliönlcn als „Irrcnanslall" hczciehnel ; 
die Kranken wissen das; sie lesen auf n)an< hern Hrief 
die Adresse „Frivatirrcnanslalt", sie lesen gelegent« 
lieb in der Zeitung „PriratirrcnanstaU etc." Sie finden 
es taktliis, ilies Wort zu giltraiichen ; eben das Wort 
ihnen uu:»tössig, wenn es ihnen enl^i'-^entritl. Ini 
Uebrigen machen sie siih nichts daraus, in einer 
s< >l;. „Iirenanstalf zu sein. W'ariun ? Weil in (li<*ser 
Anstalt im Allfjeincineri ausser Nervenkranken nur 
leii litere und lieilbare KuMc von I'svi hosen aufge- 
nommen sind. Ks ist „eigentlich iieiiie Irrenanstalt**, 
und der Name thut «-enig zur Sache. 

.\ndcrenieits, eine Anstalt, wie z. H. das Dn -il. i.i r 
Slaiil-Irren- und Sie« hcnhaus , das ausser iieisl«ri>- 
krankeii und K|ii)L|itisi lieii aut Ii zahlreii ho K.'lllc 
I ii);anisi lier Nerven- liezw. Kii« kenmarkskr.inker, ino- 
l>fraMe Kan inotukraiike u. dgl. aufnimmt, un<l das 
im V'iilksnuinde alli;emeiii „die Sieihe"' heisst, ist 
„eigentlich eine Irrenunsl»ll"; und „in die Sieche 
kommen" ist gleichbedeutend mit „ih's Irrenhaus 
konimen" nml „reif für Dalitlorf". 

.\]s>» der Name madn nicht viel aus; der 
l'nistainl, !>(> eine .\nslall vorwiegend fiir Geistes- 
kranke auch schwerer Art Iw-siiimul ist, ist fnr die 
Meinung der Leute aiis<«'hlaf:gelien<l. Wer kann denn 
am Ii Ijci crnstlii her l'el»erlef.'un'^' wirklit li etwas ande- 
res glauben, wu so viele triftige Gründe voriianden 
«nd, sich ober die UeberfOhrung in eine Irrenanstalt 
zu erst hrc ken. Die F.ikeTinliiiss, dass liie .\nstalt für 
<lcn Kranken ntilhig, für ihn da*> Beste ist, <l,iss das 
Leiten sich dort freundlich und sojrar verhiiltnissm.issi^' 
heiter gfSikUten kann u. s. w., nuUlert ilii- S heii vor 
der Anstatt; aber es bl« ilien invmcr in»ch viele Gründe 
zu Klapen und zu Bc'>ori,'niv,cn, die sich nicht dufch 
glatte Worte beseitigen la^n. 

Kun u-ird vorgeschlagen, die Irrenanstalt als 

Nervenheilanstalt oder N'ei venklinik zu hezei« hnen. 
Freilich, wenn eine neue Staals-Atist.tlt |t|r.tzli( h unter 
.Sidchem Namen bekannt wiinle, w»'inleti wohl ilie 
Kranken lieber und eher hirieiiikonniK ti, .\bcr was 
wäre «las aiuires als eine Tätisi iiunp d< s r'iiMikunis, 
die bald an's Licht k'-iiiineti wititle, Wie steht «lann 
der Ar2l dem Kranken gegenüber, der sich beklagt: 
Man hat mich jdatt in eine Ner%-cnheilanstalt zu 
Gcisicskranken gebracht ' 

„Wantm den ( icisteskranken iii< lit den Nanieti 
geben, für was sich die si. h selbst Bewussten Italien: 
Nervenkrank }" Man sftlUe diese Krage nicht für 
möglich Iialtcn. Denn so steht die Sache doch nicht, 



WOCHENSCHRIFT. i8i 



1 u n g e n. 

ddss die Kranken die (teisteskrankheiL m iilc< hthin als 
Nervenkrankheit bezeichnen ; sie thun <-s iin .\llge- 
meinen nur fOr ilu'e eigene l'ciSDn; im Ucbrif^en 
unterscheiden sie recht wohl ItfnVIc RcgrifTc. L^nd da 
sollen wir dem l'atienten , ilcr si< h aus Manuel an 
Krankheitseinsicht für „nur nervenkrank" h<Ht, seine 
Meinung bestätigen? Untern Pflegern verbieten wir 
(loch, die Kranken ihren verkehrten AMs]iru(lien 
t>nts()reeheiid z« titulircn. In garnicht seltenen fällen 
ist OS ■-'■'^■'.r geboten, dem Kranken zu sag«!n, daw er 
geisteskrank ist; wie sollten wir da» machen, wenn 
( jeistoskranklicit und Ncrvcnkranklieit S\iU)nvme 
w.'ircn. 

Was endlich die jetzigen Nervenheilanstalten be- 
trifft, si> werden «ie nach wie vor dn Interesse daran 

haben, siih flin' Ii ci ic Tle/ci. Iiiunii; von den An- 
stalt<'n zu uniciai liciiicn . die tjeistcskninke — itn 
lanilkliifiRcn Sinne — aufnehmen. Sic würden für 
sich und ihre Kranken eine neue Bezeichnung suchen 
und alles wUre wieder beim alten. Sie könnten au< h 
wegen unlauterem Wettbewerb klagen. 

Von jeher haben die Wurte ihre Bedeutiuig von 
dem, was sie bexeichneu, nkht von ihrem Wttrilaut. 
Kin N um ii^^w. diM I kann das Hrthcil df Tublikuins 
über tjeislcÄniaiiklicil niclit beeinflussen ; dazu ist 
mehr nr.thij;. Es kaim nur Aufgabe sein, den Kran- 
ken und ihren Angehörigen so viel wie möglich ein 
Wurt 7M ersparen, das sie schmerzlich berührt. Durc h 
das Wort „Irrenanstalt" werden sie oft iuiiir»th% vor 
den Koj)f gcstuaseo. 

Die Benennung mit „Gehmiheil- und Pncgcanstalf* 
! :it manches für sich, aber vielleii ht nu< Ii mehr gegen 
w' Ii : sie ist gar zu materialistisch, um ^ich allgemein 
einbürgern zu können. Die Privalaiistaltcn, <lic sich 
ihre Bezeichnung selber geben, sind der Scliwierigki?it 
seit lange dadurch be'fregnet, da.ss sie sich Anstalten 
„für Nerven- und ( leniülhskranke" nennen. ,.(ie- 
müthskrank" ist ja auch nicht gauz zutrefiend; aber 
durch die XiisammcnstelluDg mil „nervenkrank" wird 
es so verstantien, wie es verstanden werden soll. 
Diese Bezeidinung hat nicht das AiistÜE>sige der 
„Irremuistalf- und ist seit einem halben Jahrhundert 
dafür im Gebrauch. f. 

— Aus Baden. Am 2-. Juni n^oj stand in 
der batlischen II. Kammer die Frage der Firichtung 
zweier neuer Landcsirrenanstaiien — Heil- und l'lk-gc> 
anstalten — zur Verhandlung. 

In eini-m au>f(ilulichen Refeiatit, das au» h ge- 
druckt vodicgl und das Interesse jedes Irrenarztes 
clurch seine ( Irilndlichkeil und ein tiefes Vcist.indniss 
für die .\iifgabcn dci IrrcnfOrsorgc wie auch unseres 
irren;irztlichen Berufes zu fesseln geeignet i>t, slellte 
sich der .M'g. W\ickcr itn wesentlichen auf den 
liuden der v<>it der Sachvcrsländigencommis« 
sion ausgearbeiteten und von der Regierung 
anerkannten Deiiksclirifl und redete in ein- 
(.lringli< Ilster Weise den gemachten .\nfoiiler ungcn 
das NS'ort. .\ut h vi-n s.'üiimtlichcn andern Kednem 
wurde die Bedürfnissfrage durchaus iK-jalit und den 
Forderungen ilcr Sachverständigen bcige- 



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l82 



stimmt, wie ui»i-fliau[ji lui ilie iirenlüniorgc und die 
Tlu'ltif^keit der Anstulieii un(;ctheilteS IntereMe ttnd 
Wohlwollen zum Auadruck kanu 

Die lokülen Wflnsche einzelner Bezirke wurden 
zurückgestellt und die allgemein ilr/tlii hen und psychi- 
atrischen Gesichispunkte fOr die Wahl de» Ortes als 
aiisscMagi^bend anerkannt 

Schlips«;!!. Ii w urde tlie Anfortlerunj il< r KfLncnuic; 
auf /unäclisc 4tJo»)0<) M., davon für Eisteliung cim i 
neuen Irrenanstalt bei W'ie-sluch {vorwiej»end Pfl« - 
ansialt für da« Unterland) 3900U0 M. und looüu M. 
zu Vorarbeiten behufs Krstellunp einer neuen Irren- 
anstalt hei Kcicheri.iu (tiri; uinl Aufnahiiie- , ^.iwii.- 
Ptlegeanstalt für die Seegcgcnd) — beide mit dem 
Namen Heil- und Fflegeanstallen — vom Landtage 
cinstiniiiiip i^enehmigt. Allgcmcirt war man sich 
klar, (l.i.N^ mit dieser Anfangsbewiliipung zugleich 
die Festlegung einer Summe von ca. 8 Millionen zum 
Aushau der beiden Anstalten fftr die kfinUigen Bud- 
gctperiuden ausguspruchen sei. Ebenst» allgemein 
Würde auch jvi/.l sclma anerkannt, <i,is- es .luf diLsmi 
Gebiete keinen Stillstand gebe imd die unau&blciblidiui 
spateren Anfi>rdemngfen von mxji weiteren neuen An- 
stalten Hicnsii lirwillifrt wcnlrn nuNstrn. Si . ]-.;it 
\'erhan<ilung im i>adiächcii LaiultH^c einen für die 
IrrenfQiaoise des Landes wQrdigcn Ai^schluss gefunden 
und eine neue Acim der staatlichen Anataltsfüiaoige 
gleich wQnlig erschlossen. 

— Monden. ^7. Juni In der heutigen 
PtenauHtzm^; der baycriscben Al^geurdnetenkammer 
wurde das Prvrtulat fflr Krrichtung einer Irren- 
klinik 1 n d c r l' n i \ r i t .i t M ü m hen, vi ni I Jim 10'. >o 
M., einütimmig angcnummen. (^uod bouum, fcli.\, 
faustumque! 

— Dartnstadt, den 30. Juni. Die zweite Kam- 
mer beschldss heute die Errii hlung zweier neuer 
Irrenanstalten, einer hei Giessen im AnschluSK an die 
psychialrisclie Klinik und einer bei Alzey. — 

— Eröffnungsfeier der zweiten mittelfHlnki- 
sehen Kieisirrenanstalt zu Ansbach. *i Ans- 
bach, 2S. JunL Auf Einladung der k. Regierung 
von Miltdrranken hatte aicii heute Vormittag 10 Uhr 
im Bei- urnl Krh^Iungshaus der nrticn Trrc n.ni^t.ilt 
eine huciiaujicsehene ( jescllschaft eingefunilwi , cai- 
pfatigen vi>n der Direction und der Bauleitung der 
Anstalt. In dem mit Blumen prachtig geschmückten 
Foyer des Bethauses I>egr0s8te Regierungspräsident 
Dr. V. S( hclling Namens der k. Regierung \ mi 
Mittelfranken, »jwie auch Namens der Slaal^iregicrtuig, 
ganx spedell aber anrh Namens des Ministers Dr. 
Kreiherrn von Feililzsch, H- r zu seinem eigenen I3e- 
rlauern verhindert sei, der heutigen Feier beiwohnen 
zu k<'>nnen, ilie Frschienenen »mil dankte dem inittel- 
fränkiächen Landrath für sein warmherziges Vcrstflnd- 
n'if» fttr die sociale Aufgabe der Zeit, fOr das tiefe 
Mitgefühl für die Aermsten unter den Annen ihrer 
Kreisangehörigen imd für die im Valertande nuch 
nioht fibertrofiene OpferwilUgkeit, snwie der Bauleitung 
und ihren < 'i i inrn fiirilirr s-r_r,.i,srciche ThritigKcit. Kr 
.sprach dir Hoffnung aus, d.iss «lic Anstalt den Zweck, 
dem sie dienen soll, voll und ganz errd< l)cn weide. 

' «/sieh* Seite tt Jabrgaag U dieser ZeHachrifl. 



[Nr. 15 



Anschliessend hicrm ergrifT Herr Kreisbaurath 
Porster, der Erl>auer des Ganzen, das Wort. Nach 
einem gediüngten UcbeibUck über die Entwickltmg 
und den Portgang iler Bauthiltigkeit, der erkennen 
liess, mit wek hen S* liw ierigkeitcn die Bauleitung, die 
Zoll für Zoll die Platze für die Gebäude dem bergi- 
gen, sahen und ttelnigen Boden abringen mnsste, zu 
'r;,niiii>fen hatte, übergab er unter Wi rten u innt ii 
Uankes an die Regierung unil ilen I^uUialii von 
Miltelfrankcn , an den Direclor ilcr Kreisirrcnanstalt 
£rlangcn, Herrn Medizinalrath Dr. Würschmidt, 
an seine Unterbeamten , an die Lieferanten und Ar- 
l'i-iti T (in- .\iislall dem .\ uftr,ii;.;i'l irr und Bauherrn, 
dem Kreis Mittclfraukcn, vertreten durch den anwe- 
senden Landratb, su Hflnden seines Präsidenten, Pto« 
fessor Dr. Eliebcrg, um! li.it ilin, ü!-rr die Anstalt 
zu verfügen. Namens dca uuUc.fi;uiki.-.i^iicn Landrallis 
ttbcmahm Profes.sor Dr. Elicberg die .\nstalt. Schon 
vor sieben Jahren sei der Gedanke der Errichtung 
dner zwriten miltelfrflnkischen KrdKrrenanstalt aufge- 
taucht, man liiln- .ibcr det» mit diesem IVojeit ver- 
bimdenen ungeheucreu Kosten und der dermaligen 
Unstclierheit auf dem Gebiet des Systems der trrcn- 
licli.mdlung liurch Erweiterung der Frl.iti;;f: Anstalt 
zu l>egegncn gesucht; gezwungen dur>.li dit li--i hde 
2^1 ü der Erkrankungsf^tlle sei man dennocii l .il l <la- 
zatlf zur Errichtung cioer zweiten mittelfrünkischcn 
Kreisirrenanstalt gekununen. Das Project .sei in seiner 
Au.sführung nun soweit fortgescl.t it'.cn, .|ass mai> heule 
die Anstalt nahezu vollendet der Ucffentlichkeit über- 
geben könne. Unter Worten der Mahnung; die An- 
st. dt zu dem zu ma'licn, w.i-^ der L.mdr.it]'. \i>t\ 
Miitelfranken von ilu crhuül, und den Ki.uikeii unter 
Berücksichtigung thunlichster Freiheit diejenige Pflege 
und Hilfe angedeihea zu lassen, die ihr l»cjammcm<!- 
werther Zustand erheischt, ubergab Redner die .Anstalt 
ihi<in iirzili! Iien Ijeitcr, Heirn Direktor Dr. 11 er fehlt. 
Ansclilicsseiid an die Daukescrstattuug an alle Be- 
tlieiiigten gab dieser einen biteressanten UeberbUck 
über die Fiitwicklung der Erkenntniss geistiger Kr- 
kr.jiikuiig und tler Irren])flege vom .Mterthum bis zum 
Mittelalter, über den \'erfall iler Irrenpllcj^e im Mittel- 
alter imd die zu ilieser Zeit ait Stelle der bereits im 
Alterthtim belhatigten F"ürsi>rge für Geisteskranke pje- 
tre tfiii-, itui' Ii .Mierglauben unti (iefühlsrohcil genährte, 
geradezu uiuuensdilichc Behandlung der als Zauberer, 
hOsß Geister, Hexen und dergl. anire»chenen Geistes- 
l;ranken mittelst l'fits 'ie. !' Itrr und Feuer, fetner 
über den .Aufschwung iki rsycliiatrie in neuer und 
neuester Zeit und ihren heutigen Ixh herhabcncn- 
StaudpimkL Mit dem Venprechen, die übernommene 
PfKcht nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen su 
wi illen, übernahm Dr. H erfeUll die .\nstallund si hlovi 
seine .\usfüluungen mit einem dreifachen Hocii auf 
Se. Ic H. den Prinz- Regenten, in das die Anwe- 
sciidf-Ti begeistert einstimmten. Hin sich aiisi hlicssen- 
<ler Rundgang liurch die Anstalt, der die X'ereiche- 
rungen der Bauleitung, sowie der Direktion, d.iss hier 
nichts vpfsamnt wi>rden sei, um jenen Unglücklii hsten 
untep den Menschen ihre schwere Noth in jeglicher 
Weise zu erieii htcm, mehr wie bestätigte, schlos.s die 
erhebende Feier. (Manch. Neueste NachriditeD.) 



KYCHIATRISCH-NEURULUGISCHE WOCHENSCHRIFT. 



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I902.] 



— Bei dem groaoen luteresae, welches der Fall 

V. Mfliirh'* in (Irr Taf-cspressc in An-;pnir|'. nimmt 
und th:»«i> lil:< h ;uilIj genicsst, glaiibcit w i; den Leseni 
ilicM t hz< its' hrift in extenso die wüi iti>inb<-rgischc 
I^iüt;ig!>vcrli;inüJung, wek-he emeute AutrOj^e des 
Freihemi v. Mtnch lum Gegenstand hatte, (nach 
der „Beilage /um St.{.i;-,ii]/t ii